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Full text of "Vom Mittelmeer zum Persischen Golf durch den Haurän, die Syrische Wüste und Mesopotamien"

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:V/v\ PERSISCHEN GOL 



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Dr. Max Freiherr von Oppenheim 



VOM ^ITTELMEER ZUM PERSISCHEN GOLF. 



Yom ptelmeer zum Persischen Golf 

DURCH DEN HAÜRÄN, 
DIE SYRISCHE WÜSTE UND MESOPOTAMIEN. 



VON 



Dr. Max Preiherrn von Oppenheim. 



MIT VIER ORIGINALKARTEN VON DR. RICHARD KIEPERT 

EINER UEBERSICHTSKARTE 

UND ZAHLREICHEN ABBILDUNGEN. 



ZmeiTEH BA]<1D. 




BERLIN 1900. 
DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN). 

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jlüe t^echte der Ueberseizung und der Vervielfältigung vorbehalten. 




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hru.-,. i.ii Oll<i KUnei, ücrlln S 



Inhaltsverzeichnis des zweiten Bandes. 



Seit« 

X. Kapitel. Von Der ez Zör nach Ne^ibln i 

Mesopotamien. — *Irä}^ und (^czirc. - - Hatra. Die Thäler des Bclich 

und des Chäbür. Der Euphrat. - - Seine SchifT))arkeit. — Karawanenwcfje 

in Mesopotamien. — Meine Beziehunß'en zu den Sohammar. — Meine Reise- 
bcgleitung. Aufbruch von ed Der. — .Aufsliej:^ zur mesopotamischen 

Steppe. — Sauar. - - Der Chäbür. — .Seine Schififbarkeit. — Die Ruinenhüj^el 
am Chäbür. - - Frühere Forschungsreiscnde im Chäbürthal. — Den Chäbür 
aufwärts. — Der Ruinenhügel von Marpada. — Die Hüjjelkctte el Homme. — 
Scheddäde. — 'Arbän. — Von 'Arban nach Teil IlesSke. — Kntfernungs- 
bestimmungen. — Der (largar- — Zwischen Teil Hcst^ke und Ne^Ibin. -- Der 
Teil el Aswad. — Im Gargarthal enllanjj. — Ankunft in Nesibin. — Die 
Kirche des heiligen Jacobus. - Die Trümmerreste von Nesibin. — Das heutige 
Xe§ibTn. - Die Geschichte Xefibins. — Europäische Reisende in Nesibin im 
siebzehnten Jahrhundert. — Die Aussichten der Stadt. 

XI. Kapitel. Die Beduinen 1 37 

Die Abordnung des .Schech Fä.ns in Nesibin. — Ritt zum Laeer «les Färis. 
- Rast im Lager der Tai. — Ankunft im LaLrer der Schammar. Die Per- 

sönlichkeit des Schech Färis. — Leben und Treiben im Lager. — Die Anlage 
eines Beduinenlagers. — Das Beduinenzelt. — D.is Kafteekochen. - Allerlei 
Küchengerät. — Der Ilaudag. — Vorliebe der Beduinen für das Zeltlcbcn, 
Verachtung der Städter. -- Aclteste geschichtliche Erwähnung der zeltbewohnen- 
dcn Araber. — Strabo über die Wanderhirten Mesopotamiens. — Einfluss des 
Islam. — Die Tai. — Arabische Einwanderungen. — Die Kais, Chazrag, Beni 
Tamim, Beni Läm. — Die Schammar in Arabien. — Ihre Auswanderung nach 
Syrien und Kämpfe mit den Mawäli. — Die 'Anezc. — Die Schammar über- 
schreiten den Euphrat. — Neueste Beispiele l>cduinischer Wanderungen: die 
HaDädi. — Die Sulem und die Beni Ililäl. - Die Schammar in Mesopotamien. 
— Ihre Rolle bei den Wirren von Bafdad im Jahre 1830. — Der Schammar- 
Schech ?ufüg. — Der Gegenschech Schlösch. — Kämpfe zwischen Schammar 
und 'Aneze. -- Schech Sufüg und die Regierung. — Neuerliche Spaltung der 
Schammar: Schech Negris. — Ende des Schech $ufug. — Seine Söhne Schech 
Ferlt^äD, Schech 'Abd er Rabmän, Schech Majüm, Schech 'Abd el Kerim. — 
Kämpfe mit den Türken. — Jugendschicksale des Schech Färis, jüngsten Sohnes 
des Schech Safüg. — Teilung Mesopotamiens zwischen den Gefolgsleuten 
Fer^ios und Färis': Süd- und Nordschammar. — Fer^äBS Söhne, — Färis 



Yl InhaltsTerzeichnif. 

Seite 
und die türkische Regierung: Färis Pascha. — Frauen und Kinder des Färis. — 
Die Machtstellung der Schammar in Mesopotamien. — Die Chüwe. — Mein 
Chüwevertrag mit Färis. — Versuch einer Gruppierung der Beduinenstämme. — 
'Stämme westlich des Chäbür. — Stämme in Mesopotamien. — Stämme an der 
Linie von ed Der nach Fcllüg^a. — Bewohner des Tigrisufers. — Nichtarabisch c 
Nationalitäten unter den Beduinen: Kurden, Turkmanen, Ischerkessen. — Die 
Stellung der Pforte zur Beduinenfrage. — Bau fester Häuser, Gewinnung der 
Schechs. — Die Beduinenschule in Konstautinopel. — Notwendigkeit mili- 
tärischer Massnahmen. — Die Beduinenfrage in Egypten. — Erfolge der 
türkischen Beduinenpolitik. — Die Ausdehnung des Telegraphennetzes in 
der Wüste. 

XII. Kapitel. Die Beduinen II 85 

Stammesverfassung. — Muchtär, Schech, *AVid. — Die Stellung des 
Schechs. — Erbfolge. — Fremde Elemente im Stamme, Negersklaven. — 
Rechtsprechung. — Beduinenrecht. — Die Blutrache. — Lichtseiten dieser 
Institution. — Das Asylrecht: der kleine Schutz, der jjrosse Schutz. — Gast- 
• freundschaft. — Aeusseres Auftreten der Beduinen. — Habsucht und Dieb- 
stahl. — Raubzüge. — Die Ausrüstung eines Razu. — Kriege zwischen 
Beduinenstämmen. — Die Bewaffnung. — Stich-, Hieb- und Schusswaffen. — 
Jagd. — Viehstand: Kamel« Schaf, Ziege. — Das arabische Pferd. — Deci- 
mierung des Pferdebestandes. — Rassepferde (A§il^ : die Chamse. — Bewertung 
der Pferde. — Bau und Farbe. — Fütterung, Zäumung, Beschlag. — Pferde- 
handel. — Stammbaum. — Ursprung des englischen Vollbluts. — Allgemeine 
Charakteristik der Beduinen. — Die Sieb. — Das .aussehen der Beduinen. — 
Kleidung. — Kleidung und Schmuck der Frauen. — Tätowierung. — Familien- 
leben. — Die Stellung der Frau. — Frauenarbeit. — Vielweiberei, Liebe, Ehe 
und Eifersucht. — Ehescheidung. — Die Erziehung der Kinder. — Die Lebens- 
haltung der Beduinen. — Krankheiten. — Tod und Begräbnis. — Sympathische 
Züge im Charakter der Beduinen. — Religiosität. — Der Einfluss der wahhä- 
bitlschen Bewegung. 

.XIII. Kapitel. Vom Schammar-Lager nach Mö.sul .139 

Aufbruch vom Schammar-Lager. — Kurdendörfer. — Besuch bei dem 
Kurdenschech 'Isä. — Von Kiräde nach 'Abra. — Am Teil Tschiläfä. — Am 
Teil Rumelän. — Zwischen Singär und Tigris. — Ein Ueberfall mit friedlichem 
Ausgang. — Im Lager der öehesch. — Die Jeziden oder Teufelsanbeter. — 
Litteratur über die Jeziden. — Der Name Jeziden. — Entstehung und Gnind- 
lehren der Sekte. — Bälä und Scbe^. — Politische und geistliche Verfassung 
der Jeziden. — Religiöse Gewohnheiten. — Beziehungen zu Islam, Christentum 
und heidnischen Dogmen. — Statistik. — Kämpfe der Jeziden mit der Re- 
gierung und den Beduinen. — Die Mission 'Omar Wehbi Paschas. — Die 
ethnographische Stellung der Jeziden. — Jezidische Niederlassungen im Singär. 

— Auf der Wasserscheide zwischen Euphrat und Tigris. — Der Chan es 
Sufeije. — Im Dorfe Häwi Zummär. — Das Hügelgebiet des ^ebel 'Ain Zäle. 

— Eine Begegnung in der Wüste. — Entdeckung der Ruinen von Abu Wagiie. — 
Der Teil Müs. — Das Ruinenfeld von Eski Mö^ul. — Auf dem Randgebirge 
des Tigris. — Einzug in Mö^ul. — Professor de Goeje über die Route 
Nc^ibln— Mo§ul. 



Inhaltsverzeichnis. VII 

Seite 

XIV. Kapitel. Mösul und Ninive 169 

Besuch beim Wiili von Mö^ul. — Das Serai. — Unfreundlichkeit eines 
christlichen Kaufmannes. — Strassen und Häuser in Mogul. — Die Be- 
völkerung. — Französische und englische Vcrtretunß^en in Mö$ul. — Christ- 
liche Missionen. — Die Moscheen. — Der Bazar. — Kaffeehäuser. — Die 
Tigrisbrücke. — Die Umgegend von Mö§ul. — Ausgrabungen auf den Ruinen- 
feldern von Ninive. — Die Wälle von Ninive. — Nebi Junis. — Der Schutt- 
hügel von Kojung[yk. — Kunsterzeugnisse aus der assjrrischcn Zeit. — Die 
Kultur der Assyrier. — Aus der Geschichte des assyrischen Reichs. — Ge- 
schichte Mö?uls. — Gegenwärtige Bedeutung und Aussichten der Stadt. 

XV. Kapitel. Tigrisfahrt nach Bardäd 192 

Reiserouten von Mö^ul nach Bardäd. — Landwege und Wasserstrasse. — 
Die Tigrisflösserei. — Gefahren der Wasserreise. — Abfahrt von Mö^ul. — 
Der Badeort Hammäm 'Ali. — Die Ruinen von Nimrüd. — Moderne Nieder- 
lassungen auf den Ruinenfeldern. — Stromschnellen und Dämme. — Der 
obere oder grosse Zäb. — Die AsphaltqucUe el Gijära. — Ein Besuch bei 
den Südschammar. — Ferhän Paschas Söhne Fe^al und Mu^loi:. — In der 
Frauenabteilung des Schechzeltes. — Die Ruinenfelder von Kal'at Schergäf. — 
Die Burg el *Ämir. — Der öebel Chänü^a und der öebel el Makhül. — Das 
Ka§r el bint, — Der untere oder kleine Zäb, — Eine Begegnung mit den 
Schammar. — Der öebel Hamrin. — El Fatha. — Der Chan el Charnine. — 
Tekrit. — Der Ishäl^i-Kanal. — Imäm Dür. — Der Kanal Nahrawän oder 
Kätül el Kasräui — Die Ruinen von Eski Bardäd. — Die Ruinen von el 'Aschilj 
und el Ma'schül^a. — Samarra. — Die Palastruine el Chalife. — Der Spiral- 
turm el Maulawije. — Aus der Geschichte Samarras. — Das heutige Samarra. 
— Schi'itische Heiligtümer in Samarra. — Der Verwaltungsbezirk Samarra. — 
Die Ruinen von el Käim, I^^abülät, e? Sanam. — Kädesije. — Das alte wStrom- 
bett des Tigris. — Der Digel. — Der 'Adem. — Die alte Stadt Opis. — 
Palmenhaine am Tigris. — Der Chälig-Kanal. — Das Gebiet es lahüdije. — 
Ich verlasse das Kelck in Däüdije. — Tannüs fährt weiter bis Bafdäd. — Ueber 
Land von Däüdije nach Bagdad. 

XVI. Kapitel. Bardäd 236 

Die Cholera. — Das heutige Bardäd. — Brücken. — Die Bevölkcruns:. — 
Denkmäler aus babylonischer Zeit. — Ueberreste aus der Chalifenzeit. — Die 
Grabmäler von Abu Hanife, Ahmed Ibn Hanbai, Imäm Müsa el Käzini, Muhani- 
med el öawäd und des Schechs 'Abd el Kädir el öiläni. — Das Cirab der 
Sitte Zubede. — Moscheen aus neuerer Zeit. — Sonstige Andachtsstätten. — 
Christliche Kirchen. — Profanbauten. — Die Bauart der Häuser, Mobiliar. — 
Erzeugnisse des einheimischen Kunstfleisses. — Maschinenbetriebe. — Bardäd 
ab Handelsplatz. — Die Dampfschiffahrt auf dem Tigris. — Bardäd als Ver- 
kehrscentrum in früherer Zeit. — Ein Schienenweg durch Mesopotamien. — 
Euphrat- oder Tigrisbahn? — Die Vorteile der Tigristrace. — Aufgaben und 
Interesse der türkischen Regierung beim Bahnbau. — Deutschlands Präroga- 
tive. — Post und Telegraph. — Europäer in Bardäd. — Europäische Kon- 
sulate. — Der deutsche Konsul Richarz. — Die Wirkungen der Cholera. — 
Das Strassenleben. — Notabein in Bardäd. — Geschichte Bardäds. — Das 
vonslamische Bardid. — öa'far el Man^ür erbaut die Stadt. — Dar es Saläm 



YIII lahaltsverzcichnif. 



nntl Dar cl Chuld. — Hapläd, die Hauptstadt der Chalifen. -- Die Herrschaft 
der Selguken. — Der Chalife Mustarschid. — Die Moopolen vernichten Bafdäd. 

— Hardäd als Winterresidenz der mongolischen 11 Chane. — Die Tataren in 
Bagdad. — Die Kara Kujunlu und die A^ Kujunlu. - öehän Schah. — Die 
Osmanen. — Isma'il el Sefewi wird Schah von Persien. — Die Geschicke 
Bardäds unter den Nachfolgern Isma'Tls. - - Schah *Abbäs der Grosse gewinnt 
Bardäd für Persien. — Ein osmanisches Heer belajjert Bardäd. — Weitere 
Kämpfe um die Stadt zwischen Türkei und Persien. — Sultan Muräd IV. 
erobert 1638 Bardäd. — Bardäd unter türkischen Statthaltern. — I.lasan 
Pascha Gouverneur von Bafdäd. — Nadir Schah belagert vergebens die Stadt. 

— Abmcd Pascha. - Die Schlacht bei Samarra. — 'Omar Pascha. — Wieder- 
aufblühen der Stadt. - Die Wahhäbiien. — Daüd Pascha. — Seine ehr- 
geir.ijTen Pläne. — Pest und Ueberschwemmung. — Daüd Paschas Ende. — 
'Ali Pascha und die Schammar, 'Aneze und Zubed. — Mid^iat Pascha und 
seine Reformen. 

XV'II. Kapitel. Von Bardäd nach Hasra 2S2 

Abfahrt von Bafdäd. — An Bord des Tigrisdampfers »Chalife^ . Die 

Ruine von Tälji Kesra. — Ktesiphon. — Aus der Geschichte Ktesiphons. — 
'Azizije und Küt. — 'Amära; die Subbe. - Scha^ra. — El'Ozer, das Grabmal 
des Ezra. Gurne, Zusammentluss des Euphrat und des Tigris. — Landuu*; 
in Ba?ra. .Strassenbild von Hasra. - Die Bevölkerung, - Handel und SchifT- 
fahrt. Ha§ra als Sitz der Regierung. Aus der (jeschichte Basras. - 

Ba^ra als Centrura wissenschaftlicher und religiöser Bestrebungen. — Die 
Blütezeit Barras. - Die Afräsiäbs. Ba^ra in der Neuzeit. - Die jüngste 

Entwicklung der Stadt. 

XVIII. Kapitel. Der Persische Golf 305 

Abfahrt von Hasra. An Bord der i>Pcmba^<. — Kelije. Muhammera. 

Der K.ärun. Besuch auf der »Persepolis«. - Die Telegraphenstation 

Fäo. - Einfahrt in den Persischen Golf. - Buschir. - Strassen und Häuser 
in Buschir. Buschir als Handelsplatz. - (Jeschichie Buschirs. Die Be- 

völkerung von Buschir. - Eingab - IVrlenfischerei, Schiffahrt und Handel. 

Die Bevölkerung von Eingab. — Empfang beim Untergouverneur Mirza 
Isma'il Chan. Bender Abbäs. Handel und Verkehr. (Jesamteindruck 

der Stadt. Klima. — Jaschk. - Maskat. — Der Hafen. - Sultanspalast 

und Gumruk. Empfang beim Sultan Sejid Ee§al bin Kurki. Der englische 

politische Vertreter Surgeon Major Jayakar. — Häuser und Bazare von Maskat. 

— Die Bevölkerung von Maskat. Araber, Neger, Helutschen, Perser, Inder, 
Matrab. Handel und Schiffahrt in Maskat. - Die Umgebung der Stadt. 
Europäische Reisende im Innern von 'Oman. — Karten und Litteratur über 
Maskat und 'Oman. - Die Wüste Ruba' el Chall. Die Mahrasprache. 
Die Geschichte Maskats und des 'Oman. - Aelteste Geschichte. Die Ja'äribe. 

Die Azdiden. - Nordarabische Einwanderer: die Räfiri. — Die Dynastie 
Jalandes. — Der Islam. - 'Oman wird Dependcnz des Chalifat. Erste 

Auswanderung von 'Oman nach Ostafrika. Die Sekte der Ibadiden. - Die 

politische Seite des ibadidischen Bekenntnisses. - Ibadidische Imäme in 
'Oman. — 'Oman bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. - Die Portugiesen 
in Mas\^at und im Persischen Meer. Angriffe der Türken: die Seeschlacht 
bei Maskat 1554. Holländer und Engländer erscheinen im Golf. Die 



InhalUverzeichnu. IX 

Seite 
Portufiiesen verlieren 1622 'Onnüz an die Perser. Näzir bin Murschid be- 
gründet die Dynastie der Ja'äribe. - Sein Nachfolger Sultan bin Sef bekämpft 
erfolgreich die Portugiesen. - Bürgerkriege. - Der Räfiri Mu^iammed bin 
Näzir gelangt zu Einfluss. - Sein Tod. - Sef bin Suljän ruft liclutschen und 
Perser ins Land. - Auftreten des Ahmed bin Sii'id. - Ahmed wird zum 
Imäm gewühlt. - Seine Kriegszüge, - Sein Nachfolger Said. - Sa*ids 
Brüder Sef und Sultan. - Sein Sohn Hamed. — Bruderkriege. - Dor Friede 
von 1793. — Suljän wird weltlicher Herr von MaslcaJ. - Erfolgreiche Unter- 
nehmungen gegen Persien. - Die Folgen der wahhäbitischen Bewegung für 
•Oman. - «Abd el 'Azi/. Sejid Sultans Ende. - Politische Beziehungen 

zwischen '(Jmän und England. - SuUäns Söhne Sälim und Sa'id. — Emir 
Sa'üd wird Fürst der Wahhäbiten, - Wahhäbitische Erobcrungszügc. - 
Die Haltung der Engländer. - Auftreten Muhammed 'Ali Paschas. - Sa*i(l 
wird unumschränkter Herr von 'Oman. - Seine Regierung und seine Pläne. - 
Vertrag zwischen Frankreich und 'Oman. — Sa'id und die Engländer. — 
Weiteres Verhältnis zwischen Wahhäbiten und 'Omäni. — Sa'ids Unternehmung 
in Zanzibar und Ostafrika. — Alte Beziehungen zwischen Maskat und Oslafrik.a. 

— vSa'id erobert die Burg von Mombassa und residiert in Zanzibar. — Handels- 
vertrag zwischen 'Oman und den Vereinigten Staaten und England. Unruhen 
in 'Oman, Einirrcifen der Engländer. — Tod des S.nlim in Mombassa. - - Sein 
Sohn Raschid wird verraten. — Sa'id und Muhammed 'Ali. — Die Wahhäbiten 
erringen eine Tributzahlung. — Sa'id und Frankreich. — Neue Bürger- 
kriege in 'Oman. — Kämpfe jregen die Perser. — .Sa'ids Tod. — Seine Söhne 
Tuwcni und Magid. - Der Schicdss)>ruch des Vicekönigs von Indien: Magid 
erhält Zanzibar und Ostafrika, Tuwcni Masj^at. — Ende der Machtstellung 
•Omans. — Fortgesetzte innere Unruhen. — Das \'orgehen der Engländer im 
Persischen Ciolf. — Verpflichtung der Fürsten von Maskat zum dauernden 
Waffenstillstand zur vSee. — Zustände und Kämpfe in Sohär. — Tuweni wird 
von seinem Sohne Sälim ermordet. — 'Azzäp bin Kais verjagt .Sälim und 
erobert Maskat. — Sejid 'i'urki l)esiegt '.\zzän. — Seine Kämpfe mit seinen 
Verwandten. — Vorgänge in Zofar. — Weitere Unruhen in 'Oman. — Sejid 
Turki und die Engländer. — Sejid Turki stirbt, sein Sohn Fe^al folgt ihm. — 
Geplanter Zug der Wahhäbiten gegen 'Oman. - - Die Rolle des Schech Käsern. 

— Fe^ial befestigt seine Stellung in 'Oman. - Die l^reignisse in Maskat seit 
1893. - Der Aufstand des Schech S.nleh bin 'Ah. » Fc?al gerät nach und 
nach in Abhängigkeit von den Engländern. Frankreich versucht vergeblich 
eine Kohlenstation in 'Oman zu erwerben. Von Maskat nach Gwadar, Kurachee 
und Indien. - In Zanzibar und Deutsch-Ostafrika. 

Aus der Sommerflora Syriens und Mesopotaniien.s . . . 373 

Verzeichnis der auf meiner Reise im Sommer 1S93 gesammelten Pflanzen 
nebst .\ngabe der an Ort und Stelle aufgezeichneten arabisclien Namen und 
Nutaanwendungen von Prof. Dr. A. Ascherson. 

Zu den Karten 389 

Begleitworte zur Karte "Syrien und Mesopotamien' von 

Dr. Richard Kiepert 391 



Verzeichnis der Abbildungen im zweiten Band. 



Der Schammar-Schech Fang Titelbild 

Kapitel X. s.i,. 

Zaptije 7 

SitnatioDsplan von Es Sauar lo 

Stier von *Arbän (nach Layard) * 19 

Tabula Peuting^erana, Scf^nentum XI, Mesopotamia (Vollbild] 26 

Kapitel XI. 

Beduinen 40 

Der Schammar-Schech Paris (Vollbild] 42 

Bcduinenzelt (VoUbild^ * . 44 

Beduinenzelt 45 

Beduinenzelt (Vollbild) 40 

Utensilien der Beduinen zur Kaffee bereitun); 47 

Keitkorb der Beduinenfrauen (Vollbild) 48 

Beduinen auf dem Wege zur Stadt 49 

Beduinen in der Stadt . .' 51 

«Aneze-Schech und Beduine des östlichen Hauiäd 55 

Bedr, Sohn des Schammar-Schech Fer^än 62 

Schech Färis mit seinen Söhnen . 64 

Schech Färis mit seinen Söhnen und Sklaven (Vollbild] 64 

Geleitschrciben von Schech Färis A'oUbild) 66 

'Adwän-Bcduinen 68 

Zelt des Schechs der 'Adwän ... ... 69 

Laß^er der *Ad\vän-Beduinen .... 71 

(^ebdr-Bcduine 73 

Muntefik-Beduinen .^Vollbild) 74 

Turkmenen 77 

Turkmenenzelte in der BiVä* 79 

Kapitel XII. 

Beduinenpfeifen 97 

Beduinenreiter (Vollbild) . . 100 

Beduinen-Lanzenspitzen 101 

Beduinen-Streitkolbcn 103 



Verxeichnls der Abbildungen. XI 

Seite 

Arabisches Rassepferd im Besitze des Mr. Binnt 107 

Arabisches Rassepferd (aus Tweedie, The Arabiaii horse) 108 

Die aus dem Ne^d stammende State Negme (Rasse: Kbcilet ol *AgÜ7a, im Besitze des 

deutschen Konsuls Richarz in Bnrdäd) 1 10 

Kamelreiter 113 

^Aneze-Beduinen H7 

Schech Mubamme<1 'Abdalla von Pjdmyra 119 

'Abäje (Beduinenmantel) .121 

Beduinenstiefel 122 

Halsschmuck einer Beduinenfrnu 123 

Beduinenfrauen (Vollbild) 124 

Turkmenenfraucn, Burrul bereitend 126 

Beduinensänger 127 

Junger 'Aneze-Beduine 130 

Beduinen 131 

Heduinenmahlzeit 132 



Kapitel XIII. 

Schech 'Isä und sein Gefolge, christliche Kurden (Vollbild) . 141 

Ein Nestorianer (Vollbild! 142 

Kurdenmantel 147 

Zengiden-Münze, gefunden in der Ruinenstadt Abu Wagnc 161 

Kapitel XIV. 

Mö^ul ; Vollbild) 172 

Chaldäischc Christen aus Tillkef bei Mö^ul 173 

Metallschale mit Wappen .ins Mö^ul jetzt im Köni^jlichcn Kunstgewerbemuseum zu 

Berlin) 178 

Alter Thonkrug aus Mö^ul jetzt im Königlichen Kunstjijewerbemuseum zu Berlin) 

(VoUbild) 178 

Alte türkische Pistole mit vier Läufen jetzt im KönijxHchen Zeughause in Berlin' . 179 

Mö^ul, grosses Caf^ und Kelekstation (VoUbild) 180 

Die Schiffbrücke von Mö^ul und die Ruinenhügel von Ninive (Vollbild; iSo 

Votivtempel in Ninive (Botta et Flandin, Monuments de Ninive, B«l. II, PI. 114' . . 1S2 

Assyrischer Stier (Botta et Flandin, Bd. i, PI. 45) (Vollbild) 184 

Assyrischer Reiter (Place, PI. 53) 184 

Jagd auf wilde Esel in assyrischer Zeit (Place, PI. 54, I, Koyoundjick) 1S5 

Arabischer Kamclreiter (Merdiif) in assyrischer Zeit (Place, PI. 55, 4^ Koyouudjick) 1S5 
I^ger nach assyrischer Darstellung (I^yard, PI. 30) (Vollbild) ^ 
Aus den Ruinen von Ninive (Botta et Flandin, Bd. II, PI. 122) (Volllnld) j * • * * 

Gastmahl in assyrischer Zeit (Place, PI. 64, i, Koyouudjick) 186 

Assyrischer Fussboden (Place, PI. 49, Koyoundjick) 1S7 

Kapitel XV. 

Kelek auf dem Tigris y^Place, PI.. 43) 193 

Kelek zu assyrischer Zeit (Place, PI. 43) I94 

Fabrseage auf dem Tigris zu assyrischer Zeit (Place, PI. 44) 195 



XII Verzeichnis der Abbilduogen. 

Seite 

Nimrüd (nach Layard'' (Vollbild) 200 

Gruiidriss der RuiDenhütjrel von Nimriid nach Layard^ 200 

Assyrische Abbildunj^en Ton Häusern und Zelten (Layard, PI. 77) 201 

Obelisk von Nimrüd (Layard, PI. 53) (Vollbild) 202 

Ornamente auf Kleidern zu assyrischer Zeit (Layard, PI. 44, Nimrüd) 202 

Teil der Aussenmauern von El'Aschi^^ 220 



Kapitel XVI. 

Bardäd (Vollbild) 236 

Bardäd , 237 

Bardäd: Die Schiffbrücke 238 

Bardäd: Das Minaret der Moschee von Sü^al Razl (Vollbild) 241 

Käzimen bei Bardäd, Moschee des Imäm Müsä cl Kär.im 242 

ßardad: Angebliches (irabmal der Zubede, der Gattin Harun er Ka.«chi(ls .... 243 

Bardäd: Grab des Schech Ma'rüf el Karchi 244 

Bardäd: Moschee des Ahmed Kabja 245 

Bardäd: Grab des Schech 'Omar beim Häb v\ Wastäni 24t) 

Haus in Bardäd 24S 

.Schlösser mit Schlüsseln aus Bardäd (Volll)ild) 250 

Arabische Holzschlösser mit Schlüssel 250 

Bardäd 251 

Bardäd 253 

Bardäd: Haus des deutschen Konsul Kicharz 260 

Bardäd: Das deutsche Konsulat (Vollbild) 261 

Wasserverkäufer, ihre Schläuche im Tigris füllend 262 

Schi'itische Mollahs aus Käzimen bei Bardäd . . ^^}y 

Jüdischer Träger aus Bardäd 204 

Muhammed Pascha Därestäui, Kavallerie-General (\effe d. .Schech .Schamih . . 265 

Kupfermünze von Sa'id Pascha 1231 d. II.-1S16 279 



Kapitel XVII. 

Englischer Flussdampfer auf dem Tigris (Vollbild 2S2 

Deck eines Tigrisdampfers .... 283 

Steuermann einer Tigrisbarke 2 84 

Rückseite des Sassaniden-Palastes von Ktesiphon 285 

Klesiphon, Ta^-i-Kesrä Vollbild . 286 

Küt am Tigris 28S 

Araberdorf in Süd-Mesopotamien ... 280 

Gnme 292 

Der Scha(t el 'Arab 293 

ßa^ra: I^ndungsstelle der Oceandampfer 294 

Palmengärten in Ba$ra . . . . . . ... 295 

Basra: Das Regicrungsgebäude Vollbild 296 

Ba^ra: Der Grosse Kan;il . . 296 

Ba^ra: Brücke über den Gros.sen Kanal 297 

Bapra: Geschäftshaus der Firma .Stephen^ Lynch & Co 299 



VcrzcichniK der Ahbildun^oii. XIII 

Seile 

Kapitel XVIII. 

Hochwasser in Südmesopotninien 310 

Hnschir am Persischen Golf ... -311 

Persisches Gewehr 312 

Typen aus Baschir 316 

Der Hafen von Mas^a^ 324 

Südarabisches Schwert aus Masl>ai 327 

Masl^at 328 

Hafen von Masl^at Vollbild 324 

Masi:at-Dolchc Vollbild) 326 

Die Stadt Muskat (Vollbild) 329 

\[as^at, Steuergebäude (Vollbild) 330 

Zarzibar 1893 370 

Karte des Ruinenfeldes von N'inive 182 

Stadtplan von Hardad, nach Jones und C'ollinpwood 238 

Karte von Maskat und Matrah in Oman 332 

Karte von Syrien und Mesopotamien, (.)estliches hiatt, am Sclilusb «Ics Üandes in Tasche. 



^==^T^^ 



Transskription des arabischen Alphabets. 

Für die Umschreibung der arabischen Buchstaben ist das folgende 
System angenommen worden, das sich im allgemeinen der von den 
meisten deutschen Orientalisten und namentlich der Deutschen Morgen- 
ländischen Gesellschaft befolgten Transskription anschliesst. Es dürfte 
für die deutsche Wiedergabe der arabischen Laute genügen, wiewohl die 
Anwendung von Doppelbuchstaben (mit Ausnahme von ch und seh), 



sowie griechischer Buchstaben etc., 
mieden worden ist. 

^ = h 
O = t 



t (wie das englische th) 

^ (meist wie französisches j, 
daneben auch wie dj, dsch, 
fr oder j) 

b (wie scharfes h) 

ch (wie im deutschen Worte 
»Rache«) 

d 



t 



welche vielfach beliebt sind, ver- 



(^ — d (mit Emphase zu sprechen) 



J, = 



t (mit Emphase zu sprechen) 



i = d. ? 

t = 

t = 



j = d (wie weiches t)- 

J = r (Zungen-r, R dramatique) 

j = Z (wie das franz. weiche z) 



J 

J 
f 



(ein eigentümlicher, scharfer 
Kehllaut) 

r (weiches, in der Kehle zu 
sprechendes r) 

f 



1^ (dialektisch g, tsch) 

k 



= 1 



m 



= n 



= s 



jr = seh 

^ = § (wie verstärktes s) 



J = 



h 
w, ü 



^? = j» i 



Der arabische Artikel wird in Syrien il (id, ir, is, it etc.), in 
Mesopotamien dagegen gewöhnlich el (ed, er, es, et etc.) ausgesprochen. 
Da viele Eigennamen im Arabischen ursprünglich Appellativa sind, so 
sollten diese eigentlich sämtlich mit dem Artikel versehen sein. Da 
aber über diesen Punkt bei den Arabern selbst keine Uebereinstimmung 
herrscht und auch bekannte Ortsnamen, wie Mösul, von den einen mit, 
von den andern ohne Artikel gesprochen werden, habe ich in dem 
vorliegenden Buche solche Namen bald mit, bald ohne Artikel wieder- 
gegeben, je nachdem, wie sie gerade in den betreffenden Gegenden 
selbst gewöhnlich gesprochen wurden. Unberücksichtigt gelassen ist die 
gelehrte Schreibung in der älteren Litteratur. 



X. KAPITEL. 



Von Der ez Zör nach Nesibln. 

Mi-sopüiamien. — 'Ira^ und ('Jezire. — Hatra. — Die Thälcr des Bolich und des Chäbür. — - 
Der Euphrat. — Seine Schiffbarkeit. — Karawanenweg^c in Meso])otJimien. — Meine Be- 
^iehuntrcn zu den Schammar. — Meine Reisebegleitung. — Aufbruch von ed Der. — Aufstieg 
r,ur mesopotamischcn Steppe. — Sauar. — Der Chäbür. — Seine Schiffbarkeit. — Die 
Kuini'uhügei am Chäbür. — Frühere Forschungsreisend»» im Chäbürthal. — Den Chäbür 
auf\\ärts. — Der Ruinenhüjjel von Margada. — Die Hütjelkette el llomnie. — Scheddäde. — 
•Arban. — Von 'Arbän nach Teil Hesekt*. — Entfernungsbestimmungen. — Der öargaf. — 
Zwischen Teil HesÜ*ke und Ne$ibin. — Der Teil el Aswad. — Im öargafthal entlang. — 
.Ankunft in Nc?ibin. — Die Kirche des heiligen Jacobus. — Die Trümmerreste von Ne^ibin. — 
Das hi-utigc Nesibin. — Die Gi-schichte Ne^ibins. — Europäische Reisende in Ne^ibin im 
siebzehnti'U Jahrhund<Tt. — Die Aussichten der Stadt. 



Mesopotamien ist das östlich an Syrien sich anschhessende, im Nord- 
westen von den Gebirgen Karaga Dar und Tür 'Abdin begrenzte Land 
zwischen den beiden Flüssen Kuphrat und Tigris, welche sich bei Kurne 
vereinigen, um als Schatt el *Arab*) dem Persischen Meere zuzufliessen. 
Dieses Land zerfällt in zwei geographisch scharf abgegrenzte, durchaus 
verschiedene Gebiete und wird dementsprechend von den heutigen Arabern 
auch niemals unter einem einheitlichen Namen zusammengefasst. Der nörd- 
liche Teil des Landes wird gewöhnHch el öezire ^jf^l (»die Insel«), der 
südliche 'Irak O^/y^ genannt. Die Grenze zwischen beiden Gebieten 

liegt unweit nördlich der Breite von Bardäd, dort, wo die Brüderströme 
sich auf wenige Meilen nähern, um dann wieder auseinander zu gehen. 
Der 'Irak ist zweifellos in früherer Zeit einer der fruchtbarsten und am 
stärksten angebauten Striche der Erde gewesen, bedeckt mit einem 

^\ Schau bezeichnet im Arabischen einen grösseren Fluss überhau]>t, in Mesopotamien 
speziell den Euphrat und Tigris. Auch die Namen Dig:le und Krät sind allgemein bekannt; 
im *[räl^ sind die Bezeichnungen el Schatt mal Bardäd (»der Fluss von Bardäd«) für den 
Tif^s, and el Schatt mal Helle (Hillah) (»der Fluss von Ilillah«) für den Eu])hrat häufif^er 
im Gebrauch. 

Frhr. v. Oppenhetm, Vom Mittelmeer cum Periiichen Golf. II. 1 



2 Kap. X. Mesopotamien. — 'Irät and ('iezire. 

ganzen Netz von Irrigationskanälen und Wasserwerken der verschiedensten 
Art. Er besteht aus Alluvialboden und umschliesst das Gebiet des alten 
Babylonien, das wegen seines natürlichen Reichtums in der ganzen alten 
Welt berühmt war und der Sitz einer hochentwickelten Civilisation und 
Kultur gewesen ist, die wir bis in das 6. Jahrtausend vor Christi Geburt 
zurückverfolgen zu können glauben. Erst mit der beispiellosen Misswirt- 
schaft unter den Abbasidenchalifen im lO. und 1 1 . Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung begann der Niedergang des 'Irak; Bürgerkriege, P4)idemien 
und Ueberschwemmungen infolge des Verfalls der Wasserwerke trugen 
dazu bei, die betriebsame Landbevölkerung auszurotten und den Ruin des 
einst so blühenden Landes in wenigen Jahrhunderten zu vollenden. Die 
Einfälle der Mongolen und Tataren werden im *Iräk, wie fast überall im 
übrigen Vorderasien, tabula rasa gemacht haben. Heute stellt sich das 
Land als eine weite Wüstensteppe dar, deren einförmige Oede nur an 
den Ufern der Flüsse und der wenigen noch erhaltenen Kanäle durch 
bebaute und mit Palmen und Tamarisken bestandene Landstriche unter- 
brochen wird. 

In Obermesopotamien, in der CÜezire, sind die Verhältnisse schon 
von Natur andere. Die (^ezire ist zum grossen Teile als eine Fortsetzung 
des Hamäd anzusehen, und zwar dürfte dieses etwa für das Gebiet süd- 
lich des ^6. Breitegrades gelten. Der Boden ist hier mehr oder weniger 
gipshaltig, und selbst die besten Irrigationen würden in grossen Strecken 
dieser Gegenden keinen ackerbaufähigen Boden zu schaffen vermögen» 
wenn auch fast überall nach dem Winterregen auf kurze Zeit hinreichendes 
Futter für Kamele und Schafe wächst. Am wenigsten fruchtbar i^t der 
südöstlich des Sin[!jär und des Chäbur- Gebietes bis nach Bardäd, etwa 
bis zur Linie Hit-Tekrit, sich hinziehende Teil Ober-Mesopotamiens. Wohl 
entspringen am Südabhange des Singär-Gebirges eine Anzahl von Bächen, 
die in diese Steppe abfliessen und zur Regenzeit aus dem wellenförmigen 
Terrain derselben weitere Nahrung erhalten; aber keiner dieser Bäche 
scheint den Tigris oder den Euphrat zu erreichen, vielmehr verlieren sie 
sich in Niederungen, wo sie durch Auslaugung des Gipsbodens kleinere 
oder grössere Salzseen ähnlich der Sabcha bei Palmyra bilden. Immer- 
Tiin müssen auch in diesem Teile von Mesopotamien an verschiedenen 
Orten Brunnen und Wasserstellen bestehen oder zu schaffen sein, denn 
die Beduinen durchziehen auch im Sommer das Land, und es .sind hier 
Karawanenwege zwischen Tigris und Euphrat vorhanden, die, wenn auch 
nicht häufig, so doch auch in der heissen Jahreszeit von Lastkarawanen 
benutzt werden sollen, obgleich ihre Länge selbst für Reiter mehrere 
Tj^ereisen beträgt. Solche Wege führen zum Beispiel von Tekrit nach 
*Ana und Hit und von diesen Orten an quer durch die Wüste nach 
Bardäd und Mösul. 



Kap. X. Hatra. ^ 

Selbst feste Ortschaften haben in diesen steppenartigen Teilen der 
öezire in früherer Zeit bestanden. So sind uns noch die grossartigen 
Ruinen von Hatra erhalten*), dieser merkwürdigen Stadt, die drei kleine 
Tagereisen südwestlich von Mö§ul und zwei kleine Tagereisen im Westen 
vom Tigris entfernt, etwa in der Breite von Kal'at Schergät mitten in der 
Wüstensteppe gelegen ist. Nach den übrig gebliebenen Bauresten zu 
urteilen, hat hier ein kunstliebendes, dem Sonnenkultus huldigendes 
Fürstengeschlecht geherrscht, das, wie wir wissen, seine Selbständigkeit 
sogar gegen zwei Angriffe der Römer zu behaupten gewusst hat. Dar- 
auf aber verschwindet Hatra plötzlich aus der Geschichte^). Ein acker- 
bautreibendes Volk hätte hier kaum existieren^) können, die Stadt ist 
vielmehr ein Handels-Emporium ähnlich wie Palmyra gewesen; sie ver- 
mittelte Handel und Verkehr zwischen dem Persischen Golf bezw. dem 
'Irak und Kleinasien und beherrschte ohne Frage die Karawanenstrassen 
in der mesopotamischen öezire ausserhalb der römischen Machtsphäre. 

Das grosse Gebiet zwischen dem mittleren und unteren Chäbür und 
dem Belich ist noch von keinem Europäer durchzogen worden und gänz- 
lich unbekannt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der südlichste Strich 
dieses Landes ebenso steril wie die Gegend südöstlich des Singär und 
des Chäbür. Dasselbe dürfte für den südlichsten Teil der Ebene von 
Serüg, der Landschaft zwischen Belich und der hier von Norden nach 
Süden fliessenden Strecke des Euphratlaufes, gelten. 

Dagegen sind die nördhchen Teile des oberen Mesopotamiens 
ebenso wie die Thäler des Belich und des Chäbür, der einzigen auch im 



^) Vergl. über die Reisen von Ross, welcher hier einen beinahe verhängnisvollen 
Ueberfall erlebte, Journal of the Royal Geog^raph. Society, Bd. JX ,^1839) S. 443 ff. ; Ainsworth, 
ebenda Bd. XI (1841) S. i ff., und Travels and researches in Asia Minor, Mesopotamia, Chaldea 
and Armenia, London 1842, Bd. II S. 147 ff.; Lady Anne Blunt, Beduin tribes of the Euphrates, 
Bd. II S. 281 ff.; Jacquerel, Les ruines de Hatra, in der Revue Arch^oloq^ique, Paris 1897, 
•*^- 343 ff-i Lord Warkworth, Notes from a diary in Asiatic Turkey, London 1898, S. 209 ff. 

^ Kaiser Trajan (117 n.Chr.) und Kaiser .Septimius Scvcrus (200 n. Chr.'' belagerten 
die Stadt, sahen sich aber nach schwerem Kampfe gezwungen, unverrichtcter Dinge abzuziehen. 
Als das römische Heer (363 n. Chr.) unter Jovian nach dem Tode des Kaisers Julianus seinen 
fluchtartigen Rückzug vom Tigris bei Dür (juer durch die mcsopotamische Steppe nach der 
römischen Grenze hin bewerkstelligte, fand es die Stadt verödet vor. Schon hundert Jahre 
vorher hatte der Perserkönig Sapor I. (240 — 271) Hatra zerstört. 

') Unweit nördlich von Hatra sollen sich, wie mir P^re Scheil gelegentlich des 
Orientalistenkongresses in Paris 1897 mitzuteilen die Güte hatte, die Spuren einer grossen 
unterirdischen Kanalanlage befinden. Jacquerel (a. a. O. S. 351) betont allerdings ausdrück- 
lich, dasB er Kanalisationen im Ruinenfelde von Hatra selbst nicht bemerkt habe. Im 4. Jahr- 
hundert n. Chr. konnte sich nach dem Berichte des Augenzeugen Ammianus Marcellinus 
(Bach 25 Kap. 8) die ganze Armee Jovians zur Sommerszeit in Hatra mit süssem Wasser 
venorgen. Nach den übereinstimmenden Mitteilungen der europäischen Reisenden dieses 
Jahrhunderts findet sich in Hatra gegenwärtig nur mehr Bittersalz haltendes Brackwasser. 

1* 



4 Kap. X. Die Thäler des Beiich und des Chabür. 

Sommer wasserhaltigen Nebenflüsse, die der Euphrat innerhalb Mesopo- 
tamiens selbst erhält, von grosser Fruchtbarkeit. Im Belichthaie liegt, eine 
Tagereise von dem jüngeren, heute noch blühenden Edessa-Urfa entfernt, 
ein uraltes Kulturcentrum, Harrän, dessen Gottheit selbst in Kleinasien 
(so in Sengirli) verehrt wurde. Wenige Meilen nördlich des 36. Breiten- 
grades sind im Belich-Thale Reste eines gewaltigen antiken Dammes er- 
halten, der ohne P^rage Bewässerungszwecken diente. Von arabischen 
Geographen erfahren wir, dass im Chäburthale während des Mittelalters 
der Olivenbau und die Baumwollen-Kultur in hoher Blüte stand ^). Wir 
kennen die Namen mehrerer Orte am Chäbür, die in dieser Zeit als 
Stapel- und Marktplätze für Baumwolle ausdrücklich bezeichnet werden. 
Die Schilderungen, welche Belädori und nach ihm Pseudo-Wäkidi von 
den Kämpfen gegeben haben, die die anstürmenden Glaubenseiferer 
des Islam in Mesopotamien zu führen hatten, nennen eine grosse Anzahl 
von besiegten Städten, Dörfern und Burgen, die am Chäbur und wohl 
auch in dem westlich davon gelegenen Gebiete der dezire gelegen 
haben. Die zahllosen Schutthügel, die sich im Gebiete des Chäbür und 
Beiich und nördUch des Singär wie Maulwurfshügel aus dem Boden er- 
heben, sowie die Reste alter Irrigationswerke sind Zeugen von Nieder- 
lassungen in früheren Zeiten und sprechen für die Kulturfahigkeit der 
nördlichen (lezire. Heute wird die ganze 6ezirc von nomadisierenden, 
fast ausschliesslich arabischen Stämmen durchzogen. Nur hin und wieder 
wird das Land in der Nähe des auch im Sommer fliessenden Wassers 
bebaut, und feste Ortschaften finden sich etwa mit Ausnahme des, auch 
was seine Bevölkerung angeht, eine Ausnahmestellung einnehmenden 
Sing^är Gebirges*^) nur an seinen Rändern. 

Die beiden Bruderströme, welche Mesopotamien einrahmen, sind 
grundverschieden von einander. Während der Tigris von dort an, wo 
er selbst aus den Ausläufern der Berge Kurdistans tritt, auf seinem linken 
Ufer die zahlreichen Abwässer dieser weit nach Südosten sich hinziehenden 
Gebirge empfängt, ist der Euphrat von Meskene bis nach Fellüga ein 
Steppenfluss, dessen Bett sich tief in das Wüstenplateau eingegraben hat. 
Sein Thal ist von wechselnder Breite und wird an mehreren Stellen 
durch Gebirgszüge eingeengt, die an den Fluss herantreten oder ihn über- 
schreiten; an den breiteren Stellen finden sich auf dem dortigen An- 
schwemmungsgebiet oasenartige, langgezogene Ansiedelungen. 

Der Euphrat ist bis Meskene, ja sogar bis Bire^ik, für Dampf- 
boote mit geringem Tiefgang schifiTDar, wie durch die Untersuchungen 
und Arbeiten des Colonel Chesney und seiner Offiziere und Beamten 



*) Istakhri, ed. de Goejc, S. 74 Anm. h., berichtet, dass die Baumwolle des Chäbür- 
thales exportiert wurde, so nach Mö$ul und Chiliit (dem südöstlichen Armenien". 

') Ueber die Bewohner des Singär, die Jeziden, vergL unten Kap. XIII S. 147 ff. 



Kap. X. Der Euphrat. — Seine Schiffbarkeit. £ 

festgestellt worden ist*). Seit dem Fortgange Chesneys befuhr eines der 
von ihm mitgebrachten kleinen Dampfboote regelmässig den PLuphrat 
von Meskene stromabwärts bis nach Kurna, wo sich der Fluss mit dem 
Tigris vereinigt. Das Dampfschiff wurde später durch ein neueres ersetzt, 
einen von der türkischen Regierung angekauften, ehemals für den Rhein 
bestimmten Dampfer, welcher jährlich einmal eine Thal- und Bergfahrt, 
allerdings mit unglaublicher Langsamkeit ausführte. Der Lübecker Reisende 
Pauli brauchte in den achtziger Jahren die Zeit vom i6. Febniar bis 
zum 22. März, um mit einem Dampfer von Felluga bis nach Der ez Zör 
zu gelangen, eine Strecke, die zu Lande in 12 Tagen zurückgelegt 
werden kann*). Der Dienst ist infolge von Beschädigungen des Schiffes 
unlängst endgiltig aufgegeben worden. Der Fluss bietet für die Schiff- 
fahrt keine besonderen Schwierigkeiten durch Steinbarren oder andere 
Hemmnisse, ist jedoch an vielen Stellen sehr seicht und verändert infolge 
der grossen Anschwellungen nach den Regenperioden während des 
Frühjahrs vielfach sein Bett, indem er ganze Uferteile wegreisst und 
kleine Inseln neu bildet. Für die Raubzüge der Beduinen ist der Euphrat 
durchaus kein unüberwindHches Hindernis. Den Wüstensöhnen sind 
zahlreiche Furten bekannt, auf welchen sie den Fluss des geringeren 
Stromzuges wegen watend oder schwimmend mit ihren Pferden und Reit- 
kamelen leicht überschreiten können*^). Die mcsopotamischen Nieder- 



') Chesney hatte von der angflo- indischen Retjierung zunächst den Auftrag, den 
liuphrat auf seine Schiffbarkeit behufs Erzielung einer inüglichst kurzen Verbindung zwischen 
dem Mittelmecr und dem Persischen Golf l)ezw. Indien zu untersuchen. Nach einer vor- 
läufij^en Rekognoscierungstour im Winter 1831 fand nach umständlichen Vorbereitungen die 
eigentliche Expedition in den Jahren 1835— 1837 statt. Im Anschluss hieran wurden grössere 
Teile des östlichen Mesopotamiens von englischen Offizieren und Beamten erforscht und 
aufgenommen. Diese Arbeiten zogen sich bis zum Jahre 1866 hin, ohne für die 
englische Regierung ein praktisches Ergebnis erzielt zu haben. Das wichtigste Werk der 
»!ic englischen Arbeiten betreffenden Litteratur ist Chesney, The expedilion for the survey 
of the rivers Enphrates and Tigris, in the years 1835— 1837, London 1850 (2 Bände mit 
besonderer Kartonmappe). Der Gedanke, eine Verbindungsstrasse vom Mittelmcer über den 
Persischen Golf nach Indien herzustellen, wurde später englischerseits in anderer Art wieder 
aufgenommen (Vergl. Cameron, Our future highway, London i88o\ al)er auch dann wieder 
fallen gelassen. Vergl. auch weiter unten S. 36. 

*) Vergl. Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft zu Lübeck: Pauli, zweite 
Reise, Heft 2, S. 49 ff. 

^ Solche Furten ;'machä4ät) sind insbesondere bei: i. Meskene, 2. Schod^a 
zwischen Meskene und Kal'at (ja*bar, 3. Haragla oder el Ilammäm, 4. Suati, die Furt 
von Rall^ll^a, 5 Stunden von Haraglä, 5. El Rä(ise, 4 Stunden von Suäfi, 6. Teil el I Iomega 
6 Stunden von el R«ätise, 7. El Hamme bei Ilalebije und Zelebije, Burgruinen am Euphrat, 
3 Stunden von Teil el Homeda, 8. E? Soreijir, 6 Stunden von el Hamme, 9. Der mit 
Fähre, 5 Stunden von e§ Soreijir, 10. Mejädin mit Fähre, 11 Stunden von e§ Soreijir?}. 
— El öedede ist i Stunde östlich von el Rätise, el Chass ist 3 Stunden östlich von el 
<^icdcde, el Hamme ist 6 Stunden von el Chass. 



6 Kap. X. Karawanenwege in Mesopotamien. — Meine Beziehunjjen zu den Schammar. 

lassungen sind vor den Ueberfällen der auf der syrischen Seite hausenden 
'Aneze u. s. w. ebenso wenig sicher, wie diese vor den Razu der Schammar 
und anderer in Mesopotamien lebenden Stämme. 

Der Karawanenweg von Der ez Zör nach Bardäd geht heute 
den Euphrat entlang bis nach Fellüg^a. Auf der rechten Seite des 
Flusses hat die türkische Regierung etappenweise Kischlas errichtet und 
mit Besatzungen belegt, welche jetzt auf dieser Route eine verhältnis- 
mässig grosse Sicherheit gewährleisten. Stromaufwärts setzen sich diese 
Kischlas auf der Strasse nach Aleppo bis nach Meskene fort. Ed Der ist 
mit Mö§ul durch eine südlich des Singär sich hinziehende Karawanen - 
Strasse verbunden, welche aber der in der öezire streifenden Beduinen wegen 
auch in gewöhnlichen Zeiten nur wenig benutzt wird. Während meiner 
Anwesenheit war sie geradezu unpassierbar geworden, da die im Singär 
wohnenden Jeziden sich im offenen Aufruhr und im Kampfe mit der Regie- 
rung befanden. 



Meine Absicht war, die Cezire in weniger oder gar nicht bekannten 
Teilen zunächst den Chäbür und Garg^ar entlang und dann nördlich des 
Sing^är nach Mö§ul zu durchqueren. Ein besonders günstiger Umstand 
unterstützte mich in meinem Vorhaben. Die wenigen Bewohner des 
Chäbür, des öargar und des nördlich des Singär gelegenen Gebietes 
mit Ausnahme der Stadt Ne.slbin, sowie überhaupt fast sämtliche 
nomadisierenden Stämme der öezire stehen in einem gewissen Abhängig- 
keitsverhältnis zu dem mächtigsten der hier streifenden Beduinenstämme, 
den Schammar, die, in Nord- und Südschammar geteilt, ganz Mesopo- 
tamien von Urfa bis Bardäd durchziehen. Die Regierung unterhält seit 
einiger Zeit gute Beziehungen zu den Schammar, und während meines 
Aufenthalts in ed Der war gerade der Schreiber des Schech Färis, 
des Oberhauptes der Nordschammar. welche fiir mich zunächst in Be- 
tracht kamen, mit einigen seiner Leute in dieser Stadt anwesend, um 
wegen der Steuern, die die Nordschammar an die Regierung zu zahlen 
hatten, zu verhandeln. Schech Färis hatte vor kurzem den Pascha-Titel 
erhalten und angenommen. Der Mute^arrif von ed Der setzte mich sofort 
mit den Leuten des Färis in Verbindung. Ein Teil der Abgesandten war 
im Begriffe, in das Lager Färis Paschas, welches sich zu damaliger Zeit 
nördlich des Sing^är befand, zurückzureiten; sie übernahmen es, uns über 
Ne^ibin zu ihrem Schech zu geleiten. Zur Erhöhung meiner Sicherheit 
gab mir der Mute§arrif bis zu dem Schammariager noch eine besondere 
Eskorte mit, später sollte Schech Färis für mein Wohlergehen sorgen. 
Durch die Leute des Färis wurde mir zwar Schutz gegen die Schammar 
samt ihrem ganzen Anhang gewährleistet, aber nicht gegen et\vaige 



Kap. X. Meine Reisebegleitunj;. 7 

Raubzüge fremder Beduinen, von denen insbesondere die *Aneze zu 
fürchten waren. Unsere militärische Bedeckung bestand aus 20 Berittenen, 
nämlich einem Offizier mit 12 Maultierreitern, sowie sieben Zaptije zu 
rferde. Die Soldaten fiihrten zwei Kamele mit Zelten und Futtergerste 
mit. Für meine eigenen Reit- und Packtiere hatte ich Futter für den 
ganzen Marsch von ed Der bis nach Nesibin beschafft, und auch mich 
und meine Leute mit Lebensmitteln auf 7 Tage versorgt, da unterwegs 
auf eine Gelegenheit zur Verproviantierung nicht zu rechnen war. Dies 




/apliic. 



war im vorliegenden Falle ein zwingender Grund, grosse Tagemärsche zu 
machen, wenn auch auf der bevorstehenden Route Wassermangel nicht 
zu befürchten war. 

In ed Der entliessen wir die Kameltreiber, welche uns von Damaskus 
ab begleitet hatten. Die Leute waren so faul und ihre Tiere so gänzlich 
erschöpft, dass ich froh war, sie los zu werden. Als Ersatz requirierten 
wir durch Vermittelung des Mute.sarrif Kamele bei den in der Nachbarschaft 
von ed Der halb sesshaft gewordenen öebbur-Beduinen. Die (iebbür 
traten den Dienst nur ungern an, da sie den Verlust ihrer Tiere unter- 
wegs zu befürchten schienen. Es hatten sich, wie dies immer auf Reisen 
durch unsichere Gebiete der Fall ist, eine ganze Anzahl von freiwilligen 



8 Kap. X« Aufbrach von ed Der. 

Begleitern bei mir gemeldet, die auf die Gelegenheit, einer starken 
Karawane sich anschliessen zu können, schon seit längerer Zeit ge- 
wartet hatten. Wegen der bevorstehenden Schwierigkeiten hinsichtlich 
der Verproviantierung konnte indess nur eine beschränkte Zahl zugelassen 
werden. Immerhin war unsere Karawane zu einem starken Zug ange- 
wachsen. Unter den neuen Teilnehmern befanden sich drei muhamme- 
danische Handelsleute aus der Nachbarschaft \on Aleppo, gut beritten 
und bewaffnet und beduinenartig gekleidet, die nach Mosul und weiter 
gehen wollten, um Schafe zu kaufen^). 

Wir verliessen Der ez Zör am Nachmittag des 3. August, um an 
diesem Tage noch die Ueberfiihrung der ganzen Karawane nacht dem 
mesopotamischen Ufer des Euphrat zu bewerkstelligen, eine Arbeit, die 
mit den störrischen Kamelen der (iebbür keine geringe Mühe verursachte. 
Die bereits erwähnte ed Der vorgelagerte Insel ist nur mit dem syrischen 
Ufer durch eine Brücke verbunden. Der östliche, etwa dreimal so breite 
Arm des Euphrat, welcher die Insel vom mesopotamischen Ufer trennt 
und etwa halb so breit wie der Rhein bei Köln ist, musste auf einer 
schifiahnlichen Fähre, die nicht viel mehr als 5 bis 6 Lasttiere gleich- 
zeitig fasste, überwunden werden. Die Eingeborenen i)assiercn den 
Fluss gewöhnlich schwimmend, unter Zuhilfenahme eines aufgeblasenen 
Hammel- oder Ziegenschlauches, die Männer tragen dabei ihre sämtlichen, 
zu einem Bündel befestigten Kleidungsstücke auf dem Kopf, die Frauen 
pflegen bei der Passage ihr blaues Hemd nicht abzulegen. 

Die Ueberführung unserer Karawane und unserer Begleitung mit 
ihren Tieren nahm mehrere Stunden in Anspruch. Als wir auf dem 
mesopotamischen Ufer angelangt waren, vermissten wir unscrn Koch, 
einen armenischen Christen aus Mardin. Durch einen Freund Hess er uns 
mitteilen, dass er sich seiner Verpflichtungen ledig fühle und in cd Der 
zurückbleibe, um hier ein Cafe zu eröffnen. Ob die Begegnung mit 
einem Landsmann, den er getroffen, ihn auf diesen verlockenden Ge- 
danken gebracht hatte, oder die Furcht vor dem Weitermarsche, lasse ich 
dahingestellt. Wir waren über diese unerwartete Sinnesänderung natür- 
lich nicht wenig entrüstet und drohten im Interesse unserer Küche mit 
so energischen Massregeln, dass der Fahnenflüchtige sich schliesslich 
seiner Verpflichtungen wieder erinnerte und sich kurz vor dem defini- 
tiven Aufbruch der Karawane reumütig meldete. Zur Strafe musste er 
von nun an abwechselnd auf einem für wenige Megidi in ed Der ge- 
kauften Esel oder auf einem der bepackten Kamele reiten, wodurch er 
in seiner Eitelkeit tief gekränkt wurde. 

') Bis vor kurzem wunle ein grosser Export von Schafen aus Mesopotamien unil 
Kurdistan nach Syrien und von dort nach Kßr\-pten betrieben. Die l-'.infuhr von Schafen ist 
jetzt in Kgyj>ten verboten. 



Kap. X. Aufstieg zur Mesopotamischen Steppe. O 

Der Abmarsch von unserem Lag^erplatz am Euphrat in der Frühe 
des nächsten Morgens, am 4. August, machte wieder grosse Schwierig- 
keiten, da die öebbür ebensowenig wie ihre eben von der Weide fort- 
getriebenen Kamele an das Wegschaffen von Zelten, Tischen, Stühlen, 
kleinen Kisten usw. gewöhnt waren. Im allgemeinen bestehen die 
Kamellasten nur aus zwei gleichen, durch Stricke miteinander ver- 
bundenen Säcken, Ballen oder Kisten. Zunächst behaupteten die Gebbür, 
dass unsere Ladungen zu schwer wären, obwohl sie kaum die Hälfte 
des sonst von Lastkamelen geschleppten Gewichts hatten. Unter lautem 
Geschrei rissen sie fortwährend ihre Lasten auseinander, da jeder die 
leichtesten Sachen für sich bekommen wollte. Erst unserem sehr ener- 
gischen Einschreiten, bei welchem mdne militärische Eskorte beinahe 
ücbereifer entwickelte, gelang es, die Leute zur Raison zu bringen. 
Aber ebenso störrisch wie sie selbst, zeigten sich auch ihre Tiere, 
die durch das Klappern der ungeschickt befestigten Lasten scheu ge- 
macht wurden und sich ihrer Bürde zu entledigen suchten. Als sich 
endlich die Karawane in Bewegung setzte, zeigte es sich ferner, dass die 
Kamele nicht daran gewöhnt waren, in der Art wie es bei den *Agel- 
Karawanen gebräuchlich ist, mit Stricken zusammengebunden, eines 
hinter dem anderen in gleichmässigem, ruhigem Tempo herzuschreiten, 
vielmehr bewegten sie sich frei, möglichst in Front, und versuchten 
jeden Augenblick stehen zu bleiben und umzuwenden, wodurch das 
Marschtempo erheblich verlangsamt wurde. Aber als einmal die Ordnung 
hergestellt war, erreichte der aus kräftigen und frischen Tieren be- 
stehende Lastzug die übliche Geschwindigkeit von etwa 4 — 4^/2 km pro 
Stunde, während wir Reiter ungefähr 6 km in der Stunde zurücklegten. 

Noch am Abend dieses Tages mussten wir das am Chäbür gelegene 
Sauar und damit Wasser erreichen. Wir hatten also, da der definitive 
Aufbruch erst gegen 10 7* Uhr hatte erfolgen können, einen sehr 
anstrengenden Marsch vor uns. Zunächst ging es eine halbe Stunde ONO., 
bis wir das Alluvialgebiet, die Flussebene, verliessen und das Plateau 
der mesopotamischen Steppe erstiegen. Von da an wurde die Richtung 
im ganzen östlich. Während längerer Zeit hatten wir die Aussicht auf 
zwei bergartige Erhebungen, den Teil Hu^ef esch Schäm auf dem rechten 
und den Teil Hugcf el (iezire auf dem linken Ufer des Euphrat. 
Um I Uhr lagerten wir auf der Wasserscheide zwischen Euphrat 
und Chäbur und hatten hier den Hugef el (lezire nordwestlich von uns. 
Um 3^/2 Uhr nahmen wir den Marsch wieder auf und begegneten als- 
bald einer grossen Baggära-Karawane ^), die mit Weib und Kind, ihrem 
Zeltgerät und einer Schafherde zum Euphrat zog. Sie berichtete uns, 

^) Die Bagg^ära sind hier den Schammar tributär; vergl. unten Kap. XI S. 69. 



lO 



Kap. X. Sauar. 



dass sie vor einer Stunde auf einen Razu der Schammar gestossen sei, 
der gegen die 'Aneze unterwegs war und den Baggära alle ihre Wasser- 
vorräte weggenommen hatte. Einige Zeit später trafen wir abermals auf 
einen Trupp Baggära, der wie der vorige sich auf dem Marsch zum 
Euphrat befand und kurz zuvor eine grössere Anzahl von *Aneze-Reitern 
gesehen hatte. Das waren also die Feinde der Schammar, und ihre 
anscheinend nordöstliche Marschrichtung, die wie die unsrige nach dem 
Chäbür zu führen schien, war Grund genug, dass meine Begleiter ihre 
Vorsicht verdoppelten. 



Situationsplan von Sauar. 



t*on 




dif^' 



Auf dem Weitermarsch über das Plateau kamen wir um 7Va Uhr 
an eine ausgedehnte öde Fläche mit mehreren salzhaltigen, jetzt aus- 
getrockneten Wasserläufen, die der Gegend den Namen el Mälha 

<5-u\ gegeben haben. Um 9^/4 Uhr abends machten wir gleich- 
zeitig mit unserer Karawane am Rand des Chäbur-Thales vor der 



Ruinenstadt Sauar j\ 



halt 



Der Ruinenhügel von Sauar bildet ein von Norden nach Süden 
gestrecktes Rechteck von etwa 150 Schritt Breite und 150 — 200 Schritt 



Kap. X. Sauar. — Der Chabür. I j 

Länge. Der höchste Punkt liegt am Nordende, nach Süden zu flacht 
sich der Hügel etwas ab. Eine von Osten nach Westen verlaufende 
Einsenkung zerlegt ihn in zwei Teile. Auf der Oberfläche sind un- 
bedeutende Grabungen veranstaltet worden, wohl dieselben, von denen 
Sachau spricht^). Es sind dabei Gebäude aufgedeckt worden, die aus 
Lehmziegeln mit Gipsmörtel aufgeführt sind; auch die Wände waren mit 
Gipsmörtel verputzt. Die bisher zu Tage geförderten Baureste stammen 
höchstwahrscheinlich aus arabischer Zeit, es ist jedoch nicht ausge- 
schlossen, dass unter dieser mittelalterlich -arabischen Stadt die Trümmer 
einer Ortschaft aus vormuhammedanischer Periode verborgen liegen. 
Zahllose Thonscherben, oft blau oder grün glasiert, bedecken in weitem 
Umkreis den Boden. Der Hügel selbst hat wahrscheinlich die Burg der 
Stadt gebildet, während das eigentliche Stadtgebiet sich in einem flachen 
Halbkreis westwärts nach der Ebene zu erstreckte. Die Stadt war von 
einer Mauer umgeben, deren jetzt mit Erde bedeckte Reste noch deutlich 
zu erkennen sind. Der Chäbilr fliesst an der ganzen Ostseite des Hügels 
entlang. Innerhalb des Ruinenfeldes, in nächster Nähe des Plusses, stand 
eine Kischla, in welcher einige Zaptije garnisonierten ; auf dem anderen 
Ufer befanden sich etwa 15 aus Zweigen und Rohr erbaute Hütten der 
Gebür. Unweit davon waren beackerte Felder sichtbar, für deren 
Bewässerung unter anderem auch eine grosse, dicht oberhalb des Dorfes 
aufgestellte Natura sorgte. 

Der Chäbiir hat bei Sauar eine Breite von 25 — 30 m; dieses dürfte 
auch die Durchschnittsbreite des Plusses von hier an aufwärts bis 
zu seiner Vereinigung mit dem Gar^ar sein. Er ist der einzige Neben- 
fluss, den der Euphrat unterhalb der Belich-Mündung empfängt. Der 
eigentiiche Chäbur, welcher am Karaga Dar südwestlich von Diärbekr 

^y<f j\)^ entspringt, und dessen Hauptquelle sich bei dem uralten 

Dorf Ras el *Ain J;vJ\ ^\j (»Quellenkopf«) befindet, fliesst in seinem 

oberen Laufe der Hauptsache nach südöstli'^h, bis der reissende und 
wasserhaltige 6argar ihm seine eigene nord-südhche Richtung aufzwingt. 
Die Mündung des Chäbür in den Euphrat liegt eine Tagereise unter- 
halb Sauar bei der Ruine der alten Römerfestung Circesium, welche selbst 
wiederum von ed Der kaum eine Tagereise entfernt ist. Von den 
weiteren Nebenbächen des Chäbür unterhalb der Einmündung des öargar 

mögen nur die beiden grössten erwähnt werden, der el Hol J^^, der 

Abfluss des im Westen des Singär gelegenen gleichnamigen Sumpfes, 

und der Sche*ib Abu Hamda <ia^ y \ ,^..^jäJI>, der sich oberhalb des 

*) Vergl. Sachau, Reise in Syrien und Mesopotamien, Leipzig 1883, S. 296. 



12 Kap. X. BeiHüsse des Chabüi. — Seine Schiffbarkeit, 

Teil Fadram in den Chäbiir ergiesst. Diese beiden Hache dürften die 
einzigen sein, die auch im Sommer Wasser führen. Ueber zwei andere 
Wasserläufe, den Dürin und den et Tef, die auf Grund der Erkundi- 
gungen Sachaus in dessen Karte eingetragen sind und den Tel! Scheddäde 
gegenüber in den Chäbür münden sollen, habe ich an Ort und Stelle 
nichts erfahren können. Allerdings sind auf beiden Seiten des Flusses 
zahlreiche Einschnitte in der Ebene sichtbar, welche im Winter nicht 
unbeträchtliche Räche darstellen mögen. Da die Wasserscheide zwischen 
dem Chäbür und (iar^ar einerseits und dem Tigris andererseits sich in 
der nächsten Nähe des Tigris befindet, wird durch den Chäbür und 
dessen Nebenflüsse das gesamte nördliche Mesopotamien vom Beiich 
bezw. Ciebel Tektek an fast bis nach Mösul hin entwässert. 

Der Chäbür ist auch im Sommer wasserreich und selbst in der 
heissesten Jahreszeit so tief, dass er nur an wenigen Furten passiert 
werden kann, und selbst dort reicht das Wasser noch bis zur Schulterhöhe. 

Fähren giebt es nur bei el Busera öj\^\ Sauar und Scheddäde. Diese 

bestehen aus einem primitiven Boote, welches der Schiffer vermittelst 
einer Leine, die er an beiden Ufern befestigt, über den Fluss zieht. • 

Die Schiffbarkeit des Chäbür ist bisher nur einmal versucht worden, 
und zwar durch Colonel Chesney*) gelegentlich seiner Befahrung de> 
Euphrat am 19. Mai 1837, also zu einer Zeit, zu welcher der Wasser- 
stand noch hoch war. Chesncy fuhr mit dem kleineren seiner beiden 
Fahrzeuge vom Euphrat aus den Chähur hinauf. Der X'crsuch scheint 
misslungen zu sein, wenigstens giebt der die Expedition begleitende 
deutsche Naturforscher Helfer^) an, dass der Dampfer nur 10 englische 
Meilen aufwärts hätte kommen können. Der Misserfolg mai^ vielleicht 
in erster Linie in dem ungeeigneten Bau des Fahrzeuges seinen Grund 
gehabt haben. Aber von unweit oberhalb Sauar an scheint eine Befahrung 
des Chäbür flussaufwärts thatsächlich au.sgcschlossen zu sein, da er dort, 
wie an verschiedenen anderen Stellen oberhalb, Stromschnellen und Fels- 
bänke aufweist, deren Beseitigung zu grosse Schwierigkeiten verursachen 
dürfte. Die Ufer sind nur an einzelnen Stellen mit niedrigem Gestrüpp besetzt. 
kaum dass man Brennmaterial und etwas Kamclfutter findet. Layards^) 
Bemerkung, dass die Ufer bewaldet seien, habe ich nirgends bestätigt ge- 
funden; es ist jedoch nicht unmöglich, dass seit jener Zeit der Baumbestand 
am Chäbür vollständig ausgerottet worden ist, wie es anderwärts, so am 
unteren Tigris, thatsächlich geschehen ist. Im übrigen zeigte sich das ganze 



^' Vergl. Chesiiey, Xarrative of the Kuplirates Expedition, Lond*»n 1S6S, S. 250. 
-^ \'ergl. Joh. Willi. Helfers l<ei.scn iu Vorderasien und Indien, von Grätin l'auline 
Nostiz, Leipzigs 1873, '^- 244. 

' Verj;;!. Layard, Niniveh und Babylon, übersetzt von Zenker, Leipzig, S. 230. 



Kap. X. Die Kuinenhiigel am Cbabur. j^ 

Chäbürthal, soweit wir es passierten, fast öde und vegetationslos, nur an 
einten wenigen Stellen sahen wir die Zelte oder die ebenso leicht trans- 
portablen Riedhütten von Beduinen und Landstriche, welche in der 
kühleren Jahreszeit unter Kultur stehen dürften. 

Dagegen sind die Ruinenhügel am Chäbür so zahlreich, dass 
es ohne gründliche Einzeldurchforschung kaum möglich sein dürfte, 
die von den klassischen und arabischen Schriftstellern genannten 
Chäbur- Ortschaften zu identificiercn, zumal die heutigen Namen nur in 
ganz vereinzelten Fällen Anklänge an die alten Bezeichnungen erkennen 
lassen. Die Schutthügel unterscheiden sich von den natürlichen, mit denen 
sie die arabische Bezeichnung Teil gemein haben, dadurch, dass ihre 
ganze Oberfläche mit zahlreichen glasierten und unglasierten Scherben 
bedeckt ist und auch um sie her der Boden aus mehr oder weniger 
hohen Schutthaufen besteht. Von den Teils des Chäbür-Thales dürfte 
manchmal ein und derselbe Hügel die Ueberreste von Städten aus 
mehreren, durch Jahrhunderte getrennten Perioden, aus der assyrisch- 
babylonischen, der römisch-byzantinischen und der arabisch-mittelalterlichen 
Zeit bergen. Ihre jetzige Form haben die Schutthügel dadurch erhalten, dass 
in den ehemaligen Niederlassungen nur die Hauptgebäude (Tempel, 
Burg) und diese wiederum nur in ihren unteren Teilen aus festem Material 
bestanden, während der Oberbau und die umliegenden Häuser — wie 
noch heute in den Oasenstädten der Wüste — aus leichten Luftziegeln 
errichtet waren, die nach dem Untergang der Stadt von den Regen- 
i^üssen aufgeweicht wurden und in sich zusammensanken, das feste Mauer- 
werk mit einer Erdschicht überkleidend. Auf den derart entstandenen 
Schichtungen wurden in späteren Perioden die Akropolen der neuen 
Städte errichtet und derselbe Prozess wiederholte sich von neuem^). 

Leider gilt gerade die Umgegend des Chäbür als einer der ge- 
fährlichsten Teile der asiatischen Türkei. Da der Fluss dauernd Wasser 
hat, so ermöglicht er zu jeder Jahreszeit zahlreiche Razu. Der erste 
Europäer, der uns in diesem Jahrhundert aus eigener Anschauung Kunde 
vom Chäbür gebracht hat, ist Henry A. Layard, der bekannte Erforscher 
von Niniveh und spätere englische Botschafter in Konstantinopel, der 
im September 1894 verstorben ist. Dieser unternehmende Mann hat im 
Jahre 18 50, von Mösul kommend, hauptsächlich Ausgrabungen in *Arbän 
veranstaltet, den Chäbür jedoch nur vom Teil Kökab bis zum Teil 
Schemsäni besucht. Die in ihren geographischen Angaben stets sehr 

\- Kin sehr interessantes Beispiel für das Aufeinanderbauen in verschiedenen Zeiten 
liefert der erst kürzlich von dem En^^fländer Flinders Petrie und dem Amerikaner Bliss im 
südlichen Ptdäatina aufgegrabene und untersuchte Schutthügel Teil il Ilesi, der für das alte 
I«achis ^It. In diesem sind die Trümmer von nicht wenif^er als acht, vielleicht sogar elf 
Städten der verschiedensten Zeitalter festgestellt worden. 



I^, Kap. X. Frühere Forachungsreisende im Chähurthal. — Den Chabur aufwärts. 

dürftigen Blunts^) haben auf ihren Reisen durch Mesopotamien im 
Jahre 1878 den Fluss beim Teil Fadram auf einem kleinen, von den 
Schammar hergestellten Floss überschritten. Im Winter 1880 hatte 
Professor Sachau die Absicht, den Chäbür bis zum Teil Kökab zu 
untersuchen, musste aber wegen der Ungunst der Verhältnisse, infolge 
starker Kälte und eines in dieser Gegend immerhin seltenen Schneefalles, 
davon Abstand nehmen. Er verliess bei Sauar den Fluss, dem er von 
Circesium gefolgt war, um südlich des Sing^är Mö§ul zu erreichen^). 
Im Jahre 1887 gelangten Professor Moritz und Architekt Dr. Koldewey auf 
der Rückreise von ihren in Babylonien ausgeführten Ausgrabungsarbeiten 
von Mö3ul kommend oberhalb *Arbän an den Chäbür und verfolgten den 
Fluss bis zu seiner Mündung^). Der Lauf des Gar^ar südlich von Nesibin 
war dagegen noch vollständig unerforscht. Layard hat nur seine Mündung 
in den Chäbür bei Teil Kökab gesehen und Haussknecht ihn in seinem 
unteren Lauf einmal gekreuzt. 

Am 5. August, um 10 Uhr 15 Minuten vormittags, brachen wir 
von Sauar auf, um den Chäbür aufwärts zu marschieren. Der 
Fluss machte sehr bald einen grossen Bogen nach Osten, während 
wir zunächst in nordnordöstlicher und dann in nördlicher Richtung 
unseren Weg durch die kahle Ebene einschlugen. Um 12 Uhr 
zogen wir an einem links vom Chäbür gelegenen und von 'Agedät 
bewohnten Dorfe vorbei, dessen Hütten aus Zweigen und Binsengeflecht 
hergestellt waren. Aehnliche Hüttendörfer bemerkten wir noch öfter 
während des Marsches auf der linken Flussseite. Um i Uhr erreichten 

wir den Teil el Hu§en ^jwiA-l C, dem gegenüber auf der Ostseite 

des Chäbür der Teil esch Schech Hamed JUJ"\ äx-üJI t liegt. Der Teil 

el linken ist ein circa 150 Meter langer, von Osten nach Westen sich er- 
streckender, etwa 40 Meter breiter und 10 bis 12 Meter hoher Schutthügel, 
an dessen Westseite sich, nach der dortigen Erderhebung zu schliessen, 
eine Stadt von geringer Ausdehnung angeschlossen haben muss. Auch 
der gegenüberliegende Teil esch Schech Hamed birgt zweifellos alte Stadt- 

»^ a, a. O. Bd. 1 S. 340. 

') Sachau schreibt u. a. O. S. 294: »Unter diesen Umständen musste ich schweren 
Herzens mich entschliessen, meinen Plan aufzug^eben, und wenn ich meine Gründe in solcher 
.\uiführlichkeit mitteile, so {geschieht das, am mich im Voraus fregren den Vorwurf zu schützen, 
als hätte ich die Gelegenheit, den so wenij? bekannten unteren und mitüeren Lauf des 
Chäbür zu erforschen, eine Gelegenheit, welche vielleicht sobald einem deutschen Reisenden 
nicht wieder jq^boten wird, mir ohne Not entfachen lassen.« 

') Bis jetzt ist nur ein Teil der Route in der Karte von Moritz, Zur antiken Topo- 
graphie der Palmjrrene, wiedergegeben; eine eingehende Darstellung ihrer Forschungs- 
ergebnisse haben liie beiden gelehrten Reisenden bisher leider nicht veröffentlicht. 



Kap. X. Der Ruinenhüjjel von Margada. I c 

reste. An diesem Teil sahen wir ebenfalls eine grosse Niederlassung 
der *Agedät. Von i Uhr 35 Minuten bis 4 Uhr 55 Minuten wurde an 

einer Furt esch Schari*a AjüyJ:iV) Rast gemacht Wenig unterhalb dieser 

Stelle rajgten Blöcke, die zu einer den Fluss durchsetzenden Felsbank 
gehörten, aus dem Wasser hervor. Gegen 5 7» Uhr erblickten wir wieder 
menschliche Wohnungen. Am linken Flussufer stand abermals ein aus- 
gedehntes Hüttenlager der 'Agedät, die hier das Land im Auftrage Färis 
Paschas beackerten. Für ihre Arbeit erhalten sie im Winter nur den 
achten Teil, im Sommer dagegen die Hälfte dieser zweiten Ernte, den 
Rest müssen sie an den Schammarschech abliefern. 

Um 5 Uhr 40 Minuten überschritten wir das bis auf einige Lachen 
ausgetrocknete Bett eines Winterbaches, den man mir als stark salz- 
haltig bezeichnete. Ein Schutthügel in geringer Entfernung deutete 
wieder auf eine alte Stadt. Um 6 Uhr bekamen wir zum ersten Mal 
deutUch die schönen, langgestreckten Höhenzüge des Gebel Singär zu 
Gesicht, und 6^2 um Uhr erreichten wir den imposanten Ruinenhügel von 

Margada öJ3^. Der Hügel hat fast quadratische Form bei 15 m 

Höhe und 150 bis 200 m Seitenlänge. Er ist zweifellos aus der Burg 
des alten Ortes entstanden, während dieser selbst durch das ringsum, 
namentlich an der Südseite sich ausdehnende Trümmerfeld bezeichnet 
wird, dessen Dimensionen erkennen lassen, dass hier einst eine grössere 
Stadt gestanden haben muss, als an den Stellen der bisher erblickten Schutt- 
hügel. Auf eine spätere Blüte in mittelalterlicher Zeit deuten die noch gut 
erhaltenen Mauerreste am Fluss und mehr landeinwärts. Es ist möglich, 

dass wir hier die Trümmer des alten Mäkisin Jju5 L« vor uns 

haben. In den Fluss ragen Baureste hinein, welche auf eine zerstörte 
Brücke schliessen lassen, von deren früherer Existenz bei Mäkisin 
Istachri uns berichtet'^). Hoch oben auf dem Teil von Margada stehen 
Ruinen aus jüngster Zeit. Anfang der 70er Jahre dieses Jahrhunderts 
hatte der Mutejjarrif Arslän Pascha von ed Der Baggära- Beduinen ge- 
zwungen, hier Steinhäuser zu bauen und sich dauernd sesshaft zu machen. 
Dieser wohlgemeinte Versuch einer Civilisierung der nomadisierenden 
Chäbür-Bewohner misslang jedoch vollständig. Die in Margada und 
anderwärts am Chäbür errichteten Häuser wurden bald nach dem Weg- 
gang Arslän Paschas verlassen und sind bereits heute verfallen. 



') esch Schari*a bedeutet Furt. 

') Vergl. Istakhn, ed. de Goeje, S. 74, Anm. In Mäkisin wurde Ocl gepresst und 
war ein blühender Baumwollenmarkt. Vergl. auch Ihn Chordädbeh, S. 96, und Abulfeda^ 
S. 283. 



l6 Kap. X. Die Hüfjclkctte el Homme. 

Von dem Burghügel bietet sich eine weite Aussicht über das 
Chäbur-Thal bis hin zum Sin^är, im Westen dagegen hemmen den BHck 
über die Steppe die mit basaltischen Blöcken bedeckten, jedenfalls 

vulkanischen Höhen, el Homme <4>-\ genannt, welche, etwa 2 km 

südlich Margada anhebend, westlich vom Fluss das Thal einrahmen. 

Wir. brachen von Margada am Sonntag, den 6. August, um 8 Uhr 
20 Minuten auf, und immer in nördlicher Richtung marschierend, trennten 
wir uns von dem Flusse, der hier eine grosse Biegung ausführt. Auch von 
der vulkanischen Hügelkette el Homme zu unserer Linken entfernten wir 
uns bald hinter der Ruinenstadt, wo sie einen weiten Halbbogen land- 
einwärts nach Westen zu beschreibt. Um lO Uhr lO Minuten trat das 
nördliche Ende des halbkreisförmigen Höhenzuges wieder an den Weg 
heran. Diese Stelle des Gebirges wird von den Arabern Chischm 

äT^ (i'Xase^ oder > Vorsprung«) genannt. 

Um IG Uhr 40 Minuten lag zu unserer Rechten der Ruinenhügel 
von Teil Schemsäni <** L^w t, bis zu dem Layard*) auf .seinem Aus- 
fluge von *Arbän flussabwärts gelangt war. Moritz und Sachau verlegen 
auf ihren Karten den Schemsäni irrtümlich auf das linke Chäbürufer; 
der Hügel befindet sich auf der westlichen Seite des Flusses. 

Die Hügelkette el Homme hatte sich von el Chischm an unseren Weg 
entlang nordwärts gezogen, bis sie um 10 Uhr 50 Minuten ganz aufhörte. Auf 
der anderen, östlichen Seite erschienen jetzt zahlreiche Zelte, die das Ufer 
in einer Ausdehnung von etwa ^ 4 Stunden nordwärts bedeckten. Sie 
gehörten zu einem hierher versprengten *Aneze-Stamni, einer Zweig- 
abteilung der Ibn Haddäl J\JLÄ ^J\, die sich mit ihren Stammes- 
genossen entzweit hatten und mit Erlaubnis des Schcch Färis nach 
Mesopotamien gekommen waren. 

Um iiV'2 Uhr hatten wir den Teil el Fadram [J^jJi"^) J^jJ^^ JJ, 

zweifellos wieder einen alten Ruinenhügel, rechts von uns. Zur Linken, 
also im Westen unserer Route, tauchten die drei von Süden nach Norden 

sich hinziehenden Tulül el Ma*ze äJäH J^ (»Ziegenhügei«) hinter den 

Ausläufern des Homme-Gebirges auf Gegen 12 Uhr wurde das Terrain 

*) Layard a. a. O. S. 227 schreibt Sheinshani; mir wurde die im Text mitgeteilte 
Schreibart gegeben, so auch Jä\j:ät Bd. III S. 319. 



Kq]). X. Scheddade. I7 

wieder stark wellenförmig, und unsere Führer zeigten uns von hier aus, 
anscheinend im Osten von Scheddade, einen Hügel Namens SchbSse 



Um i^/i Uhr erreichten wir den grossen Ruinenhügelkomplex von 

Scheddade S^^JLi, den wir schon fast zwei Stunden vorher erblickt hatten. 

Der Haupthügei erstreckt sich von Süden nach Norden, seine Höhe 
beträgt etwa 6 m, die Breite 50 — 60 m, an seinem südlichen Teile ist er 
etwas schmaler. Ueberrag^ wird das kleine Plateau an seinem Nordost- 
ende noch von einer mindestens 15 m hohen, kegelförmigen Spitze, 
während sich dem Südende eine breitere Erhebung vorlagert, die fast 
bis an den Rand des Chäbur herantritt. Die alte Stadt dehnte sich im 
Westen und Südwesten von diesem Hügel aus, wie noch zahlreiche 
weitere Schutthaufen beweisen. In dem südlichen Teile des Teil 
Scheddade, der hier von einer modernen Kischla gekrönt ist, haben 
Grabungen .stattgefunden, durch welche kleinere Gebäude blossgelegt 
sind, die aus festen Luftziegeln erbaut waren. Wahrscheinlich sind 
diese Grabungen ausgeführt worden, um mit dem gefundenen Material 
die Kischla zu erbauen. Wir fanden das h^ort von Scheddade geräumiger 
als die von *Ain il Bcdä, Bir Gabägib und Sauar; es bildeten 
ein rechteckiges, nach Süden hin offenes Gebäude, das mit seinen Woh- 
nungen und Stallungen genügend Raum für einige Dutzend Zaptije bot. 
Am Fuss des Hügels, zwischen diesem und dem FIuss, hatten die 
Gendarmen eine kleine Niederlassung begründet, wo sie mit ihren 
Familien und einer Schafherde hausten. Ihre Wohnstätten glichen den 

gewöhnlichen Riedhutten (I^Ijlw plur. Ja^ljLw) der Chäbür-Beduinen. 

Die Wände bestanden aus zusammengebundenen Rohrmatten, die sich 
aufrollen und leicht transportieren Hessen; das Dach war aus Schilf und 
Baumästen oder auch aus altem Zelttuch hergestellt. Dicht unterhalb 
des Ruinenhügels, unweit der Stelle, wo ein von Westen kommender, 
im Sommer ausgetrockneter Nebenfluss in den Chäbiir mündet, fanden 
wir wieder eine Fähre, der von Sauar ähnlich, jedoch in schlechterem Zu- 
stand. Ktwas oberhalb der Kischla stand eine Nä'üra, einer dortigen 
Ansiedelung der Baggära gehörig, deren Dörfer auf der linken Seite des 
Flusses lagen. 

Scheddade ist wegen seiner Wichtigkeit als Station auf dem Kara- 
wanenwege Der ez Zör— Mö.«?ul Sitz eines zum Mute§arriflik ed Der gehörigen 
Mudir. Hier überschreitet auch die Verkehrsstrasse den Chäbiir, führt 
dann in gerader Linie auf das Westende des öebel Singär zu und zieht 
sich an dessen Südseite bis Mö§ul hin. Eine andere, weniger benutzte 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer cum Persischen Golf. II. 2 



l8 Kap. X. Scheddäde. 

Strasse, die wir einschlagen wollten, folgt dem Lauf des Chäbür aut 
seinem rechten Ufer bis zur Einmündung des öargar und läuft an 
diesem aufwärts bis Ne§ibin, wo sie den Anschluss an die grosse Strasse 
Diarbekr — Mö$ul erreicht. 

Der Mudir von Scheddäde hat gleichzeitig eine gewisse Aufsicht 
über die Chäbür - Beduinen auszuüben. Ihm standen zu meiner Zeit 
15 — 20 Zaptije zur Verfügung, eine im Verhältnis zu anderen Kischla- 
Besatzungen ziemlich bedeutende Anzahl. Zwischen den Zaptije und den 
Soldaten meiner Eskorte entspann sich ein Streit, weil erstere an den 
Fouragierversuchen meiner militärischen Begleiter Anstoss nahmen. 
Diese hatten erwartet, in Scheddäde grössere Quantitäten Gerste und 
Proviant zu finden, um ihre verhältnismässig gering bemessenen Vorräte 
zu ergänzen, und sahen sich in ihrer Hoffnung getäuscht. Hatten wir in 
der Syrischen Wüste mit Wassermangel zu kämpfen, so wurde jetzt der 
Mundvorrat fiir Menschen und Tiere immer knapper, so dass längerer 
Aufenthalt auf dem Marsche unmöglich war. Auch in der folgenden 
Station HesSke war es meinen Begleitern nicht möglich, ihre Vorräte zu 
ergänzen. 

Der Mudir hatte gerade die Absicht, sich krankheitshalber auf Ur- 
laub nach Mö§ul zu begeben und benutzte gern die Gelegenheit, sich unserer 
Karawane anzuschliessen. Infolge der bereits envähnten kriegerischen 
Verwickelungen mit den Jeziden war die gewöhnliche, südlich vom Sing^är 
fuhrende Route nach Mö.'jul gesperrt, und auch der Marsch durch die 
Steppe im Norden für einzelne Reisende nicht ohne Gefahr. Da seine 
Vorbereitungen sich verzögerten, musste er uns nachreiten; er holte uns, 
nachdem wir Ne^^ibin passiert, im Lager des Färis ein, blieb dann aber 
bis Mö^ul bei unserer Karawane. 

Unser Aufbruch von Scheddäde erfolgte am nächsten Morgen 
7 Uhr 20 Minuten. Links von uns lag die weite Ebene, welche von den 

Beduinen die Wüste Ba*äg ^U» , genannt wird. Gegen 87« Uhr lag 

rechts vom Weg noch auf unserem westlichen Chäbür-Ufer ein grösseres 
Baggära - Dorf, angeblich aus 200 Zelten und Hütten bestehend. Die 

Lokalität führte den Namen el Rar^äne i»l5^\, denselben, der auch 

für einen um 9 Uhr 25 Minuten rechts auf der östlichen Seite des Flusses 
sichtbaren Hügel angegeben wurde. 10 Uhr 20 Minuten passierten wir 

einen weiteren Hügel, den Teil Musetir ^;\Lju^ t, auf dem linken 

östlichen Flussufer gelegen. Weiter östlich von diesem zog sich die 
Hügelkette Teil Schbi^se in der Richtung WO. zum Chäbür hin. 

Nachdem wir um io*/i Uhr zum ersten Mal den Teil Kökab weit 
vor uns im Norden erblickt hatten, gelangten w4r eine halbe Stunde 



Kap. X. 'Arbän. 



19 



später nach *Arban jl^^, das von den Beduinen *Agabe^) A>\^ 

genannt wird. 

Die Reste von 'Arbän sind in verschiedenen Hügeln verborgen, deren 
bedeutendster, unmittelbar am Chäbür gelegen, zum Teil vom Wasser 
fortgerissen ist, so dass seine dem Fluss zugekehrte Wand fast senkrecht 
abfällt. An derselben erkennt man deutlich alte Mauern, die aus Luft- 




Stier von *Arban (nach Layard). 

Ziegeln aufgeführt sind. Hier hat Layard einige röhrenförmige und wage- 
recht laufende Löcher mitten in die Wand eingegraben und dabei sehr 
wichtige Funde gemacht. Der bemerkenswerteste war die Entdeckung 
mehrerer geflügelter, menschliche Köpfe tragender Stiere von derselben 
Art, wie sie in Ninive sich finden, wenn auch in einem viel roheren 



') Sachnu a. a. O. S. 296 nennt es irrtümlich Adjadje. Die von ihm erkundete Route 
▼00 TeU Scheddäde nach Harrän nennt als dritte Station gleichfalls ein 'Aga§;e. Mög^lich, 
dass sie mit dem Teil *A^be oder 'Arbän am Chäbür identisch ist, die zwischenliegenden 
Stationen Teil Marfije und *Ain es Si^l also im Chäbür-Thale zu suchen wären. 



20 ^P* ^« Geschiebte 'Arböns. 

und plumperen Stil. Einer dieser Stiere steht noch heutzutage an Ort 
und Stelle und wendet den Kopf dem Innern der Höhle zu; er hat 
eine Höhe von i^'* m*). Die Steinplatte, aus welcher er gearbeitet 
ist, besteht aus einem weissen weichen Kalkstein und ist 25 cm breit. 
Grössere Inschriften, die uns über die Blütezeit und über den alten 
Namen, kurz über die ältere Geschichte des Ortes Aufklärung geben 
könnten, hat Layard nicht gefunden. Winckler*-*) i.st der Ansicht, dass 
die Monumente einer autochthonen »mesopotamischen« Kultur entstammen, 
die vor der assyrischen Periode läge, aber mit der altbabylonischen 
Kultur in enger Venvand tschaft stände. Gegen 1500 v. Chr. erfolgten 
dann Einwanderungen von Nomadenstämmen aramäischer Nationalität, die 
allmählich das ganze Land sich unterwarfen. Erst in der ersten Hälfte 
des 9. Jahrhunderts v. Chr. wurde nach einer vorübergehenden Invasion 
der Pharaonen das Chäbür- Gebiet dem Reiche der Assyrier einverleibt. 
Zwar findet sich der Name *Arbän nicht unter den Städten, welche die 
Assyrierkönige nennen; doch kann es keinem Zweifel unterliegen, dass eine 
derselben 'Arbän sein muss-^). Dass die Stadt auch nach der a.ssyrischen 
Periode weiter existiert hat, ist zweifellos, wenn wir auch erst nach den> 
Beginne unserer Zeitrechnung von ihr hören. Alexander der Grosse, den 
sein Zug von Syrien nach Persien durch das Chäbürthal geführt haben 
muss, dürfte die Stadt berührt haben, wenn auch seine Geschichtsschreiber 
nichts darüber sagen. Erst Ptolemäus nennt sie wieder. In der späteren 
römischen Zeit hatte 'Arbän besondere militärische Wichtigkeit als Haupt- 
station auf der Grenzlinie gegen das Partherreich. Diese Linie wurde 
vom Chäbur und (iargar gebildet; ihr Stützpunkt im Norden war Nisibis» 
im Süden Circesium. In der damaligen Zeit war das Chäbürthal, wie wir 
aus der Notitia dignitatum^) und Procop'*) wis.sen, stark befestigt und mit 
zahlreichen Gami.sonen besetzt. 

Die Eroberung *Arbäns wie der Städte des ganzen Chäbiir-Gebietes 
durch die Muhammedancr erfolgte auf friedlichem Wege**). Auch in der 
arabischen Periode war *Arbän noch die Hauptstadt des Chäbür-Landes") 



*^ Der amierc Stier ist mit weiteren Kunden in das liritish Museum irewandert. 
Verjjl. Layard, Niniveh und Babylon, übersetzt von Zenker. .S. 208 flf. Kr trägt eine 
kurze Keilinschrift, wonach er von einem Fürsten Muschesch-Ninib herrührt. Vergl. auch 
Winckler, Geschichte Habyloniens und Assyriens, l^ipzig 1S92, S. 150. 

-) a.a.O. S. 140—143, 149, 150, 155. 156, 159, 163 — 165, 167, 16S; verirl. auch 
Winckler, Altorientalische Forschungen, i. Reihe 1893 — 1897, S. 75 — 97, 140 — 15S, 201 — 243. 
/besonders 227 ff.', 380—389, 551. 

'' V'erjjl. E. Meyer, Geschichte des Altertums I, Stuttgart 1884, S. 334. 

V^ Not. dignit. ed. Seeck, Kap. XXXV und XXXVI. 

'*] Procop, De Aedificiis II, 6. 

"' Vergl. Belädsori, S. 178. 

^} Nach MoVaddasi bei Sprenger, Die Post- und Reiserouten des (.Orients, S. 164. 



Kap. X. Aus den Ruinenfeldern von ^Arban. 21 

und der grosse Stapelplatz für Baumwolle. Jedenfalls wird sie von Geo- 
graphen und Historikern als blühende Stadt häufig genannt. Wann ihre 
Zerstörung, wie überhaupt die Verwüstung des ganzen Chäbür-Gebietes ein- 
getreten ist, darüber kann man bis jetzt nur Vermutungen hegen. Vielleicht 
ist sie zur Zeit der mongolischen Invasion unter Timur erfolgt; einer 
seiner Feldherren dürfte den Weg durch das Chäbürthal genommen 
haben. Alsdann werden die nomadisierenden Beduinen die Oberhand 
gewonnen, die letzten Bewohner fester Orte verdrängt und neue Ansiede- 
lungen verhindert haben; die Bewä.sserungsanlagen verfielen infolge dessen, 
und damit vollzog sich die Umwandlung des fruchtbaren Landes in die 
jetzige öde Steppe. Jedenfalls wird seitdem keine Stadt im Chäbürthal mehr 
erwähnt. Systematische Ausgrabungen, gerade in *Arbän, werden gewiss 
für die alte Kultur des Landes bedeutungsvolle Ergebnisse liefern. 

Ausser den von mir genannten grossen Schutthügeln finden sich 
noch in nächster Nähe zahlreiche andere kleinere Teils, die wohl zu dem 
Gesamtgebiete von *Arb»Hn gehören und ebenfalls auf frühere Ortschaften 
schliessen lassen. Aus arabischer Zeit sind besonders bemerkenswert 
die Trümmer einer grossen steinernen Brücke. Von ihr sind noch 
drei Pfeiler mit den dazu gehörigen Bogen erhalten, die aus grossen 
behauenen Quadern kunstvoll ausgeführt sind und neben Ornamenten 
schöne, in Hochrelief ausgeführte Inschriften tragen. Leider zwang uns 
der Futtermangel unserer Karawane zum Weitermarsch noch am selben 
Tage, so dass mir keine Zeit blieb, die Inschriften von dem sie be- 
deckenden Schutt zu befreien. Was davon lesbar war, war Folgendes: 



j^J^ O^J^ ^^ ^^ 



Ein Datum oder ein bestimmter Name, aus dem sich auf die Zeit 
der Erbauung der Brücke schliessen Hesse, ist aus diesem Text nicht 
festzustellen. Die ganze Bauart zeugt von einer hohen Reife, und die 
Stärke des Bauwerks spricht dafür, dass der Verkehr mit dem gegenüber- 
liegenden Ufer ein bedeutender gewesen sein muss'). Da die Pfeiler 

*) Herrn Prof. de Goeje verdanke ich die Mitteilung, dass diese Brücke von den 
arabischen Autoren nicht erwähnt wird. Ihn H^u^^l* ^' I39» ^fiebt einen Weg, der von el 
ChanüVa am Eaphrat, zwei Tagereisen oberhalb Karkisia ;ibid. S. 155), näher an Ra^^a, 
nach 'Arbän in vier Tagereisen, von da nach Singär in zwei Tagen führte. Vom Sing^är 
setzte sich die Strasse natürlich nach Mö^ul fort; von cl Chanü^a f^Dg der Weg den Euphrat 
aofwärts nordwestlich nach Raj^l^a. 



22 Kap. X. Von 'Arbän nach Teil Hesdke. 

gegenwärtig auf dem Lande stehen, ist anzunehmen, dass der Chäbür, 
wie auch der Absturz des gprossen Schutthügels beweist, sein Bett in- 
zwischen nach Osten zu verändert hat. 

Von den Ruinenhügeln von *Arbän aus, auf deren Plateau sich 
zahlreiche Beduinengräber befinden, konnten wir im Norden deutlich den 
dunkeln Teil Kökab erkennen. Von Osten, jenseits der Steppe, blickten 
die Abhänge des öebel Singär herüber, und im Westen säumten den 
Horizont die niedrigen Höhenzüge des noch völlig unbekannten öebel 
'Abd el 'Aziz, der von den meisten erhöhten Punkten am Chäbör sichtbar 
ist und anscheinend in der Entfernung einer guten Tagereise dem Flus-e 
parallel läuft. Layard*) nennt den Cebel *Abd el *Aziz eine niedrige, 
bewaldete Bergkette; auch Sachau*) glaubt, wohl auf Grund der Mit- 
teilungen von Beduinen, dass der Gebirgszug baumreich sei; ich konnte 
bei der grossen Entfernung, die mich von dem Gebirge trennte, keine 
Waldungen erkennen. Hier sollen heute noch wilde EseP) vorkommen; 
den Erzählungen meiner Beduinen zufolge sollten im (lebel 'Abd el *Aziz 
fremdartigen Stämmen angehörige Räuber hausen. 

Gegen 37* Uhr bestiegen wir wieder die Pferde; unsere Karawane 
war, wie immer, bis zu ihrem heutigen Endziele durchmarschiert und 
hatte sich in ihrem fast stets sich gleich bleibenden Tempo nicht 

aufhalten lassen. Wir überschritten um 4 Uhr 45 Min. el Fakir j^^ (>der 

Arme«)*) und bald darauf el Meilabije aJLII, zwei tiefe Einsenkungeu, 

die offenbar das Wasser des *Abd el 'Aziz dem Chäbür zuführen; weiter um 

SV* Uhr den Wädi esch Schech Sieb ^_JL^ jzxti\ (S^^^- Hinter diesem 

Wädi sahen wir mehrere Hügel, zwischen denen hindurch der Weg 
direkt auf den Fluss hinführte. Gegenüber erhob sich auf dem Ostufer 

der Teil Täbän jli^ |J, auf dessen Spitze ein Mazär J^\^ steht, der 

das von einer Kuppel überwölbte Grab des Oberschechs der Gebär, 

Muhammad Amin jf<A Jjt', enthält. Muhammad Amin hat Layard bei 

seinen Ausgrabungen hilfreich zur Seite gestanden und soll nach Aussage 
meiner Beduinen schon vor vierzig Jahren, also etwa vier Jahre nach 
Layards Anwesenheit, gestorben sein, doch ist auf solche Angaben 

^^ n. a. O. S. 206. 

-^ a. a. O. .S. 295. 

^ Abbildunf^en von Jagden auf wilde Esel finden sich in assyrischen Darstellungen. 
Vergl. die Abbildung: in Kap. XIV dieses Werkes S. 185. 

^; Herr Professor de Goeje machte mich darauf aufmerksam, dass Faj^ir auch eine 
Einsenkunf^ bedeutet, in der sich Brunnen befinden. 



Kap. X. Der Teil Täbän. 23 

wenig Verlass, da die Beduinen für Zeiten und Zeitmasse ebensowenig 
Sinn haben, wie für Entfernungen. — Layard fand bei seinem Besuch 
auf Teil Täbän Reste einer modernen Befestigung und in der Nähe des 
Hügels eine Steinumwallung, die von Mubammad Amin als Zufluchts- 
stätte für die öebür gegen Angriffe der 'Aneze angelegt war. Zwischen 
*Arbän und Täbän nennt er am linken Ufer des Chäbür zwei Ruinen- 
hügel, Mishnak und Abou Shalah*). Etwa 4V2 Stunden nördlich von 
*Arbän lagerte Layard an einem auf dem linken östlichen Chäbür-Ufer 
gelegenen Platz Namens Nahab in der Nähe eines grossen Hügels. Dicht 
dabei am Flusse bemerkte er Reste von Steinmauern, nach seiner An- 
nahme Ueberreste alter Bewässerungsdämme, und einen Hügel Teil 
Mehleibiyah. Vier Meilen weiter nördlich passierte er einen grossen 
Hügel Thenenir und in dessen Nähe wieder Steindammreste, Saba Sekour 
(»die sieben Dämme«) geheissen. Diese von Layard auf dem östlichen 
Chäbür-Ufer verzeichneten Ortschaften wurden mir, der ich im Gegensatz zu 
dem englischen Reisenden auf dem westlichen, also rechten Ufer marschierte, 
von meinen Begleitern nicht genannt. Unter dem Namen Täbän fasst 
man eine Anzahl von Ruinenhügeln zusammen, unter denen zweifellos 
die Trümmer der im Altertum mehrfach genannten Stadt Täbän begraben 
liegen. In der christlichen Zeit besass Täbän ein Kloster^), im Mittel- 
alter stand hier eine Ortschaft. Jäl^üt^) nennt Täbän ein kleines Dorf. 
Hier mündet der bereits erwähnte Abfluss des Chatünije Sees bezw. 

des Sumpfes el Hol Jji-^*). Bei Täbän macht der Chäbür einen grossen 

Bogen nach Osten, dem unsere Strasse zu folgen schien. 

Unser heutiges Reiseziel war die Kischla von HesSke, an der Ein- 
mündung des Gargar in den Chäbür, aber auf dem jenseitigen, linken 
Ufer des Flusses gelegen. Da wir unsere vorangeeilte Karawane möglichst 
bald einholen wollten, um bei ihrer Ueberschreitung des Chäbür zugegen 
zu sein, verliessen wir um s'/* Uhr den Fluss und nahmen durch die 
pfadlose Einöde unseren Weg auf einen weithin sichtbaren Berg zu, den 
wir für den Teil Kökab hielten. Bei einbrechender Dunkelheit verloren 
wir jedoch auf dem wellenförmig werdenden Terrain die Richtung. Wir 
durchschritten mehrere kleine wasserlose Wädi (vielleicht alte trockene 
Kanäle) und kamen an deutlich erkennbaren Ruinenresten vorüber, bei 
denen sich anscheinend • noch zerstörte Dammbauten befanden. Darauf 
passierten wir zur Rechten eine Erhebung, die uns vulkanischer Art zu 
sein schien. Anscheinend gehörte sie zu einem südlich von HesSke ge- 



') VergL Layard, Niniveh u. Babylon, übersetzt von Zenker, S. 230. 
*) yergL Assemani, Bibliotheca orieutalis, Bd. II S. 222, 226. 
*) Jä^ttt Bd. III S. 485. 
*) Vergl. Layard, Niniveh u. Babylon, übers, v. Zenker, S. 247. 



24 K^ap- -^- L)er Teil HesJkc. 

legenen, von. West nach Ost den oberen Chäbür entlang streichenden 
Hügelgebilde, das uns in Hesftke als Teil el Bint bezeichnet wurde. 
Endlich, nach mehrstündigem Umherirren, erblickten wir in der Ferne 
von Westen nach Osten sich hinziehende Lagerfeuer, die, wie sich später 
herausstellte, von Beduinen angezündet waren, die oberhalb der Ein- 
mündung des Gargar auf dem nördlichen linken Ufer des Chäbür lagerten. 
Erst nach längerem Suchen fanden wir mehrere Kilometer unterhalb der 
Stelle, an der wir den Chäbür wieder erreicht hatten, die Furt. Der 
Fluss war hier stark ausgetreten und mochte etwa loo m breit sein. 
Das Wasser reichte uns Reitern bis zum Knie. Als wir am anderen Ufer 
angekommen waren, fanden wir am Fuss eines bedeutenden Hügels in 
dem vom Gargar und Chäbür gebildeten Winkel die Zelte bereits auf- 
geschlagen; unsere Leute hatten nicht geringe Besorgnis um uns 
gehabt. 

Der Teil HesSke*) AX...^ C ist etwa 20 m hoch und setzt 

sich nach Norden hin in einem etwas niedrigeren, kleinen vulka- 
nischen Höhenzuge fort. Zahlreiche tiefschwarze Mauerreste, sowie eine 
Menge von Scherben, welche auf eine frühere grössere Niederlassung 
deuten, waren an seiner Nordseite sichtbar. Auf der höchsten Spitze 
stand eine Kischla, die zu unserer Zeit von nur wenigen, von dem 
Wilajet Diärbekr ressortierenden Zaptije besetzt war. Diese wohnten, 
gleich ihren Kameraden von Scheddäde, mit ihren Familien ausserhalb der 
Station in kleinen Rohr- und Lehmhütten. 

Vom Teil Hes(ike aus hatten wir eine umfassende Aussicht 
auf die Ebene, die nach allen Richtungen hin mit zahllosen kleinen 
Teils wie mit Maulwurfshügeln besäet erschien. Im Süden von uns 
hatten wir die am Tage vorher passierten vulkanischen Erhebungen des 
Teil el Bint und hinter diesem südsüdwestlich die Höhenzüge des *Abd 
el *Aziz. 

Der Vereinigungspunkt des Chäbür und des Gargar ist jedenfalls 
weiter nördlich, mehr nach Nesibin hin zu verlegen, als er auf den 
Karten bisher eingezeichnet worden ist. Ich war erstaunt, die auf den 
Karten zwischen dem Teil Hes^ke und Ne.sibin angegebene Entfernung 
in der kurzen Zeit von ca. 14 Reitstunden zurücklegen zu können. 

Nach meinem Tagebuch ergiebt sich, dass wir am ersten Tage 
zwischen ^d Der und Sauar 11 Kamelstunden und 8,25 Pferdestunden ge- 
ritten sind. Dies würde, die Kamelstunde zu 47« und die Pferdestunde 
zu 6 km gerechnet, ganz richtig für die Entfernung ed Der — Sauar 49*/« km 
ergeben. 

*} Die Beduinen der dortigen Gegend sprechen k wie tsch und nennen den Hütjel 
d Ilas^tschc. 



Kap. X. [2)ntferDung8bestimmuDgen. 25 

Am zweiten Tage sind wir zwischen Sauar und Margada nach 
dem Tagebuch 8,20 Kamelstunden und 6 Pferdestunden geritten. Dies 
ergiebt für die Kamelstunden 37Y« und für die Pferdestunden 36 km. 

Am dritten Tage, zwischen Margada und Scheddäde, sind nach dem 
Tagebuche nur die Pferdestunden, nämlich 5,25 verzeichnet. Dies würde 
einer Distanz von ca. 33 km entsprechen, wofür etwa 77« Kamelstunden 
notwendig wären, was auch der Wirklichkeit entsprochen haben wird. 

Am vierten Tage dürfte der Marsch zwischen Scheddäde und dem 
Chäbiir bei Teil HesiJke etwa 12 Kamelstundcn betragen haben, also 
ca. 54 km. Im Tagebuch notiert sind Pferdestunden zwischen Scheddäde 
und *Arbän 3 Stunden 40 Min., also gleich ca. 22 km, und ferner 
von *Arbän bis zum Wädi Sieb (Täbän) 2 Stunden 5 Min. Pferdestunden, 
gleich ca. I2\^a km. Da wir Reiter in der Folge unseren Weg verloren, 
sind die entsprechenden Zeitangaben für diesen Tag nicht mehr mass- 
gebend. 

Am fünften Tage brachen wir Reiter um 9 Uhr 50 Min. vom Teil 
Hes^^ke auf und legten (von 9^*^ — i^^ und 4^^— 9**) 8 Pferdestunden zurück, 
also ca. 48 km bis zum Teil esch Scharäbc. Die Karawane ist nicht viel 
vor uns, wohl kurz nach 9 Uhr, abmarschiert und wird, da sie bis abends 
IG Uhr durchmarschiert ist, ca. 12 Kamelstunden zurückgelegt haben. 
Sie ist jedoch an diesem Tage besonders langsam gegangen, da sie sehr 
stark ermüdet war, was sich schon daraus ergiebt, dass wir Reiter nach 
meinem Tagebuch um 8 Uhr 10 Min. die Karawane überholten und am 
Lagerplatz 9 Uhr 10 Min. ankamen, während dort die Karawane erst um 
10 Uhr abends eintraf. Wenn wir daher an diesem Tage die Kamel- 
stunden zu ca. 4 km annehmen, wird sich auch, dem Karawanenmarsch 
entsprechend, die Distanz zwischen Teil Hes^ke und dem Teil esch 
Scharäbe mit ca. 48 km darstellen. 

Am sechsten Tage marschierten wir Reiter nach dem Tagebuche 
5^/2 Pferdestunden, gleich ca. 33 km, während die Karawane etwa 8^2 
Kamelstunden, diesmal wiederum nur zu 4 km die Stunde gerechnet, 
also gleichfalls 33 — 34 km zurücklegte. 

Demnach haben wir übereinstimmend für die Strecke ed Der — Sauar 
49^/2 km, femer für die Strecke Sauar — Teil Hes^ke ca. 1 24 km und für 
die Strecke Teil HesiJke — Nesibin wiederum übereinstimmend 82 km. Da 
Layard seinen Teil Hasieha nordwestlich von seinem Teil Koukab gelegt 
hat, ist es erklärlich, dass ich, der ich des Nachts auf dem westlichen 
Ufer marschiert bin, den Teil Kökab nicht gesehen habe. Ich habe 
mich südlich des Teil HesSke längere Zeit in gebirgigem Terrain bewegt, 
welches ich, wie gesagt, des Nachts für vulkanisch hielt; und da der 
südlich des Teil Hesfeke gelegene Teil el Bint ebenfalls ein vulkanisches 
Aussehen hatte, so wäre es durchaus nicht unmöglich, dass der auf dem 



26 Kap. X. Der öar^. 

Östlichen Chäbür-Ufer südlich Teil Hasieha (Teil HesSke) von Layard >) 
untersuchte Teil Koukab, bei welchem er zwei Krater und eine 50 Fuss 
tiefe, gutes Wasser in einem Teiche haltende Höhle fand, mit dem von 
mir auf dem westlichen Chäbür-Ufer gefundenen, südlich des Teil Hes^ke 
gelegenen vulkanischen Gebiete in innerem Zusammenhang steht*). Den 
Teil HesSke selbst habe ich unzweifelhaft als einen vulkanischen Hügel 
erkannt, auch ein nördlich gelegener Teil el Aswad erschien aus der 
Entfernung als vulkanisches Gebilde, worauf auch sein Name (>Schwarzer 
Hügel *<) hindeutet. Wir haben es daher hier mit einem grossen vul- 
kanischen Gebiete zu thun, in derselben Weise wie bei dem Gebirgszuge 
el Homme, dessen südlichster Teil Margada gegenüber liegt. 

Von Teil HeslJke aus erfolgte der Weitermarsch nach Ne§ibin 
zunächst in nordwestlicher Richtung, die dann östlich und endlich 
bis zu unserem Endziel nordöstlich wurde. Der Weg führte meistens 
dicht am Garg^ar entlang, der nur eine durchschnittliche Breite von 6 m 
hatte, aber so tief war, dass er selbst in dieser Jahreszeit nur an be- 
stimmten Furten zu passieren sein sollte. Das Wasser war ziemlich klar. 
Das Bett des Flusses ist bei weitem nicht so tief in das Terrain einge- 
schnitten, wie das des Chäbür, so dass zur Zeit des Hochwassers seine 
auch im Sommer fast überall mit Schilf oder niedrigem Tamarisken -Ge- 
büsch bestandenen Ufer stets weithin überschwemmt sein müssen. Der 
Fluss fiihrt dem Chäbür das Wasser der Gebirgsbäche des Tür *Abdin 
zu und strömt in wenig gewundenem Lauf mit ziemlich starkem Gefälle 
zu Thal, wie er denn, im Gegensatz zum mittleren und unteren Chäbür, 
an einen europäischen Gebirgsfluss erinnert. Zunächst ist das Gelände 
des (largar flach wie dasjenige des Chäbür. Wir fanden es infolge der 
dörrenden Sommerhitze völlig kahl, nur hie und da zeigten sich einige 
Vertreterinnen der Steppen-Flora. Allmählich steigt das Terrain dann bis 
nach Ne^ibin an. Schon wenige Wegestunden nördlich von Hes(!ke 
ändert sich der Charakter der Gegend. Das Steppenland des mittleren 
Mesopotamien macht einem wellenförmigen, anscheinend besseren Boden 
Platz, welcher von mehreren kleinen Bächen durchfurcht wird. Einige 
derselben fanden wir selbst im Monat August ausgetreten und kleine 
sumpfartige Wiesen bildend. Auch im Gargar-Thal bezeugen zahlreiche 
Schutthügel die einstige Kultur des Landes. 

Um io'/4 Uhr lag rechts von uns jenseits des (^argar der erwähnte 

Teil el Aswad ^ a-* jf^ t, wohl, wie bemerkt, vulkanischen Ursprungs. 

\ X'erjjl. Layard, Discoveries in the ruins of Niniveh and Babylon S. 322. 

'\ Zwischen Teil Hasieha und dem Vereini^ngspunkte des Chäbür und des öargur 
nennt Layard einen kleinen« auch bei Haussknecht vorkommenden Hügel Abu Bekr. Den 
Teil Kökab passierte Layard auf dem linken Ufer des (iargar und Chäbür. 




jSta*^*'^ufnjU- 



Tabula Peatingeriana, S 




entum XI, Mesopotamia. 



Kap. X. Zwischen Teil HesSke and Nefiibin. 2/ 

Um II Uhr 5 Min. erblickten wir aui dem Ostufer des Baches rechts in 
einiger Entfernung den Teil es Selmäni^uLJi J^> n Uhr 25 Min. wurde 

der jetzt trockene Bach Nähr *Äwig; 'ry^ überschritten, der dem 6arg;ar 

zur Regenzeit reichlich Wasser zuführen dürfte. Um 11^2 Uhr hatten 
wir zur Rechten ebenfalls auf dem östlichen Ufer des öargar den Teil 

el Baräze Sj^jJl t. Um 11^/4 Uhr kamen wir zu den Ruinen 

einer alten Steinbrücke, Namens e§ Sufaije <JtL^\ , die einstmals den 

(jargar überspannte. Die kräftig gefügten Pfeilerreste stehen heute noch 
im Flussbett. Mehrere Adler hatten sie als Grundlage für ihren Horst 
erkoren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Brücke zu der in der 
Tabula Peutingerana verzeichneten Römerstrasse von Föns Scabore 
(Ras el *Ain) nach Lacus Beberaci (d. i. der Chatünije-See) gehört hat. 
Wir wissen, dass die Römer ihre Strassen möglichst in gerader Linie 
bauten, und die 6ar[^ar-B rücke es Sufaije liegt thatsächlich in der direkten 
Verbindungslinie der genannten Punkte. Die weiteren auf der Tabula 
Peutingerana auf der gedachten Strasse benannten Orte sind Birrali, 
Thallaba und Thubida, welche meines Wissens bis jetzt noch nicht 
identifiziert worden sind^). 

Nach einem Aufenthalt von 10 Minuten marschierten wir in 
nunmehr östlicher Richtung, dem veränderten Flusslauf entsprechend, 
weiter. Um 1V4 Uhr wurde unter einem üppigen hohen Tamarisken- 
gebüsch, den ersten wirklichen Bäumen, die wir seit dem Euphrat sahen, 
halt gemacht. Der Schatten des Gebüsches erschien uns so lopkend 
und erquickend, dass wir erst um 4^/i Uhr wieder aufbrachen. Jetzt 
änderte sich die Marschrichtung nach ONO., bis sie um 5 Uhr direkt 
NO. wurde. Gegen 5 Uhr 20 Min. überschritten wir den wasserhaltigen 

Sei Teil el Bagar j£ü\ Ji L^» (»Rinderhügelbach«), einen unbedeu- 
tenden Zufluss des Gar^ar, und stiegen eine halbe Stunde später eine kleine 

Hügelgruppe hinan, genannt Tulül Hawäig Su'aijid Ju«-**» ^^>^ uy^ 

CT 
(»die Kleider des kleinen Sa*id<). 



') VieUeicht dürften die von Haussknecht auf seiner Karte einf^ezeichneten antiken 

Brücken über den öirgib y_ , ^^ j>» und öerräbT t^' i>" *" *^er Römerstrasse Ressoina (Ras 

el *Ain) — Nisibis (Nefibin) bezw. Nisibis - Singara gehören. Vergl. Prof. Haussknechts 
Konten im Orient 1865 — 69, redigiert von H. Kiepert, Berlin 1892. 



28 ^P* ^' ^^ öargarthal entlang'. 

Von hier aus führte der Weg bis gegen 6 Uhr 20 Min. direkt nördlich, 
um sich dann wieder etwas nach Osten zu wenden. 6 Uhr 25 Min. erschien zu 
unserer Rechten jenseits des Baches ein Hügel, und um 7^/2 Uhr auf derselben 

Seite der grosse Teil el Barak iJjJl p (»TeichhügeU), der wohl mit 

dem Albak auf Haussknechts Karte zu identifizieren ist. Um 8^/4 Uhr 
überholten wir unsere Karawane und beschlossen nach einem etwa einstün- 
digen flotten Marsch, gegen 97* Uhr an einer günstigen Stelle des Nord- 
ostabhanges des Teil esch Scharäbe <»\y^\ C Halt zu machen, eines 

umfangreichen, oben abgeplatteten Schutthügels, der fast unmittelbar 
an dem Ufer des (largar emporsteigt. Unsere Karawane langte erst 
gegen 10 Uhr an. Der Fluss hatte inzwischen von Osten her den er Radd 

^J\ in sich aufgenommen und anscheinend einen flachen Bogen nach 

Osten beschrieben. 

Da wir Ne^ibin noch weit entfernt glaubten, drängte ich am nächsten 
Morgen (9. August) zu früherem Aufbruch, obwohl meine Leute und 
Tiere den Abend vorher erst sehr spät zur Ruhe gekommen waren 
und einen starken Marsch hinter sich hatten. Die Karawane marschierte 
denn auch schon um 6^» Uhr ab. Ich selbst untersuchte zunächst die 
Schutthaufen des Teil esch Scharäbe, auf deren Oberfläche ich jedoch 
nichts besonderes vorfand, und folgte der durch unsere Schammar und 
Soldaten wohlbeschützten Karawane erst zwei Stunden später nach. Zur 
Rechten zeigten sich alsbald wieder mehrere Hügel jenseits des Flusses, 

und um 9^2 Uhr lag rechts der Teil HmSde iJJt- \i . Bei Haussknecht 

ist ein Teil el Akhmedi eingezeichnet, der wohl mit diesem Teil Hm^dc 
identisch ist, auf dessen Karte aber viel zu weit nach Süden gerückt ist; 
jedenfalls ist er nur in der Richtung angepeilt und die Entfernung unter- 
schätzt worden. Haussknecht ist nur wenige Stunden den Ciargar entlang 
gereist und musste dann wegen der grossen Sümpfe auf der Ostseite 
des Flusses nach Osten abbiegen. 

Um 1 1 Uhr erreichten wir den sumpfartigen Lauf des Sei Abu 

Rasen j^^\j y\ U^ (»Bach mit zwei Quellenc), möglicherweise denselben 

Doppelbach, der auf Haussknechts Karte hier markiert und in seinem 
ferneren Lauf als unbekannt verzeichnet ist. Die verhältnismässig gprosse 
Menge Wasser, welche wir hier vorfanden, sowie der ganze Habitus des 
Bachbettes Hessen darauf schliessen, dass d6r Sei Abu Rasen ein be- 
deutenderes Gewässer sein muss, welches aus grösserer Entfernung 
herankommt. In nächster Nähe des Baches trafen wir Beduinennieder- 



Kap. X. Ankunft in Ne^ibin. 2Q 

lassungen. Auch sahen wir wieder Rinder, die ersten, denen ich seit 
Dumer, also eine Tagereise östlich von Damaskus, begegnet zu sein 
mich erinnere. In dem Winkel, welchen der Sei mit dem öargar bildet, 
lag rechts von unserem Weg der grosse Ruinenhügel Teil ed Dahab 

^^^jj\ t (»Goldhügel«). Die ausserordentliche Fruchtbarkeit des Bodens 

fiel uns sofort auf, sie verleugnet sich selbst heute nicht, obgleich, trotz 
des im 6arg^ar und mehreren kleinen Bächen stets reichlich vorhandenen 
Wassers, fiir die Irrigation des Geländes nichts mehr geschieht. Mit 
Leichtigkeit liesse sich das Gebiet des oberen Gargar wieder in ein 
Fruchtland ersten Ranges umwandeln. Die Ueppigkeit der Vegetation 
überall da, wo für Bewässerung gesorgt wird, beweist dies hinlänglich; 
wird doch in der Umgebung von Ne.^ibin sogar mit Erfolg Reis angebaut. 

Um 1 1 Uhr 50 Minuten sahen wir östUch vom Fluss, am Nord- 
abhang einer wellenförmigen Erhebung, ein unbewohntes Dorf, welches 

den Beduinen vom Stamm der Tai ^Jf gehörte. Einige der Stein- 
häuser der Ortschaft zeichneten sich durch ziemliche Grösse aus. Die 
Tai haben diese Häuser auf Anregung der türkischen Regierung vor 
wenigen Jahren gebaut, sollen es aber vorziehen, in deren Nähe in 
Zelten zu wohnen. Um 12 Uhr überschritten wir einen mehrere Meter 

breiten Wasserlauf, Namens Chunes ^-aI^ , den westlichen Arm des 

öargar, der sich von diesem in geringer Entfernung von Nesibin, nord- 
westlich der Stadt, abzweigt. Kurz bevor unser Weg den Bach kreuzte, 
hatte dieser einen ziemlich bedeutenden, links von uns gelegenen Hügel, 

den Teil Abu Duwel L»^i j>\ JJ, im Halbkreis nach Süden umflossen. 

Gegen 12 Uhr 20 Minuten lag rechts in einiger Entfernung der Teil el 

Hä^g Bedr jJo t^vL^ t, gegen i Uhr gleichfalls rechts östlich die 

Hügel Teil Tartab ^„^J^ t und Teil Tarätib ^J^\J^ t und zehn 

Minuten später zu unserer Linken im Westen Teil Färis j^J» ^P» an 

dessen Abhänge ein neugebautes Dorf sich ausbreitete. Wir hatten in- 
zwischen unsere Karawane überholt und langten schon um 2 Uhr in 

der Stadt Nesibin ^JU^ an, die uns mit ihren aus riesigen Schutthügeln 

emporragenden antiken Säulen schon seit langem sichtbar gewesen war. 

Mit der denkwürdigen Stadt hatten wir eine bedeutungsvolle Etappe 
auf unserer Reise erreicht. Nachdem wir das über das Wüstenterrain 



90 K^p. X. Die Kirche des heiligen Jacobas. 

etwas erhabene, aus verschiedenen Anhöhungen bestehende, ausgedehnte 
Ruinenfeld der alten Stadt betreten hatten, wandten wir uns nach 
der alten Kirche, in welcher der heilige Jacobus, der Begründer der 
jacobitischen Religionsgcmeinde, begraben liegt. Diese Kirche, aus 
grossen mächtigen Quadern erbaut, reicht in ihrem unteren Teile viel- 
leicht noch in die vorchristliche Zeit zurück und dürfte erst später aus 
einem heidnischen Tempel in eine christliche Kirche umgewandelt sein ; 
wenigstens erinnern die reichen korinthischen Ornamente im Innern auf- 
fallend an die Tempel von Ba*albek und Palmyra. Das Innere besteht aus 
drei grossen Schiffen, von denen das rechte am besten erhalten ist. Leider 
ist die Beleuchtung so schwach, dass die Ornamente und Säulenkapitäle 
nur schlecht zu erkennen sind. Eine zweizeilige griechische Inschrift unter 
der einen Thür ^) ist zu schlecht erhalten, als dass man etwas Bestimmtes 
daraus entnehmen könnte. Auf der rechten Seite des rechten Schiffes 
führen Stufen in eine Krypta hinab, welche den grossen Steinsarkophag 
des Heiligen birgt*-). Wie häufig genug im Orient, wird dieser christliche 
Heilige auch von den Muhammedanern verehrt. 

Die Kirche steht tief in dem Schutt des umliegenden Ruinenfeldes, 
der nur an der Ost- und Westseite des Gebäudes weggeschafft ist und 
den aufgefundenen Kapitalen und sonstigen ornamentierten Steinen Platz 
gemacht hat. An der Ostseite ist unter Benutzung des Daches der 
Kirche neuerdings ein mehrstöckiges Wohnhaus für den Bischof der 
Jacobiten aufgebaut. Der gegenwärtige Bischof heisst Cyrillus Muträn 
Hannä. Bei einem Besuch, welchen ich ihm in der Folge abstattete, fand 
ich zwei Diakonen bei ihm, Namens Schammäs Ephraim und Schammäs 
Simeon, die mir ein kleines arabisches Manuskript verehrten. Die Hand- 
schrift enthält im ersten Teil ein Verzeichnis der fünf Provinzen (Kism), in 
welche Nordmesopotamien, wie es scheint, zur Blütezeit des Christen- 
tums in einer leider nicht näher angegebenen Periode eingeteilt war, 
nebst einer freilich sehr dürftigen Statistik der Klöster und Mönche. Im 
zweiten Teil wird eine Anzahl historischer Notizen gegeben, so über die 
Bekehrung der Einwohner von Aznaur zum Islam im Jahre 1279 n. Chr. 
Im übrigen enthält das Manuskript Schilderungen der Bedrückungen 
durch die Türken und besonders hervorragende Unglücksfälle. Die letzten 
Notizen behandeln die Hungersnot vom Jahr 1880. Die Jahreszahlen 
sind nach der seleucidischen Aera angegeben, die noch heute bei den 
jacobitischen Syriern, besonders den Mönchen, fast allgemein gebraucht wird. 

Vom Dach der bischöflichen Wohnung hat man eine lohnende 
Aussicht auf die Umgebung, auf das Ruinenfeld der alten und die Hütten 

*) Vergl. Badger, The Nestorians and their Rituals, London 1852, Bd. I S. 67. 
') Vergl. Parry, Six months in a Syrian Monaster>', London 1895, ^* 225 ff. und 331 
^mit Abbildungen aus der Kirche}. 



Kap. X. Die Trttmmerreste von Ne^ibin. — Das heutige Ne^ibin. ^i 

der modernen Stadt und ihre Gartenanlagen. Im Norden schweift der 
Blick zu den malerischen Bergen des von Westen nach Osten streichenden 
Tür *Abdm, im Süden dehnt sich die unendliche mesopotamische Ebene 
und im Südosten tauchen die blauen Höhen- des Singär- Gebirges auf. 
In einiger Entfernung von der Kirche nach Südwesten zu ragen die er- 
wähnten antiken Säulen empor, das Wahrzeichen von Ne§ibin, fiinf an 
der Zahl, mit korinthischen Kapitalen geschmückt. Zwei trugen noch 
einen Architrav, auf einer anderen hatte ein Storchpaar sein Nest auf- 
geschlagen. Weiter südwestlich lässt sich der Lauf der alten Stadtmauer 
erkennen, wenigstens hebt sich hier das Ruinenfeld schroff von dem 
Wüstenboden ab. Ihre einstige Bestimmung verratende Baureste und 
Thore liegen nicht zu Tage. 

Der öargar spaltet sich oberhalb der Stadt in zwei Arme, von denen 
der eine, wie bemerkt, Chunes genannt, den westlichen Teil, der andere 
den östlichen der alten Stadt durchfliesst. lieber den östlichen Flussarm 
führt eine zwölfbogige Brücke, die vielleicht dem Altertum angehört. 
Sie ist fast eine halbe Stunde von der jacobitischen Kirche entfernt; 
um zu ihr zu gelangen, hat man den sogenannten Bazar des Ortes, der 
aus mehreren Reihen niedriger Lehmhütten besteht, zu durchschreiten. 
Wenn die alte Stadt, was nicht unmöglich erscheint, bis zur Brücke ge- 
reicht hat, so müsste sie eine gewaltige Ausdehnung gehabt haben. 
Inschriften oder Ornamente waren an der Brücke, in deren Nähe wir 
unser Lager aufgeschlagen hatten, nicht zu entdecken. In den Häusern 
der modernen Stadt sind vielfach alte Säulenreste und Kapitale verbaut. 
Eine Durchforschung der Schutt- und Trümmerhügel, unter denen in 
beträchtlicher Tiefe, wie es scheint, eine noch ältere Stadt begraben 
liegt, würde sicher manches wichtige Resultat geben, ist doch Ne.^ibln 
eine der ältesten und wichtigsten Städte Nordmesopotamiens, die Ninives 
Fall um anderthalb Jahrtausende überlebt hat. 

Das heutige Ne§ibin nimmt nur einen kleinen Teil des Ruinenfeldes 
ein. Nördlich von der Jacobus- Kirche erstreckt sich zunächst das 
Christen- und Judenviertel, daran schliesst sich, durch einen freien Platz 
von dem ersteren getrennt, das muhammedanische Quartier. Im ganzen 
mag der Ort 300 bis 400 recht dürftige Häuser zählen, von denen etwa 
die Hälfte von Muhammedanern bewohnt ist^). Die andere Hälfte gehört 
den Christen (hauptsächlich Jacobiten) und Juden. Nach Westen zu, am 
Chunes, ziehen sich herrliche Gärten entlang. Auf dem linken Ufer 
dieses Flussarmes steht eine kleinere ältere Moschee und dicht dabei die 
anscheinend aus altarabischer Zeit stammende Ruine eines burgartigen 

*) Sachaa (a. a. O. S. 391) giebt 1879 etwa 200 Häuser an, darunter nur 20 syrische; 
Parry (a. a. O. S. 214) fand 1892 300 muhammedanische, 150 jüdische und einijjc 30 jaco- 
bitische Häuser yor. 



5 2 Kap. X. Die Geschichte Ne^ibins. 

Haues mit starken Mauern und Gewölben, in der gegenwärtig ein Cafe 
eingerichtet ist. Gegenüber dieser Ruine liegt eine grössere, festungs- 
ähnliche, viereckige Kaserne, dieselbe, von deren Bau zur Zeit des Krieges 
der Türkei mit den egyptischen Truppen Ibrahim Paschas der preussische 
Hauptmann Mühlbach, unseres grossen Moltke Begleiter, während dessen 
damaligen Aufenthalts in der asiatischen Türkei, spricht^). Reguläres 
Militär stand während meines Besuchs nicht in der Stadt; die ganze 
Garnison zählte nur lO bis 15 Zaptije. Die türkische Regierung ist 
gegenwärtig in Nesibm durch einen Käimmakäm vertreten, dessen Amts- 
gebäude sich nur durch ein zweites Stockwerk vor den Lehmhütten der 
Stadt auszeichnet 

Der Name Xesibin wird, soweit sich bis jetzt ermitteln lässt, zum 
erstenmal in der assyrischen Zeit genannt. In den Kponymenlisten 
(Verwaltungslisten) wird bereits für das Jahr 816 v. Chr. ein assyrischer 
Statthalter von Nesibin erwähnt^). Aus den assyrischen Inschriften, die 
den Ort häufig nennen, erfahren wir, dass Nesibin die Hauptstadt einer 
Provinz des Assyrierreiches war. Nach dem Fall Ninives, um 606 v. Chr., 
ging mit der Herrschaft über das. assyrische Reich auch die Oberhoheit 
über Ne.sibin auf die Babylonier über, und nach dem Sturz des baby- 
lonischen Weltreiches, gegen 586, traten seine Besieger, die Achaemeniden- 
Könige von Persien, das babylonische Erbe auch in Nordme.sopotamien 
an. Mit dem Falle des Perserreiches unter seinem letzten König Darius 
wurde Alexander der Grosse Herr von Mesopotamien. Nach dem Tode 
dieses Herrschers zerfiel sein Riesenreich so rasch, wie es entstanden 
war; aus den Bruchstücken bildeten die Generale des Eroberers eigene 
Königreiche. Mesopotamien fiel zunächst dem am Tigris residierenden 
Seleucus und der von ihm gegründeten Dynastie der Seleuciden zu. 

Ueber die Schicksale von Nesibm um diese Zeit sind wir nur wenig 
unterrichtet Die Stadt bildete mit ihrer Umgebung eine blühende grie- 
chische Kolonie des Seleuciden-Reiches unter dem Namen Antiochia Myg- 
donia'), ein Name, der aber mit ihrer späteren Unterwerfung unter 
Rom wieder verschwand. P>st im letzten vorchristlichen Jahrhundert 
tritt in Nordmesopotamien plötzlich ein grosses Reich in die Geschichte, 
das gewöhnlich als armenisches bezeichnet wird; wenigstens tragen die 
Herrscher desselben armenische Namen. In dieser Periode wird Ne.'^ibüi 
auch wiederum von Geschichtsschreibern genannt. In der ersten Hälfte 
des letzten vorchristlichen Jahrhunderts hatten die Römer im vorderen 

* Verß^l. Ritter a. a. O. S. 434; ferner v. Moltke, Briefe über Zustände und Begeben- 
heiten in der Türkei in den Jahren 1835 bis 1839, 6. Auflag^c, Berlin 1893, S. 260. 

-^ Verjjl. .Schrader, Die Keilinschriften und das .Mte Testament, 2. Auflaj^e, (Hessen, 
1883, S- 480. 

^] Verfrl. Kiepert, .Mte Geofn-aphic, S. 155; Plinius, Hist. nat. I, 16. 



Kap. X. Die Geschichte Ne^ibins. 33 

Orient festen Fuss gefasst und stiessen alsbald mit diesem armenischen 
und dem neu entstandenen parthischen Reiche, das sich aus den 
Trümmern des alten persischen und mesopotamisch-seleucidischen Reiches 
gebildet hatte, zusammen. Im Jahre 68 v. Chr. drang der römisclie Feld- 
herr Lucullus von Armenien über den oberen Euphrat nach Nord- 
mesopotamien vor, schlug den armenischen König Tigranes, eroberte die 
von ihm erbaute Hauptstadt Tigranocerta ^) und wandte sich dann gegen 
Nisibis, wie es die Römer nannten, wo der Bruder des Königs Tigranes 
den Oberbefehl hatte. Die anscheinend damals schon stark befestigte 
Stadt wurde nach einer längeren Belagerung genommen, worauf der 
römische Feldherr in Ne^ibin sein Winterquartier aufschlug. Sein Auf- 
enthalt in dem eroberten Gebiet Mesopotamiens war aber nicht von 
langer Dauer, da die Besiegung seines Unterfeldherrn durch König Mith- 
radates im Pontusgebiet ihn nötigte, nach Kleinasien zurückzukehren. Die 
weiteren Unternehmungen, welche diesem ersten siegreichen Erscheinen der 
Römer in Mesopotamien folgten, hatten keine dauernden Resultate. Crassus, 
der eine vollständige Eroberung von Mesopotamien plante, wurde bei 
seinem Vordringen schon in der äussersten Nordwestecke des Landes, 
bei.Carrhae-Harrän, vollständig von den Parthern geschlagen (53 v. Chr.) 
und selbst getötet Ebenso misslang ein weiterer Eroberungsversuch, 
welchen Antonius im Jahre 41 v. Chr. unternahm-). Inzwischen hatte 
sich das armenische Reich unter einer Nebenlinie der parthischen 
Arsaciden^) zwischen dem römischen und parthischen Weltreiche erhalten 
und bildete jahrelang das Streitobjekt zwischen beiden. Zwar gelang es 
Augustus, den römischen Einfluss hier zum vorherrschenden zu machen, 
der erste aber, welcher Nordmesopotatnien thatsächlich unter römische 
Herrschaft zu bringen vermochte, war der Kaiser Trajan. Im Jahre 115 
n. Chr. eroberte er die wichtigsten Städte des Landes und machte Ne?ibin 
zum Stützpunkt seiner weiteren Operationen gegen das Partherreich*). 
Aus den Wäldern nördlich von Nesibin Hess er Schiffe bauen, die zerlegt 
auf Karren nach dem Tigris geschafft wurden. Die friedliebenden Nach- 
folger Trajans, Hadrianus und Antonius Pius, gaben jedoch sämtliche 
Eroberungen wieder an die Parther heraus, und abermals wurde der 
Euphrat die Grenze zwischen den beiden Weltreichen. 

Erst zu Ende des zweiten Jahrhunderts wurde Mesopotamien definitiv 
dem Römerreich einverleibt. Es war Kaiser Septimius Severus, der nach 
glücklichen Kämpfen mit den Parthern Nordmesopotamien in Besitz nahm, 

*; Verjjl. Sachau, Ueber die Lage von Tißfranocerta, Abhandlungen der königl. 
Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1880, S. 38. 

*) Vergl. Mommsen, Kömische Geschichte, Band V S. 364 ff. 
») Vergl. Kiepert a. a. O. S. 76. 
*) Vcrgl. Mommsen a. a. O. S. 400. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golf. H. ■ 3 



9J, Kap. X. Die Geschichte Ne^ibins. 

Ne§ibm zur römischen Kolonie machte und zur Hauptstadt der neuen 
Provinz erhob. Kaum zehn Jahre später wurde die Herrschaft der Parther 
durch eine innere Umwälzung gestürzt. Ein rein persisches Geschlecht, 
die Sassaniden, gelangte auf den Thron des Reiches und begann sofort 
den Krieg mit Rom. 

Inzwischen hatte sich Ne§ibin stets in hoher Blüte erhalten; die 
Einwohner waren, wie die des grössten Teiles von Mesopotamien, Christen 
und die Stadt Bischofssitz geworden. Hier mündeten verschiedene 
Handels- und Militärstrassen. Aus der Tabula Pcutingerana sehen wir, 
dass Militärstrassen nach Singara und weiter nach Hatra, im Westen 
nach Ressaina (Ras el 'Ain) geführt haben; höchstwahrscheinlich werden 
solche auch nach dem mittleren Chäbür und nach Norden hinauf in das 
Gebirge bestanden haben ^). 

Bei dem Verfall der römischen Macht geriet Ne§ibin mit Nord- 
mesopotamien wiederholt in die Hände der Perser. Erst Kaiser Diocle- 
tian konnte nach mehrjährigem Kriege im Jahre 297 im Lande wiederum 
die römische Herrschaft herstellen, worauf Ne.sibin stark befestigt und 
zur Hauptstadt der Grenzprovinz gegen das Perserreich erhoben wurde. 
Der Handelsverkehr mit dem benachbarten Auslande wurde unter strenge 
staatliche Kontrolle gestellt und nach dem festen Ne?ibin gewiesen, dem 
Stützpunkt der römischen Grenzmacht im östlichen Mesopotamien. Als 
Hauptbollwerk der römischen Macht bewährte sich die Stadt in den 
blutigen Kriegen mit Sapor IL, in welchen sie dreimal von den Persern 
vergeblich belagert wurde. Sie soll damals durch eine dreifache Festungs- 
mauer und einen tiefen, mit Wasser gefüllten Graben geschützt gewesen 
sein. Bei der schwersten Belagerung, welche die Stadt erlebte, im 
Jahre 350, zeichnete sich der Bischof Jacobus aus, derselbe, welcher in 
der heutigen Kirche in Nesibin begraben liegt. Er wusste die christ- 
lichen Verteidiger zum Ausharren zu ermutigen, selbst als die Perser 
durch Stauungen der Bäche eine Art See um die Stadt geschaffen hatten 
und ihre Angriffe auf Flössen bewerkstelligten. Vierzehn Jahre später 
wurde Ne§ibin ebenso wie das gesamte Nordmesopotamien von dem 
Kaiser Jovian nach dem unglücklichen Feldzuge Julians an die Perser 
abgetreten und blieb fortan für diese das Ausfallthor gegen das 
Byzantinerreich. Die übrig gebliebene christliche Bevölkerung hatte 
nach Amida (Diärbekr) auswandern müssen. Nesibin wurde von den 
Persern so stark befestigt, dass selbst Bclisar die Stadt nicht einmal an- 
zugreifen wagte. Nur einmal noch lagerte vorübergehend ein römisch- 
byzantinisches Heer in Nesibin unter dem Kaiser Heraclius im Jahre 627 
während des Krieges mit dem Sassaniden Chosrocs^). 

^^''i?^* Mommsen a. a. O. S. 444. 

*) Vergl. Nöldeke, Tabari-Uebersetzung:, S. 294. 



Kap. X. Die Geschichte Ne^Ibins. 9C 

Um 640 erlag Ne§ibin der neu aufkommenden Macht, dem an- 
stürmenden Islam, der in wenigen Jahren ganz Mesopotamien eroberte, 
nachdem schon zwei Jahre vorher die sassanidische Reichshauptstadt 
Ktesiphon am Tigris in die Hände der Muhammedaner gefallen war. 
Unter der neuen Herrschaft sank der Ort zu einer wenig bedeutenden 
Provinzialstadt des omaijadischen und später des abbasidischen Chali- 
fats herab. Nach einer Notiz des Ibn Haukai ^) soll jedoch Ne§Ibin noch 
360 d. H. (970/71 n. Chr.) 100 000 Dinar (= ca. 1800000 Mk.) an 
Steuererträgen geliefert haben. 

Bei dem Verfall des grossen Chalifenreiches der Abbasiden gelang 
ehrgeizigen Statthaltern die Aufrichtung selbständiger Dynastien. In 
Nordmesopotamien schuf die türkische Familie der Ortokiden ein kleines, 
von Bardäd unabhängiges Reich. Die Herrscher dieser Dynastie machten 
es möglich, sich in den Stürmen, die im Laufe der nächsten Jahrhunderte 
den vorderen Orient erschütterten und verwüsteten, aufrecht zu erhalten: 
sowohl bei der Ankunft der Mongolen, welche unter Hulagu, einem 
Enkel des Dschingiz Chan^), am 17. Januar 1258*) Bardäd eroberten 
und den letzten dort residierenden Abbasiden-Chalifen töteten, wie auch 
bei dem grossen Verwüstungszuge der Tatarenscharen des Timur wussten 
die Ortokiden ihre Person und ihre Herrschaft zu retten, indem sie sich 
in die Vasallenschaft der Sieger begaben, während die übrigen Dynastien 
des vorderen Orients kämpfend ihren Untergang fanden. 

Die Ortokiden hatten das nahe Märdin zu ihrer Residenz gewählt 
und besiegelten damit endgiltig das Schicksal Ne$Ibins. Doch standen 
noch im vierzehnten Jahrhundert die alten Stadtmauern in einem Umfang 
von 6500 Schritt*). 

Auf die Ortokiden folgte eine andere türkische Dynastie, die der 
Karakojunlu, denen im Jahre 1 502 durch die neu aufgekommene Perser- 
macht der Sefewiden-Dynastie unter Schah Isma*Il das Land für wenige 
Jahre abgenommen .wurde, bis es im Jahre 1516 in die Gewalt der 
Osmanen unter Sultan Selim IL, dem Eroberer Egyptens, kam. 
Seitdem ist das nördliche Mesopotamien in den Händen der Türken ge- 
blieben. Die Perser, welche in den *Iräk einfielen und 1622 bis 1648 
Bardäd und Kerbela eroberten, sind nicht bis Ne§ibln vorgedrungen. 

Im siebzehnten Jahrhundert beginnen die Berichte europäischer 
Reisenden überNe§ibin: von Tavernier^) wird uns die einst so blühende 

*) ed. de Goeje S. 140—143. 
*) Vergl. Müller, Der Islam, Bd. n S. 229. 
») Verfiel. Müller a. a. O. S. 233. 
*) Vergl. Ritter a. a. O. S. 419. 

*) VergL TaTemier, Beschreibung der 6 Reisen in die Türkey, Persien und Indien, 
deotBche Ausgabe, Genf 1681, S. 74, 75. 



^5 Kap. X. Europäische Reisende in Ne$ibin. — Die Aussichten der Stadt. 

Stadt bereits als ein unbedeutendes Dorf mit wenigen christlich -jaco- 
bitischen Bewohnern geschildert. Niebuhr, der ein Jahrhundert später, 
im Jahre 1766, hier durchkam, berechnete die Grösse des Ortes auf etwa 
1 50 Hütten, spricht aber auch noch von einer alten Citadelle aus grossen 
behauenen Steinen, von der gegenwärtig keine Spur mehr vorhanden 
ist '). Die meisten leicht erreichbaren Ueberreste der antiken Stadt werden 
durch den oben erwähnten Kasernen-Neubau verschlungen worden sein. 

Noch bis vor kurzem musste Ne§ibin trotz der Anwesenheit der 
türkischen Behörden an die Tai Tribut zahlen. Freilich hatte der Tai- 
Schech dafür die Aufgabe übernommen, den Ort gegen andere Beduinen 
und die Kurden zu schützen, und zu dem Zweck nördlich noch oberhalb 
der grossen alten Brücke ein Castell erbaut, das noch gegenwärtig dem 
jeweiligen Tai-Schech gehört. Später geriet Nesibin in Abhängigkeit von 
den Schammar, denen es eine Zeit lang chüwepflichtig wurde. Infolge 
des energischen Auftretens der Regierung in der jüngsten Zeit kann 
die Beduinen-Gefahr für Nesibin jetzt als beseitigt betrachtet werden. 

Trotzdem hat sich die Hoffnung, dass Nesibin infolge der Frucht- 
barkeit der Umgebung und der Lage der Stadt auf der seit Jahrhunderten 
stark begangenen Karawanen- und Poststrasse zwischen Aleppo, Diärbekr, 
Mösul und Bardäd einen neuen Aufschwung nehmen werde, bisher nur 
zum kleinen Teil verwirklicht. 

Die Entwicklung der Stadt wird neuerdings durch das un- 
gesunde Klima gehemmt. Der westliche öar^ar-Arm, der Chunes, soll 
angeblich todbringendes Wasser führen; wahrscheinlicher ist jedoch die 
Versumpfung und Vernachlässigung der Wasserarme, die mit dem 
Verfall der Stadt eingetreten sein dürfte, die Entstehungsursache 
der vielfach in Nesibin wütenden verheerenden Krankheiten^). Auch 
geht der Reisanbau, der seit einiger Zeit hier betrieben wird, be- 
kanntlich vielfach Hand in Hand mit dem Auftreten von Malaria. Als 
der englische Reisende Cameron im Auftrage seiner Rej^ierung eine 
Reise durch Mesopotamien machte, um die Trace für die damals von Eng- 
land projektierte Tigris-Eisenbahn zu studieren (1879), wütete eine heftige 
Typhusepidemie in Nesibin, die zahlreiche Opfer forderte *). Die Regulierung 
der Wasserläufe bei Ne§ibin, die Hand in Hand mit der rationellen Aus- 
nutzung des zweifellos vorzüglichen Ackerbodens des dargarthales 
gehen müsste, würde ohne Frage die sanitären Verhältnisse der Stadt 
aufbessern, und damit würde die wesentlichste Vorbedingung für eine 
neue Blüte Ne^ibins geschaffen sein. 



* Vergl. Niebuhr, Voyajje en Arabie, Amsterdam 1780, B<1. II S. 307. 
*) Als besonders fieberreich jjilt die durch ihre schöne Vejjetation ausgezeichnete 
Nähe der grossen Kaserne. 

'; Vcrgl. Cameron, Our future highway, Bd. II S. 201 fl". 



XI. KAPITEL. 



Die Beduinen I. 

Die Abordnung des Schech Färis in Negibin. — Ritt zum Lager des Färis. — Rast im 
Lager der Tai. — Ankunft im Lager der Schammar. — Die Persönlichkeit des Schech 
Färis. — I^ben und Treiben im Lager. — Die Anlage eines Beduinenlagers. — Das 
Beduinenzelt. — Das Kaffeekochen. — Allerlei Küchengerät. — Der liaudag. — Vorliebe der 
Beduinen für das Zeltleben, Verachtung der Städter. — Aelteste geschichtliche Erwähnung 
der zeltbewohnenden Araber. — Strabo über die Wanderhirten Mesopotamiens. — Kinfluss 
des Islam. — Die Tai. — Arabische Einwanderungen. — Die Kais, Chazrag, Beni Tamim, 
Beni Läm. — Die Schammar in Arabien. — Ihre Auswanderung nach Syrien und Kämpfe 
mit den Mawäli. — Die 'Aneze. — Die Schammar überschreiten den Kuphrat. — Neueste 
Beispiele beduinischer Wanderungen: die IlanädT. — Die Sulem und die Beni Hiläl. — Die 
Schammar in Mesopotamien. — Ihre Rolle bei den Wirren von Bofdäd im Jahre 1830. — 
Der Schammar-Schech Sufü^. — Der Gegenschech Schlösch. — Kämpfe zwischen Schammar 
und *Aneze. — Schech Sufüg und die Regierung. — Neuerliche Spaltung der Schammar: 
Schech Negris. — Ende des Schech Sufüg. — Seine Söhne Schech Fertiän, Schech 'Abd er 
Rabmän, Schech Majüm, Schech 'Abd el Kerim. — Kämpfe mit den Türken. — Jugend- 
schicksale des Schech Färis, jüngsten Sohnes des Schech Sufüg. — Teilung Mesopotamiens 
zwischen den Gefolgsleuten Ferbäns und Färis': Süd- und Nordschammar. — Fertiäns 
Söhne. — Färis und die türkische Regierung: Färis Pascha. — Frauen und Kinder des 
Färis. — Die Machtstellung der Schammar in Mesopotamien. — Die Chüwe. — Mein 
Chüwevertrag mit Färis, — Versuch einer Gruppierung der Beduinenstämme. — Stämme 
westlich des Chäbür. — Stämme in Mesopotamien. — Stämme an der Linie von ed Der 
nach Fellüga. — Bewohner des Tigrisufers. — Nichtarabische Nationalitäten unter den 
Beduinen: Kurden, Turkmanen, Tscherkessen. — Die Stellung der Pforte zur Beduinenfrage. 
— Bau fester Häuser, Gewinnung der Schechs. — Die Beduinenschule in Konstantinopel. — 
Notwendigkeit militärischer Massnahmen. — Die Beduinenfrage in Egypten. — Erfolge der 
türkischen Beduinenpolitik. — Die Ausdehnung des Telegraphenneizes in der Wüste. 



Am zweiten Tage nach unserem Eintreffen in Ne.sibln wurden wir 
durch die Ankunft von etwa 20 Beduinen in unserem Lager überrascht. 

Die Leute des Schech Färis Pascha Lib ^jvi, welche von Der ez Zör 

bis hierher unsere Begleiter gewesen waren, hatten an ihren Herrn die 
Nachricht gelangen lassen, dass ich ihn in seinem Lager aufsuchen wollte, 
und Färis hatte diese Kavalkade zu mir gesandt, damit sie mir als Eskorte 
auf meiner Fahrt zu ihm diene. An der Spitze des kleinen Trupps ritt 



38 KsLp. XL Die Abordnanfi^ des Schech Färis. — Ritt zam Lai^er des Färis. 

ein bildhübscher junger Bursche von zwölf Jahren, der zweite Sohn des 
Färis, der wie seine Begleiter die fünf Meter lange Lanze trug, welche 
wohl über viermal so gross war, als der kleine Held selbst. Schweigend 
pflanzten alle ihre Lanzen vor meinem Zelte auf, begrüssten mich in der 
üblichen ceremoniellen Weise und überbrachten mir die Einladung des 
Färis. Nach Beduinensitte bot ich ihnen abends das bei solcher Gelegen- 
heit beigebrachte grosse Gastmahl. Am folgenden Morgen wurde meine 
Karawane mit einigen der Schammar vorausgeschickt, nachdem ich die 
Gäste zuvor mit Ehrenkleidern beschenkt hatte. Dem Sohn des Färis 

gab ich einen roten, seidenen Kaftan (Zebün jy j)y eine seidene KefTije 

<uj und rote Schuhe, einem Vetter des Schech einen kürzeren blauen 

Tuchkaftan, eine seidene Keffije und rote Reiterstiefeln, die übrigen 
Begleiter erhielten je eine Keffije. Wir selbst folgten erst um i Uhr 
mittags. Vorher hatte ich im Bazar von Nesibln noch weitere Einkäufe 
gemacht, um meinen Vorrat an Geschenken, die ich demnächst im Lager 
der Schammar zu verteilen beabsichtigte, zu ergänzen. 

Der Ritt zu Färis führte in nahezu südöstlicher Richtung querfeldein 
durch die Steppe. Nachdem wir einen Arm des dar^ar überschritten 
hatten, kamen wir an einer ganzen Reihe von Dörfern vorbei, die links 
von uns liegen blieben. Wenige Minuten hinter der Stadt passierten wir 

zunächst das bedeutende Dorf Wesike AX..^ j, dann 'Unctre oJiuP, i'^ ein 
neu gebautes Dorf Sekije 4-ji-u», 2 Uhr Assalämu'Alekum /t-XJlp ^^LJl 
und 2^® das Dorf Sauti ^ y^- ^^ i*" hatten uns dabei von den Ausläufern 

des (lebel Tür J^ A->- in spitzem Winkel abgewandt, noch lange 

aber blieben die zahlreichen Dörfer sichtbar, die an seinen Abhängen 
zerstreut liegen. 

Wir ritten in raschem Tempo, oft selbst galoppierend, während die 
Schammar unermüdlich waren, uns ihre Reiter- und Kampfspiele, namentlich 

den Gerid ^' j^t vorzuführen, der bei den Stadt -Arabern auch vielfach 

Fantasia genannt wird. Dieser (lerid bestand darin, dass einzelne 
Reiter sich von den übrigen loslösten, die langen Lanzen in vibrierende 
Bewegung brachten und nun die Rolle des Verfolgenden und des Ver- 
folgten abwechselnd übernahmen; oder aber dass — ähnlich wie bei 
unserem Jeu de Rose — die Reiter ihre Keffijen sich gegenseitig abzu- 
reissen suchten. Die Beweglichkeit und Geschicklichkeit der Reiter und 



Kap. XI. Rast im Lager der T^i. 30 

die Schnelligkeit der Pferde wird bei diesem Spiel auf eine schwere 
Probe gestellt^). 

Kurz nach 3 Uhr kamen wir zu einem Zeltlager der Tai, an dessen 

Westeingang das Riesenzelt des Schech *Abd er Rabmän ry^J\ JUP, des 

gegenwärtigen Oberschechs des Stammes, und eines der Schwiegerväter 
Färis Paschas, stand. Hier mus3ten wir absitzen und bei dem Schech 
den Kaffee einnehmen. Trotz unserer Eile nötigte er uns, über eine 
Stunde zu verweilen, und erst nach 4 Uhr konnten wir unseren Marsch 
fortsetzen. Um das Versäumnis einzuholen, ging es jetzt in einem sehr 
schnellen Tempo vonvärts. Nach zwanzig Minuten erreichten wir den 

Ruinenhügel Teil Beresch (Bresch) ^»jj t, an dessen Fusse ein kleines 

Dörfchen, aus nur wenigen Lehmhütten bestehend, angebaut war. Hier 
hatten wir den ersten grösseren, von Nord nach Süd fliessenden Bach, 

den Sei Brebig Tj-^Ji A^\ zu überschreiten. Zwanzig Minuten danach 

kreuzten wir einen anderen Bach, und kurz vor ^/%6 Uhr wurde das Lager 
des Schammarschechs Färis von einer Terrainwelle aus in einer Thal- 
ebene, el Churebe <-'jl-l genannt, sichtbar, die etwa zwanzig Minuten 
südlich von dem grossen Ruinenhügel Suhele aJu^-* lag. Auf der Süd- 
seite dieses Hügels befand sich ein kleines Kurdendorf. 

Das vor uns liegende Lager der Schammar war nicht gross, es 
mochte höchstens 100 bis 120 Zelte zählen, stellte aber auch nicht den 
Wohnsitz des ganzen Stammes dar. Das Hauptlager stand vielmehr 
südöstlich an einem Platze, wo mehr Wasser zur Versorgung von Menschen 
und Tieren vorhanden war; denn der Bach, welcher das Lager des 
Färis durchfloss, war fast ganz ausgetrocknet; das notwendige Wasser 
wurde aus mehreren Ziehbrunnen geschöpft. 

*) Die Art der Fantasia, wie sie besonders in Nordafrika und in Marokko unter 
dem Namen la*b el bärüd aufgeführt wird, ist in der nordarabischen Wüste weniger bekannt. 
Bei dem la*b el bärud reiten die Beduinen in schnurgerader Linie im Galopp heran, gehen 
dann plötzlich zur Carri^re über und feuern dabei auf ein gegebenes Zeichen ihre Gewehre 
auf den Boden oder in die Luft ab, oder werfen sie in die Höhe, um sie im schnellsten 
Jagen, womöglich im Sattel stehend, wieder aufzufangen. Das la*b el bärüd wird im Mafrib 
auch von Fnssgängem ausgeführt, die ihre Gewehre dann im Sprunge wie auf einen auf 
dem Boden liegenden Feind nach der Erde gerichtet abfeuern. In Mesopotamien sind die 
Keitenpiele mehr auf den Einzelkampf zugespitzt. Ueber ein in früherer Zeit von den Arabern 
geübtes Spiel, bei welchem vom Pferde aus mit Holzkeulen nach Kugeln geschlagen wurde, 
vergL Jacob, Altarabisches Beduinenleben, 2. Ausgabe, Berlin 1S99, ^> n^* ^^ ist nicht 
nnmöglich, dass dieses Spiel mit dem Islam nach Indien gelangt ist. Mit dem von 
den Engländern dort vorgefundenen und auch in Europa eingeführten »Polo« zeigt es 
unverkennbare Aehnlichkeit. 



40 



Kap. XI. Ankunft im Lager der Schainmar. 



Ein solches Beduinenlagcr gewährt einen ungemein fesselnden Anblick. 
Im Hintergrund das fahle Gelb der Steppe, davor im scharfen Kontrast 
die dunklen Zelte, über die man zahllose Lanzen hinausragen sieht. 
Einzelne Reiter tauchen auf und verschwinden wieder, während das Gros 
der Pferde im Schatten der Zelte an den Füssen mit langen Stricken an 
Pflöcken festgebunden ist, zwischen ihnen tummeln sich Kinder und Hunde. 

Als wir von der Anhöhe auf das I^iger des Färis zuritten, nahmen 
die uns begleitenden Beduinen ihre Reiterspiele mit verdoppeltem Eifer 
wieder auf und stürzten sich mit wildem Kriegsgeschrei auf die Zelte. 




aus denen ihnen eine Anzalil Reiter enti:je«4en>i>rengte, um an den 
Kampfspielen teilzunehmen. Vor seinem Zelle, zu I\i>s. von einigen 
seiner Leute umgeben, bcgrüsste uns Schech Earis. Man half uns beim 
Absteigen, und dann betraten wir die gro>se Männerabteilung des Schech- 
Zeltes. Hier kauerten wohl über hundert Personen auf dem Hoden, die 
bei unserem Eintritt sich sofort erhoben. Mit unbeschreiblicher Würde 
wurden wir nun zu den Kissen geführt, die längs der Scheidewand 
zwischen Männerabteilung und Harem ausgebreitet waren. Alsdann 
kauerten sich die Beduinen wieder auf ihre Plätze nieder, und die durch 
unser Erscheinen unterbrochene Unterhaltung unter ihnen wunle in dem 
bekannten l'lüstertone weiter geführt. Der Wirt setzte sich neben uns» 



Kap. XI. Die Persönlichkeit des Schech Färis. ^.i 

und nun begann der Austausch wiederholter ceremonieller Begrüssungen. 
Mit grösster UmständHchkeit wurde dann der Kaffee bereitet, und wohl 
eine halbe Stunde lang rund herum gereicht, bis alle Gäste, die im 
Zelt waren, das schwarze Nass mit laut hörbarem Behagen geschlürft 
hatten. 

Ich möchte gleich hier konstatieren, dass ich weder bei unserem 
ersten Empfang, noch während der ganzen übrigen Zeit meiner An- 
wesenheit im Lager der Schammar irgendwie von den Beduinen be- 
lästigt worden bin. Sie zeigten sich durchaus höflich und wohlanständig, 
und auch ihr Benehmen unter einander war während der ganzen Zeit 
meines Besuches ein ruhiges und gesetztes. Auch ist, was ich bei dem 
schlechten Leumund, in dem die Ehrlichkeit der Beduinen bei den 
Städtern steht, besonders betonen will, von meinem Gepäck nicht der 
geringste Gegenstand gestohlen worden. 

Viele Gäste kamen unterdessen von fremden Stämmen, aus entfernter 
gelegenen Schammarzelten, und ich hatte vollauf Gelegenheit, die Empfangs- 
formen zu beobachten. Meine Wirte verstanden es, je nach dem Range 
ihres Gastes kleine Unterschiede in der Art ihrer Begrüssung zu machen 
und niemals in ihrer Würde sich etwas zu vergeben. Färis selbst er- 
schien mir wie ein Fürst, dessen vornehmes Wesen in merkwürdigem 
Gegensatz stand zu der einfachen Beduinentracht dieses türkischen Pascha 
mit dem Titel Excellenz. Dieser Titel wurde allerdings von seinen 
Stammesgenossen nicht berücksichtigt; sie redeten ihn vielmehr lediglich 
»ja Schech» (o Schech) oder »ja Färis« an.') 

Färis ist für einen Beduinen recht wohlbeleibt. Seit Jahren beteiligt 
er sich an keinem Raub- oder Kriegszuge mehr und führt ein eher 
beschauliches Leben. Im Gegensatze zu dem hageren schlanken Beduinen, 
als welchen ihn die Blunts und Sachau beschreiben, die ihn im Jahre 1878 
bezw. 1880 gesehen haben, gleicht er, was seine Leibesfülle betrifft, jetzt 
mehr einem behäbigen Stadtaraber oder Türken. Er ist von mittlerer 
Grösse; der Kopf, auf einem breiten Nacken sitzend, ist von einem wohl- 
gepflegten, dunklen, leicht ergrauten Spitzbart umrahmt. Die Oberlippe 
ziert ein Schnurrbart. Die klugen blitzenden Augen sind von starken 
Brauen beschattet; das Gesicht selbst ist fleischig und die breite Adler- 
nase scharf gekrümmt. Der Teint ist braun. Der Gesichtsausdruck 
ist ein eigenartiges Gemisch von wohlwollender Gutmütigkeit und 
grenzenloser Rücksichtslosigkeit. Seine Kleidung war, wie gesagt, recht 
einfach. Das Hemd hatte bereits eine undefinierbare Farbe ange- 
nommen, die von recht langem Tragen zeugte. Seine 'Abäje war dunkel- 

*) Nach Eutin^s Tagbuch einer Reise in Arabien, Leyden 1896, Bd. I S. 172, 
Anm. 2, wnrde der inzwischen verstorbene Emir Mu^ammed ibn Raschid, Fürst des Negd. 
anch nur »ja Mntiammed« angeredet 



A2 Ksip. XL Leben und Treiben im La^i^er. 

braun, fast ohne jede Verzierung, seine Keflfije ebenfalls einfach, 

schwarz mit gelbem Rand, sein 'Agäl JuP wurde durch ein darüber 

geschlagenes weisses Tuch um das Kinn auf dem Kopfe festgehalten. 
Im Zelte ging er selbstverständlich nur barfuss, während er im Freien 
Pantoffeln von roter Farbe trug. An der Seite hing ihm stets ein 
breiter krummer Säbel, und nur selten trennte er sich von seinem 
Tschibuk. 

Schech Färis übte eine selbst nach arabischen Begriften weitgehende 
Gastfreundschaft an uns, denn sowohl ich als auch meine Karawane 
und die aus 20 Mann bestehende Soldateneskorte wurden mit unseren 
Tieren völlig auf seine Kosten verpflegt. Ich selbst nahm regelmässig 
meine sämtlichen Mahlzeiten gemeinsam mit den Schammar in Färis' 
Zelt ein. Meine eigenen Zelte, sowie das des Offiziers unserer Eskorte 
waren unmittelbar neben dem Reisezelt des Färis aufgeschlagen 
worden. 

Die Tage meines Aufenthaltes im Lager der Schammar verstrichen 
unter der Fülle fortwährender Abwechslungen wie im Fluge. So stattete der 
Tai-Schcch mit zahlreichen der Seinigen bei Färis einen mir geltenden 
Besuch ab, in Erwartung eines Geschenkes für den Kaffee, den ich in 
seinem Zelte eingenommen. Die Schcchs verschiedener befreundeter 

Stämme, der öebür J^^t der Hadidijin J;oJl«Ji>-, der Baggära ojli, 

der öes ^—3 u. s. w. kamen, hauptsächlich um Chüwe- Angelegenheiten 

zu ordnen. Besonders interessant war mir das Erscheinen von sechs 
Kurden, welche unter der Führung eines hübschen Knaben im Alter von 
etwa IG Jahren auf schönen Pferden in ihrer malerischen, von der 
Kleidung der Beduinen gänzlich verschiedenen Tracht in das Lager ein- 
ritten. Auch sie führten lange Lanzen, welche sie vor dem Zelte des 
Färis kräftig in die Erde stiessen, um dann in das Männerzelt einzu- 
treten. Der junge Mann nebst seinem ihn begleitenden Onkel erhielt 
einen Ehrenplatz auf dem grossen langen Kissen am Rande der 
Frauenabteilung unweit meines eigenen Platzes, während die übrigen 
Kurden sich unter die anderen Beduinen des Zeltes mischten. 
Der Ankömmling legte einen grossen Tabaksbeutel vor sich nieder, 
dessen Inhalt bald in die Pfeifen der Schammar wanderte. Der junge 

Häuptling hiess *Isä ^^..P und war der angestammte Schech eines 

kleinen, auf den südlichen Ausläufern des öebel Tür gelegenen Dörfer- 
distriktes, dessen Bewohner Christen waren. Ebenso kriegerisch wie 
ihre muhammedanischen Stammesgenossen, stehen sie auch an religiösem 
Fanatismus diesen wenig nach. 





Der Schamniar-Schcch Kiiris. 



Kap. XI. Leben and Treiben im Lager. a7 

Der Besuch *Isäs bei Schech Färis hatte denselben Zweck, wie die 
Anwesenheit der Araberhäuptlinge. Er war gekommen, von Färis eine 
Herabsetzung der Chüwe zu erlangen, welche ihm in geringem Masse 
auch zugestanden wurde. Es war sein erster Besuch im Zelte seines 
Lehnsherrn, seitdem er nach dem Tode seines Vaters die Führung seiner 
Leute übernommen hatte. Den Sprecher in dieser Angelegenheit machte 
sein Onkel, er selbst erschien uns ziemlich unbedeutend. 

Fast zu derselben Zeit war auch der Oberschech der 'Adwän 
jljJlP, Namens Fä<Jil Ai? » , von den gegenwärtigen Sitzen seines 
Stammes nördlich von Ras el 'Ain am Korinschär jLUjji viele Tage- 
reisen weit zum Lager des Färis gekommen, um dem Pascha seine Auf- 
wartung zu machen. Ausserdem war noch ein türkischer Civil beamter, 

der *Aschäir Mamüru (^Jy^ j\-^f mit einigen Zaptije anwesend, um 

die Steuern für die Herden der Beduinen einzufordern. Die ungeheuren 
Kamel- und Schafherden, deren Zählung diesem Beamten zum Zweck 
der Steuereinschätzung obliegt, befanden sich freilich nicht in dem kleinen 
Zeltlager des Färis, sondern bei dem Gros des Stammes. 

Schon kurz nach Sonnenaufgang versammelten sich die Leute in 
Färis Zelte. Um lO Uhr fand eine Art Frühstück statt, das hauptsächlich 
aus den Resten der Mahlzeiten des vorhergehenden Tages, aber auch 
aus Honig und frischem Brot bestand. Zur Nachmittagszeit erfolgten 
gewöhnlich die meisten Besuche, wobei sich das grosse Zelt öfters voll- 
ständig füllte. Der Kaffee floss während dessen in Strömen, wenn es 
galt, einen neu angekommenen Gast besonders zu ehren. Kurz nach 
Sonnenuntergang fand die Hauptmahlzeit, die Speisung von Hunderten 
aus wenigen riesigen Schüsseln, statt, in denen auf Reis und Burrul 
jeden Abtnd mehrere Schafe verteilt lagen, das Ganze mit riesigen 

Massen von Semen ^y*^ (Butter) übergössen. Die Beleuchtung war 

äusserst mangelhaft, da sie nur von einigen Oellampen und dem Feuer- 
herde, auf welchem der Kaffee gebrannt wurde, ausging. Die von mir 
aus meinem Zelte mitgebrachten Lichte brachten jedoch einen gewissen 
Festglanz in die Versammlung. Bald nach dem vollständigen Eintreten 
der Dunkelheit zogen sich die Schammar in ihre Zelte zurück, um die 
Gäste des Färis nicht weiter zu stören. 

Die grösseren Beduinenlager werden ganz unregelmässig aufge- 
schlagen. Gruppenweise stehen die Zelte zusammen, wobei örtliche Ver- 
hältnisse und Familienzusammengehörigkeit den Ausschlag geben mögen. 
Im allgemeinen verteilen sich diese Gruppen auf weite Strecken, aber 



A^ Kap. XI. Die Anla^re eines Beduinenlagers. — Das Bedninenzelt. 

in Zeiten der Gefahr stehen die Zelte dicht gedrängt und wenn möglich 
reihenweise neben einander. Auch die mesopotamischen und syrischen 

Beduinen kennen die Duär j^)^ genannte Aufstellung im Halbkreise» 
wie sie insbesondere bei den nordmarokkanischen Nomaden im Rarb 
s^^M allgemein üblich ist. In dieser halbkreis- oder genauer hufeisen- 
förmigen Anordnung bilden die Zelte mit ihren weit ausgespannten 
Stricken, deren Eingänge sämtlich nach dem Innern gerichtet sind, 
eine Art von Befestigung, die besonders in der Dunkelheit gegen feind- 
liche Reiter, sofern sie nicht mit Feuerwaffen versehen sind, Schutz 
gewährt. 

Die Zelte mit festem Dornenwerk (Zeribe <^Jj) zu umgeben, 

wie es in Xordafrika häufig geschieht, ist in der Steppe nicht angängig, 
weil das Material fehlt. Wo es vorhanden ist, wie in den Flussniede- 
rungen des Euphrat, wird es jedoch gern angewandt. .Auch werden oft 
in der Regenzeit um die einzelnen Zelte Rinnen zum Abfluss des 
Wassers gezogen. 

Die Form der Heduinenzelte der nordarabischen Wüste und Meso- 
potamiens ist stets eckig, im Gegensatze zu den runden Zelten, welche 
im Orient von den Reisenden und dem türkischen Militär') gebraucht 
werden. 

Das Beduinenzclt erfüllt in seiner primitivsten Gestalt lediglich den 
Zweck, Schutz gegen Kälte und Sonne zu gewähren. Im allgemeinen 
wird das Zelttuch über einige in der Richtung der Längsseiten aufge- 
stellte Zeltpfähle durch Stricke am Hoden befestigt. Das rechteckige 
Tuch besteht nicht aus einem Stück, sondern i.st aus einer .Anzahl 
breiter, aus Ziegen- und Kamelhaaren gewebter Streifen zusammen- 
gesetzt; die Zahl der Zeltpfahle variiert zwischen zwei bis neun; gewöhn- 
lich wird das Tuch auf einer Seite durch kurze Stricke dicht am Boden 
gehalten, während die andere Längsseite durch langgezogene Stricke 
weit aufgespannt offen bleibt, und zwar je nach der Höhe der Zeltpfähle 
in Manncshöhe und darüber. Oft wird durch andere parallele Pfähle 
das Tuch auf einer oder auf beiden Seiten noch besonders in die Höhe 
genommen. Nebenstehend gebe ich die arabischen Bezeichnungen für 
die verschiedenen Bestandteile des Zeltes. 

Die offene Seite des Zeltes ist dem Winde und dem Wetter abgekehrt; 
bei heissem Wetter wird durch Oeffnen beider Seiten Luftdurchzug er- 
zeugt. Die Grösse eines Schechzeltes ist beträchtlich. Das Zelt des Färis 



\' Die Zelte des letrtcren sind durchg:inj;ig ;in ihrer hellgrünen Farbe kenntlich. 



Arabische Bezeichnungen ffir die Teile des Beduinenzeltes. 



el Bct oJl das Zelt; 

esch Schikäk ^jlliJl das Zeltdach; 



er Riwak 

el Chedra 

er Rab'a 
el 'Awämid 

el Wäsit 

ei Käsir 



{j\jj\ der vom Zeltdach herabfallende Stoff, der das 
Zelt gewissermassen ummauert und der an 
der Eingangsseite des Zeltes abgenommen 
zu werden pflegt; 

öjjA»! die Zeltwand, welche das Frauenabteil vom 
Männerabteil trennt; 

AjüJ\ das Männerabteil des Zeltes; 

Ju^\jii\ die Zeltpfähle im allgemeinen; jedes Zelt hat 
drei Reihen von Zeltpflöcken in der Längs- 
richtung, durch welche das Zeltdach in die 
rtöhe gehalten wird; 

ia-*wlj)\ die sämtlichen unter sich gleich hohen Zelt- 
stöcke der mittelsten Reihe mit Ausnahme 
der beiden Eckpfähle; die »Wäsit« sind die 
höchsten Pfähle des Zeltes^); 

^*-»vaJ\ die beiden Eckpfähle der mittelsten Reihe; 



*) In Ej^ypten heisst der mittelste Pfahl ebenfalls el Wäsit. Die beiden Seitenpfähle, 
die mit diesem Mittelpfahle die Richtung für die übrig^en das Zeltdach tragenden Pfähle ab- 
zugeben haben, werden hier el *Ämir genannt. Der an der Eingangs-Längsseite des Zeltes 
vor dem Mittelpfeiler befindliche Pfnhl heisst el Mu^dim. 



el Megdab 



et Tarifa 



et Tarajek 



el Karrab 



et Tenab oder 
el Habl 



i^^J^\ die sämtlichen unter sich gleich hohen mittleren 
Pfähle der beiden Längsseiten mit Ausnahme 
der Eckpfahle der beiden äusseren Längs 
reihen; 

ÜjlsJl die Eckpfähle der beiden äusseren Längsreihen; 

^\^;U\ schmale Stücke Stoff, welche die einzelnen 
Streifen des Zeltdaches unter sich zusammen 
halten und gleichzeitig als Schutz des Zelt- 
daches an den Stellen dienen, an welchen die 
Pfähle das Zeltdach tragen; die ^Taräje^^« 
sind im Innern des Zeltes an das Zeltdach 
aufgenäht; 

das gabelförmige Holz, welches die Spitze dei 
Pfahle darstellt, das Zeltdach trägt und an 
welchem die Zeltstricke, die das Zelt auf 
spannen, befestigt sind; 

j\:]ai\ Zeltstricke*). 






^^ Der Zeltstrick heisst cq^yptisch Habl. Das aas zwei Stücken bestehende Holzdreieck, 
welches als Bindeglied dient für die Befestififung des Zeltstrickes mit dem Pfeihl and 2^1t' 
lach, heisst egyptisch Scha'b ;;PL Schu'üb"^. 



el Meg<lab 



c{ Tari^ FT 



cl Kasir • 



et Tarifa 




71 et TÄri^ 



• el Käsir 



• et Tärifa 



el Meijdab 




a 



Kap. XL Das Bcduinenzelt. 



45 



bestand aus mehreren Streifen, Schakka <A-i % von ungefähr Y* ni Breite. 

Diese sind in roher Weise zusammengenäht und werden für den Marsch 
auseinander getrennt, da ein einziges ganzes Zelttuch eine viel zu schwere 
Last für ein Kamel bilden würde ^). Die Breite des Paschazeltes betrug etwa 
IS Schritt, die Länge über 35, die mittleren Pfähle hatten über doppelte 
Manneshöhe. Die gp-össeren Zelte werden stets durch eine mittlere Wand, 

Ma'nad, in zwei Abteilungen, Raffe, geteilt. Die grössere, Mak*ad JUa», 

ist meist zum Empfange von Männern, Gästen und zur Abhaltung von 




Beduinenzelt. 



Versammlungen, die kleinere, Mahärem ^^, zum Aufenthalte der Frauen 

bestimmt In der Männerabteilung werden an der inneren Scheidewand 
und ferner an den Seiten Matten, Filzdecken, Teppiche oder Kissen, 
je nach dem Vermögen des Bewohners, für die Aufnahme der Gäste 
ausgebreitet. In grossen Zelten werden sie halbkreis- oder hufeisenförmig 



*) Burckhardt, Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby, Weimar 1831, S. 29 
■od 31, giebt hierfür irrtümlich >>schauke«. 

•) Falls besondere Seitenwände von dem das Dach darstellenden Hauptzelttuch nach 
dem Boden ^ehen, werden diese Ruä^ät genannt; sie sind gewöhnlich aus Kamelwolle, selbst 
wenn das grosse Zeltdach aus Ziegenhaar gefertigt ist. 



46 Kap. XI. Das Kaflfeekochen. 

angeordnet, am Morgen auf der Westseite, am Nachmittag auf der Ost- 
seite. Endlich werden in der Mitte der Männerabteilung auf einen meist 
besonders hierzu erhöhten Platz oder auf einen Stein die Kirbe gelegt, aus 
welchen für die Gäste das Wasser in eine Schale geschöpft wird. Diese 

Gefässe, Täse aJ^ genannt, sind aus Kupfer oder Holz gefertigt. 

Die kupfernen Täse sind halbkugelförmig, die hölzernen dagegen haben 
die Gestalt eines Litermasses. *) In der Nähe der Wasserschläuche ist 

aus einigen Steinen ein Feuerherd, Wiglafe O*^-?» ^^ Kaffeeküchc her- 
gestellt; manchmal freilich dient ein einfaches Loch in der Erde diesem 
Zweck. Bei kleineren Zelten wird dasselbe unmittelbar vor dem Zelte 
an der offenen Längsseite in einer Ecke hergerichtet, derart, dass der 
Wind den Rauch nicht in das Zelt treiben kann. 

Das Kaffeebereiten spielt eine besonders wichtige Rolle im Leben 
der Beduinen und wird mit einer gewissen Feierlichkeit vom Schech 
selbst oder einem seiner nächsten Verwandten, der mit der Repräsen- 
tation beauftragt ist, oder einem vertrauten Diener unter Assistenz von 

drei bis vier weiteren Personen besorgt. In Gegenwart der Gäste werden 

^ • 

die Bohnen ausgesucht und entweder auf einer Pfanne, Gidära oj«AJ, 

zum Rösten über das Feuer gestellt oder häufiger auf dem Mabmä^a 
oder Mihniä.s'), einem langstieligen eisernen Löffel, unter fortwährendem 
Umrühren mit einem eisernen Stift, der an dem Löffelstiel befestigt ist, 
vorsichtig geröstet und dann in einem Mörser zerstampft. Besonders 
beliebt sind die in Syrien, namentlich in Damaskus, verfertigten hölzernen 

Mörser, Madakl^ (3-'^- ^^on beträchtlicher Grösse, geradezu schemel- 
artig und kunstvoll geschnitzt, mit metallenen Nägeln beschlagen oder mit 
Perlmutter verziert, bilden sie ein wichtiges Gerät im Haushalt des vor- 
nehmen Beduinen. Die metallenen Mörser, aus Eisen oder Messing ge- 
schmiedet, heissen Häuan jjVA.^) Bei diesen wird auf besonders guten 

Klang geachtet. In gleichmässigen Stössen, bei denen häufig ein ge- 
wisser Takt und Rhythmus innegehalten wird, wird der Kaffee zerstampft. 

* Bei den egyptischon BeduiDcn sind hulzeme schauf eiförmige Gefässe besondera im 
Gebrauch, die Kadab genannt werden. 

*) Vergl. auch Eutinir, Tagbuch einer Reise in Inncrarabien, Leiden 1S96, S. 195. 

• Auch NiVr oder Cum genannt; Abbildungen bei Euting a. a. O. S. 83. 




TS 



Kap. XL Das Kaffeekochen. 



47 



Dann wird er in dem sogenannten Gumgum^t^*) gekocht, einer mit Henkel 

und Deckel versehenen, nach oben spitz zulaufenden, geschnäbelten, 
kupfernen oder messingenen Kanne, die in den verschiedensten Grössen 
vorkommt. Während die grösste mehrere Liter fasst, enthält die kleinste 
kaum ein paar Tassen. Gewöhnlich sind die Gumgum in einer Reihe 

nach der Grösse neben dem Herde aufgestellt. Die Tassen, Fing^än jWli, 

haben die gleiche Form wie die in den Städten gebräuchlichen, sind 
aber bedeutend grösser. Mehrfach wird von dem Kaffeekoch der Trank 
versucht und der Inhalt aus der Versuchstasse wieder in die Kanne 




Utensilien der Beduinen zur Kaffeebereitungf. 

zurückgegossen. Zucker wird von den Beduinen nur selten dem Kaffee 
beigegeben, dagegen vielfach Gewürz, vor allem Gewürznelken, Grumfil 

li^^. Das Verabreichen erfolgt in der dem Range der Anwesenden 

entsprechenden Reihenfolge. Dabei wird die Tasse nur zum kleinsten 
Teil gefüllt^). Einem besonders zu ehrenden Gaste wird sie drei oder 
mehrere Male gereicht; erst nach dem drittenmal darf er ablehnen, wenn 
er den Wirt nicht kränken will. Selbst für hundert Gäste sind selten mehr 



*) In Syrien und Negd auch Delle j^enannt Vergl. Huber, Journal d'un voyage en 
Arabie 1883/84, Paris 1891, S. 131; Euting: a. a. O. S. 83/84. (Bei diesen weitere Namen 
TOD Hausgeräten und Gegenständen des täglichen Gebrauchs u. s. w.) 

*) Im Negd ist das am häufigsten angewandte Gewürz der Hei (Cardamom), bei den 
egyptischen Beduinen Qabb Hän genannt. Oft wird zudem noch Za^farän hinzugefügt. 

*) Eine Erklärung für die teilweise Füllung glaubt Doughty a. a. O. Bd. I S. 245, 
feben za können. 



48 Kap. XI. Allerlei Küchengerät. 

als ein halbes Dutzend, höchstens zehn oder zwölf Tassen vorhanden, die 
während der Bewirtung niemals gereinigt werden. In einem gut aus- 
gestatteten Zelte wird der Kaffee, bevor er in die kleinen Tassen kommt, 
aus der Kochkanne dreimal in immer kleiner werdende Kannen abgegossen, 

welche der Reihe nach die Namen Lugme Ajjiiy Mi§{ä ö\LAß und Ma§abb 

,_ ->*^ tragen. Hervorragenden Gästen wird die Kaffeetasse von dem 

obersten Bereiter persönlich gefüllt und überreicht, für weniger bevorzugte 
wurden in Färis* Zelte die Tassen an der Feuerstelle gefüllt und auf einer 

Sanije <ju^, einem Tablett, umher gereicht. 

In der Frauenabteilung der Zelte sind meist an der Scheidewand 
die Säcke und Gefässe aufgestapelt, welche die Vorräte, das Korn, die 
Kleider u. s. w. enthalten. Die zusammengerollten Betten werden eben- 
falls hier niedergelegt. In ihrer Nähe ist ein grösserer Kochherd 
aus Steinen gebaut, ähnlich dem kleineren Kaffeeherd in der Männer- 
abteilung. Zum Kochen bedient man sich eiserner oder kupferner und 

dann meist verzinnter Pfannen: die kleineren heissen Tang^era öj^^j^ 

und dienen zur Bereituni:: der gewöhnlichen Hau.skost; sind jedoch zahl- 
reiche Gäste zu bewirten, so werden die Spei.^en in den sogenannten 

Dast O-w^ zubereitet, welche zwanzig Liter und mehr fassen. Noch 

grösser sind die schon erwähnten GidSra. Die beiden erstgenannten 
Gefasse verengern sich nach oben, während das letztere ein halbkugel- 
förmiger Kessel ist, der einen 3 bis 4 cm breiten Rand hat. Diese Kessel 
werden auch benutzt, um die Milch durch Schütteln in Käse umzuwandeln. 

Die Gerichte selbst trägt man in Mansafs wflwa> auf, einer runden 

flachen Platte oder Schüssel, im Durchmesser variierend von etwa 20 cm 
bis zu einem Meter und darüber. Löffel werden von den Beduinen 
beim Essen verschmäht; beim Kochen bedient man sich hölzerner grösserer 

Löffel, die man Marrafe <3 Ji> nennt, die kleineren heissen Chäschülya 

A3j^\^ und werden manchmal mit zur Tafel gebracht, wenn Städter 

als Gäste im Zelte anwesend sind. 

In der Mitte der Frauenabteilung habe ich mehrfach in den Schammar- 

zelten den Haudajj^ 'y^^j^^) gefunden, eine sesselartige Trs^bahre, in 

^ Veriil. das gegenüberstehen lo Bild, sowie die Abbildung: bei Layard, Ninive and 
iis remains. Hd. I S. 104. Marribinische Ilaada j abgebildet bei Jacob a. a. O. S. 28. 



Kap. XI. Der Ilaudag. 



49 



der die Frau auf dem Reitkamele sitzt. Der Haudag hat eine von 
gebogenen Holzstäben getragene Ueberdachung und wird durch Tücher 
verhangen. Bei den Beduinen der mesopotamischen Steppe erscheint der 
Hauda^ durch eine auf beiden Seiten wagerecht hineingesteckte Stange 
verlängert, die mit bunten Troddeln besetzt ist. Bei den angeseheneren 
Schammar pflegen diese Verzierungen des Haudag nie zu fehlen. In der 
Frauenabteilung werden ferner gewöhnlich die Pferdesättel und die Kost- 




Boduiuen auf dem We^^e zur Stadt. 



barkeiten aufbewahrt, falls solche vorhanden sind. Besonders wertvolle 
Kleider, der Schmuck der Frauen und das Geld des Wirtes werden 
während des Sommers meist bei Freunden in benachbarten Städten in Ver- 
wahrung gegeben. So wurde mir wenigstens auf meine Anfrage ver- 
sichert, indessen ist es nicht unmöglich, dass diese Wertgegenstände in 
der Stadt versetzt worden waren, um die gerade bevorstehende Steuer- 
zahlung in barem Gelde leisten zu können. In grösseren Zelten werden 
in der Frauenabteilung oft durch Vorhänge kleine Räume abgeteilt, in 

Frfar. ▼. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Pertischen Golf. IL 4 



JO ^P* ^^ Vorliebe der Beduinen für das Zeltleben. 

welchen die Lagerstätten für die verschiedenen Frauen hergerichtet werden. 
Ausserdem haben die vornehmen Schechs noch besondere Nebenzelte, in 
welchen ihre Frauen mit der einen oder der anderen Dienerin und ihren 
Kindern zusammen leben, zumal wenn sie sich mit der ältesten Hausfrau 
nicht vertragen können. 

Dass der Beduine^ ständig in solchen Zelten haust, die begreiflicher 
Weise keinen genügenden Schutz gegen alle Einflüsse der Witterung 
gewähren, ist in seinem Naturell und seiner Lebensweise b^nindet» 
die seit Jahrtausenden die gleiche geblieben ist Der Sohn der 
Steppe ist auf sein schwarzes Zelt so stolz, dass er mit Verachtung anf 
den Städter und dessen steinernes Haus herabblickt. Schon H^afcy l ^ 
stellen sich der Pforte, welche eine Civilisation der Beduinen durch Scsshaft* 
machung anstrebt, grosse Schwierigkeiten entgegen. So haben zwar £e 
Tai auf Verlangen der Regierung feste Häuser aufgerichtet oder von 
der Regierung gebaut erhalten, trotzdem werden nach wie vor die Zdte 
bewohnt, während die Häuser selbst leer stehen*). Layard*) berichtet, 
dass ein Beduinenweib, die Frau des Scham marschechs Suttum (Sott8m)t 
die Schande nicht ertragen wollte, selbst unter einem weissen städtischen 
Zelte zu schlafen ; und von der egyptischen Prinzessin zur Zeit des Chediven 
*Abbäs I., der Tochter eines Beduinenschechs, ist bereits erzählt, dass sie 
sich auf dem Dach ihres Palastes ein Zelt aufschlagen Hess*). Nur ungern 
kommt der Beduine zur Stadt, und die Schechs grosser Stämme haben 
an den Orten, wo sie hin und wieder dringende Geschäfte, sei es mit der 
Regierung oder wegen grosser Ankäufe von Vorräten, abzuwickeln haben, 
eigene Stellvertreter, sogenannte Wekile. Die Städter haben eine ent- 
schiedene Scheu vor den wilden Wüstensohnen. 

Die Abneigung gegen ein sesshaftes Leben mag es wohl auch er- 
klären, dass die Beduinen^) nie dazu gekommen sind, sich zu einem 
einheitlichen Volke zusammenzuschliessen. Zweifellos ist schon seit 
Urzeiten die nordarabische Wüste und Mesopotamien von Zeltbewohncm, 
nomadisierenden Hirten, durchstreift worden. Der Bibeltradition zufolge 
soll Abraham mit seinen Scharen aus Mesopotamien nach dem heiligen 
Lande und dem Toten Meere gewandert sein. Soweit die Urkunden 
über die Existenz der nordarabischen Beduinen zurückreichen, beweisen 
sie auch die gleichen Kulturverhältnisse, die wir noch jetzt bei ihnen 
vorfinden; von grosser Bedeutung in dieser Beziehung sind ihre Dichtungen 
aus alter Zeit. 



') ^'ergl. unten Kap. XV S. 210; ver«;!. auch Kap. X S. 15. 
*) Ninive und Babylon, S. 203. 
'; Vergl. Hil. I Kap. V dieses Werkes, S. 202. 

*'^ L'nter Beduinen [arab. Sin;>:. Bcdaui, Plur. Bedu' verstehe ich die Nomaden arabischer 
Abstainmun^;^. 



Kap. XI. Aelteste geschichtliche Erwähnung der zeltbewohnenden Araber. 



51 



Die älteste historische Erwähnung von Arabern, die anscheinend 
wie heute auf Kamelen beritten waren, finden wir in dem keilinschrift- 
lichen Bericht des Assyrierkönigs Salmanassar IL, der 860 bis 825 regierte *). 
Die Könige Sanherib und AssurbanipaP) unternahmen im J.Jahrhundert 
V. Chr. einen grossen Feldzug gegen die auf assyrischem Territorium 
liausenden zeltbewohnenden Araber^). Dass es speciell arabische Beduinen- 




Beduinen in der Stadt. 



Stämme schon zur Zeit der Assyrier*) in Mesopotamien gegeben hat, 
weist Delitzsch^) auf Grund verschiedener Stellen aus der assyrischen 
Litteratur evident nach. Die ersten eingehenden Schilderungen aber der 



'} Vergl. Delitzsch, Wo lag das Paradies? Leipzig 1881. S. 295. 

») Vergl. Delitzsch a. a. O. S. 296 ft. 

') Vergl. Delitzsch a. a. O. S. 396. 

*) Die Sitten der damaligen Beduinen werden von den geßfenwärii^^cn nur wenig 
Abgewichen sein; vergl. die DarsteUung eines Doppelreiters zu Kamel (Merdül) aus Kojungyk 
nach Place, PI. 55, 4 in der Abbildung zu Kap. XIV S. 185. 

*) a. a. O. S. 305 ff. 



52 Kap. XI. Sirabo über die Wanderhiiten Mesopotamiens. 

politischen und ethnographischen Verhältnisse von Mesopotamien besitzen 
wir aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert von Strabo. Er be- 
richtet ausdrücklich, dass das ganze Mesopotamien, südlich von dem 
kurdischen Gebirge ebenso wie Nordarabien bis zur grossen Wüste 
(Nefüd) von Zeltarabern bewohnt sei. Sie seien Räuber und Hirten, die 
leicht nach anderen Gegenden wandern, wenn das Beutemachen und die 
Weiden ein Ende haben. 

Durch das Gebiet dieser mesopotamischen Beduinenstämme führte 
die grosse Handelsstrasse von Syrien nach Seleukia in Babylonien. Die 
Beduinenstämme hielten mit den Karawanen Frieden, verlangten indess 
einen massigen Durchgangszoll. Die Karawanen zogen den Weg durch 
die Wüste der Euphrat- und Tigrisroute vor. weil die dort sitzenden ver- 
schiedenen kleinen Duodezfürsten einen höheren Tribut für die durch- 
gehenden Waren verlangten. Im i6. Buch, Kap. III, redet Strabo noch 
einmal von den Wanderhirten Mesopotamiens und charakterisiert sie dahin, 
dass sie wenig oder gar keinen Ackerbau treiben, dafür Herden von 
allerlei Vieh, besonders von Kamelen, halten. Er spricht ferner davon, dass 
den Euphrat hinunter bis nach Babylonien arabische Stammesfursten 
neben den nomadisierenden Arabern, den »Beduinen«, hausten. Weiter 
berichtet er von kleinen arabischen Fürstentümern in Syrien, wo Araber 
in Städten wohnen und infolge ihrer Berührung mit den Syriern 
kultivierter seien, als die mesopotamischen Zeltaraber. Es mögen dies 
früher Beduinen gewesen sein, welche, von stärkeren Stämmen aus den 
Weideplätzen an den Rand der Wüste gedrängt, sich zu schwach fühlten, 
ihr nomadisierendes Leben weiter zu führen, nun sesshaft wurden und zur 
Annahme einer gewissen Kultur sich bequemen mussten. 

Die Geschichte zeigt, dass arabische Gemeinwesen nach langer 
Wanderschaft sich mehrfach zu nicht unbedeutenden Fürstentümern oder 
Staaten herangebildet haben. Als Beispiel hierfür sind in erster Linie 
die Rassaniden im Haurän und die Lachmiden in Hira am unteren 
Euphrat zu nennen^). 

In den folgenden Jahrhunderten sind die Verhältnisse in der Wüste 
genau dieselben geblieben, wie sie Strabo schilderte. Immer neue 
Stämme wanderten von Arabien nach Norden und verdrängten die dort 
hausenden Völkerschaften, die dann entweder zu Gnmde gingen, oder 
an der Grenze der Wüste sesshaft werden mussten. 

Vor der grossen Umwälzung, die in der syrischen und arabischen 
Wüste mit dem Erscheinen des Islam sich vollzog, bildeten den mächtigsten 



^) Das Reich der Odenate in Palmyra und das in seiner Geschichte am wenigen 
bekannte Reich von Hatra in Mesopotamien waren wohl vorwiegend aramäisch. 



Kap. XI. Einfluss des Islam. — Die Schammar in Arabien. C7 

Stamm, von dem sich noch heute Reste erhalten haben, die Tai^). So 
bedeutend waren die Tai, dass die Syrier und selbst die Chinesen mit 
diesem Namen die Araber im allgemeinen bezeichneten. 

Nach dem Aufkommen des Islam dauert die Auswanderung aus 
allen Teilen Arabiens nach Norden fort. Ein bei diesen Invasionen be- 
teiligter Stamm, die Kais (Ges), sitzt in vereinzelten Resten noch jetzt 
am Bellch in Nordmesopotamien. Reste anderer, besonders l.iigazischer, 
Stämme finden sich am mittleren und unteren Tigris, so die Chazrag 

-T- J^» die Beni Tamim ^^ ^ , die Beni Läm ^^ z^' • Auch während 

des Mittelalters und selbst in der Neuzeit ist diese Bewegung nicht zum 
Stillstand gekommen. 

Besonders bedeutende Verschicbungen sind in den letzten Jahrhunder- 
ten eingetreten, und durch die Tradition, die über diese Ereignisse noch leben- 
dig ist, sind wir auch über die Zeiten derselben im allgemeinen unterrichtet. 

Der erste bei dieser Umwälzung in Betracht kommende Stamm ist 
der Stamm der Schammar, derselbe, welchen wir noch heute in Meso- 
potamien allmächtig sehen und der noch immer im Negd das Uebcrgewicht 
hat, wo ein Schammar, Ibn Raschid, nach Niederwerfung der Wahhäbiten 
sich zum unumschränkten Herrn des ganzen Centralarabiens empor 
geschwungen hat. Palgrave hat auf seiner Reise nach dem Negd im 
Jahre 1862 und. 1863^ an Ort und Stelle Nachrichten über die Ent- 
stehungsgeschichte des Schammarstammes gesammelt. Danach hat im 
Mittelalter, in einer nicht näher zu bestimmenden Zeit, infolge kriegerischer 
Umwälzungen, die möglicherweise noch mit der Entstehung des Islam 
zusammenhingen, aus einer Koalition von verschiedenen Stämmen, insbe- 
sondere den Beni Tarleb »...JLt» ^ , den Beni Abs ^--^ ^ und den Hawäzim 

Mj\j^, in der Nähe des Ciebel Schammar jaJ^ L>- sich ein neuer 

Stamm gebildet, der nach dem Gebirge den bis heute unveränderten 
Namen Schammar annahm und schon damals der vorherrschende in 
Centralarabien wurde. Der Name Schammar selbst stammt aber aus 
Südarabien.') Um die Mitte des 17. Jahrhunderts setzten sich Teile 
dieses damals zweifellos sehr zahlreichen Stammes nach der Syrischen 
Wüste in Bewegung, die den Nomaden wegen ihres reichlichen Gras- 



\. Die Tai sind ein südarabischer Stamm. Ver^l. Wüstenfeld, Genealojjische Tabellen 
der arabischen Stämme und Familien, Bd. II S. 6 und 7. Devcria, Ori^nc de l'Islamisme 
en Chine in Centenaire de l'EcoIe des Lang^iies Orientales, Paris 1895. 

*) Vergl. auch Wetzstein, Sprachliches, Z. D. M, G., Bd. XXII S. 90, und Doughty, 
a. a. O. Bd. II S. 37 and passim. 

') Verj^l. die Stammtafeln bei Prideaux, The Himyaritc. Kassida. 



e^ Ktp. XL Auswanderang der Schammar nach Syrien. 

Wuchses während des Frühjahrs und des Sommers und wegen der 
im Verhältnis zu Centralarabien viel günstigeren Wasserverhältnisse als 
gelobtes Land und begehrenswerter Weideplatz erscheinen musste. In 
den syrischen Steppen sassen um diese Zeit eine Reihe verschiedener 
Stämme, wie die ^Amfir und Hadidin, deren Namen von den damaligen 
Reisenden leider nur zum geringsten Teil überliefert sind. Der 
mächtigste Stamm der Syrischen Wüste aber soll damals derjenige der 
Mawäli gewesen sein, mit denen die Schammar (angdauemde blutige 
Kämpfe zu führen hatten*). Die Schammar blieben Sieger und drängten 

die Mawäli in die Nordwestecke von Syrien, in die il 'Alä «-^U^, die 

Gegend östlich von Hamä und Aleppo, wo sie vereinzelt noch heute 
als Ackerbauer zu finden sind*). Die Blunts führen den Ursprung 
der Schechs der Mawäli auf einen Sprössling der Omaijaden-Chalifen 
zurück, der als Gesandter an den Kaiserhof von Byzanz gekommen war 
und das Gefallen der Kaiserin Theodora in dem Masse gewonnen hatte, 
dass sie ihn mit Reichtümern und Sklaven überhäufte, wodurch er einen 
eigenen Stamm um sich zu vereinigen vermochte und von nun an selbst- 
ständig in der Wüste hauste'). 

Kurz nachdem die Schammar sich in Syrien einigermassen fest- 
gesetzt hatten, erschien eine neue Völkerflut aus Arabien: das grosse 
Volk der *Aneze. Noch heutzutage finden sich Reste von ihnen im 
südlichen Negd und der Name der dortigen Stadt *Oneze deutet auf 
ihre ursprüngliche Heimat hin^). 

Da nach der Einwanderung der genannten beiden Völkerschaften 
keine weiteren Invasionen vom Süden her nach Syrien und Mesopotamien 
nachgewiesen werden können, so ist wohl anzunehmen, dass alle anderen 
Stämme, welche wir heute in diesen Gebieten noch vorfinden, die Reste 
seit früherer Zeit dort streifender Beduinen bilden. 

Zwischen den 'Aneze und den Schammar kam es zu blutigen Kämpfen, 
die damit endeten, dass die Schammar, welche zweifellos schon früher 



*) Vergl. Palgrave, Narrative of a year's joumey through Central and Eastem Arabia, 
Bd. I S. 118. 

^ Verj^L Burckhordt a. a. O. S. 311. Nach ihm sollen die Mawäli im Anfange 
dieses Jahrhunderts ihre Vorherrschaft über das offene Land um Aleppo und Qama an die 
'Aneze verloren haben. 

»: Vergl. Blunt a. a. O. Bd. II S. 176. 

*) Die 'Aneze werden als einer der ältesten nordarabischen Stämme schon früh 
genannt, sie gehören zu den Rabi'a, und zwar zu den Beni WäiU den Gegnern des 
Propheten Mubammed. Vergl. Burckhardt a. a. O. S. 310; Jacob, Altarabisches Bcdninen- 
leben, 2. Auflage, Berlin 1897, S. 33. Der Historiker Ibn il Atir spricht (zum Jahre 597 
d. h. = 1191 n. Chr., Bd. XII S. 67) von Beni 'Aneze, die in 20 Dörfern in dem Gebirge 
zwischen dem ^igäz und Jemen, also dem heutigen Gebiet der *Asir, gewohnt haben. 



Kap, XL Die *Aneze. — Die Schammor überschreiten den Euphrat ec 

die fruchtbaren Gefilde von Mesopotamien auf ihren Raubzügen kennen 
gelernt hatten, den *Aneze Syrien überliessen^) und selbst eine zweite 
Wanderung antraten. Sie überschritten den Euphrat und unterwarfen 
sich nach und nach ganz Mesopotamien von der Breite von Bardäd 
bis nördlich zu den Kurdischen Gebirgen. Die bisherigen Bewohner 
wurden wiederum teils bis an die äussersten Ränder verdrängt, wie die 
in ihrer Hauptmasse nach Mesopotamien ausgewanderten Tai, welche in 
zwei Teile zersprengt wurden, deren einer nördlich vom Singär sich 




* Aneze • Schech und Beduine des östlichen Hamäd. 

niederliess, während der andere sogar über den Tigris hinaus südöstlich 
von Mö§ul und am grossen Zäb entlang zog. Andere Stämme wurden 
gezwungen, das Nomadenleben aufzugeben und in den Flussthälem sess- 
haft zu werden. So vor allem der grosse Stamm der öebür, der, gleich- 
falls in mehrere Teile zersprengt, sich am Tigris und am Chäbür, teilweise 
auch am Euphrat ansiedelte; ferner die kleineren Stämme der Baggära, 



') In der Syrischen Wüste sind die *Aneze bis zum heutigen Tage vorherrschend 
geblieben. In den fiinfnger Jahren wagten sie sogar einen Ueberfall auf Aleppo, wo sie 
regelrecht plünderten. Zahllose Kostbarkeiten wurden damals von ihnen weggeschleppt, 
die allerdings wohl nicht lange in den Händen der Beduinen, die damit nichts anfangen 
konnten, geblieben, sondern bald verkauft worden sein mögen. 



c6 Kskp. XI. Neueste Beispiele bednioischer Wandenm^o : die Haaidi. 

Wilde, 'Agedät, welche ebenfalls am Chäbür und am Eophrat sich 
Wohnstätten gründeten. 

Diese neue Gruppierung der Beduinenstämme in Syrien und Meso- 
potamien muss sich spätestens im Anfang des vorigen Jahrhunderts voll- 
zogen haben und ist bis auf den heutigen Tag geblieben:*) der Euphrat 
bildet nach wie vor die Grenze zwischen den beiden grossen domi- 
nierenden Stämmen, den *Aneze in Syrien und den Schammar in Meso- 
potamien. 

Wie noch in der jüngsten Zeit solche Wanderungen von Beduinen- 
stämmen vor sich gehen, davon liefert die Geschichte des kleinen 
Stammes der Hanädi ein schlagendes Beispiel. Die Hanädi sind eigentlich 
in Marrib*^) heimisch, wohin sie in nicht bestimmbarer Zeit von Arabien 
ausgewandert waren. Wir finden sie darauf im westlichen Teile des 
Nildeltas bei Alexandrien, dann wurden sie von dem mächtigeren Stamme 
der Wuld 'Ali, der heute noch zwischen Siwa und dem Nilthal sitzt 
verdrängt und zogen im Anfang dieses Jahrhunderts in die östlichen 
Teile des Delta. Als dann in den dreissiger Jahren Ibrahim Pascha mit 
dem eg>*ptischen Heere in Syrien einrückte, begleiteten die Hanädi ihn 
als irreguläre Kavallerie bis in das äusserste Nordsyrien. Bei seinem 
Rückzuge aus dem Lande 1839 blieben sie zurück und wohnen heut- 
zutage als Halbnomaden zwischen Aleppo und dem Euphrat, wo sie 
Sachau 1880 gefunden hat^), und südlich von Damaskus. Ein Teil 
des Stammes blieb in Egypten zurück und findet sich noch heutzutage 
in der Stärke von 27 103 Personen namentlich im östlichen Teile des 
Delta in der Provinz Scharkije*). In den letzten Jahren sind dann wieder 
einzelne Familien der Hanädi von Eg>'pten nach Syrien in die Nähe von 
Hamä gezogen. 

Als Beweis für die Ausdehnung der Wanderungen arabischer Stämme 

möge auch das Beispiel der Sulem ^^JLw und der Beni Hiläl J^\^ ^ dienen. 

Sie zählten zu den Ersten, welche unter den Fahnen des Islam in Syrien 
eindrangen, wo sie sich einige Zeit im Haurän aufhielten. Später wurden 
sie veranlasst, nach Egypten abzuziehen, und im Nildelta Hessen sie sich 
zunächst nieder. Durch ihre räuberischen Neigungen machten sie sich 
auch dort unleidlich, so dass sie zwangsweise nach Ober- Egypten ver- 
pflanzt werden mussten. Auch hier wurden sie lästig und liessen sich 

\) In der zweiten Ilälftc des 18. Jahrhunderts muss noch eine weitere Auswan- 
derung der Schammar aus dem Innern Arabiens nach Mesopotamien erfolgt sein. Vergl. 
Layard, Ninive und Babylon, S. 194. 

•) Vergl. Burckhardt, Bemerkungen etc., S. 318. 

»;^ Vergl. Sachau a. a. O. S. 143. 

♦ Verpl. Rccensement Gönöral del'Egypte ^^für i. Juni 1897), Kairo 1898, Bd. III S. XI. 



Kap. XI. Die Schammar in Mesopotamien. cj 

yon dem Wezir des Fätimiden-Herrschers el Miistan§ir um das Jahr 1050 
durch das Versprechen, dass jeder ein Goldstück und ein Kamel 
erhalten sollte, bewegen, Egypten zu verlassen und nach dem west- 
lichen Nord-Afrika auszuwandern ^). Allmählich drangen sie bis nach 
Marokko vor und höchst wahrscheinlich haben erst sie die eigentliche 
Arabisierung von Nord-Afrika begonnen. 

Die Familie der Schcchs der Schammar führt ihren Stammbaum 
auf die Zeit Muliammeds zurück und nennt sich daher Bet Mubammed. 
Ein Urahn dieser Familie soll zu den Gefährten Mubammeds, den 
An§är, gezählt haben. 

Die Lage der Schammar in Mesopotamien mag von Anfang an 
keine angenehme gewesen sein. Sie hatten Feinde überall und mussten 
ununterbrochen Krieg führen, nicht nur mit den zahlreichen Stämmen, 
die sie verdrängten, sondern höchst wahrscheinlich auch mit den Türken; 
später erstanden ihnen in den Turkmanen, Kurden, und in neuester Zeit 
auch in den Tscherkessen beachtenswerte Gegner. Ihre Schcchs sollen 
nach der Tradition sich dabei durch echt arabische Tugenden aus- 
gezeichnet haben. Es zeugt von einer ungewöhnlich zähen Lebenskraft, 
dass der Stamm allen blutigen Fehden zum Trotz noch heute nach Zehn- 
tausenden von waffentragenden Männern zählt. Andererseits darf man 
annehmen, dass von den unterworfenen Stämmen, zumal den kleineren, 
sich manche um die Schammar gruppiert haben und in sie aufgegangen 
sind, wenn auch das kaum erstickte Feuer der Feindseligkeit noch oft 
genug in neuen Kämpfen aufloderte. 

Als eine politische Macht erschienen die Schammar zuerst in den 
dreissiger Jahren dieses Jahrhunderts während der Bardäder Wirren. Im 

Jahre 1830 hatte der Gouverneur von Bardäd, Däüd Pascha Llb ^jl^, 

der, dem Beispiel Mul.iammed *Alis von Egypten folgend, sich un- 
abhängig machen wollte, eine europäisch organisierte Truppenmacht 
g^eschaffen. Da brach 1831 die Pest in Bardäd aus, welche die Stadt 
in der furchtbarsten Weise entvölkerte. Auch die Soldaten des Däüd 
Pascha starben massenhaft. Dazu trat der Tigris aus und über- 
schwemmte die ganze Stadt. Als das Ende der grossen Hitze auch 
der Pest und der Ueberschwemmung ein Ziel setzte, erschien der 

von der Pforte neu ernannte Gouverneur *Ali Pascha U»L ^ von Aleppo, 
um die Verwaltung von Bardäd zu übernehmen. Däüd Pascha wider- 
setzte sich, worauf *Ali den Schammar-Schech Sufüg f^^^i^ um Hilfe er- 
suchte. Sufüg war eigentlich nur Haupt eines Zweiges der Schammar, 
>) VergL Mmier. Der Islam, Bd. U S. 628. 



jg Kai». XI. Die Schammtr bei den Wirren von Bafdäd 1830. — Scbech Schlösch. 

allerdings des hervorragendsten, der 6erba l^i — ein Name, der dann 

auch (lir das ganze Schammarvolk gebraucht wurde. Mit Sufugs Unter- 
stützung gelang es 'Ali Pascha, in Bardäd einzuziehen. Nur durch Hin- 
gabe aller seiner Schätze vermochte Däüd Pascha seinen Kopf zu 
retten, worauf er sich nach Konstantinopel zurückziehen und seine Tage 
unbehelligt als Privatmann beschliessen durfte. 

Nachdem *Ali Pascha in Bardäd eingezogen war, verlangten die 
Schammar die versprochenen Belohnungen, die *Ali Pascha jedoch nicht 
geben konnte oder wollte. Infolgedessen zogen sich die Schammar zu- 
nächst in das Innere von Mesopotamien zurück, plünderten die Karawanen 
und wandten sich dann gegen Bardäd, welches sie drei Monate belagerten. 
Zwar sahen sie sich gezwungen, in die Wüste zurückzukehren, drohten 
aber, im nächsten Jahre wieder zu kommen. 

Da 'Ali Pascha ihnen keine Truppen entgegenzustellen vermochte» 
rief er die 'Aneze zu Hilfe und suchte ausserdem nach dem alten 
Grundsatz »divide et imperac die Schammar in zwei feindliche Lager zu 

spalten. Es gelang ihm auch, einem gewissen Schlösch ^^jLi, einem 

Neffen Sufilgs, bei den Schammar derartigen Einfluss zu verschaffen, 
dass ein Teil derselben ihn als Schech anerkannte. Der grössere Teil 
des Stammes blieb jedoch dem Schech Sufüg treu. Inzwischen waren 
die *Aneze, begierig nach den reichen Weideländern der Schammar, 
mit angeblich 35000 Mann herangekommen. 'Ali Pascha aber, den die 
Ueberschwemmung Mesopotamiens durch eine solche Macht mit Be- 
sorgnis erfüllte, erklärte ihnen nunmehr, dass er ihre Hilfe nicht mehr 
brauche. Die 'Aneze Hessen sich dessen ungeachtet bei Bardäd nieder. 
Jetzt wandte sich 'Ali Pascha hilfesuchend an den Schech Schlösch gegen 
die 'Aneze, und sogar dessen Rivale, der alte Schech Sufüg, sandte seinem 
Neffen 2000 Mann zu Hilfe, weil in diesem Kriege die Ehre des Schammar- 
Stammes auf dem Spiele stand. 

In dem nun folgenden Kampfe behielten die 'Aneze die Oberhand. 
Der Hass der Sieger kehrte sich besonders gegen die Anhänger des 
Schech Schlösch, der selbst gefangen und in Stücke gehauen wurde; mit 
den Truppen des Sultans verfuhren die 'Aneze glimpflicher als mit den 
Beduinen. Erst als der Pascha auch noch die seit alter Zeit in Süd- 
mesopotamien hausenden Zubed Juj herbeirief, die im Winter 1834 

bis 1835 vor Bardäd eintrafen, zogen sich die 'Aneze zurück. 

Jetzt war Schech Sufüg wieder Herr über alle Schammar und auch 
von der türkischen Regierung gern gesehen, die ihm nicht vergass, dass 
er das Perserheer unter Mubammed 'Ali Mirza, dem Sohne des Perser- 



Kap. XI. Schech ^afug und die Regienmg. j^ 

königs Fatb *Ali Schah, durch einen geschickten Ueberfall vernichtet 
hatte ^). Sein Ansehen war um die Mitte der dreissiger Jahre so ge- 
stiegen, dass er der »König der Wüstec genannt wurde. Selbstverständlich 
machte Sufüg von seiner Macht in seinem Sinne Gebrauch, besteuerte 
das ganze Mesopotamien, brandschatzte die Karawanen und die Grenz- 
gebiete der Wüste und geberdete sich überhaupt der Pforte gegenüber 
als unabhängiger Fürst. 

Nachdem Sultan Mabmüd II. mit der Reformierung des ganzen 
türkischen Reiches begonnen hatte, musste auch solchen Zuständen ein 
Ende gemacht werden. Schon vorher waren die halb unabhängigen 
kleinen türkischen Machthaber in Kleinasien, die Dere-Beys (»Thalfürsten«) 
teils mit List, teils mit Gewalt aus dem Wege geräumt worden. Seit- 
dem der Sultan über eine europäisch organisierte Armee verfügte, die 
hauptsächlich durch die Bemühungen preussischer Offiziere*) gebildet 
worden war, richtete der Sultan sein Augenmerk auf die östlichen Ge- 
biete. Zunächst wurden die Kurdenfürsten unterworfen und alsdann der 
Versuch gemacht, in Mesopotamien Ordnung zu schaffen. 

Da man dem Schech Sufüg mit offener Gewalt nicht so leicht hätte 
beikommen können, wurde er von dem Befehlshaber des Expeditions-Korps 

Muhammed Raschid Pascha lil JL-i j ^ verräterisch gefangen genommen 

und nach Konstantinopel geschickt. Doch gelang es ihm, nach einigen 
Monaten die Freiheit zu erlangen und nach Mesopotamien zurückzukehren. 
Jetzt wurde der Schech Sufüg der Schrecken der Provinzen Mö§ul und 
Bardäd, und selbst über den Tigris hinaus nach Osten dehnte er seine 
Plünderungszüge aus. Freilich hatte er, der erbittertste Feind der Türken, 
wenn es seiner egoistischen Politik besser passte, zeitweise wieder zu der 
Pforte gehalten und im Jahre 1840 die Hanädi, welche, wie erwähnt, mit den 
Truppen Ibrahim Paschas nach Nord-Syrien gekommen waren und sich 
bei Ras el 'Ain festgesetzt hatten, von dort vertrieben^). Das ganze 
Bestreben Sufiigs ging dahin, seinen persönlichen Einfluss und seine 
frühere unumschränkte Gewalt in Mesopotamien wieder zu gewinnen. 
Da um diese Zeit die neugeschaffene türkische Militärmacht durch die 
Egypter bei Nizib (1839) vernichtet war, so konnte die Pforte wiederum 
mit offener Gewalt nichts gegen ihn ausrichten und versuchte es ein zweites 
Mal, eine Spaltung unter den Schammar herbeizuführen, indem sie einen 

Neffen Sufugs, Namens Neg^ris {j* J^% zum Schech ernannte. 



') VergL Layardy Niniye and its remains, Bd. I S. 94. 
^ VcrgL Mollke a. a. O. S. 254—298. 
*) VergL Ainsworth, Trayels in Asia Minor, Bd. II S. 265. 
^) R0S8 nennt ihn Nijirib, bei Ritter a. a. O. Bd. XI S. 473. 



ÖO Kap. XL Schech Negris. — Ende des Schech ^ofü;^. 

Als aber Schech Neg^ris zu mächtig zu werden drohte, paktierte der 
Wali von Bardäd, Neg^ib Pascha, wiederum mit Sufüg, den er mit einer 
starken Militärmacht gegen seinen Nebenbuhler zu unterstützen versprach. 
Sufüg machte sich nun eines bei den Arabern unerhörten Treubruches 
schuldig, um sich des einflussreichen Rivalen zu entledigen. Er lud Ne^ris 
ein, in sein Lager zu kommen, um die Streitigkeiten auf gütlichem Wege zu 
ordnen. Ne^ris folgte der Einladung erst, als Sufügs Sohn Ferbän, der bei 
den Schammar damals in grossem Ansehen stand, sich für seine Sicherheit 
eidlich verbürgt hatte. Dessen Araberworte trauend, begab sich Xeg^s 
ohne Begleitung in Sufügs Lager. Als der Schech sich bei seinem 
Eintritt nicht erhob, um den Gast zu begrüssen, wurde Neg;ris sofort 
klar, welches Schicksal ihn erwartete. Trotzdem Hess er sich ruhig im 
Zelte nieder. Sufüg aber zog sein Schwert und, obgleich sein Sohn ihn 
beschwor, nicht in schmählicher Weise die Gastfreundschaft zu verletzen, 
hieb er seinem Neffen das Haupt ab. Auch Ferbän entging nur mit 
knapper Not der Wut seines Vaters, weil er den verhassten Nebenbuhler 
zu schützen versucht hatte. 

Doch sollte Sufüg sich nicht lange seines Triumphes freuen. Negib 
Pascha schickte allerdings, nachdem Sufüg ihm von dem Geschehenen 
mit dem Bemerken Mitteilung gemacht hatte, er habe den Mord im 
Interesse der Pforte verübt, die erbetene Truppenmacht, mit welcher 
Sufüg die über den Verrat empörten Schammar sich mit Gewalt wieder 
unterwerfen wollte. Aber die Expedition des Paschas hatte einen anderen 
Zweck. Kaum hatte Sufüg sich von seinem Zelte entfernt, als er von 
den türkischen Soldaten umringt und niedergemacht wurde. Sein Haupt 
wurde nach Bardäd gebracht^). 

Trotz der Treulosigkeiten, die er in den letzten Jahren begangen, 
ist Sufüg doch, ebenso wie sein Urgrossvater gleichen Namens, der 
Nationalhcros nicht nur der Schammar, sondern aller Beduinen Nord- 
Arabiens geworden. Zahllose Episoden aus seinem Leben werden erzählt 
und seine Tapferkeit und Freigebigkeit gerühmt. Seine Verrätercien 
wurden von seinen Verwandten geflissentlich unterdrückt, und Sachau*) 
weiss nach den Erzählungen des Schech Färis nur von dem Meuchel- 
morde zu berichten, dem Sufüg zum Opfer gefallen. 

Schech Sufüg hinterliess sechs Söhne, Ferbän^), *Abd er Rabmän, 
*Abd el Kerim, *Abd er Razzäk, Majüm, Färis. 

\ Verj:!. Layard a. a. O. Bd. I S. 114. 
* a. a. O. S. 301. 

'; Auch Layard, Ninive und Babyion, .S. 254, bezeichnet Ferbän als Soho dct 
Schechs Sufüg, obersten Schech der Schammar, und Petermann. Reisen, Bd. II S. 338, oennt 
^Ferbän als obersten Schech und zweifellos ältesten Sohn des Sufüjy. 



K«T-. XL "^MÄ::* Suimr. ^rrtfv-.i J g-r.: t. Sci^-^^ Ar^ t, äv?--n^ ^| 

wescn zu sein, inc S3s> 5ce -berf^-sciiiitDeüde:: ^ch.\i^^^'-:!i:^t^. der Kcx^r. 
den, die mit ~r/m m Bcniririj: ^^kr-mr::-?- sTr.c- hervo-v^t? h: In: VT^e^rtTi- 
satz zu seinen encrpä.cberer ErJicrz h:e"t er >:ch n:eL>: :n: H:n:er5;rr,:r.vie 
und suchte ajög^adiiC ^te Kereiuis^er. ni:t der. Türken ::: j^ncjrfn. 
Diese waren es auch- »clziie Jm sciÄter veranlassten, n::: e:ncr ,\k::\ercn 
Politik hcn-orzüireien In icn -lebuger T ihren w-rde :hm der rA>chA:::cI 
gegeben und ein lahres^ehÄlt ausgesetzt- Sem Nan^e :>: ;et--:. \xcn:j::e 
Jahre nach seinem Tode, bereits fast vergessen, und charAkter.stisch i^enuj: 
erzählen dje Blunts. das? man ihn. dessen Mutier eine Stadter.n aus Rirdavi 
und keine Beduinent'^chter gewesen, zum Spott Kcd:>ch v>Ha:bhlul«^ 
genannt habe- . Schech Ferhän hat wiederum mehrere kurdische und 
andere nicht beduinische Frauen genommen. 

Von *Abd er Rahmän und Majjm ^\issen wir wenii^; sie durften 
in den blutigen Fehden mit anderen Stämmen oder den Türken i:;[eUllen 
sein. Bald nach .;:^ufugs Tc»de ]eitete -em dritter Sohn \\bd el Kenni 
die Geschicke der Schammar. Wie seinem Vater werden auch ihm .lUe 
Tugenden eines Beduinenchechs. Tapferkeit. Freii^ebigkeit und iiross- 
mut nachgeriihmt, und gleich seinem Vater fand auch er ein tragisches 
Ende. Sachau berichtet, dass eines Tages 'Abd el Kenms jüngerer Hruder 
'Abd er Razzäk mit dem türkischen Gouverneur von Mardm in Streit 
geriet und sich in ottener Versammlung zu Thätlichkeiten gegen ihn 
hinreissen Hess. Danach bestieg er ein Pferd des Paschas und enltloh 
in die Wüste. Dies Vorkommnis war das Signal zu einem wilden Kampf 
zwischen den Schammar und den Türken. In einem der vielen Gefechte 
fiel *Abd er Razzäk. *Abd el Kerim lag es nunmehr ob, seinen Valor 
und seinen Bruder zu rächen. Jahrelang dauerte der Kampf zwischen 
ihm und den Türken. Die bewohnten Ortschaften von ganz Mesopotamien 
wurden von den Schammar gebrandschatzt, so dass die Bewohner der 
grossen Städte sich kaum vor die Thore wagten, selbst Mo^iul wurde 
geplündert*). Schliesslich verliess das WafTenglück *Abd el Kernn voll- 
ständig, und er suchte Zuflucht bei den Muntefik sIXaj^ im Süden von 

Bardäd. Hier soll der von dem Vater verübte Bruch des Gastrechts 
sich an dem Sohn gerächt haben. Es wird erzählt, dass sein eigener 
Bruder Ferbän der türkischen Regierung das Versteck *Abd el Kcrinis 
verriet, und dass der Schech der Muntefik ihn der Pforte auslieferte. 
Er wurde nach Mö§ul gebracht und dort im Jahre 1868 auf der Brücke 
gehenkt. 



») Vcrgl. Blunt, The Beduin tribes of the Euphrates, Bil. I S. 320. 
") VcrgL Czernik, Studien - Expedition , II, in Petermanns Mittcilunjrcn, ErgänxungJi- 
beft 45, Gotha 1876, S. 5. 



A 



62 



Kap. XI. Jogendschicksale des Schech Färia, 



Damit war Ferban der unbestrittene Oberschech aller Schammar- 
Beduinen geworden. Färis war noch zu jung, um in die Geschicke 

seines Stammes eingreifen zu können. Seine Mutter 'Amsche AJtj»W, eine 

Tochter des vornehmen Stammes der Tai, die gleich dem Schech Sufüg 
als Heldin verehrt wurde, . war bald nach dem Tode ihres Gemahls zu 
dessen Verwandten in das Innere Arabiens geflohen und hatte ihren 

Sohn Färis mit sich entfuhrt. 
. ^ Im Neg[d besass das Haus 
der mesopotamischen 
Schammarschechs Brunnen 
und Oasen, und hier fand 
sie bei dem schon damals 
mächtigen Schammar Ibn 

Raschid JlJ>j Jx^ gastliche 

•• • 

Aufnahme und Schutz. Erst 
in den siebziger Jahren, als 
Färis zum Jünglinge heran- 
gereift war, kehrte sie mit 
ihm nach Mesopotamien zu- 
rück. Alsbald lösten sich 

ganze Abteilungen der 
Schammar von dem wegen 
seiner Unritterlichkeit und 
Unthätigkeit nicht beliebten 
Ferhän los und scharten sich 
um den Ankömmling, der 
an echten Beduinentugenden 
seinem Vater und seinem 
Bruder *Abd el Kerim gleich- 
kam. Vorläufig ging Färis 
dem Ferbän, der sich am 
Tigris niedergelassen hatte, 
aus dem Wege und zog sich mit seinen Anhängern in den nördlichsten 
Teil von Mesopotamien zurück. Seine Macht wuchs indes bald derartig, 
dass er die halbansässigen Stämme des Chäbür- und Belich-Gebietes sich 
tributär machen und seinem älteren Bruder Trotz bieten konnte. Nun 
entspann sich ein Kampf zwischen den beiden Brüdern, der bald mehr, bald 
minder heftig geführt wurde und mit einer Teilung Mesopotamiens endete. 
Die Linie von Mösul nach Mejädin am Euphrat bildete fortan die 
Grenze zwischen den beiden Gruppen des Schammarvolkes. Feii^an 




Bedr, Sohn des Schammar-Schech Ferban. 



Kap. XL Teilung Mesopotamiens zwischen Nord- und SUdschammar. — Färis Pascha. 63 

herrschte im Südosten, Färis im Nordwesten. Die Gefolgsleute Ferbäns 
nenne ich Südschammar, die des Färis Nordschammar. 

FerUän hinterliess zahlreiche Söhne, von denen mir als noch jetzt 
lebend die folgenden genannt wurden: el 'ħi (»der Rebell«), Mig^wel, 
ääralläh: diese drei stammen von einer gemeinsamen Mutter aus dem 
Stamm der *Amüd; Schelläl, 'Abd el 'Aziz, Fe§al: diese drei sind gleich- 
falls die Söhne einer gemeinsamen Mutter aus dem Stamme der Tai; 
'Abd el Mobsin, Hais, Tuweni: diese drei von einer gemeinsamen 
Mutter aus dem Geschlechte Zöba'; Sultan, Mutlafe, Humede von ver- 
schiedenen Müttern; Bedr, Abmed, Zaid, Mizar: diese letzten vier sind 
einer gemeinsamen Mutter entsprossen, welche nach dem Tode Ferbän 
Paschas sein Bruder Färis heiratete. Sie schenkte diesem aber keine 
Kinder und lebt gegenwärtig gemeinsam mit ihren Söhnen aus erster 
Ehe. Ueber die Nachfolge des Vaters entbrannte sofort Streit unter 
ihnen: jeder hatte sich seinen eigenen Anhang unter den Stämmen 
zu verschaffen gewusst. Mehrere buhlten bei den Walis von Bardäd 
und Mö§ul um den durch den Tod ihres Vaters erledigten Titel eines 
Pascha el *Orbän für das östliche Mesopotamien, in der Hoffnung, dadurch 
die Hegemonie über die sämtlichen Südschammar zu gewinnen. Die 
Pforte dagegen brauchte nur, ihrem alten Prinzip treu bleibend, ab- 
wechselnd den einen oder den anderen der Söhne Ferhäns zu begünstigen, 
um diese unter einander zu verfeinden und so die Kraft der Süd- 
schammar weiter zu schwächen. 

Die Südschammar scheinen heute zahlreicher zu sein, als die Nord- 
schammar, doch folgen letztere dem Schech Färis als einzigem Oberführer 
und sind deshalb kräftiger. Das Verhältnis zwischen Färis und der Pforte 
war zur Zeit meines Besuchs ein günstiges. Als die Blunts ihn be- 
suchten, schwankte er noch, ob er sich den Türken in die Arme 
werfen sollte oder nicht und mit Verachtung sprach er von seinem 
Bruder Ferbän, der von den Türken den Paschatitel angenommen 
habe. Zwei Jahre später, zur Zeit von Sachaus Besuch, war er schon 
zu den Türken übergegangen, die ihn mit hochtönenden Titeln zu 

ködern verstanden. Nachdem er zunächst zum Käimmakäm ^W ^to 

der Schammar ernannt worden war, erhielt er einige Jahre später noch 
den Paschatitel, so dass er im Range seinem Nebenbuhler Ferbän gleich- 
stand. Inzwischen hatte er sich vollständig der türkischen Regierung 
unterworfen und zur Zahlung von Steuern bequemt. Schech Färis trug 
sich sogar mit dem Gedanken, wie verschiedene andere Oberschechs 
grösserer Beduinenstämme und sein Bruder Ferbän es mehrfach gethan, 
nach Konstantinopel zu gehen und dem Sultan seine Aufwartung zu 
machen. 



f'4 



Ka]i. \I. I':.iueD und Kinilci <les Friris. 



Karis war der Reihe nach mit einer gn»scn Anzahl von Frauen 
verheiratet. I> wollte nu>^lich>t viele Söhne be-^itzen und beneidete in 
tlieser Hcziehuni^ seinen Ihuder Terhan. Ich fand drei lebende Söhne 
bei ihm \<^r. l)er altestt- war ein weichlicher und schwächlicher junger 
Mann, ilen Sachau i)ereit- al> krankes Kinil von etwa i'j Jahren kennen 
:^elernt halte. Sein Lieblintr-^sohn war ein etwa zwöltjähriger Junge, ein 
schneidi'^er. aiift^eweckter llursciie. derselbe, den er mir nach Ne^ibin 
cntLjei^en j^'e-^andt iiatte inul mit dem ich mich in der Folge befreundet 
habe. Fr ki»nnte ein zweiter Siifiii: wnd *Abd el Kerim werden; alle 




I r.-> Mi.: >v;iicn >!iliiicii. 



Schammar lieben ihn ahL;«»tlisch und lassen .•sich die «^^rössten Frechheiten 
von ihm «gefallen. Schon damals war er -elbstiimlij^ und anmassend, aber 
höilich LiCLi^en (iastc. 1 )cr jiinj^^^te Sohn des Schech Faris war etwa ein 
bis zwei Jahre alt. 

Gej^enwärtiij; .sinii die Schammar die unbestrittenen Herren der 
Steppen Mesopotamiens von L'rfa bis in die (iejjend von Bardäd hin. 
Fast alle in diesem Cjebietc hausenden Stamme sind den Schammar 
chuwepflichti^. Nur boonders wehrhafte Stämme oder solche, bei denen 
besondere Riicksichten infolj^e verwandtschaftlicher Verhältnisse obwalten, 
so die Tai, sind von dem Tribut exempt. His vor kurzem mussten selbst 
grössere Orte, wie Xe.sibm, Mejädin, 'Ana u. s. w., Chuwe zahlen. Seitdem 
die türkische Regierung diese aber mit kleinen Garnisonen belegt hat. 




r. 



Kap. XI. Die Machtstellung der Schammar. — Die Chuwe. Qc 

bleiben sie nicht nur selbst von dieser Verpflichtung befreit, sondern 
auch die ihnen benachbarten sesshaften Fellachen werden gegen eine 
Zwangsbesteuerung durch die Schammar geschützt. 

Die Höhe der Chüwe ist sehr verschieden, beträgt aber im all- 
gemeinen bei den Fellachen etwa I5o7o der Steuer, die der türkischen 
Regierung gezahlt werden muss, manchmal bedeutend mehr. Ausser 
barem Gelde werden vor allem Lebensmittel, Weizen und Gerste, Reis, 
Kleider, Waffen, Pulver, Tabak, Kaffee, Salz, Zucker u. s. w. verlangt. 
Es ist nicht selten, dass Dörfer und schwächere Beduinenstämme, welche 
im Streitgebiete zweier mächtiger Stämme liegen, beiden Chüwe zahlen 
müssen, so manche Euphratdörfer den *Aneze und den Schammar. Neben 
dieser Chüwe müssen noch vielfach besondere Geschenke geleistet werden, 
falls ein Schech oder einer seiner Leute ein Dorf unvermutet anreitet. 
Die Schammar sollen von Karawanen und Herden die folgenden Zah- 
lungen verlangen: für jedes Maultier oder andere Lasttier i Va Piaster 
(=27 Pfennige), für eine Schafherde von 200 bis 300 Köpfen 5 bis 
10 Räzi, also 100 bis 200 Piaster (18V3 bis 37 Mark). Ausserdem 
mussten umlängst noch z. B. die Einwohner von Tekrit auch für ihre 
Bewässerungsmaschinen Chüwe zahlen. 

Das Verhältnis der Chüwe, wie es sich gegenwärtig herausgebildet 
hat, bedingt, dass derjenige, welchem die Chüwe gezahlt wird, die Person, 
die Ortschaft oder den ganzen Stamm, welcher die Abgaben entrichtet 
hat, gegen Uebergriffe seines eigenen Stammes zu schützen hat und auch 
geradezu verpflichtet ist, seinen Quasivasallen das geraubte Gut wieder 
zu verschaffen, falls er trotzdem von seinen Stammesgenossen beraubt 
wurde. Eine einzelne Person zahlt seinem Beschützer jährhch einige 
Megidi oder eine *Abäje, ein Ehrenkleid. 

Verschiedenartig von dieser Chüwe, bei welcher nur einseitig gezahlt 
wird, ist ein anderes Verhältnis, welches die Gleichgestellten mit einander 
abschliessen und welches ebenfalls den Namen Chüwe trägt und diese 
Bezeichnung (Chüwe bedeutet »Brüderschaft«) mehr rechtfertigt. In einem 
solchen Verhältnisse stehen z. B. vielfach die Schechs mächtiger Stämme 
mit einflussreichen Persönlichkeiten in grossen Städten. Der Beduinen- 
schech gewährleistet dem Stadtherrn die Sicherheit seiner Landgüter und 
seines beweglichen Eigentums, oft sogar gegen fremde Stämme. Der Stadt 
herr übernimmt dagegen die Vertretung der Interessen seines bedui- 
nischen Freundes, falls dies erforderlich ist, der Regierung gegenüber 
und nimmt in Zeiten der Gefahr dessen Kostbarkeiten in Obhut. In einem 
solchen Falle werden von beiden Seiten Geschenke ausgetauscht: Pferde 
und Reitkamele seitens der Beduinen, Ehrenkleider, Waffen und dergl. 
seitens des Städters. In diesem Sinne schloss ich selbst mit Färis 
feierlich vor Zeugen Brüderschaft ab. Sein Schreiber fertigte hierüber 

Frhr. ▼. Oppenheim, Vom Mittel meer zum Persischen Golf. II. 6 



66 Kap. XL Mein Chuwevertrag^ mit Färis. — Grnppierang der BedainenstSmme. 

ein Schreiben aus, welchem das Siegel des Färis beigedrückt .wurde. 
Nebenstehend ist das Geleitschreiben des Schech Färis wiedergegeben. 
In wortgetreuer Uebersetzung lautet es: 

Gruss an alle, die dieses Schreiben lesen und seinen Inhalt 
zur Kenntnis erhalten, an alle von dem Geschlechte Mu^ammed, 
Schammar und andere. 

Der Träger des Schreibens ist einer der angesehensten 
Männer unserer Zeit, Konsul^) des Herrschers von Deutschland, 
Baron Max Oppenheim. Er befindet sich auf der Reise im 
Hohen Reiche, das der Herr der Schöpfung schützen möge, um 
die benachbarten Provinzen Mö^ul, Bardäd und El Ba$ra zu be- 
suchen. Und wer sich ihm in den Weg stellt und ihm Schwierig- 
keiten machen will gegen seinen Willen, der macht sich schuldig 
und vergeht sich und zieht sich unter allen Umständen Zorn zu. 
Und darum richten wir diese Ermahnungen an aUe, die diese 
Worte zu hören bekommen, und damit genug. 
Der Käimmakäm 
der Schammar Siegel: Am 2. des 

Färis Färis glückbringenden 

Pascha Sufüfe Safar (1)311 

(= 15. August 1893.) 
Der Genannte war Gast in unserem Hause, und wir haben 
Freund- und Bruderschaft, abgesehen vom Glauben, mit ihm 
gemacht. Wer ihn ehrt, ehrt uns. 
* * 

Nachstehend mache. ich den Versuch einer Zusammenstellung der 
Beduinenstämme Mesopotamiens und der angrenzenden Distrikte — ein 
Versuch, der naturgemäss in keiner Weise den Anspruch erhebt, etwas 
Abschliessendes zu schaffen^). Die Araber ermangeln jeglichen Sinnes für 
Statistik, dazu kommt, dass manche Stämme zweierlei Namen führen und 
andere, die eigentlich als Unterabteilungen eines grösseren Stammes zu 
registrieren wären, infolge von Feindseligkeiten als selbständige Gruppen 
gerechnet zu werden beanspruchen. Meine Angaben beruhen zum grossen 
Teile auf Informationen aus dem Lager des Färis, die ich in Mö^ul und 
Bardäd zu kontrollieren gesucht habe. Diese Mitteilungen dürften be- 
sonders für die im Tributverhältnisse zu den Schammar stehenden 
Stämme eine leidlich zuverlässige Grundlage gewähren. 

') In den wenig von Europäern besuchten Teilen des Orients gilt jeder reisende 
Europäer entweder für einen Konsul oder für einen Arzt. 

*) Für die Beduinen der Syrischen Wüste haben Burckhardt (Bemerkungen etc. 324 ff.) 
und später die Blunts (a. a. O. Bd. II S. 188 ff.), sowie Tweedie a. a. O. I2i eine ent- 
sprechende Statistik geliefert 






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Kap. XI. Stämme westlich des Chäbur. 6^ 

I. Stämme westlich des Chäbür (nach Erkundigungen in Sched- 
däde). 

1. öes (Kais) ^-5, 2000 Zelte, östlich von Urfa, im Winter an der 
Westseite des Gebirges 'Abd el *Aziz. 

2. Beni Mubammed JJ^ ^, 500 Zelte, Sommer und Winter 
in der Wüste von Serüg; eine Unterabteilung der 6es. 

3. Beräzije <»j\j', eigentlich Kurden, 1500 Zelte, in der Wüste 

von Serüg, im Winter im Südwesten von Urfa; zahlen Chüwe 
an die Schammar. 

4. Wilde äJüj, iooo Zelte, im Sommer bei Kal*at Ca'bar 
jJä>- 4jJ&, im Winter bei Cubb Scha*ir jsmJ^ s,^^ im Osten von 
Serüg. 

5. *Afädle Ali>vip, 2000 Zelte, im Sommer im Süden von Teil 

el Hlsche i.!Li-\ C, im Winter im Fcd ^^'.tfll, westlich vom 
Beiich; zahlen Chüwe an die Schammar und *Aneze. 

6. Abu *Assäf ^^L..p j>l, 800 bis gcxD Zelte, im Sommer nördlich 
von Teil el Hische, im Winter in el Wa'ra ä^j)\, der Stein- 
ebene östlich des Beiich, zahlen Chüwe an die Schammar und 
*Aneze. 

7. Turkmanen jUj^, 700 Zelte, im Sommer um el Hammäm 
^tr\ zwischen el Hische und Teil el Abjad ^jla^ j(\ t, im 
Winter im Wädi el Humr y^\ ^^^J östlich von el Hammäm, 
zwischen diesem und Ras el *Ain, im Osten von Selük (3t^\ 

8. Maschhür jj%Ji>, eigentlich Baggära, 100 Zelte, im Sommer am 

Teil el Abjad, im Winter im Wädi el Humr mit den Turkmanen 
zusammen, zahlen Chüwe an die Schammar. 

9. Abu Chamis ^r^^ -^^» 2000 Zelte, im Sommer in Mambeg 
Ä-Jj», westlich vom Euphrat, im Winter bei 'Ain el Bedä LinJI J;\p, 
zehn Stunden westlich vom Teil Scheddäde. 



') Die Turkmanen waren schon während der Krenzzüge in Nordmesopotamien, spezieU 
am Beiich ansSasig^. Vergl. Ihn el Atir X, S. 113; Abulfeda II, S. 220. 

5* 



6S Kap. \[. Stämme westlich des Chäbi^. 

10. Tarfawi ^^^J^^ 2000 Zelte, Sommer und Winter sechs Stunden 
östlich vom Beiich. 

1 1. Dakarlije <-5^S^, 600 Zelte, im Sommer eine Tagereise südlich von 
Diarbekr und westlich von Märdin bei esch Schabära ijW-l!*, 
im Winter in Körinschär ju-i j^*; zahlen Chiiwe an die Schammar. 

12. Muwaisiräk ^^^^^«^ 1500 Zelte, im Sommer zusammen mit 




*Adwän- lieduinon. 

den iJakarlije im westlicheren Teil von esch Schabära, im Winter 
auf der Südwestscite, westlich von Ras el *Ain und Gebel *Abd 
el *Aziz; zahlen keine Chiiwc. 

13. Schichän jlit-l, Kurden, 1000 Zelte, im Sommer zwischen 

Diarbekr und Märdui, im Winter westlich von Ras el *Ain und 
Gcbel ^-\bd el *Aziz. 

14. Milli (Mallije aJL*), Kurden, Sog Zelte, im Sommer in Körinschär 

westlich von Märdm, im Winter auf der Südwestseite westlich 
von Ras el *Ain. 



Kap. XL Stämme westlich des Chabur. 



69 



15. 'Advvän j^jAP^), 900 Zelte, Sommer und Winter in Körinschär; 
zahlen Chüwe an Färis. 

16. Caöän jl«- (Tschetschenzen, d. h. Tscherkessen), 8(X) Zelte, 
Sommer und Winter in Ras el 'Ain. 

17. debür j A..^-, 2000 Zelte, im Sommer am Chäbür, im Winter in 
der Gegend von Sing^är; zahlen Chüwe an die Schammar^). 




Zelt des Schechs der *Adwän. 



18. 'Agedat ZJ^^-^^ 800 Zelte, im Sommer am Chabur, im Winter 

in el Chischäm ^Lt3-1 und er Raucja AJi^ ^j\\ zahlen Chüwe an 
die Schammar. 

19. Baggära (»Rinderhirten») Sjli, 1200 Zelte, im Sommer am 

Euphrat, im Winter im öebel *Abd el *Aziz; zahlen Chüwe an 
die Schammar. 



') Ejd Teil dieses Stammes lebt in Palästina, jenseits des Jordans. Ich habe, als ich 
im Jahre 1897 in Begleiton^jf des verstorbenen Erbgrossherzogs von Sachsen -Cobur(r und 
Gotha Palastina besochte, den dortigen Schech der 'Adwän in der nächsten Nähe von 
Jericho getroffen. 

*^ Der östliche Teil der öebür am Tijjris ist hierbei nicht mitgerechnet. 



yo Kap. XI. Stämme in Mesopotamien. 

IL Stämme in Mesopotamien. 

1. Mawäli ()^y (»Herren«)*), meist Fellachen und Viehzüchter, 

400 Zelte, im Sommer um Urfa herum, im Winter in den Ebenen 
westlich vom Sing^är; zahlen Chüwe an Färis. 

2. Hadfdijin j^JoJo- («die Eisernenc), 1500 Zelte, im Sommer 

an den Wasserstellen und Brunnen zwischen Ne§ibin und Urfa (der 
wichtigste dieser Brunnen ist der zwölf Stunden östlich von Urfa 

gelegene Umm e$ Saläbich ^^LJ\ A [»Feuerstein-Brunnen«], 

im Winter im Gebirge *Abd ei 'Aziz; zahlen Chüwe an die 

Schammar. 

3. Tscherkessen S ^, 1000 Zelte; Sommer und Winter am 

oberen Chäbür; sie sind Ackerbauer und treten gewöhnlich frei- 
willig in das türkische Heer ein. Chüwe wird von ihnen nicht 
entrichtet; sie geniessen besonderen Schutz seitens der Regierung. 

4. (jebür j A.^, meist Fellachen mit ca. 5000 Häusern (b€t dorn 



^^^ JI^) oder Zelten (bet scha*r yil» sZ^^\ Sommer und^M^ter 
zwischen Hammäm *Ali Ip ^U" und Schari*atelRazälJ\jiü\ 4a»^ 

bis nach Süden etwa zwei Stunden nördlich von 'Äschilf: |V^^'* 
zahlen Chüwe an die Schammar. 

5. Chazra^ T^lh" Sommer und Winter in der Umgegend von 

Smctsche <tuA^ (einem Dorf mit etwa 300 Häusern, 14 Stunden 

oberhalb Bardäd liegend) und nach Süden herunter bis Beied 

und et Tarniije ij^jlLJl, 2 bis 3 Stunden westlich vom Tigris. 

Fellachen mit gegen 1000 bet in drei verschiedenen Bauarten, 
zahlen wegen der Nähe der Stadt Bardäd keine Chüwe. 

6. Beni Tamim ^ ^ , Sommer und Winter bei et Tarmije <^jUaJ^ 
Hirten, die 1500 Häuser bewohnen, zahlen keine Chüwe*). 

') Vielleicht aber auch durch ^Anve^wandtev^ zu übersetzen. Mawäli (plnr. von Maolä) 
heissen die nichtarabischen Klienten eines arabischen Stammes, im Gef^nsatz zu den eigent- 
lichen Stammarabcm (A^iP ; verp^l. hierüber Gohlziher, Muhammedanische Stadien« Halle 1S89, 
Bd. I S. 104 ff. 

'' Sie sind die Benu Tenni bei Jones, Uombay-Transactions, voL IX S. 314. 



Kap. XL Stämme in Mesopotamien. 



71 



7. MagSma' a^, 500 Häuser, Sommer und Winter an den Ufern 

des Tigris. Ihr Gebiet erstreckt sich einige Stunden weit bis 

nach el Käzimen ^jul^VX)!, ungefähr eine halbe Stunde oberhalb 
Bardäds. 

8. Maschähide dJLÄLij», Sommer und Winter an der Flussseite, 

südlich von den Mag;Sma*, ihr Gebiet endigt etwa eine halbe 
Stunde oberhalb Käzimen. 




Lager der 'Adwan- Beduinen. 

III. Stämme an der Linie von ed Der nach Fcllüga. 

1. Abu Mu'ait ,J1, «^ y\y im Sommer und Winter an den Ufern des 
Euphrat bis hin nach Mejädin (j'^lil, 1500 bet, Fellachen, zahlen 
wegen der Nähe der Stadt ed Der keine Chiiwe. 

2. Abu Hlebil J^^^J^ J*l etwa 1200 bet, sonst in jeder Weise den 
Vorhergehenden entsprechend. 

3. Albü Kamäl Jl5 ^\ (beduinische Form für Ben! Abu Kamäl), 



j2 Kap- ^I- Stämme an der Linie von ed Der nach Fellu^ 

2000 bet, Sommer und Winter zwischen Mejädfn und el *Irsi 
^^^1, etwa zwölf Stunden unterhalb von Mejädin; zahlen keine 
Chüwe. 

4. (lafäife ü U>-, zwischen el *Irsi und 'Ana A»W, 2000 bet, zahlen 
keine Chüwe, züchten Schafe und Pferde. 

5. Dlem >^^, zwischen Hit .Z,^ und Fellög;a; 3000 bet, zahlen keine 
Chüwe. 

6. Zöba* /• j j, 3000 bet, zwi.schen Fellüga und er Ra<jiwänije A^ ^y^J^^ 

einem trockenen Kanäle, der 2 Stunden unterhalb Fellüga aus 
dem Euphrat abgeht; zahlen keine Chüwe. 

7. öanabijin /njl>-, zu beiden Seiten des Euphrat; zwischen er 

Racjwänije und el Museijib ,_^ ^^i am Strom zwischen Bardäd und 
Kerbelä ^ ^, 

8. Rerer j Jr^ etwa 2000 bet, zu beiden Seiten des Euphrat; 
zahlen keine Chüwe. 

9. Zubcd JUj, Fellachen, Hirten und Kamelzüchter, 5500 bet, 
zwischen el Museijib und 'Aläg ^^ (c3^)» ^^^ 9 Stunden öst- 

lieh von Hille (Hilla) aU-. 

IG. öebür J^^» 5000 bet, zwischen 'Aläg und Diwänfje <-\j>^, 
einer bedeutenden Stadt am Euphrat. 

11. *Afeg ^^ip, 10 000 bet, zwischen Diwänije und Abu öa\värib 

•• ^ • "^ 

12. Agra* f-^l loooo bet, zwischen Abu Gaärir und el Chidr^^^iai-^. 

13. Bedür jjJb, 6ckx) bet, zwischen el Chicjr und Süfe esch Schijüch. 

14. Bani Asad JL-jI ^ (»Löwensöhne«), zwischen Süfe esch Schijüch 
^^^jlI)^ \^y^ und el Gurne ^Ji^^ 6cxK) bet. 



Kap. XI. Stämme an der Linie von ed Der nach Fellü^. 7 a 

1 5. Ktebän jup 1 3000 bct, Fellachen, zwischen el Gurne und el Ba§ra. 

16. Ba*egr&-*», lOOCXD bet,- zwischen Bardäd und Bercle AJui (»kleines 

Maultiere), einer kleinen neugegründeten Stadt von 300 Häusern, 
etwa vier Tagereisen unterhalb Bardäd. 




('jcbür- Beduine. 

17. er Rufe* /ui J', loooo bet, zwischen Ber€le und Küt Cjß\ fdic 

beiden letzten Stämme sind >göm< ^^, d. h. sie leben mit ein- 
ander im Kriegszustände). 

18. Muntefik dAijU, zwischen Küt und en Xä.^rije At j^\^\ feiner 

grösseren Stadt am unteren Euphrat, Sitz eines Mutc^arrifs, 
vom Wiläjet Ba$ra abhängig). Sic zählen etwa 50000 {\) bot, 



n/^ Kap. XL Stämme an der Linie von ed Der nach Fellü^ 

einige von ihnen wohnen in esch Schämije <^uÜt. Sie sind 
jetzt der Regierung untenvorfcn. Ihr grosser Schech war Nä$ir 
Pascha LI ^^l, dem Fälib Pascha LI i-li folgte. 

19. el Hmed JUrl (»die Gelobten«), 3000 bet, zwischen el Hai i-\ 

und esch Schatra i^la *J1, ersteres einen Tagemarsch unterhalb 

Küt am Schatt el Hai gelegen; beide Sitz eines Käimmalpun und 
abhängig von Nä$rije, einem der drei Liwas des A^läjet Ba$ra. 
Sie sind wegen ihrer Kraft und ihres Mutes gerühmt, woraus 
sich erklärt, dass sie sich unter den ihnen feindlichen Muntefik 
behaupten konnten. 

20. Mi*dän j^JU/», 1000 bct, Reis bauende Fellachen und Fischer, 

zwischen esch Schatra und el Gurne. Sie zerfallen in vier Unter- 
abteilungen: 

a) Razälät O >\ \P (>Gazellen«), 

b) pubbiit Oli () Bären*-), 

c) lUictät CJi^ y>- (1^ kleine Mauer«), 

d) Schubetät J 



21. 'Agel LIp, bewohnen in Bardad etwa 300 Häuser und leben dort 

als Kameltreiber. Die 1 lauptmasse dieses Stammes befindet sich 
im NejVd, wo sie 200000 bet bewohnen. 

22. Ba<i^gara S jli (- Rinderhirten ^), zwischen ed Der und Kal'at Umm 

'Amad (das Schloss mit Pfeilern«), etwa 6 Stunden oberhalb 

ed Der'). 
Von den bisher auft^ezählten Stämmen sind Sunniten die folgenden: 
Baggära, Mawäli, Hadidijin, Tscherkcssen, Gebür, Chazrag^, Maschähide, 
Abu Mu'ait, Abu I^lchil, Albu Kamäl, C^iaräife, Dlcm, Zöba', öanabijin, 
Rerer, ir Rufe', von den Muntefik die grosse Schech-Familie der Sa'dün 
(während der Rest Schiiten), 'Agel, el 'Abed. Schiiten sind die Beni 
Tamim, ^IaJ;^lma^ Zubed, *Afe^s Agra\ Budur, Bani Asad, Ktebän, Ba'egr 
und die niederen Leute der Muntefik, die Hmed, Tai und Mi*dän. 

^\ Diimit soll wohl die Ruinenstatli Halebijc jjemeint sein. 



Kap. XI. Bewohner des Tigrisufen. yc 

IV. Bewohner der Tigrisufer. 

Die am Tigris hausenden Beduinen bewohnen sämtlich im Sommer 
Häuser aus Binsen und Stroh, im Winter die gewöhnlichen Nomadenzelte. 
Die in den Dörfern angesiedelten Stämme dagegen leben Sommer und 
Winter in Häusern, die aus irdenen Ziegeln errichtet sind, und schlagen 
nur dann die Kamelhaarzelte auf, wenn ihre Wohnungen durch Ueber- 
schwemmung zerstört werden. Mit Ausnahme der Albü Hamed zahlen alle 
Beduinen am rechten Ufer des Tigris von Mößul bis et Tarmije den 
Schammar, und zwar den Söhnen Ferbäns, die Chüwe; die linksufrigen sind 
den Schammar nur zum Teil tributpflichtig. 

1. öebür haben während des Winters und Sommers die rechte Seite 

des Flusses inne, zwischen öehene <^x^\ (5 Stunden westlich von 
Mö3ul)undKal*atRaijäsch^lj <*ß (4 Stunden westlich vonTekrit). 
Am linken Ufer bewohnen sie den Bezirk zwischen el Hmera öjJ^\ 

(4 Stunden östlich von Mö§ul) und Teil ed Dahab ^.^jjl X 

(10 Stunden von Tekrit). Ausserdem liegen zerstreut einige 
Häuser zu beiden Seiten des Flusses, namentlich um e<J Pulü*ije 

AS'yi!ai\ herum. Sie alle entrichten die Chüwe. 

2. Alba Husen J;u*.>- jj\y bewohnen das rechte Ufer zwischen 

Mö*?ul und öehene. In Hammäm *Ali allerdings wohnen Albü 
Hamed (siehe unter 6). Albü Husen finden sich ausserdem noch 

zur Linken des Tigris, gegenüber Häwi Aj^län j^\.^\ ^^jU». 

3. Die Turkmanen jöjr bewohnen die linke Flussseite zwischen 

Mö§ul und Häwi A§län, ferner das Dorf Sultan 'Abdallah auf 
dem linken Flussufer, etwa 4 Tagemärsche oberhalb Samarra und 
35 Kilometer (8 Stunden) unterhalb Nimrüd. 

4. Albü 'Abbäs^Lp ^\ haben das rechte Flussufer inne zwischen 

el Muheg^ir ^rjst-^i^ und el Mu*eg[il J^^t-Al^ oder et Tine (4 Kilo- 
meter unterhalb Samarra). Auf dem linken Ufer wohnen sie 
zwischen Schnä§ ^j^vLi, einem Dorfe 1^/% Stunden oberhalb 

Samarra, und Su'aiwije, etwa 35 Kilometer östlich von Samarra. 
Sie sind Sunniten, wie auch Samarra im ganzen sunnitisch ist, 
wenn man dort auch schon viele Schiiten antrifil. ^ 



t6 Kap. XI. Bewohner des Tigrisnfer. 

5. (lebcsch Jt-Ä>. (>Eselchenc), eine Unterabteilung der Tai, wenig 

zahlreich, am Strome, bilden etwa die Hälfte der Einwohner in 
den beiden Dörfern Näife und Nimrüd. 

6. Albü Hamed JJt- ^\ trifft man nur in Hammäm *Ali an. 

7. Bani Tamim ^ ^ sind hier und da zerstreut meist auf dem 
linken Flussufer zwischen el Maräb r'^^^^ und el (iedede; am 

rechten Ufer bewohnen sie el Hu§ai ^a>'\ und ez Zambür J^jV 
sie sind sämtlich Schiiten. 

8. el Mag[dma* ^^^ sitzen zu beiden Seiten des Flusses Tigris» 
zwischen Sadr ed Dugel |u>-ju\ jJU^ und Beled. 

9. el Maschähide dJli^uJl\ bewohnen das rechte Flussufer zwischen 
et Tarmije und Scheri'at el Bedä l^jj^ Am» jZi\ und finden 
sich ferner auf dem linken Ufer zwischen Hawiget el Rarb 

»^^^'^ <^ j^^ und el Mu*addam ^la»,U. 

IG. el Habäb 4^^L>>\. Nur etwa 30 Häuser dieses Stammes finden 
sich an einer Stelle rechts vom Flusse, etwa 2 Kilometer östlich 

es Safine Altiü^. 

Unter den vorstehend aufgeführten Stämmen befinden sich drei 
nicht arabische Nationalitäten: Kurden, Turkmanen und Tscherkessen. 
Von diesen sind am zahlreichsten die kurdischen Stämme, welche hier 
hauptsächlich an dem äussersten Nordrande der Wüste herumwandem. 
Sie wohnen dort jedenfalls schon seit vielen Jahrhunderten, obwohl ihre 
eigentliche Heimat das Gebirge im Norden von Mesopotamien ist, wo 

ihre Stammeshäupter, XxT\ \i\ und Bck ^iX^ genannt, meist auf be- 
festigten Hcrgschlössern hausen. Sie gehören zu dem grossen, weitver- 
streuten Kurdenvolke, das vom Persischen Meer in einem grossen Bogen 
bis hin nach KIcinasicn wohnt. Infolge dieser geographischen Verbreitung, 
welche der Bildung eines geschlossenen Staatswesens widerstrebt, sind 
die Kurden stets in zahllose Stämme zersplittert gewesen. Gegenwärtig 
gehören sie zu Pcnsien, Russland und der Türkei, in welch letzterem 
Reiche der weitaus grösste Teil, etwa 5 Millionen, lebt. Sie sind indo- 



Kap. XI. Nichtarabische Nationalitäten unter den Beduinen: Kurden. 



n 



germanischen Stammes und am nächsten verwandt mit den Persern. Die 
türkischen Kurden sind erst in diesem Jahrhundert der Regierung voll- 
ständig unterworfen worden. Obwohl sie zum weitaus überwiegenden 
Teil Muhammedaner sind, werden sie nicht zur regulären türkischen 
Armee ausgehoben: die gewöhnliche Rekrutierung wird bei ihnen 
nicht vorgenommen, dagegen stellen die Kurden in der jüngsten 
Zeit ein bedeutendes Kontingent irregulärer Kavallerie durch die Bildung 
sogenannter Hamidije- Regimenter. Auch besteht in den arabischen 




Turkmanen. 



Provinzen die Gendarmerie zum grossen Teil aus Kurden. Die wenig 
zahlreichen Stämme christlicher Religion unterscheiden sich in ihrem 
Aeusseren kaum von ihren muhammedanischen Stammesgenossen und 
sind ebenso kriegerisch wie diese. In ihren Gebirgen beschäftigen die 
Kurden sich mit Ackerbau und Viehzucht, sind aber wegen ihrer 
turbulenten und räuberischen Gelüste gemieden. Zu den Kurden gehören 
aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Jeziden des Singär ^). 

Weit geringer an Zahl sind die mit den Osmanen und den sesshaften 
Türken Kleinasiens stammverwandten turkmanischen Nomadenstämme, 
die sich hauptsächlich in der Nordwestecke des Landes am Beiich nach 



>) VerjjL unten Kap. XIII S. 147 ff. 



j8 I^P- ^'- Turkmanen, Ticherkesten. 

Urfa zu finden. Auch östlich des Tigris, zwischen Mö$ul und dem 
grossen 2^b, wohnen Turkmanen. und in grösserer Anzahl sind sie westlich 
vom Euphrat, im äussersten nördlichen Teile von Syrien, namentlich aber 
in Klein -Asien angesessen. Ihre Heimat ist Transoxanien, von wo sie 
im Mittelalter, kurz vor und zu der Zeit der Kreuzzüge auswanderten, und 
an der Verteidigung Palästinas gegen die Kreuzheere des Abendlandes 
teilnahmen. 

Die jüngsten Einwanderer in mesopotamisches Gebiet sind die in der 
Gegend von Ras el *Ain hausenden Tscherkessen. Ihre Heimat ist der 
Kaukasus, den sie, angeblich einige hunderttausend Seelen, Anfang der 
sechziger Jahre verliessen, nachdem das Gebirge von den Russen erobert 
war. Sie wandten sich nach der Türkei und wurden zunächst in Bulgarien 
vom Schwarzen Meer bis nach der serbischen Grenze hin in einer Reihe 
von Dörfern angesiedelt, um zur Ueberwachung der Bulgaren zu dienen. 
Ihnen wurden die sogenannten > bulgarischen Gräuel«, welche Russland 
zum Einschreiten und zum Kriege gegen die Türkei im Jahre 1877 den 
Anlass gaben, besonders zur I^st gelegt. Bei der russischen Okkupation 
musstcn sie das Land räumen, und da sie nach dem Frieden nicht zurück- 
kehren durften, sah sich die Pforte gezwungen, .sie anderweitig unterzu- 
bringen. Sie wurden nun teils nach Klein- Asien') und noch weiter nadi 
Syrien und Mesopotamien verpflanzt, wo sie sich aber durch ihre räuberischctt 
Gelüste bald den allgemeinen Hass der angesessenen Bevölkerung zuzogea. 
Namentlich die am Rande der Wüste angesiedelten Tscherkessen» n 
denen auch die Kolonie von Ras el 'Ain gehört, gerieten alsbald u 
blutige Kämpfe mit den Beduinen, in deren Bereich oder deren Nachbar- 
schaft sie ihre Wohnsitze genommen hatten. Die Feindschaft artete 
schliesslich in einen Ras<enkampf aus, der mit schonungsloser Erbitterung 
auf beiden Seiten geführt wurde. Trotz ihrer persönlichen Tapferkeit 
zogen die Tscherkessen bei ihrer geringen Anzahl den kürzeren. Beson- 
ders die Bevölkerung von Ras el *Ain wurde in wenigen Jahren fast voll- 
ständig vernichtet. 1SS3 erfolgte eine Neubesiedelung des Ortes. Auch 
wurde ein zunächst von ed Der, später von Diärbekr abhängiger Käimmal^m 
dort eingesetzt, und mit der allmählich erfolgenden Pacifizierung der 
Schammar im Laufe der nächsten Jahre wurde die Existenz der Kolonie 
gesichert, obwohl die Feindseligkeit keineswegs völlig beschwichtigt ist. 

Seitdem die Pforte begonnen hat, ihre Autorität in der Syrischen 
und Me:5opotamischen Wüste auszuüben, hat sie ihr Hauptaugenmerk auf 
die Beduinenstämme gerichtet, die, an den Rand der Wüste gedrängt, 

' Ich habe im Jahre 1S95 in Anfrora mehrere hundert Tscherkessen fi^esehen, die 
nnlängst erst ihre auf russischem Gebiete liegenden Heimatdörfer ▼erlassen liatten. Sie 
trugen noch ihre bekannte Nationaltracht und suchten sich mit ihren ihr Hab nnd Gat 
bergenden Ochsenkarren neue Wohnsitze. Vergl. Bd. I dieses Werkes, S. 172 Asm. 2. 



Kai. XI. Dir StHlun^ <1r: PforT<- rnr K/*<^tnn^nfr*^o -<, 

ich einer sesshaften Lchcnshaltunp ;^uffo\vandl hRhon /wnr hoTx-nbrrn 
luch diese Stämme die Erinnerung an ihr tViihorov NomaHonl<*heT\ HnrltTr<*b. 
lass sie ineisteni^ unter Zelten oder leichten /enp und Kohrhiitten wohnen; 
iber sie leben nicht mehr vom Rauh oder von ihren Herden, sondrrn \'om 
Ertrage der Felder, die sie in allerdinf:r^ norh nvhl pH mitiwr \\'rM«^(^ 

Dcbauen. Auch nennen sie sich seihet norh immer \\r:\b ^^^« .c. rm 

Name, den die nomadisierenden Bediunon a\i1 sirh .-allein nntJMM>nndl 
wissen wollen, von letzteren werden vie r^lv l'\HnthtMi bezrirhnci. 
Immerhin kommt es auch vor, dass solrhe mehr ot^rt \>tMiitre! <i??<hn11i 




l';TrtcmaTifTi7*-lf«' ri Vr !<•!<.■»• 

gewordene ^.tammestt^rle dnrcii Sti»ueni ind ' Vn»i\''e.An*^pr'i'*h'* d'^rir*" /on 
ihren -itarken, loch nomadisien'nden \>nprn ">/»d»*'irVt r-^Men. dn<?^ jjn 
seihst \nerier :ii Schwert ind Unr^?** ^pnO»»! ind v>,if.- '-"rd^n '-i«; -'^ 
:varen: :re:e Sohne ier '.V'i^tr i /«e .*0)rti* !i?tt .mn im .' »i- m^^^ /em'^'r!*^. 
diese insrheinend :uer;:n pntde-tjni'^'rtf:! ^f^mmf» iirn -M^} ^d^»- •i'»' .•^'* 
nutzun^ f^rer Han-^er ,:!i ')<*'.vpc^cn. ndf*^ m ^ro-^-'^^o r:.f>-/r»o j'^b/^r- iz-j^-n 
mit ent>c:iiedenem \Ii.<«?ert'o|or. \jx) )#^-te;i -:t |ir- V},.:.r'.>t ^r.^, .[r^ -^inV-.' f 
Betiinnen .^eo;hirk-t. von dent^n -in ^t'''-''=«^«" /'-i' n .-••-*-^-r> . ,>vo.k., ,t^ Vo 
Ufcm -u*:^ !"i-JTT-j v'ohnt, '.Wir «-f^ni-T-cr ^el-^n''" '»*'■ 'm-..,,^^ ,r ; v- . .= 
Aiirh -lie -.'»»rodeten Hausier r.n ■.[;i^.'rl^l;^ ^ni '.v.i-,. »-' ,-,. - ;., .... ^u.- 



. ^n»L '«rwn rvao. !< 



3o Kap. XI. Bau fester Häuser. — Die BeduinenBchale in KonstandnopeL 

Zeugnis ab von dem ungebändigten Sinne der Wüstenbewohner. Im 
Euphratthale nördlich von ed Der sollen nach Sachau*) an mehreren 
Stellen solche verlassenen Dörfer sich befinden. Den mächtigen Stämmen 
werden diese Zumutungen heute noch nicht gemacht. Allerdings waren 
der dem Schammarschcch Ferhän ibn Sufüg verliehene Paschatitel und 
das ihm ausgeworfene beträchtliche Jahresgehalt ebenfalls als Mittel ge- 
dacht, um das grosse mesopotamische Beduinenvolk zur Ansiedelung zu 
veranlassen. Ferbän hat sich denn auch in Kal'at Schergät am Tigris 
ein burgähnliches Haus gebaut, aber von seinen Stammesgenossen ist 
keiner seinem Beispiel gefolgt, und obgleich der Schech selbst dieses Haus 
nur für kurze Zeit bezog und bis an sein Lebensende unter einem Zelte ge- 
wohnt hat, ist sein Ansehen in der Wüste durch das der Pforte bewiesene 
Entgegenkommen schwer erschüttert worden. In den letzten Jahren sollen 
einige Söhne Ferhäns sich wieder ein Haus in der Nähe von Sämarra 
gebaut haben und dort wohnen*). 

Ein weiterer Versuch zur Civilisierung der Beduinen ist die im 
Jahre 1892 erfolgte Errichtung einer Schule in Konstantinopel, 'Aschiret 
Mektebi, welche ausschliesslich die Ausbildung der Söhne einflussreicher 
Schcchs und Beduinen anstrebt. Diese Schule zählte im ersten Jahre 
nach ihrer Gründung bereits 61 Schüler, darunter Humede, den Sohn 
Ferhän Paschas, den Sohn des grossen Schechs der Muntefik Fahed 
Pascha, einen nahen Verwandten des Schechs der Roala, Sottäm ibn 

Schavan j^U-w ^ ^Ua-w. Die Schule ist auf die eigene Initiative des 

gegenwärtigen Sultans *Abd ul Hamid hin entstanden, welcher ihre Ent- 
wicklung mit grossem Interesse begleitet. Einem mir von dem Sultan 
persönlich ausgesprochenen Wunsche folgend, habe ich die Anstalt 
im Jahre 1895 besucht. Ich wiederholte meinen Besuch im Jahre 1897. 
Das Haus war zu eng geworden, und man war mit einem Neubau be- 
schäftigt. Alles in der Anstalt zeugte von Sauberkeit und Ordnung, 
Lehrer wie Schüler machten einen guten Eindruck, und nur der Gesichts- 
ausdruck und die blitzenden Augen der in eng anliegende gpüne Uniformen 
gekleideten Knaben liessen die in der Freiheit aufgewachsenen Söhne der 
Wüste erkennen. Gegenwärtig befinden sich auch junge Kurden und 
Söhne tripolitanischer und jemenischer Schechs in der Anstalt. Die 
Schule trägt die sämtlichen Kosten des Unterhalts für die Schüler, selbst 
die Kosten der Heimreise in den Ferien. Auf diesen Reisen wird bestens 
für sie gesorgt, eine soldatische Eskorte ihnen beigegeben und in Meso- 
potamien für den Fall einer Erkrankung sogar eine von Maultieren be- 
förderte, gedeckte Tragbahre, Tacht-i-Rewän, mitgenommen. Gelehrt 

'^ a. a. O. S. 264. 

* Unter diesen befindet sich auch der in Konstantinopel erzogene Humede. 



Kap. XI. Notwendij^keit militärischer Massnahmen. gx 

wird in der Beduinenschule Türkisch, Geographie und Geschichte, be- 
sonders des türkischen Reiches, Arithmetik und Religion. Der Haupt- 
zweck der Schule ist der, die jungen Leute zu getreuen Unterthanen des 
Sultans zu erziehen und sie an Gesittung und Ordnung zu gewöhnen, in 
der Erwartung, dass sie diese lieb gewinnen und dass sie, in ihre Heimat 
zurückgekehrt, an der Civilisierung ihrer Stammesgenossen teil nehmen. 
Die Ansiedelungsversuche und der Unterricht haben entschieden ihr 
Gutes. Aber ausserdem müsste meines Erachtens die Politik der Pforte 
den Beduinen gegenüber fortgesetzt darauf gerichtet sein, die festen An- 
siedelungen am Rande der Wüste, an den Abhängen der Gebirge und 
an den Flüssen und Bächen, durch wirksame militärische Massnahmen 
gegen die Invasionen der nomadisierenden Stämme zu schützen und 
dafür zu sorgen, dass diese Ortschaften keine Chüwe mehr zu zahlen 
brauchen und ebenso wie friedliche durch die Wüste ziehende Karawanen 
Brandschatzungen und Plünderungen nicht mehr ausgesetzt sind. Alsdann 
müsste das kultivierte Gebiet möglichst nach der Steppe zu erweitert 
werden, um den am Nomadenleben Festhaltenden nur die thatsächlich 
für den Ackerbau unbrauchbaren Teile derselben zu belassen. Es würde 
sich dann herausstellen, ob die Beduinen, von allen Seiten eingeengt, 
sich darauf beschränken können und wollen, nur von der Viehzucht zu 
leben, und es über sich gewinnen, ihren Raubzügen zu entsagen, oder 
aber, ob sie die Mittel zu ihrer Existenz nicht mehr finden können und 
schliesslich gezwungen würden, sich dem Ackerbau zuzuwenden oder 
sich dahin zurückzuziehen, wo sie hergekommen sind: in die Wüste 
von Arabien. ^) 



^^ Ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass ein planmässifjes Vorgehen der Regierung 
in dem angedeuteten Sinne die Lebensweise der Beduinen umzuwandeln imstande ist, bietet 
Egrypten. Hier haben bis zur Ze^t Mu^iammed 'Ali Paschas ganz ähnliche Verhältnisse be- 
standen wie in Syrien und Mesopotamien. Ausserhalb der von muhammedanischen und 
koptischen Fellachen bebauten Ackergebiete in der Nähe des Niles und seiner Arme, sowie 
der wenigen damals vorhandenen Kanäle hausten die Beduinen als selbständige Herren. 
Zur Zeit der französischen Invasion bildeten sie ein nicht zu unterschätzendes kriegerisches 
Element des Landes. In kluger Weise ging der geniale Mubammed 'Ali gegen sie vor. 
Nachdem er sie weidlich ausgenutzt hatte, um sich die Herrschaft in Egypten zu sichern, 
verwandte er viele Tausende der wilden kampfgeübten Wüstensöhne auf seinen Feldzügen 
gegen die Türken i^nd in Arabien. Wie wir gesehen haben, blieb ein Teil der von ihm 
nach Syrien geführten Hanädi in der Nähe von Alcppo zurikk, wo sie bis heute einen 
lebensfähigen selbständigen Stamm bilden. Zum Lohne für die geleisteten Dienste gab er 
verschiedenen Stammes-Schechs noch nicht bebaute, aber kulturfähige Ländereien. Gleich- 
zeitig zwang er in unerbittlicher Weise die Beduinen, die Fellachen in Ruhe und Frieden 
zn lassen. Im Anfange mag wohl nur ein kleiner Teil der Beduinen die ihnen 
zur Verfügung gestellten Grundstücken zum Ackerbau verwendet haben. Erst nach und 
nach überzeugten sie sich, dass diese Wenigen zu Wohlstand gelangten, weit mehr als die 
gleichfalls arbeitenden Stammesgenossen, welche sich ausschliesslich von dem Ertrage 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persitchen Golf. II. 6 



S2 Kap. XJ. Die Bedainenfni^ in Egypten. 

Es muss anerkannt werden, dass in dieser Beziehung in den letzten 
Jahrzehnten bereits viel seitens der türkischen Regierung geschehen ist 
Grosse Strecken Syriens, in welchen noch bis in die 60 er Jahre nach 

ihrer KameU, Schaf and Zie];rcnherden and von der Pferdezucht ernährten. (Die Zucht Ton 
Rindvieh, Büffeln und <>chsen hat der ej^'ptische Beduine stets wie heute noch anter 
seiner Würde gehalten. Rindvieh züchtende Araber [^Baggära] finden sicli nur weiter ober- 
halb, in gewissen Teilen des Sudan. Zudem wurden der ^ten Weide^ründe immer wenij^cr, 
und die Soldaten und Polizeitrnppcn Mnbammed *Alis und seiner Nachfolger machten auch 
auf den der Kultur neu gewonnenen Gebieten ein Rauberwesen, wie es unter den Beduinen 
der Wüste Sitte isLunmö(^lich. Diejenif^en, welche von ihren alten Traditionen nicht lassen 
konnten, ihre Herden und Razu nicht aufgeben wollten, waren {{gezwungen, sich östlich und 
westlich des Niiiandes und des Deltas zurückzuziehen. Hier trug allerdings der besondere 
Charakter der eg^-ptischcn Wüste dazu bei, immer weitere Teile der zurückgedrängten Beduinen 
in das Fruchttrcbiet zu ziehen, wo sie sich notgedrungen ciTilisieren und den Anordnungen 
der Regierung unten^erfen mussten. Weit mehr noch als der Hamäd der syrischen 
und mesopotamischen Steppe sind die e^*ptischen Wüsten sandig,* steril und wasserlos 
und unfähig, zu allen Zeiten des Jahres grössere Menschenmassen und Herden zu er- 
nähren. Gegenwärtig führt kaum mehr als der zehnte Teil aller egyptischen Beduinen 
ein Nomadenleben. Nach der neuesten Volkszählung des Jahres 1898 ist die Gesamt- 
zahl der Beduinen in Eg>'pten 601427. Von diesen sind Nomaden nur 70472. Der 
Rest ist sessbaft, und zwar leben 240 S80 zerstreut in Fellachendörfem und -Städten, 
während 290075 eii^ene Gemeinden und Dörfer bilden. Die reichsten Schechs bewohnen 
in Kairo und auf ihren I^ndt^ütem prächtige, mehr oder weniger europäisch ein^richtetc 
Häuser. Sie nehmen mit Vorliebe türkische oder tscherkessische Frauen. Ihren wirt- 
schaftlichen Verhältnissen entsprechend, bewohnen die übrigen sesshaft gewordenen Be- 
duinen Hütten und Häuser ganz in der .«Vrt der übrigen Fellachen, aber hin und wieder 
sieht man noch im Ueber;:ange bep^ritfene Dörfer, deren Besitzer ausschliesslich in Zelten 
hausen, und vielfach werden im Sommer auch von den bereits in Häusern wohnenden Be- 
duinen Zelte neben ihren Dörfern aufgeschlagen. Auch in anderer Beziehung unterscheiden 
sich die zu Bauern gewordenen Beduinen von den übrigen Fellachen; so sind in der Kleidung 
und der Aussprache des -\rabischen meist noch gewisse Unterschiede wahrnehmbar. Der 
beduinische Bauer wini dem Fellachen niemals seine Tochter zum Weibe geben, während er 
seinerseits Fcllachentöchter heiratet — was übrigens weiter zur .A.ssimilierung der beiden 
Kiemente beiträgt — , überhaupt sieht der Abkömmling der Wüstensöhne auf die egyptischen 
Bauern auch heute noch mit echtem Beduinenstolze herab. Besonders die noch nomadisieren- 
ilcn Beduinen lieben es, auf alte Vorrechte pochend, mit ihren Schwertern nach der Stadt 
zu kommen. In den letzten Jahren haben die Beduinen andere von Mubammed *.\li ihnen 
verbrieft«' Gerrchtsame f^eltend ^Tcmacht, allerdings mit wenig Erfolg, als die eg>'ptische 
Rcfijierunt; infolge grundlegender Aenderungen in der inneren Ven»'altung auch die be- 
duinischen Dörfer in derselben Art \%ie die übrigen Bauern zur Annahme und Be- 
soldung von ihr eingesetzter 'Omdehs Dorfbürgermeister} und Rafire zwingen wollte. 
Die grösste Sorge der eg}'ptischen Beduinen ist, nicht in der regulären Armee dienen 
zu müssen. Die hierdurch entstandene Bewegung war der Grund zu der bereits er- 
wähnten Auswanderung einzelner Hanädi-Familien nach Syrien, die dort jedoch wie in 
Kgypten das Ackerbauhandwerk, in dem sie gross geworden und in dem sie sich wohl 
fühlen, betreiben. Das Wiederaufi,»T«fen des Nomadenlebens in Egypten selbst, mit dem 
gedroht wurde, hat nicht viel Anhänger gefunden. Im übrigen haben die angestammten 
Schechs auch unter den egyptischen Beduinen noch gegenwärtig nicht unbedeutenden Einfluss, 
und die Regierung hält sich an Mitglieder der Schech-Familien, welche heute auch dafär 



Kap. XI. Erfolge der türkischen Bcduinenpolitik. 83 

den Berichten glaubwürdiger Augenzeugen die Beduinen ganz nach 
ihrer Willkür schalteten, sind pacificiert. Die Euphratlinie ist seit ihrer 
um die gleiche Zeit erfolgten Besetzung mit Kischlas in Entfernungen 
von je einer kleinen Tagereise gesichert worden, und trotz des geringen 
direkten Schutzes, den die aus drei bis höchstens zehn Mann bestehenden 
Zaptije- Besatzungen gewähren, hat sich der Verkehr auf dieser bis dahin 
fast ganz verschlossenen Route ausserordentlich gehoben. Die kleinen 
Garnisonen haben einen sicheren Stützpunkt an der beweglichen, auf 

Maultieren berittenen regulären Infanterie, den Barräle 43 u> , von Der 

ez Zör, welches der Reihe nach mehrere vernünftige und energische 
Gouverneure gehabt hat. Auch die Anlage von kaiserlichen Domänen- 
Gütern, die namentlich am Tigris vorgenommen wurden, haben segens- 
reiche Wirkungen gehabt durch das Beispiel der Erschliessung brach- 
liegenden Landes, durch die Heranziehung von Beduinen zur Arbeit, 
die ihnen Unterhalt gewährt, und durch den soldatischen Schutz, der 
nicht nur den Domänengütern selbst, sondern auch deren Nachbarschaft 
zu gute kommt. ^) 

Aber Vieles bleibt noch zu thun übrig. Was die Gezire, das obere 
Mesopotamien, angeht, so würde es sich für die Zukunft empfehlen, 
zunächst die fruchtbaren Thäler des Garg^ar und Chäbür in Angriff zu 
nehmen, nicht nur, weil sie eine natürliche Verkehrsstrasse bilden, sondern 
auch, weil ihre Kultivierung reichen Ertrag verspricht. Allerdings müsste 
eine Wiederherstellung und Instandhaltung der alten Irrigationsanlagen 
mit einer militärischen Sicherung Hand in Hand gehen. Zwar sind hier 
schon mehrere militärische Stationen vorhanden, doch genügt weder ihre 
2^hl, noch ihre Besatzung mit den für die Zwecke wenig geeigneten 
Zaptije. An ihre Stelle müsste reguläres Militär treten, am besten die 
bereits erwähnten Maultierreiter, die sich bisher vorzüglich bewährt haben. 
Wenn auch diese Massnahmen nicht unbedeutende Kosten verursachen 
würden, so würde die Entwicklung des Lfindes diese Ausgabe bald 
lohnen, die ausserdem im grossen Stil auch nur für wenige Jahre 
nötig wäre. 

Ein weiteres Erlordernis wäre die Ausdehnung des Telegraphen- 
netzes. Der Drahtanschluss mit Der ez Zör ist nach der Zeit meines Be- 

zu sorfi^en haben, dass in der Wüste selbst eine ]:;^cwisse Ordnan^ gehalten wird. Ein 
grosser Teil der egyptischen Beduinen hat seine Beziehungen zu Staramesgenossen, die 
jenseits des Roten Meeres im westlichen Arabien leben, nicht aufgegeben. Im Jahre 1898 
kamen Schechs der im Hi^ lebenden Bili und Hue^ät anlässlich der nn der af'abischcn 
Küste aasgebrochenen Hungersnot nach Egypten, um von den hier lebenden Stammes- 
brüdern Getreide und Geld zu erbitten, das ihnen auch in reichem Masse gewährt wurde. 
'} VergL das Beispiel von Kal'at Schergät, unten Kap. XV S. 210. 

6* 



84 KsLp. XI. Die Ausdchnang des Telegraphennetzes in der Wflste. 

suchcs Mesopotamiens erfolgt. Damals aber stand diese wichtige Stadt mit 
ihrer centralen Lage zwischen den beiden grossen Völkern der *Aneze 
und Schammar völlig isoliert da. Die nächste Telegraphenstation war 
das mehrere Tagereisen entfernte Urfa. Aber ed Der müsste nicht nur mit 
Aleppo, sondern auch mit Ne.sibin und Mö§ul telegraphisch verbunden 
sein. Der von Bardäd den Euphrat aufwärts gelegte Draht, der mit der 
ausgesprochenen Absicht, die *Aneze zu überwachen, angelegt wurde, reicht 
nur bis Kal*at Ramädi. Auf den Telegraphenlinien, deren Züge Verkehrs- 
strassen werden würden, müssten Kischlas angelegt werden, ähnlich wie 
zur Zeit der Abbasiden auf den Karawanenstrassen etappenweise Chane 
standen*). Hin und wieder müssten grössere Posten angelegt werden. 
Wenn auch die Beduinen, selbst mit Weib und Kind, ausserordentlich 
rasch marschieren, so würden die Barräle ihnen an SchnelUgkeit doch 
bedeutend überlegen sein, zumal jene im Ernstfalle durch ihre grossen 
Kamel- und Schafherden in ihrer Bewegungsfähigkeit sehr behindert sind. 
Im Higäz haben die Türken auch mit Erfolg Dromedarreiter aufgestellt, 
da eine gewöhnliche Kavallerie in den dortigen Wüstenstrecken vollständig 
unbrauchbar wäre^. In ähnlicher Weise, wie es vorstehend angeregt worden 
ist, hatten schon die Römer in Syrien, Mesopotamien und am Rande der 
Sahara durch Militärposten, die mit strategischem ScharfbUck angelegt^ und 
mit leichter Kavallerie, zumal Dromedarreitern, besetzt waren, es verstanden, 
die Beduinen zu überwachen und im Zaum zu halten. 

So durch Telegraph und Militär stets erreichbar, würden die 
Nomadenstämme gezwungen werden, sich entweder ansässig zu machen 
oder wenigstens das Räuberhandwerk aufzugeben und sich als friedliche 
Nomaden auf die Viehzucht zu beschränken; sie könnten zur regel- 
mässigen Steuer herangezogen werden, die ihnen freilich zum Teil auch 
jetzt schon auferlegt ist, deren Ertrag aber gegenwärtig immerhin ein 
fragwürdiger genannt werden muss. 

Zwar kann der Beduine unsere Sympathie beanspruchen, doch darf 
nicht verkannt werden, dass er ein Hemmnis für die Ausnutzung der 
reichen natürlichen Hilfsquellen Syriens und Mesopotamiens ist und 
nötigenfalls der Entwickelung dieser Länder, mit deren wirtschaftlicher 
Erschliessung eben erst begonnen ist, zum Opfer fallen muss. 

*) Vergl. Ud. I dieses Werkes, Kap. Vll S. 259 ff. 

*; Bekanntlich verfügt auch die eg>'ptische Annee, ebenso wie die indische, über iwei 

Abteilungen Dromedarreiterei, Haj^gäne A> We^ i»^enannt. 

•} Vergl. die zahlreichen Militärposten, welche auf der Tabula Pentingerana und in 
der Notitia dignitatum verzeichnet sind. 

~7f^ 



XII. KAPITEL. 



Die Beduinen II. 



Stammcsverfassanp:. — Muchtär, SchCch» *A^^id. — Die Stellung^ des Schechs. — Erb folgte. — 
Fremde Elemente im Stamme^ Negersklaven. - - Rechtsprechung^. — Beduinenrecht. — Die 
Blutrache. — Lichtseiten dieser Institution. — Das, Asylrecht: der kleine Schutz, der grosse 
Schutz. — Gastfreundschaft. — Aeusseres Auftreten der Beduinen. — Habsucht und Dieb- 
stahl. — Raubzüge. — Die Ausrüstung eines Razu. — Kriege zwischen Beduinenstämmen. — 
Die Bewaffnung. — Stich-, Hieb- und Schusswaffcn. — Jagd. — Viehstand: Kamel, Schaf, 
Ziege. — Das arabische Pferd. — Decimierung des l*ferdebestandes. — Rassepferde (A§ri): 
die Chamse. — Bewertung der Pferde. — Bau und Farbe. — Fütterung, Zäumung, Be- 
schlag. — Pferdehandel. — Stammbaum. — Ursprung des englischen Vollbluts. — Allgemeine 
Charakteristik der Beduinen. — Die §leb. — Das Aussehen der Beduinen. — Kleidung. — 
Kleidung und Schmuck der Frauen. — Tätowierung. — Familienleben. — Die Stellung der* 
Frau. — Frauenarbeit — Vielweiberei, Liebe, Ehe und Eifersucht. — Ehescheidung. — Die 
Erziehung der Kinder. — Die Lebenshaltung der Beduinen. — Krankheiten. — Tod und 
Begräbnis. — Sympathische Züge im Charakter der Beduinen. — Religiosität. — Der Einfluss 

der wahhäbitischen Bewegung. 



Die Stammesverfassung der Beduinen ist patriarchalisch und beruht 
in der Hauptsache auf der Familienverfassung. Der Stamm besteht im 
allgemeinen aus mehr oder minder zahlreichen Gruppen von Familien 
und Sippen, die durch die Bande der Blutsverwandtschaft zusammen- 
gehalten werden. Die Familienverbände werden 'Aschäir genannt, ihre 
Führer heissen Machätir (Sing. Muchtär). An der Spitze dieser Gruppen 
steht eine freiwillig als Oberhaupt anerkannte Persönlichkeit, welche 
Schech genannt wird. Dieser bildet mit seiner Familie und seinen Ver- 
wandten den Kern des Lagers. Die Gesamtheit der Schechs der einzelnen 
Lager, welche zusammen den ganzen Stamm bilden, folgt einem Ober- 
haupt, das der Schech des ganzen Stammes ist. Einen besonderen Titel 
ausser der Bezeichnung Schech führt er nicht. 

Der Oberschech des Stammes ist das von dessen Mitgliedern frei- 
willig anerkannte Oberhaupt als Repräsentant gegenüber den anderen 
Stämmen. Seine thatsächliche Macht ist ziemlich beschränkt, obwohl 
er durch seine persönlichen Eigenschaften, namentlich durch Tapferkeit 



86 Kap. XIL Die SlclluDjf des Schechs. — Der »Alpd. 

und Freigebigkeit, immerhin bedeutenden Einfluss gewinnen kann. Natur- 
gemäss wird ein Schech, der durch seine Energie und Tapferkeit sich 
genügendes Ansehen verschafft hat, auch in wichtigen Angelegenheiten 
des Stammes selbständig vorgehen und von seinen Stammesgenossen nicht 
verlassen werden. Aber im Grunde genommen hat er in allen den Stamm 
betreffenden Angelegenheiten den Rat der angesehensten Männer des 
Stammes, der Machätir, in der Ratsversammlung, der Meg^lis, einzuholen; mit 
anderen Worten: er kann nichts befehlen, sondern nur vorschlagen, Wünsche 
äussern und Rat erteilen. Er kann z. B. den Abbruch eines Lagers nicht 
anordnen, wohl aber selber mit dem Beispiel vorangehen, ohne dass ein 
Mitglied des Lagers gezwungen wäre, ihm zu folgen. Man kann es als ein 
Zeichen von Unzufriedenheit der Stammesangehörigen mit ihm ansehen, 
wenn er sein Zelt abbricht und der Stamm seinem Beispiel gar nicht oder 
nur sehr spät und zögernd folgt ^). So hat auch der Schcch weder über 
Krieg und Frieden zu beschliessen, noch ist er der gegebene Anfuhrer 
im Kriege. Wenn vielmehr von den Stammesmitgliedem ein anderer 
Mann für kriegserfahrener gehalten wird, wird dieser der Oberbefehlshaber 

(*Akid JLwäP); seine Amtsgewalt erstreckt sich jedoch nur auf die Dauer 

der kriegerischen Unternehmung. In vielen Stämmen ist die Würde des 
*Akid geradezu in einer bestimmten Familie erblich*). Auch in der 
Rechtsprechung sind die Befugnisse des Schechs sehr beschränkt; vor 
allem fehlen ihm die Mittel, ein von ihm gefälltes Urteil zu vollstrecken, 
da ein Stammesgenosse sich dem Urteile dadurch entziehen kann, dass 
er sich freiwillig vom Stamme trennt^). 

Ueberhaupt erwachsen dem Schech aus seiner Würde zunächst keine 
Vorteile, sondern nur Pflichten. Die Repräsentation legt ihm naturgemäss 
erhebliche Opfer auf, für die er von dem Stamme in erster Linie nur 
durch die ihm gezollte Anerkennung und den Ruhm entschädigt wird. 
Es ist seine Sache, zu sehen, woher er die Mittel zur Bestreitueg der 
Kosten dieser Pflicht nimmt. Hieraus ergiebt sich, dass der Schech 
immer einer der reichsten Männer des Stammes sein muss, um zur 
Ausübung der Gastfreundschaft in dem seiner Würde entsprechenden 
Massstabe imstande zu sein. Insgemein behaupten zwar die Beduinen, 

M Im allpi^emeinen kann man annehmen, dass das Zeltlager so langf« am alten Platze 
bleibt, bis die Weideplätze nicht mehr ^enü^end Futter und Wasser bieten. Ob der Stamm 
beim Weiterwandern zusammenbleibt oder sich mehr oder minder zerstreut, richtet sich 
gleichfalls nach der besseren oder geringeren Beschaffenheit der neuen Weideplatze und 
Dach der Gefahr, die von feindlichen Razu droht. Je grösser die Gefahr, desto mehr 
schliesst der Stamm sich beim Lagern zusammen. 

'/ Vergl. Burckhardt, Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby, S. 238 ff. 

') Verj^l. Doujjhty a. a. O. Bd. I S. 249. 



Kap. XII. Freiß-ebigkcit als erste Tuijend des Schechs. 87 

wenn sie die Freigebigkeit ihres Schechs rühmen, dass er niemals Ver- 
mögen besitze, sondern seine Habe stets unter seine Stammesgenossen 
verteile. Die hauptsächlichsten Quellen des Einkommens eines Schechs 
bestehen in der Chüwe, sowie in einem grösseren Teile der Beute bei 
Raubzügen, insofern der Schech selbst der Anführer derselben, also gleich- 
zeitig 'Akid des Stammes ist, da diesem besondere Vergünstigungen^) 
bei der Beuteverteilung zustehen^). Allerdings ist es Regel, dass auch 
bei Raubzügen, bei welchen der Schech nicht persönlich beteiligt ist, 
diesem ein Anteil der Beute zugeführt wird. Selbstverständlich muss sich 
der Schech gewisse Vermögensobjekte reservieren, um vorkommenden 
Falls Geschenke geben zu können. Auch müssen die zur Ausübung der 
Gastfreundschaft unumgänglichen Erfordernisse (Kaffee, Zucker u. dergl.) 
gegen bar gekauft werden. Aus diesem Zwiespalt zwischen Freigebig- 
keit und notwendigem Wohlstand erwachsen dem Schech oft die unan- 
genehmsten Situationen, die durch zahlreiche in der Wüste umlaufende 
Anekdoten illustriert werden. Noch heute ist die klassische Anekdote 

von dem berühmten Tai-Schech Hätim -^U* bekannt, welchen einst eine 

Gesandtschaft des byzantinischen Kaisers aufsuchte, um ihm eine be- 
sonders wertvolle Stute abzukaufen. Das Lager Hätims hatte durch 
Hungersnot und Feinde so gelitten, dass ausser dieser Stute kein Tier 
zur Verfügung stand. Um nun seinen Gast nicht unbewirtet zu lassen, 
schlachtete Hätim, der den Grund des Erscheinens der Gesandtschaft 
nicht kannte, das kostbare Pferd ^). Ganz ähnlich ist die Erzählung, 
welche Burckhardt von dem Oberschech der Schammar aus dem An- 
fange dieses Jahrhunderts berichtet*). Bezeichnend ist dabei dass Burck- 
hardt jenen Zug besonderer Freigebigkeit von den *Aneze, den Tod- 
feinden der Schammar, erfahren hat^). Einen handgreiflichen Massstab 
fiir die Grösse der Freigebigkeit und auch für die Vermögens Verhältnisse 
des Schechs bildet die Grösse des Man§af, der flachen tablettartigen 
Schüssel, auf welcher der Reis oder der Burrul den Gästen vorgesetzt 
wird; dass die Freigebigkeit selbst von dem Feinde anerkannt wird, zeigt 



*) So bei den Fu^^arä ein Viertel der Beute. Vergl. Doiighty a. a. O. Bd. I S. 251. 

') Ausserdem soll der tapferste und schnellste Kämpfer besondere Beutestücke dadurch 
erringen, dass er beim Eintritt in den feindlichen Trupp bezw. beim Ergreifen der zu er- 
beatenden Tiere als erster bestimmte Stücke als von ihm in Anspruch genommen bezeichnet. 
Zum Preise der Schnelligkeit einer Stute oder eines Reitkamels wird vom Besitzer die An- 
zahl der Beutestücke, welche er auf seinem Tiere erworben hat, hervorgehoben. 

*) Vergl. Jacob, Altarabisches Beduinenleben, S. 87. 

*) Vergl. Burckhardt a. a. O. S. 276. 

•) Vergl. Wetzstein, Reisebericht über Hauran, S. 146; auch Doughty a. a. O. 
Bd. 1 S. 433 fr. 



88 Kap. XU. Erbfolge. 

der Fall, dass einem ausgeplünderten *Anezeschech ein besonders grosser 
Mansaf zurückgeschickt wurde. 

Die Würde des Schechs ist im allgemeinen erblich, doch ist es nicht 
notwendig, dass der älteste Sohn seinem Vater nachfolgt, obwohl dies 
bei den Schammar, soweit wir deren Geschichte zurückverfolgen können, 
die Regel gewesen zu sein scheint. Es kann auch einer der Brüder oder 
sonstigen Verwandten folgen, wenn er im besonderen Masse die zu dieser 
Würde erforderlichen Eigenschaften besitzt. Sind die Söhne des ver- 
storbenen Schechs noch jung, so wird, wenn die Lage durch Kriegsgefahr 
bedrohlich erscheint, eine Art von Regentschaft durch die älteren Mit- 
glieder gebildet, bis friedlichere Zeiten eingetreten sind und der Sohn 
sein Amt selbständig auszuüben im Stande ist. Es kann aber auch 
irgend ein anderes Mitglied des Stammes, das von der Gesamtheit des 
Stammes in noch höherem Grade für qualifiziert erachtet wird, zum Ober- 
haupt erwählt werden. Sind die Ansichten über die Würdigkeit und die 
Befähigung geteilt, so pflegt nicht selten eine Spaltung des Stammes ein- 
zutreten, die auch dann häufig genug erfolgt, wenn sich mehrere Söhne 
um die Nachfolge bewerben. Wenn bei dem Tode eines Schechs meist 
immer wieder ein Mitglied derselben Familie die Schechwürde erlangt, 
so hat dies vor allem darin seinen Grund, dass diese Familie die stärkste 
und zahlreichste und daher die reichste ist und infolge ihres ange- 
stammten Ansehens im Verein mit ihrer Kraft und Freigebigkeit am 
meisten Anhäni;er aus anderen Familien besitzt. Bei dem Aufkommen 
einer anderen Familie kann sich der Stamm ebensowohl teilen wie dann, 
wenn verschiedene Verwandte eines verstorbenen Schechs in der früheren 
Schcchfamilie selbst über einen derartig starken Anhang verfügen, dass 
der eine den anderen nötigenfalls bekämpfen kann. Viele Schech- 
familien rühmen sich, ihren Stammbaum bis in die graue Vorzeit zurück- 
führen zu können. Die Familie des Schammar-Schech Färis nennt sich 
mit Stolz Ret oder Al Muhammed, weil sie schon zur Zeit Muhammeds 
geblüht habe und der damalige Stammhalter ein Freund des Propheten 
gewesen sei. Aber neben der eigentlich regierenden Schech-Familie 
giebt es fast in jedem Stamm noch eine Reihe von anderen Familien, 
die gleichfalls infolge des Ansehens, das sie schon seit Jahrhunderten 
geniessen, eine besondere Stellung im Stamm anderen gewöhnlichen 
Beduinen, den Xefer, gegenüber einzunehmen sich berechtigt glauben.*) 

Neben den Familiengruppen befinden sich bei den meisten Stämmen 
auch noch fremde Elemente, die ursprünglich anderen Stämmen angehörten 
und diese freiwillig verliessen, weil sie mit den dortigen Verhältnissen 
unzufrieden waren, wobei die Erwartung, unter einem tapferen und frei- 

' Verjjl. Blunt a. a. O. Bd. II S. 87, und Doughty a. a. O. Bd. I S. 251. 



Kap. XII. Fremde Elemente im Stamme, Negersklaven. gn 

gebigen Schech besser leben zu können, die Hauptrolle zu spielen pflegt. 
Eine andere Klasse solcher Metöken bilden diejenigen, welche gezwungener- 
tnassen, hauptsächlich wohl wegen Blutschuld, ihren alten Stamm ver- 
lassen haben und auch dann nicht wieder zurückkehren, wenn die Schuld 
getilgt ist. Selbst feindliche Stämme dürfen sich, wenn sie die Erlaubnis 
dazu erhalten haben, auf den Weidegebieten eines fremden Stammes un- 
belästigt aufhalten, als dessen Zweig sie dann betrachtet werden. So 
traf ich, wie bereits erwähnt, am Chäbür einen nicht unbedeutenden 
*Anezestamm, der sich im Gebiet der Schammar mit der Erlaubnis des 
Färis schon seit vielen Jahren aufhielt und diesem Heerfolge leistete. 

Einen weiteren Bestandteil eines Stammes machen die schwarzen 
Diener und Sklaven aus, die schon in der vorislamischen Zeit sich unter 
den Beduinen vorfanden.^) Die Schechs der grossen Stämme halten 

darauf, eine möglichst grosse Anzahl von Negern (*Abid JLOP) zu besitzen, 

welche eine Art von persönlicher Leibgarde bilden, sich im Lager wie 
im Kampfe stets in seiner Nähe befinden und von ihm zu besonderen 
Missionen, z. B. zur Eintreibung der Chüwc, ausgesandt werden. Sie 
sind von den tributpflichtigen Dörfern wegen ihrer Rücksichtslosigkeit 
besonders gefürchtet, und wenn auch der ärmste Beduine sich dem 
Schwarzen gegenüber unendlich vornehm dünkt, so gelingt es letzterem 
doch häufig genug, sich Ansehen und Einfluss im Stamme zu erwerben. 
Diese Neger sind aus ihrer afrikanischen Heimat nach Arabien in 
der Hauptsache auf zwei Wegen gekommen, über Mekka im Westen, 
über Maskat und Ba§ra im Osten. In der neuesten Zeit, wo Dank 
der Ueberwachung der europäischen Mächte der Handel mit schwären 
Sklaven bedeutend nachgelassen, wenn auch noch lange nicht auf- 
gehört hat, werden wohl nur wenige in Afrika geborene Schwarze 
bis unter die Stämme der *Aneze und Schammar verpflanzt werden. 
Die jetzt dort vorhandenen sind höchstwahrscheinlich schon im Lande 
selbst geboren. Eine dem Stamme angehörende Frau würde nie 
einen Sklaven ehelichen, ebensowenig wie die Beduinen ihre Skla- 
vinnen heiraten würden.^) Der Schech oder Herr giebt seinem Sklaven 
entweder eine Schwarze zum Weibe, die Tochter irgend eines anderen 
Sklaven, oder aber eine Dienerin oder Fremde, sobald diese damit ein- 
verstanden ist. Durch diese Vermischung mit arabischem Blute hat 
sich der Typus der Sklaven manchmal bis zur Unkenntlichkeit ven\ascht; 
bei Färis fand ich Mulatten, die eher einem Schammar als einem 
Neger gjichen. Die Sklaven werden von ihrem Herrn gut behandelt, 

*) Vcrgl. Jacob a. a. O. S. 137. 

■) Des dankelfarbij^en Naüonalhelden *Anlar's Mutter aber war eine abessinische 
SUftTiii. 



OO Kap. XII. RechUprechang:. 

sie bekommen ein Pferd und gute Waffen; ihre Treue und Tapferkeit 
ist sprichwörtlich. Bei Färis traf ich einen alten, in einem fremden 
Lager geborenen, von seinem Herrn aber freigelassenen Vollblutneger, 
der sich dem Pascha als Diener vermietet hatte, bei ihm in höchster 
Gunst stand, den Kaffee austeilte und die Aufsicht über die Männer- 
Abteilung des Zeltes führte. Solche freien schwarzen Diener befinden 
sich in allen grösseren Lagern; ihr Lohn besteht in Naturalien. 

Wie er\vähnt, liegt in den Händen des Stammesoberhauptes auch 
ein Teil der Rechtsprechung*), doch ist der Schech im Grunde genommen 
nur eine Art Schiedsrichter, da es den Parteien vollständig freisteht, 
sich seinem Spruche zu fügen oder nicht. Der eigentliche Richter des 

Stammes ist der Kädi ^^S, der von dem Stamme gewählt ist und 

dessen Amt ebenfalls gewöhnlich in der Familie erblich bleibt. Die 
Schammar haben drei erbliche Oberkädis (Mubaschir), ausserdem sind 
noch zwölf Unterkädis vorhanden, die nur infolge ihrer besonderen 
Geschicklichkeit von Fall zu Fall ernannt werden. Das Verfahren vor 
dem Kädi ist selbstverständlich mündlich und ausserordentlich prompt 
Im übrigen liegt es auch in der freien Wahl der Streitenden, ob sie sich 
an den Käcji, falls ein solcher im Stamme ist, bezw. an den Schech wenden, 
um sich von diesem Recht sprechen zu lassen. Wenn sie wollen, 
können sie aus ihrem eigenen oder aus einem fremden Stamme nach 
ihrem Belieben einen Schiedsrichter bestellen. In diesem Falle begeben 
sich die Streitenden in das Zelt des Schiedsrichters, woselbst der Ma'äd, 
»die Zusammenkunft«, stattzufinden hat. Jeder Prozessgegner muss einen 
Bürgen stellen, der gegebenenfalls für die der unterlegenen Partei auf- 
erlegten vermögensrechtlichen Nachteile aufzukommen hat, ausserdem 
bringen die I^arteien einige angesehene Freunde oder Verwandte mib 
die gewissermassen als Anwälte der Sache ihrer Partei figurieren. Alle 
diese Leute werden von dem Schiedsrichter oft mehrere Tage lang 
ernährt als Entgelt hierfür wird regelmässig beiden Parteien eine 
gewisse Auflage gemacht, die dem Schiedsrichter zu entrichten ist*) 
Bei wichtigen Schiedsverhandlungen werden zwei, drei oder vier Richter 
zusammenberufen. Die Prozesskosten, die der Käcji erhält, sind ver- 
hältnismässig hoch; sie werden gewöhnlich in Tieren gezahlt, haupt- 
sächlich in Schafen, aber auch in Kamelen. Ich wohnte im Lager der 
Schammar einer Gerichtsscene bei. Die beiden streitenden Parteien 

' Leber Be<luinenrecht vcrj^l. Jacob a. a. ()., 2. Ausg., S. 209 ff. Vergl. auch Donghtj 
a. a. O. Hd. I S. 248, 249. 

-^ Bei den arabischen und cßyptischen Stämmen am nördlichen Rolen Meere werdeo 
mit Vorliebe Mit^^lieder des Stammes Beni 'O^be als Richter bestellt, die in dem Rufe stehen, 
besonders erleuchtete Sprüche zu fällen. 



Kap. XII. BediiinefUrecht. Ol 

liessen den Kä(ii kommen und trugen ihm in umständlichster Form ihren 
Streitfall vor. Darauf erbat sich der Kä(ii vom Schech den Säbel, um mit 
diesem in der Hand unter grossen Feierlichkeiten sein Urteil zu verkünden. 

BeideParteien waren wenig zufrieden; die eine musste einen Räzi ^jU» ^' i- 

ein Meg^rdithaler, die andere ein Schaf zahlen, aber sie beruhigten sich bei 
dem Spruche. Die Uebergabe des Schwertes soll symbolisch andeuten, 
dass der Schech die Vollstreckung des Urteils zu gewährleisten habe, 
was jedoch, wie bereits gesagt, ohne praktische Bedeutung ist. Meistens 
sind indes die Parteien moralisch gezwungen, sich dem Urteile zu fügen, 
widrigenfalls sie durch die allgemeine Stimmung gezwungen würden, 
auszuwandern und sich einem anderen Stamme anzuschliessen. 

Die Gerichtsbarkeit ist sowohl zivilrechtlich wie strafrechtlich. Hin 
und wieder kommen Gottesgerichte vor. Bestimmte Männer gelten in ge- 
wissen Distrikten gewöhnlich als besonders geeignet, gottesgerichtliche 
Urteile zu fällen.^) Geschriebene Rechtsbücher kennt man in der Wüste 
nicht, doch hat sich im Laufe der Jahrtausende ein Gewohnheitsrecht 
in der bürgerlichen und Strafgerichtsbarkeit herausgebildet. Auffallend 
streng werden Körperverletzungen ^) bestraft, wodurch der bei dem heiss- 
blütigen Temperament der Beduinen leicht in blutige Händel ausartenden 
Streitsucht wirksam vorgebeugt wird. Freiheits- und Körperstrafen sind 
nicht vorgesehen, die ganze Justiz wird vom vermögensrechtlichen Stand- 
punkt aus behandelt. Sämtliche strafrechtlichen Vergehen werden durch 
Bussen in Geld und Geldeswert gesühnt, selbst der Totschlag, sofern 
die Angehörigen des Erschlagenen mit dieser Sühne, dem sogenannten 

Blu^eld (Dije <»^), einverstanden sind. Das Wergeid ist je nach dem 

Stande und der Bedeutung des Erschlagenen, ebenso nach der Stellung 
des Mörders, sehr verschieden, scheint aber nirgends unter zwanzig 
Kamelen zu betragen.^ Wird es angenommen, so steuert im Unver- 

') Eine in Eg3rpten oft angewandte Art dieses Gottesgerichtes besteht darin, dass 
eine Ma^Mnäse rotglühend gemacht wird und von den beiden Parteien abgeleckt werden 
iBiiis. Derjenige, denen Zunge nach dem Urteile des Richters am meisten verbrannt ist, 
unterliegt. 

■) Im Falle von Verwundungen unterwerfen sich besonders die Beduinen von Egypten 
imd Ig^mzze vielfach dem Schiedsspruch eines Slem-Beduinen, der, der Grösse der Wunden 
entsprechend, das Blutgeld zu bestimmen hat. Die Beni 'O^be und Slem gelten als besonders 
alt nnd ronaehm. Sie sind im Verbände in den gedachten Gegenden jedoch aufgelöst. 
Einzelne Mitglieder der Stämme leben hier verstreut bei anderen Stämmen. 

') Bei den egyptischen und Ij^igäzischen Stämmen am Roten Meere ist das Blutgeld 
feststehend, für jeden Mann 40 Lastkamele und ein Reitkamel. Es soll hier sehr schwer 
seia, die Familie des Erschlagenen zur Annahme der Sühne zu bewegen. Das Blutgeld für 



f)2 Kap* XII. Die Blatrache. 

mögensfalle des Mörders oder seiner Familie gewöhnlich der ganze 
Stamm zur Entrichtung zusammen, um die Blutrache abzuwenden. 

Wird dagegen die Annahme des Blutgeldes von den Angehörigen 
des Erschlagenen verweigert, so tritt das uralte Recht der Wüste in 

Kraft: Blut um Blut (dam bi dam aJL» ^^), das schon im alten Testa- 
ment als Rechtsgrundsatz ausgesprochen und im Koran (Sure II, 173) 
bestätigt ist. Die Beduinen aber haben dieses Recht in furchtbar 
strenger und geradezu ungerechter Weise ausgebildet, indem sie die 
vom Koran gesteckten Grenzen in zweifacher Hinsicht überschreiten: 
Nach Beduinenrecht haben, wenn der Mörder sich selbst der Blutrache 

(Tär jl ) zu entziehen versteht, seine Angehörigen bis ins fünfte Glied 

zu büssen, und die V^erwandten des Getöteten sind bis in das fünfte 
Glied zur Ausübung der Blutrache verpflichtet. Demgemäss ist jeder 
Ver\vandte eines Getöteten, dessen Linearascendent in der vierten 
Generation sich mit dem Linearascendenten des Getöteten deckt, ver- 
pflichtet, dessen Tod zu rächen, und berechtigt, die Rache, wenn 
nicht an der Person des Mörders, so wenigstens durch Tötung eines 
seiner Verwandten zu nehmen, welcher seinerseits in derselben Art 
mit diesem bis zum fünften Grade in Blutbeziehungen steht. Diese 

Rechtsform wird die Chamse A.^^Jt- (»fünf«) genannt Fällt bei dem 

Rachezuge mehr als ein Opfer für den Tod eines Erschlagenen, so hat 
die Familie des ersten Mörders wiederum die Befugnis, eine entsprechende 
Anzahl von weiteren Mitgliedern der anderen Familie zu töten. Die 
gegenwärtige Ausgestaltung der Blutrache geht sogar so weit, dass sie 
in Ermangelung nachweisbarer Verwandten an irgend einem Stammes- 
genossen oder Landsmanne des Totschlägers genommen wird. Aus 
diesem Grunde ist es jedem europäischen Reisenden zu empfehlen, nur 
im äussersten Notfalle von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Denn 
abgesehen davon, dass er selbst in der Wüste nur schwer der Blutrache 
entgehen kann, setzt er auch den nach ihm kommenden Europäer der 
Gefahr aus, für ihn büssen zu müssen. 

Zur Erfüllung der Blutrache braucht durchaus kein Kampf angesagt 
zu werden; sie wird stets genommen, sobald sich nur die Möglichkeit 
dazu bietet, wo man dem Feinde begegnet, auch wenn er im Schlafe 

eine Frau ist hier das Doppelte und das für ein Kind das Vierfache der für einen Mann 
zu entrichtenden Sühne. Der Grund ist leicht erklärlich, weil der Beduine die Fnu achtet 
und Weiber und Kinder schützen will, die bei Raubzügen in den von den Männern entblössten 
Zelten vorgefunden werden. Im arabischen Altertum war das Blutgeld viel höher; es betmg 
100 Kamele oder 2000 Schafe. Ver^l. v. Kremer, Kulturgeschichte, Bd. I S. 466. 



Kap. XII. Folgen der Institution der Blutrache. q^ 

liegt. Mit welchem Ernst die Rachepflicht behandelt wird, wie heilig sie 
gilt, beweisen die zahlreichen Fälle, wo die Verwandten des Erschlagenen 
darum oft wochenlange Reisen unternehmen, bei denen sie sich eigener 
Lebensgefahr aussetzen. Die Blutrache erlischt nie, selbst ein Jahrhundert 
später kann sie den Nichtsahnenden treffen und der Beduine nimmt sie, 
wie ein arabisches Sprichwort sagt, noch nach »vierzig« Jahren^). 

Die natürliche Folge dieser Jahrtausende alten, von der Religion 
in gewisser Beziehung wenigstens sanktionierten Institution muss ein 
Rechtszustand sein, der dem Faustrecht in der wildesten Form gleich- 
kommt. Ihr Fortbestehen verdankt sie wohl vornehmlich den unaufhör- 
lichen Plünderungszügen der Beduinen, die naturgemäss Tötungen und 
Verwundungen mit sich bringen. Fast nur, wenn die Tötung im 
eigenen Stamme erfolgt ist, wurde und wird Sühne geleistet und 
genommen, und so bildeten sich in der ganzen arabischen Wüste end- 
lose Fehden aus, die, seit Jahrtausenden bestehend, sich bis zum 
heutigen Tage fortgesponnen haben und die Bevölkerung decimieren. 
Soll es doch vorgekommen sein, dass im Rachekampf ganze Stämme 
ihren Untergang gefunden haben. Es bedurfte der unglaublichen 
Fruchtbarkeit des arabischen Geschlechts und der seit Urzeiten be- 
stehenden Vielweiberei, um das Aussterben der Beduinen zu verhindern. 

Eine andere Folge der Blutrache ist der bis ins Unglaubliche 
gehende Argwohn und die Verschlossenheit des Beduinen, der stets 
furchten muss, mit dem ersten besten, dem er begegnet, im Falle der 
Blutrache zu stehen. Schon die Kinder werden deshalb angehalten, 
ihren Namen und den Namen ihres Stammes zu verheimlichen. Die 
Lügenhaftigkeit im Auskunftgeben, welche den Beduinen trotz mancherlei 
Gegenzeugnisse zweifellos eignet, ist zum grossen Teil hierauf zurück- 
zuführen. 

Vor allem aber macht die Ausübung der Blutrache in den von Be- 
duinen bewohnten Distrikten jedes geordnete Staatswesen in unserem Sinne 
unmöglich. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, haben die Wahhäbiten 
in Central-Arabien, sobald sie die genügende Macht in Händen zu haben 
glaubten, das Recht zur Blutrache geleugnet und — allerdings vergeblich — 
sie zu unterdrücken versucht. Ebenso betrachtete der Vicekönig Mubammed 
*Ali es als eine seiner ersten Aufgaben, die selbst bei den sesshaft ge- 
wordenen arabischen Bauern noch in höchster Blüte stehende Sitte aus- 
zurotten. Auch die Russen haben, namentlich im Kaukasus, wo die Blut- 
rache von den dortigen Völkerschaften in schlimmster Weise ausgeübt 
wurde, nach Kräften versucht, ihr ein Ende zu machen, obwohl sie 
sonst gegen andere muhammedanische Sitten sich sehr duldsam gezeigt 



') Die Zahl 40 bedeutet bei den Arabern und Persem eine unbestimmt grosse Anzahl. 



Q^ Kap. XII. Lichtseiten der Blutrache. — Das Asylrecht: der kleine Schatz. 

haben. Die Pforte endlich hält ebenfalls, soweit sie es vermag, bei 
den sesshaft gewordenen Stämmen die Blutrache nieder. 

Auf der anderen Seite hat diese Institution bei einem Volke, das 
auf einer niedrigen Kulturstufe steht, entschieden auch ihre Vorteile. 
Der Verrohung, den Ausbrüchen der wildesten Leidenschaften, welche 
in Thätlichkeiten ausarten und mit dem Tode des Gegners enden 
können, wird vorgebeugt durch das Bewusstsein, dass vergossenes Blut 
wieder Blut fordert und dass nicht nur dem Schuldigen selber, sondern auch 
allen seinen Angehörigen dafür der Tod droht Auf dieses Bewusstsein 
mag es zurückzuführen sein, dass, so häufig auch Streitigkeiten und 
Schimpfereien unter den Beduinen vorkommen, sie sich sorgfaltig hüten, 
handgemein zu werden. Dieselbe Beobachtung kanri man selbst bei 
den Städtern und Bauern machen. Auch bei Raubzügen, Ueberfallen 
auf feindliche Lager, Beraubungen von Karawanen sucht man Blut- 
vergiessen möglichst zu vermeiden. In den meisten Fällen w-ird der 

fliehende Gegner geschont, wenn er auf den Zuruf bauwil Jp* (»Steige 

ab!«) anhält und dem Verfolger Pferd und Waffen überlässt So 
befördert die Blutrache die Achtung vor dem Menschenleben und 
vor dem Menschen selbst; der Stolz des Beduinen, zumal den Städtern 
und Bauern gegenüber, die von der Regierung an der Ausübung der 
arabischen Sitte gehindert werden, mag nicht zum geringsten aus dem 
Bewusstsein entspringen, dass er einen Hinterhalt an seiner Familie 
und seinem Stamme hat, und dass die ihm zugefügte Unbill von diesen 
gerächt wird. 

Eine andere Institution, die ebenso alt und charakteristisch ist, wie 
die Blutrache, ist das Schutz- und Asylrecht. Rs entspringt einer der 
edelsten Seiten des arabischen Charakters, der Grossmut, einem Ver- 
folgten gegen seine Feinde, dem Schwachen und Hilflosen gegen den 
Starken Schutz zu gewähren. Jeder Fremde, der das Zelt eines Beduinen 
betritt oder der nur innerhalb der Zeltstricke sich befindet, hat, so lange 
er sich dort aufhält, Anrecht auf den Schutz des Zeltbesitzers. Hat 
irgend jemand das Mahl eines Beduinen geteilt, so steht ihm auch, wenn 
er das Zelt verlassen hat, in den folgenden 3\:j Tagen dasselbe Anrecht 
zu, weil man annimmt, dass während dieser Zeit die genossenen Speisen 
im Magen des Bewirteten bleiben. Wenn innerhalb dieser Frist von 
irgend einem Stammesgenossen des Wirtes der Gast beraubt worden ist, 
so wird zweifellos durch die \'ermittelung seines Beschützers das ent- 
wendete Gut wieder herbeigeschafft. Das ist der sogenannte »kleine 
Schutz«, zu dessen Ausübung jeder verpflichtet ist, widrigenfalls er sich 
der allgemeinen Verachtung aussetzen würde. 



Kap. XII. Der grosse Schatz. qc 

Weiter geht der »grosse Schutz« (*Okd Aap), der gewährt wird, 

wenn ein Verfolgter jemanden um Hilfe gegen seinen Feind oder Be- 
dränger anfleht. Es liegt auf der Hand, dass den grossen Schutz nur 
ein reicher und mächtiger Mann gewähren kann, denn wenn die Ver- 
folger in der Mehrzahl oder gar ein ganzer Stamm sind, so würde der 
Schutzherr gezwungen sein, ebenfalls seinen ganzen Stamm zur Hilfe 
aufzubieten. Deshalb wendet sich in einem solchen Falle der Hilfe- 
suchende in der Regel an den Schech, der dadurch in eine sehr unan- 
genehme Lage geraten kann. Im allgemeinen gehen die Wüsten-Beduinen 
von dem Grundsatze aus, dass selbst dieser Schutz nur in den aller- 
seltensten Fällen abgeschlagen werden darf, dass man aber wegen der 
nicht vorauszusehenden Konsequenzen berechtigt ist, die Nachsuchung 
desselben nach Kräften zu erschweren oder unmöglich zu machen. 
Schon aus diesem Grunde bestehen verschiedene Formalitäten, die der 
Schutzsuchende zunächst erfüllen muss. Die einfachste Vorschrift be- 
steht darin, dass der Verfolgte beim Eintritt in das Zelt eines Beduinen 

die Formel sprechen soll: »Ana dachilak« viAL^^ U, d. h. wörtlich: 

»Ich trete bei Dir ein«, mit der Bedeutung: »Ich begebe mich unter 
Deinen Schutz«. Ferner soll der Schutzsuchende einen Knoten (*Okde) 
in seine Keffije schlagen, welchen der Wirt, wenn er den Schutz 
gewähren will, lösen muss^). Ganz besonders verpflichtet ist der also 
Angerufene, wenn es dem Verfolgten gelingt, die Intervention seines 
Harems, der Frauen, auf irgend eine Weise zu erlangen. Die drastischste 
Form dieser Anrufung des Asylrechts besteht darin, dass der Schutz- 
suchende sich bemüht, in die Frauenabteilung einzudringen und die 
Kleider oder die Brust einer der Haremsfrauen zu erfassen. Hierdurch 
stellt er seine Schutzbedürftigkeit als die eines Kindes hin, das eine 
Frau um Hilfe anrufen muss, und der Wirt hält es nach Beduinenbrauch 
dann für seine Pflicht, ihn wie seine eigenen Weiber und Kinder, in 
deren Bezirk er sich geflüchtet hat, zu schützen. 

Die auf geordnete Rechtsverhältnisse hinarbeitende Politik der Türken 
musste natürlich auch dieser einer edlen Regung entspringenden Sitte 
entgegenarbeiten; und in den Gebieten, wo der Einfluss der Pforte sich 
fühlbar machen kann, besonders auch in den Städten, ist das Recht auf 
Schutz und die Intensität des gewährten Schutzes stark im Abnehmen 
begriffen. Aber auch bei den kleinen, versprengten, ein Räuberleben 
führenden Beduinenhorden ist das Schutzrecht vielfach illusorisch ge- 
worden. Ich erinnere an die Erfahrung, die ich selber im Lager der 
Riät machen musste, wo mein Wirt Dablän es geradezu für not- 



*) Vcrgl. Wetzstein a. a. O. S. 148. 



gß Kap. Xn. Gastfreundschaft. — Aensseres Auftreten der Beduinen. 

wendig hielt, mit seinen Waffen in meinem Zelte zu schlafen, um der 
Schande zu entgehen, dass ich von seinen eigenen Stammesgenossen 
dicht neben dem Zelte seines Bruders beraubt oder gar getötet würde'). 

Derselben Wurzel, wie das Asylrecht, entspringt die Gastfreundschaft 
des Beduinen. Zwar könnte man diese auch aus dem Selbsterhaltungs- 
triebe ableiten: in der Wüste giebt es keine Unterkunftshäuser, und 
wenn ein Beduine einen Fremden, der sich verirrt hat oder seine Gast- 
freundschaft anruft, bewirtet, so mag er es ursprünglich von der Er- 
wartung geleitet gethan haben, dass ihm in ähnlichen Fällen wieder 
vergolten werde. Aber die Art, wie gegenwärtig die Gastfreundschaft 
ausgeübt wird und wie wir sie durch die Darstellungen der Geschichts- 
schreiber und Dichter schon seit Jahrtausenden kennen, geht weit über 
das Mass des Notwendigen hinaus. Nie wird ein Beduine einen Fremden 
unbewirtet aus seinem Zelte gehen lassen, mag er noch so arm sem und 
müsste er das letzte Schaf, das er besitzt, schlachten*). Der Herr des 
Zeltes eilt zu dem Pferde des Fremden, versucht die Lanze und die 
Zügel festzuhalten, und umfasst mit Gewalt den Reiter, um ihn zum Ab- 
steigen zu bewegen. Hat der Fremde keine Zeit und will er überhaupt im 
Lager nicht absteigen, so werden ihm bereitwilligst von allen Seiten Ziegen- 
milch, Kamelmilch und andere Erfrischungen gereicht Ein Beduine, 
der eine gewisse Würde repräsentiert, wie ein Familienhaupt oder Schech, 
weiss nicht, wie er sich dem Gaste gegenüber entschuldigen soll, wenn 
er ihm nicht teure Luxusartikel, wie insbesondere Kaffee, den er selbst 
in der Stadt erstehen muss, anbieten kann. 

Das äussere Auftreten des vornehmen Beduinen, wenn er einen 
Gast empfängt, ist ein überraschend würdevolles. Während seine Leute 
das Pferd des Ankömmlings versorgen, empfängt der Hausherr ihn am 
Eingange des Zeltes und nötigt ihn in das Innere auf den Ehrensitz» 
dessen bisheriger Inhaber ihm schleunigst Platz machen muss. Der Gast 
weiss dann, dass er zu Hause ist, dass er hier speisen und im Zelte 
schlafen wird. Gewöhnlich bleibt der vornehme Gast bei dem vor- 
nehmen Wirt drei Tage; während dieser Zeit wird auch seine etwaige 
Begleitung bewirtet. Merkwürdig ist die anscheinend erst in neuerer 
Zeit aufgekommene Sitte, dass der Gast seinen eigenen Tabaksbeutel 
herumwandern lassen oder die ihm zugeworfenen kurzen Thonpfeifen 

»;; VerjTl. Bd. I dieses Werkes, Kap. V[ S. 238 f. 

*) Hat ein Fremder die Absicht, eine Reihe von Tajjen in einem Zeltlager za 
verweilen, woselbst kein besonders reicher Schech sich befindet, so ist es Sitte, dass die 
verschiedenen Mitf^lieder des lagernden Stammes den Fremden der Reihe nach bei sich zum 
Essen einladen, damit der Besitzer des Zeltes, bei welchem der Gast abgestiegen ist, nicht 
zu sehr überbürdet wird. Wenn irgend möglich, wird dem Fremden jeden Tag^ ein Hammel 
geschlachtet. 



Kap. XII. Habsucht und DiebstahL q7 

(Sebil A^) füllen muss, bis der Beutel leer ist. Wenn irgend ein 

Gegenstand die Bewunderung des Gastes erregt, so erfordert es die 
Sitte, ihm denselben als Geschenk anzubieten. Freilich handelt es sich 
dabei in der Regel nur um eine Höflichkeitsphrase, und die Annahme 
eines derartigen Geschenkes ohne irgend welche Gegengabe würde als 
unschicklich betrachtet werden. 

Wenn es der brennende Wunsch jedes Beduinen ist, sich der 
Verpflichtung zur Ausübung der Gastfreundschaft in möglichst opulenter 
Weise zu entledigen, so ergiebt sich als natürliches Korrelat der Hang 
zu möglichst reichem Besitz, der allein die Mittel zur Erfüllung jener 
Ehrenpflicht gewährt. Hieraus und aus der allen Naturvölkern eigen- 
tümlichen Freude am »Habent, die sie mit den kleinen Kindern teilen, 




Sebil, Beduinenpfeife. 

erklärt sich die oft genug in Bettelei und nach unseren Begriffen selbst 
in Verbrechen ausartende Habsucht des Beduinen. Keiner verschmäht 
es, seinen Schech um irgend eine *Abäje oder eine Waffie, die dieser 
von dem Fremden kurz vorher zum Geschenk erhalten hat, zu bitten. 
Vor allem aber ist der Diebstahl in keiner Weise bei den Beduinen 

verpönt, im Gegenteil gilt die Bezeichnung Harämi fj\j>- (»Dieb«, 

und zwar professioneller Dieb) beinahe als ein Ehrentitel. Insbesondere 
verlangt man von den Kindern und Jünglingen, dass sie durch geschickt 
ausgeführte Diebstähle sich auszeichnen, und wie bei den Spartanern 
wird der Knabe, der sich dabei nicht ertappen lässt, belobt und belohnt. 

Den gewerbsmässigen offenen Raub hält jeder Beduine für sein an- 
gestammtes Recht. 

Die einfachste Art der Raubzüge besteht darin, dass einige Leute zu 
Fuss sich aufmachen, um Tiere, namentlich Kamele zu stehlen. Die 

Frhr. ▼. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen GtAL II. 7 



q8 Kap. XII. Raubzüge. — Die Ausrüstunj^ einet Razu. 

kühnsten dieser Haramije (Diebe) *) unternehmen es, durch Weglocken der 
Hunde, Losbinden der Kamele und Verlegen des Weges den Diebstahl aus- 
zuführen, worauf die anderen die Tiere zusammenkoppeln und wegtreiben. 
Gelingt der Diebstahl nicht und fürchten die Diebe Entdeckung, so 
sollen sie die Folgen ihres Vergehens dadurch von sich abwenden können, 
dass sie sich freiwillig in das Zelt dessen, den sie berauben wollten, 
begeben und offen ihre Absicht eingestehen, mit der Erklärung, dass sie 
davon ablassen wollen. Darauf werden sie nach altem Recht bewirtet 
und können in Frieden ihres Weges ziehen. Ja, die Mitteilung, dass 
sie in einem bestimmten Zelte Gastfreundschaft genossen, schützt sie 
nach dem Asylrecht auch vor allen anderen Mitgliedern des Stammes. 
Werden die Diebe dagegen nach vollbrachter That ertappt, so sind die 
Strafen sehr hart. Die Uebelthäter werden zwar aus Furcht vor der 
Blutrache nicht getötet, aber sie sollen z. B. nach einer gehörigen Tracht 
Prügel als Gefangene in einer schmalen Grube, womöglich mit Stricken an 
ihren eigenen Haaren, festgebunden werden und so wenig Nahrung erhalten, 
dass sie zum Entfliehen zu schwach werden. Bei etA^aigem Aufbruch 
des Stammes werden sie auf ein Kamel gefesselt. In solcher harten 
Gefangenschaft werden sie so lange behalten, bis sie von ihren Stammes- 
brüdern ausgelöst oder auf irgend welche Weise, durch List oder 
Gewalt, befreit werden. Allerdings wird zur Beschaffung des Löse- 
geldes der Gefangene bisweilen frei gelassen, vorausgesetzt, dass er 
Bürgen stellen kann. Es soll nicht vorkommen, dass der Gefangene, falls 
er das Lösegeld nicht zusammenbringen kann, sein Wort bricht und 
nicht freiwillig wieder in die Gefangenschaft zurückkehrt*). 

Umfassenderer Vorbereitungen bedürfen die grösseren Raubzüge, 
die eigentlichen Razu, deren Teilnehmer von einem Dutzend bis zu 
mehreren hundert Leuten zählen und zu denen nicht nur die Stammes- 
angehörigen, sondern oft auch Freiwillige von anderen Stämmen auf- 
geboten werden. 

Die Räuber sind entweder zu Pferde beritten, namentlich in den 
Jahreszeiten, wo überall Wasser zu finden ist, oder sie benutzen Reit- 
kamele (Delül Jj!i). Bei den grösseren Raubzügen hat der Kamel- 
reiter noch einen zweiten Mann hinter sich auf dem Tier (Mardüf 
s^j^ji^ oder Radif i^oj)» der entweder während der Schlacht absteigt 

und zu Fuss kämpft oder möglichst viele feindliche Kamele zusammen- 
treibt. Manchmal werden Pferde an der Leine mitgeführt, die nur zum 
Kampf oder für die Flucht bestiegen werden. Im Winter und im Früh- 

') Die zu Fusse zum Raube ausziehenden Leute heissen ^arilbe. 
*) Vergl. Burckhardt a. a. O. S. 127 ff. 



Kap. XII. Die Beduinen auf dem ^azu. qq 

jähr gelten die Razu auch der Gewinnung von Schafherden, während 
in der Sommerzeit, wenn grosse wasserlose Strecken zu durchziehen 
sind, nur zur Erbeutung von Kamelen oder Pferden ausgeritten wird. 
Ein Schech, der auf seinen Ruf etwas hält, unternimmt jährlich 
einen oder mehrere grössere Raubzüge, die oft wochen- und monate- 
lang dauern. Noch kurz vor meiner Ankunft waren dicht am Euphrat 
Kamelreiter gesehen worden, welche zu einem grossen Razu des Ibn 
Raschid im Neg^d gehörten.^) Diese brauchten mehrere Wochen, um die 

ungeheure Wüstenstrecke vom öebel Schammar ^^^ L>- bis zu den Eu- 

phrat-Dörfern, gegen welche sie ihren Angriff richten wollten, zurück- 
zulegen, eine Entfernung von I20 deutschen Meilen in der Luftlinie. 
Während ich im Lager der Schammar weilte, kehrte ein kleinerer Razu 
unter der Führung des ältesten Sohnes des Färis von einem erfolglosen 
Zuge zurück. Selbstverständlich ist die Ausrüstung eines solchen Razu 
die denkbar einfachste. Wird der Zug zu Pferde unternommen, so 
befestigt man unter dem Bauch des Tieres das mit Wasser gefüllte 
Fell eines Zickleins, das durch den Schatten des Pferdes verhältnis- 
mässig kühl erhalten wird und aus dem der Reiter, wenn er absteigt, 
trinkt, ohne das Fell vom Pferde zu lösen. An die Enthaltsamkeit und 
die Kräfte der Reiter und der Tiere werden auf den Raubzügen ausser- 
ordentlich hohe Anforderungen gestellt. Während des Razu erkennt 
sich jeder Beduine das Recht zu, jeden Fremden, der ihm begegnet, aus- 
zuplündern, wenn er seine eigene Schar für stärker hält, als die Kara- 
wane, die er anreiten will. 

Wie erwähnt, wird das Leben des Gegners möglichst geschont, 
man sucht sich an den Feind heranzuschleichen und ihn zu überraschen. 
Die Ueberfallenen ergreifen meistenteils ohne Widerstand zu leisten die 
Flucht und überlassen ihre Tiere den Feinden. Ist das Glück günstig, so 
fallt wohl das ganze Lager, die Zelte und alles Zeltgerät in die Hände 
der Räuber. Werden sie jedoch verfolgt, so müssen sie häufig einen 
grossen Teil der Beute unterwegs wieder fahren lassen. Namentlich 
kleineren Razu, die aus weiter Ferne hergekommen sind, gelingt es 
meistens, sich der Verfolgung des angegriffenen Stammes und seiner 
Verbündeten zu entziehen, denn die Wüste hat keine Wege, sie ist selten 
ganz eben, sondern wellenförmig, und die Räuber fliehen mit unglaub- 
licher Ausdauer Tag und Nacht hindurch und sind oft über alle Berge, 
ehe man im geplünderten Lager die Leute gesammelt und die Ausrüstung 
sowie genügende Verproviantierung für eine längere Verfolgung zusammen- 



^) Auch im Jahre 1899 kam ein Razu des *Abd el 'Aziz, welcher seinem grossen Onkel, 
dem Ende 1897 verstorbenen Mnlj^ammed Ibn Raschid, als Fürst des Negd gefolgt ist, bis 
zum Euphrat 

7* 



lOO K^P- ^^I* Kriege zwischeii Bedaineut&mmeii. 

gebracht hat. Ausserdem kennt jeder Beduine, der von Jugend an das 
nördliche Arabien und Mesopotamien durchstreift, die verschiedenen 
Stämme mit ihren Quartieren, wo er Schutz finden kann. 

Wohl zu unterscheiden von den Razu, die aus Habsucht und Beutegier 
ausgeführt werden» sind die Kriege, zu denen die Beduinen die Not 
zwingt, und bei denen es sich um einen Kampf ums Dasein handelt. 
Die Viehherden erfordern Weideplätze von grosser Ausdehnung, und 
wenn aus irgend welchem Grunde die bis dahin innegehabten nicht mehr 
genügen, so müssen andere gesucht werden. Freiwillig entschliesst sich 
ein Stamm zur Räumung eines günstigen Weideplatzes nur dann» wenn 
er sich zu schwach fühlt, ihn zu verteidigen. Von seinem bisherigen 
Sitz vertrieben, muss er sich dann aber wieder nach neuen Weidegründen 
umschauen, und ist nun seinerseits gezwungen, einen anderen Stamm zu 
verdrängen. So kann eine einzige Wanderung eine Verschiebung aller 
bisherigen Verhältnisse in weitester Ausdehnung hervorrufen. Will 
jedoch ein Stamm nicht freiwillig weichen, so kommt es zum Kri^e, 
der oft Jahrzehnte lang dauert. Dieser ewige Kriegszustand, der die 
notwendige Folge des Xomadentums ist, wird noch verschärft durch die 
Antipathien, die zwischen den als besondere Nationen sich iiihlenden 
grösseren Stämmen bestehen. So herrscht zwischen *Aneze und Schammar, 
wiewohl ihre Wohnsitze gegenwärtig durch die geographisch scharf aus- 
geprägte Grenze des breiten Euphratflusses von einander getrennt sind, 
ein Gegensatz, der seinen Ausdruck in fast ununterbrochenen Raub- und 
Kriegszügen findet. 

Ueber die Einzelheiten eines offenen Kampfes von Beduinen g^en 
Beduinen ist uns von Augenzeugen bis jetzt noch nichts berichtet worden. 
Bei verschiedenen Stämmen soll bei besonders gefahrlichen Kämpfen 

eine Schar von Jünglingen (Fadäwije <«j\j^, »die dem Tode Ge- 
weihten«)^), zu denen namentlich auch die Schwarzen g^ehören, in das 
vorderste Schlachtgetümmel stürzen, während mitten im Zuge auf einem 
besonders geschmückten starken Kamele, in einem mit Emblemen 
gezierten Baldachin (*Otfe), ein auserlesen schönes Mädchen des Stammes*) 
durch ihre Gesänge die Streiter zur Tapferkeit anfeuert Bei den Schammar 
soll eine Schar von Frauen mit in die Schlacht gehen, welche die Männer 
durch Gesang zum Kampfe anspornen. Diese Frauen werden 'Amariät 
genannt. 

Die Bewaffnung der Beduinen, soweit sie beritten sind, ist in erster 

Linie die herkömmliche, etwa 5 bis 6 Meter lange Lanze (schelfe iiLi). 

\- Vergl. Hd. I dieses Werkes, Kap. IV S. 131. 

-\ Hurckharilt a. a. O. S. 118 sagt allerdings ein Knabe, eine alte Frau oder ein Sldave. 



Kap. XII. Die Bewaffnung der Beduinen. 



lOI 



Der Schaft ist eine Bambusstange, die aus Ostindien bezogen wird. Die 

Spitze (fale ^li) bildet gewöhnlich eine i bis i*/a Fuss lange, breite, 

zweischneidige Klinge; häufig werden gute persische 
Dolchklingen dazu verwendet; seltener findet man die 
dreikantige Spitze in der Art von Bajonetten (rumb 

TKJ^j)' Unter der Spitze befestigt man auch manchmal 

ein Büschel schwarzer Straussfedern , doch kommen 
diese mit dem Verschwinden der Strausse in der nord- 
arabischen Wüste immer mehr in Abnahme. Sonst 
ist die Lanzenspitze oft mit an Fäden hängenden kleinen 
Metallstücken verziert. An dem unteren Ende der 
Lanze ist gleichfalls eine kürzere Spitze angebracht, 
um die Waffe in den Boden stossen zu können. In 
der Führung dieser Nationalwaffe besitzen die Beduinen 
eine ausserordentliche Geschicklichkeit. Die Lanze 
wird im Gegensatze zu unserer europäischen Lanzen- 
haltung in umgekehrter Faust mit erhobenem Arm 
gehandhabt und in eine schwingende, vibrierende Be- 
wegung gesetzt, welche schon durch das Galoppieren 
leicht im Gang erhalten werden kann. Um das Vibrieren 
zu erreichen, werden dünne, bewegliche Lanzen be- 
vorzugt. Genau dieselbe Haltung sehen wir schon 
auf den alten assyrischen Reliefs dargestellt, sie findet 
sich auch heutzutage noch bei verschiedenen afrika- 
nischen Völkern, z. B. bei den Somali. Der Stoss 
ist ein kurzer, aus dem Armgelenk. Auf dem Marsche 
tragen die Beduinen die Lanze gewöhnlich über der 
Schulter, was sehr ungeschickt aussieht. 

Kürzere Spiesse (Kifa AäLJ) und die kurzen Wurf- 
speere Chuscht wJL>-, letztere von etwa i V* Meter 

Länge, kommen immer mehr in Abnahme und werden 
nur von den Fussgängern benutzt 

Nächst der Lanze ist die Hauptwaffe des Reiters 

Spitzen der 

ein krummer Säbel (Sef <^..,w). Die Klinge ist meist Beduinenlanzen. 

europäisches Fabrikat, der Griff aus Hörn, Knochen oder Holz, bei den 
Schecbs oft von Silber, die Scheide aus Holz, das mit schwarzem Leder 
überzogen ist Getragen wird der Säbel meist an der linken Seite 



I02 Kap. XIL Die Bewaffnmig der Beduinen. 

unter der *Abäje an einer bunten, namentlich roten Schnur, die über 
die rechte Schulter geht. 

Das gerade Schwert, welches in Südarabien*) und bei den 
arabischen Stämmen des ehemaligen egyptischen Sudan*) vorkommt und 
das ich von besonderer Länge und ohne Parierstange in Masljiat gefunden 
habe,') ist bei den nordarabischen Beduinen nicht gebräuchlich, dag^en 
finden sich gerade Dolche neben den krummen Schwertern (schiblfje 

<JLl») ziemlich häufig. 

Die Gewehre, welche man bei den Beduinen antrifft, sind von den 
verschiedensten Modellen, von den primitivsten Lunten- (fitili Lui) 
und SteinschloSsflinten (ß^ifte aIa>.)*) an bis zu den modernen euro- 
päischen Repetiergewehren. Obwohl die letzteren sich steigender Beliebt- 
heit erfreuen, schaffen die Beduinen ihre alten Steinschlossflinten doch 
nicht gern ab, weil sie sich zu diesen die Munition leicht verschaffen 
können*^). Die nötigen Substanzen finden sie an einzelnen Stellen der 
Wüste und bereiten sich daraus ein grobes Pulver von allerdings so geringer 
Expansionskraft, dass, um die Kugel überhaupt nur ein paar hundert 
Schritte weit treiben zu können, die Pulverladung mindestens eine Hand- 
voll betragen muss. Der Propfen wird hergestellt, indem die Beduinen 
ein Stück vom unteren Teile ihres Hemdes abreissen, welches die Folgen 
dieser Bestimmung in den meisten Fällen deutlich erkennen lässt Als 
Geschosse verwendet man vielfach die in der Wüste vorkommenden 

\' Von dort ist es auch nach Zanzibar und Ostafrilui gelangt. 

'} Das gerade Schwert des Sudan hat eine mit der Kling-e ein Kreuz darsteUende 
Parierstange und erinnert an die alten Ritterschwerter. In Abessjmien sind die gleichen 
Schwerter in Gebrauch wie im Sudan. Es scheint, dass diese thatsächlich auf ModeÜc ans 
den Kreuzfahrerzeiten zurückzuführen sind. Einzelne ohne Frage echte Krenzfahrer -Waffen 
sollen sich heute noch im Sudan finden. 

'} \erfrl. die Abbildung: unten Kap. XVIII S. 327. 

^ Diese Bezeichnung wird auch ganz allgemein für Gewehre und in Syrien speziell 
für die europäische Doppclflinte gebraucht Luntenflinten tragen besonders die $leb, vergl. 
die Abbildung in Bd. I dieses Werkes S. 220. 

^) Die türkische Regierung, welche die Gefahr einer besseren Bewa£fnang der Be- 
duinen nicht verkennt, lässt übrigens jeden Perkussionshinterlader, den sie bei den Bedoinen 
vorfindet, mit Beschlag belegen; trotzdem findet nach wie vor ein starker Import statt, 
und ein wohlbekannter christlicher Kaufmann in Bardäd soll den Mnntefik Tansende Ton 
Gewehren zugeführt haben. Mein Dablän sprach mir gegenüber sein Bedanem darttber ans, 
dass die Riät-Beduinen jetzt besser bewaffnet seien, weil er der Ansicht war, dass bei der 
ungezügelten Raub- und Kampfesbegier seiner Stammesgenossen deren Kimpfe allzn Untig^ 
ablaufen würden. 



Kap. XII. Die BewafTnuDf? der Beduinen. 



103 



Brauneisensteine, doch fertigen sich die Beduinen auch Bleigeschosse und 
sogar grobes Schrot, das recht gefährliche Wunden verursachen kann. 
Die Flinten haben gewöhnlich eine beträchtliche Länge. An dem vorderen 
Ende des Laufes befindet sich vielfach eine Art von Gabel, 
die sowohl im Nahgefecht als auch durch Herunterklappen 
eine Stütze für das Gewehr des liegenden Schützen zu 
bieten bestimmt ist. Die Gabeln sind meistens von Eisen, 
doch findet man auch vielfach dazu die Hörner der soge- 
nannten Wildkuh (Balj:ar el Wabschi ^J''>'^^ ^ ) verwendet, 

einer in der nordarabischen Wüste, besonders in Nefüd 
vorkommenden weissen Antilope von der Grösse des Dam- 
hirsches. Ihr Gehörn ist fast ganz gerade mit nur wenig 
Krünfmung, nach hinten spitz zugehend, etwas über Vs Meter 
lang und sehr stark. Diese Gabelflinten werden auch bei 
der Jagd auf Gazellen gebraucht, wo der Schütze häufig 
auf weite Entfernungen schiessen, ruhig liegen und darum 
für das Gewehr einen Stützpunkt haben muss*). 

Pistolen (pischtäwät O^Ju.tJ) sind verhältnismässig 

selten, von modernen Revolvern (das Wort wird in Wolwer 
oder Worwer oder Relolwer verkehrt) sind besonders die 
von grösstem Kaliber und mit langem Laufe geschätzt. 

Neben den Schusswafien kommt die Keule in ver- 
schiedenster Form vor, von einem grossen Stocke (Madrüb 

K^^j!idu^) an bis zur Eisenkeule. Eine Keule (Dombüz 



jj)o^y auch Dabbus), jetzt meist nur in einer Länge von 

ca. 35 — 40 cm mit einer Kugel von Stein oder Erdpech 
an dem einen Ende, ist, besonders im südlichen Meso- 
potamien, die gewöhnliche Waffe jedes Fellachen und jedes 
Beduinen. Oft wird ein kleinköpfiger Steinhammer oder 

eine Streitaxt (Kulunk viU^ geführt, die gleichzeitig zu 

Hieb und Wurf gebraucht werden. Auch Schleudern 



*) Die Gewehre führen die verschiedensten Namen. Die aus E^ypten 
überoommene Bezeichnanfr BondaVije bedeutet eig'entlich »die Venetianische« Beduinen- 
(Bandal^ssVenedi^), yielleicht aber auch »das Rohr, aus dem man Bunda\i:s Streitkolben. 
schieastc (Bondolp, ttlrkisch Funduk, heisst die Haselnuss, nux pontica). 
Ferner smgt man Moka^, »das Schwarze«, besonders im Mafrib, Bärüde, »das Pulver- 
dingc, in Syrien, und »Tafek« (aus dem Persischen). Diese letztere Benennung ist in 
ganz Mesopotamien bis zu den Muntefik und nach Maskat hin gebräuchlich. 



I04 ^*P« ^^'« J^ff^« 

primitivster Art sollen noch vorkommen ; der Schleuderstock dient haupt- 
sächlich als Jagdwaffe. 

Bogen und Pfeile finden sich wohl schwerlich mehr vor. Von sonstigem 

Rüstzeug älterer Zeit ist noch das Panzerhemd^), Dir' F'-^^' erhalten, 

welches nur von wenigen vornehmen Beduinen benutzt werden soll; 
selbstredend bietet es den modernen Feuerwaffen gegenüber kaum einen 
Schutz*). 

Von diesen vielen Waffen sind jedoch gewöhnlich für die Reiter 
nur Schwert und Lanze, für das Fussvolk das Gewehr im Gebrauch. 

Die Jagd ^) wird meist in der Weise ausgeübt, dass man den Tieren, 
insbesondere den Gazellen, an den Plätzen, wo sie zu trinken pflegen, 
auflauert und sie aus dem Versteck schiesst Oft werden zu diesem 
Zwecke kleine Schiessstände aus Stein zur Verdeckung des Jägers er- 
richtet. Die Muntefik sollen grosse Schilde in Erdfarbe anstreichen und 
dieselben vorsichtig vorschiebend sich dem Wilde nähern. Hasen und 

Kaninchen werden meistens mit den Windhunden (Slüfei ^ijw) gehetzt 

oder auch mit Wurfstöcken erlegt. Mit derselben Waffe verstehen auch 

schon die Knaben Vögel wie die Wüstenhühner (Katä ua3), Rebhühner 

(Hagal \^e>-\ sowie die Frankoline (Du rräg ^^j^), die sich hauptsächlich 

am Wasser vorfinden, zu erlegen. Der Beduine schiesst nie den Vogel 
im Fluge, was ihm mit seinem primitiven Gewehr auch schwer möglich 

wäre. Das grössere Wild, Gazellen und Trappen (Hubärä ^Ju>-), wird von 

den Schammar auch mit abgerichteten Falken gejagt. Der Falke findet 
sich meistens nur bei den Schechs, da die Wartung sehr kostspielig ist. 
Im Zelte hat das Tier seinen Platz auf einer kleinen Querstange in der 
Männerabteilung*). Die F*alkenjagd wird nur am frühen Morgen» be- 
trieben, weil am Tage das Tier infolge der Sonnenhitze bald ermüdet 
und dadurch leicht eine Beute von Adlern und Geiern wird. Auch aui 
Gazellen lässt man Falken stossen, da aber der Vogel nicht stark genug 

''- Im muhammedaoischen Innerafrika finden sich vielfach Panxerhemden. In den 
letzten Kämpfen im e^yptischen Sudan ist eine ganze Anzahl solcher Rüstzenge, welche ron 
den Mahdisten ^^ctraj^en worden waren, erbeutet worden. 

-^ Hurckhardt a. a. O. S. 44 nennt auch eiserne Kappen ((äs). In Südmesopotamien 
sollen auch noch Schilde ;[Kalkan; vorkommen. 

'; Die besten Jä^er sollen unter den Sieb zu finden sein. 

* Ueber die Falkenjagd und die Beschaffung;^ von Falken, deren Nester sich oft in 
erblichem Besitze befinden, ver^l. Layard, Ninive und Babylon, deutsche Ausgabe, besonderes 
S. 226 und 255. 



Kap. Xn. Viehstand: Kamel. — Arabische Bezeichnunf^en des Kamelsattels. iqc 

ist, die Gazelle zu Boden zu reissen, so gehört zu dieser Jagd noch der 
Windhund. 

Der Hauptreichtum des Beduinen sind seine Kamele. Eine zuver- 
lässige Statistik, wie viele Kamele ein Stamm besitzt, ist fast unmöglich, 
sie zählen nach vielen Tausenden. Die Aufnahmen, welche gegenwärtig 
von den türkischen Behörden zu Besteuerungszwecken angestellt werden, 
dürften nur ungenaue Anhaltspunkte ergeben, die jedenfalls weit hinter 
der Wirklichkeit zurückstehen. Die einzelnen Stämme, zum Teil auch die 
Unterabteilungen und die Schechs haben ihre eigenen Marken (Wasm), 
welche den Tieren aufgebrannt werden. ^) Häufig findet man in der Wüste 
auf Steinen die Zeichen eingekratzt.') Von den Kamelen wird ausser 
dem Fleische und der Milch noch die Wolle verwendet, und zwar wird 
sie entweder zu Zelttüchern und ähnlichen groben Stoffen verwoben oder 
in den benachbarten Städten verkauft. Der Wollhandel hat in der letzten 
Zeit in der.nordarabischen Wüste einen lebhaften Aufschwung genommen. 
Die Hauptmärkte hierfür sind Damaskus, Aleppo, ed Der, Mö§ul und 
Bardäd. 

Nachstehend gebe ich die arabischen Bezeichnungen des Kamel- 
sattels und seiner Teile. 

esch Schedäd ^\jLiJ\ Reitsattel; 

el Bedüd ^jJU\ das vordere Lederkissen; 

el Hodüb i^^J^\ Verzierungen in Gestalt von 

Quasten oder herunterhängenden 
Stricken u. dergl.; 

el Razäle "^^3«^^ <iic beiden den Sattel vorn und 

hinten abschliessenden Holz- 
pflöcke ; 

el Razäle el Rodmänie <-#LiJu)l4j\jAl\ der vordere Sattelpflock; 

el Razäle el warränie <-#\jj)l ^Ij«)^ der hintere Sattelpflock; 

') Aach die grösseren *A|^el (Kamelhändler) haben ihre eigenen Wusüm. Diese 
Marken entsprechen den Brandmalen unserer Pferde -Gestüte und der nordamerikanischen 
Rinderzüchter. 

') Solche Wasm sind bei Burckhardt, Bemerkong-en über die Beduinen, S. i6i, ab- 
gebildet. Vergl. auch Dooghty, Travels in Arabia Deserta, Bd. 1 125. Das Wasm der meso- 
potamischen Schammar ist ein liegendes Kreuz x. 



I06 ^P* ^U* Arabische Bezeichnangen des Ksmelsattels. — Viehstaod: Schuf, Zie^e. 

ez Zalfa <iib)\ die breiten, zwischen den genann- 

ten Pflöcken befindlichen Holz- 
stücke, welche das eigentliche 
}.f Gerüst des Sattels bilden; 

ei öulmüd ^^^JLi>\ die aus Kamelnerv gefertigten 

Stricke, welche die einzelnen 
Holzteile des Sattelgerüstes mit 
einander verbinden und zu- 
sammenhalten; 

ei Betän jlLJ\ der vordere Sattelgurt; 

el Hukb „.JtLl der hintere Sattelgurt*). 

Ein weiterer Gegenstand der Viehzucht ist das Schaf, seltener 

die Ziege. Dieses Kleinvieh wird unter dem Namen Ranam ^^IP zu- 

sammengefasst Alle diese Tiere werden entweder von herumziehenden 
Händlern aufgekauft oder in die Städte auf den Markt getrieben. 

Als Zeichen besonderen Wohlstandes gilt der Besitz von Pferden. 
Die guten Pferde sind bei den Beduinen gegenwärtig durchaus nicht so 
zahlreich, wie man glaubt. Es kann überhaupt fraglich sein, ob sie je 
in solchen Mengen vorhanden gewesen sind, wie gewöhnlich angenommen 
wird. Es ist klar, dass bei den unaufhörlichen Razu und den lang- 
wierigen Kriegen sehr viele Pferde zu Grunde gehen, auch werden durch 
die üblichen Geschenke an türkische Beamte zahlreiche Tiere ihrer Heimat 
entzogen. Die erste grosse Bresche in den Bestand der arabischen Pferde 
scheint jedoch erst in diesem Jahrhundert zur Zeit des Chediven 'Abbäs I. 
gelegt worden zu sein. Dieser schöpfte mit vollen Händen aus den 
Finanzen Egyptens, und wie er überhaupt mit den Arabern Beziehungen 



'; Die egyptischen Beduinen nennen den Sattel Rabit (vergl. Jacob a. a. O. S. 68 
Anm.) Die weiteren geßfcnwärtis: in Ef^ypten üblichen Bezeichnanfreii sind die folgendeo: 
Das vor dem vorderen Sattelpflock ^Razäle) befestif^e lederne Kissen, auf dem des Reiters 
untergeschlagenes Bein ruht, nennt man Mireke. Die mit Stroh (Kaschsch) oder Wfisteo- 
kräuter, besonders Schiri, gefüllten Schutzpolster unter dem hölzernen SattelgesteU heiuen 
Bedüd. die beiden Sattel^^urte Hezäm .^der vordere el Mu^dim, der hintere el Batäne). Die 
an den Sattelgurten herabhängenden Troddeln heissen Scherärib (Sing. Scharräbe, d« i. »die 
Trinkende« [sc. die Luftj). Das Sitzpolster auf dem Sattel selbst el ICa*d, das über das 
Sattelpulster gelegte Fell Fan^-e, der Keitstock, falls er die nach oben ^krfimmte beilartige 
Rrücke hat, Mihgan. Dieser Stock ist meist aus Jarfa ^^einer Art von Tamarisken) oder ans 
Löz (Mandelbaumholz; gefertigt. Das Halfter heisst beim Kamel wie beim Pferd Rasan, 
Der obere Teil des Kamelzaumes, welcher die Lederstücke des Halfters hinter dem Kopfe 
zusammenhält, heisst Adr. Dieses Stück ist vielfach mit Troddeln verziert. 



Kap. XU. Dos Arabische Pferd. IO7 

suchte % Hess er Reitkamele und vor allem edle Pferde in grosser Anzahl 
in Arabien aufkaufen. Es sollen über 1000 Stuten für seine Privatställe 
nach Egypten gekommen sein. Viel empfindlicher machte sich die seit 
einigen Jahrzehnten zum Durchbruch gelangte Vorliebe der indischen 
Regierung für arabische Pferde und die seither mit der Genehmigung 
des Sultans erfolgenden Massenausfuhren von Hengsten nach Bombay 
geltend^. In den europäischen Handel dürften nur ganz wenige wirklich 
rassenreine Pferde gelangen, zumal die türkische Regierung die Ausfuhr 
von Rassepferden, Hengsten wie Stuten, streng verboten hat. 




Arabisches Rassepferd im Besitze des Mr. Blunt. 

Als die Urheimat der Rassepferde sind das eigentliche Centralarabien, 
der Negd und die südlicher gelegenen Oasengruppen anzusehen. Auch 
in der centralarabi sehen Wüste ist die Zahl der Rassepferde bedeutend 
geringer, als gewöhnlich angenommen wird^). Die Zahl der rassereinen 
Pferde aber wird auffallend gering, wenn man den strengen Massstab des 



\ 



') Vcrgl. Bd. I dieses Werkes S. 202. 

*) Wegen der Ausfuhr nach Bombay und der Pferdeverkäufe für die Zwecke der 
egyptischen Regierung vergL unten S. 114. 

*) Euting (Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1886, Bd. V S. 276) 

benfiert auf Grund seiner vielfachen Erkundigungen die im Neg^d befindlichen edlen 

Pferde auf nur 500, welche alle nur einem Besitzer, Ibn Raschid und seiner Familie, 

fehören. Die Blnnts (a. a. O. Bd. II S. 12) berichten auf Grund der eigenen Angaben 

"von Ibn Raschid, dass dieser Fürst jedes Jahr hundert Yearlinge, einjährige Fohlen, 

aach Knet am persischen Golf schicke, von wo aus sie nach Bombay gesandt werden 

«ad dorcbschnittlich hundert Pfund das Stück erzielen. In Häil sah Euting bei dem Emir 

mr etwa 30 Pferde, während die Blunts (A Pilgrimage to Negd, S. 125) dort im ganzen 

«twt 80 — 90 gezählt hatten, wovon fast die Hälfte Fohlen waren. Vergl. auch Baron Nolde, 

^^ nach lonerarabien, Kurdistan und Armenien, Braunschweig 1895, ^^135. Soweit der 

Nejd bekannt ist, kann er mit seinen wenigen Oasen und seiner geringe und nur während 

^ kurzen FrUbjahrszeit existierenden Vegetation kaum für die Pferdezucht im Grossen 



I08 ^ap- ^^1- Rassepferde (A?il): el Chamse. 

Beduinen bei der Anerkennung des reinen Blutes anlegt; der Städter 
ist in dieser Beziehung viel weniger peinlich. Nur fünf Familien, die 
nach dem Volksglauben von fünf Stuten, die der Prophet Mubammed 
als edel, »a$il«, bezeichnet hat, abstammen und el Chamse (>die Fünf«) 
genannt werden, gelten dem Beduinen als wirklich rassenrein (a§il). 
Natürlich ist diese Genealogie ohne thatsächliche Bedeutung, denn edle 
Pferde hat es lange vor Mubammed gegeben. Mit dieser Thatsache 
stimmt es, dass die Chamse weiterhin auf die Pferde des Königs Salomo 




Arabisches Rassepferd (aus Tweedie, the Arabian borge). 

zurückgeführt werden, dessen Name den Beduinen als der eines mäch- 
tigen Königs, der auch mit den Geistern im Bunde stand, noch heute 
geläufig ist. 

Ueber die Namen der fünf Rassen besteht Streit, wiewohl an der 
Fünfzahl stets festgehalten wird. Vielfach glaubt man, dass die sämt- 
lichen rassereinen Pferde auf eine einzige Stute, die sagenhafte Kebelat 

geeiqrnet sein. Allerdings gelangen die starken Herren des Ne^d darcb ihre ^ftza in den 
Besitz mancher edlen Pferde. In letzter Zeit vermindern die nach KonsUntinopel als 
Geschenke für den Sultan gesandten Transporte von Pferden, die in der Regel g^en 
loo Stück betragen, die Pferdebestände Centralarabiens. 



Kap. XU. Bewertung: der Pferde: das Blut. XOQ 

«l 'Ag^üz ^), zurückzuführen sind, von welcher die fünf Rassen abstammen 
^wrürden. Bemerkenswert ist immerhin, dass die Kebelän regelmässig 
als eine der Rassen genannt werden. Jede einzelne Rasse hat wieder 
ihre besonderen Unterabteilungen. Am meisten alsAsil anerkannt werden die 

Kebelän J^IX, die Salj:läwi-Gidräni ^JIjJ^^j^^a**», die HamdänI-Sumri 
^^^4--»(j\JU^, die Ma'nekl ^5^ und dieRischän jLij, oder aber die Familien 
der Kebelän, die Hamdän, die Hadbän jIj^, die Sakläwi und die 

^Abeijän jukP*). Vielfach werden auch die Klassen der öilfän und 

Dabmän iiir A$il gehalten, die sonst nur als Halbblut (Kedlsch) gelten. 
Am zahlreichsten scheint die SaWäwI- Familie zu sein. Andere gute 
Familien sind: die ^Ecjemän, 'Edemän *ämir, Ruesche, Mu'zanije, Abu 
gunüb, et Tuesche u. s. w. 

Bei der Bewertung der Pferde wird auf das Blut weit mehr gesehen 
als auf den Bau. Wirkliche Gestüte aber existieren weder in der Wüste 
noch bei der ansässigen Bevölkerung. Das einzige wohl unbewusst nach 
europäischem Muster eingerichtete Gestüt habe ich bei Damaskus im 
Besitze des Mubammed Pascha Sa'Id, dem langjährigen Anführer der 
syrischen Pilgerkarawanen, gesehen.^) In jüngster Zeit droht der Erhaltung 
der Reinheit der Pferderasse in Arabien eine grosse Gefahr. Aus guten 
Gründen trennt sich der Beduine nur sehr ungern von seiner Stute, weil 
sie dem Besitzer Fohlen trägt, die sein Eigentum vermehren, und weil 
sie sich ungleich besser als die Hengste zu den Razu eignet, schon deshalb, 
weil sie weniger wiehert und die Aufmerksamkeit des Feindes weniger 
auf den Raubzug lenkt. Wenn der Beduine ein Pferd zu verschenken 
hat, so schenkt er möglichst einen Hengst und trennt sich nur schwer 
von seiner Stute. Früher wurden manchmal in weidearmen Gegenden 
und in schlechten Zeiten Hengstfohlen getötet; aber jetzt soll sich durch 
Verkauf von Hengsten*) der Bestand an Beschälern in einzelnen Teilen 
Arabiens derartig vermindert haben, dass dort mehr und mehr weniger 
edle Tiere zur Deckung rassereiner Stuten benutzt werden. 

') VergL Tweedie, The Arabian Horse, London 1894, S. 233. Diesem Buche ist 
mit Erlaubnis des Verlef^ers auch die Abbildung S. 108 entnommen. 

») Vergl. Burckhardt, a.a.O. S. 165 ff.; Blunt, Bedouin Tribes, Bd. II S. 271 ff.; Upton, 
Gleanings from the desert of Arabia, London 1881, S. 297 ff.; Layard a. a. O. S. 249 ff.; 
Tweedie, a. a. O. S. 235. 

*) VergL Bd. I dieses Werkes, Kap. II S. 77. In der chedivialen Familie wird seit 
Abbas L auf die Züchtung edler Pferde viel gehalten. 

^) Viele Handler kaufen den Beduinen die Fohlen schon als Yearlings ab. 



I lO 



Kap. XII. Bewertung der Pferde; der Bau. 



Das rassenreine Pferd ist in seinen Formen nach unseren Begriflen 
klein und erreicht nur selten die Grösse unseres Ulanenpferdes. Seine 
normale Höhe beträgt 140— 150 cm. Edle Pferde werden selten grösser, 
bleiben aber oft kleiner als 140 cm. Dagegen zeichnet es sich durch feine 
und überaus sehnige Glieder aus. Sein Kopf ähnelt dem des englischen 
Vollblutpferdes*); aber nie wird man unter den Beduinenpferden Rams- 




Die aus dem Nc;V l stammende Stute Neyme , Rasse: K^ieilet el 'A^uze;. 
im liesiize des ileutscheii Konsuls Richarz in Bardäd^. 



köpfe finden. Die Nüstern des arabischen Rassepferdes öffnen sich bei Auf- 
regung weit und erscheinen blutrot. Die Augen sind gross und glühend, 
die Ohren lang und fein geschnitten; nach der Ansicht der Beduinen 
sollen sie den Gazcllenohren gleichen, sind also durchaus nicht klein, wie 
man in Europa gewöhnlich glaubt. Der Hals läuft nach dem Kopfe 
spitz zu. Die schlanken, dünnen Heine haben lange Oberschenkel, starke 
Kniegelenke, feine Fesseln und kräftige F'üsse mit auffallend kleinen, meist 
runden Hufen. Auf die wagerechte Haltung des Schwanzes wird viel ge- 

') Ueber die Abstammung des enfjlischen VoUbluts ▼om arabischen Pferde vergL 
unten S. 116. 



Kap. XII. Bewertung der Pferde : die Farbe. III 

geben. Als gute Eigenschaften des arabischen Rassepferdes sind folgende zu 
nennen: Eifer, dabei aber entschieden sanfter Charakter und Anhänglich- 
keit an den Herrn, hervorgerufen durch gute Behandlung trotz geringer 
Pflege, Mut, Klugheit und stark ausgeprägter Instinkt. Ausserdem 
ist es von ausserordentlicher Genügsamkeit^) und von grosser Aus- 
dauer und Beweglichkeit. Auf diese letzteren Eigenschaften sehen 
die Beduinen ebenso wie auf Schnelligkeit. Auch soll sich das arabische 
Pferd häufig als gute Schildwache erweisen und durch Stampfen mit dem 
Fusse die Annäherung Fremder anzeigen. Als Fehler sind zu nennen 
die bereits erwähnte Kleinheit, oft auseinander stehende Vorderbeine, 
endlich Ungelehrigkeit im Traben und Springen^). Der Beduine ist voll- 
ständig Naturreiter und selten im Stande, durch sein Reiten den Gang 
seines Pferdes zu verbessern. Er sitzt weit nach vorne und überlässt es 
dem Pferde, sich vor Stolpern zu bewahren. Auf dem Marsche hat er 
oft stundenlang keinen Zügel in der Hand. 

Die Farbe bildet selbstredend kein Kennzeichen für die Rasse. 
Die Beduinen schätzen am meisten die braune Farbe, die sie Abmar 

y^^9 d. h. rot, nennen, daneben steht der Grauschimmel, A.sfar, 

(eigentlich gelb) hoch im Wert. Ist er etwas dunkler, so nennen sie ihn 

Azrsif. ^3-^-^^ (blau). Ein gewöhnlicher Schimmel heisst Abjad cf^-^\ 

(weiss), ein Fuchs oder Rotschimmel Aschljar jA^^ ein Rappe Adham 

^^\. Letzterer ist an manchen Orten weniger beliebt, weil er angeblich 

Unglück bringt, dem Fuchs wird dasselbe nachgesagt. Infolgedessen sind 
diese beiden bedeutend billiger als Pferde anderer Farbe. ^) 

Alle Pferde, bei welchen der rassereine Ursprung von der Mutter 
selbst nicht sicher nachzuweisen ist und welche nicht zu den Chamse 
gehören, werden Halbblut, Kedisch, genannt; aber unter dieser Klasse 
von Pferden befinden sich gleichfalls wunderschöne und oft überraschend 
grosse und kräftige Exemplare, die als Gebrauchspferde den A§Il nicht 
selten nur wenig nachstehen. 

Die Nahrung des Pferdes besteht in der Hauptsache nur aus 
dem, was es sich in der Steppe zusammensuchen kann. Im Frühjahr 
geben die kräftigen Kräuter und das saftige Gras das denkbar beste 
Futter. Wenn aber die Wüstenvegetation von der Sommerhitze ver- 

') Es ist bemerkenswert, mit wie wenig Nahrung die arabischen Pferde auf den 
^Laza auskommen, trotzdem bei diesen oft wochenlang Gewaltmärsche ohne Ruhetage zu 
machen sind. 

*) VergL Nolde a. a. O. S. 140. 

*) Genau dieselben Vorurteile haben auch die Türken. Eine detaillierte Aufzählung 
der Spielarten der Farben siehe bei Tweedie a. a. O. S. 262 fif. 



112 Kap. XII. Fütterung und Zänmung. 

brannt ist, muss für anderweitige Nahrung gesorgt werden, und als 

solche gilt vor allem Gerste (Scha*ir juci) und kurz geschnittenes 

Stroh (Tibn ^ ), da Hafer im glänzen Orient unbekannt ist, übrigens 

hier auch zu sehr erhitzend wirken würde. Aber auch Datteln dienen 
dem Pferde als Nahrung und selbst Fische, getrocknet und frisch, 
sollen ihm in den an das Meer grenzenden Distrikten gegeben werden'). 
Mit Vorliebe giebt man auch jungen Pferden Kamelmilch zu trinken, 
der sehr kräftigende Wirkungen nachgesagt werden.') Von einer Pflege 
ist nicht die Rede. Geputzt werden die Tiere fast gamicht, infolgedessen 
die meisten recht unansehnlich ausschauen. Nur das Wühlen der Pferde 
im Sande kann als Krsatz für Bürste und Striegel gelten. In der Regen- 
zeit werden die Stuten in die Zelte genommen und finden dort ihren 
Ehrenplatz in der Männerabteilung, während die Hengste im Freien 
bleiben und nur mit einer Decke (geläl) oder mit einer alten 'Abäje 
zugedeckt werden, ein weiterer Beweis für die besondere Bewertung 
der Stuten. 

Das Zaumzeug ist bei den Beduinen überaus einfach. Es besteht 
im allgemeinen aus einem primitiven Halfter: einem einzigen auf dem 
Nacken hinter den Ohren befestigten Bande und einem Kettchen, das 
auf dem Nasenbein liegt. Zum Leiten dient nur ein mit diesem Kettchen 
in Verbindung stehender Zügel aus einem dicken Stricke, welcher an der 
inkcn Halsseitc des Pferdes entlang geht. Das Maul ist frei, damit 
Pferd bei jeder Gelegenheit die Stoppeln der Steppe fressen und Wa 
saufen kann. Am Rande der Wüste kommen auch die bei den sesshaft 
gewordenen Arabern gebräuchlichen scharfen Gebisse vor, und zwar 
vorzüglich eine Art Kandare, in welcher ein beweglicher Ring zwischen 
den beiden Eisenstangen befestigt ist, welcher den Unterkiefer umspannt.^ 
Die Sättel gehören durchaus nicht zur notwendigen Ausrüstung. Sie 
sind am besten unsern Bock-Sätteln zu vergleichen. Der kleine Sitz ist mit 
schweren Polstern versehen. Die dazu gehörigen Unterdecken, welche 
meist am Sattel befestigt sind, bestehen vielfach aus einer ganzen Anzahl 
von Lagern. Den im ganzen westlichen Afrika üblichen Sattel mit einem 
bis zu 20 cm hohen Vorderzwiescl und einer Rückenlehne habe ich in 
Syrien und Mesopotamien nicht angetroffen^). 

'; Verjrl. Twccdie a. :i. O. S. 12. 

-\ Auch mit Merisc werden sie j^enährt. ^ 

'^ Die arabischen Hfcrde f^ewühnen sich an jedes Zaumzeug. Ich habe ein leichtes 
I'allam besonders g(.-ei};net gefunden; we$;en des Werfens des Kopfes der Pferde empfiehlt 
sich die Anlegung; eines Maulriegels. 

*\ In den KUstenstädten Syriens und in E^-pten werden fOr die enropSisierteii Ein- 
geborenen jetzt vielfach schlechte Nachbildungen der englischen Sättel gefertigt. Dem 
europäischen Reisenden ist es anzuraten, sein eigenes Sattelzeug mitzubringen. 



Kap. XII. Hufbeschlag. 



113 



Steigbügel kommen bei den Beduinen der Wüste selten vor; die Kurden 
und Tscherkessen Mesopotamiens benutzen dagegen den bekannten, bei den 
Stadtarabem allgemein gebräuchlichen, schaufeiförmigen, rechts und links 
vom Fusse dreieckigen Bügel. Als Sporn bedient sich der Beduine des 
eisernen Absatzes seines Stiefels^). Der gewöhnliche Mann aber reitet bar- 
fuss und schnallt sich höchstens zum Kampfe einen mit kleinen eisernen 
Zacken versehenen Riemen um die Hacken. Den grossen, bis zu 20 cm 
langen, aus einer runden oder viereckigen Eisenspitze bestehenden Sporn 




Kainelreiter. 

der Nordwestafrikaner, der durch die weitabstehenden Sättel bedingt ist, 
habe ich in Nordarabien nicht gesehen. 

Der Hufbeschlag weicht von dem linsrigen ab. Oft werden den 
Tieren überhaupt keine Eisen angelegt oder aber solche, die, abgesehen 
von kleinen Oeffnungen, den ganzen Huf bedecken oder sich nur auf 
irgend einen Teil desselben erstrecken^. Vielfach soll ein Hinterfuss 
ohne Eisen gelassen werden, um die Beweglichkeit des Pferdes im Kampfe 
zu erhöhen. Die Tierarzneikunde ist bei den Beduinen wenig entwickelt. 
Als hauptsächlichstes Heilmittel ist, wie auch bei den Menschen, das 
Brennen, wo immer es nötig erscheint, in Uebung. 



*■ Vei^l. die Abbildungen bei Twcedie a. a. O. S. 180, 202, 203. 
') Verf^l. die Abbildungen bei Tweedie a. a. O. ebenda. 

Prhr. T. Oppanheun, Vom Mittelmeer sum Persischen Golf. U. 



1 14 Kap. XIL PferddiandeL 

Im allgemeinen werden die Pferde sehr geschont Der Beduine 
reitet selten anders als Schritt Nur im Kampfe oder wenn er verfolgt 
wird, reitet er Galopp oder Karriere, fallt jedoch alsbald in den Schritt 
zurück, sobald die Gefahr vorüber ist Trab ist dem Beduinen wie dem 
Städter vollkommen unbekannt, und das Trabreiten der Europäer erregt 
bei ihnen stets die grösste Heiterkeit. Auch glaubt der Orientale, dass 
der Trab den guten Schritt des Tieres verdirbt, auf den er mit Recht 
soviel giebt Wenn der Schritt der arabischen Pferde nach europäischem 
Begriffe manchmal wenig sicher erscheint, stürzen die Tiere doch sehr 
selten, wenn man sie sich selbst überlässt. Zu dem beliebten Passgang 
(rabwän) werden nur Halbbluttiere abgerichtet, denen dadurch ein höherer 
Wert verliehen werden soll. 

Die Beduinen bringen ihre Hengste in die der Wüste benachbarten 
grossen Städte, insbesondere nach Damaskus, Aleppo, Mö$ul und Bardäd 
zum Verkauf. Neuerdings ziehen Händler in der Wüste herum, welche 
die Pferde an Ort und Stelle von den Beduinen aufkaufen und sie in 
den Städten weiter verkaufen oder auch in das Ausland, besonders nach 
nach Egypten und Indien, exportieren. Der Markt für Egypten ist Syrien. 
Zumal seit der englischen Okkupation begiebt sich alljährlich eine Kom- 
mission der egyptischen Regierung zum Pferdekauf nach Damaskus. 
Der von der Regierung bezahlte Durchschnittspreis variiert zwischen 
25 und 30 £. Die Pferde werden in Syrien ausgesucht und gezeichnet 
Der Verkaufer hat sie auf seine Kosten und Gefahr nach Egypten zu 
bringen. Regelmässig wird der Landweg hierzu gewählt und es ist Sache 
des Verkäufers, trotz des Ausfuhrverbotes die Pferde über die türkisch- 
egyptische Grenze zu bringen.^) Der Kaufpreis wird erst in Egypten aus. 
gezahlt. Die auf dem Transport erwachsenden Kosten einschliesslich 
der beim Ueberschreiten der Grenze entstehenden Aufwendungen, die 
im Verkaufspreis einbegriffen sind, berechnet man mit ungefähr 4 £. 
Die Dauer der Reise beträgt ca. drei Wochen. Weit bedeutender 
als die Pferdeausfuhr nach Eg\'pten ist der Export nach Indien, auf 
den bereits hingewiesen wurde. Schon seit dem vorigen Jahrhundert 
werden nach Indien, besonders nach Bombay Pferde ausgeführt. Das 
arabische Pferd macht hier den eingeborenen indischen und den von 
Australien eingeführten grösseren Pferden, den Whaler, starke Konkurrenz. 
Regierungsseitig ist in Indien jetzt für fast alle Kavallerieregimenter das 
arabische Pferd eingeführt und, abgesehen von den als Soldatenpferde 
verwandten geringeren Pferden und gewöhnlichen Kedisch*), wird von 

*) Seit Anfang: 1899 ist die Ausfuhr jrcßfen eine Gebühr von 5 ^ freig^e^ben. 

\. An der arabischen Küste des Persischen Golfs wird ebenso wie in Syrien ein 
gutes Halbblut gezogen. Diese Pferde werden in Indien Golf Anib genannt und g:nt besablt. 
Sie ähneln den persischen Pferden. 



Kap. XII. Preise der Pferde. 1 1 j 

den englischen Offizieren und vor allem von den reichen indischen 
Fürsten eine grosse Anzahl von teuren Rassepferden gehalten. Der 
Transport erfolgt von Basra aus nach Bombay zur See^). 

Der Preis der Pferde schwankt innerhalb weiter Grenzen, insbe- 
sondere bei den A§il, da, wie gesagt, bei dem grossen Aberglauben der 
Beduinen durch gering^gige Aeusserlichkeiten, z. B. in der Farbe, 
oder kleine Fehler, mögen sie der Brauchbarkeit noch so wenig Eintrag 
thun, der Preis des Tieres herabgesetzt werden kann, während anderer- 
seits Zufälligkeiten, wie helle Farbe der Oberlippe bei dunklerer des 
übrigen Kopfes, den Preis erheblich steigern. Einen bestimmten Wert- 
messer kann man bei den A§Il ebensowenig annehmen, wie bei den 
europäischen Vollblutrennpferden. Burckhardt berichtet von einer Stute, 
die 800 Pfund gekostet habe, eine für seine Zeit noch bedeutend höher 
anzuschlagende Summe. Auch heute noch wird davon gefabelt, dass 
gewisse Stuten nicht für tausend Pfund ihren Besitzern feil wären. Jeden- 
falls ist es nichts Aussergewöhnliches, wenn zwei-, drei- bis fünfhundert 
Pfund für eine der Chamse angehörige Stute gezahlt werden. Unter 
hundert Pfunjd dürfte eine solche selbst in dem billigen Bardäd schwerlich 
zu erstehen sein. Ein rassereiner Hengst ist dagegen wohl schon von 
50 Pfund an zu erhalten, und für 100 Pfund sind recht ansehnliche 
Tiere zu haben. Der Preis der Kedisch wird nach Brauchbarkeit, Alter 
und Aussehen bemessen. Ein mittelmässiges Lastpferd kostet auf dem 
Markte in Damaskus etwa 4 Pfund, und ein brauchbares Reitpferd 10 bis 
20 Pfund, ein gutes Halbblut ist ebenfalls bereits für 20 Pfund zu er- 
halten und wird selten mehr als 50 bis 60 Pfund bringen*). Auch von 
den Kedisch bevorzugt man zu Reitpferden die Stuten, schon darum, 
weil sie ruhiger gehen und weniger ungeberdig sich benehmen, Eigen- 
schaften, welche bei der Wertbemessung ebenfalls in Anschlag gebracht 
werden. 

Die Beduinen verkaufen unter sich die Tiere oft genug »zum halben 
Leibe«, derart, dass die Stute in den Besitz des Käufers übergeht, das 
erste Fohlen aber dem Verkäufer zufällt, oder aber unter den ver- 
schiedensten anderen Modalitäten; nie wird ein solcher Handel schriftlich 
abgemacht, sondern nur mündlich, aber stets unter Zuziehung von Zeugen 
zur Vermeidung von Streitigkeiten. Ein solcher geteilter Besitz erschwert 
natürlich den Verkauf, da es selten gelingt, die Zustimmung der ver- 
schiedenen Eigentümer zu erhalten. 

In der Wüste gilt es allgemein als ausgeschlossen, dass Fehler des 
Tieres verheimlicht werden oder dass ein falscher Stammbaum angegeben 



») VerjcL unten Kap. XVIII S. 306. 

^ VergL Bd. I dieses Werkes, Kap. II S. 65. 

8» 



Il6 Kap. XII. Stammbaum der Pferde. — Urspnuifr des enfj^ischen VoUblots. 

wird^). Mehr alsdas: wenn Beduinen in einer Schlacht einem anderenStamme 
Pferde abgenommen haben, so wird zu dem besiegten Stamme ein Bote 
geschickt, der sich nach der Abstammung der erbeuteten Pferde er- 
kundigt Nie würde in einem solchen Falle die Auskunft verweigert 
oder eine falsche Ang^abe gemacht werden; der Bote selbst gilt als un- 
verletzlich. Wenn ein Pferd von einem fremden Stamme erbeutet wird 
und dann dieses Pferd selbst, oder, falls es eine Stute war, ein Pferd 
aus der Nachkommenschaft derselben durch Gewalt Mneder in den Besitz 
des Stammes zurückgelangt, dem es genommen wurde, so hat der zuerst- 
beraubte Besitzer unentgeltliches Anrecht auf die Herausgabe seines 
Tieres bezw. auf die Nachkommenschaft seiner Stute. Jeder, welcher 
dem früheren Besitzer Mitteilung davon macht, dass sein Pferd wieder 
an seinen Stamm zurückgelangt ist, hat je nach der Stammessitte Anrecht 
auf ein Kamel oder mehrere Schafe, die der Besitzer ihm geben muss, 
selbst wenn der Angeber der eigentliche Räuber war. 

Die Beduinen verschneiden ihre Hengste nie, wohl aber finden sich 

Wallachen (Tawäschi ^<^^^^) in den syrischen Städten. Hier be- 

schliessen viele Pferde ihr Leben vor den besonders in Damaskus immer 
zahlreicher werdenden schlechten Fiakern*). 

Es ist bekannt, dass die Gesamtheit der englischen Vollblutpferde 
auf drei arabische Hengste zurückgeführt wird, welche im achtzehnten 
Jahrhundert nach England importiert wurden, den Byerly Turk, den 
Darley Arabian und den Godolphin Barb. Schon im Jahre i6i6 unirdc 
durch Jakob I. von einem Händler Namens Markham ein arabischer 
Hengst (für 154 £) gekauft, der allerdings nicht besonders wertvoll 
gewesen sein soll und dessen Echtheit als arabisches Pferd angezweifelt 
wird. Auch die Rassereinheit des Byerly Turk und des Godolphin Barb 
ist nicht unbestritten. Der Darley Arabian gehörte dagegen ohne Frage 
zu den Chamse. Es war ein Ma'neki-Hengst, welcher von Mr. Thomas 
Darley, einem Agenten der englischen Handelsgesellschaft in Aleppo, 
im Jahre 1705 seinem Bruder, Brewster Darley, Esquire of Aldby Park 
bei York, gesandt wurde ^). In diesem Jahrhundert sind in verschiedenen 

'" Wie bei den europäischen Pferden wird der Stammbaam auf Wunsch schriftlich 
ausgefertigt. In letzter Zeit ist allerdings der Beduine, insbesondere der arabische Zwischen- 
händler, infol^^e der zahlreichen Pferdeankäufe der Cnrupäer wenij^r gewissenhaft in dieser 
Beziehung geworden. 

'] Das Militär in Damaskus ist merkwürdiger Weise zum Teil mit Pferden beritten 
gemacht, welche aus Ungarn stammen. 

' Vergl. Tweedie a. a. O. S. 183 und 165; Abbildungen des Darley Arabian im 
Sporting Magazine, Dezember 18S2, und in Portraits of Celcbrated Race-Horses, by T. H. 
Tannton, M. A. 1887, vol. 1. S. 1. 



Kap. Xn. AU^i^eineine Charakteristik der Beduinen. 



117 



Ländern Europas staatliche und private arabische Gestüte entstanden, 
welche jedoch in erster Linie die Kreuzung mit arabischem Blute be- 
zwecken ^). 

Soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, erscheint es mir zweifellos, 
dass das europäische Pferd bei einer so geringen Pflege und schlechten 
Ernährung, wie sie bei den Beduinen üblich ist, nicht annähernd so aus- 
dauernd sein würde, wie das arabische Pferd'*), dass es dagegen sich für 
andere als Reitzwecke besser eignet als das arabische. 




'Aneze- Beduinen. 



Ebenso wie der Beduine stolz ist auf die Reinheit des Stamm- 
baums seines Pferdes, ebenso und mehr noch ist er es darauf, dass er 
selbst ein Vollblutaraber ist, ein A§ll, im Gegensatze zu dem Stadtaraber, 
dessen Blut mit dem anderer Nationalitäten sich vermischt hat. Er rühmt 
sich der Zugehörigkeit zu dem Stamme, in dem er geboren, und der 



*) Mr. Wilfrid Blunt und Lady Anne Blunt besitzen unweit London (in Crabbet 
Park, Three Bridf^es Station) ein Gestüt, das sich zur Aufgabe macht, nur arabische Rasse- 
pferde zu züchten. 

') Auf egyptischen Rennplätzen hat sich das zu Rennzwecken seit Generationen er- 
zoj^eoe englische Vollblutpferd seinem rein arabischen Stammvater überlegen gezeigt. 
Oeffentliche Pferderennen nach europäischer Art werden in Kairo, Alexandrien und in jüngster 
Zeit auch in Berut abgehalten. 



Ilg Kap. XU. Die ^leb. 

Thaten seiner Väter. Seinen Stammbaum wird jeder bis in unvordenk- 
liche Zeiten zurück verfolgen können^). Dass der echte Beduine mit so 
grosser Verachtung auf den Slebi*), den in Gazellenhaut gekleideten 
>Zigeuner der Wüste«, herabsieht, ist ein besonderes Argument für die 
Anschauung, dass dieser Stamm nicht beduinischen Ursprungs ist.') Von den 
Thaten und Eigenschaften der Vorväter, vor allem ihrer Tapferkeit, Freigebig- 
keit und Gastfreundschaft, singen auch die in der Wüste herumziehenden 
Barden und erhalten dafür ein Geldstück'oder ein Kleidungsstück oder gar 
ein Kamel von dem geschmeichelten Araberschech. In jedem grösseren 

'; Familieooamen, wie sie bei den Städtern vorkommen, fahren die Beduinen nicht, 
sie haben nar einen Vornamen, dem höchstens mit der Bezeichnung Iba ^Sohn) der 
Name des Vaters zar Unterscheidung hinzugefügt wird. In Schech-Familien wird allerdings 
bisweilen der Name eines berühmten Vorfahren zu einer Art von Familiennamen, so bei den 
Ibn Raschid und Ibn Sa^üd. Spitznamen sind ausserdem vielfach in Gebraoch. 

') VergL Bd. I dieses Werkes, Kap. VI S. 220, 221. 

') Die Ansicht, dass die $leb die Nachkommen südarabischer Beduinen sind (vergL 
Donghty a. a. O. Bd. I S. 283, — Burckhardt a. a. O. S. II nennt sie einen nordarmbischen 
Stamm), hört man nur ausnahmsweise. Sie erscheint nach dem, was wir bis jetxt von den 
Sieb wissen, unhaltbar. (Vergl. die weiteren Ausführungen bei Donghty a. a. O. Bd. L 
S. 280 ff. und passim; siehe ferner index and glossery a. v. Solnbba Bd. II S. 667; 
Pelly, in Journal of the Royal Geographical Society, London 1865, Bd. XXXV, S. 189 ff.; 
Iluber, Journal d'un voyage en Arabie S. 193 ff. u. S. 588; Jacob a. a. O. S. 114/115.) Nach 
Pelly wären die Sieb Nachkommen eines Stammes der ^äbier, die in Harrän eine besonders 
heilige Stadt sehen. Pelly giebt noch eine andere Version, nach welcher ihr Stammesvater 
ein Araber wäre, der mit seiner eigenen Mutter einen Sohn gezeugt. (Vergl. a. a. O. S. 190/191.) 
Das Zeichen des Kreuzes, welches im Leben der Sieb eine gewisse Rolle zu spielen scheint 
(vcrj^l. Pelly a. a. O. S. 189 und Zeitschr. f. Ethnologie Bd. IX S. 15), hat, abgesehen von der 
Aehnlichkcit des Namens (^alib bedeutet auf arabisch Kreuz) den Gedanken gezeitigt, dass 
die Sieb von irgend einer vormals christlichen Völkerschaft abstammen. Vom ethnologischen 
Stand])unkte aus ist ihre Beschäftigung von Wichtigkeit. Ausser der Jagd, der sie sich mit 
besonderer Vorliebe hingeben, suchen sie Nahrung durch ihre Kunst, Kessel zu flicken nnd 
andere Schmiedearbeiten auszuführen. (^Vergl. u. a. Doughty a. a. O. Bd. I S. 280/281). 
Uebrigens sind die Sieb nicht mit den Ilitem, wirklichen Zigeunern (?), zu verwechseln. 
Diese Hitem tindeu wir zerstreut in verschiedenen Stämmen, denen sie Schmiedearbeiten 
verrichten, Abgaben zahlen und gegebenen Falles auch Kriegsfolge leisten. An der Küste des 
Koten Meeres, im Hiy^äz, beschäftigen sie sich mit Fisch- und Perlmutterfang. Weiter im 
Innern Arabiens bilden sie zwei grosse Stämme, die Scherärät und die Ibn Simri. Die Scherärät 
hausen gegenwärtig vom Wädi Sirhän bis Karak und südlich. Sie sollen die besten und 
schnellsten Keitkamele in Arabien haben, aber im übrigen arm sein und keine Pferde besitzen. 
Die Scherärät sind wegen ihrer Kazu gefürchtet und berüchtigt wegen ihrer Treulosigkeit. 
Sie sind sehr zahlreich und leben daher im eigenen Stammesverbande. Ein Teil von ihnen 
ist gegenwärtig Ibn Raschid tributär, ein anderer Teil steht unter der Botmässigkeit der 
türkischen Regierung. Südlich von ihnen zwischen Tema und dem Darb el Hagg[ wohnen 
die Ibn Siinri, die gleichfalls zahlreich und Ibn Raschid tributär sind. Von den in £gypten 
lebenden Hitem zeichnet sich ein Zweig, die sogenannten *Arab el Hisär südlich von 
I.Ieluan, durch besonderen W^ohlstand aus, ferner sind Flitem in grösserer Anzahl, die Beni 
'Ata, im östlichen Delta bei Zagazig ansässig. 



Kap. XII. Das Aussehen der BedoineD. 



119 



Lager findet man auch Sänger, die bei besonderen Gelegenheiten ihre 
Kunst produzieren. Sie wissen allerlei Helden- und Liebeslieder; aber 
ihre oft genug improvisierten Gedichte betreffen meist Kampf- und 
Raubzüge, die Treffliphkeit der Pferde oder auch Kamele u. s. w. des 
eigenen Stammes. 

Die Haltung des Beduinen ist gut und gerade. Seine Bewegungen 
sind ruhig, würdevoll und gelassen, wenn er nicht in Aufregung geraten 
ist, was allerdings leicht vorkommt. Er ist selten über mittelgross, dabei 




Schech Ma^ammed ^Abdallah von Palmyra. 



schlank und zart in den Gliedmassen, die Muskulatur ist schwach 
entwickelt, zumal an Armen und Beinen. Das Gesicht ist meist hager 
und schmal, die Gesichtsfarbe braungelb, im Winter heller, im Sommer 
dunkler. Die dunkeln, mandelförmigen Augen liegen meistens schief, 
sind von dichten Brauen beschattet und infolge des grellen Sonnen- 
lichtes gewöhnlich zugekniffen. Der Blick ist stechend, die Sehschärfe ist 
geradezu wunderbar und setzt den Reisenden oft genug in Erstaunen, 
obwohl daneben auch Kurzsichtigkeit nichts seltenes ist. Ebenso aus- 
gebildet ist das Gehör, begreiflich genug, da die totenstille Wüste es 
nicht abstumpfen kann. Die Kopfform ist spitz, die Stirn hoch. Die 



I20 Kap. XII. Aussehen nnd Kleidung. 

Nase ist gebogen, adlerförmig und scharf geschnitten , wird aber im 
Alter durch die Einwirkung der Sonne und der Witterung manchmal 
derjenigen unserer Gewohnheitstrinker ähnlich. Die Lippen sind meist 
fein und schmal, die Ohren klein. Hände und Füsse zeichnen sich 
durch auffallende Zierlichkeit aus. Die Zähne sind fast immer glänzend 
weiss und gut erhalten. Der Bartwuchs ist meist ein spärlicher, be- 
sonders der Schnurrbart ist selten entwickelt. Im allgemeinen wird 
der Bart als Spitzvollbart nach altspanischer Art getragen. Der Haar- 
wuchs der Beduinen, besonders auf der Brust, ist oft ein überraschend 
starker. Es kommt vor, und dieser Sitte huldigen insbesondere Räuber- 
völker wie die Riät, dass das Kopfhaar ungepflegt in wilden Locken 
ohne Kefije getragen wird. Es gilt aber ab anständig, ein Kopftuch 
anzulegen. Häufig wird das Haar oben abrasiert, dagegen an den Seiten 
des Kopfes stehen gelassen und hängt dann in Locken oder Zöpfen her- 
unter, eine uralte orientalische Haartracht, die bereits auf den hetitischen 
Reliefs dargestellt ist. Die Schechs und die auf äusseres Aussehen etwas 
gebenden Beduinen entfernen auch diese Locken und rasieren den Kopf 
nach Sitte der ansässigen Muhammedaner *). 

Allgemein kann man sagen, dass das Aeussere der Beduinen einer 
gewissen Vornehmheit nicht entbehrt, während die Mitglieder der Räuber- 
stämme, deren Leben in einem steten Kampfe um das Dasein besteht, in 
ihrem Aussehen geradezu Wilden gleichen. 

Die Kleidung der Beduinen ist in der Regel sehr einfach. Der 

Mann trägt ein Hemd (tobe Aty) aus schlechtem BaumwollenstofT mit 

weiten Aermeln, das seine ursprünglich weisse Farbe bald gegen ein 
undefinierbares Graubraun vertauscht. Dies Hemd wird niemals ge- 
waschen oder gewechselt und nur dann ausgezogen, wenn der Beduine 
sich badet, was er bei jeder Gelegenheit thut, wo immer er einen Bach, 
einen Brunnen oder auch nur einen etwas tieferen Tümpel vorfindet. 
Zum Zusammenhalten dieses Hemdes dient ihm ein Gürtel, welcher aus 
buntem baumwollenen Stoff besteht und dessen Stelle bei den Aermeren 
ein einfacher Strick vertritt. Ueber dem Hemd wird von Vermögenden 

das Zebün jy J getragen: ein dünnes, langes, bis an die Knöchel 



\: In Marokko pflegen die nomadisierenden Araber den Kopf bis auf einen starken 
Haarbüschel ^latt zu rasieren, an welchem sie hoffen, nach ihrem Tode in den Himmel 
gezogen zu werden. In der Asiatischen Türkei sollen die in den Krieg Ausziehenden 
gleichfalls nur einen Haarbüschel des im übrigen glatt rasierten Kopfes stehen lassen, um 
dadurch anzudeuten, dass sie den Tod suchen und im Falle des Unterliegens dem Gegner 
in diesem Falle es erleichtern wollen, ihn bei den Haaren zu erfassen und den Kopf abzu- 
schlagen. 



Kap. XII. Kleidno^r. 



121 



reichendes kaftanartiges Gewand aus bunter Baumwolle oder Seide ^). 
Besonders beliebt ist eine rote gemusterte Farbe. Die Aermel dieses 
Kleidungsstückes sind gewöhnlich sehr lang und werden dann zurück- 
geschlagen. Wer das Zebün trägt, befestigt den Gürtel über diesem — 
nicht über dem Hemd — , um es zusammenzuhalten, da Knöpfe sich 
nur am Halse vorfinden, lieber dem Zebün wird im Winter ein kurzes 

rockartiges Gewand aus Tuch (Lebbäde ä^U) oder aus wattiertem 

Kattun (chirka <3^) getragen, und zwar wird bei letzterem möglichst 

buntfarbiger Stoff gewählt, von den 
Vornehmen roter Flanell (hüränije 

Aw \jj>). Darüber kommt das Ober- 
kleid, das bei allen Beduinen der 
Wüste das gleiche ist: die *Abäje 

Lp oder <> Lp, der weite, vorn offene, 

viereckig zugeschnittene und mit 
Armlöchern versehene Mantel. Die 
'Abäje ist meist aus Kamel- oder 
Schafwolle gewebt, seltener aus 
Ziegenhaaren oder gar aus Seide. 
Die Farbe ist gelbbraun, braun bis 
schwarz, in Nordarabien gewöhnlich 
gestreift, und zwar derart, dass mehr 
oder weniger breite, weisse und 
braune Streifen senkrecht herunter- 
laufen, selten laufen die Streifen 
horizontal. Im Neg^d sollen einfarbige 
dunkle *Abäjes vorherrschen, ebenso 
bei den Muntefik am unteren Euphrat; in der Nähe von Bardäd sind 
besonders die einfarbigen hellbraunen beliebt. Bei festlicher Geley^cnheit 
tragen die vornehmen Schechs mit Vorliebe *Abäjes mit eingewebten 
silbernen oder goldenen geometrischen Figuren, meist Streifen, die ins- 
gesamt ein mit der Spitze nach unten gekehrtes Dreieck bilden und vom 
Nacken bis zur Mitte des Rückens hinabgehen. Manche Beduinen tragen 

im Winter über der 'Abäje einen primitiven Pelz (ferwe Sj^), der 

aus zusammengenähten Schaffellen verfertigt ist. 




'Abaje, Heduincninantel. 



') Es entspricht dem in Damaskus V;ambäz Jul5 gemumtcn Kleidun^rsstUck. 



122 ^P* ^U* Kleidung. 

Die Nationalkopfbedeckung der arabischen Beduinen ist die Kefije 
oder 6ezije, ein baumwollenes, nur bei vornehmen Leuten seidenes, 
Tuch von etwa einem Quadratmeter Grundfläche, welches diagonal 
zusammengefaltet und derart über den Kopf gelegt wird, dass zwei 
Ecken auf den beiden Seiten und der Zipfel mitten auf dem Rücken 
herunterfällt. Festgehalten wird dieses Tuch auf dem Kopfe durch einen 

Strick aus Ziegenhaaren (*Agäl JUp) von meist schwarzer Farbe und 

gewöhnlich von auffallender Stärke,^) welcher, zweimal um den Kopf 
herumgehend, auf das Tuch festgedrückt wird. Unter der Kefije tragen 
die Beduinen häufig noch eine Kappe aus Filz oder Baumwolle. Die 




BedaincDstiefel. 

Kefije hat die verschiedenartigsten Farben, blau, rot und schwarz, ein- 
farbig oder namentlich mit weiss gemustert. Ist sie von Seide, so ist die 
vorherrschende Farbe gelb. Als vornehm gelten auch sehr dunkle 
Kefije mit Gold oder Silber gewebt. In Südmesopotamien ist die 
Kefije meist rot oder blau, der *Agäl weiss. 

Beinkleider tragen die Beduinen nicht, im Gegensatz zu der an- 
gesessenen Bevölkerung sämtlicher Nationalitäten des Orients. Als Fuss- 
bekleidung, wenn überhaupt eine solche zur Ver^vendung kommt,*) tragen 
die Beduinen, aber nur die vornehmsten unter ihnen, rote Pantoffel oder 
Reiterstiefel, letztere bis zur halben Wade hinaufreichend und mit einer 

*) Die Leute Ibn Raschids tragen grosse 'Agäls mit einer rot und weiss gewürfelten 
Kefije ebenso wie die MuntefiV- 

') Im Negd, I.ligäz und Südarabien werden vielfach kunstreiche Sandalen (Na*l) 
verschiedener Form getragen. Bei den egyptischen Beduinen kommen kunstlose Sandalen Tor. 



Kap. XIL Klcidang und Schmuck der Frauen. 



123 



blauseidenen Schnur oben eingesäumt, welche vorn in eine Troddel aus- 
läuft Stiefel wie Pantoffel haben einen nach vorn leicht in die Höhe 
gebogenen Schnabel ganz in der Art, wie dieses bereits auf den ältesten 
Denkmälern von Nordsyrien und Kleinasien, z. B. auf den Monumenten 
von Zeng^irli, dargestellt ist. Absätze werden nicht getragen, statt der- 
selben sind, wie erwähnt, bei den 
Reiterstiefeln Zacken an einem 
rundlichen Eisen angebracht, 
die zugleich als Sporen dienen 
können. 

Die Kleidung der Frauen 
besteht in der Hauptsache aus 
einem weiten, hemdartigen Ge- 
wand von meist blauer Farbe 

(tob g^ezz J>- k^y)y das durch 

einen mehrfach um den Leib ge- 
schlungenen Gürtel festgehalten 
wird. Darüber ziehen sie oft alle 
möglichen auch von Männern 
getragenen Kleidungsstücke an. 
Den Kopf umwinden sie mit 

einem Tuch (*e§äbe ilwaP), das 

stets schwarz ist und häufig 
genug von Schmutz oder Fett 
glänzt. Die Beduinenfrauen sind 
immer unverschleiert, im Gegen- 
satz zu den Frauen der Städte; 
auch gehen sie meist barfuss, 
nur selten findet man bei ihnen 
grobe rote oder gelbe Stiefel. 
Als Schmuck tragen sie Arm- und 
Beinringe, die bei den gewöhn- 
lichen Frauen von blauem oder 




Halsschmuck einer Beduinen frau. 



grünem Glase (ma*dad ^Jua), bei den vornehmen von Silber (swar j^j^ 

pl. öjj^\) oder gar von Gold sind; die Beinspangen heissen bi^äl JW>- 
(kleinere) oder chalchäl JUtU- (grössere). Auch Ohren- und Nasenringe 
(tratschl f^\j bezw. chezäm f^J>-) werden getragen. Bei den Frauen 



124 Kap. XII. TätowieruD};. — Das Familienleben. 

sehr reicher Schechs finden sich auch Nasenbroschen (*erän), die an dem 
rechten oder linken Nasenflügel festgesteckt werden. 

Auffallend ist die Tätowierung der Frauen, die hauptsächlich auf 
den Wangen, der Stirn, dem Kinn, den Lippen, aber auch an den 
Händen, Armen und Füssen in blauer oder grünlicher Farbe ausgeführt 
ist. Ueberhaupt ist die Gewohnheit des Tätowierens im Orient, sowohl 
bei den Muhammedanern wie bei den Christen, weit verbreitet, obwohl 
die moderne Generation sich dieser Entstellung bereits zu schämen be- 
ginnt. Besonders stark ist bei den Beduinenfrauen die Tätowierung 

(dalyl^ ^^) am Kinn und auf der Stirn, manchmal gleicht die 2^ichnung 

einem das ganze Gesicht verhüllenden Schleier, der nur Augen und Nase 
freilässt. 

Die Kinder kleiden sich überaus einfach. Die Knaben gehen 
bis zum fünften oder sechsten Jahre ganz nackt, während die kleinen 
Mädchen gewöhnlich ein kurzes Hemd tragen und nur selten gänzlich 
unbekleidet anzutretTen sind. Bei Erwachsenen ist die Scheu, die Frauen 
unverhüllt zu sehen, eine ähnliche. Während die Männer zum Beispiel 
beim Uebcrschreitcn von Flüssen sich vollständig entkleiden, behalten 
die FVauen stets ihr blaues Hemd an. 

Wie schon bemerkt worden, ist das Familienleben sehr ausgeprägt, 
beruht doch auf ihm die ganze Stammesverfassung. Wie* im ganzen 
Orient, so ist auch bei den Beduinen der Mann der unumschränkte Herr 
des Hauses und der Familie. Die Ausübung dieser Herrschaft ist jedoch 
bedeutend milder als in den Städten. Die Söhne sind hier weniger die 
Diener ihres Vaters als seine Freunde, die mit ihm aus derselben 
Schüssel essen und in seiner Gegenwart geehrt werden. Anders in den 
Städten ; die Söhne dürfen sich, selbst wenn sie vollständig erwachsen 
sind, nicht erlauben, in Gegenwart des Vaters ohne besondere Auf- 
forderung sich zu setzen oder an seinem Mahle teilzunehmen. Während 
in den Städten selbst verheiratete Söhne als noch zum Hausstand des 
Vaters gehörig betrachtet werden und oft genug im väterlichen Hause 
wohnen bleiben, .sucht der junge Beduine möglichst bald ein eigenes 
Haus zu gründen und sich selbständig zu machen*), was ihm durch 
die einfache Lebenshaltung naturgemäss erleichtert wird. Ein Zelt ist 
leichter zu erwerben als ein Haus, und durch Raub, den er von Kindes- 
beinen auf geübt hat, verschafft er sich unschwer die notwendigen Mittel 
zum Lebensunterhalt, besonders das Vieh, das die Stelle des baren 
Geldes vertritt. Mit dem Verlassen der elterlichen Wohnung werden 
aber die Söhne dem Vater nicht entfremdet. Sie leben nach wie vor 

' Vcr^jl. Wcllsted, Travels in Arabia, Bd. I. S. i lo ff. 



l 



Kap. XII. Die Stellung der Frau. — FraueDarbeit. 125 

in seiner Nähe, schlagen ihr Zelt neben dem seinen auf und folgen ihm 
in allen wichtigen Angelegenheiten. 

Auch die Stellung der Beduinenfrau ist eine ganz andere als die 
der Städterin. Wenn sie auch nach alt -orientalischer Sitte die Männer- 
abteilung des Zeltes nicht betreten darf, so wird ihre Stimme oft genug 
selbst vor den wichtigsten Entscheidungen gehört. Bekannt genug ist 
heute noch in der Wüste Mesopotamiens die Rolle, welche eine der 
Frauen Sufügs, die Mutter von *Abd el Kerim, *Abd er Razzäl^ und Färis 
in der Geschichte der Schammar gespielt hat^). Ich erinnere ferner an 
die Mutter des Dablän, die ihren Sohn in entscheidender Weise zu be- 
stimmen wusste und mir damit einen grossen Dienst erwies*). 

Vor allem aber wächst die Frau in der Achtung des Beduinen, 
wenn sie einem Sohn das Leben gegeben hat. Die Bedeutung der 
Mutterschaft geht am besten daraus hervor, dass die Frau in diesem 
Falle von ihrem Gatten wie von den übrigen Leuten des Stammes nicht 
mehr mit ihrem eigenen Namen, sondern als Mutter des Knaben be- 
zeichnet wird, insbesondere wenn es sich um die Frau eines Schechs 
handelt'). Selbst von dem Feinde wird die Frau respektiert, und es gilt 
als Ehrenpflicht, nach einem siegreichen Razu der Frau des ausge- 
plünderten Beduinen, welche den Räubern nachzueilen vermag, wenigstens 
das eine oder das andere Beutetier zurückzuerstatten. Die Rolle, welche 
die Frau bei der Anrufung des Asylrechtes spielt, wurde bereits er- 
wähnt. 

Es steht nicht im Widerspruch mit dieser Hochschätzung, dass der 

Frau des Beduinen auch die ganze Sorge des Haushaltes und die daraus 

entspringenden Arbeiten obliegen. Zu ihren schwersten Pflichten gehört 

das Wassertragen und die Beschaffung des Brennmaterials, das oft 

stundenweit herbeigeholt werden muss. Ferner hat sie die Kamele und 

2'egen zu melken*) und die Milch zu Butter zu verarbeiten. Letzteres 

geschieht gewöhnlich am Morgen. Die Milch wird in einer Kirbe an 

^^ern dreibeinigen Gestell aufgehängt und so lange taktmässig hin- und 

^^'■g'estossen, bis die Butter fertig ist, was etwa zwei Stunden dauert. 

-^^crli die Zubereitung der Speisen ist Sache der Frau, obwohl ihr diese 

^^t>eit bisweilen von den Männern abgenommen wird. Noch vor Tages- 

anl>rTich beginnt die Frau damit, das für den Tag notwendige Mehl zu 

^^lilen, eine Thätigkeit, die bei der unzulänglichen Beschaffenheit der 

») Vcrgl. oben Kap. XI S. 62. 

*) Vergl. Bd. I dieses Werkes, Kap. VI S. 240. 

*) Dieses findet aach vielfach in Städten statt, hier jedoch meist bei Leuten ge- 
TtiMrereii Standes. 

*) Des Abends nach der Heimkehr im Lager melkt gewöhnlich der Hirt (Rä4) oder 
Mtier selbst seine Kamele. 



126 



Kap. XIL Fraaenarbeit. 



Handmühlen (Räba ^^j) mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Diese 

Räba haben noch heutzutage dieselbe Form, in der sie auf den ältesten 
Darstellungen bei den Assyriern und Egyptem erscheinen, und bestehen, 
wie überhaupt fast in der ganzen muhammedanischen Welt, aus zwei 
starken Steinen von runder Form. Der obere ist etwas gewölbt und 
hat in der Mitte einen Zapfen, an welchem er gedreht wird. Durch 
dieses Zapfenloch wird zugleich das Getreide hindurchgeschüttet und 
dann zwischen den beiden Steinen zerrieben. Selbstverständlich ist das 




TurkmaDenfraaco Buirul bereitend. 



auf diese Weise gewonnene Mehl sehr grob. Das zur Herstellung des 
Nationalgerichts der Beduinen, des Burruls, nötige Getreide wird in einem 
Stein- oder Metallmörser gestampft*). 

Frauenarbeit ist auch das Weben der Zelttücher und groben Stoffe, 
die zu Säcken und Decken, seltener zu Hemden verarbeitet werden. 
Der recht primitive Webstuhl steht in der Mitte des Frauengemachs. 
Merkwürdigerweise besorgen vielfach die Männer das Spinnen der Wolle, 
wahrscheinlich, um die Langeweile zu vertreiben*). Auf dem Marsche 
tritt der Egoismus des Herrn der Schöpfung seiner schwächeren Hälfte 

*; Verjrl. oben Kap. XI S. 45. 

''■ Auch in den Dörfern Syriens und Egyptens sieht man häufig Männer ihre Hand- 
spindel drehen. 



Kap. XIL VielweibereL — Liebewerben. 



127 



gegenüber oft recht krass zu Tage: besitzt der Beduine nur ein Kamel, 
so reitet er das Tier, während die Frau, womöglich noch mit allerlei 
Hausrat oder mit einem kleinen Kinde bepackt, hinterher gehen muss. 
Die Vielweiberei ist bei den Beduinen durchaus nichts Ungewöhnliches, 
wenn sie auch hauptsächlich nur bei den Schechs vorkommt. Die Heirat 
ist vom rechtlichen Gesichtspunkte aus ein Kaufakt: Für die Erwerbung 
der Braut wird ein nach dem Vermögen des Vaters und des Bräutigams 
bemessener Preis vereinbart, der demnach zwischen sehr weiten Grenzen 
schwankt. Mächtige Schechs zahlen ganze Kamelherden und zahlreiche 




Bediiinensänger. 



Sklaven, während im allgemeinen der Preis einige Kamele betragen 
dürfte. Doch wird dieser ganze Heiratsakt nicht so rücksichtslos voll- 
zogen wie in den Städten, wo die Braut ihren zukünftigen Mann gewöhnlich 
erst bei der Hochzeit zu sehen bekommt. Die Neigung des Mädchens, 
dem der Verkehr mit dem Bewerber gestattet ist, wird vielmehr thunlichst 
berücksichtigt. Die Beduinenlieder wissen viel von der unglückHchen 
Liebe solcher Bewerber zu berichten, die durch Akte besonderer Tapferkeit 
sich das Herz der spröden Schönen zu erwerben suchten. Ueberhaupt 
spielt gerade das Liebeslied in der Poesie des Arabers eine ganz besondere 
Rolle, und zwar das Lied von der Liebe des freien Beduinen zur freien 
Beduinin. -Selbst in den Städten, wo das Verhältnis der Geschlechter 



128 ^<^P< ^11* £^c ^u>d Ehescheidnog. 

durch die Abschliessung der Frau ein ganz anderes geworden ist, werden 
mit Vorliebe die Lieder gesungen, welche Liebesglück und Liebesweh 
der Beduinen zum Gegenstande haben. Der ritterliche Beduine, der sein 
Schwert immer zur Seite hat, ist stark genug, jede Unbill, die der Ehre 
seines Hauses droht, auf der Stelle zu rächen. Aber bei allen Freiheiten, 
welche er der Frau im Gegensatze zu den Stadtarabern einräumt, neigt 
er entschieden bei dem geringsten Verdacht zur Eifersucht, was in Ver- 
bindung mit seinem jähzornigen Charakter oft zu tragischen Folgen führt 
Im Lager des Färis musste ich einem Manne die Wunden verbinden, 
dem sein ganz ohne Grund eifersüchtig gewordener Vetter, nur weil er 
mit dessen Frau gesprochen hatte, mit dem Säbel den Arm zerhauen 
hatte; er hätte ihn getödtet, wenn nicht andere Verwandte hinzu- 
gesprungen wären. 

Die Mädchen werden bereits im zarten Alter, oft schon mit dem 
zwölften Jahre, verheiratet. Das junge Weib ist dann völlig entwickelt, 
wenn es auch noch wächst. Das Leben der Beduinenfrau gleicht dem 
der Treibhauspflanze: mit dreizehn Jahren Mutter, mit achtzehn Jahren 
schon Matrone. Dieses ausserordentlich rasche Altem erklärt sich durch 
die frühzeitige Eheschliessung, die häufigen Geburten und das harte 
Leben bei schlechter unzureichender Ernährung, nicht zum geringsten 
Teile aber dadurch, dass die Frauen ihre Kinder wenigstens zwei bis drei 
Jahre lang säugen. Allerdings bestimmt das moslimische Gesetz, dass die 
Entwöhnung des Kindes nicht vor Ablauf des zweiten Jahres stattfinden 
darf; da jedoch die Beduinen nichts weniger als fanatische Anhänger des 
Islam sind, so kann hierin nur eine uralte Sitte erblickt werden, die dann 
nachträglich durch den Koran sanktioniert wurde^). Fast regelmässig 
schrumpfen die Beduinenweiber im Alter stark zusammen, während bei 
den Städterinnen — wahrscheinlich infolge des Mangels an Bewegung — 
oft genug gerade das Gegenteil der Fall ist 

Wenn eine Frau nicht mit Nachkommenschaft gesegnet ist, so 
wird sie in den meisten Fällen von ihrem Gatten Verstössen. Ueber- 
haupt ist die Scheidung bei den Beduinen sehr häufig. Es genügt bei 
ihnen wie bei allen Muhammedanern zur wirksamen Vollziehung das 
dreimalige Aussprechen der Scheidungsformel. Doch hat die Ehe- 
scheidung für die Frau durchaus nichts Unehrenhaftes an sich, sie kann 
sich nach den Bestimmungen des Koran nach Ablauf von vierzig Tagen 
(»'edde«) wieder verheiraten. 

Misshandlungen der Frauen durch ihre Gatten sollen häufig vor- 
kommen. Doch ist der rohen Behandlung durch die eigentümliche Insti- 



^) Ich habe selbst in Marokko gesehen, wie ein Junge, der so gross wmr wie seine 
Mutter, sich von dieser die Brust reichen liess. 



Kap. XII. Kinderreichtum. — Bescbneidung. I2q 

tution des Wa§i ^^3 eine Schranke gesetzt. Jede Frau nämlich hat das 

Kecht, sich im Stamme einen Mann auszuwählen, der verpflichtet ist, sie 

g^egen etwaige Unbilden seitens ihres Gatten zu beschützen. Will die 

I**rau die Ehe getrennt sehen, so flüchtet sie in das Zelt ihres Vaters 

oder ihrer Verwandten^). Ihr Mann kann sie dann nur durch Güte, nicht 

3.ber mit Gewalt zurückbekommen^). Allerdings kann er sich in solchem 

l^alle weigern, die Scheidungsformel auszusprechen, so dass sie sich dann 

nicht weiter verheiraten kann. Ist der Ehemann selbst durch ein Geschenk, 

cias gewöhnlich in mehreren Kamelen besteht, nicht dazu zu bewegen, die 

^cheidungsformel auszusprechen und ihr die volle Freiheit wieder zu 

^eben, so bleibt die Frau zu einem ledigen Dasein verurteilt. Dergleichen 

IFälle sollen sehr häufig vorkommen^). 

Eine Folge der Vielweiberei und der Möglichkeit, im Falle der 
Unfruchtbarkeit ohne weiteres eine andere Frau zu nehmen, ist der 
Kinderreichtum des Beduinen. Zu meiner Zeit waren noch 17 Söhne 
des verstorbenen Schammarschcchs Ferliän am Leben. Diese ausser- 
ordentliche Vermehrungsfähigkeit der Beduinen zeigt sich insbesondere 
in den grösseren Friedensperioden, und sie ist wahrscheinlich die vor- 
nehmste Ursache der vielen Auswanderungen, die im Laufe der Geschichte 
auf der arabischen Halbinsel stattgefunden, sie aber nichts weniger als 
entvölkert haben. Allerdings wirken die schlechte Lebenshaltung und 
die endlosen Kämpfe als retardierende Momente. Dieselben Ursachen 
mögen auch der Kurzlebigkeit der meisten Beduinen zu Grunde liegen. 
Jedenfalls macht sich ein auffallender Mangel an alten Männern in ihren 
Lagern bemerkbar.*) 

Von der Geburt wird nicht viel Aufhebens gemacht, sie vollzieht 
sich angeblich .sehr leicht, und die Beduinenfrauen lassen sich dadurch 
in ihren gewöhnlichen Beschäftigungen kaum stören. Die Beschneidung 
der Knaben ist mit besonderen Feierlichkeiten verbunden, die ich Ge- 
legenheit hatte, in den Zeltlagern der Schammar mit anzusehen. Einige 
nicht unschöne Beduinenmädchen führten hierbei einen ganz eigenartigen 
Tanz auf. Zu dreien bewegten sie sich in rythmischen Schritten unter 
lautem Gesänge vorwärts, unaufhörlich den Oberkörper verneigend, 
während sie gleichzeitig wellenförmige und schlangenartige Bewegungen 
vollführten und eine vierte Tänzerin ihnen, ebenfalls in lebhaften Körper- 



^) In der vorislamischen Zeit konnte die Frau sich auch durch Umdrehen des Zeltes 
scheiden. Verg^l. Jacob a. a. O. S..212, 

*) Vcr^l. Doufrhty a. a. O. S. 232. 

') Vergl. Borckhardt a. a. O. S. 90. 

*) Vergl. Röscher, Grundlagen der Nationalökonomik, 20. Auflage, S. 692 und die 
daselbst Anm. 3 citierten Stellen. 

Frhr. t. Opfieaheim, Vom Mittelmeer lum Persischen Goli. IL 9 



i^o 



Kap. Xll. Die Erziehung der Kinder. 



Schwingungen, entgegenkam. 
Die allerseits herrschende 
fröhliche Stimmung blieb stets 
eine massvolle und artete in 
keiner Weise aus. Ich verteilte 
unter die Festgenossen kleine 
Rasseln, Blechspiegel und 
Flöten, die vielen Beifall fan- 
den. Leider erlitt die allge- 
meine Festesfreude eine jähe 
Unterbrechung durch einen 
Zusammenlauf vor dem Kur- 
dendorf, das sich unweit 
des Lagers befand. Einige 
Schammar waren bei einem 
Diebstahl am hellen Tage 
ertappt worden, und zahl- 
reiche Stammesgenossen 
stürzten zu ihrer Hilfe herbei. 
Da das Dorf vollständig in 
der Gewalt der Beduinen war» 
so mussten die Kurden froh 
sein, das Gestohlene wieder 
zunick zu erhalten. 

Die erste Erziehung der 
Kinder verursacht dem Be- 
duinen nur wenig Sorgen, da 
sie sich selbst überlassen blei- 
ben und wie die Wilden auf- 
wachsen. Die geringe Sorgfalt, welche die Eltern ihren Kindern an- 
gedeihen lassen, muss zur Folge haben, dass schwächliche Geschöpfe 
bald zu Grunde gehen. Den heranwachsenden Sprösslingen werden 
Freiheiten gegönnt, die mit unseren Begriffen von Erziehung nicht in 
Einklang stehen. Der Beduine sieht es als ein willkommenes Zeichen 
dereinstiger Männlichkeit und Selbständigkeit an, wenn sein Sohn sich 
möglichst frech benimmt. Im übrigen läuft die Unterweisung des 
Knaben darauf hinaus, ihn auf Raub und Kampf vorzubereiten. Im 
Schammariager überliess man zum Schlüsse der Mahlzeit die halbgeleerten 
Schüsseln den Kindern, wobei dns Recht des Stärkeren und Gewandteren 
dem Schwächeren gegenüber zur Geltung kam. Ist der Knabe stark 
genug, um ein Pferd selbständig zu führen, so muss er sich in den 
Reiterspielen üben, und mit elf oder zwölf Jahren trägt er schon seine 




Jung-er '.\neze - Bedaine. 



Kap. XII. Die Lebenshaltung^ der Beduinen. 



131 



I^nze. Der älteste Sohn des Färis, ein Bursche von etwa vierzehn 
Jahren, machte bereits Raubzüge mit. 

Raub- und Kriegszüge bilden die Höhepunkte im Leben des 
Beduinen, das sich im übrigen in recht eintöniger Weise abspielt. Der 
A§il, der freie Beduine, der mit tiefer Verachtung auf den Fellachen 
herabsieht, verbringt fast den ganzen Tag mit Nichtsthun, kaum dass er 
seine Stute füttert oder ihr durch einen kleinen Ritt Bewegung verschafft 
In grösseren Lagern lungern die Männer gewöhnlich den ganzen Tag 
im Zelte des Schechs herum, wobei sich dann die Unterhaltung meistens 
um Pferde und Razu dreht. Die Einkehr eines Gastes bildet eine 
willkommene Unterbrechung; es kommen dann alsbald zahlreiche Neu- 
gierige in das Zelt des Wirtes, um etwaige Neuigkeiten zu erfahren 
oder um an dem Kaffee und dem Tabak teilzunehmen. 

Die Lebenshaltung 
des Beduinen ist durch- 
schnittlich einfach. Die 
Hauptnahrung besteht 

aus dem Burrul Apj" , 

gestampftem Weizen 
oder Mais, der meist 
über Wasser gedämpft 
angerichtet und bei be- 
sonderen Gelegenheiten 
mit »Semenc, geschmol- 
zenem Hammelfett oder 
saurer Milch übergössen 
wird^), worauf der Haus- 
herr oder ein besonders 
hierzu Beauftragter zu 
Ehren der Gäste das 
Ganze mit der rechten 
Hand durchknetet. Wie 
bei den Drusen und den 
Fellachen wird auf den 
pyramidenartig aufge- 
tragenen Burrul das be- 
reits in kleinere Teile 
zerschnittene oder zer- 

') Vcrgl. Porter a. a. O. 
S. 185, 190. Beduinen. 




9» 



132 



Kap. XII. Mahlzeiten. 



rissene Fleisch und Fett gelegt. Das Fleisch vom Hammel und Kamel, 
besonders von jungen Tieren, wird gern gegessen, ist aber durchaus 
nicht täglicher Leckerbissen. Bei besonderen Gelegenheiten werden die 
ganzen Tiere unzerkleinert aufgetragen; ihr Fleisch wird dann von den 
Gästen, selbstredend mit der Hand, abgerissen. Löffel sind äusserst selten 
im Gebrauch. Das Essen ist überhaupt nach unseren Begriffen wenig an- 
ständig. Die Aermel des rechten Armes werden weit zurückgestreift und 
besondere Freude bereitet es, wenn aus der Hand, die den zum Munde zu 




licduinenmahlzcit. 



führenden Knäuel bearbeitet, das Fett heruntertrieft. Gegessen wird auf- 
fallend rasch und mit vielem Geräusch. Was von der Mahlzeit übrig bleiben 
sollte, wird für die Folge aufbewahrt und aufgewärmt den Gästen wieder 
vorgesetzt. Als feineres Gericht zum Ersatz des Burrul *) gilt der Reis*). 
Ausserdem isst der Beduine wohl alles, was in der Wüste vorkommt und 
von seinem Magen — und der ist sehr leistungsfähig — verdaut werden 

kann, Ratten, Springratten (Jerbii* f-^ j)y vor allem Eidechsen, und zwar 

^ Im Marrib winl statt des Buijuls Kuskussu jjeß-eben, eine Speise aas Hirsekorn 
oder mässip[ feinem Weizenmehl, welches über heissem Wasser, in dem auch mitunter Hammel- 
Heisch aufgekocht wird, gedünstet wird. Selbst in den türkischen und egyptischen Städten, 
wo doch «lie weit vorgeschrittene Kochkunst grosse Abwechselung in den Gerichten xu Stande 



Kap. XII. Speisen und Getränke. i^^ 

den grossen Dabb ^), Heuschrecken und eine grosse Anzahl von Wurzeln 
und Pflanzen. Besondere Vorliebe haben die Beduinen für die Wasser- 
melonen (Battich ä-Lj ), welche in unglaublichen Mengen vertilgt werden. 

Datteln bilden in Palmengegenden (zu denen das obere Mesopotamien 
und Syrien nicht gehören) ein hauptsächliches Nahrungsmittel, aber Brot 
ist durchaus nicht immer zur Stelle. Die Beduinen bereiten es in grossen, 

fast papierdünnen Fladen auf dem Säg r^^^)» einer flachen metallenen 

Platte. Auf dem Marsche, wenn Gefahr im Verzug ist, erfolgt das Brot- 
backen auch während des Reitens auf dem Kamele selbst, indem man 
ghmmenden Kamelmist auf den Säg schüttet und darüber den dünnen 
Brotteig legt, ihn auch wohl noch mit einer weiteren Schicht glimmenden 
Kamelmistes bedeckt*). 

Eine Hauptrolle in der P2rnährung spielt die Milch der Kamele und 
Ziegen**). Rindvieh und Büff*el werden nur von den halb sesshaft ge- 
wordenen Stämmen am Euphrat und dessen Zuflüssen gehalten. Die 
Milch der Tiere ist sehr geschätzt, aber nur im Frühjahr in gröss^crca 
Mengen zu bekommen. Sie wird im frischen, wie im gesäuerten Zustande 
genossen. Ein ganz besonders beliebtes Getränk in der heissen Zeit ist 

die Schenine AJUli^), d. i. saure, sehr stark mit Wasser versetzte 



brini;!, bildet den Schluss je<ler noch so vornehmen Mahlzeit das althergebrachte Rcisgericht. 
Bei den Kurden werden die verschiedenen (Jerichte, abwechselnd Fleisch, Reis oder Burpil, 
saure Milch und Obst, besonders Wassermelonen, in kleineren Schüsseln in langen Reihen, 
manchmal zwei bis drei nebeneinander, auf den Boden gestellt. Auf zwei schmalen Teppichen 
nehmen dann die Gäste niederhockend einander jjegenüber Platz. V^ergl. unten Kap. XIII S. 157. 

*) Im Negd und weiter südlich ist der hauptsächlich aus Mesopotamien stammende 
Reis (Timn) das gewöhnliche. Der Reis hat wie die Datteln verschiedene Namen für die 
einzelnen Sorten. 

■) Es giebt zwei Arten von Wüsteneidechsen, die beide bis zu einem Meter Länge 
erreichen und von manchen Reisenden für Krokodile gehalten worden sind, den Dornschwanz 
(Uromastir Acanthinurus, arab. I^abb\ ein ausschliesslich pflanzenfressendes Tier, und den 
Wüstenvaran (Varanus arenarius, arab. Waran). Letzterer ernährt sich von kleinen Säuge- 
tieren, Vogeleiem und Insekten und wird von den Beduinen als nicht geniessbar betrachtet. 

*) Vergl. Burckhardt a a. Ü. S. 46. 

*) Eine andere Art von Brotbereitung ist die folgende. Das Mehl wird in einem 
Gefass mit etwas Wasser geknetet, darauf wird der Teig auf trockenen Sand gelegt und 
zum runden Kuchen zusammengedrückt. Dieser Fladen wird zwischen glimmende Asche gelegt, 
bis er zu Brot gebacken ist. Dieses Brot heisst Gurs. 

•*) Vergl. Jacob a. a. O. S. 95. 

^} Unter Schenine versteht man aber auch die Buttermilch. Sonst heisst die saure 

Milch Leben J;0, ein Ausdruck, mit dem in Egypten die süsse Milch bezeichnet wird. 
die sonst allenthalben bei den Arabern Hah'b ^_^ A v^ heisst. 



17 A Kap. XIL Krankheiten. 

Milch *). Auffallender Weise verstehen es die Beduinen nicht, aus Milch 
Käse zu bereiten. Die Schammar sind keine grossen Jagdliebhaber, des- 
halb kommt Wildpret bei ihnen selten auf den Tisch*). 

Bei seinem einfachen Leben und dem steten Aufenthalt in der 
freien Luft erfreut sich der Beduine durchschnittlich einer besseren Ge- 
sundheit als die ansässige Bevölkerung. Auch ist er vorsichtig. Auf 
dem Marsche hüllt er sich in seine 'Abäje vollständig ein, um Erkältungen 
und Augenaifektionen zu vermeiden, ebenso legt er sich bei grosser 
.Hitze nach körperlichen Anstrengungen stets eine weise Mässigung auf. 
Wird der Beduine von einer Krankheit befallen, so weiss er dagegen 
wenig Rat. Zwar kennt er eine Anzahl von heilkräftigen Kräutern der 
Wüste, doch verlässt er sich mehr auf das Universalmittel, das Ver- 
schlucken von Papierchen, auf welche unverständliche Zauberformeln 
oder Koränverse aufgemalt sind. Sehr gebräuchlich bei allerlei Ge- 
brechen und Siechthum ist die Anwendung des glühenden Eisens (Kai 



ir. 



), das an allen möglichen Stellen des Körpers appliziert wird, 

bei Fieber z. B., das teils von der schnellen Abkühlung in der Nacht, 
teils von der Nähe sumpfigen oder wasserhaltigen Terrains bei den Lager- 
plätzen herrührt, am Kopfe. Ich seAst habe oft genug, wenn ich um 
Kuren angegangen wurde, besonderen Effekt mit Brausepulver erzielt, 
dessen Aufzischen im Wasser als etwas Zauberhaftes angesehen wurde. 
Die Wunden werden meist sich selbst überlassen, und sogar schwere 
Verletzungen heilen, wie bei allen Naturvölkern, auffallend leicht. Magen- 
leiden und Verdauungsbeschwerden kommen vor infolge der schlechten 
Nahrung und des langen Fastens, sowie infolge von Unmässigkeit im 
Essen, sobald sich die Gelegenheit hierzu bietet Schädlich ist auch die 
Gewohnheit, das Brot so heiss, wie es aus dem Feuer kommt, zu geniessen. 
Ausser leichten Abführmitteln, die ihnen gewisse Wüstenkräuter liefern'), 
haben sie kein Mittel gegen diese Beschwerden. Augenleiden, die zwar 
bei ihnen nicht so häufig sind, wie bei der angesessenen Bevölkerung, 

') Im Negd wird eine Art von Milchkonserve herg^estellt. Man lässt Buttermilch ab- 
dämpfen and gewinnt dadurch kleine feste Bestandteile. Diese werden im GebrauchsfaUe 
zerrieben und in Wasser so gut wie möglich aufgelöst. Getränk und Konserve heissen 
Merise oder Ba^. Diese Konserve wird vielfach auf Razu mitgenommen. Vergl. Doug^hty 
a. a. O. Bd. I S. 262, un4 Huber a. a. O. .S. 588. Vergl. auch Vambery, Das Türkenvolk, 
8. 208 ff., wo in dem kondensierten Airan (saure Milch) der türkischen Nomaden, der in 
diesem Zustande Kumt genannt wird, ein ganz ähnliches Nahrungsmittel beschrieben wird. 

*) Die Sieb verstehen es, ihr Wildpret durch Einreiben mit Salz und dann durch 
Dörren für mehrere Tage haltbar zu machen. Dieses gedorrte Wildpretfleisch heisst Gella. 

'^ Vergl. den botanischen Exkurs am Schluss des Werkes. 



Kap. XII. Tod und Begräbnis. I j c 

werden mit Antimon, das bei Entzündungen kühlend wirken soll, be- 
handelt. 

Wenn ein Beduine stirbt, so erheben die Frauen seines Zeltes wie 
die in der Nachbarschaft ein in den höchsten Fisteltönen ausgestossenes 
Klagegeheul (wulwule = ovkovkdCEiv), wie es im ganzen Orient bei dieser 
Veranlassung üblich ist^). Der Tote wird noch an demselben Tage in der 
Kleidung, in der er gestorben ist, ohne die geringste Feierlichkeit, in der 
Regel von zwei Männern, begraben. Nur bei dem Begräbnis eines Schechs 
werden ein oder mehrere Flintenschüsse abgefeuert. Die von der Re- 
ligion gebotene Waschung der Leiche findet wohl nur selten statt. Das 
Grab besteht aus einer einfachen Grube,- die schon aus Mangel an ge- 
hörigem Werkzeug nicht tief angelegt werden kann. Zum Schutze gegen 
wilde Tiere wird das Grab mit Steinen überdeckt, bisweilen werden 
Stöcke, an denen Kleiderfetzen befestigt sind, zwischen die Steine ge- 
stossen. Eine sonstige Auszeichnung des Grabes findet nicht statt, im 
Gegensatz zu den Sitten der Städter und Bauern, die ihren Toten kleine 
Denkmäler zu errichten pflegen. 

So nüchtern und realistisch der Beduine im allgemeinen veranlagt 
ist, so poetisch ist der Gedanke, von dem er sich bei der Wahl des 
Begräbnisortes leiten lässt. Nach uraltem Brauch, von dem schon in 
der Bibel die Rede ist^), lässt er sich nicht in der Ebene oder gar in 
einer Vertiefung begraben, sondern wenn irgend möglich auf der Spitze 
eines hohen Hügels oder Berges, von wo er seine Stammesgenossen zu 
sehen hofft, wenn sie mit ihren Zelten in die Nähe kommen, oder damit 
seine Stammesgenossen beim Razu, wenn sie seine Grabstätte erblicken, 
gestärkt werden. Solche Beduinengräber sind auf fast allen Höhepunkten 
der Wüste zu erkennen. Grössere Begräbnisplätze für Beduinen giebt 
es wenig, höchstens finden sich auf alten Ruinenhügeln mehrere Beduinen- 
gräber bei einander. 

Der Charakter des Beduinen ist ein merkwürdiges Gemisch von 
wirklichen Tugenden und niedrigen Eigenschaften, ein schlagender 
Beweis für den Satz, dass andere Völker, wie andere Zeiten nicht nach 
dem landläufigen Moralcodex des jeweiligen Beobachters, sondern aus 
sich heraus beurteilt werden müssen. Indess überwiegen in dem Be- 
duinen auch nach unserer Auffassung die sympathischen Elemente. So- 
lange er nicht in seiner persönlichen Ehre verletzt ist, solange nicht die 
Pflichten der Blutrache ihn anders zu handeln zwingen und solange er 
nicht zur Ausübung seiner Macht berechtigt zu sein glaubt, ist er ent- 
schieden friedfertig, gutmütig, gefällig und wohlwollend. Dem besiegten 

>) Vcrgl. unten Kap. XVI S. 262. 

*) Verjfl. Wetzstein, Reisebericht, S. 26 ff. 



I 96 Kap. XII. Sympathische Züge im Charakter der Bedninen. — Religiosität. 

Feinde, wenn derselbe gleichfalls Beduine ist, bezeugt er gern seine 
Grossmut; dagegen mögen in den Kämpfen mit den Drusen und Jeziden, 
überhaupt mit Nichtbeduinen, Grausamkeiten in Widervergel tun g oft 
genug ausgeübt werden. 

Charakteristisch ist die Erzählung, dass der Scham marschcch 

*Abd el Kerim dem 'Akid der Fed'än-*Aneze, öed'än jWa>., mit dem 

er durch Zufall persönlich befreundet war, eines Tages, als er dessen 
kleine Truppe in seiner Gewalt hatte und zum Angriff vorgehen wollte, 
zuvor seine beste Stute schickte, auf der dieser sein Leben rettete. 

Wohlthuend berührt auch die Hochachtung vor dem Eigentums- 
recht, die im seltsamen Kontreist zu dem Raub- und Diebesgelüste des 
Beduinen steht, aber durch mancherlei prägnante Beispiele erhärtet ist. 
Das Eigentumsrecht an beweglichen oder unbewegHchen Sachen gilt 
nicht für erloschen, wenn der Eigentümer selbst ausgewandert, verschollen 
oder gestorben ist. So konnten sich der junge Paris und seine Mutter, auf 
der Flucht vor den Türken, in der festen Ueberzeugung nach dem Neg^d 
begeben, dort die vielleicht vor Jahrhunderten von ihren Vorfahren ver- 
lassenen Brunnen und Oasen zu finden, und ohne befürchten zu müssen, dass 
sie von den damaligen Besitzern, die ebenfalls Schammar waren, ihnen streitig 
gemacht würden. Layard ^) erzählt, dass ein *Aneze-Beduine eines Tages aus 
irgend einem Grunde nach Mösul geflüchtet sei, wo er in eine Moscheeschule 
eintrat und sich dem geistlichen Stande widmete, ohne in die Wüste 
zurückzukehren. Als viele, viele Jahre später sein Stamm durch Zufall 
in die Nähe von Mö^ul kam und der Schcch von seiner Anwesenheit 
dort erfuhr, wurden ihm die Kamele zur Verfügung gestellt, die ihm 
sein inzwischen verstorbener Vater hinterlassen hatte, soweit sie auf 
seinen Teil entfallen waren. Die Tiere, die sich inzwischen stark ver- 
mehrt hatten, waren bis dahin von dem ganzen Stamme als Eigentum 
des Abwesenden gehütet worden. 

Die ReUgion spielt im Leben der nordarabischen Beduinen nur 
eine untergeordnete Rolle; religiöser sind die südmesopotamischen und 
die sesshaft gewordenen Beduinen. Von dem Fanatismus, der die nord- 
afrikanischen Bekenner des Islam, die sesshaften wie die nomadisierenden, 
so unangenehm auszeichnet, ist bei ihnen keine Rede. Schon der Prophet 
Muhammed hat oft genug über ihre Lauheit im Glauben geklagt*), und 
wenn sie seinen Glaubens- und Eroberungszügen folgten, so geschah 
dies sicher weniger aus Frömmigkeit als aus Beutesucht. Der sesshaft 
gewordene Araber ist dagegen entschieden religiös. 

') Niuive und Babylon, Deutsche Ausgrabe, S. 444. 

-; Vergl. Koran Sure 48; ferner Sprenger, Leben untl Lehre des Muhammed, Bd. III 
S. 251 ff. 



Kap. XII. Der Einflass der wahhabitischen Bewegung. ijT 

Als die Wahhäbilen eine Neubelebung der muhammedanischen Ideen 
und gewissermassen eine Wiederbekehrung zum Islam in ihrem Sinne in 
Arabien versuchten ^), schloss sich ihnen auch ein Teil der syrischen Be- 
duinen und insbesondere der *Aneze gezwungener Weise an. Von der 
wahhabitischen Regierung wurden ihnen Imäme aufgedrängt, und sie 
wurden angehalten, die äusseren Formen der Religion vor allem durch 
Verrichtung der vorgeschriebenen Gebete zu beobachten. Nach der Ver- 
nichtung d€r wahhabitischen Macht in Nord- und West -Arabien haben 
die Beduinen diese Imäme sofort wieder verjagt. Dem Namen nach ge- 
hören die Beduinen von Nord-Arabien, Syrien und Nord-Mesopotamien 
zu den Sunniten, während die südmesopotamischen Stämme meist Schiiten 
sind*). Bei den Muntefik ist merkwürdigerweise der Stamm schiitisch, 
die alte regierende Schechfamilie sunnitisch. 

In den seltensten Fällen sieht man die Beduinen Gebete ver- 
richten, die meisten sind dazu garnicht im Stande und kennen nicht 
einmal die vorgeschriebenen Gebetsübungen. Recht spasshaft war es 
anzusehen, wie der behäbige Schech Färis mehrmals in ostentativer 
Weise versuchte, in meiner Gegenwart den religiösen Vorschriften zu 
genügen und sich nur mit vieler Mühe und grossen Fehlern seiner 

') Die wahhäbitische Bewegung, welche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
in Innerarabien entstand, war eine puritanische und hatte vom religiösen Standpunkte aus 
den Zweck, den Islam in seiner ursprünglichen Einfachheit wiederherzustellen. Die Be- 
wegung führte zur Bildung eines theokratischen Staatswesens, an dessen Spitze Fürsten aus 
dem Hause der in Dera*ije residierenden Familie der Ihn Sa'üd standen. Durch Gewalt 
{gezwungen und durch die Aussicht auf Beute angelockt, schlössen sich auch andere 
arabische Stämme an. In wilder Weise hausten die Beduinen in den von ihnen eroberten 
Städten. Kerbela und Negef fielen ihnen zum Opfer, Damaskus, Bardäd und Ba^ra 
wurden im Anfange dieses Jahrhunderts mehr als einmal von ihnen bedroht. Erst als sie 
sich der heiligen 'Städte Mekka und Medina bemächtigten, ging die türkische Regierung 
energisch gegen sie vor, sie betraute Mu^iammed *Air von Egypten mit der Vertreibung 
der Wahhäbiten aus dem Hi^äz und der Vernichtung ihrer Macht. In schweren jahre- 
langen Kämpfen, an denen auf Seiten der Egypter verschiedene europäische, namentlich 
französische Offiziere teilnahmen, vnjrde der Auftrag der Pforte erfüllt und Dera'Ije zerstört. 
Seit dieser Zeit begann der Aufschwung der heutigen Emire des Negd aus der Schammar- 
Familie der Ibn Raschid, die einst von den Ibn Sa*üd als ihre Vasallen in Hail eingesetzt 
waren. Der unlängst verstorbene Mu^ammed Ibn Raschid räumte mit den letzten Nachkommen 
der Ibn Sa'üd gründlich auf. Einige Mitglieder der Familie leben heute als Flüchtlinge in 
Kuet, und nur ein einziger Tbn Sa*üd hat jetzt noch eine Art weltlicher Herrschaft als Schech 
einer der innerarabischen Onsenstädte. Selbstverständlich ist er ein Tributärfürst der Herren 
des Negd. Die wahhabitischen puritanischen Ideen sind jedoch in Centralarabien noch 
nicht ausgestorben. — Eine grosse Verwandtschaft mit ihnen zeigen die Lehren des in 
diesem Jahrhundert gegründeten Ordens der Senüsi, welcher in grossen Teilen des zentralen 
und nördlichen Afrika allmächtig ist und auch bereits in anderen Gebieten der muhamme- 
danischen Welt zahlreiche Anhänger zählt. 

*) Vetgl. oben Kap. XI S. 74. 



1^8 ^P* ^^* Relij^öse Verrichtungen im Schammar-Laj^er. 

Arbeit entledigte. Seinem Beispiele folgte von den Hunderten von 
Schammar, die in seinem Zelte sassen, nicht ein einziger*). Er selbst 
unterbrach sich mehrfach während des Gebetes, um gewöhnUche An- 
gelegenheiten zu besprechen, was übrigens auch bei den fanatischen 
Schiiten nichts Seltenes ist*). Von Ausrufen von Gebetsstunden, sowie 
überhaupt von der Anwesenheit geistlicher Persönlichkeiten im Lager 

war keine Rede. Die als Mulla ^ bezeichneten beiden Männer, die 

Schech Färis um sich hatte, waren seine schreibkundigen Privatsekretäre, 
der eine ein alter wirklicher Schammar, der andere ein Fremder, ein 
junger öesi, der uns auf der Reise von ed Der in das Lager des Färis 
begleitet hatte. Die Tarikas (religiösen Brüderschaften) haben unter 
den Beduinen wenig Erfolg gehabt; vergeblich habe ich nach dem Vor- 
kommen vonSenüsi geforscht, welche nach Duveyrier*) bei verschiedenen 
Beduinenstämmen, insbesondere auch bei den Schammar und im Hig^äz*) 
Anhänger gefunden haben sollen. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass 
bei den Beduinen, nachdem sie sesshaft geworden sind, sehr bald eine 
stark ausgeprägte Neigung zu Religiosität und Mysticismus sich geltend 
macht*). 

') Bei den Bedoinenstämmen des Negd und auch in anderen Teilen Arabiens, in 
welchen die wahhäbitische Lehre festen Boden (gewonnen hatte, ist auch nach dem Ab- 
sterben der wahhäbitischen Bewegung ein strengeres Beobachten der Glaubens- und GebetJi- 
vorschriften zurückgeblieben. 

') VergL Brugsch, Reise nach Persien, Bd. I S. 357. 

') Duveyrier, La Confrerie musulmane de Sldi Mohammed ben *A11 es Senoüst. Auch 
die Lokalisierung der mesopotamischen Beduinenstämme auf seiner Karte ist grundfalsch. 

*) Im Higäz und in Jemen sollen die Senü^ allerdings auch unter den nomadisierenden 
Stämmen überraschende Fortschritte machen, im Higäz besonders unter den Beni Harb. 

""^ Vergl. Bd. I dieses Werkes, Kap. IV S. 127. 



Xffl. KAPITEL. 



Vom Schani mar-Lager nach Mosul. 

Aufbrach vom Schammar-Lager. — Kurdendörfer. — Besuch bei dem Kurdenschech *isä. — 
Von Ijkiräde nach *Äbra. — Am Teil Tschilärä, — Am Teil Rumelän. — Zwischen Sing^är 
und Tigris. — Ein Ueberfall mit friedlichem Ausgang. - Im Lager der öehesch. — Die Jeziden 
oder Teufelsanbeter. — Litteratur Über die Jeziden. — Der Name Jeziden. — Entstehung und 
Orandlehren der Sekte. — Bälä und Schetän. — Politische und geistliche Verfassung der 
Jeziden. — Religiöse Gewohnheiten. — Beziehungen zu Islam, Christentum und heidnischen 
Dogmen. — Statistik. — Kämpfe der Jeziden mit der Regierang und den Beduinen. — Die 
Mission *Omar WehbT Paschas. — Die ethnographische Stellung der Jeziden. — Jezidische 
Niederlassungen im Singär. — Auf der Wasserscheide zwischen Euphrat und Tigris. — Der 
Chan CS ^ufeije. — Im Dorfe Iläwi Zummär. — Das Hügelgebiet des öcbel *Ain Zäle. — 
Eine Begegnung in der Wüste. — Entdeckung der Ruinen von Abu Wa^ne. — Der Teil Mus. 
— Das Ruinenfeld von Eski Mö^ul. — Auf dem Rahdgebirge des Tigris. — Einzug in Mö^ul. 
— Professor de Goeje Über die Route Ne^ibin — \lö$ul. 



Montag Morgen, den 14. August, verliess ich nach dreitägigem 
Aufenthalte das gastliche Lager der Schani mar. Den Tag zuvor hatte 
ich Färis in üblicher Weise Geschenke gemacht: Ich bekleidete ihn vom 
Kopf bis zu den Füssen, indem ich ihm Kopftuch, Ehrenkleid, Ehrenmantel 
und rotlederne Reiterstiefel sowie ein Gewehr überreichte. Mehrere 
meiner Leute wurden von mir mit Kefijen und sonstigen Gewändern 
beschenkt. Schech Färis hatte mir einen jungen Ma*nekl-Hengst verehrt. 
Mit feierlichen Mienen führte ein Schammar das Tier zu meinem Zelte 
und empfing dafür ein Goldstück zum Lohn. Am letzten Tage meines 
Aufenthalts im Lager hatte ich lange Stunden mit Färis Pascha in seinem 
Ze\te im vertraulichen Gespräch geweilt, bei dem alle möglichen An- 
gelegenheiten der Steppe und der Beduiuenpolitik das Thema der Unter- 
haltung bildeten. Zum Schluss bat er mich noch, ihm aus Mö§ul Medizin 
für seine leidenden Augen zu senden, was ich auch treulich that. 

Als Eskorte auf der koute nach Mö§ul gab mir Färis zwei seiner 
eigenen Verwandten und zwei schwarze Sklaven mit. Ausserdem be- 
gleiteten mich wieder jene drei syrischen Händler, die sich bereits in 



I^O Kap, XIIL Aufbruch vom Schammar-Lai^cr. — Kurdendörfer. 

Der ez Zör uns angeschlossen hatten. Auch der Mudir von Scheddäde 
hatte sich mit einigen seiner Zaptije im Lager des Färis eingefunden 
und benutzte die Gelegenheit, mit uns zusammen nach Mö«iul zu reiten. 
So bildeten wir wieder einen Trupp von nahezu 20 Reitern, alle wohl 
bewaffnet, stark genug, uns gegen kurdische Marodeure oder einen 
kleineren Razu der *Aneze zu verteidigen. 

Der brave uns in Der ez Zör mitgegebene Offizier, der uns mit 
seinen Maultierreitern und Zaptije bis zum Lager des Färis geleitet 
hatte, verliess gleichzeitig mit uns die Zelte der Schammar, um gemein- 
sam mit seinen Leuten und den Czebbiir- Beduinen nach seiner Garnison 
zurückzukehren. Ihnen schloss sich der Schreiber des Schech Färis 
wieder an, um in cd Der die meinetwegen unterbrochenen Geschäfte 
des Schammar -Schech mit dem dortigen Mute^arrif zu Ende zu führen. 
Statt der öebür lieferten nunmehr einige Leute des Ober-Schechs der 
Tai Lastkamele für unseren Weitermarsch bis nach Mö$ul. Die neuen 
Leute und Tiere waren übrigens noch ungeübter und störrischer als die 
(jebür und ihre Kamele. 

Unser Ausmarsch aus dem Lager der Schammar bot ein prächtiges, 
farbenreiches Bild. Der alte Beduinen-Pascha Hess es sich nicht nehmen, 
uns mit seinen Söhnen und allen seinen Verwandten und Sklaven persön 
lieh eine ganze Stunde lang das Ehrengeleite zu geben. Als die Schammar 
in wildem, wüstem Getümmel um uns herjagten und laut schreiend ihre 
Reiterspiele aufführten, regte sich auch bei Friris Pascha wie bei seiner 
alten Stute die frühere Kampfeslust, und plötzlich sprengte er in den 
Haufen hinein und drehte und wendete sein Pferd wie ein Jüngling, bis 
der etwas schwer und behäbig gewordene Herr etwas aufgelöst wieder 
an meine Seite ritt, um mit blitzenden Augen mir von seinen eigenen 
früheren Razu zu erzählen und Lobsprüche über seine Reitkunst und 
.sein Pferd entgegenzunehmen. 

Endlich um 10 Uhr trennten wir uns unter Küssen und Um- 

armunji^en bei dem Dorfe Säha i>-L., nachdem wir zehn Minuten 
vorher Sauär j\^ passiert hatten. Um 9 Uhr hatten wir das Lager 
verlassen, die Richtun*; war und blieb zunächst ostnordöstlich. Um 
10 \a Uhr erreichten wir el Kutbc AJa-aM, das wie die vorgenannten 
Ortschaften von Kurden bewohnt wurde. Hier kreuzten wir den Sei 
Siblach -)i- yLw L-.- (auf Hans.sknechts Karte Soplakh genannt), der, dem 

. • ^ mm 

(ierrahi i)arallcl nies>cnd, in den Radd ^j mündet und der trotz der 
heissen Jahreszeit noch Wasser führte. Um iiVs Uhr wurde auf einer 




6 



i 



Kap. XIII. Besuch bei dem Kurdenschech *Isa. i^I 

hölzernen Brücke der ebenfalls wasserhaltende Gerräbi i^^y^ über- 
schritten und darauf das an einem Hügelabhang dicht am Bach ge- 
legene Dorf Kiräde ö^\J^ erreicht, wo der junge christliche Kurden- 

Schech *Isä ^^e-*^ hauste, den ich im Zelte Färis Paschas kennen ge- 
lernt und dem ich meinen Besuch versprochen hatte. Kiräde war das 
bedeutendste der auf dem heutigen Marsche gesehenen Dörfer. Diese 
waren sämtlich, wie die Mehrzahl der übrigen am selben Tage noch 
zu passierenden Ortschaften, auf der Spitze oder am Abhänge von 
Hügeln gelegen, die allem Anscheine nach dem Zusammensinken älterer 
Niederlassungen ihre Entstehung verdankten. 9 bis 10 km südlich von 
Kiräde, zwischen öerräbi und dem Sei el Koträni, liegen, wie mir die 
Leute des Färis mitteilten, sehr umfangreiche Hügel, die ohne Frage 
Ruinen — nach der mir gegebenen Beschreibung aus assyrischer oder 
noch älterer Zeit — bergen, und auf denen sich das kleine, heute be- 
wohnte Dorf Lelän j^ befindet Nach der Tradition der Beduinen soll 

Lelän im Mittelalter eine arabische Stadt (vielleicht das alte A<^rama)^) 
gewesen sein, von welcher der Aussage meiner Begleiter zufolge noch 
die Ueberreste der alten Stadtmauern vorhanden wären. Etwa 7 V'a km 

südlich von Lelän wurde mir ein weiterer Hügel, Teil Raräse, <^\^ J» » 

angegeben, der ebenfalls Ruinen enthalten soll. 

Schech *Isä residierte in einem auf der höchsten Stelle seines 
Dorfes gelegenen burgähnlichen Hause. Er empfing mich mit einem 
nach unseren Begriffen weit über seine jugendlichen Jahre gehenden 
Anstände, und bald fand sich der grösste Teil der Einwohnerschaft 
von Kiräde bei ihm ein. Die Leute machten durchgehends einen 
kriegerischen Eindruck. Es waren kräftige, den kurdischen Typ zeigende 
Leute, ihres Glaubens Nestorianer. Wie bereits hervorgehoben, wissen 
diese christlichen Kurden die Waffen ebenso wohl zu führen, wie ihre 
muhammedanischen Stammesverwandten. Wir wurden im. Hause *Isäs 
mit Reis, Fleisch, aus Honig, Eiern u. s. w. hergestellten Süssigkeiten 
bewirtet und verliessen Kiräde um 1 72 Uhr in O. -Richtung mit geringer 

Neigung nach N., passierten gegen 2 Uhr den Teil Ter j^ t, in dessen 

nächster Nähe sich westlich der Teil Röfel J^j j Jj befindet — beides 

isolierte Hügel mit kleinen Dörfern halb sesshaft gewordener Tai — 



^) ^crgL die Mitteilunfren de Goejes am Schlüsse dieses Kapitels. 



1^2 Kap. XIII. Von Kiräde nach 'Abra, 

und kamen um 2^4 Uhr zum Dorf Kubür el Bi<J ^jIa.J\ j^ (»weisse 

Gräber«), wo wir unsere Karawane wiederfanden, die voraus marschiert 
war und hier kurze Zeit auf uns gewartet hatte. Auch dieses Dorf war 
von Kurden bewohnt, das erste Mal, dass ich Kurden in der Ebene an- 
gesiedelt fand. Wir hielten uns eine Stunde bei dem Dorfschech Hasan 
auf, der uns in höflichster Weise zum Verweilen aufgefordert hatte. 

Auf dem Weitermarsch durch die nunmehr einförmige Ebene hatten 

wir 4 Uhr 20 Minuten das Dorf Teil Mubile ^Ou^ li zur Linken, das von 

Tai bewohnt wird, von denen sich ein Teil unlängst wenige Kilometer 
südwestlich neu angebaut hatte. Gegen 5 Uhr passierten wir den wasser- 
losen Bach Sei el Koträni ^\Jaji\ Lw (»Theerbach«), 5 Uhr 5 Minuten 

lag ein Kurdendorf auf dem Hügel Krem Ralpje (Rukaije) 4-3 j ^rj^ 

zu unserer Rechten in etwa 5 km Entfernung, 5 Uhr 10 Minuten ebenfalls 

zur Rechten die beiden Tulül er Rummän jt« J\ J jt (» Granatapfel-Hügel c)^ 

5 Uhr 25 Minuten kamen wir dicht an dem von Kurden auf dem Tel! Färsök 

iJ j^jli t angelegten Dorf vorbei. Dieser grosse Ruinenhügel wurde 

durch den kleinen Sei *Abbäs ^j^UP Lw, in welchem wir Wasser fanden^ 

von einer südöstlich gelegenen anderen Erhebung geschieden. Der Boden 
war weithin mit Basaltsteinen bedeckt, ein Beweis für den vulkanischen 
Ursprung des Hügels. Am Fuss beider Teils waren zahlreiche Spuren 
von paarweise parallelen Mauern deutlich erkennbar. 5 Uhr 25 Minuten 

lag links Dorf und Hügel Teil el *Atschäne i» uÜaJI t, und kurz darauf 

wurde das trockene Bett des Sei el 'Atschäne überschritten. Um ö'/a Uhr 

lag Tlel Kardib ,^^^^ Jut , ein Hügel ohne Dorf, etwa 2 km links; 6^/% Uhr 

etwa 6 km rechts der ziemlich grosse Teil *Alö y^ l» , 6 Uhr 50 Minuten 

ging es über einen ausgetrockneten Bachlauf, und 7 Uhr 15 Minuten 

erreichten wir unser heutiges Ziel, das Kurdendörfchen *Abra öj\c* 

Die Häuser standen auf dem Südabhang eines grossen Hügels, waren 
aber unbewohnt, da die Bevölkerung zur Zeit unter Zelten in der Ebene 
wohnte. Im Sommer vertauschen die in jüngster Zeit sesshaft gewordenen 
Kurden und Araber meist ihre festen Häuser mit ihren alten Zelten oder 
Hütten aus Matten, Binsen, Schilf oder Laub, die von den Kurden türkisch 
Jaila (»Sommerwohnung«) oder kurdisch Zöma genannt werden. Die 
Karawane traf erst abends gegen g^/i Uhr ein. Wir schlugen unser Lager 




Ein Ncstori;»nor. 



Kap. XIII. Am Teil Tschilärä. I43 

neben dem gastlichen Zelt des Häuptlings auf, der den echt kurdischen 

Namen Hammo yt- führte^). *Äbra ist, wie die sämtlichen vorher ge- 
nannten Dörfer, den Schammar chüwepflichtig. 

Am nächsten Morgen folgten wir um 87« Uhr in südöstlicher 
Richtung unserer Karawane, die eine halbe Stunde vorher abmarschiert 
war. Unser heutiger Marsch ging südöstlich auf den westlich vom Tigris 

gelegenen Kara Tschok <3^ ä^, zu. Fern im Nordosten, jenseits des 

Tigris, ragte das Bergmassiv des öebel cl 6üdi empor, wo, wie die 

Lokaltradition gemäss der Koranstelle »wastawat 'alä '1 güdi» OjJu^^j, 

^^jsL\ U (Koran 11, 46) berichtet, die Arche Noah nach der Sintflut 

stehen geblieben ist. Um 9^1 Uhr erreichten wir mit einer Schwenkung 
nach Norden den links von unserem Weg gelegenen Teil Tschilärä*) 

U^^» vielleicht die alte arabische Stadt Ba Schazza'). Das auf dem 

Gipfel stehende Dorf umfasste etwa ein Dutzend fast zusammengestürzter 
Lehmhütten und das etwas grössere, aber auch halb verfallene Haus des 
Schech. Der Ort schien erst vor kurzem von seinen Bewohnern auf- 
gegeben zu sein. Am Nordabhang des Hügels standen einige besser 
erhaltene Hütten, die in ihrem Bau eine auffallende Abweichung von 
den übrigen zeigten : Baumäste, mit Lehm verkittet, bildeten die Wände, 
die Dächer waren von Stroh. Am Boden lag noch ein Mühlstein. Ein 
aus schwarzen Steinen errichtetes neues Gebäude machte den Eindruck 
einer in rohem Stil gehaltenen Moschee. 

Wir verliessen den Ort um 9 Uhr 50 Minuten und kreuzten 

5 Minuten später den Sei Chunezir j jC>^ Lw (» Ferkelbach c), einen Neben- 

fluss des Radd, ferner um 10 Uhr 20 Minuten den im Winter jedenfalls 

breiten Wädi er Rumele <ÖuaJ\ {^:^3 und um 10^/2 Uhr einen weiteren 

Bach, der in den Chunezir einmündet. Alle drei Bäche waren wasser- 

>) Vergl. Sachau a. a. O. S. 162. 

*) Tschilärä wird von vielen Autoren (genannt. Ritter a. a. O. Bd. XI S. 430 — 434 
schreibt: Tschil Ag^ha, Tschirla oder Till Aga; Kinneir, Journey through Asia Minor, 
Annenia and Koordistan, London 181 8, S. 447: Chelly Aga; Buckingham, Travels in 
Mesopotamia, London 1827, Bd. I, S. 475: Chehel Aga. — Moltke a. a. O. spricht S. 270 
von einem Dorf Tlllaja. — Cameron a. a. O. S. 219 schreibt Tschil Agals. Vergl. auch 
Ainsworth a. a. O. Bd. II, S. 120. — Von Tschiläfä war der Fuss des Tür *Abdin nach 
meiner Schätzung noch viele Stunden entfernt. 

•) Vergl. die Mitteilungen de Goejes am Schlüsse dieses Kapitels. 



}y^A Kap. XIII. Am Teil Rumelän. — Zwischen Singar and Tigris. 

haltig. Die Ufer, die zur Regenzeit überschwemmt sein mögen, zeigten 
noch Schilf- und Gras-Vegetation; im übrigen war. die Ebene infolge 
eines Steppenbrandes kohlschwarz. Wie mir gesagt wurde, gehört dieses 
Terrain zum Bebauungsgebiet der Kurden von Tschilärä. Am Sei 
Chunezir begegneten wir einigen Südschammar, die zum Lager des 
Färis ritten, um dort Teilnehmer an einem g^rösseren gegen die *Aneze 
geplanten Razu zu werben. Nach einer halbstündigen Rast hatten wir um 

ii^/ä Uhr den Teil Zambil J^ J P (»KorbhügeU) mit einem Dorf zu 

unserer Linken erreicht und überschritten ii Uhr 35 Minuten den 
wasserhaltenden Bach Sei Zambil; 11 Uhr 55 Minuten erblickten wir 
in einer Entfernung von 2 — 3 Stunden den Teil Kal'at er Rumele 

4ju»J\ <■•& l», der die Ruinen eines alten Kastells tragen soll. Der Teil 

*Aklet er Rumele Ay->^^ AM^ ^. der südlich dieses Hügels, jenseits des 

Radd, unweit der Einmündung des Rumele in den Radd liegen und 
einige Ziehbrunnen besitzen soll, blieb uns unsichtbar. Um i Uhr 

5 Minuten kamen wir an den Teil Rumelän j^L^j A» und über- 
schritten den wasserlosen Sei Rumelän, der sich ebenfalls in den Radd 
ergiesst. Hier stand vielleicht die alte arabische Stadt Barlya^id*). 
Der Hügel ist die bedeutendste Erhebung in der umliegenden Steppe 
und mit Beduinengräbern bedeckt. Von ihm aus hatten wir eine gute 
Rundsicht über die zahllosen in der Ebene liegenden Teils, die auch hier 
fast regelmässig die La;^e alter Ortschaften bezeichnen dürften. Im Süden 
zeigte sich der langgestreckte Singär und im Norden der Kara Tschok; 
der südlichste Punkt des letzteren lag NO., das Ostende des Sin^är 
SSO. Um i ' 2 Uhr zogen wir vom Teil Rumelän in NO. -Richtung weiter 
und überschritten 3 Uhr 20 Minuten den wasserhaltenden Sei Schutnet 

es Suwcdije <Jü^Jl 4lL-i ,Lw- Hier trafen wir auf Quellen, die sich 

zu einem Bach vereinigen, den wir mehrere Minuten lang in einem von 
alten Schutthügeln umgebenen Gelände verfolgten und der ein Zufluss des 
Rumelän ist. Um 3*/ 4 Uhr bestiegen wir wieder einen isolierten Hügel 
und steuerten dann auf das Südende des Kara Tschok zu. Je mehr 
wir uns diesem Gebirge näherten, desto hügeliger wurde das Terrain. 
Die Gegend zwischen dem Singärgebirge, das uns nunmehr im 
Rücken lag, und dem Tigris, auf welchen wir losmarschierten, war, wie 
wir wussten, im Augenblick für friedliche Reisende sehr gefährlich. Die 
Bewohner des Singärgebirges, die Jeziden, befanden sich in offenem 

' Vcrgl. die Mitteilungen de Goejes am .Schlüsse dieses Kapitels. 



Kap. XIIL Ein Ueberfall mit friedlichem Ausg^g. iac 

Aufruhr gegen die Regierung, mit der es diesmal auch die Beduinen 
liielten, und schon im Lager des Färis Pascha hatten wir gehört, dass 
gerade das Gebiet, in welchem wir uns gegenwärtig befanden, der 
Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen Beduinen und Jeziden war. Aus 
den Bergen Kurdistans zogen grosse Jezidenscharen über den Tigrris, um in 
dem isolierten, wasser- und herdenreichen Gebirgsstocke des Sing^är ihren 
Glaubensgenossen gegen die Truppen der Regierung Hilfe zu leisten. 
Vom Singär aus unternahmen die Jeziden unausgesetzt Razu gegen die 
Beduinen der mesopotamischen Steppe. 

Wir marschierten jetzt unter Beobachtung aller möglichen Vorsichts- 
massregeln, die Karawane in der Mitte, ich mit zwei Schammar und 
einigen anderen Bewaffneten an der Spitze, der Rest unserer Flinten 
als Nachhut. Die grösste Gefahr schien von vorn zu drohen, da eine der 
am meisten begangenen Tigrisfurten unser nächstes Reiseziel war und 
gerade diese, wie wir erfahren hatten, von. den aus Kurdistan kommenden 
jezidischen Zuzüglern besonders häufig benutzt wurde. Ich war der 
Karawane etwas vorausgeeilt, da ich hoffte, im Falle eines Zusammen- 
stosses mit Jeziden in meiner Eigenschaft als Europäer mich mit ihnen 
zu verständigen, bevor sie meine schwach verteidigte Karawane erspäht 
und sich mit dem Gedanken vertraut gemacht hätten, dieselbe als will- 
kommene Beute zu betrachten. Infolge des welligen Terrains war unser 
Gepäck uns aus den Augen gekommen, als gegen vier Uhr plötzlich von 
einer Erhöhung eine Anzahl Reiter auf uns zugaloppierten. Im Augenblick 
sprengten die beiden mich begleitenden Schammar ihnen entgegen, wurden 
aber sofort umzingelt. Wir anderen Reiter ritten jetzt in vollem Galopp 
hinterdrein, waren aber, ehe wir uns dessen versahen, von mindestens 
150 Reitern umringt, die unter lautem Geschrei mit ihren langen Lanzen 
auf uns eindrangen. Die Situation schien ernst, glücklicherweise aber 
waren unsere Angreifer nicht Jeziden, sondern den Schammar befreundete 
öehesch. Mit grosser Mühe und dank der gewaltigen Kraft ihrer 
Lungen gelang es meinen Begleitern, sich als Leute des Schech Färis zu 
legitimieren und die Erregung der Lanzenreiter, von denen einigen der 
Schaum vor dem Munde stand, zu beschwichtigen. Die Gebesch hatten 
uns, wie sich jetzt herausstellte, von ihrem in den Vorbergen des Kara 
Tscholj: gelegenen Lager erblickt, als wir auf dem Teil Rumelän standen, 
und uns für Jeziden gehalten, die vom Sing;är aus auf einem Razu 
begriffen seien. 

Bereits einige Tage vorher hatten sie ein unglückliches Gefecht mit 
den Teufelsanbetern gehabt, in welchem ihnen mehrere Leute erschlagen 
worden waren, und nun waren sie, zum Teil kaum bekleidet, auf die unge- 
sattelten Pferde gesprungen, um dem Feinde entgegenzureiten und Weib 
und Kind und ihre Habe zu verteidigen. Ein Glück war es, dass keiner 

Frhr. ▼. Oppenheim, Vom Mittelmeer cum Persischen Golf. 11. 10 



146 Kap. XIII. Im Lager der öebesch. 

unserer Angreifer mit einer Schusswaffe versehen war, sonst wäre das 
Rcncontre schwerlich ohne Blutvergiessen abgelaufen. Jetzt, nachdem 
die öebcsch ihren Irrtum eingesehen hatten, war ihre Freude ebenso 
gross als die unsrige; im Triumph führten sie uns zu ihren Zelten und er- 
götzten uns während des Rittes auf der ganzen Strecke mit Kampfspielen. 

Ihr Lager war am Ufer des Sei es Suwedije 4»Jl» a.*j\ L^ 



aufgeschlagen, der die Abwässer der südlichen Ausläufer des Kara 
Tschok dem Tigris zuführt. Bevor wir es erreichten, mussten wir den 
selbst um diese Jahreszeit eine sumpfartige Mulde bildenden Bach über- 
schreiten. Der Boden war weithin mit üppiger Vegetation bedeckt und 
bot den zahlreichen Herden der Gebcsch g^te Weideplätze. Erst am 
Morgen desselben Tages waren unsere neuen Freunde auf ihrer Wanderung 
von Südosten hier eingetroffen. In grösseren Zwischenräumen zogen sich 
ihre schwarzen Zelte stundenweit am Bache hin. Mein eigenes Zelt wurde 

neben dem des Schechs *Alö e§ Säleb >-Ua)\ y^ aufgeschlagen. Die Weiber 

empfingen uns mit lautem Freudengetriller, und zu meiner Begrüssung wurden 
sofort zwei Hammel geschlachtet, die unsere Abendmahlzeit abgaben. Der 
Schech *Alö es Säleb war ein beinahe zwerghaft kleiner, aber untersetzter 
und breitschultriger Mann in mittleren Jahren, flink und gewandt, mit 
ausdrucksvollem, von starkem Vollbart umrahmtem Gesicht. Alle seine 
Familienmitglieder fielen durch ihre merkwürdig kleine Gestalt auf. Es 
wäre mir schwer gewesen, ihn als Schech des vornehmen, zu den Tai 
gehörigen Stammes zu erkennen, wenn er mir als solcher nicht bezeichnet 
worden wäre. Seine Kleidung war äusserst dürftig, als er zum Kampfe 
gegen uns auszog, und auch nach unserer Ankunft nahm er sich, um 
mich nicht allein zu lassen, nicht die Zeit, sie zu vervollständigen. 
Unter den Pferden der (iebesch bemerkte ich einige sehr edel ge- 
zogene Tiere. 

Am Abend brachen aus dem Kara Tschok mehrfach W^ildsch weine 
hervor, welche zur gewohnten Tränke gehen wollten, beim Anblick des 
Lagers aber verdutzt stehen blieben, um dann in schnellstem Lauf 
wieder zu verschwinden. Sie gehörten sämtlich zu einer sehr grossen 
und starken Gattung. Eine kleinere Art Wildschweine soll sich gleich- 
falls in Mesopotamien finden. Nach Mitternacht wurden wir plötzlich 
durch Schüsse alarmiert. Sofort griften alle Männer des Lagers zu den 
Waffen. Auch mir wurde das Pferd vorgeführt, das ich mit dem 
Gewehr in der Hand bestieg; bald stellte es sich jedoch heraus, dass 
die Jeziden auch diesmal nicht im Anzüge waren, sondern dass nur 
die Viehwächter zur Abwehr von Raubzeug einige Schüsse abgefeuert 
hatten. Im Kara Tschol^ soll noch der Panther vorkommen. Der 



Kap. XIIL Die Jcziden oder Teufelsanbeter. 



147 



Löwe, welcher ehedem, und zwar nicht nur zur Zeit der Assyrier — 
deren Abbildungen uns zahlreiche Löwenkämpfe vorführen — , sondern 
auch noch bis in dieses Jahrhundert hinein, hier häufig anzutreffen war, 
soll sich gegenwärtig im nördlichen Mesopotamien fast garnicht mehr 
steigen und nur hin und wieder in den Dschungeln des eigentlichen 
Kabylonien auftreten. 

Eine Hauptursache für den Ueberfall der öebesch war meine und 

T«Ie^b Sallüms weisse 'Abäje gewesen, ein leichter Ueberwurf, den wir 

2um Schutze gegen die furchtbaren Strahlen der Sonne trugen. Die 

meisten der öebesch waren hierdurch in ihrer Annahme bestärkt worden, 

sich Jeziden gegenüber zu sehen. In diesem Teile der Steppe werden 




Kurdenmantel. 



helle *Abäjen von den Beduinen nicht getragen. Die Jeziden dagegen, 
welche eine besondere Abneigung gegen dunkle Farben und vor allem 
gegen die blaue haben, tragen mit Vorliebe die kurzen weissen kurdischen 
Mäntel. 



Die merkwürdige Sekte der Jeziden ist erst in diesem Jahrhundert 
näher bekannt geworden, hauptsächlich durch die Engländer Badger*) 
und Layard^), welche ausführlich über sie berichtet haben. Ausserdem 
finden sich bei den anderen englischen Reisenden aus der ersten Hälfte 
dieses Jahrhunderts, Ainsworth, Fräser, Rieh, Buckingham, Forbes u. s. w., 
mehr oder weniger zuverlässige Nachrichten über die Teufelsanbeter. Der 

') The Nestorians and their rituals, Bd. I S. 105 ff. 

*) Ninive und Babylon, S. 63 ff.; Ninive and its remains, Bd. I S. 294 ff. 

10* 



1^3 ^P* XIII. Litteratar über die Jeziden. 

Deutsch-Russe Haxthausen giebt in seinem »Transkaukasienc einige Nach- 
richten über die auf russischem Gebiet lebenden Jeziden. Von französischen 
Arbeiten sind die Aufsätze des langjährigen französischen Konsuls in Mö§ul, 
Siouffi, eines christlichen Syriers*), femer Chabots*) und Menants Buch 
Les Jezidis®) zu nennen*); von deutschen Reisenden haben Sandreczki^) 
und Petermann*) sich mit der Sekte am eingehendsten beschäftigt. Nie- 
buhr^) hat Jeziden am Zäb getroffen und mit gewohntem Eifer sich nach 
der Religion der Leute erkundigt, aber nur wenig positives erfahren 
können. Dem englischen Geistlichen Parry®) ist es endlich in Mö§ul ge- 
lungen, Auszüge aus dem heiligen Buch der Sekte, dem Kitäb el Cilwe 
(»Buch der Offenbarungt), zu erhalten und damit authentische Nach- 
richten zu bringen. Lidzbarski*) publicierte mit eigenen Anmerkungen 
ein interessantes Schriftstück des Sammelbandes Cod. Sachau 200 der 
Kgl. Bibliothek zu' Berlin (das übrigens mit einigen Auslassungen und 
geringen Abweichungen bereits von Parry*®) in englischer Uebersetzung 
mitgeteilt wurde), in welchem bei einer Darlegung der Gründe, die den 
Jeziden ein Dienen im regulären türkischen Heere unmögUch machen, wert- 
volle Notizen über die jezidische Lehre gegeben werden. Im allgemeinen 
sind im Orient weder Muhammedaner, noch Christen über die Religion de 
Jeziden orientiert; sie pflegen ihnen alles mögliche schändliche nachzu 
sagen, wie es gewöhnlich bei Geheimreligionen der Fall ist. 

Die Sekte scheint nicht aus dem Islam heraus entstanden zu sein; 
sondern von altheidnischen orientalischen Religionen abzustammen. Sie 
hat aber aus dem Islam, wie aus dem Christentum und Judentum 
mancherlei aufgenommen, so dass das Religionssystem ein krauses Durch- 
einander von allen möglichen religiösen Vorstellungen und Lehrbegriffen 
ist. Der Name leitet sich wahrscheinlich von dem Persisch-Kurdischen 
Worte Jezd (»Gott«) her, wird aber von den Jeziden, den Muham- 

*) Journal Asiaiique, Serie 7, Bd. XV S. 78 ff. und Bd. XX S. 252 ff., sowie S^rie 8» 
Bd. V, S. 78 ff. 

*; Journal Asiaticiue, Serie 9, Bd. VII S. 100 ff. 

') Annales du Musee Guimet, Paris 1892. 

* Verjjl. ferner Noiice sur les Vezidis in M • • •, Description du PachAlik de Bagdad» 
S. 183 — 210. 

*) Reise von Smyma bis Mosul, Stuttgart 1857, Bd. 111 S. 293 — 296 und 309 — 322. 

®; Reisen im Orient, Leipzi$r 1860, Bd. II S. 331 ff. 

'' Voyajjes en Arabie, Amsterdam 1780, Bd. II S. 279 ff. 

^] Six months in a Syrian Monastery, London 1895, S. 357 ff. 

"; Ein Expose der Jeziden, in Z. D. M. (j., 1897, Bd. LI S. 592 ff. VcrgL ferner 
Chwolsohn, die Ssabier und der Ssabismus, passim; Hoffmann, Auszüge aus syrischen Akten 
persischer Märtyrer, S. 125, 126; Sachau, Reise in Syrien und Mesopotamien, S. 23 1. 

*®; a. a. O. S. 372, 373. Parry giebt irrtümlich als Datum 1389 A. D., wohl sUtt 1289 
der Higra; No. 3 Lidzbarskis ist jedenfalls die von dem Gewährsmann Parrys ans« 
gelassene No. 4. 



Kap. XIIL Der Name JezTden. — Entstehung and Grandlehren der Jeziden. i^o 

mcdancm zu Liebe — .oder besser aus Furcht vor ihnen — , auf den 
omaijadischen Chalifen Jezid zurückgeführt. Sie selbst nennen sich ge- 
wöhnlich Däzeni, im Plural Dawäzin. 

Die Zeit der Entstehung der Sekte ist unbekannt, vielleicht aber 
erst in jener mit dem Einfall der Mongolen abschliessenden Periode zu 
suchen, in welcher in Persien die gegen die arabische Herrschaft ge- 
richteten Bestrebungen in der Neugründung merkwürdiger Religions- 
gebilde, vorwiegend auf der Grundlage der alten Nationalreligion unter 
Beimischung muhammedanischer und anderer Ideen, ihren Ausdruck 
landen ^). 

Der Grundgedanke der Lehre der Jeziden stammt offenbar aus der 
Religion des Zoroaster, auch von den Harräniern ist manches ent- 
nommen. Sie erkennen zwei Prinzipe an. Das Gute, nämlich Gott, dessen 
letzte Inkarnation in Schcch *Adi*) stattgefunden hat, nennen sie Bälä, 
d. h. Hoher. Etwa 45 Kilometer nördlich von Mö§ul befindet sich das 
Grab dieses Schech *Adi^), welcher unter der Regierung des Abbasiden- 
Chalifen Muktadir (908 — 932) aufgetreten sein soll. Es ist das Central- 
heiligtum, das jeder Jezide wenigstens einmal im Leben besuchen muss 
und woselbst im Oktober jedes Jahres ein grosses Fest stattfindet. Das 
andere Prinzip, das Böse, ist der Schetän, Satan, wohl identisch mit dem 
Melek Täüs, dem König oder besser Engel-Pfau*) der Jeziden. Im all- 
gemeinen ist dieses zweite Princip dem ersten nur untergeordnet und mit 
demselben in der Person Gottes vereinigt. Die Jeziden erweisen dem 
Schetän aber besondere Verehrung und gelten desshalb nach dem Glauben 
des Volkes als Teufelsanbeter. Diese Verehrung findet vornehmlich darin 
ihren Ausdruck, dass das Aussprechen sowohl des Namens Schetän 
wie aller ähnlich klingender Wörter perhorresciert wird*^). Man erzählt 
sogar, dass jeder, der gegen diese Regel verstösst, selbst wenn er ein 
Gast des Stammes ist, sofort getötet werden muss, um das sonst aus der 



*) Verfiel. Band I dieses Werkes, Kap. IV S. 120 ff. — Petermann hat in Mö^ul 
(s^ehört, dass die Jeziden die Drusen kennen sollen, »von denen sie sagen, dass sie aus der 
Zeit der alten assyrischen oder persischen Könige stammen und Ueberreste von den Truppen 
oder Kolonisten derselben seien, die auf den Bergen oberhalb Palästinas sich niedergelassen 
und von Gott abgewendet haben«. Petermann ^^luubt, dass sie deshalb auch ihren Namen 
von dem persischen dür (d. i. »entfernt«) und jezd (d. i. »Gott«, also »entfernt von Gott«) 
ableiten; a. a. O. Bd. II S. 331. 

') Nach anderen wäre Schech *Adi die Inkarnation des bösen Princips (vergl. Parry 
a. a. O. S. 372), noch andere sehen in ihm nur einen Minister Gottes. 

•) Schech 'Adi stammte aus der Umgegend von Aleppo. Vergl. Parry a. a. O. 
ij. 361, 367. 368. 

*) Nicht arabisch malik sondern mal'ak. 

*) VcrgL Layard, Niniveh und seine Ueberreste, S. 158. 



I CO . l^ap- XIIL Politische and (geistliche Verfassung der Jeaden. 

Uebertretung entstehende Unheil abzuwenden*). Die Jeziden müssen 
dreimal im Jahre das Bild des Melek Täüs — eines Vogels auf einem 
Leuchtcrgestell *) — besuchen, und ihm ihre Verehrung darbringen^). 
Melek Täüs gilt als der Herr der Erde. Die ebenso unsichtbare andere 
Wesenheit Gottes gilt als Herr des Himmels. Sechstausend Jahre lang 
hat Melek Täüs bereits regiert, vier andere Jahrtausende bleiben ihm noch 
übrig. Nach Ablauf dieser Zeit werden sechs andere Perioden folgen, 
jede gleichfalls zehntausend Jahre lang, in welchen Gott sich in einer 
anderen Form offenbaren wird. 

Ihrer Verfassung nach haben die Jeziden ein politisches Oberhaupt 
mit dem Titel Emir oder Beg*), und ein religiöses, welches den Titel 
Schech führt und dem ersteren untergeordnet ist. Die Aemter dieser 
beiden erben sich innerhalb zweier Familien fort. Die Emire sollen 
von dem Perserkönige Sapor abstammen*). Ausser dem eigentlichen 
Schech giebt es noch eine geistliche Hierarchie in mehreren Klassen. 
Zur ersten gehören die Pir, arabisch Schech (»Altec), genannt*), die 
die religiösen Feste zu überwachen haben; zur zweiten die Kauwäl, 
» Sprecher €, welche namentlich die Hymnen und Litaneien recitieren; zur 
dritten die Kodschak, » Musikanten c^), zur vierten die Fakir, » Derwische t, 
welche die Kinder in der Religion unterrichten^. Parry*) giebt noch 
eine weitere Klasse an, die Mulla, welche die heiHgen Bücher und 
Mysterien zu bewahren, die Angelegenheiten der Gemeinde zu schlichten 
und den weltlichen Unterricht zu erteilen haben. 



'; Vcrgl. Kitäb cl Gilwe Arükel 4; Parry a. a. O. S. 376. Vergl. ferner § 5 des 
Katechismus bei Lidzbarski a. a. O. S. 600. Hiemach müsste in einem solchen FaJle 
der betr. Jezidc den Teufclslästerer und sich (nach Parry a. a. O. S. 373 oder sich) 
selbst töten. 

') Abbildungen des Melek Täüs bei Bad^er a. a. O. Bd. I S. 124 nnd La3rard. 
Ninive und Babylon, Tafel 15, No. H. 

') Vergl. Parry a. a. O. S. 372 und Lidzbarski a. a. O. S. 598 Anm.; übrigens werden 
Bilder des Melek Täüs im Gebiete der Jeziden herumgeführt. 

*]. Der gegenwärtige Emir der Jeziden soll *Aliv ein Sohn Hnsen Begs, sein, welch' 
letzterer diese Würde über 40 Jahre lang bekleidet hat. 

*; Vergl. Parry a. a. O. S. 378. 

•) Vergl. Lidzbarskif a. a. O. S. 599, Anm. 4. 

''^ Musik und Tanz scheinen bei den Jeziden eine besondere Rolle zu spielen. Bei 
ihnen sollen, ganz im Gegensatz zu den übrigen Orientalen /Christen. Juden und Mnhamme- 
danem), Krauen und Männer gemeinsam sich umschlingend tanzen. 

^ Vergl. Layard und Petermann. Badger dagegen zählt a, a. O. S. 131 folgende 
vier Klassen: die Pir, die Schech als Schreiber der Sekte, die Kauwäl, welche nach ihm 
identisch sind mit den Musikanten, und die FaVir. 

»} a. a, O. S. 308. 



Kap. XIIL Religiöse Gewohnheiten. — Beziehung^en zu anderen Dogmen. j c i 

Die Jeziden halten sich für das auserwählte Volk Gottes*), welches von 
Schech *Adr und dessen zeitgenössischen Anhängern entstamme. Ihre 
Schöpfungs- Geschichte ist ungemein phantastisch*). Hiernach wären die 
Jeziden die Kinder Adams, nicht jedoch Evas, die nur die Mutter der 
Christen, Juden, Muhammedaner und Andersgläubigen wäre. 

Den Jeziden gilt Beten und Fasten wenig. Beschneidung und 

Taufe innerhalb sieben Tagen nach der Geburt ist vielfach üblich, 

doch nicht obligatorisch. Heiraten und Ehescheidungen sind leicht. 

Jeder darf sechs Frauen heiraten, der Emir aber so viele er will. Als 

Zeichen, dass er der Herr des Weibes geworden, muss der junge 

Gatte seine Frau mit einem Steine bewerfen. Wenn ein einmal in die 

Fremde gereister Jezide mehr als ein Jahr von seinem Hause abwesend 

bleibt, so darf er nach seiner Rückkehr nicht wieder mit seiner Frau 

zusammen leben, und kein Jezide darf ihm seine Frau geben ^). Den 

Toten wird ein Stückchen Erde aus der Umgebung des Grabes Schech 

'Adls in den Mund gelegt Gott kann die Seele, wenn er will, nach 

dem Tode des Menschen in andere Wesen wandern lassen (Kitäb el 

öilwe, Artikel 2), und zwar in andere Menschen oder aber, zur Strafe, 

in Tiere. 

Dem Islam ist neben manchem anderen die Lehre von der Auf- 
erstehung und der Brücke E§ Sirät entnommen, die schmaler als ein 
Haar, aber ein klein wenig breiter als die gut geschliffene Schneide 
eines Rasiermessers ist und über welche jeder schreiten muss, der ins 
Paradies gelangen will. Christus gilt ihnen als die Fleischwerdung eines 
guten Engels, der dereinst mit dem Imäm Mahd!*) wieder erscheinen 
wird. Die Verquickung christlicher und isma'ilischer Ideen ist hier 
unverkennbar '^). Die Religionsbücher Andersgläubiger erkennen sie nur 
insofern an, als sie den eigenen Grundsätzen nicht zuwider laufen. 

\) Kitäb el öilwe, Artikel 2; vergl. Parry a. a. O. S. 375. 

*) Zwei verschiedene Wiedergaben der Genealogie bei Parry a. a. O. S. 377 ff. 
und 380 ff. 

•> Vergl. Parry § 8 a. a. O. S. 373. Nach Lidzbarskis Wiedergabe des Katechismus 
drohen diese Konsequenzen jedoch dem Manne« welcher in der Fremde (selbst?) weniger als 
ein Jahr verbleibt a. a. O. S. 601. 

*) Vergl. Parry a. a. O. S. 364. 

*; Als Rest eines alten Sonnenkultus mag folgende Vorschrift des Katechismus 
angeführt werden: »Jeder Jezide muss täglich bei Sonnenaufgang einen Ort aufsuchen, wo 
er den Sonnenaufgang schauen kann, und zwar darf sich daselbst kein Muslim und Christ 
oder Jude (oder sonst, ein Andersgläubiger) befinden«. Lidzbarski a. a. O. S. 599. Be- 
zeichnender Weise ist dieser zu sehr an das Altheidnische erinnernde Paragraph derjenige, 
der Parry von seinem Gewährsmann nicht mitgeteilt wurde. Vergl. auch Petermann a. a. O. 
Bd. II S. 333; Chwolsohn a. a. O. Bd. I S. 296, Parry a. a. O. S. 359. 



IC2 Kap. XIIL Statistik. — Kämpfe der Jeaden mit der Regiening. 

Trotz des Kitäb el äilwe^) zählen die Jeziden bei den Mubamme- 
danern nicht zu den Ahl el Kitäb, den Religionsgemeinden, welche ein 
vom Koran anerkanntes Buch besitzen^. 

Die Zahl der Jeziden wird sehr verschieden geschätzt. Die Angaben 
darüber schwanken zwischen 50000 und looooo. Die Jeaden wohnen 
vornehmlich im mittleren Kurdistan, nördlich von Mö^ul und im Singär- 
gebirge. Auch giebt es einige Jezidendörfer in Russisch-Kurdistan und 
am öebel Sim'än westlich von Aleppo. Die Jeziden des Singär sollen 
zu' den Christen von Mö$ul, aber auch von Märdin und anderen nörd- 
lichen Städten besondere Freundschafts- und Handelsbeziehungen unter- 
halten, stehen aber sonst isoliert und liegen in ununterbrochener Fehde 
mit den umwohnenden Beduinen ; dagegen gewähren sie den nach Meso- 
potamien in das Gebiet ihrer Erbfeinde, der Schammar, häufig Einfälle 
unternehmenden *Aneze stets Zuflucht und Unterstützung. 

Die Jeziden gelten als ein derbes Gebirgsvolk, tapfer, aber hinter- 
listig, grausam und räuberisch. Ihre Raubzüge haben mehrere Male 
schon die türkische Regierung zu energischen Repressalien veranlasst. 
1832 unternahm der kurdische Beg von Rawandüz gegen die nördlichen 
Jeziden am öebel Tör einen Feldzug, bei dem viel Blut geflossen sein 
muss'). Im Jahre 1838*) führte der damalige Pascha von Diärbekr, 
Häfiz, einen Kampf gegen sie der ebenfalls viele Menschenleben ge- 
kostet hat, da die Jeziden sich in ihren Bergen verzweifelt wehrten. Sie 
mussten sich endlich zu einer Tributzahlung bequemen und einen 
türkischen Beamten bei sich aufnehmen. Kurz darauf wurden aber- 
mals kriegerische Unternehmungen gegen die Sing^ärli notwendig. Im 
Jahre 1844^) eröffnete Bedr Chan, der kurdische Beg des öebel Tör, 
einen Glaubenskrieg sowohl gegen die Jeziden als auch gegen die Nes- 
torianer, doch liess die türkische Regierung wieder bald danach grössere 
Milde gegen sie walten. Aber nur zwei Jahre später, im Oktober 1846, 
unternahm Taijär Pascha, der damalige Gouverneur von Mösul, nach 

*' Parn' a. a. (). S. 357 spricht noch von einem weiteren heiligen Buche, dem 
»schwarzen Buche«. 

-) Diese Auffassunjj gab zur Zeit meiner Anwesenheit in Mesopotamien zu der Frage 
Anlass, ob die im Kriej^e gefangenen Jeziden von muhammedanischem Standpunkte aus als 
Sklaven betrachtet werden dürften. Vergl. unten S. 163. Der bekannte *Ali Pascha von 
Bafdäd scheint die Frage seiner Zeit bejaht zu haben. Vergl. Corancez, Description du 
Pachalik de Bagdad, S. 99. 

*) Parry a. a. O. S. 358 giebt an, dass damals der Mö$ul gegenüber gelegene 
assyrische Ruinenhügel von Kojungylf seinen Namen von dem dort stattgehabten Jeziden- 
gemetzel erhalten habe; um diese Erklärung zu gewinnen, stellte man das Wort mit dem 
türkischen \^o]\in )» Hammel« zusammen und deutete es als »Hammelschlachten«. 

*) Vergl Kitler a. a. O. S. 751. 

*' Vergl. Badger a. a. O. S. 133. 



Kap. XIIL Die Mission 'Omar Wehbi Paschas. i j j 

dem Sing^är einen Zug*) zunächst nur, um die Lage der Jezlden zu 
untersuchen; die Expedition endete mit vollständiger Unterwerfung der 
Jeziden, die von nun an auch zum Militärdienst gezwungen werden 
sollten. Sie erhielten aber 1849 durch Intervention des damaligen 
englischen Botschafters in Konstantinopel Sir Stratford einen Firman des 
Sultans, der ihnen völlige Religionsfreiheit zusicherte und sie mit den 
übrigen Sekten des Osmanischen Reiches auf gleiche Stufe stellte*); 
ferner wurde ibnen versprochen, dass Anstalten getroffen werden sollten, 
sie von solchen militärischen Verpflichtungen zu entbinden, welche mit 
der strengen Beobachtung ihrer religiösen Pflichten unvereinbar wären. 

Erst im Jahre 1872 (1289 d. H.) scheint ein weiterer Versuch 
gemacht worden zu sein, die Jezlden zum Militärdienste heranzuziehen. 
Die Jezlden unterbreiteten bei dieser Gelegenheit dem von Konstan- 
tinopel nach Mö§ul entsandten Mubammed Tähir Beg eine Denkschrift, 
in welcher sie eingehend die Gründe auseinander setzten, die ihnen den 
Kriegsdienst als mit den Lehren ihrer Religion unverträglich und daher 
als unmöglich erscheinen Hessen. In der Denkschrift^) bitten sie, gleich 
den Syrern und Juden statt zum Heeresdienst zu einer besonderen Kopf- 
steuer herangezogen zu werden. Abermals nahm die Regierung von 
der Ausführung ihrer Absicht Abstand. 

Nicht lange vor meiner Reise wurde ein besonderer Vertreter der 
hohen Pforte, der Ferik (Divisionsgeneral) 'Omar Wehbi Pascha nach Meso- 
potamien gesandt mit dem Auftrage, in den Wilajets Mö§ul, Bardäd und 
Ba§ra Reformen verschiedener Art einzuführen und rückständige Steuern 
einzutreiben. Dem Pascha scheint seine Aufgabe den Kopf verwirrt zu 
haben. Er Hess den Jeziden durch Emissäre sagen, dass im Ottomanischen 
Reich nur die Ahl el Kitäb geduldet werden könnten. Sie hätten sich sofort 
zu entschliessen, ob sie die heiligen Bücher der Juden,^Christen oderMuham- 
medaner anerkennen wollten, widrigenfalls sie Ausrottung mit Feuer und 
Schwert zu gewärtigen hätten. Selbstredend lag hierin die Aufforderurig, in 
aller Form den Islam anzunehmen und alle Konsequenzen, so auch die be- 
reits früher wiederholt geforderte Leistung von Kriegsdiensten im regulären 
Heere, zu tragen. *Omar Pascha gab den Jeziden-Schechs eine kurze 
Frist als Bedenkzeit, und soll nach deren Ablauf eine Anzahl der einfluss- 
reichsten Jeziden des Sinj^^är und Gebel Tor im Serai zu Mö^ul auf ihre 
Erklärung, dass sie lieber sterben als ihren angestammten Glauben ver- 
leugnen wollten, mit Revolvern haben niederschiessen und die Leichen in 
einem Massengrab verscharren lassen. Unmittelbar darauf wurde durch 

^) Layard, welcher den Pascha auf seinem Zuge bejjleitete, giebt eine ausführliche 
Beschreibung davon in seinem Buche Ninive and its rcmains, Bd. I S. 310 ff. 
*) Vergl. Layard, Ninive und Babylon, S. 3. 
•) Vergl. Parry a. a. O. S. 372, 373» und Lidzbarski a. a. O. S. 592 ff. 



I c^ Kap. XIII. Neuerliche Unruhen. — Ethno^aphische Stellung der Jeziden. 

'Omar Paschas Sohn ein regelrechter Krieg gegen die Jeziden eröffnet, und 
der Ferik hetzte gleichzeitig die muhammedanischen Kurden sowie die 
Schammar und die anderen umliegenden Beduinen auf die unglücklichen 
Sektierer, die sowohl im (icbel Tor wie im Singär von ihren Feinden, 
die sich der Unterstützung der Regierung bewusst waren, mit grösster 
Grausamkeit angegriffen wurden. Die Jeziden suchten bei den euro- 
päischen Konsuln und der christlichen Geistlichkeit in Mö$ul Schutz, 
und diese, gleichzeitig aber auch hohe türkische Beamte .selbst, wandten 
sich beschwerdeführend gegen 'Omar Pascha nach Konstantinopel. Er 
wurde auch bald darauf, im Frühjahr 1893, abberufen^). *Omar Pascha 
soll zudem den absonderlichen Befehl erlassen haben, dass in. den 
Moscheen Mö§uls in der Chutbe, dem Kanzelgebet, neben dem Namen 
des Sultans sein eigener genannt werde. Die Feindseligkeiten gegen 
die Jeziden ruhten nun zwar, wurden aber bald wieder aufgenommen,, 
zumal jene sich weigerten, den rückständigen Tribut zu bezahlen. Gerade 
als ich mich in Mesopotamien befand, begann die Garnison von Mö«;ul 
einen neuen Feldzug gegen den Singär. Die von den muhamme- 
danischen Kurden wieder hart bedrängten Jeziden des Nordens, welche 
jetzt der Ansicht waren, dass diesmal ernstlich der Vernichtungskrieg 
gegen sie beginnen sollte, flüchteten, wie berefts erwähnt, über den Tigris 
durch die mesopotamische Steppe nach dem Sing^är zu, um mit ihren 
Glaubensgenossen gemeinsam sich zu verteidigen. Unterwegs hatten sie 
natürlich mit den Beduinen ununterbrochen Kämpfe zu bestehen, die 
mit wechselndem Glück geführt wurden. 

Der Ausgang des Kampfes war leicht vorauszusehen. Immerhin 
dauerte er noch mehrere Wochen, nachdem ich Mesopotamien verlassen 
hatte. Die Jeziden wehrten sich wacker, unterlagen jedoch der Ueber- 
macht. Die Pforte zog dann wieder mildere Saiten auf; sie begnügte 
sich mit einem Teil des schuldigen Tributs, und gegenwärtig ist im 
Sing^är und in den übrigen Gebieten der Jeziden wieder alles ruhig. Allem 
Anschein nach haben die Jeziden sich ihre alten Freiheiten bewahrt. 

Die ethnographische Stellung der Jeziden ist noch nicht entschieden. 
Wahrscheinlich sind sie mit den Kurden nahe verwandt. Ein kurdi- 
•scher Stamm, der gleichfalls den Namen Dawäzin trägt, soll in der Nähe 
von Suleimanije leben*). Die Sprache der Jeziden nördlich von Mö$ul 

*) Parry a. a. O. S. 252 ff.) giebt an der Hand von Mitteiliinß:en eines gewissen 
christlichen Mö^ulaners, Namens Shammas — dessen Glaubwürdigkeit er übrigens selbst 
herabwürdigt, — ein mit zweifellos übertriebenen Farben blutrot gefärbtes Bild des Vorgehens 
des Feri^, dessen Namen er schon irrtümlich regelmässipf Osman Pascha schreibt. 

') Vergl. Layard, Niniveh und seine Ueberreste, S. 163. — Herr de Goeje macht 
mich allerdings darauf aufmerksam, dass der Name wohl von dem ^ebel Däsin (vergl. 
Hoffmann, Auszüge u. s. w. S. 206) abzuleiten, also Däsini zu schreiben sei. 



Kap. XIII. Jezidische Niederlassungen im Singär. icc 

und der Sing^ärli ist kurdisch. Dabei ist es nicht unmöglich, dass auch 
Bestandteile der alten aramäischen Bevölkerung sich unter ihnen erhalten 
haben, die in früherer Zeit in Mesopotamien und den anliegenden 
kurdischen Bergen gehaust hat und deren Reste sich hier insbesondere 
bei den Nestorianern noch verhältnismässig unvermischt vorfinden. Für 
diese Annahme sprechen auch die erwähnten Anklänge jezldischen 
Glaubens an die Lehre der alten Harranier. Wann das Sing^ärgebirge 
von den Jeziden bevölkert wurde, oder ob es niemals seihe eigentliche 
Bevölkerung gewechselt hat, wissen wir nicht. Jedenfalls scheint der 
Singär in ähnlicher Art wie das Gebirge Kurdistans geeignet, die Eigenart 
in Familie und Anschauung Jahrhunderte lang zu erhalten. Im 12. und 
13. Jahrhundert n. Chr. finden wir eine Dynastie der Atabegs im Singär^) 
(11 70 — 1220), die dann von den Eijubiden abgelöst wurde, bis die 
Tataren in Vorderasien tabula rasa machten. Später dürfte der Sing^är die 
Geschicke Mö$uls, Ne§iblns, Märdlns und der umliegenden mesopo- 
tamischen, zur Wüstensteppe gewordenen Ebene geteilt haben, und 
dann mag ein Teil der Jeziden vom Gebel Tör u. s. w., nachdem sie 
vorher kurdisiert worden waren, auf Grund von Verfolgungen nach dem 
verödeten, leicht zu verteidigenden Sing^är gezogen sein, in ähnlicher 
Weise vielleicht, wie ein Teil der Drusen des Libanon im vorigen Jahr- 
hundert und neuerdings im Haurän sich eine neue Heimat gründete. 

Im ganzen sollen die Jeziden im Singärgebirge 25 Dörfer, be- 
sitzen. Nach einer Mitteilung meines Freundes, des deutschen Konsuls 
Richarz in Bardäd, sollen diese Dörfer aus Lehmhütten bestehen, die mit 
einem Geflecht von Aesten bedeckt sind. Die Lehmhütten sollen ein 
einziges, halb unterirdisches, grosses Gemach enthalten, welches sämtlichen 
Arbeitsverrichtungen sowie als Küche und Schlafkammer dient. Die 
Decke wird durch unbehauene, oft krumme Baumstämme getragen. Rohe 
Tröge aus Lehm nehmen die Stelle von Truhen und Koffer zur Auf- 
bewahrung der Utensilien des Hausstandes ein. Wenn die ganze Be- 
völkerung oder einzelne Bewohner eines Jeziden -Dorfes zeitweilig ihren 
Wohnsitz verlassen, um andere Weidegründe für ihr Vieh aufzusuchen, 
so wird die einzige Thür des Hauses einfach mit Lehm zugemauert. Die 
Jcziden-Dörfer im Singär sind meist an den Abhang des Gebirges wie 
Raubvogelnester angeklebt. Von weitem sind sie sehr schwer zu er- 
kennen, da sich ihre Farbe durch nichts von dem umgebenden Gestein 
unterscheidet 



In dem hügeligen Terrain, in welchem unser Zusammentreffen mit 
den öebesch stattgefunden, hatten wir die Wasserscheide zwischen 

') Vergl. Stanley Lane-Poole, The Mohammadan Dynasties, London 1894, S. 163. 



I c5 Kap. XnL Wanencheide zwiBchen Eaphrat und Tigris. — Der Chan e$ ^ufeije. 

Euphrat und Tigris erreicht. Am nächsten Morgen verHess die Karawane 
unter dem Schutze der öebesch um 7 Uhr den Lagerplatz, wir selbst 
brachen erst um 8 Uhr 40 Minuten auf, in südöstlicher Richtung dem 
Sei es Suwedije folgend. Um 10*/« Uhr mündete ein kleiner Wasserlauf in 

den Bach. In der Nähe befand sich ein Teil, dessen Name el Chan jli-^ 

vermuten lässt, dass der Ruinenhügel neben anderen Trümmern einen 
Chan aus früherer Zeit birgt, der jetzt spurlos von der Oberfläche ver- 
schwunden ist. Um iiV* Uhr lag rechts ein anderer Hügel mit einem 
weiteren wasserhaltenden Zufluss; man nannte diese Stelle e$ Sufeije 

<Jlj^\\ um II Uhr 30 Minuten, 11 Uhr 40 Minuten und 11 Uhr 

50 Minuten wurden ausgetrocknete Bäche gekreuzt. Um 12 Uhr 
20 Minuten überschritten wir den Suwedije in einer ziemlich tiefen, 
wenn auch nicht breiten Furt und erstiegen auf dem rechten Ufer 
ein steiles, aber nicht sehr hohes Plateau, auf dem rechts von dem 
hier deutlich sichtbaren Wege Ruinengemäuer vor uns lag, das 

die Kurden Chan et Tachtik ^iX^\ jU-, die Araber Chan e§ Sufeije 

<j^\ jw nennen. Ich bestieg den Berg und fand zu meiner Ueber- 

raschung auf der Höhe die Trümmerreste eines grösseren Gebäudes. 
Vier Mauern umschlossen einen rechteckigen Hof von 19 zu 23 Schritt 
im Geviert; an der einen Schmalseite schlössen sich fiinf Gewölbe- 
nischen an, von denen die mittelste circa 4 m, die beiden dieser zur 
Seite liegenden je etwa i m, die beiden äusseren Nischen aber je etwa 
2';« m lichte Breite hatten» alle waren etwa 2^\% m tief; an ihrer zer- 
fallenen Schlusswand zog sich ein überwölbter Korridor von etwa 1^/2 m 
Breite hin, der am Hinterende deutliche Spuren einer zur letzten Nische 
hinabführenden Treppe zeigte, ein Beweis, dass ein Teil des Baues jeden- 
falls früher zwei Stockwerke besass. Von dem Korridor aus konnte man 
in die Gewölbeteile der Nischen hineinsehen. Ucber die Anlage des Ge- 
bäudeteiles jenseits des Korridors war aus dem vorhandenen Ziegel- und 
Schuttkomplex nichts näheres festzustellen. Zahllose weitere Mauerreste 
Hessen auf eine frühere grössere Niederlassung schliessen. Auf unserem in 
östlicher Richtung fortgesetzten Weg kamen wir bald an Ziehbrunnen, 
die zweifellos zu der beschriebenen Oertlichkeit gehörten. Weder von 
meinen Begleitern, noch aus späteren Erkundigungen konnte ich Aufschluss 
über die alte Stadt und das noch erhaltene grössere Bauwerk erhalten. 
Vielleicht ist es die Zwingburg eines arabischen oder kurdischen Fürsten 
gewesen, der hier in fast uneinnehmbarer Position die Strasse beherrscht 
hat, vielleicht aber liegen die Reste eines Sassanidenbaues vor. 



Kap. Xin. Im Dorfe Häwi Zummär. jcj 

Um 1 7« Uhr zogen wir weiter und kamen 5 Minuten später 
an einen trockenen Wasserlauf. Um i Uhr 50 Minuten zweigte sich 

rechts der grosse Weg nach Teil Müs (^>^ J^ ^b; i Uhr 55 Minuten 

wurde wieder ein trockener Bach, 2 Uhr 15 Minuten ein wasserhaltiger 
überschritten, 2 Uhr 20 Minuten befanden wir uns auf einem Plateau, 
von dem aus wir die vorderen Berge an der rechten Tigrisseite über- 
schauen konnten, welche, eine Fortsetzung des Kara Tschofe, den Fluss 
als niedrigeres Randgebirge bis Mö§ul begleiten. Da der Weg aufgehört 
hatte, so mussten wir auf gut Glück steil bergab gehen und kamen um 
374 Uhr wieder an den Suwedlje, den wir jetzt auf der linken Seite 
hatten. Die Landschaft war hier hervorragend schön, der Bach bildete, 
aus dem Gebirge herausgetreten, ein weites Thal, das zu beiden Seiten 
von hohen Bergen eingefasst war. Die südliche Wand bestand aus rotem 
Gestein, auf welchem grosse Konglomeratblöcke lagerten. Wir über- 
schritten nun wieder das Gewässer, das allmählich sehr breit wurde, und 
folgten ihm bis zu seiner deltaartigen Mündung in den Tigris. Um 
4 Uhr brachen die den Bach umrahmenden Berge plötzlich ab, und wir 
betraten die Tigris-Ebene. Eine Viertelstunde weiter lag auf einem 
offenbar künstlichen Hügel, der wohl die Reste einer antiken Stadt 
bergen mag, am Beginn des Suwedije-Deltas ein Kurdendorf mit festen 
Lehmhütten; auch waren weitere Erhebungen innerhalb des Mündungs- 
gebietes bemerkbar. Das Dorf wurde Häwi Zummär jU j ^ jW genannt, 

noch im arabischen Mittelalter stand hier ein nicht unbedeutender Ort, 
Kafar Zummär^). Bei einem weiteren, nördlich, unmittelbar am Tigris 
gelegenen, aus Mattenhütten und Zelten zusammengesetzten grossen 
Kurdendorf schlugen wir unser Lager auf. 

Die Dorfbewohner zeichneten sich durch kräftigen und stattlichen 
Wuchs aus; die Frauen waren zum Teil auffallend schön. Die Wohnung 

des Dorfhäuptlings (Ära \^1), Namens *Omar el Mast! Jä-JI\ yf'^ stellte 

einen Komplex von verschiedenen Lehmhäusern dar. Der Schlafraum 
des Schech und seiner Familie lag auf einem oben auf dem Dach aus 
Stangen und Lehm erbauten Gerüst Man gab uns zu Ehren ein Gast- 
mahl, das auf langen, schmalen, läuferartigen Teppichen angerichtet 
wurde, die auf dem zuvor geebneten Boden vor dem Hause des Schechs 
ausgebreitet waren. Auf diesen Teppichen kauerten sich die Teilnehmer 
nieder und griffen in die dazwischen in langer Reihe und immer gleicher 
Folge aufgestellten Schüsseln, von denen die erste Fleisch, das von den 

^) Vergl. die Mitteilungen de Goejes am Schlüsse dieses Kapitels. 



icg Kap. Xlll. Im Dorfe Häwi Zammar. 

Kurden sehr gern gegessen wird, die zweite Reis, die nächste Gemüse 
und die letzte Süssigkeiten enthielt. Sämtliche Speisen waren kräftig 
und schmackhaft zubereitet. Bei Sonnenuntergang verrichteten die 
Kurden gemeinschaftlich ihr Gebet, wobei der Schech als Vorbeter 
fungierte, ein Beweis von Frömmigkeit, von der bei den Beduinen 
wenig zu beobachten war. Das Tigristhal erschien mir hier äusserst frucht- 
bar, die Lokalität für eine grössere Niederlassung sehr geeignet 

In der Nähe des Dorfes befindet sich eine viel benutzte Furt über 
den Tigris. Nicht weit von hier sollen nach Angabe der Kurden im 
Kara Tschok- Gebirge zwei bemerkenswerte, ziemlich gleichartige Ruinen 
liegen; die eine, 2 Stunden vom Dorfe und i^/i Stunden vom Tigris ent- 
fernt, heisst El Ciezrünije <^JJ^\t und befindet sich auf einem Berg- 
gipfel; sie enthält die Ueberreste einer älteren Stadt; Kuppelbauten, 
ein Chan und ein Bad sollen noch in gutem Zustand sein. Die 

andere, Subel ^ i-^-w genannt, liegt 4 Stunden von Häwi Zummär und 

2 Stunden vom Strom entfernt. Die Kurden beschrieben mir eine Route 
von Cieziret ibn *Omar nach Mö^ul mit vier Etappen: die erste am 

Bach Säfän Dere jviu^, einem Zufluss des Tigris, eine halbe Stunde 

nördlich von Fesch -Chäbür jy\i- lAt (F'eschabür j ji Lia5) , in dessen 

Nähe kleine Ruinen sein sollen; die zweite Häwi Zummär, die dritte 

Eski Möi?ul ^ \^ ^ rt^ und die vierte Mösul. 

Die Karawane brach von Häwi Zummär am anderen Morgen um 
5^2 Uhr auf; wir selbst folgten gegen 6\,2 Uhr in südlicher Richtung mit 
geringer Neigung nach Osten. In der Ebene marschierend, fanden wir 
um 7 Uhr ein Gebür- Lager von 30 Hütten. Um 7^/4 Uhr wandten wir 
uns vom Flusse ab und begannen zu steigen. Um 8 Uhr überschritten 
wir einen kleinen wasserlosen Zufluss des Tigris, Namens Schu*eb el 

Kohäf <^^x)l ^^\M.^. Die Richtung ging jetzt wieder nach SSW. in die 

Wüste hinein. Hier hatten wir den ersten von zwei Hügeln, die uns als 

Tulül el Kohäf *^l^l J^^) bezeichnet wurden, zu unserer Rechten. 

Eine Viertelstunde später überschritten wir denselben Bach wieder und 
passierten den zweiten der beiden Hügel. 8 Uhr 25 Minuten kamen wir an 
einen Scheideweg. Wir nahmen den links, ostwärts, mit geringer Neigung 
nach Süden führenden Weg auf, der rechts liegen bleibende ging in Südwest- 

\> Wie die Namen Schu'eb el Kohäf und Tulül el Kohäf zu erklären seien, konnte 
ich nicht erfahren, denn Höhlen (Kohäf) waren nirgends zu sehen. 



Kap. XIII. Der Öebel 'Ain Zale. — Eine Begegoung in der Wüste. 15g 

• 

lieber Richtung nach *Auvvenät (»kleine Queilent) ZJ^ j^- Bisher war der 
Boden Lehm gewesen, von hier ab trat wieder Gips und Schwerspat zutage. 
Um 8Y» Uhr betraten wir das Hügelgebiet des öebel *Ain Zäle 4)1 j JjVP, 
der das Südufer des Tigris säumt, ehe der Fluss durch den mächtigen 
(iebel el Butm <*LJ\ L>- zu einem weiten Umweg nach ONO. ge- 
zwungen wird. Fast i^/i Stunden konnten wir die Höhenzüge des 'Ain 
Zäle verfolgen, hinter denen die Ruinen von Dörfern liegen sollen. 8 Uhr 
40 Minuten begannen wir wieder bergab zu steigen und erreichten um 
9 Uhr in einer Vertiefung die Quelle *Ain Zäle, die klares gutes Wasser 
gab. Der Abfluss derselben vereinigt sich mit den Bächen vom Teil 

Müs, Abu Marjä l^ j>l, el Murer j yS^ el Hufene <l2i.\ und des Taschte 
AllL?, und ergiesst sich unter dem Namen Abu Marjä nördlich von EskI 
Mö§ul in den Tigris. Um 9^2 Uhr erblickten wir fern im Südwesten den 
öebel *Afer jA^ J^» ^^^ östHche Fortsetzung des Singär. 

Bald darauf begegneten wir spärlich bekleideten und unbewaffneten 
Männern, dem Aussehen nach Kurden, die fast vollständig verdurstet 
waren. Sie flehten uns um Wasser an und gaben an, von Mösul ge- 
kommen zu sein und den Weg verloren zu haben, nachdem sie von 
Beduinen ihrer sämtlichen Habseligkeiten, ihrer Packtiere und ihres Trink- 
wassers beraubt worden waren. Wir zeigten ihnen die Richtung zur Quelle 
*Ain Zäle. Aber kurz nachdem sie uns verlassen hatten, kamen meine 
Begleiter auf den Gedanken, die Leute möchten Jeziden sein, die viel- 
leicht beim Ueberfall eines Beduinendorfes zurückgeschlagen, fliehend mit 
dem nackten Leben davon gekommen seien. Alsbald jagten die Schammar, 
die Zaptije des Mudir von Scheddäde und die anderen Araber mit den 
Büchsen in der Hand den Unglücklichen nach mit der ausgesprochenen 
Absicht, sie ohne Gnade zu töten, falls sich ihre Vermutung bestätigen 
sollte. Ich sprengte hinterher, um nach Möglichkeit ein Blutvergiessen 
zu verhindern. Die Waffenlosen waren zum Tode erschrocken, als wir 
sie erreichten und standen zitternd mit erhobenen Händen vor ihren 
Verfolgern, von denen sie einem scharfen Kreuzverhör über ihre Religion, 
über Mubammed,* *AlI, Hasan und Husein unterzogen wurden. Erst 
nachdem jeder einzelne die Glaubensformel ausgesprochen und auf den 
Koran geschworen, dass er ein guter Muhammedaner sei, liess man sie 
unbehelligt ihres Weges ziehen. 

Um 10 Uhr verliessen wir unseren Weg, der bis hierher durch 
zahlreiche Fussspuren deutlich vorgezeichnet gewesen war, um links, 
nach ONO., abschwenkend, eine am Fuss des Cebel il Butm gelegene 



l6o ^P- ^^ Entdeckung der Rainen Ton Abu Wagne. 

Ruinenstadt, Namens Abu Wag^ne <I>-J y\, zu besuchen, von der meine 

Leute viel erzählt hatten, die aber bisher von keinem Europäer aufgesucht 
oder erwähnt ist. Um lO Uhr 20 Minuten überschritten wir einen wasser- 
losen Bach und kamen um loVi Uhr zu dem modernen Dorf Abu Wag^ne, 
das aus Lehmhütten bestand und von Seijids (Säde) bewohnt war. Unsere 
Säde führten ihre Abstammung sämtlich auf Husein, den Sohn des 
Chalifen *Ali, zurück, waren aber trotz ihrer vornehmen Herkunft einfache 
Ackerbauer und befassten sich daneben mit der Herstellung von Na'üras. 
Ihre Hauptbeschäftigung war die Bewirtschaftung einer in der Nähe am 
Flusse gelegenen Domäne, die dem Sultan gehört. Derartige Sultansgüter 

(Aräcji es Senije AjLJ\ ^i^j^)^) sind am Tigris häufig und werden hier 

hauptsächlich von Beduinen, meist Gebür-Leuten, bebaut, die nur 15® o 
des Erträgnisses an die Domänenkasse abzuliefern brauchen. 

Abu Wagne liegt am Südabhang des Cebel el Cöri ^^Jj>-\ Ju>-, der, 

eine Fortsetzung des Gebel *Ain Zäle, dem öebel el Butm vorgelagert ist. 
Hinter dem öebel el Cüri wurden Ruinen sichtbar und auf dem Gipfel des 
(lebel el Butm erblickten wir die anscheinend gut erhaltenen Reste von 

ed Der j J^\ (»Kloster«), das wahrscheinlich mit dem auf Moltkes Karte 

eingezeichneten Kastell^ identisch ist. Südöstlich von Abu Wagne und 
südlich von dem hier in südöstlicher Richtung streichenden Cebel el Butm 
lag der Cebel Teil Müs, dahinter sollte südöstlich von unserem Standort 

die Ruine el Cu$§a <.,ä>-\ liegen. Südwestlich hinter dem Cebel Teil 

Müs zieht sich der Cebel Ku§er esch Scharrig ^j^^ j^^ Ju>- von 

NW. nach SO. hin. Meine Leute nannten mir hier ausser den vor- 
erwähnten noch folgende Ruinen: zwischen Hufne und Teil 'Afer die 
Ruine Ku§er esch Scharrig^^), welche dem bereits erwähnten Bergzuge, 
auf dem sie liegt, den Namen giebt; sodann el *Auenät und zwischen 
diesem und Kal*at Rumelän, näher am ersteren und etwa drei Stunden 
von letzterem entfernt, Teil el Haue. 

Die modernen Hütten von Abu Wagne stehen auf einem aus- 
gedehnten Ruinenfelde, auf dem sich mehrere grosse Schutthügel von 
verschiedener Höhe erheben. Das Ganze wird von den Ausläufern 
des Cebel el Butm im Westen, Norden und Osten malerisch halbkreisförmig 

^) Vergl. unten Kap. XV S. 210. 

3) Verjrl. Moltke a. a. O. S. 506. 

■) Niebuhr a. a. O. S. 307 glaubt darin ein altes Kloster sehen ru sollen. 



Kap. XIII. In der RuineosUdt Abu Wa^e. igj 

umrahmt. Unweit des heutigen Dorfes befinden sich zahlreiche, an- 
scheinend uralte Ziehbrunnen, von denen mehrere gegenwärtig noch in 
gutem Zustande sind. Weiter östlich wird das Trümmerfeld von einem 
besonders mächtigen, hohen Schutthügel überragt, auf dessen Spitze 
neben zahlreichen Beduinengräbern das mit einem Kuppeldach gedeckte 
Grab eines Schech Müsä, der gewöhnlich Schech Abu Wagne genannt 
wird, steht. Ich fand in dem Ruinenfelde Gemäuer der verschiedensten 
Art, an zahlreichen Stellen sogar Gewölbe, Zimmer und ganze Häuser- 
teile zu Tage tretend. Die Zimmer waren meist durch Bögen in zwei 
Abteilungen getrennt und von schwach gewölbten Decken überdacht. 
Das Material der Baureste bestand hauptsächlich aus einem dunkeln, gips- 
artigen Stein, ähnlich dem noch heute in Mö§ul verwandten. Am süd- 
westlichen Abhänge des mit dem Grab des Schechs Abu Wagne gekrönten 
Hügels wurde ich durch die Reste einer wunderbaren Moschee überrascht, 





Zeogiden -Münze, g^efanden in der Ruinenstadt Abu Wagne. 

die für die einstige Pracht der in Trümmern begrabenen Stadt Zeugnis ab- 
legten. Mehrere Alabastersäulen und die schöne Gebetnische waren noch 
erhalten. Auch nach dem Verfalle der Stadt scheint die Moschee noch 
benutzt worden zu sein; ich fand deutliche Spuren einer späteren Re- 
stauration. Inschriften waren weder an der Moschee, noch an den 
übrigen Ruinen zu entdecken. Als einzige Trophäe konnte ich eine in 
dem Trümmerfelde gefundene Kupfermünze mitnehmen, die in Mö§ul 
im 13. Jahrhundert von dem Zengiden - Sultan Lulu geprägt worden ist. 
Die Ruinen von Abu Wag^ne gehören zweifellos dem arabischen 
Mittelalter an. Sie sind die Reste einer Stadt, in der wohl 20000 bis 
30000 Einwohner gelebt haben mögen*), die aber so sehr in Ver- 
gessenheit geraten ist, dass selbst ihr Name verschollen ist. Vielleicht 
haben wir es hier mit der altarabischen Stadt Bä 'Ainätä zu thun*). 
Nachdem uns die edlen Bauersleute von Abu Wag^ne mit Ziegenmilch 

') Ohne Frajje sind nur die Reste der besseren Häuser erhalten geblieben, während 
ein Teil der früheren Einwohnerschaft, wie heute z. B. in Mö^ul und dem modernen Dorfe 
von Abu Wa^ne, zweifellos in Lehmhütten gelebt hat, deren Spuren nur noch in Erderhühun^^en 
zu sehen sind. 

■} Vergl. die Mitteilungen de (K)ejes am Schlüsse dieses Kupitels. 

Frhr. t. Oppenheim, Vom Mittelmeer xum Perftischen Golf. II. 11 



l62 Kjip. -^11. Der TcU Müs. 

und Brot bewirtet hatten, veriiessen wir ihre gastlichen Hütten um 2 Uhr 
in südsüdöstlicher Richtung und gelangten über leichte Höhenzüge 
um 3 Uhr zum Teil Müs*), einem isolierten Schutthügel von stumpfer 
Kegelform, am Rand der Singär-Steppe und der uns vom Tigris 
trennenden Höhen. Der Teil fällt nach Norden steil ab, als ob er 
dort eingestürzt wäre. Oben auf seiner Höhe steht ein Kastell, nach 
Ainsworth*) von einem Amured (=Muräd) Pascha errichtet und bestimmt, 
die Strasse gegen die Beduinen von Eski Mö$ul zu beschützen. Uns 
wurde mitgeteilt, dass die Kastelle auf dem Teil Müs, sowie des Cebel 
esch Scharrig und Hokne im Beginne der achtziger Jahre auf Befehl des 
Sultans vom Wäli von Mö§ul aufgebaut oder wiederhergestellt worden 
seien. Die Schechs ergebener Stämme seien in die Kastelle gesetzt 
worden, um mit ihren Leuten den Sicherheitsdienst auf der übel be- 
leumundeten Strasse zwischen Mö$ul und dem Tür 'Abdin zu versehen. 
Wie das Kastell vom Teil Müs, sollen auch die beiden anderen Burgen 
gegenwärtig zerfallen sein. Immerhin standen von der Burg auf dem 
Teil Müs noch bemerkenswerte Reste. Den Parterrestock des Haupt- 
gebäudes bildeten vier niedrige gewölbte Räume; darüber lagen im 
ersten Stock ebenso verteilte Zimmer von ca. 2*/, m Höhe und 8 zu 
5 m Seitenlänge. An das Hauptgebäude lehnte sich ein Anbau. Dieser 
nördliche Teil des Kastells und an der Westwand die aus Bogen be- 
stehende Mauer waren noch fast ganz erhalten. Die Mauern waren aus 
Steinen hergestellt, die mit grauem, cementartigem Mörtel zusammen- 
gefügt waren. Wenige Minuten von dem Kastell entfernt fliesst ein in 
mehrere Arme sich teilender kleiner Bach, durch dessen Wasser zur 
Zeit meiner Anwesenheit eine gut in Stand gehaltene Mühle getrieben 
wurde. Dieselbe soll erst in jüngster Zeit durch Gewalt und List in 

den Besitz der Bewohner von Teil *Afar Jas^ l gelangt sein. Um den 

Teil hatten Kurden ein grosses Lager von Zelten und Mattenhütten 
errichtet. Infolge jahrelangen Umgangs mit den Arabern hatten sie 
deren Kleidung angenommen. Wir wurden vom ältesten Sohn des 

Dorfschechs empfangen; Schech Sa'dün el öarg^ari (Sj^^^ jjJU-^ 

selbst, der 100 Jahre alt zu sein behauptete, lag völlig hilf los auf seinem 
Lager in einer Nebenhütte und wurde von seiner Tochter gepflegt. Als 
einer der zahlreichen Schwiegerväter des Schech Färis zahlt er den 
Schammar keine Chüwe. Einer seiner Söhne war bei dem Ueberfalle 
eines Singärdorfes unlängst in den Besitz eines vornehmen Jeziden- 

^'^ Ainsworth jjiebt auf seiner Karte TeU Moosh; verjjl. a. a. O. Bd. II S. I2i; 
Ritter (nach Dupre> a. a. O. Bd. XI S. 427 ff: Teil Musch. 
^ a. a. O. S. 122. 



Kap. Xlll. Das Ruinenfeld von Eski Mo$uI. X63 

mädchens gelangt. Die Familie wusste nicht, ob das Mädchen von 
ihrem Entführer geheiratet oder als Sklavin behandelt werden sollte. 
Einstweilen lebte sie mit den Frauen seiner Mutter in Hol^ne, wo der 
Versuch gemacht wurde, sie für den Islam zu gewinnen. 

Wir setzten unseren Marsch nach kurzem Aufenthalte gegen 4^4 Uhr 
fort. 5 Uhr 10 Minuten überschritten wir den kleinen Bach 'Ain el Hulwe 

ojlL\ JjVP (»süsse Quellec), um sV* Uhr lag Teil Hokne All>. t, aus 

der Steppe aufragend, im Südwesten.^) Die Marschrichtung war jetzt wieder 
südlich mit geringer Neigung nach Osten. Bald darauf wandten wir uns 
weiter links nach Osten zu, gelangten auf ein Hochplateau und erstiegen 
den Höhenzug, welcher das Plateau gegen den Tigris hin abschliesst. 
Die an der Westseite dieser Hochebene entspringenden Bäche finden 
keinen Durchweg nach dem Tigris, sondern fliessen sämtlich an dem 
Abhang des Plateaus entlang und vereinigen sich, wie oben erwähnt, mit 
dem vom öebel el Meheleblje kommenden Abu Marjä, dessen so ver- 
stärkte Wassermasse sich einen Durchbruch zu dem Tigris erzwungen hat 
Wir folgten diesem Pass durch das Gebirge und erreichten um 7 Uhr, rechts 
von unserem Weg, wenige Minuten vom Tigris entfernt, eine mächtige aus 
einem einzigen Bogen von mehr als 20 m Spannweite bestehende aber nur 
i^t m in der Breite haltende Steinbrücke, die bereits zu dem grossen 
Ruinengebiet von Eskl Mö§ul gehörte. Nicht weit unterhalb der Brücke 
stand auf dem nördlichen Ufer des Abu Marjä-Baches ein kleines starkes 
Kastell. Der Bach spaltet sich unmittelbar vor seiner Vereinigung 
mit dem Tigris in mehrere Arme, die wir überschritten. Um 8 Uhr 10 Min. 
fanden wir unser Lager an der Südseite des Ruinenfeldes auf einer 
Sandbank im Flussbett des sehr wasserarm gewordenen Tigris vor. 
Unsere Packtiere hatten den Abstecher nach Abu Wagne nicht mit- 
gemacht, sondern waren direkt über Teil Müs hierher marschiert. In 
der Nacht genossen wir, wie schon mehrmals zuvor, das grossartige 
Schauspiel eines Steppenbrandes, der auf den Höhen der gegenüber- 
liegenden Tigrisseite wütete^). 

Am nächsten Morgen sandten wir die Karawane auf dem direkten 
Wege nach Mösul voraus, während wir selbst das Ruinenfeld von Eski 
Mö§ul besichtigten. Auch hier haben zwei Zeitalter ihre Spuren hinter- 
lassen. Das mitten in der Tigrisebene plötzlich stark wellenförmig 
werdende Terrain und ein hoher Schutthügel nördlich davon deuten 
auf eine uralte verschollene Stadt. Zum Teil darüber gebettet liegt 

*) Auch hier sollen sich alte Mauerreste finden, verjjl. Niebuhr a. a. O. S. 307. 

^) Auch in Marokko habe ich gesehen, dass man die Stoppeln, um den Boden zu 
düngen, wegbrannte. In Arabien sollen arme Dörfer ringsum die Stoppelfelder anzünden, 
•damit die räuberischen Beduinen kein Futter für ihre Tiere finden. 

11* 



l54 ^P- ^^^* ^*^ Ruioenfeld von Eski Mo^ul. 

deutlich erkennbar ein zweites Trümmerfeld, das im Durchmesser eine 
halbe Stimde Weges misst, und aus welchem an vielen Stellen Bögen. 
Mauer- und Häuserreste aufragen, die denen von Abu Wag^ne gleichen. 
Mehrere Moscheen von beträchtlichem Umfange, die gleich anderen Ge- 
bäuden in ihren Grundmauern noch erhalten sind, beweisen, dass hier eine 
altmuhammedanische Stadt gestanden hat, aller Wahrscheinlichkeit nach 
das berühmte Beled*). Layard*) hat bei seiner zweiten Ausgrabungs- 
campagne von Mö$ul aus in einem der grössten Ruinenhügel von Eski 
Mö^ul Gräben und Tunnels eröffnet, jedoch nichts gefunden, was auf 
die Geschichte der Ortschaft einiges Licht werfen könnte^). Der 
türkische Name Eski Mö$ul bedeutet >Alt-Mö§ulc und dürfte zu einer 
Zeit entstanden sein, als die früher sehr bedeutende Stadt längst in 
Trümmer gesunken und der eigentliche Name in Vergessenheit ge- 
raten war — ganz wie bei Abu Wagne und so mancher anderen Stadt 
des einst so blühenden Mesopotamiens. Auf dem im Norden der Stadt 
unweit des Tigris gelegenen höchsten Hügel des Trümmerfeldes, der 
zum Teil allerdings aus natürlichem Gestein bestehen dürfte, erhebt sich 
ein grosses, modernes, rechteckiges, von Türmen flankiertes Gebäude. 
Durch das einzige Eingangsthor gelangt man in einen riesigen Hof, auf 
den die Wohnungen zweier Stockwerke münden, in denen zu meiner 
Zeit neben einigen Zaptije Bauemfamilien hausten, welche für die Eigen- 
tümer des Gebäudes, reiche Mö§ulaner Muhammedaner, die in der Nähe 
gelegenen Felder beackerten. Einige wenige Familien wohnten auch in 
Hütten nahe am Tigris und waren gerade mit dem Einernten und 
Verschiffen von Wassermelonen beschäftigt, die auf den von dem Abu 
Marjä bewässerten und allem Anscheine nach äusserst fruchtbaren 
Feldern an der Bachmündung gewachsen waren. Neben dem Kastell 
standen noch einige kleinere unbewohnte Häuser, aus den Ruinen der 
alten Stadt errichtet Am Südende des Ruinenfeldes befindet .sich eine 
alte muhammedanische Nekropole; neben mehreren grösseren zerfallenen 
Gräbern ist ein anscheinend in späterer Zeit renoviertes Kuppelgrab 
bemerkenswert, leider konnte ich auch hier keine Inschrift entdecken. 
Um 8 Uhr 50 Minuten verliessen wir die Aussenmauern von Eski 
Mö§ul und stiegen auf felsigen Wegen, dem rechten Ufer eines kleinen, 
ausgetrockneten, im Winter aber jedenfalls reissenden Baches folgend, 
Südwest wärts das Gebirge hinan. Um g\fA Uhr sahen wir ein Zeltdorf 

Namens Taumen, ^j^y (»Zwillingec), von öebür bewohnt, die hier in 

») Vcrjjl. Ritler a. a. O. Bd. XI S. 161 ft. 
»;. a. a. O. S. 25. 

'; Vergl. auch Niebahr a. a. O. S. 306, und die Mitteilungen de Goejes am Schlüsse 
dieses Kapitels. 



Kap. XIII. Auf dem Randf^ebirge des Tigris. I^ 

den zerklüfteten Bergen auf wenigen Stoppelfeldern spärliches Futter 
für ihre Tiere fanden. 9 Uhr 25 Minuten hatten wir den Kamm des 
Gebirgszuges erreicht, der nach Westen zu gegen das Hochplateau 
allmählich abfallt. Um g*/i Uhr lag vor uns am Fusse dieses Gebirges 
und am Rande der mesopotamischen Steppe die Ruine eines grossen 
rechteckigen Kastells mit starken Steinmauern, von meinen Begleitern 

mir wieder als Chan jvL\, ohne nähere Bezeichnung, genannt 

Die Steppe dacht sich hier terrassenförmig nach Süden ab; das 

erste Hochplateau reicht bis an den Gebel el Mehelebije <JLji\. In 

südöstlicher Richtung marschierend, bemerkten wir 9 Uhr' 55 Minuten 
abermals Mauerreste an unserem Wege und passierten fünf Minuten 
später einen wasserlosen Wädi und 10 Uhr 20 Minuten die Ruinen eines 
modernen Dorfes, zu denen die in der Nähe gelegenen Ackerfelder gehört 
haben mögen. Um io*/i Uhr kreuzten wir wieder einen jetzt trockenen 

Bach, der bei Homedät C^\jcjt-^) in den Tigris geht. Um 11 Uhr ver- 

liessen wir die Strasse, um in dem etwa eine halbe Stunde weiter östlich 

gelegenen Dorfe el Ubetir ^71^ j(\ unseren Pferden und uns selbst bei 

der fürchterlichen Hitze Wasser zu gönnen. Das Wasser der Ziehbrunnen 
von el Ubetir war kaum zu geniessen; die Frauen des Dorfes müssen das 
Trinkwasser aus dem über eine Stunde entfernten Tigris holen. Wir 
hörten hier sehr über die Räubereien der Schammar klagen, wegen deren 
viele Bauern ihre Wohnsitze aufgeben. 

Um I >/j Uhr verliessen wir El Ubetir und befanden uns nach einer 
halben Stunde wieder auf unserem früheren Wege, der sich um 2 Uhr 
IG Minuten nach Osten wandte. 2^/2 Uhr sahen wir auf der linken 
Seite des letzterwähnten Baches das Dorf Bädischah und um 3 Uhr 
an der rechten Seite des Baches, aber ebenfalls zu unserer Linken, das 
eben genannte Dorf Homedät in geringer Entfernung von der Strasse. 
Wir folgten dem Bachlauf und stiegen ziemlich steil zum Tigris hinab, 
um abermals und dieses Mal frisches, wirklich geniessbares Wasser zu 
trinken. In Homedät begegneten uns Kurden, die, soweit es möglich 
war, am Fluss entlang von Mö.^ul nach öezire reisen wollten. Gegen 
3 Uhr 30 Minuten verliessen wir den Tigris wieder, um auf das Hoch- 
plateau zuruckzusteigen. Nach drei Viertelstunden eintönigen Marsches 
ging es über einen kleinen wasserleeren ]3ach; jenseits des Tigris war 
ein Dorf zu erkennen, das von Armeniern bewohnt sein sollte. Um 
47t Uhr erreichten wir eine Anhöhe, von der wir zum erstenmal in 



') Homedät ist identisch mit dem auf den Karten mit A^medät bezeichneten Orte. 



l66 Kap. XIIL Einzug in M5$al. 

geringer Entfernung Mö§ul erblickten, das mit seinen starken Mauern, 
zahllosen Minarets und den vielen ausserhalb der Stadt gelegenen Kubbes 
malerisch in der Ebene vor uns sich ausdehnte. Wir überschritten 
einen trockenen Bach, stiegen dann eine kleine Anhöhe hinan und von 
dieser um 5 Uhr hinab in die Tigris -Ebene, in welcher der Weg an 
mehreren Steinbrüchen vorbei auf das Singär-Thor von Mö§ul führte, 
das wir um 572 Uhr erreichten. 

Die Karawane war nach dem verabredeten Lagerplatz, der sich an 
der südlichen Aussenseite der Stadt befand, vorausgeschickt worden, 
während wir selbst es uns nicht versagen konnten, nach dem langen Ritt 
durch die Wüste so rasch wie möglich wieder einmal eine Stadt zu be- 
treten, richtige Strassen und feste Häuser zu sehen. Vom Bäb Sing^är 

jWiw i,^\ij einer selbständigen trotzigen Thorburg, führte ein holperiger 
• • • 

Weg über die Hebungen und Senkungen eines grossen, hier schon inner- 
halb der Stadt gelegenen Trümmerfeldes, dann ging es in unzähligen Krüm- 
mungen durch die Gassen Moduls und schliesslich durch das Bäb et Top 

W-) Jb)\ i,^\) (»Kanonenthor«) wieder aus der Stadt hinaus, um jenseits 

eines Friedhofes auf einem weiten freien Platz uns mit unserer Karawane 
zu vereinigen; hier wurden unsere Zelte aufgeschlagen. 

Die mich begleitenden Beduinen, Schammar wie Tai, wollten unter 
keinen Umständen in der Stadt selbst Quartier nehmen, sondern ausser- 
halb der Mauern in der freien Luft kampieren. Es waren Gründe be- 
sonderer Art, die es ihnen unerwünscht erscheinen liessen, mit den 
Mö§ulanern in deren eigener Stadt in zu nahe Berührung zu kommen. 
Vor gar nicht langer Zeit hatte einer meiner Scham mar-Begleiter mit nur 
einem einzigen Gefährten in der nächsten Nähe der Stadt eine grosse 
Mö§ulaner Karawane angehalten. Als die Städter den verlangten Zoll 
verweigerten, hatten die Beduinen sofort von ihren Waffen Gebrauch 
gemacht und mehrere von ihnen venvundet. Darauf liessen die Kara- 
vanenleute sich gründlich ausplündern, ohne an Widersand zu denken: 
ein Beweis für die unglaubliche Angst, welche die Rücksichtslosigkeit der 
Beduinen den Städtern einzuflössen pflegt. Auch die anderen meiner 
beduinischen Begleiter schienen jeder einzelne irgend etwas den Mösulanern 
gegenüber auf dem Kerbholze zu haben. 



Kap. XIII. Prof. de Goeje über die Roate Ne^Tbin — Mo^ol. 167 

Im Folgenden gebe ich einige Mitteilungen wieder, die mir Professor 
de Goeje über mehrere zwischen Ne§ibin und Mö§ul gelegene Ruinenorte 
aus der Zeit des arabischen Mittelalters zu machen die Freundlichkeit hatte: 

»Der Weg von Ne§ibin nach Mö§ul wird von Ibn Khordädbeh und 
Qodäma so beschrieben: 

Von Ne§ibin nach Teil Faräscha 4 Parasang^en \ ^ ^^ 

T 1117 A j . fr\ ^ ^\ i ^ Poststationen. 

„ Teil Far. „ Acjrama 5 „ (Qod. 3) J 



Adrama 
Barqa'id 
Bä *Ainätä 
Beled 



Barqa*id 6 „ \ 

Bä *Ainätä 6 „ 1 9 Poststationen. 

Beled 6 ,, (Qod. 7) J 

Mö§ul 7 „ 3 (Ibn Kh. 4) 

Poststationen. 



»Moqaddasi hat statt Teil Faräscha: al-Münisa, das auch von Jäqüt 
IV, 690 erwähnt wird, und notiert für die Distanz zwischen je zwei 
Stationen stets eine Tagereise. Vielleicht ist Teil Faräscha das auf Ihrer 
Karte genannte Teil Bresch. Nach Hoffmann, Auszüge aus syrischen 
Akten persischer Märtyrer, S. 211 n. 1677 und S. 97 n. 865, ist Eski- 
Mö$ul das alte Beled. Nach der Sage soll hier Jonas ans Ufer ge- 
spieen sein. 

»Für Abu Wag^ne wird Bä *Ainätä (für Bait 'Ainätä) ausgezeichnet 
passen. Dies war im 10. Jahrhundert eine blühende Stadt mit 25 Quar- 
tieren, von Gärten und Bächen durchschnitten (Moqaddasi). Sie wurde 
wohl mit Damaskus verglichen (Jäqüt). Der Chalife al Mo*ta§im machte 
hier Halt, als er 223 d. H. aus Kleinasien nach seiner Residenz Samarra 
zurückkehrte. Von Ne.sibin ging er nach Bä *Ainätä »oberhalb Beled«, 
und dann nach Mösul (Tabari III, S. 1265 f.). Auch in einem Gedicht 
des Abu Temmäm (Diwan, S. 31 C. 5, zitiert von Bekri und Jäqüt) 
werden Barqa*id und Bä *Ainätä als Stationen einer Route genannt. 

»Barqa'id ist vermutlich in Teil Rumclän zu suchen. Nach dem 
Itinerar liegt es 12 Paras. von Beled (Abulfeda, S. 274, hat ii) und 
von Mö§ul 17. Eine grosse Stütze dieser Konjektur ist, dass nach 
Jäqüt IV, 288 Kafar-Zummär vier oder fünf Paras. O. von Barqa*id entfernt 
war. Dies aber ist noch erhalten. Auf Ihrer Karte Häwi ZummärO. 
von Rumelän in ungefähr dieser Entfernung (Kafar = Dorf, Häwi — 
Bezirk). Die Stadt war ehemals blühend, doch da die Einwohner einen 
schlechten Ruf hatten als Diebe (s. Ibn Khordädbeh, franz. Uebers. in 
Bibl. Geogr. V, S. 164), wurde der Weg allmählich über Bä-Schazzä ge- 
nommen, das nach Jäq. I, 468 und 571 gegenüber (oder nahe bei) Bar- 
qa'id liegt, unweit eines Hügels und das strömendes Wasser hat. Dies 
mag wohl Tschilara sein, wo sowohl Hügel als fliessendes Wasser ist. 
Barqaid war der Hauptort der Baq'ä von Mö§ul; einer Provinz mit vielen 



l68 XIII. Kap. Prof. de Goeje über die Route Neslbin— Mö^ul. 

Dörfern, alle mit Kuppelbauten («^»Li 140 VAiu Jäqütl, 702). Zwischen 

• • • 

dieser Provinz, an deren westlicher Grenze Barqa'Id liegt, und Ne§ibin 
lag die Provinz Bain-an-Nahrain, mit Acjrama als Hauptort. Letztere 
Provinz gehörte bisweilen zum Bezirk von Ne§ibin, meist zu dem von 
Mö§ul (Jäqüt 1, 178 und 800 f.). Bei Barqa*id wurde 273 d. H. Isbäq ibn 
Kendädj, als er von Märedin nach Mö§ul ziehen wollte, von Ibn abi's-Sädj 
geschlagen, so dass er sich nach Märedin zurückziehen musste (Freytag, 
Selecta ex hist. Halebi, S. 102). Barqa*id war schon zu Jäqüts Zeit eine 
Ruine. Jäqüt giebt für die Distanz von Barqa*id nach Mö§ul vier Tage- 
reisen (Djihan Numa 17 Paras.) und nach Ne^Ibin 10 Paras. Wenn dies 
richtig ist, möchte ich annehmen, dass Lelän das alte Adrama ist. Ibn 
Hauqal S. 149, der auch die Distanz zwischen Barqa'id und Adrama als 
sechs Paras. giebt (Jäq. I, 177, hat 5), sagt, dass kurz vorher die Stadt 
durch ein byzantinisches Heer zerstört wurde, so dass nur noch wenige 
arme Einwohner übrig waren. Der Ort wird beschrieben als nicht gross, 
in der Ebene an einem Flusse liegend. Nach Jäqüt ist er 10 Paras. von 
Sing^är entfernt. Dieses stimmt alles zu der Lage, die bei Ihnen Lelän 
hat. Es ist zu bedauern, dass hier beinahe alle die alten Namen ver- 
schwunden sind.c 



V^ 



XIV. KAPITEL. 



Mosul und Ninive. 



Besacli beim Wall von Mö^ol. — Das Serai. — Unfreundlichkeit eines christlichen Kauf- 
mannes« — Strassen und Häuser jli Mö$ul. — Die Bevölkerung. — Französische und englische 
Vertretungen in Mo^ul. — Christliche Missionen. — Die Moscheen. — Der Bazar. — Kaffee- 
hauser. — Die Tigrisbrücke. — Die Umgegend von Mö^ul. — Ausgrabungen auf den 
Ruinenfeldern von Ninive. — Die Wälle von Ninive. — Nebi Junis. — Der Schutthügel 
von Kojnngyk. — Kunsterzeugnisse aus der assyrischen Zeit. — Die Kultur der Ass3rrier. - - 
Aus der Geschichte des assyrischen Reichs. — Geschichte Moduls. — Gegenwärtige Bedeutung 

und Aussichten der Stadt. 



Gleich nach meiner Ankunft in Mö§ul erschienen" mehrere Zaptije unter 
Führung eines Unteroffiziers, die mein Lager bewachen und mich während 
meines Aufenthalts in der Stadt begleiten sollten. Eine Bewachung der Zelte 
war allerdings notwendig, da sich ausserhalb der Mauern grosser Städte 
viel müssiges Gesindel herumzutreiben pflegt, vor dessen habsüchtiger 
Neugierde man auf der Hut sein muss. Ausserdem stellte sich mir ein 
Polizeileutnant zur Verfügung, der mir später auch den Zutritt zu den 
Moscheen der Stadt verschaffte. Am folgenden Tage machte ich dem 
Wali im Gouvernementsgebäude meine Aufwartung. Das Serai liegt 
etwa I km südlich von der Stadt am Ufer des Tigris und bildet mit 
den eigentlichen Regierungsgebäuden und einer grossen Kaserne einen 
stattlichen Häuserkomplex. Vom Kanonenthor führt eine breite, mit 
Bäumen eingefasste Strasse dorthin, zu deren Rechten sich eine weite 
Ebene erstreckt, die als Exerzierplatz der Garnison dient. Links liegt 
eine Vorstadt, aus niedrigen von Fischern und Flössern bewohnten 
Lehmhütten bestehend. Das Viertel gilt mit Recht als anrüchig, schon 
wegen des abscheulichen Gestanks, welcher durch das Gerben der zu den 
Tigrisflössen benutzten Ziegenhäute hervorgerufen wird. Auf dem Wege 
nach dem Sefai kam ich an dem ausgedehnten Post- und Telegraph^n- 
gebäude vorüber. Ich freute mich nicht wenig, zum erstenmal seit 
meiner Abreise von Damaskus eine telegraphische Nachricht in die 



172 Kap. XIV. Die Bevölkerung von Mo^uL 

Ausbau der Häuser wird viel Stein verwendet, da das Holz trotz der 
Nähe der waldreichen kyrdischen Berge zu teuer kommt. Die Decken 
der Zimmer sind meist gewölbt, zu den höheren Stockwerken und zum 
Dach fuhren schmale Freitreppen. Während der heissen Zeit, etwa 
von Mitte Juni ab, halten sich die Einwohner von Mö$ul während des 

Tages mit Vorliebe in den Sirdäbs i,^\^y^ auf, kellerartigen, in den 

Boden eingegrabenen Gemächern, in denen die Temperatur um min- 
destens IG® C. niedriger ist, als in den anderen Räumen. Man findet 
die Sirdäbs in den grösseren südlich und östlich von Mö^ul gelegenen 
Städten sowie in Persien allgemein in den besseren Häusern. Im Sommer 
werden wie auch in Syrien nachts die zum Schlafen bestimmten 
Matratzen auf dem Dach ausgebreitet Die Bauart der christlichen 
Häuser ist genau dieselbe wie die der muhammedanischen. Die Zimmer- 
einrichtung ist in Mö$ul weniger europäisiert als in Damaskus, wenn 
auch hier schon Stuhl und Tisch den arabischen Diwan und das 
Taburett zu verdrängen beginnen. 

Ueberhaupt trägt Mö§ul ein echt orientalisches Gepräge. Nirgends 
begegnet man einem Menschen, der mit europäischem Hute bedeckt 
wäre. Die Kefije wird hier noch viel getragen; der Turban hat bedeutend 
grössere Dimensionen als in Kairo und Damaskus und erinnert mehr 
an die Formen der älteren Zeit. Selbst die Stambulina ist selten zu sehen. 
Auch bei den einheimischen Christen, die sonst überall im Orient die 
europäischen Sitten zunächst in Aeusserlichkeiten nachzuahmen suchen, 
findet man kaum einen europäischen Anzug. Der bunte, althergebrachte 
Kaftan ist noch nicht verdrängt worden. In Mö^ul ist neben den Nargilehs 
auch der Tschibuk, den man in den westlicheren Gebieten nur selten 
vorfindet, noch vielfach in Gebrauch. 

Die Bevölkerung von Mö'jul mag etwa 40000 bis 50000 Seelen 
betragen und bildet ein buntes ethnographisches Gemisch. Etwa der 
siebente Teil dürfte Christen sein; auch eine kleine jüdische Gemeinde 
ist vorhanden, und unter den Muhammedanern sind neben den Arabern 
besonders die Kurden stark vertreten. Die Christen bestehen aus Syriern, 
Chaldäern und Armeniern. Der katholische Pater Müller-Simonis giebt 
für das Jahr 1888 je 2000 katholische und jacobitische Syrier, sowie die 
gleiche Zahl katholischer Chaldäer und 250 Dissidenten an^). Ganz 
andere Ziffern nennt der englische Geistliche Parry*), welcher, wie der 
vorgenannte, ebenfalls in Missionsangelegenheiten Mösul im Jahre 1892 
besuchte. Nach seinen Angaben bewohnen Jacobiten looo Häuser, ka- 
tholische Chaldäer (wie er sie nennt: Papal Nestorians) 1500, katholische 

*} Vergl. Müller-Simonis et Ilyvernat, Du Caucase au Golfe Persique. 
•^ a. a. (). S. 240. 




10 



Kap. XIV. Die Bevölkerunjj von Mo^ul. 



173 



Syrier 400 und Anhänger der amerikanischen Presbyterianer - Mission 
30 Häuser. Demgemäss würden, fünf Seelen auf das Haus gerechnet, 
nach Parry nahezu 15000 Christen in Mö§ul leben. Die verschiedenen 
Gemeinden, Muhammedaner, Christen und Juden wohnen nach altem 
Herkommen noch in eigenen Vierteln. Das Christenviertel ist eine Enklave 
des südlichen Stadtteils, während die Juden besonders im Norden der 
Stadt ihre Gassen haben. 

Die Chaldäer bilden im wesentlichen die niedere Volksklasse: Ar- 
beiter, Handwerker und Dienstboten. Sie sprechen unter sich ihre be- 
sondere Sprache, das Fellichi (Bauernsprache), einen Dialekt, der einen 




Chaldäische Christen aus Tillkef bei Mo^ul. 



Ueberrest des Altsyrischen darstellt^). Sie kommen hauptsächlich aus 
den Gebirgsdörfern nordöstlich von Mö§ul und sind ein kräftiger, wohl- 
gebauter Menschenschlag, der von den Arabern stark absticht. Die 
Chaldäer stellen auch die Mannschaft für die englischen und türkischen 
Tigrisdampfer. 

Die vorherrschende Sprache in Mö§ul ist die arabische. Türken 
sind wohl nur als Beamte und Offiziere vertreten. Europäer waren zu 
meiner Zeit ausser den Angehörigen der verschiedenen Missionen — 
soweit ich feststellen konnte — nicht anwesend. 



^) Der Dialekt ist in Europa noch wenip^ bekannt. Eine Bearbeitunp^^ desselben 
gab Sachau, Skizze des Kellichi- Dialekts von Mö$ul (Abhandlungen der Berliner Aka- 
demie der Wissenschaften 1^95). 



1 74 Kap« XIA'. Französische und englische Vertretungen. — Christliche Missionen. 

Die Franzosen und Engländer unterhalten seit langer Zeit in Mö^ul 
Konsulate. Der englische Konsul Nimrud Rassam, ein eingeborener 
Chaldäer, war gerade auf Reisen. Sein Vater war der Gehilfe Layards 
bei dessen Ausgrabungsarbeiten, die er nach Layards Abreise selb- 
ständig jahrelang weiterführte. Später war er im Dienste der eng- 
lischen Regierung zur Zeit des Königs Theodor in Abessinien thätig»). 
Das französische Konsulat wechselte während meiner Anwesenheit 
seineu Inhaber. Der bisherige Inhaber des Postens, Siouffy (eigentlich 

Sijüfi ^kj^ = Schwertfeger), ein syrischer Christ aus Damaskus, seit 

vielen Jahren Berufskonsul und auch litterarisch durch Arbeiten über 
die Jeziden, Subbe*) u. s. w. thätig, war im Begriff, sich nach seiner 
Vaterstadt zurückzuziehen, um einem Franzosen Platz zu machen, 
dessen Ankunft stündlich entgegengesehen wurde. Da im Konsulats- 
gebäude die Vorbereitungen zum Umzug in vollstem Gang waren, 
konnte ich es leider nicht näher besichtigen. Es soll ein prächtiges 
altes Gebäude sein und liegt in nächster Nähe der grossen Dominikaner- 
Mission. 

Die römisch-katholische Mission hat seit dem Beginn ihrer Existenz, 
d. h. etwa seit der Mitte des i6. Jahrhunderts, ihre Thätigkeit auch 
in Mesopotamien eröffnet. 1540 erschienen in Mesopotamien Jesuiten- 
Patres und begannen ihre Missionswirksamkeit bei den Nestorianern, 
unter denen sie eine eigene Gemeinde bildeten. Im Jahre 1680 wurde 
dieselbe vom Papst Pius XI. ausdrücklich anerkannt*). Später scheint die 
Leitung der Mission in die Hände der Karmelitermönche übergegangen 
zu sein, denn der englische Reisende Ives wurde im Jahre 1758 von 
einem Pater dieses Ordens in Mö.^ul aufgenommen*). Dagegen be- 
richtet Müller- Simonis^), dass schon mit dem Jahre 1750 die Leitung 
der römischen Propaganda von dem Papste Benedict XIV. in die Hände 
von Dominikaner-Patres gelegt worden sei, und thatsächlich fand auch 
Niebuhr®) in Mö^ul Dominikaner als Missionare vor. Zunächst waren es 
Italiener, im Jahre 1859 wurden sie definitiv durch französische Domini- 
kaner ersetzt. Diese haben Mö.sul zum Stützpunkt der römisch-katho- 
lischen Propaganda in Mesopotamien erhoben, ebenso wie die Jesuiten- 
mission in Berat das Centrum der römischen Propaganda in Syrien 
bildet. 



»: Vergl. Rohlfs im Globus, Jahrgang 1868 (Bd. X1V>, S. 150. 

'^ Verjjl. seine Ktudes sur la reli^ion des Soubbes ou Sabeens, Paris 1S80. 

'} Vcrgl. Parry a. a. O. S. 302. 

*} Vergl. Ritter a. a. O. Bd. XI S. 210. 

*; Vergl. Miiller-Simonis et Hyvcrnat a. a. O. S. 406. 

«■ a. a. O. S. 288. 



Kap. XIV. Christliche Missionen in Mo^ul. Ijc 

Welche Bedeutung Rom seit dem Jahr 1840 dieser Wirksamkeit 
beilegt, erhellt aus dem Umstand, dass der Papst einen eigenen Legaten 

(arabisch: Kä§id Jl^ß) in Mö§ul unterhält. Gegenwärtig wird dieses Amt 

von dem Erzbischof Altmeyer bekleidet, der, wie so viele katholische 
Geistliche im Orient, ein Elsässer ist. Ich stattete ihm in seiner Residenz 
in der Dominikaner- Mission, einem grossen, palastartigen Gebäude mit 
riesigen Höfen, einen Besuch ab. 

Die Mission besitzt ausser einer Druckerei, die in den sechziger 
Jahren in grossartigem Massstab eingerichtet wurde, Schulen, in welche 
auch Muhammedaner aufgenommen werden, ferner Mädchenschulen unter 
der Leitung katholischer Schwestern, eine Waisenanstalt u. s. w. ^). Gegen- 
über dieser katholischen kann die amerikanische Missionsarbeit, wie 
in Syrien, so auch hier nicht aufkommen. Sie wurde gegen 1840 
von Reverend Southgate, der mit einigen anderen Geistlichen 1838 eine 
Orientierungsreise durch die Türkei und Persien angetreten hatte, in 
der Absicht unternomnxen, die Nestorianer für diese protestantische 
Kirche zu gewinnen*). Im Jahre 1890 wurde die Mission von den 
Kongregationalisten (der bischöflichen Kirche), nachdem nicht weniger 
als sieben ihrer Geistlichen hier gestorben waren, den Presbyterianern 
übertragen'), die seit Ende der dreissiger Jahre die Missionierung der 
Nestorianer von Nordpersien in Urmia begonnen hatten*). Der Erfolg 
ihrer Wirksamkeit ist ein sehr geringer. Die Zahl der von ihr ge- 
wonnenen einheimischen Christen soll in Mö§ul, wie oben angegeben, 
nur 30 betragen^). 

Das heutige Mö$ul, d. h. der von den Stadtmauern umschlossene 
Raum, von dem ein Teil, insbesondere derjenige der West- und Nord- 
seite, gegenwärtig leer ist, hat ungefähr die Form eines Eies mit der 
Spitze nach Norden.*') Die Ostseite wird vom Tigris gebildet. Im Norden 
dehnt sich ein weites Trümmerfeld aus, das die Reste einer alten Citadelle 
sowie die Ruinen von Palästen birgt. Bauten, die im Anfang des 13. Jahr- 
hunderts von Badr-ed-Din Lulu^) j)j) ^j J^\ jJo errichtet wurden. 



*^ Vergl. den Bericht des gcg^enwärtiß:«! Leiters der Mission Duval, La Mission 
dominicaine de Mosul; ferner Müller-Simonis et Hyvemat a. a. O. S. 408. 

'' Verjjl. Ainsworth, Travels in Asia Minor, London, 1842, Bd. II S. 128. 

*) Verjjl. Parry a. a. O. S. 306. 

*} Verjrl. Sandreczki, Reise nach Mö^ul, Bd. III S. 8 ff. 

^) Verjrl. Parry a. a. O. S. 240. 

*) Verjjl. die Stadtpläne bei Niebuhr a. a. O. Tab. XLVI, und Moltke (erschienen 

bei S. Schropp, Berlin). 

Vergl. Stanley Lane-Poole, The Mohammadan Dynasties, S. 163. 



176 Kap. XIV'. Moscheen in Mo^nl. 

Eine besser erhaltene Citadelle, in der sich eine der ältesten Mo- 
scheen von Mö§ul befindet, steht am Tigris, etwa in der Mitte der Stadt- 
seite, und ist von dieser durch einen Graben getrennt. Hier erblickt man 
auch einige weitere alte Bauwerke, die gegenwärtig als Magazine dienen, 
aber dem Einstürze nahe sind. 

Im Norden der Stadt, unweit der Brücke über den Tigris, liegt 

die Ciämi* el Arauät, O^jU^^ ^^ und von hier jenseits des Gemüse- 
marktes links die Moschee eines kurdischen Heiligen, Hammu-Kaddo, 

jJÄ yt-. Die letztere ist neuerdings im Innern weiss gekalkt und 

mit Inschriften verunziert worden. Das Minaret ist auf eine aus grün 
und blau schillernden Fayencen ausgeführte Kuppel aufgesetzt. Eine 
der am meisten verehrten Moscheen der Stadt ist die 6ämi* Nebi Cirgis, 

^r^J^ fj /^^f die Moschee des Propheten Georg, dessen Grab hier 
gezeigt wird, offenbar früher eine christliche Kirche. 

Die grösste Moschee von Mö§ul ist die 6ami' el Kebir, j^^\ /^^' 

An einen ungeheuren Hof schliessen sich im Süden, in der Richtung auf 
Mekka, die Säulengänge der eigentlichen Moschee an. Einzelne der 
Nischen tragen noch die Spuren der früheren herrlichen Ausschmückung, 
kufische Inschriften und Arabesken edelsten Stils, aber der Barba- 
rismus der Zeit in Gemeinschaft mit dem immer schlechter werdenden 
Geschmack der Mösulaner hat alle diese Schätze mit Kalk übertünchen 
lassen. Hier und da sind hässliche bunte Streifen aufgemalt, welche 
den vornehmen Konturen der gut erhaltenen Bogen folgen. Die Säulen 
sind aus Trommeln von Möi^uler Marmor zusammengesetzt, sie ähneln 
den Säulen der von mir in Abu Wagne gefundenen Moschee. Vier 
dieser Säulen waren mittels niedriger Mauern vereinigt und so war in 
der Moschee eine Art Stube hergerichtet, in welcher niedrige Diwane 
an den Wänden entlang liefen. Hier hielt sich fast während des ganzen 
Tages der muhammedanische Schriftgelehrte Es Sejid Mubammed *Ali 

Efendi en Nüri el Huscni ^A-wLl (^jyi\ <^-^^ ^ ^ "^^^ ^"f' ^^^ 

mit jedem über religiöse Angelegenheiten zu disputieren bereit war. 

In ähnlicher Weise, wie in der Azhar- ^J>\ Moschee in Kairo 

ebenfalls zwischen vier Säulen, allerdings in der offenen Halle (dem 

sogenannten Ruwäk <3'-J-^)' ^^^ Schechs docieren, hatte Mubammed 

*Ali Efendi hier seinen Lehrstuhl. Er soll ausserordentUch starken Zu- 



Kap. XIV. Im Bazar von Mo$al. 1 77 

Spruch haben, doch befanden sich zur Zeit meines Besuches nur 
wenige Schüler bei ihm. Er trug mir Grüsse an den ihm eng befreun- 
deten Wali von Bardäd auf, der ebenfalls als frommer Mann und Ge- 
lehrter gilt. Die Moschee ist nach Angabe des aus Mö§ul gebürtigen 

Historikers Ibn el Atlr j^ j/\ ij\ von Nur ed Din ^jM J^, dem Bruder 

des 'Imäd ed Din ^j Ji\ ^L^, im Jahre 546 der Higra (1151 n. Chr.) auf 

den Trümmern einer alten christlichen Kirche erbaut worden, jedoch 
sind sichtlich im Laufe der Jahrhunderte Umbauten vorgenommen. Das 
Minaret ist heute noch das höchste der Stadt. 

Eine der Sehenswürdigkeiten Mö§uls ist ein schiefes Minaret, welches 
nach Mühlbachs Angaben 80 Fuss hoch und unten 16 Fuss stark ist^). 
Auf den ausgedehnten Kirchhöfen im Westen und Süden unweit der 
Stadt befinden sich mehrere recht zierliche Kubbes, die zum Teil neueren 
Datums und über den Gräbern von Mitgliedern der Familie 'Abd el öelil 
errichtet sind. 

Die Bazare von Mö§ul bieten nichts Aussergewöhnliches und sind 
nur auf die geringen Bedürfnisse der Beduinen und der Landbevölkerung 
berechnet. Europäische Schund-Importartikel wiegen vor. An eigener 
Industrie hat Mö§ul ebenfalls nur das Landläufige und nichts Nennens- 
wertes aufzuweisen. Musseline, batistartige, feine Baumwollenstoffe, die 
nach Marco Polo der Stadt den Namen verdanken, werden hier jeden- 
falls schon längst nicht mehr gearbeitet. Trotzdem gelang es mir, einige 
interessante Gegenstände in Mö$ul zu erwerben, u. a. eine Schüssel und 
einen Krug, die sich gegenwärtig in dem KönigUchen Kunstgewerbe- 
Museum zu Berlin befinden, sowie eine alte vierläufige Pistole, die ich 
dem Königlichen Zeughause in Berlin überwies. Die kupferne, verzinnte 
und versilberte, mit schönen Arabesken versehene Schüssel trägt folgende 
Inschrift : 

i^jjil ^111 jJS\ ^V\ 
(?) Ä^ j>^ • • J^* ^ 

»Angefertigt für den hohen Herrn, 

den grossen Emir, El Mäliki el MachdQmi . . . Mufcammed . . . 

aus Aleppo (?), dessen Sieg immer währe, c 

*) Ver^l. Wa^er, Mit Moltke und Mühlbach zusammen unter dem Halbmonde 
1837— 1839, Berlin 1893, S. 88. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golf. IL VI 



178 



Kap. XIV. Eni'erbuDg^en im ßazar von Mö$ul. 



Der eigentliche Teller der Schüssel ist von dem erhabenen Rand 
durch eine mehrere Millimeter tiefe Rille getrennt. Die Mitte des 
Tellers zeigt eine wappenartige Verzierung') in Gestalt eines ornamen- 
tierten Kelches. Der flache Thonkrug, in Farbe und Gestalt den Pilger- 
krügen der Rheinlande des i6. und 17. Jahrhunderts ähnelnd, ist mit 
einem Doppelhenkel versehen und trägt auf beiden Seiten in Hoch- 
relief in der Mitte einen pfauenähnlichen Vogel, der von schriftgezierten 




Metidlschale mit Wappen aus Mo^ul, jetzt im Kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. 



Bändern umgeben ist. Die Schrift, die im ersten Augenblick an das 
Pehlewi erinnert, dürfte eine Zusammenstellung absichtlich korrumpierter 
arabischer Buchstaben sein, welche vielleicht kabbalistischen oder zaube- 
rischen Inhalt suggerieren sollen, gleich den bekannten jüdisch -babylo- 
nischen Schriftzeichen. 

* Vergl. E. Th. Roß^ers Bcy, Le Hlason chez les princes muselmans de TEgyptc et 
de la Syrie, im Bulleün de T Institut Kgyptien, llme serie No. i, Annöe 1S80, Caire 18S2, 
8. 83 ff., insbesondere S. 1 1 1 fT. 






Alter Thonkrug aus Mo$ul, 
jetzt im Kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. 



Kap. XIV. Kaffeehäuser. — Die Tijjrisbrücke. 170 

Mösul hat zahlreiche Kaffeehäuser, von denen das besuchteste sich 
stromabwärts unweit der erwähnten Ci tadeile am Tigris befindet. Es 
ist, wie die anstossenden Häuser, an die Stadtmauer angebaut, die 
Fenster blicken auf den Fluss. Ein grosser, die ganze Länge des Kaffee- 
hauses einnehmender Balkon ist stets von Besuchern dicht besetzt. 

Unter dem Caf^ führt ein Stadtthor direkt auf die grosse Schiff- 
brücke zu, deren Länge ungefähr 400 Schritt betragen mag. An ihr 
östliches Ende schliesst sich eine Steinbrücke an, die ihre eigene Ge- 
schichte hat. Nachdem schon in früherer Zeit der Bau einer festen 
Brücke mehrfach begonnen zu sein scheint — verschiedene ältere 
Reisende erwähnen Fragmente eines solchen Bauwerks*) — , ging man 
etwa in der Mitte dieses Jahrhunderts wieder einmal daran, die Schiff- 
brücke durch eine steinerne zu ersetzen. Des Hochwassers wegen ver- 




Alte türkische Pistole mit vier Läufen, jetzt im K^l. Zeughaus zu Berlin. 

legte man ihren Anfang weit auf das östliche Ufer, wo sie eine Länge 
von 28 Bogen hat, stellte dann aber, als man das Flussbett erreichte, 
den Bau ein; ob wegen technischer oder finanzieller Schwierigkeiten 
lässt sich nicht mehr ermitteln. Um nun die alte, schon zu Timurs Zeiten 
bestehende Schiffbrücke^) mit dem höher gelegenen Steinbau in Ver- 
bindung zu bringen, gab man letzterem einen Abschluss in Gestalt eines 
kleinen, aus 6 Bogen bestehenden Stückes, das in schräger Ebene zu 
der Schiffbrücke hinabführt. Unter den Bogen der steinernen Brücke 
sind Kaufläden und fliegende Kaffeehäuser untergebracht. 

Die Mauern von Mösul, welche, von weitem gesehen, einen impo- 
santen Eindruck machen, sind aus gutem Steinmaterial errichtet, mit 

») So Niebuhr a. a.0. S. 287; Dupr^ ;^Paris 181 9), Bd. I S. 114 (hei Ritter a.a.O. Bd. XI 
S. 193); Rieh a. a. O. Bd. II S. 47; Sandreczki a. a. O. Bd. I S. 166. 
>) Vergl. Ritter a. a. O. Bd. XI (Bd. VII, 2. Abteilung) S. 185. 

12* 



l3o Kap» XIV. Die Uinge}>^end von MofuL — Ninive. 

zinnengekrönten, starken Bastionen versehen und zum Teil noch gut er- 
halten, während sich andererseits doch zahlreiche Breschen gebildet 
haben. Auf der Westseite zieht sich ein breiter Graben, dessen Ränder 
allerdings vielfach verfallen sind, an den Mauern entlang^ und beide ge- 
nügen, die Stadt gegen die Einfälle räuberischer Beduinen zu schützen, 
wenn auch ein mit den modernen Zerstörungsmitteln ausgerüsteter Feind 
leichtes Spiel haben dürfte. Hervorragend malerisch sind die Stadtthore; 
das Bäb Singär bildet ein eigenes burgartiges Gebäude mit Räumen für 
die Wachmannschaft. 

Die ganze Gegend jenseits des Tigris ist ohne jeglichen Baumwuchs, 
aber von ausserordentlicher Fruchtbarkeit und allenthalben angebaut. 
Zur Zeit meines Besuches waren die Felder abgeerntet und jeglicher 
Pflanzenwuchs von der Sonnenglut verdorrt. Das gelbbraun erscheinende 
Gelände war eben, nur hier und da unterbrochen durch mehr oder weniger 
hohe und ausgedehnte Erhebungen und kleine Dörfer; im Osten und 
Nordosten schliessen die Ausläufer der kurdischen Berge die alte assy- 
rische Ebene, den altehrwürdigen Boden des sagenhaften Ninive, ab. 

Nach der Heiligen Schrift (Jonas, Kap. 3, 3) soll der Umfang der Stadt 
drei Tagereisen betragen haben, trotzdem waren ihre Spuren jahrhunderte- 
lang venvischt. Nach der Eroberung Ninives durch die vereinigten Heere 
der Babylonier und Meder im Jahre 606 v. Chr. wurde die Stadt ver- 
lassen und blieb verschollen bis auf unsere Zeit, so dass man bis in den 
Anfang unseres Jahrhunderts hinein nicht einmal mehr die Lage der 
alten berühmten Residenz mit Sicherheit nachweisen konnte. Der Geo- 
graph Mannert (im Anfang dieses Jahrhunderts) hielt die mächtigen 
Wälle der alten Stadt für die Ueberreste eines römischen Lagers. Erst 
durch die Ausgrabungen, die von dem französischen Konsul Botta im 
Jahre 1843 und sodann von dem Engländer Layard in den Jahren 1846 
bis 1847 und 1849 bis 185 1 und nach seinem Weggange von Ras.sam 
und Smith angestellt wurden, ergab es sich zur Evidenz, dass das 
eigentliche alte Ninive, d. h. die »Nordstadtt der Gesamtresidenz, 
gerade Mösul gegenüber in dem Ruinenfelde zu suchen sei. Weitere 
Ausgrabungen wurden etwa 18 km nordöstlich von diesem Platze in 

Chorsabäd (eigentlich Chosrabäd ^Uj^;-^ d. h. >Chosrostadt ) von dem 

genannten Botta hauptsächlich in den Jahren 1851 bis 1855^) und etwa 
30 km südlich am Tigris in Nimrüd^ von Layard unternommen. An 
allen drei Orten wurden die Grundrisse von gewaltigen Palästen, riesigen 
Stierkolossen mit Menschenhäuptern, die als Thorhüter und mit ihrer 

* Verffl. Place, Ninive et TAssyrie, Bd. 1 S. 7. 
- Vergl. unten Kap. XV S. 200 ff. 




y. 



Kap. XIV. Ausgfrabungen auf den Ruinenfeldern von Ninive. igi 

Innenfläche gleichzeitig als Mauern für anstossende Zimmer gedient hatten, 
sowie vor allem zahllose Inschriften in keilförmigen Schriftzeichen bloss- 
gelegt, die von der Pracht und der hohen Kultur jener entschwundenen 
Periode zeugen und die Grundlage für eine neue eigene Wissenschaft, 
die Assyriologie, geliefert haben *). 

Würde man die genannten Ruinenorte und womöglich das auf der 
Karte von Place etwa 20 km nordwestlich am Tigris eingezeichnete 
Ruinenfeld Djigan insgesamt als zu dem alten Ninive gehörig rechnen, so 
würde der Umfang der Residenz thatsächlich drei Tagemärsche betragen 
haben. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass der gesamte Raum zu 
keiner Zeit eine einheitliche Stadt getragen hat, sondern nur mit aus- 
gedehnten Gärten, vereinzelten Palästen, Landhäusern und Dörfern be- 
standen gewesen ist. Spuren einer gemeinsamen Mauer sind jedenfalls 
nicht nachzuweisen, und die bisher aufgedeckten Riesenpaläste an den 
genannnten Orten sind zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen 
Herrschern gebaut worden und gewiss niemals zu gleicher Zeit bewohnt 
gewesen. Wie auch heute noch prunkliebende orientalische Fürsten nur 
ungern den Palast ihres Vorgängers beziehen und möglichst in der Nähe 
desselben ein neues Schloss aufführen lassen, so mögen es auch die 
assyrischen Könige gehalten haben. Dem Beispiele des Fürsten folgten 
die Hofleute, die in der Nachbarschaft des königlichen Palastes sich 

*) Bis jetzt haben in Babylonien und Assyrien folgende Ausgrabungen staltgefunden: 
Chorsabad durch Botta und Place; Kojungyl^ durch I^ayard; Nimrud, Balawat, Kal*at 
Schergä( durch Layard und Rassam; Babylon durch Oppert, den Architekten Thomas und 
den Arabisten Fresnel; Abu Habba, Babylon durch Rassam; Niffer durch die pensylvanische 
Universität (Peters und Haynes}; Tel Lö durch Sarzec; Abu Habba durch Rassam und Scheil; 
Mugaijir (das alte Ur), Warka (Krek), Senkera (^I^^rsa) durch l^oftus (jedoch nur angekratzt); 
Seriell und el Hiba durch Koldewey und Moritz. — £s ist hocherfreulich, dass seit einigen 
Jahren in Deutschland ein werkthätiges Interesse für die archäologische Erforschung 
Mesopotamiens erwacht ist. Sind doch deutsche Gelehrte an erster Stelle unter den Forschem 
zu nennen, welche die Ergebnisse der von Franzosen und Engländern veranstalteten Aus- 
grabungen wissenschaftlich analysiert haben. Hoffentlich ist es der grossen Ausgrabungs- 
expedition von Koldewey, Meissner, Andrac und Meyer, welche gegenwärtig in der Königs- 
stadt Babylon thätig ist, beschieden, Deutschland einen würdigen Anteil an den Schätzen 
ßabyloniens zu sichern. Möge der von Delitzsch (in seiner Broschüre: Ex Oriente lux, 
I^'ipzig 1898) ausgesprochene Wunsch Erfüllung finden, »dass* in derselben Weise wie andere 
grosse Nationen auch Deutschland in gleich hoher nationaler und wissenschaftlicher Begeisterung 
und Opferwilligkeit an die Hebung der assyrischen und babylonischen Schätze mit Hand 
anlegt: zum Heile der deutschen Museen und der deutschen Wissenschaft, zum Ruhme und 
zum Stolze des deutschen Vaterlandes«. Was insbesondere die Ruinenfelder von Ninive an- 
belangt, so liegen auf den Hügeln von Kojun^k und Nimrüd kostbare Funde zu Tage, 
die nur des Flosses zu harren scheinen, um den Tigris abwärts nach Bafdäd und von da 
nach deutschen Museen verluden zu werden. Wie in Babylon, so würden zweifellos auch hier 
weitere Ausgrabungen wertvolle Ergebnisse für Geschichte und Kultur der Assyrier liefern. 
(VergL meinen Hinweis in Petermanns Mitteilungen 1896, Heft III und IV S. 15.) 



I82 



Kap. XIV. Die Wälle von Ninive. 



anbauten, und um deren Häuser wiederum eine neue eigene Stadt ent- 
stand, die verlassen wurde und in Trümmer verfiel, sobald ein Nachfolger 
seine Residenz nach einem anderen Ort verlegte^). 

Von der alten Pracht, von den stolz aufragenden Königspalästen, von 
den üppigen Gärten der assyrischen Hauptstadt ist für den uneingeweihten 
Wanderer heute nur wenig zu sehen. Kein einziger Turm ist mehr er- 
halten: das Material der oberen Teile der alten Bauten war nicht stark 
genug, der Zeit zu widerstehen: der Gips ist zerfallen und der Schutt 
der Luftziegel hat die in sich zusammengesunkenen Paläste bedeckt. 
Die einzig sichtbaren Ueberreste von Ninive bilden heutzutage die 
lang gestreckten Erdwälle, welche die Stadtmauern bezeichnen und die 




Votivtempel in Ninive. (Botta et Flandin, Monuments de Ninive, Bd. II .S. 114.) 



grossen Schutthügel von Kojungyk Js^ y^ ^"^ Norden und Nebi Jilnis 
^S i^ im Süden. Die Wälle umschUessen ein Trapez, dessen süd- 
liche Schmalseite etwa 1 km und dessen nördliche 2 km lang ist, während 
die Längsseiten eine Länge von etwa 4V2 kni einnehmen. Der Wall, 
welcher ursprünglich wohl eine Mauer von gleichmässiger Stärke war, 
deren oberer Teil infolge von Regen und Hitze allmähhch zerbröckelte, 
ist jetzt unten breiter als oben. Er ist 24 — 30 Fuss hoch, und wenn 
auch die Wände recht steil sind, so ist es doch an den meisten Stellen 

*) Ein *»klatantes Beispiel für einen solchen Vorganj? sehen wir in der RuinensUdt 
unweit von Tanis, die vor etwa 30 Jahren entstanden, heute bereits verlassen ist und in 
Triimmern liegt. 



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Ruinenfelder von T«ai 

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Comm. Felix Jones 

mit Zuaütim luirh Rieh. 

Lejean^Maunsell und 

RrHr. Y. Oppenheim 

1 : 3U000 

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Bichardfiepert red. 



Kap. XIV. Nebi Junis. I83 

möglich, mit den gewandten arabischen Pferden zu der etwa 20 Fuss*) 
breiten Krone hinaufzuklettern. Die Aussicht auf die Tigrislandschaft und 
die kurdischen Berge, die sich von hier aus dem Auge bietet, ist über- 
aus malerisch und belohnt reichlich die kleine Mühe. Jenseits des Walles 
sind die Spuren eines Grabens sichtbar, zahlreiche starke Bastione und 
die breiten Thore im Osten sind deutlich zu erkennen. 

Der von den Wällen eingeschlossene Raum wird etwa in der Mitte 
von Osten nach Westen durch den kleinen, eine Mühle treibenden Bach 

Chausar j^ ^ (schon bei den Assyriern Chusur genannt), an dessen 

Ufern sich mehrere kleine Bauern-Niederlassungen befinden, durchflössen. 
Das einzige grössere Dorf, das auf den Ruinen der alten Stadt steht, ist 
das im südlichen Teil gelegene Nebi Junis, so genannt nach dem auf 
der Spitze eines Ruinenhügels stehenden Grabe des Propheten Jonas, der 
auch von den Muh immedanern als Heiliger verehrt wird^). Das Grab- 
gebäude wird von den recht stattlich aussehenden Steinhäusern des Dorfes 
umgeben. Bei der ausserordentlichen Verehrung, welche diese Grabstätte 
bei den Muhammedanern geniesst, ist es nicht möglich gewesen nähere 
Untersuchungen des Schutthügels anzustellen, doch haben oberflächliche 
Grabungen, die jedoch, nachträglich untersagt, wieder eingestellt werden 
mussten, ergeben, dass auch hier zweifellos grosse Paläste zu finden sind. 

Der Schutthügel von Kojun^yk (»Hammelstallhügel«) ^), an den West- 
wall angrenzend, lehnt sich unmittelbar nördlich an den Chausar-Bach 
und bildet ein Quadrat von etwa 7* ^^^ Seitenlänge. Er ist um- 
fangreicher als der Hügel von Nebi Junis, wenn er auch nicht die gleiche 
Höhe erreicht; die Seiten fallen steil ab und die Oberfläche ist ausser- 
ordentlich uneben. Hier haben hauptsächlich die Ausgrabungen Layards 
und seiner Nachfolger, die überreiche Schätze in das britische Museum 
geliefert haben, stattgefunden. Ein kleines viereckiges Gebäude ohne 
Thür befindet sich hoch oben auf dem Schutt und führt den stolzen 
Titel > Museum«, wiewohl es schwerlich viele Gegenstände bergen mag. 
Zur Zeit meiner Anwesenheit fanden keine Ausgrabungen statt, wohl aber 
waren die Spuren der früheren Arbeit überall sichtbar. Bei der unge- 
heuren Masse der Funde ist es unmöglich gewesen, dieselben sämtlich 
fortzuschaffen. 

Die Wände der ausgegrabenen Zimmer sind meterlang mit 
Reliefs bedeckt, und in einem breiten tiefen Schacht fand ich einen 

*; Diese Masse nach Mühlbach bei Ritter a. a. (). Bd. XI S. 224. 

-' Die Kulturstätte stammt höchstwahrscheinlich aus vormuhammedanischer Zeit; 
verj;!. Weil, Leben Muhainmeds nach Ibn Ishak Bd. I S. 209 (»Xinive, die Stadt des Junis 
ihn Matta«). 

*) Vergl. oben Kapitel XIII S. 152 Anm. 3. 



i84 



Kap. XIV. Der Schutthügel von KojungyV- 



vollständig freigelegten, fast 3 m hohen geflügelten Stier mit Menschen- 
kopf, auf dessen Brust und zwischen dessen Beinen man lange Keil- 
inschriften gewahrte. Die eine Längsseite des Stieres war nicht aus- 
geführt, sondern bildete eine glatte Fläche, die als Wand für das be- 
treffende Gremach gedient hat Sowohl in diesem, wie in anderen Ge- 
mächern und Korridoren waren die Wände blossgelegt ; in dem unteren 
Teil sind sie mit Steinplatten, die Kampfesscenen und lange Inschriften 
tragen, verkleidet. Gewöhnlich befinden sich drei Reihen solcher Dar- 
stellungen übereinander; die durchschnittliche Höhe der menschlichen 
Figuren auf den Reliefs beträgt 20 cm. Den Hintergrund des Schachtes 
bildete eine 2 m hohe und 5 m lange Steinwand, auf der ein Kriegs- 
wagen mit hohen Rädern, von zwei Rossen mit reich verzierten Jochen 




Assyrische Reiter. (Place, PI. 53.) 

gezogen, dargestellt war. Auf dem Ws^en standen ausser dem Lenker 
noch drei Personen, während gewöhnlich nur ein Mann erscheint, ringsum 
drängte sich Kriegsvolk. Die Landschaft zeigte Palmbäume; die Höhe 
der Pferdebilder mit Kopf betrug etwa 40 cm. Der eine Teil des grossen 
Reliefs liegt gegenwärtig frei, während der Rest der Steinwand durch 
ein herabgesunkenes Gewölbe bedeckt ist. 

Im britischen iMuseum zu London finden sich, wie bereits gesagt, 
die grossartigen Funde von Kojungyk selbst, sowie diejenigen von Nimrüd 

^i^* während die von den Franzosen ausgegrabenen Denkmäler von 

Chorsabäd dem Louvre einverleibt sind. Wie die Franzosen Chorsabäd 
bedeutend systematischer und wissenschaftlicher ausgegraben haben, als 
die Engländer Nimrüd und Kojung^ylj:, geben auch die reich ausgestatteten 
französischen Prachtwerke von Botta, Place und anderen ein übersicht- 
licheres und vollständigeres Bild von der alten assyrischen Herrlichkeit, 
als die Tafeln des sonst so hochverdienten Layard. 

Aus den bisherigen Funden können wir uns vollständig über das 
Leben der Assyrier in Krieg und Frieden orientieren. Mit besonderer 




Assyrischer Stier (Botta et Klaudin Bd. I, PI. 45) 



Kap. XIV. Kuosterzeugnisse aus assyrischer Zeit. 



185 




Jagd auf wilde Esel zu assyrischer Zeit (Place, PI. 54, i Koyoundjick). 

Vorliebe sind Schlachtscenen dargestellt, ferner Belagerungen von 
Festungen, Seekämpfe mit Menschen und Tieren, Züge von Gefangenen, 
zahlreiche Folterungen, Hinrichtungen, Jagden auf Löwen, wilde Esel 
und Gazellen, gegen welche Falken gebraucht wurden; Darstellungen 



_^^^^^ ^^ ^__ 



'^V 




Arabische Kamelreiter (Merduf; in assyrischer Zeit (Place, PL 55, 4 Koyoundjick^. 



i86 



Kap. XIV. Die Koltor der Assyrier. 



von Bauten und Transporten der kolossalen Steinfiguren, die unter Auf- 
gebot zahlreicher Arbeiterscharen bewerkstelligt wurden; Architekturbilder, 
Ansichten von Städten und Burgen, Lagern und Dörfern, Scenen aus 
dem öffentlichen und häuslichen Leben der verschiedensten Art, Schmause- 
reien und Festlichkeiten, Festzüge u. s. w. 

Die Kultur der Assyrier ist jedoch keine originale, sondern von der 
Jahrtausende älteren babylonischen übernommen. Von den Assyriern 
hören wir erst seit etwa der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. 
Zu dieser Zeit befand sich der Mittelpunkt ihres Reiches noch nicht in 



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^Wsmf^^:'.. "• 'm.'''^i^h^4^-^jß^^^ 



Gastmahl zu assyrischer Zeit ^Place PI. 64, i Koyouiii1jick\ 



Xinive, wenngleich diese Stadt damals schon bestanden haben mag. 
Als erste Residenz, welche dem Reiche auch den Namen gegeben hat, 

erscheint die Stadt Assur, das heutige Kal*at Schergät ^^^Z aJS, 

auf dem rechten Tigrisufer, et^va 85 km stromabwärts von Mösul. Ninive 
wird zum erstenmal im 13. Jahrhundert v. Chr. genannt, als König 
Samsiraman I. dort einen Tempel erbaute, den einer seiner Nachfolger, 
ein Salmanassar, etwa 600 Jahre später restaurierte. Salmanassar I., 
welcher um 1300 lebte, gründete das auch in der Bibel genannte 
Kalach, das heutige Nimrüd, und residierte daselbst. Seine Nachfolger 
haben dann wieder einige Jahrhunderte in Assur Hof gehalten, und 
der Sitz der Regierung wurde erst wieder unter dem König Assur nassirbal 
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts v. Chr. von Assur nach Kalach 




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Kap. XIV. Aus der Geschichte des assyrischen Reichs. 



187 



verleg^, worauf die alte Landeshauptstadt Assur wahrscheinlich sehr bald 
zurückging. 

Assurnassirbals Sohn und Nachfolger Salmanassar IL war der 
eigentliche Begründer der Weltmacht des Assyrierreiches. Er dehnte es 
im Westen durch die Eroberung Ciliciens und Syriens bis an das Mittel- 
meer aus, drang im Norden über die Tigrisquellen bis an den Wansee, 
sowie nach Urmia und verleibte ganz Südmesopotamien seinem Reiche 
ein. Die Macht Babylons, des bis dahin vorherrschenden Staates, 
wurde damit gebrochen, wenn auch in der Folgezeit mehrfach einheimische 




Assyrischer Fussboden 1^ Place PL 49, Koyouiidjick^. 



Herrscher von Babylon sich wieder auf kürzere oder längere Zeit unab- 
hängig zu machen wussten. 

Kalach-Nimrüd bildete fortan eine Art Vorort des bedeutend älteren 
eigentlichen Ninive. Von den folgenden Königen scheint jeder sich einen 
eigenen neuen Palast gebaut zu haben, teils in Nimriid, teils in letzterer Stadt 
selbst. In Nimrüd sind bisher die Paläste von vier verschiedenen 
Königen nachgewiesen worden, im eigentlichen Ninive zwei; die beiden 
letzteren liegen unter dem Schutthügel von Kojung^k begraben. Der eine 
stammt von dem schon aus der Bibel bekannten Sanherib, welcher 
Jerusalem belagert hat, der andere von dem berühmten Assurbanibal, 
der bei den Griechen als Sardanapal bekannt wurde und um das Jahr 
625 v. Chr. starb. Unter seiner mehr als fünfzig Jahre langen Regierung 
hat das Reich seine grösste Ausdehnung erreicht, selbst Egypten 



l88 ^^P* ^IV. Aus der Geschichte des a883rrischen Reichs. 

war erobert, ging aber noch während der Regierung Assurbanibals 
wieder verloren. Die Grenzen schoben sich im Norden bis weit in das 
Innere Kleinasiens und im Osten bis nach Medien hinein vor. Gleich- 
zeitig gelangte auch die Kultur der Assyrier auf ihren Höhepunkt. Die 
Skulpturen aus der Zeit Assurbanibals sind in künstlerischer Auffassung 
und in technischer Ausführung die vollkommensten, und seine im Palast 
zu Kojung^yk wieder aufgefundene Bibliothek spricht für die Pflege, die 
der König den Wissenschaften angedeihen Hess. In dieser Bibliothek 
befanden sich auch viele Tafeln, welche zweisprachige Texte, die sich 
in Kolumnen gegenüberstehen oder zeilenweise wechseln, tragen. Es sind 
Originalwerke der babylonischen Litteratur mit der assyrischen Lieber- 
Setzung. Die Sprache des babylonischen Textes gehört nicht zu der 
semitischen Gruppe, sondern ist ein Idiom, das in Babylonien vor der 
Einwanderung semitischer Stämme in zwei verschiedenen Dialekten (ge- 
wöhnlich sumerisch und akkadisch genannt) gesprochen wurde. 

Nach Assurbanibals Tode ging es bald mit der Macht des Reiches 
bergab, so dass die unterworfenen Völker versuchen konnten, ihre 
Unabhängigkeit wiederzugewinnen. Insbesondere Babylonien und Medien 
(das heutige Nord- und Mittelpersien) gelangten zu grosser Macht, und 
eine Koalition ihrer Herrscher führte im Jahre 606 v. Chr. den jähen Sturz 
von Ninive herbei. Durch die Eroberung der Hauptstadt wurde das 
künstliche Gebäude des assyrischen Militärstaates mit einem Schlage 
zertrümmert. So griindlich verschwand die Riesenstadt von dem Erd- 
boden, dass, als kaum 200 Jahre später Xenophon die Griechen an ihren 
Mauern vorbeiführte, ihnen nicht einmal mehr der Name der Stadt 
bekannt wurde. Xenophon spricht in seiner Anabasis, Buch 111, 
Kap. 4, von zwei antiken zerstörten Städten nördlich des Zab {Zdßnroc), 
die einen Tagemarsch voneinander entfernt lagen. Die südlichere 
Stadt nannte er Aäotooa, Nach seiner Beschreibung ist damit zweifel- 
los das alte Kalach, das heutige Nimrüd, gemeint. Die nördlichere 
Stadt kann demnach nur das eigentliche Ninive gewesen sein. Er 
nennt sie aber Mespila, ein Name, in dem allerdings ein assyrisches 
Wort erkannt worden istM. Doch scheint in späterer Zeit auf den 
Ruinen von Ninive wieder eine Stadt entstanden zu sein, die unter dem 
alten Namen Ninus oder Ninua von griechischen und römischen Schrift- 
stellern mehrfach genannt wird und länger als ein halbes Jahrtausend 
existierte % Der Name Ninua erhielt sich sogar noch bis in die spätere 

* Vergl. Schriider, rlie Keilinschriften and das Alte Testament, S. 99, Anmerkung. 

' Verffl. Ritter a.a.O. Bd. XI S. 171 ff., und sehr ausführlich Mannert, Geographie 
der Griechen und Römer. Nürnberg, 1797, Bd. V, Teil II S. 441 ff., Plinius a. a. O. VI, 
16 beschrieb ihre Lage folgendermassen: »fuit et Ninus imposita Tigri adpolis occasum 
spectans quondam clarissima.« 



Kap. XIV, Geschichte Moduls. igo 

arabische Zeit als (S^*^ » ^^^ auch der Name der Sargon- Stadt Chor- 

sabäd noch dem arabischen Geographen Jäfeüt bekannt war, der einen Ort 

Sarrün (so jedenfalls zu lesen statt Sar*ün jy-j-^) in dieser Gegend 
erwähnt*). 

Mit dem Aufkommen der Stadt Mö.sul am Westufer des Tigris 
verschwand aber der östliche Ort, wenngleich der Name des alten 
Ninive noch bis in das Mittelalter hinein unvergessen blieb*). 

Das heutige Mö^ul wird zweifellos schon in assyrischer Zeit als 
•Vorort von Ninive bestanden haben, denn die Vermutung liegt zu nahe, 
dass in derselben Art wie bei Babylon auch bei Ninive eine feste 
Brücke über den Tigris existiert hat, zu welcher Mösul den Brückenkopf 
bildete'). Jedenfalls ist es fraglos, dass an einem strategisch so wichtigen 
Punkte, wo die Strassen nach den westlichen Provinzen des Assyrier- 
reiches mündeten, sich irgend welche Befestigungs- oder sonstige An- 
lagen befunden haben müssen. Auch der arabische Name der Stadt 
(Mösul = Verbindung) deutet auf diesen Zusammenhang hin*). 

In der Geschichte tritt Mösul jedoch erst hervor, seitdem in der 
späteren Zeit der Abbasidenchalifen eine arabische Dynastie, die Ham- 
daniden^), die ursprünglich Statthalter gewesen waren, sich hier selb- 
ständig machte und Mösul zur Residenz ihres Duodezstaates erhob. 
Diese Dynastie musste im Jahre 991 der arabischen HerrscherfamiHe der 
*Okailiden^) weichen, von der die heute noch in Babylonien hausenden 

Montefik ciAilju* (eigentlich /yLM") einen Zweigstamm bilden. 

Als im Jahr 1096 das türkische Geschlecht der Selguken in dem 
verfallenden Chalifenreich die Militär- und Civilgewalt an sich riss, scheint 
Mösul für einige Zeit wieder in direkte Abhängigkeit von Bardäd ge- 
kommen zu sein. Mit der Erschlaffung dieses Geschlechts machte sich 
aber der Statthalter von Mö§ul, selbst ein Selg^ul^e, wieder unabhängig 
und wurde Begründer eines neuen Herrschergeschlechts, der Zengiden 

') a. a. O. Bd. III S. 382. 

-; Der oben genannte Mö^ulaner Historiker Ibn el Atir (jjestorben 1232 n. Chr.) 

kennt es noch als »die Stadt Ninive« tC y^ 4XJU» i. J. 444 d. H. (1052 n. Chr.). 

') Kaiser Ileraklius hat den Ti^^ris au dieser Stelle auf einer ■ gemauerten Brücke 
überschritten. Zu Alexander d. Gr. Zeit war jed<>ch eine solche noch nicht vorhanden. 
Billerbeck in den Beiträgen zur Assyriolo^ie, Bd. III S. 117, Anm. 4. 

*) Der alte persische Name für die Stadt war Büdh Ardaschir (Ibn Khordadbeh ed. 
de Goeje S. 17 und Mitteilung von Guy le Strange in Journal of the R. Asiat. Society 
1895, S. 742. 

*) Vergl. Lane-Poole a. a. O. S. II2. 

*) Vergl. Lane-Poole a. a. O. S. 116. 



IQO Kap. XIV. Geschichte Moduls. 

oder Atabegs, das sich von ii 27 an bis zu dem grossen Mongolensturin 
behauptete, der das Chalifenreich endgiltig vernichtete. Die Zengiden- 
Herrschaft bedeutet Mö§uls Blütezeit, und insbesondere unter dem vor- 
genannten Badr-ed-Din Lulu scheint die Stadt den Zenith ihres Glanzes 
erreicht zu haben. Wenige Jahre darauf erfolgte ihr jäher Sturz; 1261 
wurde sie von Hulagu Chan erobert und verwüstet, nachdem schon vorher 
die Muhammedaner ein grosses Gemetzel unter den Christen angerichtet 
hatten. Letztere schlugen sich infolgedessen auf die Seite der Mongolen 
und fanden bei der Eroberung der Stadt Gnade. 

Von da an hat Mösul in der Geschichte keine hervorragende Rolle 
mehr gespielt. Nach dem Verfall der Mongolenherrschaft scheint die 
Stadt in den Händen verschiedener kleiner Machthaber gewesen zu sein. 
So wissen wir, dass im Jahre 1365 ein Herrscher Namens Uwais, aus 
dem persischen Geschlecht der Ilchane, Mö<ju1 eroberte. Timur, der die 
von den Mongolen begonnene Ver\vüstung des Orients vollendete, ver- 
schonte Mö§ul, wo er im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts für 
einige Zeit sein Standquartier aufgeschlagen hatte. 

Nach seinem Tode zerfiel sein ephemeres Reich. In Nordmeso- 
potamien, Kurdistan und Nordpersien rissen Häuptlinge der turkmenischen 
Stämme der Karalyujunlu *) die Macht an sich, wurden aber um das Jahr 
1469 von ihren Stammesgenossen, den Ak Kujunlu verdrängt. Schah 
Isma*Il, der Gründer der Sefewiden-Dynastie und des modernen persischen 
Reiches, drang auf seinen Eroberungszügen bis an den oberen Tigris vor, 
wobei ihm Mö.sul im Jahre 1503 durch die grosse Schlacht von Schurur 
als Beute zugefallen zu sein scheint; doch behaupteten sich die Perser 
hier kaum länger als ein Jahrzehnt. Schon 15 16 wurde ihnen Mösul 
samt dem ganzen östlichen Mesopotamien von den Türken unter Sultan 
Selim abgenommen. Politisch blieb sodann Mö*>ul lange abhängig von 
Bardäd, dem Centrum der türkischen Macht in Mesopotamien, bis es 
schliesslich, von Ende des 17. bis in den Beginn dieses Jahrhunderts, 
eine Art eigener kleiner Statthalterschaft wurde, an deren Spitze Mit- 
glieder der Familie 'Abd el Celil standen*). Gegenwärtig ist es die Haupt- 
stadt eines Wilajets dritten Ranges. 

Auch in industrieller Beziehung hat die Stadt, wie erwähnt, keine Be- 
deutung, wohl aber als Handelsemporium^). Sie bildet einerseits den Stapel- 

*' Der Name des Dorfe« KaraVajunlu, das wenige Kilometer unterhalb Mö$ul auf 
dem linken Ufer des Stromes liegt, vielleicht auch der Name Kojungyi^, erinnert an die Zeit 
dieser Dynastie. 

*) Verjjl. über diese Familie Xiebuhr a. a. ü. S. 293, 294 und Sandreczki a. a. O. 
Bd. II S. 1S2. 

*) Der gegenwärtige Handel von Mö$ul, hat, wenn anders die Mitteilungen von Alric, 
Situation ^conomique et commerciale de Mossoul en 1894, zuverlässig sind, allerdings noch 



K*p. XIV. Gej^enwärti^e Bedeatimg und Aussichten der Stmdt iQi 

platz für die Rohprodukte der nordmesopotamischen Wüste und Kurdistans» 
die von hier aus meistens auf dem Wasserw^e über Bardäd nach Europa 
gehen, und andererseits den Hauptmarkt für die Bevölkerung der ge- 
nannten Gebiete. Ausserdem ist Mö§ul der Treffpunkt der beiden 
wichtigsten Strassen des vorderen Orients, der grossen Heerstrasse von 
Konstantinopel zum Persischen Meerbusen, also der kürzesten Ver- 
bindungslinie zwischen Europa und Indien, und der Strasse zwischen 
Nordpersien und Syrien, die hier den Tigris überschreitet und quer durch 
die Mesopotamische und Syrische Wüste nach Damaskus geht, freilich 
infolge der Wirren in Mesopotamien und am Singär wenig benutzt wird. 
Die projektierte Fortsetzung der kleinasiatischen Eisenbahn von 
Konstantinopel bezw. Skutari nach Bardäd würde unter allen Umständen 
über Mö§ul führen müssen und eine Zeitersparnis von mindestens zehn 
Tagen gegenüber der Seeverbindung zwischen Europa und Ostindien 
bedeuten. Abgesehen von dem Durchgangsverkehr würde dadurch auch 
die Bedeutung Mö§uls für den Export gewinnen ^). 

keine grosse Bedentnnj^. Es soll danach Frankreich im Import die zweite, im Export die 
dritte Stelle einnehmen mit zusammen nur 754630 frt. — In derselben Schrift werden 
folgende TemperaturzifTem nach Beobachtung des P. Scheil für Mo^ul angegeben: 
Max. 28. Juli -1-46^ Min. 4. Febr. — 5<»; Wintermlttel 7® 50m, Sommermittel 32 <* 30 m, 
Jahresmittel 20^. 

>) Vergl. unten Kap. XVI S. 254 ff. 



f 



XV. KAPITEL. 



Tigrisfahrt nach Bardad. 

Reiseroaten von Mö^ul nach Bardäd. — Landwege und Wasserstiasse. — Die Tigrisflösserei. 

— Gefahren der Wasserreise. — Abfahrt von Mö^ol. — Der Badeort Hammäm »Ali. — Die 
Ruinen von Nimrüd. — Moderne Niederlassungen auf den Ruinenfeldern. — Stromschnellen 
und Dämme. — Der obere oder grosse Zäb. — Die Asphaltquelle el Gijära. — Ein Besuch 
bei den Südschammar. — Fer^iän Paschas Söhne Fe^al und Mu^loV. — In der Frauenabteilung 
der Schechzeltes. — Die Ruinenfelder von Kal^at Schergät. - Die Burg el *Ämir. — Der 
i^ebel ChänüVa und der öebel el NfakUül. — Das Ka^r el bint. — Der untere oder kleine 
Zäb. — Eine Begegnung mit den Schammar. — Der öebel Hamrm. — El Fatha. — Der 
Chan el Chamine. — Tekrit. — Der Is^ä^-KanaL — Imäm Dür. — Der Kanal Nahrawän 
oder Kätül el Kasräui. — Die Ruinen von Eski Bagdad. — Die Ruinen von el »Aschig und 
el Ma'schü^ — Samarra. — Die Palastruine el Chalife. — Der Spiralrurm el Maulawije. — Aus 
der Geschichte Samarras. — Das heutige Samarra. — Schi'itische Heiligtümer in Samarra. 
Der Verwaltungsbezirk Samarra. — Die Ruinen von el Käim, I^tabülät, e? ^anam. — Kädesije. 

— Das alte Strombett des Tigris. - Der Di^l. — Der *Adem. — Die alte Stadt Opis. — 
Palmenhaine am Tigris. — Der Chäli^ - Kanal. — Das Gebiet es lahüdije. — Ich verlasse 
das Kelek in Däüdije. — Tannüs fährt weiter bis Bardäd. — Ueber Land von Däüdije 

nach Bardäd. 



In Mö§ul entliess ich meine beduinischen Freunde, die Leute des 
Färis Pascha, welche mich vom Schammarlager bis hierher begleitet hatten, 
sowie die Treiber vom Stamme der Tai. Den Schammar gab ich die 
für ihren augenleidenden Pascha bestimmten Medikamente mit. Auch 
meinen eigenen Tierpark löste ich auf. Schech Mansür wurde mit 
Aschbän, einem wegekundigen Zaptije und meinen fünf besten Pferden 
auf dem Landwege über Kerkük nach Bardäd entsandt, ich selbst wählte 
die Fahrt den Tigris stromabwärts, weil es mir dadurch möglich wurde, 
sowohl die auf dem rechten wie auf dem linken Flussufer gelegenen 
Lokalitäten ohne besondere Mühe zu besuchen. Eine Brücke über den 
Tigris befindet sich unterhalb Mö§ul erst wieder in Samarra, und das 
öftere Uebersetzen über den Strom mit der Karawane und dem Gepäck 
hätte erhebliche Schwierigkeiten mit sich gebracht, wenn es, da gerade 



Kap. XV. Reiserouten von Mö§ul mich Bar<lad. 



193 



an den bemerkenswertesten Plätzen keine Fähre oder auch nur ein Kahn 
vorhanden ist, sich überhaupt hätte bewerk.stelligen lassen.^) 

Neben der Fahrt auf dem Tigris kommen für die Reise von Mö§ul 
nach Bardäd zwei Landwege in Betracht Der eine, der auf dem west- 
lichen Ufer des Tigris entlang führt, ist der bedeutend kürzere, wird aber 
aus Furcht vor den Schammar nur wenig begangen; der andere ist die grosse 

Heerstrasse, die östlich vom Tigris über die Städte Erbil Jj J^ Altyn 
köprü (^jß J>^*» Kerkük ijß J ^ T^ük v3->^ ""^ ^f" (Sj^ 




Kelek auf dem Tigris (nach Place PI. 43). 

geht Er führt an den fruchtbaren Abhängen der kurdischen Berge 
entlang und sodann durch das Kanalisationsgebiet des Nähr Chäli§. Im 
Winter und Frühjahr wird der Weg Tage, selbst Wochen lang durch das 
rapide Schwellen der starken von dem östlichen Gebirge des Tigris ihm 
zuströmenden Nebenflüsse gesperrt. Nur der kleine Zäb hat auf dem Zug 
der Strasse bei Altyn köprü eine steinerne Brücke. Die unangenehmsten 
Begegnungen, die dem Reisenden auf diesem Wege drohen, sind die mit 
dem kurdischen Räuberstamme der Hamawand, gegen welche die Regie- 
rung von Zeit zu Zeit einen Krieg im kleinen führen muss. 

Die natürliche Verbindungsstrasse, der Tigris, wird viel benutzt, 
jedoch nur für die Thalfahrt. Zu dieser Fahrt werden keine Schiffe, 



^) Die Beduinen überschreiten auf ihren Razn mit ihrem leichten Gepäck an mehreren 
Stellen den Tigris. 

Frhr. t. Oppenheim, Vom Mittelmeer cum Persischen Golf. IL 13 ^ 



194 



Kap. XV. Die Tün^flösserei. 



sondern Flösse eigenartiger Konstruktion, die sogenannten Keleks 

viAlS, verwendet, wie sie nachweislich schon seit Jahrtausenden auf dem 

Tigris und auf dem Euphrat gebraucht worden sind. Die Keleks be- 
stehen im wesentlichen aus mehreren Reihen aufgeblasener Ziegenhäute, 
auf welche der Länge und der Breite nach Stangen gelegt und befestigt 
werden. lieber den Stangen werden Balken angebracht und auf diese dann 
die Ladung möglichst gleichmässig verteilt. Die Ziegenfelle sind mit ihrer 
Mündung nach oben placiert, damit sie unterwegs, falls die Luft entweichen 
sollte, von neuem aufgeblasen werden können. Die Fortbewegung der 
Flösse wird der Strömung überlassen, denn die am Hinterteil an Pflöcken 
angebrachten beiden Ruder dienen im Grunde nur zur Steuerung, zumal 




Kelek zu assyrischer Zeit (Place PL 43}. 



ihre Schaufeln nur aus schmalen, quer an die Ruderstange befestigten 
Brettchen bestehen. Sollte ein nennenswerter Effekt mit diesen Rudern 
erzielt werden, so müssten sie mindestens um vier bis sechs vermehrt 
werden, ausserdem sind aber die Flösserknechte (Kelek^i) zum Rudern 
meistens zu faul, wenn sie sich auch regelmässig zu dieser Arbeit ver- 
pflichten, und es bedarf erst der im Orient üblichen Mittel, um sie an 
ihr Versprechen zu erinnern. 

Mit den Stangenreihen ist das eigentliche Floss vollendet, doch 
wird für Passagiere ein Zelt oder eine Hütte auf« dem Balkengerüst er- 
richtet. Mein Floss war rechteckig und bestand aus 200 Schläuchen; 
die Hütte hatte drei Abteilungen, jede einzelne im Quadrat etwa 6 Fuss 
messend. Rings um die Hütte war ein weiterer Raum von etwa 5 Fuss 
Breite vorhanden, auf dem das Gepäck und die Vorräte aufgestapelt 
lagen, gekocht wurde und die Bedienungsmannschaft sich aufhielt. Da 



K;ip. XV. M^iu Kelek. 



195 



wir unterwegs nur an wenigen Stellen neuen Proviant einkaufen konnten, 
so musste Lebensunterhalt auf mehrere Tage von Mö^ul mitgenommen 
werden. 

Der Aufenthalt auf dem Kelek erschien mir bei der Knappheit 
des Raumes nichts weniger als angenehm, weshalb ich allen Tigris- 
reisenden entschieden von der Benutzung dieses Transportmittels ab- 
raten möchte. Die Balken des Flosses waren nicht behauen und ein 
Gehen auf der runden nassen Oberfläche nicht möglich. Es ist dringend 
zn empfehlen, darüber eine Lage glatter Bretter zu legen, die jedoch 
nicht angenagelt werden dürfen, weil sie bei den immer wieder not- 
wendigen Reparaturen der Schläuche bei Seite geschoben werden müssen. 
Dem Orientalen dagegen gewährt eine Kelekfahrt das höchste Ver- 
gnügen, da sie keinerlei Bewegung noch Anstrengung von ihm verlangt 
und er in Bezug auf Raum nur geringe Ansprüche macht. Den ganzen 




Fahrzeuge auf dem Tip^is zu assyrischer Zeit (Place PI. 44). 



Tag regungslos auf dem Floss zu liegen, in das Wasser zu schauen und 
sich von der Sonne bescheinen zu lassen, bereitete meinen Leuten er- 
sichtlich Kef (Behagen); sie waren daher während der ganzen Fahrt 
überglücklich und in der heitersten Laune. 

Die Keleks werden von den Reisenden in Mö§ul gewöhnlich ge- 
mietet. Der Preis richtet sich nach der Anzahl der Schläuche, für die 
etwa je 5 Piaster gezahlt werden. Für die aufzurichtende Hütte ist eine 
weitere kleine Vergütung zu entrichten und den Flössem ein be- 
sonderes »Bachschich« zu gewähren. Das Holz, welches aus den Wal- 
dungen der kurdischen Gebirge stammt, wird in dem holzarmen Bardäd 
für teures Geld verkauft, während die Schläuche behufs besserer Erhaltung 
präpariert und dann in Bündel zusammengepackt nach Mö§ul zurück 
transportiert werden. 

Die Dauer der Thalfahrt von Mö§ul nach Bardäd ist sehr ver- 
schieden, je nach der Jahreszeit, dem Wasserstande und — vorzüglich bei 
den mit Hütten versehenen Flössen — nach dem Winde. Besonders da, 
wo die Strömung schwächer wird, also namentlich bei dem Eintreten in 



Iq6 Kap. XV. Gefahren der Wasserreise. 

das eigentliche Babylonien, zwingen widrige Winde die Flösse oft zu 
tagelangem Aufenthalt Im allgemeinen rechnet man im Frühjahr, wo 
der Wasserstand am höchsten ist, etwa vier bis fünf Tage, im Herbst 
neun bis zwölf Tage; meine Fahrt dauerte sieben Tage. 

Die Kelek-Flösserei wird auch oberhalb Mö$ul von Diärbekr an be- 
trieben, doch ist diese Strecke wegen der vielen Wirbel und Stromengen 
viel gefährlicher*) als die Fahrt von Mö§ul nach Bardäd. Kommt man 
von Diärbekr, so wird das Floss gewöhnlich in Mö§ul gewechselt, da es 
meistens so gelitten hat, dass es nicht weiter tragfähig ist. Von diesem 
Orte an sind die Stromschnellen nur wenig an Zahl und werden dem 
Fahrzeug auch bei niedrigem Wasserstande selten verhängnisvoll. Die 
bedeutendere derselben befindet sich zwischen Mö$ul und der Mündung- 
des oberen Zäb, einige kleinere noch in dem unteren Laufe, wo der 
Tigris durch herantretende Gebirge eingeengt wird. Das Gefälle von 
Mö§ul nach Bardäd beträgt etwa 210 m auf eine Strecke von un- 
gefähr 450 km. 

Grössere Gefahren drohten früher den Flössern seitens der 
Uferbewohner; häufig genug wurden die Keleks von den Schammar 
und anderen in der Nähe des Tigris streifenden Stämmen ange- 
fallen und ausgeplündert oder mit einer schweren Steuer belegt. 
Ausser den herumziehenden Banden waren es besonders zahlreiche Raub- 
burgen, welche die Vorbeipassierenden brandschatzten und den Strom- 
verkehr schädigten. Noch jetzt sieht man auf einzelnen der in den Strom 
hineinragenden Felsen Ruinen, die den Ritterburgen am Rhein auffallend 
ähnlich sind. In der neuesten Zeit ist die Sicherheit auf dem Strom 
erheblich grösser geworden. Die Pforte hat mit vielem Erfolge den 
Bock zum Gärtner gemacht, d. h. die Schammar haben die Verpflichtung- 
übernommen, die Flösse nicht mehr zu belästigen, vielmehr gegen andere 
Räuber zu beschützen; immerhin ist der Verkehr auch jetzt noch nicht 
als ein völlig sicherer zu bezeichnen. 

Noch im Jahre 1891 entging der französische Reisende Comte de 
Cholet kurz oberhalb Tekrit nur durch einen glücklichen Zufall den 
Hamawand. Vor seinen Augen hatte sich eine berittene Bande von 
75 Mann mehrerer Keleks bemächtigt und die Mannschaft getötet. 
Ihm selbst gelang es, sein Floss an das westliche Ufer zubringen 
und um Mitternacht, begünstigt von Sturm und Regen, die Strom- 
enge zu passieren, welche die Banditen besetzt hielten und durch am 
Fluss aufgestellte Posten bewachten^). Mir hatte der Wali von Mö§ul 



*) BeschreibuDfi^en solcher Fahrten haben wir von Moltke, MüUer-Simonis, am aus« 
führlichsten von Sandreczki a. a. O. Bd. I S. 258—316. 

•) Vergl. Cholet, Armenie, Kurdistan et Mesopotamic, Paris 1S92, S. 303 ff. 



Kap. XV. Abfahrt von Mö§ul. igy 

zwei Zaptije mitgegeben, die mich besonders auf kleineren Ausflügen an 
den Ufern begleiten sollten. 

Die Landschaft von Mö§ul bis nach Bardäd ist im allgemeinen 
recht einförmig und wenig anziehend. Zu meiner Zeit war der 
Wasserstand des Tigris überdies so niedrig, dass man selten über 
die Uferränder hinwegschauen konnte. Nur an wenigen Stellen, z. B. 
dort, wo der Fluss den (lebel Hamrin durchbricht, gewähren die steil zu 
dem Strom abfallenden Felsen eine reizvolle Abwechselung der monotonen 
Scenerie. Nur wenige grössere Ortschaften werden passiert; die 
Ufer sind von mehr oder weniger sesshaft gewordenen, in Zelten oder 
elenden Hütten hausenden Stämm.en bewohnt, die in geringem Masse 
Ackerbau treiben. Erst bei dem Eintreten in das eigentliche Baby- 
lonien, in der Gegend von Samarra, beginnen die Ufer ein anderes 
Bild zu zeigen. Die Niederlassungen werden immer häufiger, und bald 
werden dann auch die in Assyrien noch ganz fehlenden Palmen sichtbar. 
Das grösste Interesse auf der Tigrisfahrt bieten die zahllosen Ueber- 
reste aus alter Zeit: bergartige Schutthügel und Trümmer von Palästen 
und Burgen auf beiden Seiten des F'lusses. 

Ich unterliess es thunlichst, bei Nacht zu fahren und hielt trotz des 
dadurch verursachten Zeitaufwandes bei allen wichtigeren Punkten an. 
Die Namen der Lokalitäten gebe ich, wie sie mir von den Kelekgi ge- 
nannt wurden. Die Zeiten können freilich nicht als sichere Entfernungs- 
angaben gelten, da die Geschwindigkeit der Fahrt je nach dem Wechsel 
des Windes und der Strömung sehr verschieden war. 

Nach sehr umständlichen Vorbereitungen und den im Orient un- 
vermeidlichen Verzögerungen konnten wir am Mittwoch, den 23. August, 
nachmittags i Uhr 50 Min. von dem Einschiffungsplatze unterhalb der 
grossen Brücke abfahren. Mit massiger Geschwindigkeit trieb das Floss 
an dem Wali-Palast und an den sich fast eine Stunde weit hinziehenden 

Gartenanlagen der Stadt, Saff" et Tut Zj^\ «^-.^ (»Maulbeerallee«) ge- 
nannt, zur Rechten entlang, während links das Ruinenfeld von Ninive 
liegen blieb. 2 Uhr 50 Min. sahen wir links auf einem Hügel das aus 
etwa 200 Steinhäusern bestehende und von Turkmenen bewohnte Dorf 

Jarymga <^jl. 3 Uhr 17 Min. hatten wir zur Rechten, auf der Ab- 
dachung eines von Norden herkommenden Gebirgszuges gelegen, den 
ausgedehnten, mit Türmen geschmückten Gebäudecomplex des unserem 

Freunde Junis Bey gehörigen Landsitzes, Namens Saramün J yVr^- Zur 

Zeit von Ainsworths Besuch lag Saramün, das er Ka§r el Saramün 
nennt, in Trümmern, es scheint erst später wieder aufgebaut zu sein. 



Iq3 Kap. XV. Von Mo^ul nach Hammäm 'Ali. 

Das Grundstück besitzt eine eigene Wasserleitung aus dem Strom- 
Etwas westlich von dem Hause befindet sich das grosse Dorf Abu Sef, 
mit etwa loo Häusern aus Stein und Mörtel, das den Abu *Ali (el 
*Abid) gehört. 4Uhr 18 Min. lagen zwei Dörfer zur Linken, eines näher am 

Ufer: Esch Schemsijät Ou,>^».A.H, das andere, Ky§§ Fächra ^^ ^^»» 

etwas mehr landeinwärts. Beide bestehen aus je etwa 70 Lehm- 
häusern und sind von Turkmanen bewohnt. 4 Uhr 25 Min. sahen wir 

rechts das kleine Dorf El Kunetira S^.iIaH, etwa 20 Lehmhäuser, von 

öebür bewohnt, auf dem Südende des Höhenzuges, an dessen Nordrand 
Es Saramün steht 4 Uhr 35 Min. lag rechts das Gebür-Dorf Albu öuwäri 

^jl^^ jj\ mit etwa 35 Lehmhütten (bei Chesney el Bujuiyri und bei 

Jones el Budjiara genannt), 5 Uhr links das Dorf Umm Ku§er j^^ ^\ 

(>mit dem Schlösschent) mit 90 teils aus Stein, teils aus Lehm erbauten 
und von Turkmanen bewohnten Häusern, welches einem reichen Mö§ulaner 
Efiendi gehört. Das Dorf verdankt seinen Namen einem hochragenden 
Gebäude in seiner Mitte. Gegenüber auf der rechten Seite mündet ein 

kleiner schwefelhaltiger Bach El Mukabrit Oj^^=u\. 5 Uhr 10 Min. 
wurde rechts das kleine Dorf Lazzäl^a <j\j mit etwa 30 Stein- und Lehm- 
häusern passiert, das von sesshaft gewordenen Beduinen, den angeblich 
einen Zweigstamm der Abu Husen bildenden Abu Selmän (auch Albu 

Salmän jUL» yS\ geheissen), bewohnt wird. 5 Uhr 40 Min. lag links 

das öebür-Dorf Saffik ^\A^ mit 10 Ziegelhäusern, 6 Uhr 25 Min. rechts 
das aus 80 Ziegelhäusern bestehende Dorf *Are^ ^j^^^ wieder von Abu 
Selmän bewohnt. 6 Uhr 35 Min. passierten wir links den Teil esch Schajätin 
jJV^uJLH t (»Teufelshügel«), dessen Gipfel Stein- und Felsblöcke zeigte; 
ebenfalls links, dicht am Flusse, das von Abu Huscn bewohnte Dorf Häwi 
A§län j^L^l fSy^ ^^^ ^5 Erdhäusern. Um 7 Uhr 40 Min. lag links 
das Gebür-Dorf El Humera öjJt'\ mit etwa 25 Erdhäusern, rechts gerade 
gegenüber der Badeort Hammäm 'Ali U ^U"^). Das eigentliche Bad 

*) Vcrgl. Ainsworth, Travel« and Researches, London 1892, Bd. II S. 149; Layard, 
Ninive und Babylon (deutsche Ausgabe^, S. 353, Ninive and its remains (enjjlische Ausgabe)» 
Bd. I S. 4 ff; Cameron a. a. O. Bd. II S. 245 ff. 



Kap. XV. Der Badeort Hammam 'Ali. igg 

liegt etwas landeinwärts in der Nähe verschiedener Schutthügel, welche 
die Reste einer bedeutenden alten Stadt bergen dürften. Feiner derselben, 

der Teil es Sabt slA^\ Jj» (>Sabbathügel«), soll nach der Lokaltradition 

auf eine Niederlassung der in Gefangenschaft geschleppten Juden hinweisen. 
Die bisher nur von Layard ^) vorgenommenen oberflächlichen Grabungen 
haben kein Resultat ergeben. An dem Fusse des Teil ist ein modernes, 
durch eine Feuersbrunst teilweise zerstörtes Dorf entstanden. Das Bad 
hat zwei vermauerte, mit nicht unbedeutenden Kuppelhäusern überbaute 
Schwefelquellen, deren Temperatur 47— 48® beträgt; aus einigen anderen 
quillt Petroleum und Asphalt. Die Badeanlagen sind mit Ankleideräumcn 
ausgestattet, werden täglich gereinigt und sind abwechselnd zu bestimmten 
Stunden für Männer und Frauen geöffnet. Das verbrauchte Wasser fliesst 
in den Tigris ab. Um die Quelle gruppieren sich Lehmhäuser und Holz- 
buden mit Läden und Cafös unternehmender Geschäftsleute, die für die 
Dauer der Saison hierher kommen. Es existiert ein ganzes, von breiten 
Strassen durchzogenes Viertel, das von den an die Badegäste vermieteten 
Häusern gebildet wird. Alle sind einander gleich: aus Lehmziegeln er- 
baut und mit getrocknetem Schilf überdacht, bestehen sie aus einem 
einzigen niedrigen Stockwerk, das meist nach einem kleinen Hofraum 
hin offen ist. Selbstverständlich werden sie ohne Mobiliar vermietet, 
und die Gäste bringen ihre Matratzen, Kissen, Kochgerätschaften und 
dergl. von Hause mit. Ausserdem werden in Hammäm *Ali zahlreiche 
Zelte, sowie Stroh- und Schilfhäuser während der Saison aufgerichtet. 
Hoch und Niedrig, Christen, Juden und die vornehmen Muhammedaner 
von Mö§ul und Bardäd kommen hierher. Bis spät in die Nacht hinein 
wird gebadet. Die Kur dauert drei bis vier Wochen. Die eigentliche 
Saison fällt in den Sommer. Ich fand das Badeleben in flottestem 
Gange, in den Cafes Musik und zahlreiche Gäste. Die Aufsicht im Orte 
wird von Zaptije aus Mö§ul geführt. 

Am folgenden Tage, den 24. August, verliess das Floss früh am 
Morgen die Landungsstelle. 472 Uhr vormittags lag rechts das öebür- 

dorfCiuhene 4JL4>- mit 100 Erdhäusern, links gegenüber Salamije <xJL*, 

ein grösserer Ort mit etwa 150 Häusern aus Stein und Mörtel mit turk- 
manischen Einwohnern. Um 6 Uhr glitt das Kelek leicht und ohne 
Schaden zu nehmen über eine Barre*) im Strombett hinweg. Kinneir, 
welcher diese Stromschnelle bei ganz niedrigem Wasserstande im August 
passierte, hat hier grosse Steinblöcke im Flusse konstatiert, welche nach 



*) Ninive und Babylon, S. 353. 

') Vcrgl. Rieh, Residence in Koordistan, Bd. II S. 129. 



200 



Kap. XV. Die Ruinen von Nimruil. 



seiner Ansicht von einem alten Damm herrühren ^). Layard hat ihm am 
östlichen Ufer landeinwärts nachzugehen versucht, aber nach Grabungen 
von einigen Tagen die Arbeit aufgegeben *). Wahrscheinlich dürften die 
Stromschnellen durch eine künstliche Mauer, die zu den Ruinen des dicht 
unterhalb gelegenen Nimrud gehört, hervorgerufen worden sein, während 
Petermann*) nach der Tradition der Araber sie für die Ueberreste einer 
steinernen Brücke hält, die auf natürliche Febstücke, welche hier im 
Strome liegen, aufgebaut gewesen sei. 

Um 6 Uhr 20 Minuten legte das Kelek am linken Ufer an, und 
wir begaben uns an das Land, um die Ruinen von Nimrüd zu besuchen. 
Das eigentliche Ruinenfeld liegt etwa eine halbe Stunde landeinwärts 



. II !■ 




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^-ii-n'^ 



Grnndriss der Ruinenhilgel von Nimruvl nach Layard. 

von dem Strome, der heute unterhalb des Dorfes Salamije einen grossen 
Bogen nach Westen macht, während er früher unmittelbar an den Mauern 
der alten Stadt vorbeigeflossen ist. Die Spuren des alten Strombettes 
sind noch deutlich zu erkennen. 

Das Ruinenfeld von Nimrüd besteht in der Hauptsache aus einem 
grossen, von Süd nach Nord orientierten, rechteckigen, plateauförmigen 
Hügel, dessen Schmalseite 300 m beträgt, während die Länge fast doppelt 
so gross ist. Die Ausgrabungen Layards und Rassams haben bereits 
die Reste von vier Palästen nachgewiesen*). Die Nordwestecke des 



il 



^] Vcrgl. Kinncirs Journey throujjh Asia Minor, S. 465. 
*' Verjjl. Layard a. a, O. S. 354. 
»■ a. a. O. Bd. II S. 54. 

*) Vcrgl. Layard, Xinive and its remains, Bd. I Plan i zu S. 332; ferner Layard, Ninive 
und Babylon, Plan 2 und 3. 



^ 




Im rl . 



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x; 






Kap. XV. Die Ruinen von Nimrüd. 



201 



Plateaus wird von einem hohen kegelförmigen Hügel gebildet, der aus 
der Ebene etwa iio und von dem Plateau selbst etwa 70 Fuss aufragt. 
Dieser Hügel ist durch den Zusammensturz der oberen Stockwerke eines 
Turmes gebildet, der nach Layard aus fünf nach oben sich ver- 
jüngenden Etagen bestanden hat. Die ursprüngliche Höhe würde vom 
Niveau aus gerechnet über 1 50 Fuss betragen haben, wobei das unterste 
Stockwerk, als welches die Terrasse anzusehen sei, etwas über 25 Fuss 
hoch gewesen wäre. In den Schutthügel ist ein tiefer Schacht gegraben, 







bW wasj' ■"^"tS 



"-7 ^- 



Assyrische Abbildungen von Häusern und Zelten (Layard, PI. 77). 

der deutlich die Struktur des aus ungebrannten Ziegeln mit Steinver- 
kleidung errichteten Gebäudes erkennen lässt. Die zusammengestürzten 
Luftziegel sind jetzt an ihrer Oberfläche durch den Regen zu einer kom- 
pakten Masse zusammengewaschen worden. Layard vermerkt, dass der 
Bau das Grabmal des Königs Assurbanibal ^) bildete, nach Ansicht anderer 
Forscher soll die Pyramide von diesem König selbst errichtet sein. 
Oestlich von diesem Hügel sind auf der grossen Terrasse zwei Gebäude 
aufgedeckt worden, welche Tempel gewesen sein dürften. Zwischen 



») Vergrl. oben Kap. XIV S. 187 f. 



202 Kiip. XV. Die Köni^sp:üäste von Ximrutl. 

beiden mündete eine breite Treppe oder ein schräger Aufgang, der zu 
der Terrasse hinaufführte und dessen Spur sich noch heute als tiefer Ein- 
schnitt darstellt. Auch die vier von Layard und Rassam blossgelegten 
Paläste haben ersichtlich jeder ähnliche Treppen oder Auffahrten be- 
sessen, welche in gepflasterte Wege mündeten. Infolge des Zusammen- 
sturzes der verschiedenen Bauwerke ist die gegenwärtige ungleiche Ober- 
fläche dieser sogenannten Palastterrasse entstanden. 

Südlich von dem Pyramidenhügel, also an der Westseite des 
Plateaus, stehen, getrennt durch den grössten jener Treppen-Einschnitte, 
die von ihrem Entdecker als Nordwest-Palast bezeichneten Baulichkeiten, 
die von dem König Assurnasirbal herrühren. Treffender wäre die Be- 
zeichnung West-Palast gewesen, da er sich in der Mitte der Westfront 
der Plattform befindet. Der Haupteingang zu diesem Palast lag an der 




Ornamente auf Kleidern zu assyrischer Zeit (Layard PI. 44: Nimrüd\ 

Nordseite, zu welchem der gedachte Einschnitt hinaufführte. In der 
Südwest-Ecke des Plateauhügels ist der Palast des Königs Assarhaddon, 
gewöhnlich Südwest - Palast genannt, ausgegraben worden. Zwischen 
beiden Palästen sind zwei Aufgänge durch Einschnitte ersichtlich, die 
wiederum zwischen sich die aufgedeckten Ruinen weiterer Baulichkeiten 
erkennen lassen. Viel geringere Dimensionen besitzt der die Südostseite 
des Plateaus einnehmende Palast, von dem Könige Assur-idil-ili, einem 
Enkel des Erbauers des Südwest-Palastes, anscheinend auf den Resten 
eines älteren Gebäudes errichtet*). Die hier aufgefundenen Skulpturen 
sind roher ausgeführt, als die der übrigen Paläste. Sowohl der vorige» 
wie namentlich dieser Palast erscheinen als grössere Erhebungen auf der 
grossen Terrasse, die besonders hier mit Cement bedeckt gewesen zu 
sein scheint. Der vierte, der sogenannte Central palast, steht nicht genau 
im Centrum des Plateaus, sondern mehr nach der Südseite zu und ist 
von dem König Tiglat Pilesar II. erbaut worden. Dieser ist am wenigsten 



*' Vergl. Layard, Ninive und Babylon, S. 499. 




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Obelisk von Niinruil ij^ayanl PI. 53). 



Kap. XV. Moderne Xiederlassunjfen auf den Ruinenfeldern. 203 

erhalten: der König Assurhaddon, der aus einer anderen Dynastie stammte, 
scheint die Residenz seines Vorgängers zerstört zu haben; nachgewiesener- 
massen hat er die skulptierten Platten, welche die Wände bedeckten, 
wegnehmen und zum Bau des Südwest -Palastes verwenden lassen^). 

An der Ost- und Nordostseite sind bisher noch keine Paläste auf- 
gedeckt worden, obwohl Layard dort einzelne Gräben gezogen hat. Es 
kann aber kaum einem Zweifel unterliegen, dass sich auch auf diesem 
Teile der Terrasse Königsbauten befinden müssen. An der Ostseite der 
Plattform führt wieder einer der beschriebenen Aufgänge empor. 

Trotz der Ueberführungen der aufgedeckten Kunstschätze nach 
London und Konstantinopel sind noch zahlreiche, mit Reliefs und In- 
schriften geschmückte grosse Platten, sowie mit Menschenköpfen versehene 
geflügelte Stiere an Ort und Stelle vorhanden. Insbesondere bei dem 
Nordwest-Palast ist die Anordnung verschiedener Zimmer und Höfe noch 
deutlich erkennbar. Diese Kunstschätze, welche unter der schützenden 
Decke des auf sie gefallenen Schuttes Jahrtausende dem Zahn der Zeit 
zu trotzen vermochten, haben in den wenigen Jahren, welche seit ihrer 
Blosslegung verflossen sind, bereits stark gelitten; nur weniges ist nach 
der Ausgrabung wieder mit Erde zugedeckt worden. 

Die Palastterrasse befindet sich an der Südwestecke der alten 
Stadt, welche die Südstadt von Ninive, das alte Kalach, gewesen ist. 
Von letzterer ist ausser mehr oder minder grossen zerstreuten Ruinen- 
hügeln, die durch die noch sichtbare, mit zahlreichen Turmresten ge- 
krönte Umfassungsmauer im Norden und Osten eingeschlossen werden, 
nichts erhalten. Layard glaubte, 85 solcher Türme nachweisen zu 
können; gegen Osten soll die Mauer 50 Türme getragen haben. Die 
Stadt hat anscheinend ein Viereck mit einer im Süden vorspringenden 
Spitze gebildet, und in früherer Zeit soll ein Tigrisarm durch sie 
geleitet worden sein. In der Südostecke hat sich wahrscheinlich ein 
Kastell als Citadelle befunden*). 

Heutzutage liegen auf dem Gebiet der alten Stadt zwei grössere 

Dörfer: das von Ciehesch bewohnte Dorf Näife ül mit etwa hundert 

Häusern, und dreiviertel Stunden südlich das grössere Dorf Nimrüd^^^S 

mit etwa 130 Lehmhütten, in denen jetzt Ciebür hausen, die mit den 
benachbarten Cebesch in schlechtem Einvernehmen leben. Zu der Zeit 
der Layardschen Ausgrabungen soll die Bevölkerung von Nimrüd vom 

Stamme der Schemüti ^j^ gewesen sein*). 

*) Vergl. Schrader, Keilinschriften und das Alte Testament, S. 243. 
*) Verpl. Layard, Ninive und Babylon, S. 500, auch S. 126. 
•) Vergl. Layard, passim; Sandreczki a. a. O. Bd. I S. 61. 



204 Kap. XV. Stromschnellon und Dämme im Tigris. 

Die Cebür gaben sich für die gesetzlichen Hüter des Trümmer- 
feldes aus, sie sprengten uns alsbald entgegen, als wir an der Palast- 
terrasse ankamen, und fragten, ob wir eine Erlaubnis zur Besichtigung 
der Ruinen besässen. Jedoch auch ohne diese wurden wir bald Freunde 
und statteten beim Wegreiten dem Cebür - Schech in seinem Dorfe einen 
Besuch ab. Unterwegs versuchten die Gebür, uns den öerid vorzureiten, 
doch schienen die seit Generationen zu Fellachen gewordenen Beduinen 
diese Kunst verlernt zu haben, und ihre Pferde waren traurige Klepper. 
Sie gaben an, dass sie von den Kurden der östlichen Gegend viel zu 
leiden hätten. Im Hause des Schechs fand ich unsere Reisebegleiter 
von Der nach Mösul wieder, die drei Beduinenhändler, die bis hierher 
gekommen waren, um Schafe einzukaufen. 

Wenige Minuten südwestlich von dem Dorfe Nimrüd bestiegen wir 
wieder unser Floss, das inzwischen weiter stromabwärts gefahren war 
und eine zweite Barre und Stromschnelle übenvunden hatte. Die Fahrt in 
dem seichten, durch Inseln gespaltenen Fluss ging bei widrigem Winde 
überaus langsam von statten. Wir passierten zur Linken einen 
toten Arm des Tigris, der vielleicht den Rest des früheren Flusslaufes 
darstellt. Um i Uhr lag rechts ein aus 20 Rohrhütten bestehendes 
Dorf mit Gebür - Einwohnern, die ihre Wohnungen im Winter mit Zelten 
vertauschen. In nächster Nähe befand sich ein Steinbruch; links lagen 

die aus Lehmhäusern bestehenden öebiirdörfer Es Scjid-Hamed JU^l ^^^ir^^ 

mit et^va 120 und El Gurfe Ü^^ niit etwa 140 Hütten; bald darauf 

rechts das Geburdorf Snedig^ \)Juü^ (»Kästchen«) mit etwa 80 Rohr- 
häusern. 

2 Uhr 5 Minuten passierten wir eine dritte Stromschnelle Sikr 

^^X-^ (>Damm<) oder Cisr ^r^ (»Brücke«) genannt^), die sich schon 

von weitem durch das Rauschen des Wassers ankündigte. Das Floss 
kam etwas ins Gleiten und drehte sich halb um sich selbst, wodurch 
mehrere Schläuche locker wurden und ihre Luft entweichen Hessen. 
Mit Leichtigkeit wurden sie aber von den in das Wasser springenden 
Flössern wieder in die richtige Lage gebracht und mit Hilfe 
eines Rohrstückes von neuem aufgeblasen. Von den grossen Schwierig- 
keiten in der Passage, über die Binder berichtet, habe ich nichts wahr- 
genommen. Auch hier mag ein alter Damm die Ursache des Kataraktes 
sein. Rechts von dem Sikr lag nahebei eine Gebür - Niederlassung mit 

*' Vergl. Rieh, Residcnce in Koonlistan, Bd. II S. 129: v. Thielmann. Streifzüge 
im Kaukasus etc., S. 350; Binder, Au Kurdistan, en Mesoputamie et en Ferse. S. 278. 



Kjip. XV. Der obere oder grosse Zab. 205 

loo Rohrhütten. 2 Uhr 45 Min. begann sich ein starker Schwefel- 
wasserstoffgeruch bemerkbar zu machen, von einer Quelle auf der rechten 
Seite des Flusses herrührend. 3 Uhr 10 Min. stieg der rechtsseitige 
Uferrand zu einer Anhöhe an, welche von hier bis gegenüber der Ein- 
mündung des grossen Zäb in den Tigris sich erstreckte und öebel el 

Mischräk (3^,/-***^ J^ genannt wurde. 

3 Uhr 20 Min. hatten wir die Einmündung des oberen oder grossen 
Zäb erreicht, der, einer der grössten Zuflüsse, dem Tigris auch im 
Sommer eine bedeutende Wassermasse zuführt. Seine Quellen liegen 

weit oben in Central-Kurdistan bei dem Orte Baschkal'eh AÄÜiL. Das 

Wasser des Zäb ist im Gegensatz zu den gelben trüben Tigrisfluten 
sehr klar und erscheint fast hellgrün, sein Gefäll ist so stark, dass er dem 
Tigris für eine längere Strecke nahezu seine eigene Richtung aufdrängt. 
An der Mündung ist der Fluss durch Inseln in mehrere Arme gespalten. 
Auf dem linken Ufer des Zäb, etwa 2 km vor seiner Vereinigung 

mit dem Tigris, steht der hohe Hügel öebel Keschäf v-iwS Jj» *). In 

grösserer Entfernung vom Strome wurde die isolierte Gebirgskette des 
Karagok sichtbar, welche sich südlich vom grossen Zäb bis nach Kerkuk 

hinzieht. 3 Uhr 20 Minuten sahen wir rechts das Dorf El Hadra o^^-ioLl 

mit etwa 120 Erdhäusern der öebür, um 4 Uhr erschienen rechts die 

Tulül en nä§ir ^w?u)\ J^, 5 Uhr 10 Minuten links das öebürdorf Mustafa 

el Man§ür j j.,Ali\ ik-uiA mit etwa 80 Zelten. Gegenüber rechts erhob 

sich der Teil esch schök ij j-lH X (»Dornenhügel«) mit etwa 40 Zelten 

der öebür. 5^/2 Uhr lag links der Teil esch scha*ir ^^ycJÜl t (»Gersten- 

hügeU), im Osten und Westen des Hügels je ein kleines Dorf aus Erd- 
häusem bestehend. 

6 Uhr 20 Minuten sahen wir rechts den Teil mankübe ^yu^ l> 

(* der Durchlöcherte«), so genannt, weil angeblich Hormuzd Rassam hier 
Ausgrabungen veranstaltet hat. Hier befindet sich ein kleines öebür- 



^3 Kinneir schreibt den Namen SchafT. Aach sonst ist die Niimensschreibanj; der 
Tigrisorte nicht nur bei ihm, sondern in den meisten englischen Werken and Karten der 
älteren Reisenden sehr wenip^ korrekt. So schreibt z. B. Kinneir: Makoh für Makbül; Jalal 
Aker für Talül *A^r, was von Ritter« Bd. XI S. 671 als Jelal 'Aker übernommen wurde. 
Rieh (tod ihm aas der Kinneirschen Karte übernommen) setzt für Mischräl^ Naarshik. 



2o6 Kap- ^^ • IWe Asphaltquelle el Gijam. 

Dorf von etwa 50 Zelten. 6 Uhr 35 Minuten lag links ein Dorf und 
in einiger Entfernung ein Mazär J^J^i die beide den Namen Sultan 
'Abdallah a\S\ Jl^ jlÜLJl tragen. Die etwa 150 Erdhäuser des Dorfes 

sind von Luheb »^.a^, einem Zweige des grossen öebürstammes . be- 
wohnt Es ist dies der nördlichste Punkt, den das englische Dampfboot 
»Euphrates« auf seiner Rekog^oszierungsfahrt im Jahre 1839 von Bardäd 
aus erreicht hat^). 9 Uhr 10 Minuten hatten wir links das öebür-Dorf 

Makkük IJ^Xa mit etwa 1 80 Zelten, 9 Uhr 1 5 Minuten rechts El Gijära 

ÄjLül (»Asphaltquelle«)*), deren schwarzgrüne Farbe den Tigris noch 

eine Strecke hinab verunreinigt^). 

Wir fuhren dieses Mal die ganze Nacht durch. Die Namen der 
von uns passierten Lokalitäten sowie die mutmasslichen Zeiten wurden 
am nächsten Morgen nach Angaben der Kelekg^i wie folgt verzeichnet: 

1 1 Uhr rechts Teil er rgübe A)3j\ (»Nacken«) mit etwa 80 öebür- 

Zelten. 17« Uhr links ein öebür- Lager von etwa derselben Grösse 

Namens El 'Ausege <3t-w^\. 2 Uhr 10 Minuten links Mazär el Hägg 

*Ali ^r-vi-\jl *^, ein kleines Kuppelgrab auf einer Anhöhe, um die 

herum etwa 80 Ciebür -Zelte liegen. 2 Uhr 40 Minuten rechts Cebürlager 

von etwa 40 Zelten Esch Schhdle ^l^st-l)!. 3 Uhr 10 Minuten links Öebür- 

lager Gan*au!? ^j^:>^äI3*) von etwa 60 Häusern. 3 Uhr 20 Minuten rechts 

El Ubaijid ^jla^ jl"^), mit etwa 40 Ciebiir- Häusern, und links eine kleine 

\ Vergl. Ritter a. a. O. Bd. XI S. 668. 

'] Vergl. Ainsworth, Travels etc., Bd. II S. 152. 

-; Nach JaVut II, 689 soll hier ein Kloster gestanden haben. — Die unter der Erde 
schlummernden Schätze dieser Gegenden sind noch niemals von europäischen Fachf^elehnen 
untersucht. Es erscheint mir nicht unmöglich, dass am Tigris Petroleum gewonnen werden 
konnte. Bei Schuschter in Persien, dessen Gebiet eine Fortsetzung der von hier bis tief 
nach Persien sich erstreckenden indischen Berge darstellt, sind Quellen von Petroleum ent- 
deckt, das an Reinheit sehr hoch stehen soll. 

*) Vielleicht identisch mit dem Teil Geloos bei Rieh a. a. O. Bd. 11 S. 137. Auf 
der ganzen Stromstrecke von hier bis Kal'at Schergäf giebt Rieh keine Namen weiter an. 
Vergl. auch Teil Kunus bei Ainsworth, Narrative etc. S. 391. 

*; »Das kleine Weisse«, derselbe Name wie die gewöhnlich >Obeidc geschriebene 
Hauptstadt von Kordofän. 



Kap. XV. Ein Besuch bei den Südschammar. 207 

Niederlassung, die von räuberischen öebür bewohnt sein soll, an einer 
Stelle, die Ras Gan*au§ i^y^ kJ*^^ genannt wurde. 4 Uhr rechts das 

C'iebrir - Lager El Chacjrän I^jUl^ mit etwa 50 Zelten; jenseits das 

(lebür - Lager Schkewije <» ^Ssl^ mit etwa 90 Zelten. Die Reihenfolge der 

vorgenannten Lokalitäten dürfte wohl richtig sein, dagegen kann ich für 
die Richtigkeit der durch die Zeitangaben bestimmten Entfernungen keine 
Gewähr leisten. 

Freitag, den 25. August, hatten wir 5 Uhr 45 Minuten morgens 

rechts den hohen Hügel Kabr el kädi /c^^3\ J^, &\% Uhr eine Furt, wo 

der Fluss überschritten werden kann. 7 Uhr 20 Minuten hielten wir am 
rechten Ufer in der Nähe einer Schammar-Niederlassung, um den Söhnen 
des Ferbän Pascha, den Schechs der Südschammar, einen Besuch abzu- 
statten. Unsere Landungsstelle befand sich etwa eine starke Wegstunde 
oberhalb der Ruinen von Kal*at Schergät, welches wir später zu Lande 
erreichten, um unterhalb der Ruinenstadt unsere Wasserreise fortzusetzen \ 
Wir fanden die Schammar-Zelte in grosser Zahl am Fluss und 
landeinwärts aufgeschlagen. Das Lager stand unter der Führung von 
Ferbäns Söhnen Fesal und Mutlol^. Einige andere Söhne Ferbäns sollten 

zu meiner Zeit in der Nähe der Ruinenstadt Hatra (El Hadr) ^^iakl 

lagern, die von hier eine starke Tagereise westlich liegt*). Bereitwilligst 
zeigte man uns den Weg in das Zelt Fe§als, des ältesten der beiden 
Brüder, das sich am nördlichen Ende des Lagers befand. Die Nach- 
richt, dass ich mehrere Tage als Gast im Lager des Färis geweilt, hatte 
sich bis hierher verbreitet, und in der freundlichsten Weise forderte mich 
Fe.'jal, ein schöner, intelligent aussehender Mann in mittleren Jahren, auf, 
auch bei ihm einige Tage zu verweilen. Zu meinem Bedauern konnte 
ich hierauf ebensowenig eingehen wie auf die Einladung, Hatra zu be- 
suchen, da nach Mö§ul alarmierende Nachrichten von dem Auftreten 
der Cholera in Bardäd gelangt waren und ich so rasch wie möglich 
dorthin eilen musste, um Hille und Kerbela noch besuchen zu können. 



*) Auf der linken Stromseite werden kurz oberhalb von Kal'at Scherfjät von Rieh 
die Tulül *A4^ir genannt. In der Nähe der Tulül *A\^ir sollen hier nach Rieh und 
K-inneir Albu-Husen und Abu Daula gehaust haben. (Kinneir S. 466 giebt hier auch felsige 
Hügel Namens öebel Hussain an.) Ferner nennt Rieh (Narrativc of a Residence in Koordistan, 
London 1836, ßd. II S. 137) noch zwischen den Tülul A|pr und Kai at Schergät Strom- 
schnellen im Flusse, welche wohl von alten Mauerresten herrühren. 

') Vergl. oben Kap. X S. 3. 



208 ^P- ^^'- Ferbän Paschas Söhne Fe^l und Mu(lo\^ 

bevor die zu erwartenden Absperrungsmassregeln eingetreten waren*). 
Doch folgte ich Fe«;als Einladung zum Frühstück und griff tapfer in die 
gemeinsame Reisschüssel ein, die mit Hammelresten vom vorigen Tage 
gefüllt und reichlich mit Fett übergössen w ar. Fe§als Zelt war bedeutend 
kleiner als das des Färis. Wir sprachen den Wunsch aus, auch die Frauen- 
abteilung sehen zu dürfen, und ganz im Gegensatz zu der bei den 
städtischen Muhammedanern gewohnten Scheu, ihre Frauen den Blicken 
von Nichtverwandten, insbesondere aber von Ungläubigen, zu zeigen, for- 
derte uns Fesal geradezu auf, seine drei Gattinnen in ihren verschiedenen 
Behausungen zu besuchen, indem er sich noch entschuldigte, dass sie keine 
Zeit hätten, sich zum Empfang zu schmücken. In der Frauenabteilung 
seines eigenen Zeltes wohnte seine älteste Frau, von der er mehrere 
Kinder hatte. In dieser Abteilung war die für seinen Haushalt bestimmte 
Küche, seine eigene grosse Kleidertruhe und der schöne Haudag^, die 
für die Frauen bestimmte Kamelsänfte, untergebracht Seine beiden 
anderen Gattinnen hatten in nächster Nähe besondere kleinere Zelte. Die 
jüngste war vierzehn Jahre alt und erst seit kurzem mit ihm verheiratet; 
sie war ausnehmend schön, mittelgross, von schlanker und doch wohl 
entwickelter, elastischer Gestalt; dunkelglühende Augen und blendend 
weisse Zähne blitzten aus dem von schwarzen Locken umrahmten braunen 
Gesicht hervor. Sie hatte weit schöneren Schmuck als ihre beiden 
älteren Kolleginnen, eine schwarze Sklavin war stets in ihrem Zelte an- 
wesend, um ihrer Befehle zu harren. Die Frauen empfingen mich auf 
das Freundlichste und waren sichtlich erfreut über die einfachen kleinen 
Metallspiegel, die ich ihnen als Geschenk anbot. 

Vom Lager aus besuchten wir die Ruinenfelder von Kal'at Schergät, 
wohin uns Fcsal, der uns auch Pferde zur Verfügung stellte, mit einigen 
seiner Leute das Geleit gab. Nach etwa einstündigem Ritte erreichten 
wir, nachdem wir unmittelbar vorher einen ausgetrockneten Bach über- 
schritten hatten, den ungeheuren Schutthügelkomple.x, als welcher Kal^t 
Schergät sich darstellt. Das Ruinenfeld hat etwa Dreieckform, mit der 
einen Längsseite stösst es an den Tigris und fällt hier steil zum Strome 
ab. Die Strömung hat sich seit einiger Zeit nach der Westseite gewendet 
und wäscht von dem Fussc des Schutthügels immer mehr Terrain weg. 
Der zu meiner Zeit herrschende niedrige Wasserstand Hess an einzelnen 
Stellen der Hügelwand einen schmalen Erdrand hervortreten, der bei 
Hochwasser überflutet wird. Die nördliche Seite des Dreiecks ist die 
kürzeste. Die Westseite zieht sich in einem Bogen landeinwärts. Die 
Höhe dieses Hügelkomplexes ist sehr verschieden: an der Nordseite 
beträgt sie etwa loo Fuss, während sie sich im Süden allmählich zu dem 



*} Leider inusste ich auf einen Besuch Babyloniens der inzwischen doch verfQgten 
Quarantänemassreq^eln wegen verzichten. 



Kap. XV. Die Ruinenfelder von Kal'at Schergäf. 2OQ 

Niveau der Ebene hinabsenkt. Etwa in der Mitte der Nordseite erhebt 
sich auf der hier plateauähnHchen Oberfläche ein ca. 40 Fuss 
hoher abgestumpfter Kegel, dessen abgerundete Ecken die einstige 
Pyramidenform noch erkennen lassen. Er ähnelt dem Pyramidenhügel 
von Nimrüd und dürfte, wie dieser, ein Zigurat (etagen- oder spiralförmiger 
Turm) gewesen sein. Der Kegel ist von einer noch in deutlichen Resten 
erhaltenen Mauer aus Gipsblöcken umgeben. Die Nordostecke des Hügel- 
komplexes wird von einem besonderen, aus dem gesamten Plateau auf- 
ragenden Hügel eingenommen, der sowohl von dem genannten Kegel, 
wie von einer weiteren, nach Süden gelegenen, sich lang hinstreckenden 
Erhöhung durch tiefe Einschnitte getrennt ist, die ähnlich wie in Nimrüd 
Aufgänge gebildet haben müssen. 

Dass das Ruinenfeld von Kal*at Schergät trotz seiner ungleich- 
artigen Oberfläche doch ein zusammengehöriges Ganze gebildet hat, 
beweist die zum grössten Teil sichtbare Umwallung, die wiederum von 
einem breiten Graben umgeben ist. Der Umfang des Hügelkomplexes ist 
ein ausserordentlich grosser: Ainsworth hat ihn auf 4685 Yards gemessen*), 
er ist somit der bedeutendste von ganz Mesopotamien*). 

Südlich des Schutthügels von Kal*at Schergät erstreckt sich eine 
Stunde weit den Fluss entlang ein breites Trümmerfeld, das höchst 
wahrscheinlich die alte Stadt birgt, während in dem Hügel die Paläste 
und Tempel zu suchen sind. Umfangreichere Ausgrabungen, die zweifel- 
los wertvolle Aufschlüsse über die nur wenig bekannte älteste Geschichte 
des assyrischen Reichs liefern würden, sind bisher nicht gemacht worden. 
Layard') hat nur ein paar Tage an die Untersuchung des Hügels wenden 
können. Unter anderem hat er einen achtseitigen, 45 cm hohen Thon- 
cylinder des Königs Tiglat Pilesar I. (um iioo v. Chr.) gefunden; im 
übrigen war seine Ausbeute eine geringe. 

Der Hügelkomplex von Kal*at Schergät besteht übrigens nicht 
ausschliesslich aus Schutt und Trümmern, sondern an einzelnen Stellen 
der Oberfläche tritt der natürliche Felsboden zu Tage. Zahlreiche Gips- 
quadern, Luftziegel, Backsteinwerk sind an vielen Orten sichtbar. Auf 
der Spitze des Nordosthügels im Strome ragt weithin sichtbar ein 
modernes Bauwerk empor, die Burg el *Amir, die sich Ferbän Pascha 
errichtet hat, als er, um den Türken gefällig zu sein, seinen Schammar 



*) Verfi:!. Ainsworth a. a. O. Bd. II S. 156. 

') Nach Ains>*orth beträj^t der Umfang des Kojun^*}^ nur 2563 Yards, der 

SB 

einzelnen Hügel von Babel: 2100 (Ka^r), 737 (Mugellibe <JUivi 762 (Birs Nimrüd). Nach 

Plan in in Layard, Ninive und Babylon, deutsche Ausgabe, dürfte der gegenwärtige Umfang 
des Ruinenplatcaus von Nimrüd wenig über 2000 Yards messen. 
") Ninive und Babylon, S. 445. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golf. IL 



210 Kap. XV. Die huTi^ el 'Amir. 

selbst das gute Beispiel einer sesshaften Lebensführung geben wollte, 
ein Versuch, der nicht nur keine Nachfolge fand, sondern dem Ferbän 
die Verachtung seiner Stammesgenossen zuzog. Die kleinen Hütten 
seines Gefolges fanden wir vollständig von der Erdoberfläche verschwunden, 
und die Burg war leer. Keiner der Söhne des Schammarschech will das 
Haus beziehen ; doch ist es nicht ausgeschlossen, dass einer dereinst aus 
denselben Gründen wie Ferbän der Pforte sich willfahrig erweist, um, 
nachdem er vielleicht selbst den Paschatitel und die damit verknüpfte, 
angeblich sehr hohe Jahresrente erreicht hat, alsbald wieder das Zelt des 
freien Beduinen zu bewohnen ^). Die Burg ist aus antikem Material her- 
gestellt; die Mauern, die den Angriflfsmitteln der Wüstenstämme genügend 
Trotz bieten, umschliessen einen ausgedehnten Hof, an dessen Nord- und 
Ostseiten einstöckige Baulichkeiten in der Mauerflucht errichtet sind. 
Besonders an der Nordseite sind durch Holzsäulen gestützte, ausgedehnte 
Hallen aufgeführt, die nach der Hofseite zu halb offen stehen. Der Hof 
ist einigermassen geebnet und diente zweifellos zur Aufnahme von Tieren 
und zum Aufschlagen von Zelten. 

Gegenwärtig ist die Burg el 'Amir ein Militärposten. Dort garni- 
sonieren, wie mir der deut-^che Konsul in Bardäd, Herr Richarz, der im 
Frühjahr 1898 in Begleitung Sachaus und Koldewey's in Kal*at Schergät 
war, mitteilte, etwa 25 Mann unter dem Befehle eines Juzbaschi; die 
Besatzung hat die Aufgabe, die in der Nähe neu angelegten Krondomänen 
gegen die Schammar zu schützen. Die Massregel soll von guter Wirkung 
gewesen sein und eine starke Zunahme der Ackerbau treibenden Be- 
völkerung in der Umgegend zur Folge gehabt haben. 

Die Bedeutung des heutigen Namens Kal*at Schergät 1?\5^<J5 

ist bis jetzt unaufgeklärt geblieben und dürfte vielleicht eine altassyrische 
Reminiscenz bergen. Die Türken bezeichnen die Lokalität mit dem nichts- 
sagenden Namen Toprak Kaie AjJä i3^jj^ (»Erdburg«). 

Wir hatten das Ruinenfeld von dem Nordaufstieg zwischen der 
Burg Ferhäns und dem Pyramidenhügel betreten und verliessen es an 
seiner Südecke, ziemlich steil nach dem Tigris absteigend. Hier fanden 
wir unser Kelek vor und, nachdem ich Schech Fcsal mit einem Zebün 
beschenkt und einen Teil unserer aus Mosul mitgebrachten Vorräte an 
süssen Wassermelonen (Battich) seinen Leuten hatte übergeben lassen^ 
setzten wir unsere Fahrt um i Uhr 25 Min. fort, i Uhr 30 Min. hatten 

wir das Ciebür-Dorf Essuderät OL^JL-.'^ mit etwa 100 Rohrhäusern aur 



'' Wie bereits erwähnt, sollen inzwischen einige der Söhne Ferhäns sich bei SamamL 
ein neues Haus gebaut haben. 



Kap. XV. öebel Chanuka und öebel Makbül. — Das Kaf r el bint 2 1 1 

dem linken Ufer. 2 Uhr 30 Min. trat der öebel Chänüka <3j>\i L>", 

ein von Nordwest nach Südost streichender Gebirgszug, an den kurz 
vorher etwas nach Osten abgebogenen Fluss heran. Der Strom kämpft 
hier mit dem Gebirge, dessen Ausläufer er abgewaschen hat und die als 
zerklüftete Felswand steil aus den Fluten emporsteigen. Aber der Tigris 
musste dem Zuge des Gebirges folgen und nimmt von hier an, nachdem 
er von Mö§ul in seiner Gesamtrichtung fast direkt südlich mit geringer 
Abbiegung nach Osten geflossen ist, zunächst südöstliche und dann süd- 
südöstliche Richtung an. 

Etwa eine Viertelstunde lang fuhren wir an der Felswand entlang, 
in der zahlreiche von Hauben -Reihern und Falken bewohnte Höhlen 
sichtbar wurden. Dann bog der Strom noch weiter nach Osten ab, die 
Felsen auf dem westlichen Ufer traten allmählich zurück und zwischen 
ihnen und dem Flusse erschienen Erdbänke, die nach und nach breiter 
wurden. Immerhin begleiteten die Höhenzüge noch stundenweit in 
einiger Entfernung den Tigris. 3 Uhr 5 Min. erschien in der rechten 
Hälfte des Stromes ein einsam aufragender Felsen, Namens Abu Schärib 

«w>jLl»j>\. 4 Uhr 55 Min. begann auch die linke Uferseite sich zu 

erheben. Die Hügelkette, welche uns etwa 8 bis 10 km begleitete, 

wurde En Naml A*J( (»die Ameisen«) genannt, und denselben Namen 

trug hier auch das rechte Ufer. Linksseitig standen verstreut etwa 
50 öebürzelte, gleichfalls links lag 5 Uhr 15 Min. ein Dorf aus Rohr- 
hütten und 6 Uhr das öebür-Dorf Sabäh ^-lu^ oder Kubbet el hadidi 
<>JüjA.\ A-3 (»Eisenkuppel«) mit etwa 40 Hütten derselben Bauart. 6 Uhr 

20 Min. kamen wir an eine der landschaftlich schönsten Partien der 
ganzen Tigrisfahrt. Abermals tritt das Gebirge, die Fortsetzung des 

öebel Chänüka, jetzt öebel el Makhül J^^pfc^=u\ L>- genannt, dicht an 

den Fluss heran, der hier einen spitzen Winkel nach Westen beschreibt, 
an dessen Scheitelpunkt zackige Felsbildungen aus dem Strom emporragen. 
Auf einem durch tief eingeschnittene Schluchten von der Gebirgs- 
kette isolierten Felsen steht eine wohl erhaltene Burg, die an die Raub- 
ritterschlösser des Rheinthaies gemahnt, wie auch die ganze Scenerie 
die Erinnerung an den deutschen Strom wachruft. Der Name der Bui^ 

i.st Ka§r el bint vlA*H j^ (»Mädchenschloss«), auch Kal*at Makbül 

J^^ptXi\ AaS genannt^). Die dem Strome zugekehrte östliche Mauer 

1) Vergl. Ritter a. a. O. Bd. XI S. 676; Petermann a. a. O. Bd. II S. 57. 

14» 



212 Kap. XV. Der untere oder kleine Zäb. — Eine Bes^ej^nn«^ mit den Schammar. 

Stützen zwei gewaltige, turmartige Strebepfeiler, zwischen denen in der 
Mauer 1 7 OefTnungen sichtbar sind, die wohl als Schiessscharten gedient 
haben mögen. Auch an der Südseite steht noch starkes Mauerwerk. 
Das Schloss war zweifellos eine Raub- und Zuingburg, die den Strom 
beherrschte und von den vorüberfahrenden Keleks Tribut erhob. Nach 
der arabischen Sage soll hier die streitbare schöne Tochter eines Riesen 

(Gebbar jL>-) gehaust und den Schrecken der Flösser gebildet haben. 

Kurz unterhalb, nach der Plinmündung des kleinen Zäb e$ Sarir, gleichfalls 

auf der rechten Seite, steht eine zweite Burg, Kal'at el Cebbär jLL\ aJ& 
genannt, die der Sitz ihres Vaters gewesen sein soll. 

Hinter dem Kasr el bint wendet sich der Fluss auf kurze Zeit stark 
nach Ost-Südosten. Das Gebirge tritt zurück und nähert sich dem Strom 
erst wieder unterhalb der Einmündung des kleinen oder unteren Zäb, 
die wir abends 8 Uhr 30 Min. erreichten. Vorher hatten \rir auf der 
rechten Seite ein Cebiirlager von etwa 100 Zelten, Namens El H^mir 

J^^\ (»die Esel*), und auf der linken Seite ein Ciebür-Dorf von etwa 

90 Hütten, Esch Schalk /y^\, passiert. Der untere Zäb ist gleich 

seinem Namensvetter ein Gebirgsfluss mit hellem, klarem Wasser, wenn 
auch lange nicht so bedeutend wie jener. In den Winkel, den der 
Tigris und der kleine Zäb bilden, werden von Chesney ^) die Dörfer der 
Par>'satis, der Mutter des jüngeren Cyrus, verlegt, welche das grie- 
chische Heer unter Xenophon auf seinem Rückmarsche aus Babylonien 
berührt hat. 

Als wir eine dicht unterhalb der Einmündung des kleinen Zäb be- 
legene Furt, Namens Esch Schj^ära i^pt-LM, passierten, wurden wir von 

einem starken Haufen Beduinen angehalten, die sich bald als Schammar 
zu erkennen gaben. Schon kurz vorher hatten wir in der Abenddämmerung 
Reiter gleichfalls am linken östlichen Ufer auftauchen sehen, die uns offenbar 
beobachteten. Unsere Erklärung, dass wir tags zuvor in Fejjals Lager 
gewesen waren, genügte, um uns vor Behelligungen zu schützen, doch 
mochte auch die Anwesenheit der Zaptije bei den Schammar ihre 
Wirkung thun. Die Beduinen kehrten von einem erfolgreichen Raub- 
zuge zurück und waren im Begriff, mit dem erbeuteten Vieh, Kamelen 
und Schafen, durch die Furt nach Mesopotamien überzusetzen. 

Die folgende Nacht wurde wieder durchgefahren. In der Dunkelheit 
pa.s.sierten wir zunächst etwa um g^/i Uhr ein auf dem rechten Ufer ge- 

') Karte VI zu der Expedition etc. 



Kap. XV. Der öcbel Hamrin. - El Fat^a. — Der Kanal Nähr Hafu. 213 

legenes, von Gebür bewohntes Zeltdorf, Namens El Musabbag ^äJLI 

(»das Zerstörtec), so wahrscheinlich genannt nach dem wild zerklüfteten 
Aussehen des Sandsteingebirges. Ungefähr drei Viertelstunden später 
passierten wir das oben genannte Kal*at el öebbär^). Unterhalb der 

Burg befindet sich eine Schwefelquelle El Mukabrit Ojj^=^u\, gegen- 
über, auf dem östlichen Ufer, ein Gebürlager, Namens El Hauäig^. Bald 
darauf lag links der Teil ed dahab ,^.^Jü\ t (> Goldhügel c)^. 

Dicht unterhalb des Teil ed dahab en*eichten wir die El Fatba 
APbjJl (»Oeffnungc) genannte Stelle, wo der Strom, sich fast um 

die Hälfte seiner bisherigen Breite verengend, das Hamrin - Gebirge*) 
durchbricht, das die Fortsetzung des 6ebel el Makljül bildet und auf 
dem östlichen Ufer des Tigris sich als eine schmale, niedrige Gebirgs- 
kette fortzieht, um sich schliesslich mit den Ausläufern der Berge von 
Luristan zu vereinigen. 

An der Durchbruchsstelle bilden die den Strom durchsetzenden 
Felsen eine kleine Schnelle, die aber die SchiffTahrt nicht im mindesten 
behindert. Hier ist die natürliche Grenze zwischen Assyrien und 
Babylonien, und auch heutzutage scheiden sich hier die beiden Wiläjets 
Mösul und Bardäd. Dicht unterhalb El Fatba zweigte sich im Altertum 
auf der Ostseite des Stromes der Kanal Nähr Hafu ab, der nördlichste 
des grossartigen, jetzt grösstenteils verfallenen Kanalsystems, welches mit 
dem Euphrat und dem Tigris in Verbindung stand und dem Zweck 
diente, im Frühjahre Ueberschwemmungen vorzubeugen und gleichzeitig 
das fruchtbare Uferland zu bewässern. 

Bei Tagesanbruch befanden wir uns schon im Gebiete von Baby- 
lonien. Um 7 Uhr 10 Minuten hatten wir zur Linken niedrige felsige 

Höhen, Namens El Laglag ^jWJl. Hier soll sich eine allgemein be- 
kannte Höhle befinden. In der Nachbarschaft waren etwa 120 Zelte 
der Abu *Ali. Zu Richs Zeit hausten hier Albü Hamed- Araber*). Kurz 
darauf sahen wir auf einer der grösseren von den vielen Inseln, die dicht 
am rechten Flussufer liegen, eine Niederlassung von etwa 100 Gebür- 



') Bei Kinneir, S. 467, Gebal Kulusa („or the chepal of ihe mountains*'!) fi^eDannt. 

') Mit El Hauäiy; dürfte der auf der Chesneyschen Karte einjfezeichnete Tel Hamliyah 
identisch sein, dessen Name, im Oii^nal arabisch geschrieben^ später falsch f^^elesen ist. 
Auch Rieh a. a. O. Bd. II S. 141 schreibt Tel Hamlia. Der »Goldhügel« heisst auf der 
Chesneyschen Karte Teil Dhigab; Petermann a. a. O. Bd. II S. 57 giebt den richtigen Namen. 

') Kinneir thut des Durchbruchs kaum Erwähnung und meint offenbar mit »a 
small ränge of hills« (a. a. O. S. 467) die linksseitige Fortsetzung des Gebirges. 

*) Vergl. Rieh a. a. O. Bd. II S. 143. 



214 Kiip. XV. Der Chan el Chamine. 

Zelten. Die Insel wurde Es Safiarije ij*^*^^ genannt. 7*/« Uhr er- 
schien in einiger Entfernung vom Flusse ein anscheinend mittelalter- 
licher Bau, der Chan el Charnine <1-^ jU-, den Ross als eine schöne 

Ruine aus der Chalifenzeit *) bezeichnet In der Nähe waren etwa 
40 Gebär- Zelte. 7'/* Uhr trug das rechte Ufer den Namen El öerisch 

A»^\ und wurde von (xebür beackert. 9 Uhr 5 Minuten kamen wir 

an einer weiteren Zeltniederlassung der Abu 'Ali vorbei, und 9 Uhr 
12 Minuten hatten wir zur Rechten die Ruinen eines alten Forts, des 

Kal*at Abu Raijäsch ^Ij (j\ iJÜ^, in dessen Nähe sich einige 6ebür- 

Zelte befanden. 11V2 Uhr wurden zur Linken ein Hügel, Teil Chudämije 

ij^m^l t, und 12 Uhr 40 Minuten auf der niedrigen Hügelrcihe, die 

wir seit Chan el Charnine zur Rechten hatten und die uns bis Imäm Dür 
begleitete, eine Kubbe sichtbar, ein Grabmal, in welcher ein Heiliger 

Namens Abu Chalchäl JbtU- y\ begraben liegt^). Schräg gegenüber 

befand sich ein Lager von ungefähr 150 Zelten der Albü Mubammed, 

El *Ajridi ^^^lu!l genannt. Gegen 2 Uhr 20 Minuten war zur Rechten 

ein kleines Zeltlager der Matäride S^ jlk^. Kurz vor 4 Uhr hiess der hier 

etwas mehr ansteigende Höhenzug zu unserer Rechten Es Sa*lüwe S^^U-J^ 

Der dem Strome zugewandte Abhang enthält eine Höhle, die wir, einer 
alten Tradition folgend, wie alle den Fiuss herabkommenden Reisenden 
mit einigen Flintenschüssen begrüssten. Nun wurden zur Linken zahl- 
reiche (lird sichtbar, welche die fruchtbaren Felder des linken Fluss- 
ufers bewässern. Bauersleute zeigten sich beim Herannahen unseres 
Flosses am Ufer, kleine primitive Kähne zogen stromauf- und strom- 
abwärts. Alles deutete auf die Nähe eines grösseren Ortes hin. Zur 
Rechten war der Höhenzug steil aufgestiegen und zeigte auf dem Gipfel- 
rande dicht über der jäh zum Strom abfallenden Wand^) niedrige 
Ruinen. Noch eine kurze Fahrt und es erschien, durch eine breite 



•; Vergl. RiUer a. a. (). Bd. XI S. 679; Rieh a. a. O. Bd. II S. 143. 

*' Petermann giebt a. a. (). Teil II S. 58 irrtümlich Beidsch an, die Chesneysche 
Karte Abu Reish. 

'' Rieh a. a. O. Bd. II S. 144 nennt ihn Albu Chalhalan, den Sohn des be- 
rühmten Imam Musa. 

^'^ Jones wiU dieselbe auf 86 Fuss gemessen haben; vergl. Kiepert, Begleitworte zur 
Karte der Ruinenfelder von Babylon, S. 27. 



Kap. XV. Tekrit. 2 1 5 

Schlucht von dem Bergrücken getrennt, auf niedrigeren zerklüfteten Sand- 
steinfelsen, die zu meiner Zeit ein ziemlich breiter flacher Strand 

von dem Tigris schied, die Stadt Tekrit s^yJ, aus der einzelne 

Palmengipfel hervorleuchteten. Um 4^2 Uhr legten wir kurz unterhalb 
der Stadt an und wurden sofort von zahlreichen Bewohnern umringt und 
freundlich nach Tekrit hinaufgeleitet. Der Schech des Ortes machte 
selbst den Führer. 

Das heutige Tekrit besteht aus Lehmhäusern, welche nach dem 
Fluss zu so eng aneinander gebaut sind, dass ihre zusammenhängenden 
Fronten eine Art Stadtmauer bilden. Der Boden der Stadt ist sehr uneben. 
Die Strassen sind eng und winkelig. Die Einwohnerzahl ist wegen der 
unübersichtlichen Lage der Häuser schwer zu schätzen, immerhin dürfte sie 
nicht mehr als 4000 bis 5000 betragen. Die Angabe von Müller-Simonis^), 
der 8000 bis 10 000 berechnet, erscheint mir zu hoch. 

Der moderne Ort ist auf dem Trümmerfelde einer älteren Stadt 
gebaut, deren Reste in weitem, nach Westen hin ausladendem Halbbogen 
die Stadt und den Sandsteinfelsen umschliessen. Das Trümmerfeld, dessen 
Umfang nahezu dem heutigen Bardäd gleichkommen mag, besteht aus 
formlosen Schutthaufen, zwischen welchen hin und wieder Mauerspuren 
sichtbar werden. Von einer wenige Minuten westlich des heutigen Tekrit 
befindlichen Erhöhung aus hat man einen umfassenden Blick auf die 
Mauer der Stadt und den in zahlreichen Windungen dahin fliessenden 
Tigris; südöstlich ragt ein minaretartiges Bauwerk von Imäm Dür^) auf, 
im Norden lagert die Kette des Hamrin-Gebirges, und im Westen schweift 
das Auge über das Trümmerfeld hinweg auf die unendliche Steppe 
Mesopotamiens. Weiter westlich von dieser Anhöhe, aber noch inner- 
halb des alten Stadtgebietes, stehen zwei wohl erhaltene Kuppelgräber; 
das eine soll das Grab des *Omar, des Feldherrn des Chalifen *Omar Ibn 
el Chattäb, enthalten, der die Stadt im Jahre 638 erobert hat; in dem 
anderen ruht einer der Söhne des Imäm Müsä el Käzim^). 

Nach der Ausdehnung des Ruinenfeldes zu urteilen, muss das alte 
Tekrit oder Tagrid der christlichen vormuhammedanischen Zeit — vorher 
geschieht des Ortes in der Geschichte keine Erwähnung — eine grosse 
Stadt gewesen sein. Als alter Name derselben wurde mir von unseren 
Begleitern Bursa genannt. Falls dieser Name auf das alte Birtha des 
Ptolemäus*) hindeuten sollte, müsste freilich für den Ort ein höheres 
Alter angenommen werden. Vielfach werden Bischöfe der Stadt cr- 

') a. a. O. S. 436. 

^ Taremier, deutsche Aasg^abe. Bd. I S. 89, sa^ Amer-el-Toor. 

■) VergL Bd. I dieses Werkes S. 122. 

*l Ptolemäos, Buch V, Kap. 18, § 9; ver^L aach Ritter a. a. O. Bd. X S. 222. 



2l6 Kap. XV. Tekrit. 

wähnt, auch wird von einer grossen Christenverfolgung berichtet, die 
unter dem König Sapor II. hier stattgefunden hat^). Das Andenken 
an diese christliche Zeit, ja sogar an diese Verfolgung, hat sich noch 
heutzutage in dem Gedächtnis der Einwohner erhalten, wiewohl hier 
gegenwärtig kein einziger Christ mehr wohnen soll*)- Ein grosser 
Ruinenhaufen wird mit Kenise (»Kirche«) bezeichnet. Die Moschee (ohne 

Minaret) heisst El Arba*in ^jUi jj\ und scheint mit diesem Namen 

eine Reminiscenz an 40 Märtyrer aus jener Verfolgung zu bewahren. 
Ebenso vermutet Rieh in einer weiteren Ruine am äussersten Nordrande 

des Trümmerfeldes, Namens Dar el Benät OtjJ\ j\^ (»Mädchenhaus«), 

die Erinnerung an ein altes Nonnenkloster^). 

Tekrit ist in politischer Beziehung wohl niemals von besonderer 
Bedeutung gewesen und wird deshalb auch wenig erwähnt. Bekannt ist 
es als Geburtsort Saladins, des berühmten Vorkämpfers des Islam im 
zweiten Kreuzzuge (geb. 11 38). Sein Vater, Ajüb ben Schädi, ein kur- 
discher Bek, war Befehlshaber der Garnison von Tekrit unter dem selgu- 
kischen Atabek Zengi von Mö$ul. Saladin wurde der eigentliche Begründer 
der nach seinem Vater genannten Eijubiden- Dynastie, die jahrhunderte- 
lang über Egypten, Syrien und Teile Mesopotamiens geherrscht hat 
Er starb im Februar 1193 in Damaskus, wo noch heute sein Grab ge- 
zeigt wird*). Unter Timur wurde Tekrit gründlich zerstört und ein 
grosser Teil der Einwohner ermordet. 

Die türkische Regierung ist in Tekrit heute durch einen Mudir ver- 
treten, welcher dem Käimmakäm von Samarra untersteht. Bis vor kurzem 
war die Stadt den Schammar tributär, gegenwärtig hat sie ihnen zwar 
keine eigentliche Chüwe mehr zu zahlen, wohl aber für jedes Gird und 
ihre Tiere eine kleine Abgabe zu entrichten. Das heutige Tekrit ist 
ohne jede kommerzielle und industrielle Bedeutung. Die Einwohner er- 
nähren sich hauptsächlich vom Anbau der Felder und von der Kelek- 
flösserei. Der ganze Verkehr landeinwärts beschränkt sich auf die nur 
selten ausgeführten Durchquerungen von Mesopotamien nach Hit und 
*Ana am Euphrat. Die Karawanenstrasse nach diesen beiden Punkten 
soll sogar im Sommer benutzbar sein. Hit ist nur 27« Tagemärsche 
entfernt'*), *Ana etwas mehr. 

\' Verffl. Ritter a. a. O. Bd. X S. 168 ft. 

*] Tavemier, deutsche Ausgabe, Bd. 1 S. 89» fand noch (. 'bristen und eine Viertelstunde 
von der Stadt eine verfallene Kirche vor. 

»; Vergl. Rieh a. a. O. Bd. II S. 147. 
*; Vergl. Bd. I dieses Werkes, S. 56 f. 
K ^^^^S}' Tweedie, The Arabian horse, S. 73. 



Kap. XV. Der Isbä^i-Kanal. — Imöm Dur. 217 

In früherer Zeit ging bei Tekrit ein vielgenannter Kanal, der Isbäki, 
vom Tigris ab, der das Westufer des Flusses bis El Mu'ebir, dessen 
Windungen abschneidend, begleitete und sich dann landeinwärts 
zog*). Der Isbäki ist angeblich zur Zeit des Chalifen Mutawakkil an- 
gelegt worden, Murtesa Pascha ^<^^ hat ihn im Jahre 1654, also 

kurz nach der definitiven Festsetzung der Türken in Mesopotamien, 
reinigen und wieder herstellen lassen^). 

Um 8 Uhr 20 Minuten setzten wir unsere Fahrt fort; die Dunkelheit 
hatte bereits begonnen. Das Itinerar von Tekrit bis el 'Aschig ist wieder 
nach den Mitteilungen der Flösser zusammengestellt. Gegen 9 Uhr 
sahen wir zur Linken ein kleines Zeltlager der Albü Hamed, Namens 

El *OmaischIje AilwuJI, eine halbe Stunde später ein weiteres kleines 

Lager, Namens Hutra ij^y von Leuten aus Imäm Dür bewohnt 

Höchstwahrscheinlich hat sich hierin der Name des mittelalterlichen 
Judendorfes Hätre erhalten^). Gegenüber hatten Leute aus Tekrit ein 

aus 25 Zelten bestehendes Lager, *Augä Vf^^^ genannt, errichtet. Um 
10 Uhr passierten wir am linken Flussufer ein Lager von 30 Zelten, 
Namens Ez Zözäni (jljjj)^» wiederum von Leuten aus Imäm Dür be- 
wohnt^). 

Gegen 11 Uhr fuhren wir an Imäm Dür vorbei, ohne anzulegen. 
Auf einem Hügel, der einige hundert Meter von dem Ufer entfernt 
liegt, erhebt sich hier das Heiligengrab (in Mesopotamien gewöhnlich 
Imäm genannt) des Dür*), ein grosses viereckiges Gebäude mit kegel- 
förmiger Spitze, das wir von Tekrit aus erblickt hatten. In dem 
Namen Dür hat sich, wie längst bemerkt ist, das antike Dura er- 
halten, das durch den schmählichen Friedensschluss des Kaisers Jovian mit 



') Verjrl. Ritter a. a. O. Bd. X S. 212. 

*) Die Bemerkung von Ross (Notes etc. im Journal of the Royal Geojjraphical 
Society, Bd. IX (1839) S. 446 — vergl. Ritter a. a. O. Bd. X S. 213), dass ein gewisser Selim 
Bey die Wiederherstellung des alten Digel versucht habe, bezieht sich auf den alten Tigris- 
lauf, der sich bei öälisije (Kadesia) von dem heutigen Tigris abzweigt, nicht auf den Is^^al^i, 
der ebenfalls den Namen Digel führte. (Vergl. Das Buch der Länder von Schech Ebu 
Ishak el Farsi el Isztachri; aus dem Arabischen von Mordtmann nebst einem Vorworte von 
Prof. Ritter, S. 48). 

') Vergl. Georg Hofmann, Auszüge aus syrischen Akten persischer Märtyrer, S. 187. 

*) Die Kiepertsche Karte der Ruinenfelder von Babylon nach englischen Aufnahmen 
(von 1883) giebt hier rechtsseitig einen Chftn Djozani. 

*) Vergl. Rieh a. a. O. Bd. II S. 148, 149. 



2i8 *^4'- ^^- ^^^'" Kiinjil Nahriiwan oder Kätul el Kjisraui. 

dem Perserkönig Sapor im Jahre 364 bekannt ist. Nach dem Tode 
Kaiser Julians hatte das römische Heer auf seinem Rückzuge in Dur 
Halt gemacht. Der ängstliche Jovian, der hier das Kommando über- 
nahm und mit dem Purpur bekleidet wurde, begann die Friedensver- 
handlungen mit dem Perserkönig, die nach vier Tagen in der Abtretung 
der Provinzen Mesopotamiens ihren Abschluss fanden. Das Heer setzte 
nach dem westlichen Ufer über und trat trotz der Julihitze seinen flucht- 
artigen Rückzug quer durch die mesopotamische Steppe zur römischen 
Grenze nach Ne§ibin an^). Ob Imäm Dür den in der Bibel (Daniel III, i) 
genannten Ort Dür bedeutet, wie namentlich von englischen Forschern be- 
hauptet wird, erscheint fraglich. In der arabischen Zeit trug es den Namen 
Ed Dür el Chärib (»das wüste Dür«)^). Das heutige Dorf soll 500 Häuser 
enthalten, deren ausschliesslich muhammedanische Einwohner sich haupt- 
sächlich als Kelekflösser und Karawanenleute ernähren. 

Um 11^/2 Uhr passierten wir auf dem Hnken Ufer 25 Zelte des 

Stammes Abu Hajäzi* ^jLA, eine Stunde später rechts das kleine Zeltlager 

El Muh^^iv j\pd(^\ , das nur aus 15 Zelten eines Stammes Abu *Isa ^.j^ y\ 

bestehen soll ^). Hier ging früher vom östlichen Ufer der grosse Kanal 
Nahrawän oder Kätül el Kasräui aus, der sich wenige Kilometer süd- 
östlich der Ableitungsstelle bei einem grossen turmartigen Gebäude 

Kantaret er Resäs ^J^V^J\ ^J^^ mit dem Nähr Hafu vereinigt. Der 

Kanal ging dem alten Tigrislauf (Digel) parallel, ehe noch der Fluss 
unterhalb Gälisije den jetzigen grossen Bogen nach Osten ausführte, und 

scheint erst bei dem heutigen Küt kl^ß . gegenüber dem Ausfluss des 

Schatt el Hai i^\ Ja-i, wieder zum Tigris zurückgekehrt zu sein. An 

einzelnen Stellen hatte der Nahrawän noch Parallelläufe, so namentlich 
dort, wo er die Gewässer der von den Gebirgen Luristans dem Tigris 
zuströmenden Nebenflüsse aufzunehmen hatte. An der Stelle, wo er die 
Diäla kreuzte, scheint er am breitesten gewesen zu sein. Jones, dem wir 
die genauesten Untersuchungen dieser grossartigen Wasserbauanlagen ver- 
danken, hat den Hauptkanal, der hier Kätül genannt wird, 450 Fuss 
breit und 30 Fuss tief gemessen; das sind Dimensionen, welche für die 
grössten Schiff*e der Neuzeit ausreichen. Jones ist zu der Ueberzeugung 
gelangt, dass die Kanäle nicht aus der Zeit der Sassanidenkönige stammen, 

*) Vergl. Ammianus MarceUinus, Buch 25, Kap. 6. Zosiinus III, 30 nennt den Namen 
<ler Stadt nicht. 

^) Vergl. Hofmann a. a. O. S. 187. 

') Rieh a. a. O. Bd. II S. 149, giebt hier einen TeU el Meheji. 



Kiip. XV. Die Ruiucn von Eski Bardad. 210 

wie die in dem Namen Kasräui fortlebende Tradition besagt, sondern in 
weit ältere Zeiten hinaufreichen*). Uebrigens besitzen auch die grösseren 
Nebenflüsse des Tigris, der Schatt el *Adem und die Diäla, mächtige 
Stauwerke und Kanäle zur Regulierung ihrer durch den Winterregen und 
die Schneeschmelze stark anschwellenden Fluten. 

Um 2 Uhr passierten wir rechts ein aus 50 Zelten bestehendes 

Lager von Samarra- Leuten, El Mukeschefe <fli*\^-*=ul genannt, um 

3 Uhr lagen links 13 Zelte eines Stammes *Azze S \p — der Platz selbst 

heisst Ez Zankür Jj^j\ — und rechts 100 Zelte der Abu 'Abbäs; der 

Name ihres Lagers ist Hue§ilät O^Ca»^>-. 

Während der Nachtfahrt wurden auch die auf dem linken Ufer 
gelegenen Ruinen von Eski Bardäd passiert. Rieh giebt an, dass die 
Länge des Trümmerfeldes über eine Stunde betrage^). Als südlichsten 
Punkt nennt er die Ruinen von Thinars — Schinä§ (das Shinäs der nach 

Richs Angaben konstruierten Chesneyschen Karte). Schinä.s ^j^u-1 hat 

seinen Namen von einem türkischen Sklaven Ischnä§^), einem Freigelassenen 
des Abbasiden-Chalifen El Mu*ta§im, der sich hier einen grossen Palast 
baute. Wir wissen, dass dieser Palast in einer Stadt Karch Fei rüz stand*). 
Ischnäi^ hatte sich zum Befehlshaber der aus Türken bestehenden Garde- 
truppen emporgeschwungen und von dem Chalifen El Wätik den Titel 
»Sultan« erhalten. Diesen Titel führten in der Folgezeit die Prätorianer- 
führer, bis sie ihn im Anfange des 10. Jahrhunderts mit der Bezeichnung 
Amir el umara (»Fürst der Fürsten«) vertauschten. 

Welche alte Stadt mit dem Namen Eski Bardäd eigentlich gemeint 
ist, lässt sich nicht feststellen. Auch die Ruinen von Samarra werden 
unter dieser Bezeichnung zusammengefasst. Und noch eine dritte Stätte, 
die nordöstlich von Bardäd gelegenen Ruinen des alten Dastagard, 
der Lieblingsresidenz des Sassanidenkönigs Chosru IL, führt den Namen 
Eski Bardäd; der Ort wird als Daskarat el Malik von Geschichtsschreibern 
der arabischen Zeit noch genannt^). Diese Mannigfaltigkeit erklärt sich 
aus der Sitte, die in der Nachbarschaft blühender Städte gefundenen 
Ruinen mit den Namen der neuen Stadt zu bezeichnen; ich erinnere an 



*) VergL Kiepert a, a. O. S. 19; Jones, Selecüons from the Records of the Bombay 
GoYcrnment, S. 34 flf., S. 273. 

*) Verg:!. Rieh a. a. O. Bd. II S. 1507; Petermann ^ebt bedeutend kleinere Masse. 

•) Ja*|f:übi S. 260 schreibt Ischnäs. 

*) Vergl. Hof mann a. a. O. S. 18S. 

*) Vergl. Nöldeke, Tabari-Uebersetzung, S. 295; Keppel, Personal narrative, vol. I 
S. 270—273. 



220 



Kap. XV. Die Ruinen von El Aschig. 



Eski Schäm (Bo$rä), Eski Haleb und Eski Mö$ul; mit dem alten Bardäd 
hat die Bezeichnung Eski Bardäd jedenfalls nichts zu thun. 

Unweit unterhalb Schinä§, auf dem linken Ufer, passierten wir ein 

weiteres Dorf Namens El Bisät i^L^\, wo sich, wie auch bei Schinä$, 

ein grösseres Zeltlager der Abu *Abbäs befand. Um 6 Uhr 20 ÄKn. 
früh legten wir mit dem Kelek auf dem rechten Ufer an, um die weithin 
sichtbaren Riesentrümmer des sagenumwobenen Schlosses El 'Aschife 




n 



Teil der Aussenmaucrn von ICl 'Aschig. 

^V^Ul *) ZU besuchen. Am Rande des erhöhten Uferplateaus, mehrere 

hundert Schritte von dem heutigen Flusslaufe entfernt und noch jenseits 
des hier vorbeigehenden Lshäki-Kanals, steht der mächtige Bau. Die 
Hauptruinen bilden ein Rechteck, dessen Innenseite et^va 180 zu 
168 Schritte misst. Von dem eigentlichen Schlosse steht noch ein Teil 
der starken Umfassungsmauern, die auf jeder Seite von je sechs mächtigen» 
turmartigen Pilastern flankiert werden. Das Mauerwerk ist aus tadellosen 
Backsteinen hergestellt und der innere Raum zu einer Art Terrasse 
erhöht, die zweifellos die zusammengestürzten eigentlichen Baulichkeiten 
birgt. Aus derselben ragen noch deutlich verschiedene Maueransätze 

\ Die obenstehend wiederjjegebene Photofjraphie verdanke ich Herrn Dr. Koldewey. 



Kap. XV. El Ma'schul^. — Samarra. 221 

hervor. Die Hauptfront blickt nach Osten, ist also dem Flusse zu- 
gekehrt. Hier ist ein imposantes Portal mit grossem Eingangsthor noch 
erhalten, welches von Nischen und kleineren Bogen eingefasst ist. Vor 
dem Eingangsthore zieht sich ein Graben hin, und ein jenseits desselben 
befindlicher Bau mag wohl zum Aufstützen der Zugbrücke gedient 
haben. Auch sonstige Ruinen liegen in nächster Nähe. Die ganze Anlage 
spricht dafür, dass wir es mit einem Lustschlosse zu thun haben. 
Der Bau von El *Äschik wird dem Vezier Harun er Raschids, 6a*far 
el Barmaki, zugeschrieben; Ausgrabungen v^ürden gewiss wertvolle 
Aufschlüsse ergeben. 

Gegenüber, auf dem linken Tigrisufer, befindet sich eine weitere 

Schlossruine, welche den Namen El Ma*schüka A5j.LA\ trägt und die 

bereits zu dem Trümmerkomplex gehört, auf dem die Stadt Samarra 
errichtet ist. An die beiden Paläste knüpft sich eine ähnliche Sagen, 
wie sie von Hero und Leander erzählt wird. El 'Aschik bedeutet 
»der Liebende«, El Ma*schüka »die Gelieb tec Tn dem letzteren Palaste 
soll eine schöne Sultanstochter geweilt haben, welcher der damalige 
Besitzer des Schlosses El *Aschik, nachts über den Tigris schwimmend, 
seine Besuche abstattete*). Es sollen hier Trümmerreste im Tigris 
vorhanden sein, die vielleicht auf eine frühere Brücke schliessen 
lassen*). Petermann, welcher El *Aschik nicht besucht hat, giebt für 
eine der kleineren benachbarten Ruinen im Süden von El 'Äschik 
die Bezeichnung Dal*at ma ed Delim^). Dieser Name, den er von 
den Kelekgis erhalten hat, deutet wohl auf den weiter im Westen nach 
dem Euphrat zu halb sesshaft gewordenen Beduinenstamm der Delim 
hin. Die auf der Chesneyschen Karte nach Rieh eingezeichneten Ruinen 
Ka$r Bint ul Chalifa, Kabr u Seyd, sowie der gegenüber auf dem linken 
Tigrisufer gelegene Teil Hawel ubset existieren nicht und dürften auf 
einem Irrtum beruhen*)., Sie sind auch in die Karten von Kiepert 
nicht übernommen^). 

Wir setzten unsere Flossfahrt um 8 Uhr 1 5 Min. fort und landeten 
bereits um 9 Uhr 20 Min. auf dem östlichen Ufer, um das Trümmerfeld 
und die Stadt Samarra zu besichtigen. Die Gegend war gut angebaut, 
zahlreiche öird sorgten für die Bewässerung. Von den Fellachen der 



*) Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass der Name El 'Äschi^^ später als Gegen- 
stück zu dem historischen Namen EI Ma'schül^a erfunden ist. Verffl. unten S. 225. 

*) Vergl. Rieh a. a. ü. Bd. II S. 150; auch Ritter a. a. O. Bd. X S. 226. 

•) Verjfl. Petcrraann a. a. O. Bd. II S. 61. 

*) In dem letzteren Namen steckt anscheinend der oben {genannte EI Bisät; vielleicht 

ist er zu Terbessem in Teil häwi el bisät. 

*) Vergl. Rieh a. a. O. Bd. II S. 150. 



222 Kap. XV. Die Palastniine el Cluilife. — Der Spiralturm el Maulawije. 

Abu *Abbäs mieteten wir einige Esel und ritten zunächst nach der 
Pälastruine El Chalife AaJL\, die in einer starken Viertelstunde er- 
reicht wurde. Die Ruine liegt unweit des Flusses und besteht in der 
Hauptsache aus drei mächtigen überwölbten Räumen. Der Mittelraum 
misst 1 1 Schritte in der Breite und 22 Schritte in der Länge, die beiden 
Nebenräume haben geringere Dimensionen und sind auch weniger hoch. 
Dahinter, nach Osten zu, befindet sich ein ganzes Labyrinth von Mauer- 
resten. Die zum Bau venvendeten Backsteine sind kleiner als bei dem 
grossen Palaste von El 'Aschife. Nordöstlich von hier sieht man in einer 
Entfernung von etwa 2 km den bereits genannten Teil el *alig^; in gleicher 
Entfernung erblickt man im Südosten die moderne Stadt Samarra und 
in ihrer nächsten Nähe umfangreiche Baureste aus älterer Zeit. Auf dem 
rechten westlichen Ufer, gegenüber von El Chalife, befindet sich das 

DorfEPAbid Jü ül mit etwa I20 den Abu 'Abbäs gehörigen Erd- 
häusern. Unser Marsch nach Samarra ging über ein ununterbrochenes 
Trümmerfeld, in welchem besonders die wallartigen Reste, anscheinend 
einer grossen Mauer, in der nächsten Nähe der verlassenen Palastruinen 
auffielen. Zunächst erreichten wir nach einem Ritt von etwa 40 Minuten 
einen weithin sichtbaren Turm, der sich einige Schritte entfernt von der 
Nordseite einer riesigen Moschee erhebt; beide Baulichkeiten sind aus 
gelben Backsteinen errichtet. Ueber einer viereckigen Basis von wenigen 
Schritten im Durchmesser, steigt der eigentliche Turm in Spiralwindungen 
auf, die sich zu einer kegelförmigen Spitze verjüngen. Die Anzahl dieser 
Windungen beträgt sechs, die Höhe des Turmes ist von Jones auf 
163 Fuss bestimmt worden. Der Turm und die daneben stehende Ruine 
führten nach den Aussagen meiner Begleiter den Namen El Maulawije 

<• j)^\ (»die Königliche«) und wurden als das Minaret der Moschee be- 
zeichnet. Von früheren Reisenden (so Jones) ist der Turm dagegen Malwije 
genannt worden, eine Bezeichnung, die seiner Form entsprechen würde, 
da sie bedeutet »der Gewundene«, »der Gedrehte«^). Die Moschee 
ist anscheinend quadratisch und soll von dem Chalifen Mustan^ir 
erbaut sein; von ihr stehen nur noch die 320 Schritte messenden Seiten- 
mauern, die von zahlreichen, halbrunden, bastionartigen Strebepfeilern 
von der gleichen Höhe wie die Mauern selbst gestützt werden. Die 
Pfeiler ähneln denen der Schlossruine El 'Aschik, nur haben sie 
einen kleineren Durchmesser. Im Innern des Gebäudes waren noch 
Säulen und Lögenteile erhalten. In der Nähe dieser grossen Ruine bc- 

^) Abbildungen siehe bei Forest, Selections, zu S. 12 und 216, Rieh a. a. O. Bd. II 
S. 151, V. Thielmann a. a. O. S. 356. 



Kap. XV. Aus der Geschichte Samarras. 223 

fanden sich weitere Mauerreste von grösserer Ausdehnung, an welche 
im Süden das heutige Samarra anstösst. Das Ruinenfeld, welches wir 
bis hierher verfolgt hatten, soll sich noch etwa eine Stunde weit südlich 

bis nach El Käini Mr\jü\ dicht oberhalb Kädesije fortsetzen. 

Der Platz, auf dem das heutige Samarra liegt, blickt auf eine 
ungemein wechselvolle Geschichte zurück. Im Altertum, unter den ver- 
schiedenen Herrschern der Babylonier, Assyrier, Perser, Griechen und 
Sassaniden, stand hier ein kleines Provinzialstädtchen; Kaiser Julian 
machte an diesem Orte, der damals Sumere genannt wurde ^), auf seinem 
Rückzuge Station. 

In der ersten Zeit des Islam hat der Ort, wie es scheint, nicht 
mehr existiert, und in seinem Bezirk nur ein christliches Kloster ge- 
standen. Der Chahf Mu*ta§im führte eine neue Aera für das ehemalige 
Sumere herauf. Das Misstrauen, das dieser Herrscher der arabischen 
Bevölkerung seiner Hauptstadt Bardäd entgegenbrachte und das noch 
durch die Entdeckung einer Verschwörung der arabischen Truppen^ 
gegen den Chalifen vermehrt wurde, veranlassten ihn, sich eine neue 
Residenz zu gründen. Auch die endlosen Reibereien zwischen der Civil- 
bevölkerung der Hauptstadt und dem Militär, das aus geworbenen und 
gekauften Berbern, hauptsächlich aber aus Türken aus Transoxanien be- 
stand und dessen Zahl allmählich bis auf 70 ocx) stieg, trugen dazu bei, 
Mu*tasim den Aufenthalt in Bardäd zu verleiden. 

Nach einigem Suchen entschied sich der Chalif für die Gegend 
des früheren Sumere; die Mönche des dortigen Klosters wurden 
expropriiert und erhielten für ihre Gebäude und Terrains 4000 Dinare. 
Alsdann wurde der Plan für die neue Stadt in grossartigstem Masse auf- 
gestellt, wobei besondere Rücksicht auf die Unterbringung der Truppen 
genommen wurde, die bei den Abbasiden die gleiche Rolle spielten, 
wie die Prätorianer unter den römischen Imperatoren. Für die Generale 
wurden eigene Paläste errichtet. Um das Militär von der Civilbevölkerung 
fern zu halten und insbesondere eine Vermischung mit den einheimischen 
Frauen zu verhindern, wurden die umfassendsten Massregeln getroffen: 
es wurden eigene Viertel für die Kasernen, die Soldaten und ihre Weiber 

*) Verjjl. Amminnas Marcellinus 25, 6, 4. Bis vor kurzem wurde unbenommen, dass in 
diesem Namen der alte Landesname eines Teiles von Babylonien, Sumer, zu suchen sei. 
(Vergl. Schrader, Keilinschriften und das Alte Testament, 2. Aufl. S. 119). Doch dürfte hierbei 
nur eine zufällige Lautähnlichkeit vorliegen, da nach dem neuesten Stunde der Forschungen 
unzweif«^lhaft Sumere Süd-Babylonien, im Gegensatze zu Akkad, Nord-Babylonien, bezeichnete 
(vergl. Delitzsch, Wo lag das Paradies? S. 199) und die Gegend des heutigen Samarra in 
dikS Gebiet Ton Akkad fällt. 

*) Vergl. Mttller, Der Islam, Bd. I S. 521. 



224 KsLP' XV. Aus der Geschichte Samarras. 

gebaut, türkische Sklavinnen gekauft, mit welchen sie verheiratet wurden, 

und strenge Vorschriften gegen das Verstössen der Ehefrauen erlassen. 

Ja'kübi % dem wir die beste Beschreibung der Gründung von Samarra 

verdanken, nennt besonders die drei grossartigen Paläste öausak 



in dem Mu*ta$im selbst Wohnung genommen hatte, 'Umari i^yf' und 

Waziri ^j j j. Sein Sohn und Nachfolger Härün el Wätik baute 

sich nördlich von der Stadt, die unter ihm noch durch Bazare und 
Quaibauten beträchtlich erA\'eitert wurde und rasch zur volkreichen Stadt 

heranwuchs, einen neuen Palast, Namens Harünije i-jjl^- Nach nur 

fünfjähriger Regierung wurde Härün el Wätife ermordet, und sein jüngerer 
Bruder (^a'far el Mutawakkil bestieg den Thron. Er setzte die Bau- 
thätigkeit in noch grösserem Massstabe fort. 

In einem einzigen Jahre erstand jetzt nördlich von Samarra eine 
neue Stadt mit nicht weniger als elf grossen Palästen, einem künstlichen 
Hügel, einer Rennbahn, einer grossen Moschee und anderen Prachtbauten. 
In einer Länge von 7 Farsach, etwa 35 km, erstreckte sich öa'fars 

Residenz, die nach ihm den Namen öa^fanje Ai ytc^ erhielt, strom- 
aufwärts bis hin nach Diir. Was bei Ninive durch die Arbeit vieler 
Könige im Laufe von Jahrhunderten geschaffen wurde, das zauberte hier 
die masslose Prunksucht eines einzigen Herrschers in wenigen Monaten 
hervor, selbstverständlich auf Kosten des Landes, das bis aufs Aeusserste 
ausgesogen wurde. Kremer -^j nennt einzelne Namen der von Ga*far ge- 
schaffenen Bauten: Kasr al *arüs, Mochtär, Wabyd, Gharyb, den Park 
Ytachijje und die neue Residenz (la'fary. Nach kaum neun Monaten 
wurde 6a*far el Mutawakkil ebenfalls ermordet, und sein Sohn und Nach- 
folger Muntasir beeilte sich, die mit so ungeheuren Kosten aufgebaute 
Stadt zu verlassen. Er zog sich nach Samarra zurück, die Paläste von 
Ga*farije verödeten und verfielen, die Einwohner der Stadt wurden ge- 
zwungen, ihre Wohnsitze zu verlassen, ja sogar ihr Mobiliar, die Balken 
und Thore der Häuser mitzunehmen. 

Die drei folgenden Chalifen, Mustain, Mu*tazz und Muhtadi, hatten 
zuviel mit inneren Wirren und den Intriguen ihrer Generale zu thun, um 
an die Errichtung neuer Prachtbauten denken zu können. Erst der 
Nachfolger Muhtadis, der Chalif Mu'tamid erbaute sich, nachdem er 
anfangs in öausak residiert hatte, einen neuen Palast, den er El 



») Ed. de Goeje, S. 255 ff. 

^y Kulturf^eschichte des Orients unter den Chalifen, Bd II S. 58, 59. 



Kap. XV. Aus der Geschichte Samanas. 225 

Ma*schük ^jl^\ nannte. Aber auch hier war seines Bleibens nicht 

lange; die Ereignisse zwangen ihn, Samarra ganz zu verlassen und sich 
nach Bardäd, später sogar nach El Madäin (dem alten Ktesiphon) 
zurückzuziehen. In welchem Jahre Samarra als Residenz aufgegeben 
ist, lässt sich freilich nicht genau feststellen, es dürfte um das Jahr 
872 gewesen sein. Demnach hat die Herrlichkeit dieser ephemeren Resi- 
denz nur 37 Jahre gedauert, denn seitdem wurde die Stadt von den Cha- 
lifen dauernd gemieden. Sie muss dann in kurzer Zeit ganz verödet sein, 
wenigstens fand Ja*kübi, der nur wenige Jahre nach dem Weggange 
der Herrscher — wie er selbst sagt, 55 Jahre nach der Begründung der 
Stadt — Samarra besucht hat, nur noch Ruinen vor*). 

Der marokkanische Weltreisende Ibn Batüta^), der etwa 350 Jahre 
später Samarra auf seiner Reise von Bardäd den Tigris aufwärts nach 
Mö§ul u. s. w. berührte, erwähnt als Namen der einzelnen Ruinenpaläste 
nur mehr El Ma'schüka, und heute ist der Name keines einzigen der 
Erbauer mehr mit irgend einer bestimmten Ruine verbunden. Doch 
haben wir in El Ma'schüka unzweifelhaft den von Mu'tamid erbauten 
Palast zu erkennen. 

Der Palast El Challfe, welcher von anderen Reisenden El öa'farije 
genannt wird, dürfte der alte Palast des Chalifen Ga*far el Muntaj?ir 
gewesen sein. Der Teil el *alig ist wahrscheinlich jener künstliche Hügel, 
den Mutawakkil aufschütten liess, vielleicht aber birgt er auch die Reste 
eines jener grossen anderen Paläste der Chalifen oder gar einer vor- 
muhammedanischen Niederlassung. Der gegenwärtige Name Teil el *alig 

iJLJl t bedeutet »Futterbeutelhügel«*). Nach der Tradition soll die 

Erde zu diesem Hügel in den Futterbeuteln (*alig) der unzähligen Pferde 
des ersten Erbauers herbeigeschafft worden sein. Es ist nicht unmöglich, 
dass hierin eine dunkle Erinnerung an die Herbeischaffung des Erd- 
materials in Säcken liegt*). 

Die kleineren Stromschnellen, welche im Tigris an verschiedenen 
Stellen längs der Ruinenfelder von Samarra sich vorfinden, rühren un- 
zweifelhaft von Resten alter Brücken her. So wissen wir von Mu*ta§im, 



*) Verfiel. Bibliotheca Geographorum Arabiconim, ed. de Goeje, Bd. VII S. 268. 
*) Vergl. Ibn Batoutah, ed. Defr^mery et Sangninetti, Bd. II S. 132. 

*) Vcrgl. Layard, Ninive und Babylon, S. 358. — Der Buchstabe ^ wird in Mesopo- 
tamien viellach g ausgesprochen, was mein syrischer Sekretär unbeachtet liess, so dass er 
der Aussprache entsprechend, den Namen fälschlich vcJLJl \j geschrieben hat. 

*) Vergl. Kiepert, Begleitworte rar Keite der Roinenfeldcr Ton Babylon, S. 26. 
Frhr. y. Oppcahdin, Vom MitttlaMOT warn Ttttkchm GolC II. \^ 



326 ^P- ^^'* ^^ heutif^e Samarra. — Schi'itische Ileilifvtttmer in Samarra. 

dass er eine feste Steinbrücke über den Tigris gebaut hat. Das Schla 
El •Äschik, sowie andere Ruinenreste auf dem Westufer beweisen, da^ 
sich die Chalifenstadt auch nach dieser Seite hin erstreckt hat. 

Das moderne Samarra liegt nur wenige Minuten südlich von dei 
vorbeschriebenen Spiralturm und etwa eine Viertelstunde vom Strom 
entfernt. Die wohlgebauten Stadtmauern datieren erst seit dem Jahr 

1843*) sie haben vier Thore: im Norden das Bäb el *Agam /%.^^^ k^\ 

im Westen das Bäb el Nä$irije, im Süden das Bäb el Gaitüm i^^\) ^yo^ 

und im Osten das Bäb Bardäd. Samarra ist eine den Schi'ite 
besonders heilige Stadt, und schiitische Pilger haben die Koste 
des Baues der Stadtmauern getragen, da sie in der bis dahin offene 
Stadt den Ueberfällen der Beduinen und Kurden zu sehr ausgeset: 
waren. Die Bedeutung Samarras als Wallfahrtsort beruht auf d< 
hier befindlichen Grabstätte des zehnten sowie des zwölften, letzte 

und heiligsten Imämes, *Ali el *Askari ^^^X.*^^ ^ und Mubammed ( 

Muntazar el Mahdi ^ -X^^ '')• Der zehnte und besonders der elfte Imän 

letzterer in Käzimen begraben, werden El *Askari genannt, vielleicht weil si 
im Heereslagcr (v\skar) von Samarra geboren sind. Die Wallfahrt zu de 
Gräbern der Imäme gilt bei den Schiften als ebenso heilig und notwendig 
wie die Pilgerfiihrt nach Mekka. Der viertletzte der Abbasiden, der sie 
wiederholt den Schi'iten zugeneigt hatte, Abu el *Abbäs Abmed en Nä^i 
lidin Allah ( der der Religion Gottes zum Siege verhilft«), welcher vo 
1180 bis 1225 regierte, soll die heutige Grabmoschee des Imäm *Ali i 

'Askari gebaut haben; die des InKim El Mahdi, El Hadra i Jo^^genann 

ist erst vor wenigen Jahren aus den Spenden reicher Schiiten hei 
gestellt worden. Nä^ir ed dm, der verstorbene Schah von Persien 
soll sich mit grossen Summen daran beteiligt haben. Vor allem vei 
dankt sie seiner P>eigebigkcit die goldene Kuppel und die über 
reiche Ausschmückung mit Fayencen im persischen Stile. Die eigentlich 
Moschee ist auf einer freiliegenden Terrasse in einem grossen Hof 
errichtet. Nur ein einziges Thor, das alte Bronzebeschlä^e un< 
einen schweren Klöpfel trägt, führt von der Strasse in den Hof, de 
von überwölbten Bogengängen, den Tekkijen ähnlich, umgeben ist un< 
in dem sich ein erst kürzlich errichteter monumentaler Uhrturm merl 
würdig genug ausnimmt. In den Raum zwischen Thor und Plattfori 

K- ^'^''ßl« Jone» a. a. O. S. 12. 

*, Vergl. Bd. 1 dieses Werkes S. 122. 






Kap. XV. Das Verwaltungsg-ebiet Samarra. 227 

befindet sich ein grosses, schönes Marmorbassin. Man steigt auf breiten 
Treppen zu der Moscheeterrasse empor. Die Vorderfront trägt zwei 
elegante, ebenfalls mit vergoldeten Kuppeln bedeckte hohe Minarets an 
den beiden Ecken. Architektonisch unhabhängig von diesen Türmen 
stellt sich die Vorderfront als ein fünffacher Bogen dar, dessen mittelster 
und breitester das Th'or bezeichnet. Besonders hier sind bunte Blumen- 
Ornamente, und Inschriften darstellende Fliesen angebracht. In dem 
einzigen grossen Kuppelgebäude der Moschee, das sich direkt an die 
Rückseite der Eingangsfront anlehnt, wird der Mahdi verehrt. Um die 
Aussenmauern des Hofes sind zahlreiche Häuser angebaut. 

Die Grabmoschee des Imäm El *Askari liegt unmittelbar hinter 
derjenigen des Mahdi; doch muss man, um zu ihr zu gelangen, wegen 
jener Anbauten einen grossen Umweg durch mehrere kleine Querstrassen 
machen. Auf die Renovierung der *Askari- Moschee ist weniger Mühe ver- 
wendet worden; sie ist in der Hauptsache aus Backsteinen erbaut, welche 
aber herrliche alte Fliesen aufweisen; auch ihre Kuppel ist mit Fayencen 
geschmückt. Unweit davon steht eine dritte kleinere Moschee, die neuer- 
dings auf Veranlassung des Wali von Bardäd renoviert wird. Meine Be- 
mühungen, in die heiligen Moscheen der Imäme zu gelangen, waren 
trotz der Verwendung des Käimmakäm vergeblich. 

Das moderne Samarra hat noch nicht die Grösse erreicht, welche ihm 
durch die neuen Stadtmauern vorgezeichnet ist, doch ist der Ort ent- 
schieden im Aufblühen begriffen. Zur Zeit der Pilgerzüge sollen sich auf den 
sonst öden Plätzen grosse Zeltlager erheben. Die Häuser machen einen 
sauberen Eindruck. Nach Cuinet beträgt die Einwohnerzahl 2000 Schiften- 
und 475 Sunniten. Nach demselben Autor soll die Stadt 11 schi'itische 
Schulen besitzen, deren Gesamtschülerzahl 600 beträgt*), eine Ziffer, die 
zu der Einwohnerzahl in gar keinem Verhältnis steht. Die Mehrzahl der 
Schüler sind von ausserhalb hierher gezogene Studenten. Zahlreiche 
Perser bringen ihre Toten nach Samarra, um sie in der Nähe der 
Heiligtümer ihrer Imäme zu begraben. 

Die Stadt bildet einen zu der Provinz Bardäd gehörigen Kreis 
(Kada); ihm untersteht nur eine Näbije, die von Tekrit. • Cuinet giebt 
an, dass in diesem Kada kaum 14000 ha von Privatleuten bebaut seien, 
während 55000 ha als kaiserliche Domänen bewirtschaftet werden. Der 
Viehreichtum des Kada ist bedeutend und wird auf 51000 Köpfe ange- 
geben, dagegen die Gesamteinwohnerzahl auf nur 15000 geschätzt. Mit 
Rücksicht auf den zeitweiligen Zufluss der schi^tischen Pilger liegt in 
Samarra eine stehende Garnison regulärer Truppen, ausserdem sind 
grössere Räumlichkeiten fiir militärische Entrepots vorhanden. 



*) Vergl Cuinet, La Torquie d'Asie, Bd. II (Fosciciüe VII) S. 132. 

IS« 



% 



228 ^P- ^^'* ^^^ RuiDcn el Käim. Uiabulät, e« .^anam. 

Wir verliesscn die Stadt um i Uhr 35 Min. und fanden unser Keiek 
unterhalb einer Schiffbrücke, der ersten seit Mö§ul, wieder. Auf der 

gegenüberliegenden Seite lag ein Dorf El Kal'a AiJLi)\ mit etwa 120 von 

Fellachen bewohnten Erdhäusern. 

Die Fahrt wurde alsbald fortgesetzt 2 Uhr 40 Min. hatten wir 

zu unserer Rechten das Dorf Mu'eg^il [mma mit etwa 40, von Samarra- 

Fellachen bewohnten f Ikusern ; um 3 Uhr 50 Min. zur Linken ein kleines 

Fellachen-Zeltlajjen Muzera*a APjr y, bei dem sich unbedeutende Mauer- 

reste befanden, und gleich darauf die Trümmer der Burg El Käim 

|l ; ^li)\ (»die Aufrechte«). Die Ruine besteht aus der einen Seite eines hohen 

i Turmes, der nach Petermanns Ansicht aus Quadern errichtet ist*). 

■ Hier zweigte sich ehedem ein kleinerer Kanal ab, der Nähr er Re$ä$ 

U^^J^ ^/T' ^^^ ^^™ ^^ Kastell wahrscheinlich in Verbindung ge- 
I standen hat. 

Um 4 Uhr 30 Min. lagen auf der rechten Seite die Ruinen von 

^ I Istabülät O^Ua^^ die Ross auf dem Landwege untersucht hat; sie sind 

! sehr weitläufig und lassen noch deutlich Strassenzüge erkennen. Der ganze 

t ' Ort ist mit Resten einer Stadtmauer umgeben, ausserhalb deren verschiedene 

isolierte Schutthaufen sichtbar sind. Der Name L-jtabulät bedeutet »Ställe« 
1 und dürfte vielleicht eine Rcminiscenz an ehemalige Kasernenbauten aus der 

4i Chalifenzeit enthalten. Gegenüber, auf dem östlichen Ufer, liegt ein Ruinen- 

^ ort es Sanam >»!^!^ (»das Götzenbild«), so genannt, weil hier eine Statue 

gefunden worden ist. von der Rieh*) einen Rest gesehen hat. Nach seiner 
" Beschreibung war nur der untere Teil mit den 13 Zoll langen F'üssen, die 

^ parallel zu einander auf dem Piedestal standen, und oberhalb der Knöchel 

nur noch wenige Fuss der Statue vorhanden. Die Reste sollen erkennen 
lassen, dass die Bekleidung bis zu den Knöcheln hosenartig gewesen sei. 
Nach dieser Kleidung zu urteilen, könnte die Statue nicht aus babylo- 
nischer Zeit stammen. Das Material war dunkler Granit oder Basalt'). 
i In den umliegenden Mauerresten glaubt Rieh sassanidische Spuren suchen 

zu sollen. Der Name Nebi (Prophet) Zanam auf der Kiepertschen Karte 
erscheint nicht recht erklärlich. 



'i 



* Vergl. Petermann a. a. O. Bd. II S. 62. 

«; a. a. O. S. 152. 

•; Nach Rieh: g^ey {^ranit and basalt. 



Kap. XV. J^ädesije. — Das alte Strombett des Tigris. — Der Di^. 220 

Um 6 Uhr 30 Min. hatten wir rechts ein Lager der Magäma*^), 

^. Namens El Kabbän jLi)l, und auf dem linken Ufer an einer Biegung 

des Flusses die ausgedehnten Ruinen von Kädesije iui/^S*), das schon im 

arabischen Mittelalter unter diesem Namen existierte und wegen seiner 
Buntglasfabrikation berühmt war^). Der Name Kädesije wurde von 
meinem syrischen Schreiber nach der Angabe der Kelekg^i El öälisije 

AuJUL-l notiert. Man könnte hierbei an einen Irrtum glauben, wenn nicht 

auch der Orientalist Petermann*) diesen Namen Dschelsia geschrieben 
hätte. Offenbar liegt eine moderne Korrumpierung des alten Namens vor^). 

Unterhalb von Kädesije nimmt der Strom auf längere Zeit eine 
östliche Richtung an und zerteilt sich in eine Unmenge von grösseren 
und kleineren Armen. Infolge des auffallend schwachen Gefälles und 
widriger Winde ging von hier bis Bardäd unsere Fahrt nur sehr langsam 
von statten. An den Ufern wurde an vielen Stellen Tamarisken- und 
anderes Gebüsch sichtbar. Dieser östiiche Lauf des Tigris ist nicht der 
ursprüngliche, vielmehr hatte der Strom früher südöstliche Richtung. 
Noch heutzutage ist das alte Strombett, Schatet (»kleiner Strome) genannt, 
das sich bis kurz vor Bardäd hinzieht, deutlich zu erkennen. Wann der 
Durchbruch stattgefunden hat, ist noch nicht ermittelt worden. Er- 
möglicht wurde er durch die Beschaffenheit der Ufer oberhalb Kädesije. 
Im Osten wird nämlich das Tigrisbett oberhalb von Kädesije durch hohe 
Uferränder begrenzt, während das Westufer flach ansteigt. Kädesije 
gegenüber zweigt sich vom Tigris der bereits erwähnte breite Kanal 

Dig^el Ju>-^ (»kleiner Tigris«) ab, der sich in geringerer Entfernung von 

dem alten Flussbett hinzieht Die Ausgangsstelle heisst Sadr el Dig^el 

Ju>-j|J\ jJiy^. Bei dem Ruinenort Harbe i ^ (eig. (J^ bezw. \ij>' Jäküt 
IV 9) etwa IG km südöstlich des Sadr, führt eine 190 Fuss lange Brücke aus 



^) Petermann schreibt diesen Namen Dschemmaa. 

') Situationsplan von Kädesije siehe bei Jones a. a. O. S. 9. 

•) Vergl. Jä\f:üt. Bd. IV S. 9. 

*) a. a. O. Bd. II S. 62. 

^) Rieh und andere Engländer geben auf die Autorität von Gibbon, Kap. 51, dem 
sie blind folgen, an, dass bei diesem Kädesije die Entscheidungsschlacht zwischen Persem 
und Arabern, durch welche Mesopotamien in die Hände der Letzteren fiel, stattgefunden 
habe, während sie thatsächlich bei einem gleichnamigen Städtchen auf der Grenze zwischen 
Babylonien und der Arabiichen Wüste in der Nähe von Hira, westlich vom unteren Euphrat 
geschlagen wurde« Vergl. Müller, Der IsUm, Bd. I S. 237. 



1. 



230 Kap. XV. Der Chan e§i Su-aiwije. — Der Teil Husen. 

der Zeit des letzten Abbasiden-Chalifen über den Dig^eP). Unzählig« 
Zweigkanäle durchkreuzen die ganze Gegend bis nach Bardäd. 

7 Uhr 40 Min. lag auf dem rechten Ufer das Dorf El Mu*ebi 

jyA\ der Mag^dma* und gegenüber ein Fellachendorf El Huwai (^j>'^ 

hier befindet sich eine Furt, was auch der Name Mu*ebir andeutet Wi 
hielten uns während der Nachtfahrt meistens auf der linken Seite de 
Stromes. Die inzwischen passierten Ortschaften wurden mir am nächste) 
Morgen mit den beistehenden Zeitangaben genannt, eine genaue Lokal] 
sierung ist wegen der zahlreichen Flussarme, in die der Tigris hier gt 
spalten ist, unmöghch. 
j: 9 Uhr 50 Min. wurde auf der linken Seite ein Chan Namens E 

Su*aiwije A> ^.m^\ passiert,- der angeblich vor et\va 90 Jahren von einer 

Perser erbaut sein soll. Höchstwahrscheinlich ist es derselbe Chär 
der auf den Karten als Chan Mizrakdje eingetragen ist. Etwa gegen 
über auf der rechten Seite hat bei einer Ruine Djibbare cii 
alter Damm südsüdöstlich in die Wüste hineingeführt. In dieser 
Damm haben die englischen Reisenden Ross und Lynch die voi 
Xenophon genannte medische Mauer, welche Babylonien im Xordei 
vom Tigris her zum Euphrat abschliessen sollte, wiederzuerkennei 
geglaubt; dagegen hat Jones*) den Damm — seiner ganzen Anlage nach — 
lediglich als Schutzwall für das Ackerland angesprochen. Die Aus 
dehnung und der Zweck der Hauten bleibt immerhin noch ein Problem^ 

j Bei Djibbare soll das Ma|>ama*-Lager Barga A3j liegen. Gegen 1 1 Uh 

mussten wir am Teil Huscn Jn-*-^ t vorbeigefahren sein, der mir als an 

der rechten Uferseite liegend angegeben wurde, während auf de 
Kiepertschcn Karte ein Schcch Hosen auf dem linken Tigrisufer eir 
getragen ist. Auch hier bctindct sich angobhch eine Magama*-Niederlassun§ 
Um I Uhr lag rechts etwa 2 km vom Flusse entfernt das zu den Krondomäne 

gehörige Dorf Beled j^ mit ungefähr 200 Krdhäusern. Einer der viele 

grösseren Inseln des Stromes führt den Namen Et Tüta A»^^, sie biete 

» hundert Zelten der Abü-Farräg Raum. Eine Viertelstunde später passierte 

wir ein von Fellachen bewohntes Zeltdorf Umm* Ufesche A-IaäP^^, jeder 

I _ _ . - 

^] Vcrffl. Jones a. a. O. S. 252. 
; = a. .1. O. S. 216 ff. 

*' Verirl. Koss und Lynch in Journal of the Royal Geographica! Society, Bd. l 
ft S. 473; Kiepert, Bejjleitworte zur Karte der Ruinenfelder von Babylon, S. 23. 



Kap. XV. Der 'Adern. — Die alte Stadt Opis. 23 1 

falls dasselbe, das Petermann Ummi feischa schreibt, ein Ort, in dem 
er Felswohnungen erkannt zu haben glaubt. Auch er war hier in 
der Nacht vorbeigefahren. Nach einer Stunde erreichten wir das auf 

dem linken Ufer gelegene kleine Zeltdorf Ba*rüra ij^yo bezw. Vjj^t- 

3 Uhr 15 Min. auf derselben Seite ein weiteres Zeltdorf El Boberije 

ijrjpfcJl. Diesem gegenüber lag ein öebürlager von 300 Zelten, Namens 

Pulü*ije AS'j^. Um 4 Uhr folgte rechts das kleine Zeltlager der Mag&ma' 

Es Sejid Muhammed Jur- JijuJ\*), 4 Uhr 30 ein Lager Es Safine AjuLJI 

von etwa 20 Zelten der Su*üd ^jm^\ 4 Uhr 45 Min. ein Zeltdorf von 

etwa 50 Hütten Namens El Hubäb w-jlXl (»die Freundet); 4 Uhr 55 Min. 
ein Magäma'-Lager von angeblich 12 Zelten, El *Auseg;e <3t-*»jJ\, und 

darauf 5 Uhr 10 Min. Kobb esch schawäli ^\^^\ «^ auf dem linken 

Ufer, ein Lager von etwa 30 Zelten der Beni Tamim. Die Sitze dieses 
Stammes ziehen sich von hier aus südöstlich bis zur Diäla hin. Um 
5 Uhr 15 Min. passierten wir links die Einmündung (Sadr) des in dem 

kurdischen Gebirge entspringenden *Adem .^ . ^P, dessen Wassermassen 

das seit dem Eintritt in Babylonien recht schwache Gefälle des Stromes 
auf eine geraume Strecke wieder beleben. Auf dem rechten Ufer begann 

jetzt der Höhenzug öebel el *ulj:äb v^vLJ\ J^» ^^^ ^"^ über vier Stunden 

lang begleitete") In dem westlichen Winkel, welchen der von Norden 
her fliessende *Adem mit dem heutigen Tigrislauf bildet, liegt ein aus- 
gedehntes Ruinenfeld mit dem Teil Mahassil. 

Dort, wo früher der 'Adem sich mit dem alten Tigrislauf vereinigte, 
wenige Kilometer südlich der heutigen Mündung, lag die alte grosse 
Stadt Opis, deren Ruinen in dem Trümmerfeld von Mang^ur nachgewiesen 
sind, während frühere Reisende und Rieh sie teils oberhalb von El Käim, 
teils in dem Ruinenfeld von Teil Mahassil zu finden glaubten. Die 
uralte Stadt, die schon vor der Eroberung Babyloniens durch Tiglat 
Pilesar'), also um 1 100 v. Chr., erwähnt wird, muss eine grosse Aus- 
dehnung und als Zwischenstation für den Verkehr Assyriens mit dem 

') Auf der Kiepertschen Karte ist weiter landeinwärts ein muhammedanisches Heiligtum 
gleichen Namens angegeben. 

') Der Name ist in der auf der Kiepertschen Karte gegebenen Bezeichnung für 
einen alten Kanal Aghab, gegenüber der 'A^emmündung, enthalten. 

•) Vergl. Delitzsch a. a. O. S. 205. 



212 Kap- X^'- Palmenhaioc am Tifirris. 

Persischen Meerbusen eine hohe Bedeutung gehabt haben; hier trat an 
Stelle der Kelekflösserei die eigentliche Schifffahrt Von Strabo wissen 
wir, dass Opis eine offene Stadt gewesen ist. 

Frühmorgens um 6 Uhr hatten wir zur Rechten ein Lager von 

200 Zelten der Beni Tamim, Namens Abmed el Fajäd ^yJi\ JJt-}, Kurz 

darauf ändert der Tigris seinen Lauf in vorwiegend südlicher Richtung, die 
er bis Bardäd behält 7 Uhr 15 Min. passierten wir auf der linken 

Seite Ed Dög^ame i^jjj^ ein Lager von 240 Zelten der öebür und 

Abu Hajäzi*, um 7 Uhr 25 Min. zur Rechten 25 Zelte der Beni Tamim; die 

Lokalität wird Ez Zambür J^j^ genannt. Kiepert*) identificiert diesen 

Namen mit dem von Zosimus genannten Ort Symbri, welchen das Heer 
des Julian auf seinem Rückzuge passiert hat. Die alte Stadt muftö aber 
auf dem linken Ufer gelegen haben, da das Heer erst bei Dür den 
Tigris überschritten hat. Damals also muss der Tigris bereits das alte 
Bett des Schatct verlassen haben. 

8 Uhr 30 Min. lag rechts ein weiteres Lager mit 70 Zelten der Beni 

Tamim, welches El Hu.sai ^^^ genannt wird, und gegenüber das Dorf 

Maräb t-^^ mit 100 Erdhäusern, gleichfalls von Beni Tamim bewohnt. 

Um 9 Uhr 40 Min. hörten die 'Ukäb-Höhen auf der rechten Seite auf, 
und um 10 Uhr 50 Min. wurden wir zur Linken durch den AnbUck 
eines grossen Palmenhains erfreut, des ersten, dem wir auf unserer 
Stromfahrt begegneten, wenn wir auch vereinzelte Palmen, wie erwähnt« 
bereits in Tekrit gesehen hatten. Der Wald umschloss das kleine 

Dorf Sindije <»JuL;. Der Anblick der Häume erfüllte mich mit froher 

Hoffnung auf das baldige Ende der allmählich unerträglich werdenden 
Kelekfahrt; Bardäd konnte nun nicht mehr fern sein. Allein wir mussten 
uns noch mit Geduld wappnen, denn die Strömung war so schwach ge- 
worden, und Gegenwinde begannen mit solcher Heftigkeit zu wehen, 
dass unser Floss geradezu stromaufwärts getrieben wurde. So legten 
wir dann in Sindije längere Zeit am Ufer an und gelangten erst nach 

47« Stunden langsamster Fahrt nach Sa'dije <'JIä-^, dessen Palmen- 
waldungen 1^2 Stunden zu unserer Linken sichtbar waren. Um 6 Uhr 
hatten wir gleichfalls links die Palmenoase El Mansilrije <t jj^a^\ mit 260 

1) a. a. O. S. 25. 



Kap. XV. Der Chali§-Kanal. — Das Gebiet el Jähudije. 233 

bis 300 Lehmhäusern und einer Moschee. Alle diese Dörfer werden 
von Schiften bewohnt. Um 7 Uhr passierten wir links ein Lager der 

Abu Mnä*a <m1a y\, Namens Er Ragga <3j\\ um 8 Uhr* auf derselben 

Seite eine weitere Palmenoase nebst Dorf El G§erijin ^jKjjUd2ji\ mit etwa 

30 Lehmhäusern; um 8 Uhr 25 Min. gleichfalls links ein Dorf El Huesch 

i» j>^\ von etwa 30 Lehmhäusern. 

Diese Nachtfahrt ging in ausserordentlich langsamem Tempo, so dass 
unsere Fahrzeiten für Distanzenbestimmungen noch weniger massgebend sein 
können als bei den bisherigen Nachtfahrten. Nach kurzer Zeit lag zur Rechten 

in einiger Entfernung die Kaserne Et Tärmlje i^jlDl. 8 Uhr 45 Minuten 

passierten wiV auf dem rechten Ufer eine Lagerstätte mit etwa 30 Zelten 

der Maschähide, Namens Grä*ät Cj\^\J^y 8 Uhr 55 Minuten daselbst 

40 weitere Zelte der Maschähide auf der El Kesra d^^^-^^I (»der Bruch«) 

genannten Lagerstätte. 10 Uhr 30 Minuten sahen wir Unks das grosse 

aus 300 Lehmhäusern bestehende Dorf öedede dJIiJlH, die erste 

Station auf der Karawanenstrasse von Bardäd nach Mö§ul. Der Ort 
besitzt einen grossen Chan, ausser Schi*iten wohnen hier einige wenige 
Sunniten. Bei 6edede hören die das Ufer säumenden Palmen Waldungen 
auf und setzen sich landeinwärts nach Osten in kleineren oder grösseren 
Gruppen fort. Erst wenige Stunden oberhalb Bardäd erscheinen sie 
wiederum am Strome; um seine Ufer noch einige Stunden unterhalb der 
Stadt zu schmücken. Wenn auch am Flusse zahlreiche öird in 
Thätigkeit sind, so beziehen die Anwohner ihr Wasser doch haupt- 
sächlich aus den zahlreichen Armen des Chäli§-Kanales, der sich wenige 
Meilen unterhalb des Austrittes aus dem Hamrin-Gebirge von der Diäla 
trennt und zu dem Tigris hinzieht. Der Kanal ist neueren« Ursprungs, 
und sein Bewässerungsgebiet einer der am intensivsten kultivierten 
Striche des Wiläjet Bardäd. Dicht unterhalb des Dorfes öedede macht 
der Fluss eine grosse Biegung nach Westen; innerhalb dieses Bogens 
befinden sich zwei grosse Hörs, sumpfartige Flächen des Chäli§-Gebietes, 
welche den überschüssigen Wassergehalt der Kanäle aufnehmen. 

Bald darauf kamen wir an der auf dem rechten Ufer gelegenen 

Niederlassung El Mallüli ^ju^ 30 Häuser der Säde umfassend, vorbei. 
Die nunmehr beginnende, westlich von den genannten Hörs sich hin- 
ziehende Gegend wird El Jähudije Aj^j^\ (»Judengegend«) genannt. Auf 



234 Kap. XV. Ich verlasse das Kelek in Daudije. — Xannus fährt weiter bis Bafdäd. 

dem rechten Ufer befinden sich weitere Niederlassungen der Maschähide, 
von denen eine mir als El Rarab w-j^l bezeichnet wurde. 

Inzwischen war der Gegenwind immer heftiger geworden, und es 
war nicht unwahrscheinlich, dass die Fahrt nach Bardäd anstatt einige 
Stunden, noch ebenso viele Tage beanspruchen würde. Die Ruder waren 
dem Winde gegenüber vollständig ohnmächtig. So gingen wir bei der 
El Jahüdije esch Scharljii genannten Stelle, wo der Fluss einen spitzen 
Winkel beschreibt, vor Anker. 

Als die Aussicht auf eine flottere Fahrt auch am folgenden Tage nicht 
eingetreten war, beschloss ich — es war am Dienstag, den 29. August 
früh, — das Anerbieten der Bewohner des benachbarten Dorfes Däüdije 

<'^J^^ anzunehmen, die uns für die Weiterreise nach Bardäd Esel zur 

Verfügung stellten. Mein Diener Tannüs erhielt den Auftrag, mit dem 
Gepäck die Kelekfahrt fortzusetzen, während ich mit Neg^Ib Sallüm über 
Land nach Bardäd ritt. Zunächst seien nach den Angaben des Tannüs 
die Orte mitgeteilt, yk^elche das Floss, das um 3 Uhr wieder flott wurde, 
auf der Tigrisfahrt passierte. 

Um 5 Uhr 30 Minuten lag rechts das aus 40 Häusern der Maschähide 

bestehende Lager Tütet Habib ^_.,wa>- Ai y (»Maulbeerbaum von Habib«), 

um 6 Uhr links das Lager Es Sauäkin ^ \^^\ (»die Unbeweglichen«), *) 

welches 40 Häuser von Angehörigen des G^airije- und des Maschähide- 

Stammes umfasste; 6 Uhr 30 Minuten wieder rechts El *Uwege <^ j^^ 

ein Maschähide-Lager von 40 Häusern. Um 7 Uhr wurde links ein Dorf 
mit 30 Erdhäusern der Abu Farräg und Maschähide, Namens Hawig^et 

el rarab s^yi\ "^ y>-^ sichtbar, 7 Uhr 40 Minuten links das kleine Zelt- 
lager der Maschähide Nähr el Pascha U»LH w^, so genannt wohl nach 
einem von einem Pascha angelegten Kanal, der jetzt nicht mehr vor- 
handen ist. 8 Uhr passierte das Floss das Dorf Ed Dabbärijät OV^U^ 
mit 50 Lehmhäusern der Öebür 9 Uhr 15 Minuten das Dorf Abu Dali 
(J^^ J*^ etwa 20 Erdhäuser der Maschähide zählend; beide Dörfer liegen 

im Schatten von Palmenh^ainen. 10 Uhr 30 Minuten erschien Hnks ein 
zur Besitzung des Generals Käzim Pascha, eines Schwagers des Sultans, 

*) Derselbe Name, wie der gewöhnlich fälschlich Saaldm geDannten Stadt am 
Koten Meere. 



Kap. XV. Ucber Land von Däudije nach Bafdäd. 235 

gehöriges Dorf, von einem Mischvolk aus Gebür und öebesch be- 
siedelt, mit etwa loo Bauernhäusern aus gebrannten Ziegeln; rechts davon 

Schari at el becja UäjJ\ iu j^\y ein Maschähide- Lager mit 15 Häusern. 
II Uhr 30 Minuten lag links das Lager Tarimbe ij*jU^ mit Palmengärten 
und 30 Maschähide-Häusern, gegen 12 Uhr nachts rechts das Lager Et 
Täg^i (^ü^ mit 50, links El Kamera äjtwJI (»der kleine Mond«) mit 30 
Maschähide-Zelten, i Uhr 40 Minuten rechts der Wallfahrtsort El Käzimen 
^JUJ^^^\^ links das Dorf Salech mit 80 Häusern. Um 3 Uhr wurde 
die SchiflTbrücke von el Mu'addam ^Jlkja\ erreicht, die erst nach zwei- 
stündigem Aufenthalt passiert werden konnte. Der Ort Mu'addam liegt 
auf dem Ostufer des Tigris. Um 5 Uhr 30 Minuten lag rechts das Dorf 

Kuchanärgalg^i ^äJ^u>-^ , mit etwa 40 Erdhäusern. Gegen 6 Uhr früh 

am Mittwoch, den 30. August, landete das Floss an der Brücke von Bardäd. 
Wir selbst waren glücklich, unser enges Gefängnis verlassen zu 
können, und trabten in bester Stimmung auf den kräftigen kleinen Dorf- 
eseln in südöstlicher Richtung landeinwärts. Der Ritt führte überall durch 
kultiviertes Terrain, im Anfang Ackerland, später Palmenwälder. Wenige 
Minuten nach unserem Aufbruch, gegen 12 Uhr, kamen wir durch ein 
von öebür bewohntes Dorf von etwa 20 Erdhäusern. Die Gegend war 
hier vollständig sicher. Auf meine ausdrückliche Frage wurde mir mit- 
geteilt, dass Beduinenübergriffe seit Menschengedenken hier nicht vor- 
gekommen wären. 12 Uhr 35 Min. erreichten wir die grosse Haupt- 
strasse Kerkük — Bardäd. i Uhr 25 Min. lag rechts das vorher genannte 
Dorf des Käzim Pascha, und bald begannen wieder die Palmenwaldungen, 
die hier Staatseigentum sind, i Uhr 50 Min. wurde die Richtung etwas 

östücher und 2 Uhr 35 Min. war das Dorf Salech äxL? und damit 

der Tigris erreicht. 2 Uhr 40 Min. erblickten wir die Brücke von 
Mu^addam und unmittelbar darauf langten wir auf dem Platze der grossen 
Moschee von El Mu'addam an. Der Ort hat seinen Namen von dem Imäm 
el Hanafi, gewöhnlich Imäm el Mu'addam genannt. Nach viertelstündigem 
Aufenthalt setzten wir unsern Ritt fort. Die breite Strasse war auf beiden 
Seiten von den Erdmauern der Palmengärten eingefasst und mündete 
nach einer Viertelstunde auf einen weiten Platz, der mit den Zelten eines 
MiHtärlagers bedeckt war. 3 Uhr 40 Min. hatten wir zur Rechten das 
grosse städtische Hospital und kurz darauf erreichten wir Bäb el 
Mu^addam, das Nordthor von Bardäd. 



XVI. KAPITEL. 



Bardad* 

• 

Die Cholera. — Das heutijTe Bar^äd. — Brücken. — Die Bevölkerunjf. — Denkmäler am 
babylonischer Zeit. - Uebcrreste aus der Chalifenzeit. — Die Grabmäler von Abu Hanife, 
Ahmed Ibn Hanbai, Imain Müsa el Karim, Mubammed el (^lawäd und des Schechs *Abd 
el Kädir el ftiläni. — Das Grab der Sitte Zubede. — Moscheen aus neaerer Zeit. — 
Sonstige Andachtsstätten. — Christliche Kirchen. — Profanbauten. — Die Bauart der HSnser, 
Mobiliar. — Erzeug^nisse des einheimischen Kunstfleisses. — Maschinenbetriebe. — Bardäd als 
Handelsplatz. — Die Dampfschiffahrt auf dem Tigris. — Bardäd als Verkehrscentram in 
früherer Zeit. — Ein Schienenweg durch Mesopotamien. — Euphrat- oder Tif^risbahn? — 
Die Vorteile der Tijjristrace. — Aufgaben und Interes-se der türkischen Regierung beim 
Bahnbau. — Deutschlands Prärogative. — Post und Telegraph. — Europäer in Bardäd. — 
Europäische Konsulate. — Der deutsche Konsul Richnrz. — Die Wirkunifen der Cholera. 

— Das Strasscnleben. — Notabein in Bapdäd. — Cieschichte Bafdäds. — Das vorisUmische 
Bardäd — (*ia'far cl Man.sür erbaut die Stadt. — Dar es Saläm und Dar el Chald. - 
Bardäd, die Hauptstadt der Chalifen. — Die Herrschaft der Sel^ken. — Der Chalife 
Mustarschid. — Die Monjrolen vernichten Bardäd. — Bardäd als Winterresidenz der mon- 
^ulischen 11 Chane. — Die Talaren in Bapdnd — Die Kara Kujiinlu und die A^s lyujunlu. 

— öehän Schah. — Die Osmanen. — l8nia»il e,l Sefe\fi wird Schah von Persien. — Die 
Geschicke Bardäds unter den Nachfoljjern IsmaMls. - Schah *Abbäs der Grosse {gewinnt 
Bardäd für Persien. — Ein osmanisches Heer belagert Bardäd. — Weitere Kämpfe um die 
Stadt zwischen Türkei und Persien. — Sultan Muräd IV. erobert 1638 Bardäd. — Bardäd 
unter türkischen Statthaltern. — Hasan Pascha Gouverneur von Bardäd. — Nadir Schah 
belagert vergebens die Stadt. — Ahmed Pascha. — Die Schlacht bei Samarra. — *Oroar 
Pascha. — Wiederaufblühen der Stadt. — Die Wahhäbiten. — Däüd Pascha. — Seine ehr- 
geizigen Pläne. — Pest und Ueberschwemmung. — Däüd Paschiis Ende. — *Air Pascha 

und die Schammar, «Aneze und Zubed. — Midhat Pascha und seine Reformen. 



Es war kein günstiger Zeitpunkt, zu dem ich die alte Cbalifenstadt 
betrat. Die Cholera wütete, wenn auch nicht in dem Grade wie im 
Jahre 1889, so doch derartig, dass Handel und Wandel stockten und ein 
grosser Teil der Einwohnerschaft seine Wohnungen verliess, um vor den 
Thoren.der Stadt in Zelten und rasch zusammengezimmerten Baracken 
zu hausen. Trotzdem habe ich in Bardäd^) als Gast meines rheinischen 
Landsmannes Karl Richarz frohe Stunden verlebt, wenn auch immerhin 

^) Aus der zahlreichen Litteratur über Bardäd seien hervorgehoben: Frhr. v. Thiel- 
roann, Streifzüge im Kaukasus, in Perftien und in der Asiatischen Türkei, Leipzig 1875; 
Niebuhr, Voyage en Arabie, traduit de l'allemand en fran^ais, Amsterdam und Utrecht 1776; 



Kap. XVI. Das heutige Bardäd. 



237 



die Seuche die Ergebnisse meiner Umschau in der Stadt beeinträchtigt 
hat. Von der witer dem Namen Aleppo-Knoten bekannten Hautkrankheit, 
die in Bardäd wie in vielen anderen orientalischen Städten verbreitet 
ist und hier fast alle Europäer befällt, bin auch ich nicht verschont 
geblieben *). 




Bajrdad. 

Das heutige Bardäd^) füllt, obgleich es fortwährend im Wachstum be- 
griffen ist, den durch die alten, von Midhat Pascha niedergelegten'*), Stadt- 



Cholet, Arm^nie, Kurdistan et Mesopotamie, Paris 1892; Commander James Felix Jones, 
Memoir on the province of Baghdad in Selections from the records of the Bombay 
GoTernmeDt No. XLIII, New Series, Bombay 1857, S. 304 fr.; Anthony N. Groves, Journal 
of a Residence at Bagdad, London 1832; Henry Mignot, Bagdad, Paris 1893. — Der in 
diesem Werke zur Anwendung gebrachten Transskription entsprechend wird Bardäd, nicht 
Bagdad oder Baghdad geschrieben. 

*) Die Beulcnpest ist seit ungefähr 60 Jahren, wo sie den ganzen Orient verheerte, 
in Bardäd nicht mehr als grosse Epidemie aufgetreten. Wohl forderte sie hier vor etwa 
20 Jahren einige Opfer. Sie war nach Bafdäd vom unteren Euphrat verschleppt worden, wo 
sie endemisch geblieben sein soll und plötzlich stärkere Dimensionen angenommen hatte. 

*) Vergl. den umstehenden dem angeführten Memoir von Jones entnommenen Plan 
von Bafdäd. 

*) Den letzten Rest der alten Mauern und die hauptsächlichsten Thorburgen hat man 
stehen lassen. 



238 



R:ip. XVI. Dil« hfutif^c Buriläd. 



mauern eingeschlossenen Raum nicht aus; an der östlichen Seite, der ein 
Trapez von 3,5 km Länge und 2,3 km Breite bildet, bleibt ein breiter 
Raum unbebaut, der mit Schutthügeln und Trümmern bedeckt ist, und 
im Südosten dehnen sich blühende Gärten bis an den Wall. Der 
hauptsächlichste Stadtteil liegt auf dem linken Tigrisufer; hier ist der 



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I>ic Schitt'hrücke in üaraad. 

Sitz der Regierung, und hier konzentriert sich der ganze Handel. Die 
jenseits des Tigris belegene West-^tadt \) ist kaum ein Drittel so gross. 
Zu ihr gehört ein nicht unbedeutendes Quartier, das fast nur von 'Agel") 
und anderen Karawanenleutcn bewohnt wird. Die beiden Stadtteile sind 
durch eine Schiti'brücke mit einander verbunden, die bei Hochwasser 
ausgefahren werden muss. Die zwischen den Vororten Mu*azzam und 
Käzimen befmdliche ähnliche Brücke wurde bereits erwähnt, eine dritte 



' Der Wfstteil wird von den Anwohnern der Oststadt allf^emein Hadäk el gineb, 
//die andere Seite*, (genannt. 

- Die *Agel haben g^ej^en Ende des vorigen Jahrhunderts in Bardäd eine Kolonie 
anci^elegt, als ihnen von Soliman Pascha das Monopol übertra{;en wurde, die Karawane auf 
den Routen Uardäd — "Aleppo und Baj-däd — Damaskus zu eskortieren (verjfl. Ritter a. a. O. 
Hd. XI S. 839 nach Fräser;. In Centralarabien bilden ihre Stammes^enossen ge^nwSrtii; 
die sesshafte Bevölkerung verschiedener Oasenorte des Kasim-Distriktes. 




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Kap. XVI. Brücken. — Statistik. 23Q 

Überspannt den Fluss unterhalb der Stadt in der Nähe des Dorfes Gerära. 
Im Januar 1898 ist eine eiserne Brücke dem öffentlichen Verkehre über- 
geben worden, welche den Hirrkanal etwa anderthalb Stunden unterhalb 
Bardäd auf dem rechten Tigrisufer, wenige Minuten vom Strome entfernt, 
überspannt. Die Brücke ist für jden Karawanenverkehr von Bardäd nach 
Kerbela bestimmt und im Auftrage der türkischen Regierung von dem 
französischen Ingenieur Jacquerez erbaut. Der Vorort Käzimen ist mit 
der Weststadt durch eine Pferdeeisenbahn verbunden. Diese Bahn ist 
von Midbat Pascha errichtet, und seitdem sind weder am Geleise noch 
an dem rollenden Material irgend welche Ausbesserungen vor- 
genommen worden. Die Strecke wird in ungefähr dreiviertel Stunden 
zurückgelegt. Die Bahnstation befindet sich in Bardäd an einem freien 
Platze neben einem sehr besuchten Kaffeehause. 

Die Bevölkerungsziffer ist bei dem Mangel jeglicher officiellen 
Statistik schwer zu bestimmen; es dürfte vielleicht nicht zu hoch ge- 
griffen sein, wenn man Bardäd mit allen Vorstädten auf rund 200 000 Ein- 
wohner schätzt. Davon entfallen auf die Muhammedaner etwa 150000. 
Die Schiften sind an Zahl den Sunniten überlegen^); die grossen vornehmen 
Familien aber gehören meist dem sunnitischen Bekenntnis an. Die Christen 
sind — was in keiner anderen grossen Stadt der asiatischen Türkei 
der Fall ist — den Juden gegenüber in der Minderheit. Ihre Zahl, 
welche bis unlängst nicht mehr als etwa 6000 betragen haben dürfte, 
ist in den letzten Jahren infolge massenhafter Einwanderungen von 
Chaldäern aus der Nachbarschaft von Mö§ul auf etwa 8 — 10 000 ange- 
wachsen*). Sie zerfallen in katholische und gregorianische Armenier, 
einige wenige lateinische Christen syrischer Nationalität, Jacobiten und 
Chaldäer, beide mit Rom uniert. Die etwa 40 000 Juden leben in grösstem 
Schmutz und Elend; aus ihnen ist der englische Finanzmann Sir David 
Sassoon hervorgegangen. Das Judenviertel befindet sich im Osten und 
Nordosten, die Christen wohnen im Centrum; die nördliche Hälfte der 
Stadt und der südliche Stadtteil werden ausschliesslich von Muhammedanern 
bewohnt. Eine grosse, hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Kurden- 
kolonie ist im Südosten der Stadt entstanden. 

*) Die 8chi*itische Bevölkerunfj Bardäds besteht aus persischen Schutzbefohlenen, 
deren Anzahl, einschliesslich der in Käzimen Ansässigen, wenigstens loooo beträgt, sowie 
aas Arabern und Angehörigen anderer Nationalitäten, die ebenso wie die Sunniten türkische 
Unterthanen sind. Die Gesamtzahl der Schi'iten in Bardäd kann man wohl auf 90000 be- 
ziffern. In der letzten Zeit hat sich gerade auf dem Lande eine nicht unbedeutende Ver- 
mehrung der schi*itischen Bevölkerung bemerkbar gemacht. Vergl. oben Kap. XI S. 74. 

') Die Auswanderung wurde in erster Linie durch eine starke, infolge des Auftretens 
einer Henschreckenart hervorgerufene Hungersnot veranlasst. Die Bewohner verschiedener 
muhammedmnischer Dörfer, welche damals ebenfalls ihre Heimat verlassen wollten, wurden 
auf den Krondomänen des Sultans am Tigris angesiedelt. 



240 Kap. XVI. Ucbcrreste aus babylonischer und aus der Chalifenzeit. 

In Bardäd sind noch einige wenige Denkmäler aus der babylonischen 
Zeit erhalten. Ein grosser Quai, Chicjr-Eliäs^) genannt, rührt aus der Zeit 
Nebukadnezars her. Etwas unterhalb der Stadt, in der Nähe des Hirr- 
Kanals, finden sich die Reste einer anderen dem Quai ähnlichen alten 
Anlage^). 

Auch die Ueberreste aus der Chalifenzeit sind gering an Zahl. Das 
hat, abgesehen von den schweren Schicksalsschlägen, die über Bardäd 
hereingebrochen sind, in dem schlechten Material seine Ursache, aus dem 
die Bauten der Stadt in früherer Zeit wie noch jetzt hergestellt wurden. 
Steinbrüche befinden sich nicht in der Nähe. Infolgedessen wurden und 
werden selbst für die öffentlichen Gebäude und Paläste fast ausschliesslich 
Ziegel ^) zur Anwendung gebracht. Das Pflaster der Höfe und Veranden, 
die Säulen und sonstige vereinzelte Bauteile der vornehmsten Häuser 
Bardäds entstammen den Alabasterwerken in der Gegend von Mö§ul. 
Das wichtigste, noch erhaltene Denkmal aus der Chalifenzeit ist die heute 
zur Douane (Gumruk) umgewandelte ehemalige Medrese el Mustan^erije 

i j-aILJI^ i-wjJul mit dem grossen Bäb en Nasr ^.»aIH «w^l. Leider 

ist das Thor vollkommen verbaut, so dass es nur schwer zu besichtigen 
ist. Die mächtigen Dimensionen und die kunstvollen arabischen Inschriften 
machen trotzdem einen bedeutenden Eindruck. An der Flussseite des 
Zollamts befindet sich eine lange arabische Inschrift, welche den Chalifen 
Mustansir als Erbauer dei Medrese nennt; sie stammtaus dem Jahre 630 der 
Higra (1232 n. Chr.) und ist schon von Niebuhr*) mitgeteilt worden. 
Ein weiteres Denkmal aus derselben Zeit ist das im Südosten der Stadt 



*: Die in Syrien, Mesopotamien un«l überhaupt im Orient sowohl von Christen wie 
Muhammecianem als Heilige verehrten Persönlichkeiten des Chicer und Elias finden sich in 
Bardäd in einer einzigen Person vereiuijjt, die den Namen Chidr-Eliäs führt und der »ewig 
Jüngere genannt wird. In Hardäd pflej^'t, wenn ein Kind den ersten Schwimmunterricht 
erhält, die Mutter ein oder mehrere Lämpchen anirezündet auf einem Stückchen Holz den 
Fluss herabschwimmen zu lassen, damit der Chi<]r-El)äs nicht die Seele des Kindes behalte. 
Nach dem Volksglauben soll der Chidr-Kliäs im Ti^^ris selber hausen. Es ist nicht un- 
möglich, dass wir es hier mit dem Fortleben einer alten babylonischen Wassergottheit in 
thun haben. Während der Cholerazeit sah ich vielfach des Abends Lämpchen den Flttss 
hinunterschwimmen. 

-) Unweit der Stadt, im Nordwesten, liegt der Turm von 'Aj^r Küf, der ebenfalls 
aus der babylonischen Periode stammt und weithin in der raesopotamischen Ebene 
sichtbar ist. 

^) Für die Häuser pflegt man leicht gebrannte Ziegel zu verwenden. Als Brennmaterial 
wird hauptsächlich der Wüstendorn ('Agül) verwandt. Er erzeugt nur wenig Hitze und infolge- 
dessen erhallen die Ziegel auch keine grosse Härte. Zu Gartenmauern und dergl. werden 
wie in den Dörfern in der Sonne gebrannte Luftziegel benutzt. Stärkere Mauern werden durch 
Füllungen zwischen zwei Ziegelreihen hergestellt. 

*) Voyage cn Arabie S. 241. 




Das Minaret dc-r Moschee von SuV cl Rar.l. 






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i; 



Kap. XVI. Die Grabmäler des Abu Hanife und des A^med Ibn Hanbai. 24 1 

Stehende Minare t von Süfe el Razl J jiJl t3>*^ ^^^ noch immer das höchste 

Bauwerk der Stadt ist. Auch dieses ist von dem Chalifen Mustan^ir er- 
richtet, und zwar drei Jahre nach Vollendung der Medrese. Die zuge- 
hörige Moschee ist gegenwärtig vollständig verschwunden, das Minaret 
selbst, das zwei von einander unabhängige, sich umeinander drehende 
Wendeltreppen besitzt, im höchsten Grade baufällig. Auch der Chan cl 
Ortman, ein in der Nähe des Bäb en Na§r im Bazarviertel gelegener Chan, 
ist zweifellos in der Chalifenzeit entstanden. Auf dem westlichen Ufer, 
ausserhalb der gegenwärtig bewohnten Stadtteile, befinden sich Ruinen, 
welche einem Chalifenpalaste zugeschrieben werden, ein gewaltiger Mauer- 
komplex, der in den Strom gesunken ist und gegenwärtig el Sinn 

r^\ (»der Zahn«) genannt wird. 

Die Erinnerung an die Chalifenzeit bewahren ferner mehrere Mauso- 
leen, von welchen zwei ausserhalb der eigentlichen Stadt liegen. In 
Mu'azzam befindet sich das Grab des im Jahre y6j verstorbenen Schech 
Abu Hanife, el Mu'azzam oder el A*zam genannt. Er war der Gründer 
der nach ihm bezeichneten hanefitischen Konfession, der stärksten unter 
den vier orthodoxen Konfessionen des Islam ^). Da die ganze türkische 
Welt sich zu ihr bekennt, so ist das Grab des Abu Hanife eine Art 
National-Heiligtum für die Türken, und der türkische Sultan Muräd (1638) 
unternahm seinen berühmten Feldzug nach Bardäd in erster Linie, um 
das heilige Grab aus den Händen der ketzerischen Perser zu befreien. 

Die Moschee Abu Hanifes zeichnet sich durch vorzügliche Fliesen 
aus, die allerdings aus moderner Zeit stammen. Sie besitzt nur ein 
einziges zierliches, fayencegeschmücktes, sehr elegantes Minaret. lieber 
der Gruft erhebt sich eine mit bunter Mosaik in Blau, Grün und Weiss 
ausgelegte Kuppel. An der nördlichen und östlichen Seite ist die Gruft 
von einem geräumigen Gang umgeben, dessen Säulenbogen mit Eisen- 
werk abgeschlossen sind. Die untere Waudbekleidung des Ganges ist 
mit viereckigen grünen und weissen Fayenceplatten ausgelegt, die in 
Bardäd selbst angeferti<^t worden sind. 

In der Nähe, aber auf der Westseite des Tigris, muss sich das Grab 
des im Jahre 241 der Higra (855 n. Chr.) verstorbenen Abmed Ibn 
Hanbai befunden haben, eines Mannes, der einen solchen Ruf genoss, 
dass an seinem Begräbnis 800000 Personen teilgenommen haben sollen. 
Heutzutage ist von seinem Grabe keine Spur mehr vorhanden, wie 
auch die von ihm gegründete Konfession der Hanbaliten von den vier 
orthodoxen Konfessionen die wenigsten Anhänger zählt. Gegenüber dem 

') Der Ausdruck Konfession deckt sich freilich nicht mit dem arabischen Madhab. Die 
Bezeichnung i Rechtsschule«, die vielfach dafür (gebraucht wird, ist aber ebensowenig genau. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golf. II. 16 



24- ^*^^' *''f'*l'"»ii'er «Ics Missn «•! Kn/iin. ties MuliAiniiicii el (lawad un.l di-s *Abd cl Kä.iir. 

Grabmal iles Abu Ijamfc, ebenfalls aut dem Westufer des Tigris, liegt das 
j^'rosse Ileili<^tum der Schi'iteii. die über den Gräbern des Imam Miisa el 
Kazim') (hinijericlitct im Jahre 185 der Hii^ra = Soi n.Chr.! und seine- 
MnkeU Muhammed el (iaw.id errichtete Moschee. \'on den beiden Gräbern 
hat iler Ort seinen Namen Kazimcn (/die beiden Käzims . Die Grab- 
moschee, die in ihrer ^c<;en\\ artigen Gestalt aus der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts >tammt, ist mit ausserordentlicher Pracht ausgeführt, die 
Kuppel und die Spitzen der vier Minaret«; sind mit Goldblech über- 




:i !;.. 



:. M- ^.^ 



.111 Ml.>;i cl K.nr.im. 



zoj:;cn und meilenweit lien .ui-n der \\ u-^ie .inkommenden Fremden sicht- 
bar, das hohe rort;il i<t mit tlen scli'-n-tcn j'.iyeneen geschmückt, leider 
stört eine niodt-rnc i^ro-se Ihr den Kindnirk de'^ wunderbaren Bauwerks. 
Der schi'iti'^che I-'anati>mu> hat bi-^her noeh keinem Europäer gestattet, 
das Innere der Moschee zu betreten. In der Nahe de< Südthores von Bardäd 
befindet >ich ein drittes (irab, welche'^ an Hedeutungden beiden ersten kaum 
nachsteht; es ist dies die Ruhestätte de«^ i)eruhmten Schcch 'Abd el Kädir 
el Giläni, des Stifters der Tarika der Kadrijm. deren Anhänger gegen- 
wärtig zu nundcrtlau>enden in Indien, S\rien und auf der ganzen Xord- 

' Ver^:!. IM. I dieses Werkes .>. 122. 



Kap. XVI. Das Grab der Sitte ZubeJe. 



243 



küste Afrikas, ja sogar in gewissen Teilen Central- Afrikas zu finden sind. 
Alle diese verehren in dem jeweiligen Verwalter des Heiligtums, welcher 
nur aus der Nachkommenschaft des Schech *Abd el Kädir gewählt werden 
kann, in gewisser Beziehung ihr geistliches Oberhaupt auf Erden. Viele 
Mitglieder der Bruderschaft, besonders aus Indien, pilgern nach Bardäd, 
um an dem Grabe des Heiligen zu beten und den Segen seines Hüters 
zu empfangen, dem sie dann reiche Geldspenden zu hinterlassen pflegen. 
Die Einkünfte des Vorstehers der Tarika aus dieser Quelle sowie aus 
den VVakf, welche der Sultan Solimän für die Moschee des Schech el 




Anjjebliches Grabmal der Zubede, der Gattin Harun er Raschids. 



Giläni im 16. Jahrhundert bestellt hat, sollen sehr bedeutend sein. Er 
ist gleichzeitig der Nakib von Bardäd und als solcher Verwalter aller 
Spenden für die Armen der Stadt. Zur Zeit meines Aufenthaltes 
in Bardäd bekleidete Sejid Solimän Efifendi diese Würde. Ich fand 
in ihm einen Hebenswürdigen, vornehmen Araber alten Schlages. 
Inzwischen ist Solimän gestorben, und im Frühling 1898 sein Bruder 
Sejid 'Abd er Rabmän zu seinem Nachfolger vom Sultan bestätigt 
worden. 

Als Denkmal aus der Chalifenzeit hat auch das in Europa am meisten 
bekannte und vielfach abgebildete sogenannte Grab der Sitte Zubede, 
der Lieblingsgemahlin des Chalifen Harun er Raschid, gegolten; aber 
mit Unrecht, denn in seiner heutigen Form ist es ein Bauwerk aus dem 



244 



Knp. XVI. Moscheen aus neuerer Zeit 



vorigen Jahrhundert. Das echte Mausoleum war bei einer der so häufigen 
blutigen Streitereien zwischen den Sunniten und Schi'iten im Jahre 443 
der Hig^ra (1051 n. Chr.) zerstört worden^). Es liegt ausserhalb der 
Westvorstadt, dicht am Saljlauwije-Kanal. Zwischen ihm und dem Stadt- 
thor erhebt sich die reizende Grabmoschee des Schech Ma'rfif el Karchi, 
von einem kleinen Palmengebüsch umgeben. Nach der Inschrift über 
der Thür soll die Moschee aus dem Jahre 612 der Hig^ra (1215 n. Chr.) 
stammen. 




Cirab (les Schech Ma'ruf el Karchi. 



An Moscheen aus neuerer Zeit ist Bardäd ausserordentlich reich; vor- 
nehmlich die türkischen Gouverneure haben fiir die Ausbesserung der alten 
und die Errichtung neuer Bauten gesorgt. Von diesen neueren mögen 
folgende als die wichtigsten in der Reihenfolge von Nord nach Süd auf- 
gezählt werden. Im Norden, unweit der Citadelle, ist die schöne Moschee 

öämi* el Medän j^Jull ä^U- an einem freien Platz gelegen, nach dem 

sie benannt ist; am Südende des Medän die von dem berühmten 

Ahmed Kafeja erbaute Moschee IX JJf^\ /^U ; mehr nach dem Centrum 



^) Verp^l. Ibn il Atir und Abulfedas Chroniken zu diesem Jahr. — Auch das Grab des 
Chalifen Mamün, des Sohnes des Harun er Raschid, wurde bei dieser Gelegenheit zerstört. 



Kap. XVI. Moscheen aus neuerer Zeit. 



245 



zu die Cami* Hasan Pascha V-I»L A*-^ A*^ J östlich davon die öami' 
Facjl Jm2a)\ äaU- ; dicht an der Schiflfbrücke die grosse Moschee (rämi* cl 

Wazirjr jj)\ ;i>»W; östlich davon die 6ämi* Däüd Pascha Lil ^ji^ /iaW; 
und noch weiter östlich, ungefähr im Centrum der Stadt, die Gami* el Aklije; 
zwischen dieser und ¥A Facjl die Moschee Chicjr Bey <tX^ ^»iii. ä/^W. 
Im Centrum und im südlichen Teil der Stadt befinden sich nur zwei 




Moschee des A^med Kabja. 

Moscheen, die öämi* Chätjjeki ^S-»^vi* »A^ und südlich der englischen 

Residenz, hart am Fluss, die Ciämi' Sultan 'Ali U /jUaLJl ä>»U. In der 

Ostecke der Stadtmauer, dicht an dem Bab el Wastäni, steht inmitten von 

Schutthaufen die schöne Grabmoschee des Schech *Omar yf' ^-jJl /*^V' 

in ihrem Aussehen dem Grabe der Sitte Zubede auffallend ähnlich. In dem 
westlichen Stadtteil befinden sich wiederum eine beschränktere Anzahl 

Moscheen, im Centrum desselben die des Schech Sandal »LJJl /»^U* 

JjlI^, am Strom, gegenüber der Citadelle, die (lämi* Chicjr Elias 

t^ mj»\^ , am Steppenrande die (rämi* Schech Müsa /^^ ä*-1)I /^W • 



-u\ 



246 



Kap. XVI. Sonstif^e Andachtsstätten. 



Die meisten dieser Moscheen besitzen eine mit bunten Fliesen 
geschmückte Kuppel, auch die Spitzen der Minarets sind mit solchen 
Fliesen verziert. Das Innere ist dagegen meistens einfacher gehalten; 
immerhin entbehren nur wenige des Fliesenschmuckes. Auf den Fayence- 
platten sind teils Blumen dargestellt, teils bilden sie zusammenhängende In- 
schriften, hin und wieder sind die Wände auch mit Mö$ulaner Marmor 
bekleidet. Die Grabmoschee des Schcch 'Omar ist ebenso wie die der 
Sitte Zubede statt mit einer Kuppel mit einem runden, treppenförmig 




(irab des Schcch •< »mar beim Bab el Wasjani. 



spitz zulaufenden, turmartigen Aufsatz.e bedeckt, der unwillkürlich an die 
alte Zigurat erinnert. 

Kine nicht unbedeutende Hibliothek befindet sich in der 6ämr el 
Margäni, unweit des Marktes Sük el *Attarm, des »Marktes der Gewürz- 
händler . Bibliothek und Schule der Moschee unterstehen einem der 
gelehrtesten Schcchs Bardäds, Scjid Na'män Effendi el *Alüsi, der mich 
in zuvorkommendster Weise in den Räumen umherführte. Die Moschee 
stammt aus dem Jahre 758 d. H. (1356 n. Chr.). Erbaut ist sie von 
einem Wali von Hardäd, welcher ihr seinen Namen gegeben hat Von 
Sulemän Pascha wurde sie im Jahre 1200 d. H. (i/S^ n. Chr.) restauriert 
und zum Teil mit frischen Mosaiken belegt. 



Kap. XVI. Christliche Kirchen. — Profanbauten : Citadelle, Serai, Bazare. 247 

Als eigentümliche Andachtsstätte verdient noch das Grab des Nau- 
wäb von *Aude, Il^bäl ed daule, eines indischen schiitischen Fürsten, er- 
wähnt zu werden, der auf Veranlassung der englischen Regierung seine 
Hauptstadt Luknow verlassen hatte, um mit einer hohen Pension n Bar- 
däd zu leben, wo er im Jahre 1891 gestorben ist. Sein Grab befindet 
sich in einer Art Höhle, die sehr einfach gehalten ist. Beim Lampen- 
schein halten mehrere Schechs die Totenwache, wobei sie fortwährend 
den Koran lesen. 

Bardäd zählt sechs christUche Kirchen: Die lateinische der Kar- 
meliter-Mönche, eine chaldäische, eine jacobitische, eine katholisch- 
armenische und zwei gregorianisch-armenische Kirchen. Der protestan- 
tische Gottesdienst wird in den Sälen des englischen Missionshauses ab- 
gehalten*). 

Von Profanbauten aus neuerer Zeit seien die folgenden genannt: 
In dem nördlichen Winkel der Oststadt, die eine Seite dem Strome zu- 
gewendet, liegt die Citadelle (Kal'a), ein Konglomerat von verschiedenen 
Gebäuden, das von einer hohen Mauer umgeben ist. Zu ihr gehört ein 
freistehender grosser Uhrturm, von dem aus man eine herrliche Aus- 
sicht auf die ausgedehnte Stadt mit ihren in der Sonne bunt glitzernden 
Fayence-Minarets und Kuppeln geniesst. Mächtig wirkt in diesem Bilde 
der breite Tigris-Strom, der die Stadt durchzieht. Auch in der Ferne 
wird sein Lauf noch durch die Palmenhaine, die ihn umsäumen, gekenn- 
zeichnet. Stadt und Wälder werden scharf begrenzt durch das im Sommer 
gänzlich einfarbige Gelb der Steppe. An die Citadelle schliesst sich im 
Süden, ebenfalls am Strom gelegen, das weitläufige Serai an ; sodann eine 
langgestreckte Kaserne für den Teil der Garnison, der nicht in der Cita- 
delle untergebracht ist. 

Die Bazare Bardäds können sich denen von Konstantinopel, Smyrna 
und Damaskus an die Seite stellen, besonders was Schönheit und Gross- 
artigkeit des Baues anlangt. Ein grosser Teil der Bazare ist sehr ge- 
räumig, aus Ziegeln aufgeführt und überwölbt und bietet im Sommer vor 
der glühenden Hitze und im Winter vor Regen und Kälte Schutz. Unter 



^) Am zahlreichsten von den Hekenncrn des Christentums sind jetzt in Bardäd die 
unierten Chaldäer, es folg^cn die schismatischen Armenier, die Syrier, katholischen Armenier 
und Lateiner u. s. w. Verjrl. die Tabelle bei Cuinet (der im übrig^en von den hier ^eg'ebenen 
etwas abweichende Bcvölkerunjjszahlen giebt) a. a. O. Bd. III S. 90 und S. 100 ff. Die Kar- 
meliter-Niederlassunjj in Bardäd wurde im Jahre 1720 gegründet. Der Obere der Karmeliter, 
wurde von Ludwig XV. anfangs der 40er Jahre des vor. Jahrhunderts zum französischen 
Konsul ernannt. Er war gleichzeitig Bischof für Babylonicn, auch mehrere seiner Nach- 
folger haben den Titel eines französischen Konsuls erhalten. Die Karmelitcrmission zählt 
gegenwärtig fünf Mönche. Ungefähr die doppelte Anzahl von Nonnen (Soeurs de la Präsen- 
tation) sind in Bardäd thätig. Beide Anstalten besitzen Schalen. Die englisch-protestantische 
Mission in Bardäd hat dort nenerdings gleichfallt eine Sdiiile errichtet 



248 



Kap. XVI. Chane. — Die Bauart der Häuser. 



den Kaufleuten der Bazare sind Angehörige aller Nationen Vorderasiens, 
besonders aber die Perser zahlreich vertreten. Die dem Grosshandel 
dienenden Chane, weitläufige Gebäude, die einen überwölbten Hof um- 
schliessen, liegen meist im östlichen Stadtteil, insbesondere befinden sich 

die vier grössten: der Chan Ortman, der Chan et Tamar ^\ jU. 

(»Dattelchanc), der Chan ed Defterdär jbjäji^ jU-, und der Chan el 

Ma$bara Aiu^\ jli auf dem linken Tigrisufer. 

Die Häuser von Bardäd wurden 
bis vor 30 Jahren in dem alther- 
gebrachten Stil gebaut, d. h. sie hatten 
kleine oder gar keine Fenster an den 
äusseren Mauern, kleine Thüren, nied- 
rige, wenn auch oft grosse Zimmer. 
Seit der Eröffnung der regelmässigen 
Dampfschiffahrt auf dem Persischen 
Golf und der dadurch bewirkten Ver- 
bindung mit Britisch-Indien hat sich in-* 
dessen die Bauart bei den neuen Häu- 
sern wesentlich der europäischen 
Mode anbequemt: die Fenster wurden 
grösser und zahlreicher, die Zimmer 
und die Thüren höher. Die in Bar- 
däd wie auch in Ba§ra beliebteste 
Form des Wohnhauses besteht da- 
rin, dass die Wohnräume einen ge- 
pflasterten Hof, der hin und wieder 
ein kleines Gärtchen in sich schliesst, 
auf allen vier Seiten umgeben. Auf 
dem ersten Stockwerke sind dem Hofe naus in Bardäd. 

zu Veranden (Tarma) angebracht, die 

von Säulen getragen werden, welche man in verschiedenen Farben zu be- 
malen und mit kunstreichen eigenartigen Kapitalen zu schmücken pflegt. 
Von dem alten Bardäder Hause hat das neue besonders das Souterrain, 
Serdäb (persisch »kaltes Wasser«), herübergenommen^). In den Wänden des 
Kellergeschosses befinden sich Luftzüge in Form von Mauer-Schornsteinen. 
Sie werden ebenfalls mit einem persischen Worte Bädgir (i Windfänger«, 
»Windgreifer«) genannt, da sie von der Terrasse des Hauses dem 
Serdäb die frische Luft zuführen. Im Serdäb bringt die Bevölkerung 




^) Vergl. oben Kap. XIV S. 172. 



Kap. XVI. Das Innere der Häuser. — Mobiliar. 249 

die heissen Nachmittagsstunden zu. Nach Sonnenuntergang begicbt man 
sich auf die Terrasse des Hauses, wo das Nachtmahl eingenommen und 
geschlafen wird. Die in Indien und Südpersien allgemein übliche Punka 
findet sich vielfach in den Häusern von Bardäd. Die Punka ist eine brett- 
artige Vorrichtung, die an mehreren Fäden von der Decke des Zimmers 
herabhängt und vermittelst eines durch die Wand gezogenen Strickes 
von einem ausserhalb des Zimmers befindlichen Diener in ununterbrochene 
Bewegung gesetzt wird, um eine Abkühlung des Zimmers zu erzeugen. 

Einen besonderen Schmuck des Hauses bildet der in Holz oft sehr 
reich und hübsch geschnitzte, auf die Strasse vorspringende Erker, Sche- 
naschil genannt, welches Wort eine Korruption des persischen Schahnischln 
(»Königssitz«) ist; ferner die kleinen, Kapaschkän (richtiger Kefschkend 
= Garderobe, ebenfalls persisch) genannten Treppenkämmerchen. 

Das Mobiliar in den reicheren Häusern setzt sich meist aus ge- 
schmacklosen europäischen Stücken zusammen, die leider die einheimischen 
orientalischen Möbel mehr und mehr verdrängt haben; nur selten findet 
man noch die schönen alten Truhen oder stilvolle indische Möbel. Die 
Teppiche sind meistens noch die herrlichen Erzeugnisse der Hamadaner, 
Kirmanschaher, Sultanabader und Schirazer Arbeit. Nur einige »civilisierte« 
christliche und jüdische Kaufleute glauben ihren Häusern einen vornehmen 
Anstrich dadurch zu verleihen, dass sie europäische Teppiche schlechtester 
Sorte mit grellrotem oder knallgrünem Blumenmuster auf dem Boden 
ausbreiten. Europäische Lampen werden jetzt viel benutzt und sind bei 
den Bardädern sehr beliebt. Mehr als in den Städten des westlichen 
Orients, in welchen die europäischen Fabrikate schon vorwiegen, findet 
man in Bardäd noch Erzeugnisse des einheimischen Kunstgewerbes, die 
heute wohl dieselben sein mögen wie vor vielen hundert Jahren, vielleicht 
wie schon zur Zeit Härün er Raschids. Von diesen seien nur die kräftigen 
eisernen Vorhängeschlösser genannt, welche an Truhen, Ladenthüren, in 
den Bazaren und dergl. in den alt hergebrachten Formen in Bardäd 
noch verwendet werden. Uebrigens haben sich die alten Schlösser, bei 
welchen ein Holz.schlüssel, der eiserne Zähne aufweist, zum Oeffnen in 
das Schloss geschoben wird, trotz der europäischen Schlosserei auch 
heute noch fast in der ganzen muhammedanischen Welt erhalten. Die 
Industrie von Bardäd ist im übrigen ähnlich derjenigen von Damaskus 
für den einheimischen Bedarf und die benachbarten Städte, sowie insbe- 
sondere fiir den Bedarf der Beduinen berechnet. Bardäder Beduinen- 
artikel werden bis in den Negd hinein verbraucht. Besonders beliebt 
sind *Abäjes sowie Izärs und Keffijes aus Seide und brauner Wolle. 
Diese werden auch nach Westen hin ausgeführt. 

Es fehlt in Bardäd nicht an grossen gewerblichen Betrieben, ein 
Teil derselben arbeitet für den Bedarf des in der Garnison liegenden 



2ro Kap. X\I. Krzeui:niäsc «Ks cmliciinischen Kunsttlcisses. — Maschinenbetriebe. 

Militärs. So versorgt die Militärtuchfabrik das o^anze VI. ottomanische 
Armeekorps. Kine Dampfbäckerci liefert den Soldaten das Brot, 
auch eine Gerberei befriediget den l^edarf der Truppen. Zwei Eis- 
fabriken, von denen die eine der l^ardadcr Municipalität «gehört, wahrend 
die andere eine rrivatunternehmung ist, sowie ein Kalk- und ein Eisen- 
werk und einijje Damj)fmiihlen vervollständigen die Anzahl der modernen 
Ma-ichinenbetriebe Rardad^. 

Der Reichtum der Rardader Hevolkerung ist nicht gering zu 
veranschlagen. Namentlich sind einige Schi'iten sehr begiitert. Was die 




A: ■ .- i- II"". -'j":Ii'.«-s- r u \ Sei l-.i^«.;!. 

ge-ichriftlichcii l'ahi^kciren .inl)el.'i!-:.i^t. <i) sollen unter der einheimischen 
KruifmnnTiswflt in l>.ird;nl tlic ('liri>tcn und Juden den Muhammedanern 
durchaus nicht überleben -ein. 

1 )ie Hedeuluni^ des hculij^en Mardad herulu \or allem auf seiner für den 
Weltverkehr so eminent L;iin>tigcn I-a^e. Intoli^e dessen ist der Handel der 
Slridt ein sehr au><^^edelinter. An der lünfuhr sind zum weitaus grössten 
Teil EnL;iriTul und >eine i^^nx^e Kolonie Indien beteiligt \i: alle HaumwoU- 
artikel. Rohmet.dle. Leinwand. KIeiduni;s<ton'e u. s. w. kommen auf Rech- 
nuni^ des en^H Ischen Imports. An zweiter Stelle stehen Oesterreich-Ungarn 
und Deutschland, welchen l-'rankreich folL^t. Die meisten Luxusartikel, 
Möbel, Lampen und die Bedürfnisse des Handwerks werden aus Wien be- 
zogen. ( ie^^^enwärtig betinden sich tirei eni^lische I-'irmen in Hardäd. Seit 

\ I>:c cfjulieche Kinfuli: i.el:;i:;i ül.e: 2' j Millionen liirk. Pfund jährlich. 




icS 



Kap. XVI. Bajrdäil als Handelsplatz. 



251 



1894 hat sich auch ein deutsches Haus dortselbst etabliert, Berk, Püttmann 
& Co. ^). Der Import aus dem Deutschen Reiche^) hebt sich von Jahr 
zu Jahr, und auch am Export nimmt der deutsche Handel einen stets 
wachsenden Anteil. Als ein Hemmnis für einen grösseren Aufschwung 
des deutschen Handels wird es empfunden, dass Deutschland keine direkte 
Dampferverbindung mit dem Persischen Golf bezw. Ba^ra, dem >See- 
hafenc der Chalifenstadt, besitzt. 




ßafdäd. 



*) Ich traf Herrn Püttmann 1893 »" Damaskus als Angestellten im Lüttike'schen Hause. 
Herr l^üttike, der bereits in Damaskus, Bcrüt und Aleppo Besitzer bezw. Teilhaber von 
Handelsniederlassungen ist, hat sich auch an der Errichtung der neuen deutschen Firma in 
Bafdäd lieteilifi^t. 

*) Nach dem Deutschen Handelsarchiv 1896, Bd. II S. 555, kann die Einfuhr aus 
Deutschland und den an^frenzenden Gebieten Oestcrreichs nach Bardäd im Jahre 1895 etwa 
wie folgt bewertet werden: 



Wert: 



Wert: 



Tuche 


Türkische 
Gold-Pfund 

25 000 


Türkische 
Gold-Pfund 

Bernstein, echt u. unecht i 000 


Fez 


5 000 


Stahl 500 


Zündhölzer 


5000 


Möbel I 500 


Papierwaren 
Kurzwaren 


4000 
I 500 


Strumpfwaren i 500 
Verschiedenes 10 000 


Glaswaren 


I 000 


Zusammen 56 000 



252 ^^P- ^^VI. Ausfuhrartikel. — TraDsithandel. — Die Schiffahrt auf dem Tigris. 

Die hauptsächlichsten Ausfuhrartikel*) Bardäds sind Wolle, Getreide 
und Datteln, ferner (lummitragant, Galläpfel, Felle, Därme, Sesam 
und Mohnsaat. Sii^sholz, ßienenwachs und Teppiche. Wolle und 
(ietreide*) kommen im Mai und Juni auf den Markt, die Datteln von 
Mndc September an*). 

Hardad ist der Ilauptplatz für den Transithandel der ganzen Um- 
*^egend in weiterem L'mkreise. Insbesondere ist Persien ein wichtiges 
Absatzgebiet für Bardad, und ein grosser Teil des persischen Handels, und 
zwar vorzuglich derjenige aus dem reichen Nordpersien, wählt gegenwärtig 
den L'mweg über die Tigrisstadt. So wird das Schiencnniaterial für eine 
Vorortbahn von Teheran über Kardäd dorthin gebracht Eine Filiale 
der ottomanischen Hank dient dem (jeld verkehr; die früher in Bardäd 
bestehende Agentur der Imperial Bank of Persia ist 1893 von der otto- 
manischen Bank übernommen worden. 

Zu der kommerziellen Kntwicklung der Stadt hat die Einrichtung 
einer regelmässigen Dampfschitiahrt auf dem Tigris und dem Persischen 
Golf viel beigetragen. Schon im Anfang dieses Jahrhunderts hatten die 
Kngländer ihre Untersuchung des .Strombettes des Euphrat und Tigris 
begonnen, in der Hotfnung. auf diesen F'lü.ssen eine Verbindung von 
Mittelmcer zum Persischen Golf untl nach Indien herzustellen. IXe 
Arbeiten, welche ilie Chesneysche Mxpedition während vieler JaJue 
geleistet hat, sind zwar für die Landeskunde Mesopotamiens cpochfr 
machend, aber von keinen praktischen Folgen gewesen*). Die Untsr- 
suchuni( des Tigris auf seine Schiffbarkeit ist noch nicht bis MO^nl, 
sondern nur bis Schech .Sultan 'Abilallah, das sind zwei Drittel der 
Strecke, gelangt. Die Konzession für die Strecke Ba$ra — Bardäd wurde 
zuerst einer englischen Ciesellschaft gegeben, der Lynch Steam Navigation 

' Nach (k-m l)i-iit>r)i>.-ii I I.nuli-Is.i! ihiv iSud. I'»l. II S. 556, worden nach Deatich- 
l:inil aus iJar.iad im Jalirj lSt)5 aus^rfiiliri: 





Wort: 




riirki-i:hc IMun«! 


\V..llr. Kfllc 


15 000 


I?;iinie 


4 OOÜ 


(riniiinitrnuMiit. 


<"IalK'ii 10 000 


N'crschitMlcncs 


r oüo 



/u>aiimK'ii 30 oco 
-] Vor cinij;rii J.ihnn wunli' lJaril;«'l»'r ^ieirciile nach Marseille und London exportiert. 
Die (Ictrei'li'pnKlukiion ki>iinic l»ei nur jjtririLjf: Kt-:ulieruni: der Strom- und Kanal Verhältnisse 
Mosopolaniiens K-icht auf das rchntarhi- vcrinclr, l woi ilcn. 

* lebe; den r.aplnder Handel vc:«;!. nuch Uctilsches IlandeUarchiv 1895. Bd.U S. ^SofT; 
iS(.)6, na. II S. 551 tr., r>52 ff.: 1S9S. Bd. II .S. 423. Nach Cuinet a. a. O. B.i. lll 
S. 109, l)etiäi:t die (jehamt)iroduktion der Inilustiie Bardäds und seiner nächsten Umgehend 
jährlich 447.200 türkischi* Ptund. 

* l'eber die FIus<4chiiTahrt auf dem liuphrai vcrul. oben Kap. X S. 4 f . 



Kap. XVL Die Schiffahrt auf dem Tigris. 



253 



Company, welche mit zwei Schiffen, »Chalife« und »Megidije« ^), arbeitete 
und infolge ihres Monopols ungeheure Preise für Personen- und Güter- 
verkehr stellen konnte. Durch die von Midbat Pascha ins Leben 
gerufene türkische Konkurrenzlinie, die im Anfang über zwölf Schiffe 
verfügte, wurden die Preise für die unbemittelten Klassen bedeutend er- 
mässigt, und der Verkehr nahm einen erheblichen Aufschwung. In- 
zwischen ist die Zahl der türkischen Dampfer auf vier herabgesunken — 
den »Module, den »Bardädic, den >Re§äfa« und den >Frät«. Ihre Fahr- 




Bardad. 



Zeiten werden nur selten regelmässig innegehalten. Sie fuhren gewöhnlich 
Schleppkähne mit sich, was den englischen Dampfern nicht erlaubt ist. 
Die Fortführung der Dampfschiffahrt bis nach Mö§ul bleibt nach wie 
vor Sorge der türkischen Regierung. Eine Kommission zur aber- 
maligen Untersuchung des Tigris und zur Ausarbeitung der Pläne für die 



*) Ein englischer Dampfer befährt — auf Grund einer neueren Konzession aus dem 
Jahre 1888 — von Mohammera aus den unteren Karün bis zu den Stromschnellen von 
Ahwäz, von wo aus ein kleinerer, gleichfalls englischer Dampfer den Verkehr biB nach 
Schnschter besorgt. Von hier hat dieselbe englische Gesellschaft (The Lynch. Co.) den Bau 
einer Karawanenstrasse bis nach Ispahan in Angriff genommen. 



2 54 '^•'»rJsi'l :il» Verkchrsceutruin in früherer Zeit, — Ein Schienenweg durch Mesopotamien. 

Forträumun^ der naturlichen Hindernisse war zur Zeit meiner Anwesen- 
heit in Bardäd unter 'der Leitung eines französischen Ingenieurs M 
bei der Arbeit begrift'en. Ks scheint jedoch, dass die Regulierung de? 
Stromes, um ihn für grössere Schiffe fahrbar zu machen^ bedeutende 
Schwierigkeiten verursachen würde. 

HoffentÜch ist die Zeit nicht fern, in der die durch deutschen 
Unternehmungsgeist geschaffene Bahnlinie von Konstantinopel nach 
Konia auch bis Hardäd weitergeführt wird. Handel und Verkehr würden 
dann in die Bahnen einlenken, die sie schon in der ältesten Zeit ein- 
geschlagen haben. Schon damals führte der Handel von Europa nach 
Indien und dem äussersten Osten Asiens durch Mesopotamien. Der Hafen 
am Persischen Meer in der griechisch-römischen Zeit war Choräle Spasinu *), 
in der Chalifenzeit Obolla und Siraf. Die arabischen Geographen Ihn 
Churdädbah und Idrisi geben das genaue Itinerarium für die Schiff- 
fahrt von Obolla nach Indien und von da weiter bis China. Mit 
dem allgemeinen Verfall des arabischen Weltreiches ist diese Vcr- 
kehrsstrasse eingegangen. Der Verkehr gewöhnte sich allmählich an 
andere Bahnen, eine Zeit lang scheint er den Weg durch Persicn, 
vor allem aber durch das Rote Meer nach Kulzum (Sues) und 
weiter durch Egypten über Alexandrien nach dem Mittelländischen 
Meer genommen zu haben. Mit der Entdeckung des Seeweges um 
das Kap der guten Hoffnung wurde auch diese Strasse zu Gunsten 
des ungeheuren Umweges um Afrika verlassen, bis endlich nach 
Erbauung des Sueskanals der asiatische Verkehr Glieder zu dem 
näheren älteren Weg durch das Rote Meer zurückkam, um vielleicht 
nach Eertigstellunjx der Bahn wiederum den nächsten und ältesten Weg 
einzuschlagen. 

Meiner Ansicht nacli ist die Hoffnung begründet, dass die Zukunft 
einem Schienenwege durch Mesopotnmion, von Konstantinopel beziehungs- 
weise vom MittL-lmeere zum lV*rsi<chen Golf, eine Rentabilität bringen 
wird, die auf die Dauer auch ilic Ottomanische Regierung von einer 
Anfangs allerdings unentbehrlichen (iarantielcistung entlasten wird. Gewiss 
wird die Weltpost -spater dem kürzesten Wege folgen. Dazu tritt der 
Verkehr zwischen Konstantinopel und dem Mittelmeer einerseits und 
Mesopotamien andrerseits, und endlich würde sich zweifellos auch ein 
starker intcrlokaler Verkehr entwickeln, und zwar würde dabei die Per- 
sonenbeförderung voraussichtlich eine ebenso grosse Rolle spielen, wie 

* Die türkische Regierunj^ beschäftig;! für technische Aufgaben mit Vorliebe fruuösische 
Ingenieure. Es wäre sehr zu wünschen, dass die deutschen Techniker Gelegenheit finden, 
den Ruf deutschen Wissens und Könnens auch ;im fernen Tii^ris zu bewähren. 

''') Vcr?]. Vojrue, Inscriptious semitiques, S. lo ff.: Sprenger, Post- und Reiserontcn 
des Orients, S. 79. 



Kap. XVI. Euphrat- oder Tigrisbahn? — Vorteile der Tig^isbahn. 255 

der Warentransport. Ueberall im Orient bewährt es sich, dass der Ein- 
geborene, falls die Fahrpreise nicht zu hoch sind, gern die Fahrgelegen- 
heit benutzt. In Egypten sind auch diejenigen Züge, die ausschliesslich für 
die eingeborene Bevölkerung bestimmt sind, überfüllt, und die Einnahmen 
der anatolischen Bahn aus dem Personenverkehr sind bedeutend. 

Zieht man alle die Umstände in Erwägung, welche für die Renta- 
bilität des interlokalen Verkehrs zwischen Syrien und Mesopotamien bezw. 
zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf in Betracht kommen, 
so kann man nicht im Zweifel sein, dass das Projekt einer Tigris-Bahn 
der Euphratlinie gegenüber den Vorzug verdient. Für die Euphrat-Bahn 
könnte höchstens die geringere Länge des Schienenweges sprechen. Da- 
gegen hat die Tigristrace alle diejenigen Vorzüge für sich, welche sich aus 
Dichtigkeit der Bevölkerung, Anbaufähigkeit des Bodens und hinlänglich 
geordneten Zuständen ergeben. Der Euphrat ist in dem grössten Teile der 
für die Eisenbahn in Betracht kommenden Strecke ein reiner Steppenfluss, 
der wohl langgezogene Oasen, aber kein reich entwickeltes Uferland besitzt. 
Gewiss führt der untere Lauf des Flusses etwa von der Breite von Bardäd 
an durch das Gebiet des alten Babyloniens, das zweifellos zu den frucht- 
barsten Kulturländern der Erde gehörte, wie ja auch der oberste Teil 
des Euphrat ein gutes Ackerland durchzieht. Aber das durch den 
Euphrat bewässerte Gebiet des alten Babyloniens lässt sich mühelos durch 
eine Zweigbahn von Bardäd nach Hille und Kerbela erschüessen, die 
ausserdem noch durch die massenhaften Pilgerzüge der Perser nach 
ihren vornehmsten Heiligtümern (in Kerbela und Negef) eine sehr 
gewinnbringende Personenfrequenz erhalten würde. ^) Bei der Abwägung 
der beiden Tracen gegen einander muss man jedenfalls damit rechnen, 
dass das Euphratland zwischen Meskene und der Breite von Bardäd 
hinter den Tigrisgeländen an Fruchtbarkeit und Dichtigkeit der Be- 
völkerung weit zurücksteht. Die Trace der Tigris -Bahn, welche von 
Konia über Bire^ik nach Mardin, dann an den Abhängen des Tür 
*Abdin über Ne§ibin und weiter im Tigristhale nach Mö§ul und sodann 
an den Abhängen von Kurdistan entlang nach Bardäd führt — diese 
Trace liegt durchweg in einem Gebiete, dessen Reichtum durch eine 
Jahrtausende alte Geschichte erwiesen wird. Hier standen die Haupt- 
städte verschiedener, mehr oder weniger selbstständiger Reiche, deren 
Bevölkerung ihren Wohlstand nicht dem Handel, sondern der Bebauung 
von Grund und Boden verdankte. Das gilt nicht nur für die Zeit des 
grauen Altertums, sondern auch für die mittelalterliche arabische Epoche, 
in der wir in Aleppo, Diärbekr, Mardin, Ne§ibin, Mö§ul und im Sing;är 

*) Es darf nicht verg'essen werden, dass Bardäd den Handelscentren des nördlichen 
Persiens näher liegt als die Häfen des Persischen Golfs and dass mehr als hunderttausend 
persische Pilger im Jahre ihren Weg durch Bardäd zu nehmen pflegen. 



256 Kap. XVI. Die Tigrisbahn. 

muhammedanische Fürsten finden, die nach den uns hinterlassenen 
Bauten einen prunkvollen Hofhalt führen konnten und im Besitze einer 
hochentwickelten Kultur waren. Erst nachdem die Horden Timur Lenks 
aus dem Osten herangestürmt waren und die sesshafte Bevölkerung den 
stetigen Angriffen der Beduinen preisgegeben war, verwelkte diese Kultur, 
und die einstigen blühenden Residenzen sanken von ihrer stolzen Stellung 
herab. Trotzdem ist gerade das Gebiet, durch welches die oben tracierte 
Tigris-Bahn führen würde, dank der Gunst der natürlichen Verhältnisse 
und in jüngster Zeit auch entschieden infolge der Machtentfaltung der 
türkischen Regierung, vor einem weitergehenden Verfall bewahrt geblieben. 
Vor allen Dingen ist das ganze Land mit Wasser reich gesegnet. Die 
Wasserläufe, welche von den Abhängen des Tür *Abdin und Kurdistans 
herabfallen, schwellen infolge der Regengüsse oft zu rasenden Strömen an, 
welche für die hier durchziehenden Karawanen^) ein schweres Verkehrs- 
hindernis bilden. Der Tigris selbst überschwemmt oft in weitem Umfange 
sein Ufergelände, und wie der Nil für Egypten, so ist dieser Strom für 
Süd-Mesopotamien — im eigentlichen Babylonien natürlich im Verein mit 
dem Euphrat — der wesentliche fruchtbringende Faktor. Die Hauptthätig- 
keit der im Altertum und im Mittelalter hier angesessenen Ackerbau- 
bevölkerung bestand darin, durch ein grossartiges System von Kanälen 
und Irri^ationswerken die übergrossen Wassermassen des Tigris, die 
heutzutage Bardäd nicht selten gefährlich werden, abzuleiten und durch 
ihre segenspendende Kraft das jetzt brachliegende Land in fruchtbarsten 
Ackerboden umzuwandeln. Wo auch gegenwärtig wieder der Boden be- 
wässert wird, da gedeiht Getreide aller Art in hundertfältiger Frucht*). 

Seitdem die türkische Regierung sich die Niederhaltung der 
räuberischen Beduinenstämme energisch angelegen sein lässt, ist am 
Tigris eine entschiedene Zunahme der Anbaufläche zu konstatieren. Der 

^) Die Thatsache, dass schon jetzt der Hauptkarawanenverkehr genau den Weg geht, 
dem die Trace der Tigrisbahn folgt, ist ein schlagender Beweis für die grössere Berechtigung 
dieser Bahnlinie gegenüber der Euphrat-Bahn. 

') Zweifellos würden Baumwollcnanpflanzungen im grossen Stile in Babylonien den besten 
Erfolg haben. Im Sangaj^ Bafdäd, also in der Nachbarschaft der Provinzialhauptstadt, worden 
bereits 1893 ca. 384500 kg. Baumwolle hervorgebracht (vergl. Cuinet a. a. O. Bd. III S. 2l). 
Im Haurän habe ich vereinzelte ß:iumwollenstauden gefunden (vergl. Bd. I dieses Werkes 
S. 194) und in anderen Teilen Syriens, vor allem in den fruchtbaren Ebenen von Adana, 
wird Baumwolle gezogen. Die arabischen Geographen des Mittelalters haben uns überliefert, 
dass aus dem Chäbür-Thale vor den Mongoleneinfällen Baumwolle ausgeführt werden konnte 
(vergl. oben Kap. X S. 4, 21). In Persien und Indien wird bekanntlich eine blühende Banm- 
woUenkultur betrieben. Dass bei Ne§ibin Reis gebaut wird, wurde bereits oben (S. 36) er- 
wähnt. In verschiedenen Teilen des unteren Mesopotamiens blüht die Reiskoltor, dasselbe 
gilt für das ganze Diäla-Thal. E ne interessante Statistik für die Gesamtprodnktion dea 
Ackerbaues im Wilajet Bafdäd giebt Cuinet a. a. O. Bd. III S. 21. 



Kap. XVI. Deutschlands Prärogative. 257 

Sultan selbst ist, wie wir gesehen haben, durch die Anlage von Kron- 
gütern, die eine reiche Einnahme abwerfen, mit gutem Beispiele vorange- 
gangen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Pacifizierung der Beduinen 
mit einer Vermehrung der sesshaften Bevölkerung und einer Zunahme 
der Ackerbauthätigkeit Hand in Hand gehen würde. Das Vorbild der all- 
mählich zu leidlichem Wohlstande sich emporarbeitenden Bauern würde 
seine Wirkung auf die Beduinen nicht verfehlen, um so weniger, als die 
erstarkende sesshafte Bevölkerung, unterstützt von der Regierung, die 
Razu der raublustigen Steppensöhne bald nachdrücklich zurückweisen 
würde. Dieser Prozess hat, was nicht ausser acht gelassen werden darf, 
am Tigris bereits viel weitere Fortschritte gemacht als am Euphrat. 
Ohne Frage ist es schwerer, die in der Nachbarschaft des Euphrat 
lebenden Beduinen, die sich eher in den Hamäd zurückziehen können 
und denen auch wohl der Gedanke an ihre arabische Urheimat näher 
liegt, zu unterwerfen, als die nicht zur Ansiedelung sich bequemenden 
Tigrisbeduinen nach Süden zu verdrängen. Uebrigens würde es die 
türkische Regierung in der Hand haben, die Einwanderung zahlreicher 
Muhagirin^) in die der Kultur wiedergewonnenen Landstriche zu leiten. 
An Menschenmaterial zur Verrichtung der Bodenarbeit würde es somit nicht 
fehlen, abgesehen davon, dass erfahrungsmässig alle in aufsteigender Ent- 
wickelung begriffenen Völker — und namentlich Ackerbauvölker — sich 
stark vermehren, wenn der Grund und Boden genügend Nahrung gewährt. 
Diese aufstrebende Bevölkerung würde alsbald einen nicht zu unter- 
schätzenden Bedarf an den Erzeugnissen europäischer Industrie entwickeln 
und den Vorteil davon würde begreiflicherweise in erster Reihe derjenige 
Staat ziehen, dessen Angehörige die Eisenbahnlinie in Händen haben. 
Wird deutscherseits der Ausbau der Bahn bis Bardäd unternommen, 
dann eröffnet sich für die deutsche Industrie, für den deutschen Handel, 
überhaupt für den deutschen Unternehmungsgeist in Mesopotamien ein 
weites Feld. Es käme hinzu, dass infolge der neuesten Ereignisse 
die Deutschen zu gewinnbringender Arbeit im Orient prädestiniert er- 
scheinen. Gerade im türkischen Orient ist es, um mit Erfolg thätig 
sein zu können, von besonderem Wert, dass der Unternehmer einer 
Nation angehört, die bei den Eingeborenen in hohem Ansehen steht. 
Nicht sowohl ein tiefgreifender politischer Einfluss ist es, der die ge- 
schäftliche Position des Europäers im türkischen Orient begründet; man 
könnte vielleicht umgekehrt behaupten, dass politische Aspirationen dem 
Ausländer gegenüber Misstrauen erregen. Das Prestige spielt vielmehr 
eine wesentliche Rolle. Es ist zweifellos, dass Deutschland ein gern ge- 
sehener Gast im osmanischen Reiche ist, weil dort bis in die untersten 
Schichten hinein die Ueberzeugung vorhanden ist, dass Deutschland in 

') Vcrgl. Bd. I dieses Werkes S. 66. 
Prhr. V. Opp«nheira. Vom Mittelmeer zum Peniichen Golf. U. V\ 



258 Kap. XVI. Auffjaben und Imeresse der Türkei bei dem Bahnbau. — Post und Telegraph. 

seinem Auftreten von keinem eigennützig^en Beweggrund geleitet wird, 
weil die Reise Seiner Majestät des Deutschen Kaisers einen weithin sicht- 
baren Ausdruck für die zwischen den Monarchen der beiden Reiche be- 
stehenden guten Beziehungen neuerdings gegeben hat.^) Die Weiterfiihrung 
der Bahn von Konstantinopel über Konia nach Bafdäd würde auch der 
Türkei grosse Vorteile bieten. Neben der hohen wirtschaftlichen Be- 
deutung der Eisenbahn» welche übrigens zweifellos der Hauptstadt 
des türkischen Reiches selbst zu gute kommen und Byzanz-Konstan- 
tinopel wieder einen starken Anteil an dem Verkehr zwischen Morgen- 
und Abendland zuführen würde, weiss die türkische Regierung den 
strategisch-politischen Wert einer raschen Verbindung der Centrale mit 
der äussersten Ostgrenze des Reiches zu schätzen, schon deshalb, 
weil sie der Regierung eine wichtige Handhabe zur Pacifizierung und 
Kontrolle einer äusserst buntscheckigen und zum Teil unbotmässigen 
Bevölkerung an die Hand geben würde. Die türkische Regierung dürfte 
sich daher auch der an sie herantretenden Aufgabe nicht entziehen, 
das Kanalisations- und Irrigationssystem des unteren Tigris- und Euphrat- 
laufes, welches die Grundlage der Blüte dieses Geländes in früheren Jahr- 
hunderten und Jahrtausenden war, wieder in Stand zu setzen und für 
dessen Unterhalt und dessen Verteidigung gegen raublustige Beduinen- 
scharen Sorge zu tragen. Wenn die Wasserwerke in Mesopotamien 
wieder funktionieren, dann ist die erste Vorbedingung dazu geschaffen, 
dass dieses Land wieder zu der Kornkammer wird, die es in früheren 
Zeiten gewesen ist, und die Eisenbahn, die dieses Gebiet erschliesst, 
wird eine der ersten Verkehrsadern der Welt werden. Insbesondere würde 
Bardäd selbst durch die projektierte Eisenbahn ganz ausserordentlich ge- 
hoben werden. Die Dampfschiffahrt auf dem unteren Tigris und dem 
Schatt el 'Arab bis zum Persischen Golf kann nur als ein vorbereitender 
Schritt für die zukünftige Entwickelung des Landes betrachtet werden, 
die Fortführung der Eisenbahnlinie Konstantinopel-Bardäd nach Ba$ra bezw. 
bis an den Golf selbst würde voraussichtlich nur eine Frage der Zeit sein. 
Die Postverbindung Bardäds mit Europa ist zur Zeit eine drei- 
fache, sie geht über Kerkük, Mö§ul, Diärbekr durch Kleinasien nach 
Samsün und Konstantinopel oder quer durch die Wüste nach Damaskus 
und Berüt, oder aber mit den englischen Dampfern den Tigris hinab 
über Ba§ra und Indien. Telegramme werden entweder über Mö$ul oder 
über Ba$ra befördert. 



*) Während der Drucklegung dieses Bandes ist Ende November 1899 ^^ Irade des 
Sultans ergangen, welches die Konzession der Eisenbahn Konia-Bardäd der Gesellschaft dtf 
anatolbchen Bahnen überträgt. Dieses Ergebnis ist als eine Folge des bahnbrechenden Vor- 
gehens Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und als ein schöner Erfolg der deutschen 
Diplomatie und deutschen Unternehmungsgeistes überall gewürdigt worden.' 



Kap. XVI. Europäer in Bafdäd. — Konsulate. 259 

Im ganzen dürften gegenwärtig etwa 50 Europäer in Bardäd leben. 
Hierzu kommt ungefähr eine gleiche Anzahl solcher Einwohner, die aus 
Ehen von Europäern mit Töchtern eingeborener Christen hervorgegangen 
sind. Einzelne solcher »europäischen« Familien sind bereits seit mehreren 
Generationen in Bardäd ansässig"*). 

Unter den Vertretern der europäischen Mächte in Bardäd spielte zur 
Zeit meiner Anwesenheit unstreitig der englische Generalkonsul die erste 
Rolle; der damalige Inhaber dieses Postens war Colonel Edward Mockler. 
Der englische Generalkonsul in Bardäd hängt von der Botschaft in Kon- 
stantinopel ab, ist aber gleichzeitig der politische Agent und Resident der 
indischen Regierung; von beiden Seiten bezieht er ein bedeutendes Gehalt. 
Er wohnt in einem der vornehmsten Häuser dicht am Strom und verfügt 
über eine Leibwache von 15 indischen Seapoys und über ein Stationär- 
schiff, welches zur indischen Marine gehört und eine Bemannung von 
ungefähr 60 Soldaten hat. 

Der erste Generalkonsul war Colonel Taylor, dem dieses Amt in seiner 
Eigenschaft als Resident der East India Company zur Zeit Däüd Paschas 
übertragen wurde *). Gleich seinem Nachfolger, Mr. Rieh ^), war er ein in 
orientalischen Dingen wohl erfahrener Mann, und auch fernerhin istder Posten 
stets mit Offizieren und Beamten besetzt worden, die durch langjährigen 
Aufenthalt im Orient mit Land und Leuten vertraut geworden waren. Fast 
sämtlich haben sie sich um die Wissenschaft durch eigene Arbeiten und 
Förderung der Forschungen ihrer Landsleute verdient gemacht und nicht nur 
das englische Prestige im Osten der asiatischen Türkei auf die gegenwärtige 
Höhe gehoben, sondern auch dem englischen Handel hervorragende 
Dienste geleistet. Unterstützt wurden sie dabei durch den Glanz und 
den Pomp, mit welchem die englische Regierung den Posten umgab. 
Gut beraten, hat dieselbe in dieser Beziehung keine Kosten gescheut, 
die hundertfältige Frucht getragen haben. 

Als französischen Konsul traf ich den Assyriologen Henry Pognon. 
Auch ein russisches Konsulat existiert am Ort, das aber nicht aus 
kommerziellen sondern aus rein politischen Rücksichten errichtet worden 
sein dürfte. Seine Schutzbefohlenen sind nur Muhammedaner aus dem 



^) Im Anschluss an den Handel und Verkehr Europas mit Bardäd ist auch schon ein 
europäisches Geselli^keitsleben in Bardäd entstanden, welches in der Bildunj^ von Klubs 
sich äussert. Es g:iebt in Bardäd zwei enf^lische Klubs, einen »Billardklub« und einen 
»Lawn-Tcnnis- und Golf-Klub«. Ein deutscher Verein soll im Werden be^ffen sein. 

') Die britisch-indische Residency war eine Folge des Vorgehens Napoleons in 
E^Tpten und Syrien, da man eine Ausbreitung der französischen Macht nach Mesopotamien 
oder einen französischen Feldzug gegen Indien befürchtete. Die Errichtung der indischen 
Residency hatte wiederum die definitive Umwandlung des französischen geistlichen Konsulats 
in ein weltliches zur Folge. 

') VergL Buckingham a. a. O. Bd. U S. 209. 

IT* 



26o 



Kap. XVI. Konialate. 



Kaukasus oder Central- Asien (Huchara). Seit wenigen Jahren haben auch 
die Vereinigten St«iaten von Nordamerika — zum Teil wohl ihrer baby- 
lonischen Ausgrabungen wegen — ein Yicekonsulat in Bardäd begründet. 
Die bchr zahlreichen I'erscr werden von einem persischen Generalkonsul 
geschützt, dessen Posten aU einer der einträglichsten gilt, den die Regierung 
in Teheran zu vergeben hat; eine seiner besonderen Aufgaben ist die Für- 
sorge für die Pilgerzüge nach den heiligen Orten der Schi'iten in der 
Nähe von Hardad und die Massenkondukte von Leichen solcher Gläubigen. 




<i:e neben den (irnh-tättL-n ihrer vornehm-tcn Heiligen, *Alis und seiner 
Sohne, zur Iti/tcn Ruhe bi-si;itiet sein wollten. Oesterreicher, Italiener 
lind Schweizer wurden, ai> ich in Hanlad war. von dem französischen 
KnnMiI vertreten. Die Deutschen standen früher, wie heute noch die 
Helj^ier. unter enj^discheni Schutz. l->-t im Jahre 1S94 ist ein deutsches 
Kon>uiai errichtet, dc-^scn \'erwaltuni{ Herrn Karl Richarz übertragen 
wurde und dessen Anit>bcreich die Wilajets Hardäd, Mö§ul und Ba$ra 
umfas>t. Seinem .Schutz unterstehen jetzt auch die Oesterreicher und 
L'nt^arn. Herr Richarz hat sich um ilas Ansehen des Deutschtums in 
Hardad die grö-sten Verdienste erworben, und er hat gewiss nicht 
geringen Anteil daran, wenn die vordem unbestrittene Ueberlegenheit der 



Kap. XV'I. Der deutsche Konsul Richarz. 26 1 

englischen Kaufherren dem aufstrebenden deutschen Unternehmungsgeist 
Konzessionen machen muss*). 

Herr Richarz hatte mir, ohne mich zu kennen, durch den englischen 
Konsul Colonel Mockler, bei dem ich alsbald nach meiner Ankunft in 
der Stadt vorsprach, eine Einladung übermitteln lassen. Meine bevor- 
stehende Ankunft hatte Colonel Mockler auf Grund von Empfehlungen 
bereits vor einiger Zeit erfahren. Herr Richarz befand sich auf seinem 
Sommersitz ausserhalb Bardäds und kehrte trotz der hier herrschenden 
Seuche auf die Mitteilung von meiner Anwesenheit nach der Stadt zurück. 
Die erste Nacht in Bardäd verbrachte ich in einem griechischen Gast- 
hause, der einzigen Unterkunftsstätte, die mit unseren Hotels wenigstens 
eme entfernte Aehnlichkeit hatte und den stolzen Namen »Hotel de l'Europe« 
führte^). Die fremden Muhammedaner pflegen in Bardäd, wie fast überall in 
der Welt des Islam, als etwas Selbstverständliches die Gastfreundschaft von 
Freunden und Bekannten anzurufen und nur dann, wenn der Besuch sich auf 
Monate oder Jahre ausdehnt und sie ihre eigene Familie nachkommen 
lassen, ein leer stehendes Haus zu mieten, welches dann mit den 
Reiseteppichen und Matratzen und einigen wenigen von Freunden ge- 
borgten oder gekauften Möbeln einigermassen wohnlich hergerichtet 
wird. Auch die eingeborenen Christen und Juden üben eine ähnliche 
Gastfreiheit aus, aber in der Regel, wie auch die Muhammedaner, nur 
ihren Glaubensgenossen gegenüber. Diese schöne Sitte haben sich ira 
Orient auch die Europäer zu eigen gemacht '*). 

Schon am nächsten Tage nach meiner Ankunft siedelte ich in das 
prächtige Heim des Herrn Richarz über. Das Haus bestand aus einer 
in zwei Etagen sich hinziehenden Flucht von Gemächern, welche einen 
mit den herrlichsten tropischen und subtropischen Pflanzen geschmückten 
Hof umschloss, aus dem eine einzelne riesige Palme emporragte. Nach 
dem Tigris zu, an den das Haus grenzte, befand sich im ersten Stock-* 
werk eine grosse, bogengeschmückte, nach der Flussseite wie nach dem 
Hofe zu offene Altane. Herrlich war die Aussicht von dem wohl- 
geebneten Dache, woselbst wir regelmässig nach Sonnenuntergang unsere 
Abendmahlzeit einnahmen. Die Zimmer waren mit Malereien, Holzwerk 
und kunstreichen in die Decke eingelegten Spiegeln geschmückt. Das Ganze 
hauchte europäischen Komfort und orientalische Pracht. Im Hofe spielten 
Gazellen, an einer Kette lag, der Bardäder Sitte vornehmer Pascha-Häuser 
entsprechend, ein starker, halb gezähmter Lux. Im Flusse ankerte die 

*) Im Jahre 1897 wurde das Konsulat durch Herrn Dr. Hesse als Dragoman verstärkt 
*) Gegenwärtig soll das »H6tel« vergrössert worden sein; es ist vor kurzem in 
armenische Hände übergegangen. 

') Die Gastfreundschaft der Engländer in Indien ist bekannt; der mit den nötigem 
Empfehlungsbriefen ausgestattete Fremde wird hier kaum dazu kommen, ein Hötel in An- 
spruch zu nehmen. 



262 



Kap. XVI. Die Wirkungen der Cholera. 



Dampf barkasse des Hausherrn *). Durch die allgemeine Strasse getrennt, 
lag dem Hause gegenüber ein grosser Palmengarten mit einem Kiosk, 
in welchem meine Leute Unterkunft fanden. 

Die Besichtigung der Stadt wurde mir, wie bereits eru'ähnt, durch 
die Cholera nicht unwesentlich erschwert, fast kein Abend verging, an 
dem wir nicht die hohen trillernden Klagetöne der Frauen aus den be- 
nachbarten Häusern hörten, ein Beweis, dass die unheimliche Seuche 
wieder ein Opfer gefordert hatte. Der Kawass, welchen der englische 
Generalkonsul mir beigegeben hatte, Hess sich nur ungern dazu herbei, 
mich auf meinen Gängen, die ich vor- und nachmittags durch die von 




Wasserverkäufer, ihre Schläuche im l'igjis füllend. 

der Cholera besonders heimgesuchten Viertel der Eingeborenen unter- 
nahm, zu begleiten. Wir begegneten auf unseren Rundgängen regelmässig 
Leichenzügen, welche nach muhammedanischem Brauche die Toten in 
offenem Sarge, nur mit einem Tuche bedeckt, zu Grabe geleiteten, und 
es war dann oft schwer, einer Berührung mit den Gewändern der Leid- 
tragenden auszuweichen. Im übrigen waren die Strassen wenig be- 
gangen; auch die Suks waren leer, der grössere Teil der Läden ge- 
schlossen; kaum dass das Notwendigste ver- und gekauft wurde. Manche 

'^ Ausser diesem pab es damals nur noch zwei andere solcher Fahrzeuge in Bardid, 
wie auch ausser Herrn Kicharz nur noch drei andere Persönlichkeiten in Bar^äd den hoch- 
geschätzten Vorzug genossen, einen europäischen, mit Federn und richtigem Polster rcr- 
tehenen Wagen zu besitzen. Die öffentlichen Fuhrwerke sind wahre ' Marterkasteii. 



Kap. XVI. Die Wirkungen der Cholera. 



263 



Strassen des Juden- und Christenviertels waren wie ausgestorben; gerade 
die Bewohner dieser Quartiere waren zu Tausenden geflüchtet, während 
die Muhammedaner in ihrem Fatalismus der Gefahr mehr Gleichmut ent- 
gegenbrachten. Die Schechs el Hära (Strassenvögte) schlössen mir eine 
ganze Reihe von Häusern auf, welche von ihren Besitzern ersichtlich in 




Schi'itische Mollahs aus Kar.imen. 

fliegender Hast verlassen waren. Schränke und Truhen waren weit ge- 
öffnet, Kleidungsstücke und Hausrat lagen in wirrer Unordnung durch- 
einander. Es war, als ob plötzlich Kriegsnot über die Stadt herein- 
gebrochen wäre, mit solcher Panik hatten offenbar die Einwohner vor 
der Flucht das Notwendigste zusammengerafft. 

In gewöhnlichen Zeiten soll das Leben und Treiben auf den 
Strassen Bardäds ein sehr lebhaftes sein, der stärkste Verkehr herrscht 



264 



Kap. XVL Das Strassenleben. 



am Freitag ^). An diesem Tage strömt nämlich die Beduinenbevölkening 
der weiten Umgegend in die Bazare zusammen, um dort Einkäufe 
zu machen. Natürlich werden die Beduinen bei dieser Gelegenheit 
von den geriebenen Stadt- Kauf leuten, Muselmanen, Christen und 
Juden schmählich ausgesogen und übers Ohr gehauen. Ein buntes 
Gemisch zeigen die Trachten, in welchem die verschiedenen Stände 




Jüdischer Trätrer aus Bafiiäd. 



iiil 



und religiösen Bekenntnisse zur Erscheinung kommen. Der muham- 
medanische Städter trägt im allgemeinen den Kaftan (Zebün) mit Gürtel 
(Hizäm), den Mantel (Aba='Abäje) und den Turban, nach Abstufung der 
Grösse *Emäme, Keschide, Jäschmak genannt. Die *Emämc ist den 



i 



*) Infulge der errossen An7.ahl der in Bardad Handel treibenden eini^esesseneii Jaden 
ist der Sonnabend der eigentliche geschäftliche Ruhetag für die gesamte Bard&der Kanl- 
mannswelt, die europäischen Kaufleate mit eingeschlossen. 



Kap. XVI. Das Strassenleben. — Notabeln in Bardäd. 



265 



Mollahs, das Keschide der Kaufmannswelt (namentlich der persischen), 
der Jäschmak der übrigen Bevölkerung, insbesondere den unteren Klassen, 
eigen. Die eigentliche Beduinentracht mit Keffije und *Agäl wird auch 
von manchen muhammedanischen Städtern, namentlich solchen, die mit 
Beduinen und Pferden zu thun haben, gerne getragen. Die jüdische 
Bevölkerung zeichnet sich durch ihre Vorliebe für grell gefärbte Stoffe 
und namentlich durch ihre eigentümliche Kopfbedeckung aus, einen 
Fez, der mit einem buntfarbigen, meist in Blumenmustern gehaltenen 
Tuche umwickelt ist. Letzteres ist gewöhnlich Schweizer Fabrikat. 
Die christliche Bevölkerung trägt ein buntes Gemisch aus allen in 
Vorstehendem geschilderten Kostümen. Die aus der Umgegend von 
Mößul stammenden syrisch sprechenden Chris- 
ten, die nach dem grossen Dorfe Tillkef, dem 
Herkunftsorte der meisten unter ihnen, Tillkefi 
genannt werden, tragen stets einen roten Jäsch- 
mak. Mehr und mehr macht sich besonders 
' unter den Christen die europäische Tracht gel- 
tend (in Bardäd »Sitre und Pantalün« genannt), 
natürlich unter Beibehaltung des Fez als Kopf- 
bedeckung. 

In die Zeit meines Aufenthaltes in Bardäd 
fiel der Geburtstag des Sultans 'Abd ul Hamid. 
Der Tag wurde trotz der Cholera durch eine 
von den Muhammedanern zahlreich besuchte 
Parade gefeiert, bei der die Truppen einen ent- 
schieden guten Eindruck machten. Von den 
türkischen Würdenträgem, mit denen ich Zeit 
fand, in Verkehr zu treten, nenne ich den da- 
maligen Wali von Bardäd, Häg^i Hasan Refik 

Pascha, den ich im Jahre 1897 in derselben Stellung in Damaskus wieder- 
fand, den Muschir des VI. türkischen Armeekorps, Reg^eb Pascha und den 
inzwischen verstorbenen achtzigjährigen Marschall und General-Adjutanten 
des Sultans, Nu§ret Pascha, den Inspektor des VI. Armeekorps. Nu§ret 
Pascha wohnte in dem Schlosse, welches für den persischen Schah Nä§ir 
cd Dln errichtet wurde, als dieser vor ungefähr 20 Jahren Bardäd auf 
einer Pilgerfahrt nach Kerbela berührte. Das Gebäude ist gegenwärtig 
in ein Militärhospital umgewandelt. Neben den genannten Persönlich- 
keiten nimmt der General der Kavallerie Käzim Pascha als Schwager des 
Sultans eine hervorragende Stelle ein. Einer der Verwandten des be- 
rühmten Schech Schämil, des Helden von Gunib im Kaukasus, Mubam- 
med Pascha Därestäni, bekleidete ebenfalls in Bardäd den Posten eines 
Generals. 




Mubammed Pascha Därestäni, 

Kavallerie>General, 
(Neffe des Schech Schamil). 



266 Kap. XVI. Das Torislamische Bardäd. — öa*£ir el Manfitr baat Dir es Saläm. 

Die Landessprache Bardäds ist das Arabische. Die Aussprache, 
namentlich der muhammedanischen Bevölkerung, kommt der beduinischen 
im Vergleiche zur syrischen und eg^yptischen Aussprache weit näher. 
Dagegen ist der Bardäder Dialekt stark mit persischen und türkischen 
Vokabeln durchsetzt. Die officielle Sprache der Regierung ist das Türkische, 
in der auch die Korrespondenz mit den europäischen Konsuln geführt wird. 



Das vorislamische Bardäd, dessen Existenz in der älteren babylo- 
nischen Geschichte nachgewiesen ist, hat weder politische, noch kommer- 
zielle Bedeutung gehabt. Zu der Zeit, da Babylon die Residenz des 
grossen Reiches in Mesopotamien war, wird das oben genannte Opis 
bezw. Babylon selbst die Rolle des heutigen Bardäd gespielt haben, in 
der es später durch Ktesiphon-Seleucia abgelöst wurde. Als die Abbasiden 
ihre Hauptstadt hier erbauen wollten, war die alte Stadt schon ver- 
schwunden, nur ein Kloster Sük el Bakar stand noch und unweit östlich 
ein Städtchen *Atika (»das Alte«)*). Auf dem östlichen Ufer des Tigris 
soll sich ein von einem Sassaniden angelegter Park, Namens Bardäd, 
befunden haben, eine Ueberlieferung, die vielleicht an den Namen an- 
knüpft, der in seinem ersten Teil im Persischen »Park« bedeutet. Auch 
wissen wir aus Xenophon und aus der Geschichte des Feldzuges Julians, 
dass die Perser in dieser Gegend grosse Parks besessen haben. 

Der Erbauer der Stadt ist der zweite Abbaside Ca'far el Man$ür 
der im Jahre 762 den Sitz seiner Herrschaft hierher verlegte, mitten in 
eine der reichsten und fruchtbarsten Landschaften, in das Centrum des 
damaligen Weltreiches, das von Spanien bis nach Indien und in das 
heutige China hinein sich erstreckte. (ia*far nannte die Stadt Dar es Saläm 
oder Medinet es Saläm (»Stadt des Friedens«) oder auch nach seinem 
eigenen Namen Mansürije; der überlieferte Name Bardäd blieb indess der 
üblichere. Durch Horoskop war dieser Ort als besonders glückverheissend 
von dem bisher in Kufa und Häschimije residierenden Chalifen auf- 
gefunden worden. 

Zunächst wurden auf dem westlichen Ufer die Residenz, die Haupt- 
moschee und die Kaserne errichtet, deren Bau der Chalife selbst be- 
aufsichtigte^). Um diese gruppierte sich die eigentliche Stadt, deren 
einzelne Quartiere durch Mauern von einander getrennt waren. Von 
Ktesiphon, Damaskus, dem heute geographisch noch nicht festgestellten 
Wäsit und anderen Städten wurden besonders schöne Thore und andere 
Bauteile zur Ausschmückung Bardäds herangeschafft, denn der sonst als 
übertrieben .sparsam geschilderte Chalife scheute keine Kosten, die neue 

»: Vcrßl. Weil, Geschichte der Chalifen, Bd. II S. 77; Ritter a. a. O. Bd. X S. 196. 
*; Verjrl. Weil a. a. O. Bd. II S. 77 u. 78. 



Kap. XVI. Dar cl Chuld. — Bardäd die Hauptstadt der Chalifen. 267 

Residenz fürstlich auszustatten. Bald darauf gefiel ihm die erste Anlage 
nicht mehr, und er fürchtete sich vor den Bewohnern der reissend an- 
wachsenden Stadt, weshalb er sich einen zweiten Palast am Tigris, den 
Dar el Chuld (»Haus der Ewigkeit«), baute ^). Zwischen diesen beiden 
Palästen dehnte sich die immer mehr aufblühende neue Stadt aus. Aber 
auch damit nicht zufrieden, Hess er auf dem jenseitigen Ufer des Tigris 
für seinen Nachfolger Mubammed el Mahdi weitere Bauten, darunter ein 
neues Schloss Er Re§äfa errichten. Drei Schiffbrücken vermittelten den 
Verkehr zwischen den beiden Stadtteilen. Weitere Vorstädte entstanden: 
Hadet oberhalb und Karch unterhalb von Er Re^äfa^). 

Unter Mahdi, dem Nachfolger Man§ürs, erstreckte sich die Oststadt 
bis nach Kalwäda, zwei Parasangen, d. h. etwa 10 km, unterhalb Er 
Re^äfa*), also über das heutige Gerära hinaus. Ein breiter schiffbarer 
Kanal, der Nähr *Isa, mündete von dem Euphrat hier ein*). Aus 
alter Zeit bestehende und neu angelegte Kanäle sorgten für die Bewässe- 
rung der Umgegend, die mit üppig grünenden Gärten bedeckt war. 

Auch unter den folgenden Chalifen wuchs die Stadt immer mehr, 
und die deutschen Gesandten, welche zwei Mal während der ersten 
abbasidischen Chalifate Bardäd besuchten, erzählten Wunderdinge von 
den grossartigen Bauten und der luxuriösen Lebensführung*^). Die Ver- 
legung des Hoflagers der Chalifen nach dem neu gegründeten Samarra*) 
scheint der Entwicklung der Stadt keinen Abbruch gethan zu haben, 
zumal sie nicht von langer Dauer war, insbesondere blieb Bardäd auch 
während dieser Periode das kommerzielle Centrum des *Iräk. 

Bereits der Chalife Mu*tadid verlegte seinen Sitz wieder nach Bardäd 
zurück, das von nun an bis zur Vernichtung des Chalifats die Hauptstadt 
des Reiches blieb. 

Der Verfall des Chalifenreichs hatte schon mit der zweiten Hälfte 
des 9. Jahrhunderts begonnen. Mehrere Grenzgebiete im Osten und im 
Westen machten sich selbständig. Im Jahre 935 gelang es dem Türken 

») Vergl. Müller a. a. O. Bd. I S. 274; v. Kremer a. a. O. Bd. II S. 52. 

*) Karch wird gegenwärtig eine Vorstadt auf dem rechten Tigrisufer gegenüber von 
£r Re9äf:\ genannt. 

») Vergl. V. Kremer a. a. O. Bd. II S. 48 ff. 

*) Noch Jones konnte im Jahre 1838 diesen Kanal — jetzt Nähr el Sa^pläwije 
{genannt — seiner ganzen Länge nach mit seinem Dampfer durchfohren, wobei allerdings 
die Radkasten an vielen Stellen die Uferränder berührten. Trotz der Bemühungen Mid^at 
Paschas, ihn wieder vollständig schiffbar zu machen, ist er gegenwärtig unbrauchbar. Er 
mündet nicht mehr in den Tigris, sondern in zwei grosse Sümpfe, westlich von der Stadt, 
in den I^ör el SalfLläwije und den Hör el *A$aj. 

*) Weil, Geschichte der Chalifen, Bd. II S. 162. Eine ausführliche Beschreibung der 
SUdt ans etwas späterer Zeit (etwa 900 n. Chr.) hat Ibn Serapion hinterlassen. (Journal 
of the Royal Asiaüc Society 1895). 

•) Vergl. oben Kap. XV S. 221 ff. 



268 l^P* ^VI- I^i« Hernchaft der Sel^Ven. — Der Chalife Mustmnchid. 

Ibn Räik, einem der Heerführer des Chalifen Rä<Ji, damals Statthalter von 
VVäsit, die ganze politische Veru'altung in seine Hände zu bekommen und 
den Chalifen zu einer Art religiösen Oberhauptes zu degradieren. In 
dieser Stellung sind mit geringen Ausnahmen die Chalifen bis zum Unter- 
gang ihres Reiches verblieben. Ibn Räil^ wurde zwar gegen das Ende 
des Jahres 945 gestürzt; ^die Rolle des Majordomus übernahm aber der 
Heerführer Abmed aus der persischen Landschaft Deilem. Er ist der 
Gründer der Bujiden-Dynastie, in der die weltliche Herrschaft des Chalifats 
erblich wurde. Andere Mitglieder des Bujiden-Geschlechtes hatten sich in 
Mesopotamien und in Persien zu fast unabhängigen Fürsten kleiner 
Duodez-Staaten aufgeschwungen, befehdeten sich aber in unaufhörlichen 
Familienzwisten und Bürgerkriegen, so da.ss es gegen die Mitte des 
9. Jahrhunderts den aus Transoxanien eingewanderten Türkenstämmen 
der Sel^ken gelang, die Bujiden aus ihrer herrschenden Stellung zu ver- 
drängen. Einer der bedeutendsten Heerführer dieser Türkenstämme, 
Torrul Beg, stürzte den letzten Bujiden-Sultan in Bardäd und zwang den 
Chalifen Käim, ihn zu seinem Nachfolger zu machen (1055). 

Die Herrschaft der türkischen Sultane aus den Selg^ken-Stämmen 
bedeutete für Bardäd und den Chalifen eine Besserung der Lage. Die 
ewigen Unruhen, die in der Hauptstadt zwischen dem Militär der 
schi4tischen Bujiden-Sultane und dem sunnitischen Chalifen und der gleich- 
falls orthodoxen Bevölkerung geherrscht hatten, fielen nun weg, da die 
neuen türkischen Machthaber selbst der orthodoxen Richtung angehörten. 
Ausserdem scheinen sie den Chalifen mit grösserer Achtung und Rück- 
sicht behandelt zu haben als die Bujiden. 

Einzelnen der selgukischen Sultane gelang es, grosse Teile de«; 
Reiches wieder unter direkte Abhängigkeit zu bringen und dem Schatten- 
reich, zu dem das Chalifat auch räumlich herabgesunken war, ganz 
Mesopotamien und Syrien sowie einen Teil von Persien wiederzugewinnen ^). 

Nach dem Tode des letzten und grössten Selg^ken- Sultans, 
Melik Schah, kam es zu Zwistigkeiten, infolge deren der Nachfolger 
Melik Schahs, Sultan Mas'üd, es für angebracht hielt, dem Chalifen 
Mustarschid Bardäd und den grössten Teil des *Iräk wieder als selbst- 
ständiges Fürstentum im Jahre 1132 zu übertragen'). 

Von jetzt an war es den Chalifen vergönnt wieder die Rolle selbst- 
ständiger weltlicher Herrscher zu spielen, allerdings in einem im Ver- 
hältnis zu der riesigen Ausdehnung des ersten Abbasidenreiches recht 
kleinen Gebiete. Ihre Bestrebungen, dasselbe zu vergrössem und 
insbesondere Persien wiederzugewinnen, brachten sie in Konflikt mit 



»; Vergl. Müller a. a. O. Bd. I S. 628 ff. 
») Verjrl. MüUcr a. a. O. Bd. I S. 639. 



Kap. XVI. Die Mong^olen vernichten Bardäd. 269 

dem Herrscher von Chuwarizm (Chiwa), welcher über Transoxanien und 
einen Teil von Persien gebot. Der Chahfe liess sich zu dem ver- 
hängnisvollen Entschluss verleiten, die Hilfe des Mongolen Dschingiz 
Chan anzurufen, der denn auch die Herrschaft des Fürsten von Chuwarizm 
vernichtete, damit aber der unmittelbare Grenznachbar des Chalifen wurde. 

Ein Zusammenstoss zwischen beiden konnte nicht lange ausbleiben. 
Die Weigerung des Chalifen, den Bruder des Mongolenkönigs, Hulagu, 
in seinem Vernichtungskrieg gegen die Isma*Ilier zu unterstützen, gab den 
äusseren Anlass zum Kriege^). 

Ende des Jahres 1257 setzten sich die Truppenmassen der Mongolen 
gegen Bardäd in Bewegung. Ein Heer zog von der Westseite des Tigris 
heran, während Hulagu selber sich vor dem östlichen Stadtteil lagerte. 
Nach drei Wochen ergab sich der Chalife und lieferte alle seine Schätze 
aus, in der Hoffnung, wenigstens sein Leben zu retten; doch wurde er 
nebst seinen Söhnen und vielen seiner übrigen Verwandten hingerichtet. 
Die Stadt wurde vierzig Tage lang von den Mongolen geplündert und 
zum Teil in Asche gelegt. Hulagu aber that der weiteren Verwüstung 
Einhalt und liess sogar die verwüsteten Quartiere wieder aufbauen, da 
er Bardäd zum Sitz eines eigenen Statthalters bestimmte*); nur die 
Mausoleen und Erbbegräbnisse der Abbasiden- Chalifen wurden von 
Grund aus zerstört. 

So endete nach einer Herrschaft von länger als einem halben Jahr- 
tausend die Herrschaft der Chalifen, und Bardäd sank nunmehr zu der 
Stellung einer Provinzialstadt herab, in der es fortan bis auf die Neuzeit 
geblieben ist. 

Zweifellos hatten die vielen Belagerungen und Soldatentumulte so- 
wie die Kämpfe zwischen den verschiedenen Konfessionen, ja sogar 
zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb des orthodoxen Islam, 
den Hanefiten und Hanbaliten, in Bardäd zur Folge gehabt, dass schon 
vor der furchtbaren Katastrophe durch die Mongolen grosse Teile der 
Stadt entvölkert waren und in Trümmern lagen"). Trotzdem fand der 
Reisende Ibn Batüta,*) der etwa 70 Jahre später, im Jahre 1327, nach 
Bardäd kam, eine grosse volkreiche Stadt vor. Er bemerkt ausdrücklich, 
dass der westliche Stadtteil fast ganz verfallen war, wenn auch noch 
dreizehn eigene Stadtviertel, die durch zwei Brücken mit der Oststadt 
verbunden waren, sich dort befunden haben. 

Hulagu hatte bei seinem Abzug von Bardäd einen Statthalter hinter- 
lassen und seine Eroberungszüge nach Westen fortgesetzt. Schon war 



») Vergl. WeU a. a. O. Bd. II S. 472 ff. 

^ Vcrgl. Weil a. a. O. Bd. III S. 478. 

^ Vergl. V. Kremcr a. a. O. Bd. II S. 94 ff. 

*} ed. Defr^mery et Sanguinetti, toI. II S. 100 ff. 



270 Kap. XV'I. bar^lSd als Winterresidenz der 11 Chane. — Die Tatmren« 

er bis nach Syrien vorgedrungen, als er die Nachricht vom Tod des 
Gross-Chäns Mangu erhielt. Er kehrte sofort um, da er Aussicht hatte, 
dessen Nachfolger zu werden. Aber schon in Nordpersien, in Tebriz, 
erfuhr er, dass sein Verwandter Kubilai zum Gross-Chän gewählt worden 
sei, der ihn dann zum Statthalter über den westhchen Teil des Mongolen- 
reiches ernannte und ihm den Titel II Chan (>Stammesfurst<) verlieh, den 
von da ab alle Nachfolger Hulagus geführt haben. 

Einer dieser II Chane, Razän (1295 — 1304), machte sich auch nominell 
von dem Gross-Chän unabhängig. Er trat mit seinem ganzen Heer zum 
Islam über, so einen Ausgleich zwischen Siegern und Besiegten schaffend, 
und nannte sich Mabmüd^). Bardäd war inzwischen die VVinterresidenz 
der II Chane geworden, die im Sommer in dem kühleren Nordpersien, in 
Tebriz oder Merära oder später in Sultänije, residierten*). 

Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts scheint die Kraft der Dynastie 
erschlafft zu sein, und wie die letzten Chalifen den Mongolen erlagen, so 
wurden die II Chane durch eine zweite von Osten her kommende Völker- 
flut vernichtet, durch die Tataren. 

Bereits in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts hatte der aus 
türkischem Geschlecht stammende Tiniur Lenk sich zum Herrn von 
Transoxanien gemacht und seine Eroberungen nach Westen hin aus- 
gedehnt. Persien und das östliche Kleinasien und Syrien hatte er bereits 
seinem Reich einverleibt, als er an die Eroberung von Mesopotamien 
ging. Im Sommer des Jahres 1401 erschien er mit seinem ungeheuren 
Heer vor Bardäd, das von dem Feldherrn des letzten II Chan, Abmed 
Ibn Owais, tapfer verteidiget wurde. Durch einen Ueberfall zur Mittagszeit, 
während die Besatzung sich der Ruhe hingegeben hatte, bemächtigte er 
sich der Stadt, in der er nach gewohnter Weise hauste. Die Einwohner 
wurden zu Zehntausenden abgeschlachtet und aus den Schädeln von an- 
geblich 90 000 Erschlagenen grosse Pyramiden aufgebaut. Die Stadt 
wurde zerstört, nur Moscheen, Schulen und Spitäler blieben verschont 
Gerade dem Vandalismus der Tataren scheint die Vernichtung der alten 
Herrlichkeit von Bardäd zuzuschreiben zu sein'). 

Ahmed Ibn Owais entging dem Schwerte Timurs und verschwand 
von der Bildfläche. Nach dem plötzlichen Tode Timurs, zu Anfang des 
Jahres 1405, zerfiel das ungeheure Reich, das zu organisieren ihm die 
Zeit oder die Begabung gefehlt hatte. 

Von seinen Söhnen gelang es allein dem Schah Roch, in langjährigen 
Kämpfen gegen Sultane aus den türkischen Stämmen der Kara Kujunlu, 



') Vergl. Müller a. a. O. Bd. II S. 252. 
») Ver^l. Müller a. a. (). Bd. II S. 241. 
») Verffl. Weil a. a. (). Bd. UI S. 21, 92; Müller a, a. O. Bd. U S. 286. 



Kap. XVI. Kara Kujunlu und A\$, Kujunlu. — öehön Schah. 27 1 

die in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Transoxanien nach 
Westen gewandert waren und in Mesopotamien, Armenien und Nord- 
persien sich kleine unabhängige Staaten gegründet hatten, diese 
drei Länder zu einem Reich zu vereinigen^). Ihm folgte sein 
Sohn Ulug Beg, der aber schon im Jahre 1449 starb. Auf die 
Kara Kujunlu hatte sich der von Schah Roch zum Statthalter von Nord- 
persien (Ädrbeig^än) eingesetzte öehän Schah gestützt, der sich mit ihrer 
Hilfe nach dem Tode Ulug Begs zum Herrscher von ganz Persien und 
Mesopotamien machte. Einer seiner Söhne residierte als Statthalter in 
Bardäd^. 

Die Macht des öehän Schah scheint aber nicht allzustark gewesen 
zu sein, wenigstens konnte er die Kara Kujunlu und Ak Kujunlu an be- 
ständigen Raubzügen nach Mesopotamien und gegenseitiger Bekriegung 
nicht hindern. Allmählich bekamen die Ak Kujunlu das Uebergewicht 
und nahmen gegen öehän Schah eine feindliche Haltung an. Nachdem 
er im Jahre 1464 eine Empörung seines Sohnes in Bardäd nieder- 
geschlagen hatte, musste er sich gegen die Ak Kujunlu wenden, die in- 
zwischen einen guten Führer in Uzun Hasan erhalten hatten. Dieser 
verstand es, sämtliche Stämme der Ak Kujunlu zusammenzufassen und sich 
in Kurdistan und Armenien eine Herrschaft mit Diärbekr als Residenz 
zu gründen. 

Im Jahre 1467 erfolgte der Zusammenstoss zwischen öehän Schah 
und Hasan. Der letztere siegte und eroberte in dem nächsten Jahr 
auch ganz Mesopotamien, Diesem aber war inzwischen ein anderer Gegner 
seines Stammes entstanden, dem binnen kurzem die Herrschaft über das 
ganze Vorderasien zufallen sollte. In den Wirren der Selg^ufeenzeit war 
ein kleiner türkischer Stamm bis in das westliche Kleinasien verschlagen 
worden. Einer seiner Häuptlinge, Ertorrul, war von dem durch die 
Mongolen hart bedrängten Selgukensultan 'Alä id din III. mit dem Be- 
zirk von Karaga Dar belehnt worden, (gegen 1300); er darf als der 
eigentliche Begründer des osmanischen Reiches angesehen werden, ob- 
wohl es nach seinem Sohne 'Osmän benannt wird.*) Im Lauf des 
vierzehnten Jahrhunderts wurde das Reich weiter ausgestaltet und um- 
fasste am Ende desselben schon das ganze Kleinasien. Schon war Kon- 
stantinopel und Europa bedroht, da nahte der Tatarensturm Timurs, der 
in einer Schlacht den gewaltigen Gegner bis zur Vernichtung schlug. 
Timurs schneller Tod war die Rettung der Osmanen. Mit grosser Ge- 
schicklichkeit wussten die Nachfolger des geschlagenen Sultans Bajazid 
die Verhältnisse zu benutzen und kaum 50 Jahre nach der Schlacht 



*) Vergl. MttUer a. a. O. Bd. II S..320. 
") Verjfl. MüUer a. a. O. Bd. II S. 325. 
^ Verg:!. Vamb^ry, Das TttrkenTolk, S. 595. 



272 Ka\>. XVI. Die Osmanen. — l8ina<n el Sefewi wird SchSh Ton Persieo. 

Stand die osmanische Macht gefährlicher denn vorher da. Nach längeren 
Rüstungen von beiden Seiten wurde im Jahre 1473 die Schlacht bei Tci^^ 
am oberen Tigris geschlagen, in der die turkomanischen Reiterscharen Uzun 
Hasans der wohldisciplinierten Janitscharen-Infanterie und der Artillerie 
unterlagen. Sultan Mubammed verfolgte aber seinen Sieg nicht, sondern 
überliess Uzun Hasan den östlichen Teil seines Reiches, vor allem Nord- 
persien. Doch scheint sich Uzun Hasan auch in Mesopotamien nicht 
behauptet zu haben. Er überlebte seine Niederlage nicht lange, sondern 
fitarb schon im Jahre 1478*). Sein Sohn Ja*küb Beg (1479 — 1491) gab 
sich Mühe, das Reich noch einigermassen zusammenzuhalten*); aber 
als er starb, brachen zwischen seinen Brüdern und Söhnen Erbfolge- 
streitigkeiten aus, die zu endlosen Kämpfen und völliger Zersplitterung 
des Reiches führten. Einem der Söhne Ja*küb Begs, Muräd, gelang es 
im Jahre 1497, ^^^ grösseren Teil des Landes zu gewinnen; er i^iirde 
zwar nach zwei Jahren wieder vertrieben, kehrte aber im Jahre 1 501 auf 
den Thron zurück'). 

Inzwischen war in dem heutigen Nordpersien und Kurdistan aus 
kleinen Anfängen ein Reich entstanden, das sich im Laufe des sechzehnten 
Jahrhunderts zu einer neuen islamischen Grossmacht im Orient entwickelte. 

Isma'il, der Schech des schi4tischen Derwisch-Ordens der Sefewi, 
angeblich ein Nachkomme des siebenten Imäm, des Müsa el Käzim, ein 
Husenide aus Erdebil, hatte mit Hilfe türkischer Scharen um die Wende 
des 16. Jahrhunderts das nördliche Persien erobert und schlug in 
Tebnz seine Residenz auf, worauf er den Titel Schah (»König«) annahm. 
Ihm und namentlich seinen Nachfolgern gelang es, die verschiedenen 
Provinzen des heutigen Persien zu einem einheitlichen Reich zusammen- 
zufassen und so diesem Lande wiederum zu einer nationalen Existenz 
zu verhelfen, nachdem es fast 900 Jahre unter fremden Herrschern 
gestanden hatte. Das Hauptmittel seiner Politik war die geschickte 
Benutzung des religiösen Moments. Sowohl die türkischen Stämme von 
Ädrbeigän wie fast die gesamten Perser waren Schi'iten, und durch 
Betonung des religiösen Gegensatzes zu den verschiedenen muhammeda- 
nischen Völkern sunnitischer Konfession war es ihm und seinen Nach- 
folgern, die gewöhnlich nach ihrem Ahnherrn Ishälj: Sefi genannt 
werden, möglich, das neugegründete Reich selbständig zu machen und 
während zweier Jahrzehnte zu erhalten. 

Im Laufe des ersten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts unter- 
warf er der Reihe nach die verschiedenen kleinen Fürsten der Ak 
Küjunlu, 1 508 wandte er sich endlich gegen Bardäd, wo jener Muräd sich 

* Verq^l. Zinkeisen, Geschichte des osmanischen Reiches, Bd. II S. 353 ff. 

- Müller a. a. O. Bd. II S. 348. 

»; Vergl. SUnley Lane-Poole a. a. O. S. 254; Weil a. a. O. Bd. VS. 403. 



Kap. XVL Schih -AbKis der t.iivv»i^ |»«t(i»nl 1Ut\U4 för l>cr»!ici». ^»^ 

noch zu behaupten vermocht hatte, Ucbcr die KinÄolhoücn xicv VaxsXvcxmw^ 
haben wir keine Nachrichten. Er nahm die Stadt ein und wuixlc «Ach 
der gänzlichen Vernichtung der Afe Kujunlu der unmiltclbAix^ (ItrnÄ 
nachbar der Osmanen. Die Beziehungen der beiden neuen Reiche äu 
einander waren von Anfang an die denkbar ungünstij^ten. Beide MAchle 
waren in der Expansion begriffen, die Grenzverhallnisse noch unsicher 
und der politische Gegensatz wurde noch durch den religiösen verschÄifl» 
zumal sich seit dem Jahre 1517 der Sultan der CXsmanen äIs leijilunej* 
Oberhaupt aller Muhammedaner betrachtete, nachdem er bei der Kroherunai 
von Egypten im Jahre 15 17 sich von dem Nachkommen der Abba«ldcni 
Mutawakkil, dieAnsprüche auf dasChalifat in legitimer l''orm hatte Ubrrlranen 
lassen^) und somit das Oberhaupt des sunnitischen Islam j»;ewordrn war. 

Unter diesen Umständen zog es der türkische Statthalter der Provinz 
Bitlis vor, zu den Persern überzugehen, während andererseits der persische 
Gouverneur von Adrbeigan und der von Bardad, Zulfiljar Chan, sich dem 
Sultan zur Verfügung stellten und ihm die Schlüssel von Hafdad llbrr 
brachten. Schah Tahmasp indes, Isma^ils Nachfolger, zog noch sehncll 
gegen die Stadt heran, unterwarf sie und tötete Zulfiljar. Infolj{c dcswcti 
wandte sich der Sultan Suleimän nach Beendigung seines Krie^^rs mit 
dem König von Ungarn gegen Osten und trat im Herbst 1534 den Mar«ic*h 
durch Mesopotamien nach Bardäd an. Die Stadt war bei seinem I Icran 
nahen von der persischen Besatzung verlassen worden und wurde ohne 
Schwertstreich genommen*). 

Im Verlauf des Jahrhunderts wurden von den l'criern Ucme 
Anstrengungen zur Wiedercrobcrung von Bardad gemacht, oWoJil die 
Türken eine solche stets befürchtet zu haben scheinen. ])tm deutscher* 
Reisenden Rauwolf« der 1574 Bardäd besuchte, und dem luhener t)rlh 
Valle. der im Oktober 1616 dorthin kam*), fielen d*^ M't%%ifkutn «ml 
die Vorsichtsmas^^regeln auf, welche seitens der ttirkiAchen Hehf'mlen (ien 
zahlreichen Persern in Bardäd gegenüber beobachtet wurden. 

Er§t im nächsten Jahrhundert gelang e^ dem Ke^/rgaiiii.^t/yf Fer^ii«ff<^v 
dem Schah *Abbä^ dem Gror%aen« die Stadt Wieder dem ^^ef^XM-Men Mti^ 
eiiiz-j%-erEctii»en. allerdiftg.% nicht mit Gewalt, sondern InWsfe h^^ch^t vcf' 
wickeüicr. ab»er für den Orient charakten.^tiAcher ISm^ZkXide. iMf cUrft;*hj{e 
turki*^5Bt äraat&alter Emir f$ekir, äex riich. in flie^ex 7^t f\e% bejpftften^terv 
Verf-aulv accab^ELan^.^ xn machen .suchte, riet zu Axe^cm Y.^ecM d\r Hvvfe 
der FerMTT as:.. '.vuriiÄ ^bi^x von meinem ei^^enen äohn v<»rr;%fen. d^r die 

iLfcii»«ü«i) lUfauten- ''>iitr itv^4, IM. \^ :a. r.)^. 



274 ^^P* ^^'I- ^in osmanisches Heer belag^ert Bardad. 

Perser in der Nacht zum 28. November 1623 in die Stadt einliess^ 
Der religiöse Fanatismus der Perser wütete gegen die sunnitischen 
Bewohner der Stadt in der fürchterlichsten Weise. Ausser Bardäd wurden 
noch die den Schi'iten heiligen Städte Negef und Kerbcia erobert, 
sogar Kerkük und für kurze Zeit auch Mö?ul besetzt, so dass die Hälfte 
von Mesopotamien in die Hände der Perser fiel. 

Die Nachricht von der Eroberung Bardäds verursachte in Konstan- 
tinopel eine ungeheure Aufregung, und die Wicdercroberung der Stadt 
wurde sofort beschlossen. Aber erst im Frühjahr 1625 erschien das 
türkische Heer in Mesopotamien. Wider Erwarten verteidigten sich die 
Perser mit der grössten Hartnäckigkeit. Die Belagerung zog sich durch 
den ganzen Winter und das Frühjahr hindurch, und als im Mai Schah 
*Abbäs selbst mit einem grossen P2ntsatzhecr heranrückte, waren die 
Türken gezwungen, die Belagerung aufzugeben und einen überstürzten 
Rückzug nach Norden anzutreten. Von dem 40 000 Mann starken Heere 
erreichten nur schwache Reste Diärbekr, wo sie vor den sie verfolgenden 
Persern Ruhe fanden. 

Die kriegerischen Verwickelungen mit Persien dauerten die nächsten 
Jahre hindurch, ohne dass die Türken im Stande gewesen wären, die Er- 
oberung von Bardäd abermals zu versuchen*). Nach dem Tode des grossen 
*Abbäs, im Jahre 1628, bestieg dessen tyrannischer Enkel Säm Mirza unter 
dem Namen Schah Sefi den Thron. Mitte 1629 brach der türkische Grossvezir 
Chosrew von Skutari nach Bardäd auf, musste aber in Mö§ul überwintern, wo- 
bei die Truppen stark litten. Statt sich darauf direkt nach Bardäd zu wenden, 
zog er durch die kurdischen Gebirge nach Nordpersien und eroberte und 
zerstörte mehrere persische Städte, darunter die alte Königstadt Hamadän. 
Erst Ende September, als die grosse Hitze vorbei war, lagerte er sich 
vor Bardäd. Nach einem heftigen Bombardement wurde am 9. No- 
vember ein allgemeiner Sturmangriff unternommen, der aber trotz der 
Hartnäckigkeit der Janitscharen von den sich verzweifelt wehrenden 
Persern mit solchen Verlusten für die Türken zurückgeschlagen wurde» 
dass diese am fünften Tage darauf die Belagerung aufhoben und den 
Rückzug antraten. Kurz nach ihrem Abzug erschien ein Perserheer 
von 30000 Mann, das die Osmanen von den eroberten Punkten ver- 
trieb und sogar Hille am Euphrat wieder besetzte*). 

Die nächsten Jahre war der Sultan Muräd IV. teils mit inneren 
Wirren, teils mit der Bekämpfung der Perser im Norden beschäftigt. Kaum 
aber hatte er die Nordgrenze einigermassen gesichert, als er für das Jahr 
1636 die Wiedereroberung von Bardäd beschloss. Durch die Erfahrung des 

») Verj;!. Zinkeisen a. a. O. Bd. IV S. 63. 

-) Verjrl. Müller a. a. O. Bd. II S. 376. 

») Verfjl. Zinkeisen a. a. O. Bd. IV S. 136 ff. 



Kap. XVI. Sultan Murad IV. erobert die Stadt. — Bafdad unter türkischen Statthaltern. 275 

letzten Feldzuges gewitzigt, traf er seine Vorbereitungen in der um- 
fassendsten Weise. Die Stärke des Heeres wird von 150000 bis auf 
500000 angegeben^). Ganz besonders wurde diesmal für Belagerungs- 
geschütze und Munition gesorgt. Der Marsch, der am 8. Mai 1638 von 
dem historischen Heerschauplatz der türkischen Armeen bei Skutari an- 
getreten wurde, führte in 6Va Monaten quer durch Kleinasien, Nord- 
Mesopotamien über Diärbekr, Mö§ul und Kerkük, geraden Wegs auf 
Bardäd, wo der Sultan am 15. November eintraf. Der Perser-Schäh 
hatte den Marsch der Türken nicht aufzuhalten versucht, sondern sich 
nur begnügt, die persische Garnison um 30000 Mann zu verstärken, so 
dass die ganze Besatzung der Stadt 80 000 Mann betrug. Der Platz war 
gut befestigt und genügend verproviantiert. Durch eine längere Be- 
schiessung wurde ein Sturmangriff vorbereitet, zu dem angeblich 
300000 Erdsäcke und Tausende von Palmstämmen herbeigeschleppt 
wurden, um die Gräben auszufüllen. Am 24. Dezember erfolgte endlich 
der Angriff, der aber von den Persern abgeschlagen wurde. Der türkische 
Gross- Vezir Muhammed Pascha war unter den Toten. Am nächsten 
Tage wurde ein neuer Sturm versucht, der die Uebergabe der Stadt zur 
Folge hatte; wenigstens erklärte sich der persische Kommandant Begtasch 
Chan bereit, zu kapitulieren. Der persischen Besatzung wurde freier 
Abzug und Sicherheit des Eigentums zugestanden. Höchstwahrscheinlich 
aber hatte der Kommandant auf eigene Faust gehandelt, ohne die Unter- 
befehlshaber zu orientieren; denn als die Türken am nächsten Tage 
einzogen, wurden sie von den persischen Truppen angegriffen, und es 
entspann sich nun in den Strassen der Stadt ein furchtbarer Kampf, in 
welchem der Sultan die Oberhand gewann und sämtliche Perser ihren 
Tod fanden. Sultan Muräd beeilte sich nach der Eroberung, mit Zurück- 
lassung einer Besatzung von 8000 Mann den Rückmarsch anzutreten. 
Die Verluste der Türken während der Belagerung sollen ungeheure 
gewesen sein, angeblich 100 000 Mann der besten Truppen. Vor seinem 
Abzug Hess der Sultan das Thor, durch welches er als Sieger die Stadt 
betreten, vermauern, damit es durch keines Menschen Fuss ent- 
entweiht werde, vor allem aber, damit niemand mehr durch dieses Thor 
seinen Einzug in die Stadt halten könne. 

Durch die Belagerung und Eroberung scheint die Stadt furchtbar 
gelitten zu haben. Der französische Reisende Tavernier, der Bardäd im 
Jahre 1652 zum zweiten Mal besuchte, will nur noch 15000 Einwohner 
vorgefunden haben ^). Niebuhr^) teilt die Liste der Paschas mit, welche 

») Vergl. Zinkeisen a. a. O. Bd. IV S. 167 ff. 

*) Vergl. Tavernier, Beschreibung: der 6 Reisen in die Türkey, deutsche Ausgabe, 
Genff 1681, Bd. I S. 90. 

•) Voyage en Arabie, Amsterdam 1776, vol. II S. 252 ft. 

18* 



276 Kap. XVI. Die Gouverneure Hasan und Abmed Pascha. — Nadir Schah belag^ertBardäd. 

Bardad seit der Eroberunp^ durch Muräd bis zum Jahre 1764, wo er 
dort anwesend war, verwaltet haben. Es sind dies 48 • Gouverneure. 
Bis zum Jahre 1702 (1114 der Hig^ra) waren es im Ganzen 36 Statt- 
halter, die meist nur ein oder zwei, niemals mehr als vier Jahre ihr Amt 
inne gehabt hatten. Unter ihnen ist besonders erwähnenswert Murta<^ 
Fascha (Murtesa Pascha), welcher vom Jahr 1065 der Higra drei Jahre lang 
regierte und, wie bereits erwähnt, sich um die Kanalisation des Landes ver- 
dient gemacht hat ; so Hess er den Isbäkikanal wieder in Stand setzen '). 

Die Statthalter werden zweifellos mehr ihre eigenen Vorteile als 
das Wohl der Stadt im Auge gehabt haben« und Niebuhr, zu dessen 
Zeit das Andenken an jene Periode noch frisch war, berichtet uns, dass 
während derselben der Handel in Bardäd nur ein geringer, die Unsicherheit 
des Landes durch die Beduinen der Umgegend dagegen eine ausser- 
ordentlich grosse war. 

Erst mit Hasan Pascha, welcher im Jahre 1702 zum zweiten Male 
Gouverneur von Bardäd wurde, begann für die Stadt eine neue Aera. 
Während 22 Jahre verwaltete er seine Provinz. Durch seine Kriege 
mit den Persern, bei denen der Verfall der Sefewidendynastie damals begann, 
hatte er sich so ausgezeichnet dass der Sultan die Provinz durch Hinzufügung 
des Paschalik von Märdin vcrgrosserte, um ihm die Möglichkeit zu geben, 
desto erfolgreicher die Waffen gegen die Schi'iten zu fiihren. Es gelang 
ihm, das Paschalik von Basra für .seinen Sohn Ahmed zu erhalten, der 
nach dem Tode seines Vaters auch zum Pascha von Bardäd ernannt wurde. 

In seine erste Verwaltungszeit, welche 11 Mondjahre dauerte, fallt 
die vergebliche Belagerung von Bardäd durch den persischen Herrscher 
Nadir Schah im Jahre 1732. Dieser hatte sich nach der Verjagung der 
afghanischen Scharen, welche Persien acht Jahre lang verheert hatten, 
zum Oberfeldherrn und Reichsverweser von Persien ernennen lassen (1729) 
und ging alsbald daran, das persi.sche Reich in seinem alten Umfang 
wiederherzustellen. Auf den Krieg mit den Türken konnte er sich um 
so unbedenklicher einlassen, als er einen günstigen Frieden mit den 
Russen abgeschlossen hatte, in welchem die letzteren sich zur Abtretung 
ihrer Eroberung am Kaspischen Meer verstanden hatten. 

Im Herbst des Jahres 1732 erschien er mit einem grossen Heer 
vor Bardäd, jedoch wurde die Stadt von Ahmed Pascha so geschickt 
und energisch verteidigt, dass Nadir Schah sie acht Monate hindurch, 
bis zum Sommer des nächsten Jahres, vergeblich belagerte. Als im 
Juli 1733 ein grosses türkisches Krsatzheer unter dem europäischen 
Renegaten Topal Osman heranrückte, zog Nadir Schah ihm unter 
Hinterlassung eines kleinen Beobachtungskorps vor Bardäd entgegen. 
Am 17. Juli trafen beide Heere bei Samarra zusammen. Nadir Schah 

\ Ver;;l. oben Kap. XV S. 217. 



Kap. XV^I. Die Schlacht bei Samarra. — *Omar Pascha. — Suleimän Pascha. 277 

verlor die Schlacht und den grössten Teil seines Heeres; er retirierte in 
aller Eile bis* in die Gegend von Hamadän, sammelte ein neues, noch 
zahlreicheres Heer und erschien schon drei Monate später wieder in der 
Ebene von Bardäd. Diesmal wurde Topal Osman geschlagen und getötet. 
Bardäd wäre verloren gewesen, wenn nicht in der Provinz Pars eine Empörung 
ausgebrochen wäre, die Nadir Schah zur schleunigen Umkehr zwang ^). 

Abmeds Einfluss erschien der Pforte in der Folge zu gefährlich, 
und der Sultan befürchtete, dass er sich zum selbständigen Herrn der 
von ihm venvalteten Provinzen machen würde; er wurde deshalb durch 
einen von Konstantinopel gesandten Pascha ersetzt. Ahmed unterwarf 
sich dem kaiserlichen Befehl. Seine beiden Nachfolger waren jedoch 
kaum im Stande, die Provinzen zu regieren, und ihre Verwaltung kostete, 
statt Einnahmen zu erzielen, dem Staatsschatz so viel, dass Ahmed 
schon zwei Jahre nach seiner Absetzung abermals zum Pascha von Bardäd 
ernannt wurde. Zwölf Jahre hindurch blieb er in seiner Würde. Nach 
seinem Tode wiederholte sich dasselbe, was nach seiner ersten Absetzung 
erfolgt war. Innerhalb zweier Jahre wurden vier Paschas verbraucht, die 
vergeblich die an die Verwaltung der Familie Hasan Paschas gewohnte 
Bevölkerung zu regieren suchten. Infolge dessen wurde der von dem 
Diwan von Bardäd empfohlene Sultan Pascha, der Schwiegersohn Ahmeds, 
der Gatte seiner ältesten ehrgeizigen Tochter *Adele Chatün, zum Pascha 
ernannt. Dreizehn Jahre dauerte seine Regierungszeit, worauf nach zwei- 
jähriger Verwaltung des *Ali Pascha el *Ag^emi, der Gatte der zweiten 
Tochter Ahmed Paschas, *Omar, zum Statthalter von Bardäd gemacht wurde. 
Diesen fand Niebuhr*) während seines dortigen Aufenthalts vor. 

Mit *Omar endete die Reihe der Nachkommen des Hasan Pascha. 
Seinen Gegnern gelang es, seine Absetzung zu bewirken, und auf dem 
Wege nach Orfa, dessen Paschalik er übernehmen sollte, wurde er ge- 
tötet, sein Haupt wurde nach Konstantinopel gesandt. 

Die genannte Periode ist diejenige, in welcher Bardäd sich aus 
seinen Trümmern zu erheben und wieder Bedeutung zu gewinnen anfing. 
Die Beduinen und Kurden der grossen Provinz wurden in Schach ge- 
halten, die Sicherheit der Strassen erreichte ein bisher unbekanntes 
Mass, und der Handel von Indien fand in Bardäd einen Stapelplatz. In 
der Stadt wie in der Umgebung herrschten geordnete Verhältnisse, und 
selbst eine grosse Pest im Jahre 1773 vermochte die rapide Zunahme 
der Bevölkerung nicht aufzuhalten. Noch mehr blühte der Wohlstand 
Bardäds unter der Verwaltung Suleimän Paschas auf, der von 1777 (nach 
Ritter, von 1780 nach Olivier) bis 1802 im Amt war. Suleimän war unter 
Abmeds Schwiegersohn *Omar Pascha Untergouverneur von Ba§ra ge- 

*) Vergl. Malcolm, History of Persia, Bd. II S. 54 ff. 
•) Voyage, vol. II S. 262. 



278 Kar- XVI. Die Wahhäbiten. — SÄ*id ftischm. 

wcsen und hatte diese Stadt gegen den Perser Kerim Chan heldenmütig 
verteidigt. Olivier*) giebt an, dass allein unter Suleimän die Stadt um 
30000 bis 40000 Einwohner zugenommen habe. 

Im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts wurde Bardäd durch das 
Aufkommen der Puritanersekte der Wahhäbiten beunruhigt. Zwar ist 
die Stadt nie in unmittelbare Gefahr gekommen, doch gelang es den 
Wahhäbiten mehrmals, bis auf wenige Tagemärsche von der Stadt vor- 
zudringen*). Schon im Jahre 1799 wurde von Suleimän, in Verbindung 
mit den Muntefik-Stämmen, eine grosse Expedition gegen sie unter- 
nommen, jedoch vergeblich die P>oberung des ostarabischen Hasa ver- 
sucht"). 1804 wollte *Ali Pascha sie mit einem grossen Heer in ihrem 
eigenen Lande aufsuchen, blieb aber schon bei Hille stehen, da er vor 
dem gefährlichen Marsch durch die Wüste zurückschreckte. 

Im Jahre 1801 war das den Schi*iten heilige Kerbela von den 
Wahhäbiten überfallen und ausgeplündert worden*). Als darauf der 
Perser-Schäh einen Rachezug gegen die Frevler unternehmen wollte, ver- 
weigerte die Türkei den Durchzug durch Bardäd, infolge dessen sich der 
Schah damit begnügte, durch einen gedungenen Meuchelmörder den 
Fürsten der Wahhäbiten *Abd el *Aziz ermorden zu lassen. 1807 wagten 
die Wahhäbiten einen Angriff auf Negef, und 18 10 versuchten sie neuer- 
dings Kerbela einzunehmen — beides ohne Erfolgt). 

18 10 drang zum letzten Mal eine Abteilung Wahhäbiten im *Iräk 
vor und näherte sich Hardäd bis auf eine Entfernung von zwei Tage- 
märschen ^). Die Gefahr für die Stadt ging auch diesmal vorüber, und 
das Eingreifen der Egypter in Westarabien hinderte jede Offensivbe- 
wegung der Wahhäbiten im Osten. Durch die Eroberung ihrer Haupt- 
stadt 1819 wurden weitere Beunruhigungen definitiv beschworen. 

Auf Suleimän Pascha, der im Jahre 1S02 starb, war zunächst einer 
seiner obersten Beamten, 'Ali Pascha, gefolgt; dann sein eigener Sohn 
Sa*id Pascha, der be^^onderes Ansehen genoss, weil er in Bardäd selbst 
als freier Muhammedaner geboren wurde"), während die meisten übrigen 
Statthalter von Sklaven abstammten. Sa*id war durch den Diwan dem 
Sultan zur Genehmigung vorgeschlagen worden und rechtfertigte das ihm 
entgegengebrachte Vertrauen im reichsten Masse. Er setzte die Zölle 
ausserordentlich herab und that alles, um den Handel Bardäds zu heben*). 

*) Voyage, vol. IV S. 324. 

*] Vergl. Corancez, Ilistoire des Wahabis depuis leur origine jasqu'a la fin, 1809, S. 6l iF. 

^. ^'crgl. Mengin, Histoire de l'Lgypte, Bd. II S. 5 !8; Burckhardt, Bemerk, ctc, S. 450 ff. 

*) Ver«!. -Mengin a. a. O. IM. II S. 522 ff. 

* Vergl. Mengin a. a. O. Hd. II S. 53S. 

^, Vergl. Mengin a. a. O. Bd. II S. 534. 

^ Vergl. Bnckinghani. Travels in Mesupotamia, Bd. II S. 197. 

*•, Vergl. Wellstcd, Travels lo the City of ihe Chaliphs, Bd. I S. 249. 



Kap. XVL Daud Pascha. — Pest und Ueberschwemmunf;^. 270 

Sein Nachfolger war Däüd Pascha (1817 bis 1832), wiederum ein 
ehemaliger christlicher georgischer Sklave. Seine Verwaltung ist in 
vielfacher Beziehung eine der bedeutendsten gewesen, welche Bardäd 
erlebt hat. Rücksichtslos und energisch, war Däüd Pascha gleichzeitig 
ein ungewöhnlich begabter und aufgeklärter Mann, der die Fortschritte 
der europäischen Civilisation für seinen Verwaltungsbezirk nutzbar machen 
wollte. Der englische Resident Colonel Taylor war sein Freund und 
Berater. Durch europäische Offiziere Hess er seine Truppen, deren Zahl 
er sehr vermehrte, schulen, und mit diesem Militär wurden die Bedu- 
inen und Kurden im Zaum gehalten. 

Die Statthalterschaft von Bardäd war zu seiner Zeit grösser als 
das heutige Wilajet Bardäd, Ba§ra, Mö§ul und das Mute?arriflik 
Der ez Zör zusammen; sie wur4e begrenzt von der arabischen Wüste, 
dem Paschalik von Diärbekr, dem türkisch -persischen Gebirge und 
dem Persischen Meerbusen. In diesem riesigen Gebiet herrschte 
überall Ordnung und stramme Zucht, der Wohlstand hob sich allseitig, 
und insbesondere die Hauptstadt Bardäd vergrösserte sich derart, dass 
sie von Augenzeugen auf 1 50 000 Einwohner geschätzt wurde. Der Ehr- 





Kupfcrmünze von Sa'id Pascha. Bardäd 1231 d. H. = 181 6. 

geiz Däüd Paschas ging aber weiter; durch das Beispiel des vom Glück 
begünstigten Mubammed 'AH von Egypten ermuntert, ging er offen darauf 
aus, sein Paschalik zum selbständigen Fürstentum zu machen. So Hess er 
eigene Münzen schlagen, in dem russisch- türkischen Kriege weigerte er 
sich, Truppen zu stellen und an die Pforte die verlangten höheren Geld- 
beträge zu senden, und wer weiss, ob nicht seine ehrgeizigen Pläne Erfolg 
gehabt hätten, wenn nicht eine der schrecklichsten Katastrophen, die je 
der Orient gesehen, über seine Provinz und insbesondere über die Stadt 
Bardäd hereingebrochen wäre. 

Im Jahre 183 1 begann die Pest in Bardäd ihren Einzug zu halten 
und soll in kurzer Zeit 50000 Einwohner weggerafft haben. Die Truppen 
des Paschas starben bis auf wenige Mann, seine ganze Organisation zerfiel. 
Gleichzeitig trat der Tigris über seine Ufer; eine grauenhafte Ucber- 
schwemmung zerstörte an vielen Stellen die Mauern der Stadt und brachte, 
wenn man den Aussagen der Reisenden Glauben schenken soll, zwei 
Drittel der gesamten Häuser von Bardäd zum Einsturz. Von der 150 000 



28o ^P- ^^ I- I^^Äad Paschas Ende. — 'Ali Pascha und die Beduliien. 

Seelen starken Bevölkerung sollen nach der Katastrophe nur noch 20 000 
übrig gewesen sein*). 

Nachdem die Wut der Pest einigermassen nachgelassen hatte, setzte 
sich *Aii Pascha von Aleppo, der schon seit längerer Zeit zu Däüds 
Nachfolger bestimmt war, mit starker Heeresmacht gegen ihn in Be- 
wegung. Däüd, dessen tyrannische Allüren ihn trotz seiner Reformen unbe- 
liebt gemacht hatten, fand wenig Unterstützung und musste die Stadt, die 
von seinen wenigen Getreuen heldenmütig verteidigt wurde, nach kurzer Be- 
lagerung übergeben. Sein Leben rettete er durch Aufopferung seiner Schätze. 
Der Sultan Mahmud, der mit der alten Ueberlieferung gebrochen hatte, 
aufrührerische Pa^^chas sofort hinrichten zu lassen, begnadigte ihn, und 
Däüd durfte den Rest seines Lebens friedlich am Bosporus zubringen. 

Durch die Ueberschwemmung wurde Bardäd schlimmer verheert als 
durch die früheren Eroberungen. Grössere Reste der alten Chalifenstadt waren 
wohl schon vorher verschwunden, und von den Bauwerken, die unter Hasan 
Pascha und seinen Nachfolgern entstanden waren, blieb nur wenig übrig. 

Unter *Ali Pascha erholte sich die Stadt nur sehr langsam. Harte 
Steuern und Zölle lähmten den Handel, und die Bauern wurden durch 
die Unterbeamten schier erdrückt. Hinzu kamen die Streitigkeiten mit 
den Beduinen, die bereits gestreift wurden*). 

'Ali Pascha hatte sich mit dem Schammar-Schech Sufüg zur Be- 
kämpfung Däüd Paschas verbündet. Um die Schammar wieder los zu 
werden, rief *Ali die *Aneze ins F'eld, die ihrerseits nur mit grosser Mühe 
zum Abzug zu bringen waren. Gleichzeitig erhoben sich die 'Agel, 
welche unter Suleimän Pascha in der Weststadt angesiedelt worden 
waren und das Monopol des Karawanen-Transports nach Syrien besassen, 
in offener Rebellion, und gegen sie wurden wieder die Zubed aufgeboten. 
Die Folge von Pest, Ueberschwemmung, Beduinenbedrängung und Miss- 
wirtschaft war noch eine grosse Hungersnot. Nach einer Schätzung von 
Southgate^) war die Einwohnerzahl der Stadt im Jahre 1837 wieder 
auf 40 000 zurückgegangen. Die klugen Reformen der Pforte, die Ab- 
schaffung der hohen Zölle und die bald entstehende Dampfschiffahrt auf 
dem unteren Tigris, haben indess die unheilvollen Einwirkungen über- 
raschend schnell überwinden helfen, heute ist Bardäd wie er\iähnt, auf 
etwa 200000 Einwohner zu schätzen und zweifellos eine der wohl- 
habendsten Provinzhauptstädte des türkischen Reiches. 

Für die Entwicklung Bardäds ist in der neuesten Zeit die Ver- 
waltungsperiode Midhat Paschas besonders bedeutsam geworden, welcher 
Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre den Posten des 

»^ Verjrl. Wellsted a. a. (). Bd. 1 S. 295. 

* Vergl. oben Kap. XI S. 57 ff.; ferner Groves, Journal of a residence mt Bagdad 
during the years 1831 and 1832. 
^^ ') Travels in Armenia, Kurdestan etc., Bd. II S. 178. 



Kap. XVI. Midbat Pascha und seine Reformen. 28 1 

General-Gouverneurs inne hatte. Aus seiner Zeit liihrt unter anderem 
die Telegraphenlinie von Bardäd zum Euphrat über Salfläwije nach 
Rumädi unterhalb Hit her, die eigens angelegt wurde, um die Bewegungen 
der *Aneze zu überwachen. Die von ihm erbaute Pferdebahn nach Käzimen 
wurde bereits erwähnt. Ferner rief er mehrere Schulen ins Leben, darunter 
eine Gewerbeschule, die allerdings bereits wieder eingegangen ist. Er hat 
den Versuch gemacht, den grossen Sumpf nordwestlich von Bardäd, der 
durch Vernachlässigung des Salfläwije- Kanals entstanden ist, zu ent- 
wässern, indem er mit der Anlage eines Abzugskanals begann. Die 
Arbeit aber blieb unvollendet, der Kanal trat später über seine Ufer aus 
und überschwemmte die ganze Gegend. 

Ein unglücklicher Gedanke Midbats war, die Stadtmauer von Bardäd 
niederreissen zu lassen, die, aus ältester Zeit stammend, und von den 
Türken restauriert, zwar durch die vielfachen Belagerungen und durch 
regelmässige Ueberschwemmung gelitten hatte, doch zweifellos genügte, 
um einen Ansturm nichteuropäischer Gegner abzuwehren. Midbat Pascha 
war anderer Ansicht und glaubte, dass sie der Luftcirkulation in der 
Stadt hinderlich wäre. Nach dem Beispiel abendländischer Grossstädte, 
insbesondere Wiens, welches er mehrmals besucht hatte, meinte er aus 
Bardäd eine offene Stadt machen zu sollen. Die Mauern fielen, und an 
ihrer Stelle zeigt sich heute eine niedrige wallartige Erhöhung mit nur 
wenigen Resten der alten Befestigung. Die Steine der Mauern wurden 
zum Bau der neuen Stadtteile verwandt. Neben den inneren Reformen 
widmete sich Midbat Pascha auch der Aufgabe, der türkischen Autorität 
weitere von selbständigen Araberstämmen bewohnte Gebiete zu erobern. 
Geschickt benutzte er die Streitigkeiten zweier Araberfiirsten aus dem 
Fürstenhause der Wahhäbiten, um im Jahre 1870 das am Persischen 
Meer gelegene Gebiet von Hasa (Hufbuf) zu annektieren, das unter dem 
Namen Sangal^ Neg^d dem Wilajet Bardäd einverleibt wurde. Im Jahre 
1878 wurde von der Provinz Bardäd das neue Wilajet Mö§ul und im 
Jahre 1884 als weiteres besonderes Wilajet Ba$ra abgetrennt^). Von 
äusseren Feinden ist Bardäd seit Nadir Schahs Belagerung zwar niemals 
ernstlich bedroht worden, immerhin haben die Perser auf die Stadt und 
die heiligen Orte der schi*itischen Sekte, Kerbela (Meschhed Husein), Negef 
(Meschhed *Ali) u. s. w., ihre Ansprüche nicht aufgegeben, und jedesmal, 
wenn die Türkei in einen Krieg verwickelt wurde, Miene gemacht, 
Bardäd wieder zu erobern, so im Jahre 1827, während des Krimkrieges*) 
und während des letzten russisch-türkischen Krieges. 



») Verjfl. Cuinet, la Turquie d'Asie, Vol. III S. 215. 
•) Vcrjfl. Petermann a. a. O. Bd. II S. 283. 



XVII. KAPITEL. 



Von Bardad nach Basra. 

Abfahrt von Bardäd. — An Bord des Tigrisdampfers »Chalife«. — Die Ruine von Ti^ 
Kesra. — Ktesiphon. — Aus der Geschichte Ktesiphons. — *Azizije nnd KüL — 'Amara; 
die Subbe. — Schatra. — Kl'Ozcr, das Grabmal des Ezra. — Gume, Zaiammenflnss des 
Euphrat und des Tigris. - - Landung in Ba^^ra. — Strassenbild tod Bafnu — Die Bevölkernng. 
— Handel und Schiffahrt. — Hasra als Sitz der Kefnerang. — Aas der Geschichce 
Barras. — Ba^ra als Centrum wissenschaftlicher und religiöser Bestrebungen. — Die Bifite- 
zeit Ba^iras. — Die Afräsiäbs. — Ba^ra in der Neuzeit. — Die jüngste Entwicklani; der StadL 



In Bardäd trennte ich mich von meinem Sekretär Negib Sallüm 
und dem braven Uiener Tannus; sie reisten auf der Karawanenstrasse 
über Felluj>a, den Euphrat stromauf, heimwärts. Mit beiden konnte ich 
in jeder Hczichung zufrieden sein. Der sogenannte Schech Man$ür kam 
erst am Tage nach meiner Abreise mit Aschbän und den Pferden in 
Bardad an. Er hatte für die Reise von Mo<;ul nach Bardäd über Erbil 
und Kcrkuk nahezu vier Wochen gebraucht, obgleich diese Strecke 
bequem in lo bis 12 Tagen zurückgelegt wird. Trotzdem hatte er die 
Pferde so schlecht gepflegt, dass meine beiden Reitpferde bei ihrer An- 
kunft lahmten. Beide Tiere wurden später von Herrn Richarz für mich 
verkauft, während ich Ne^^ib und Tannüs die von ihnen bisher gerittenen 
Pferde und die notwendigen Reiseutensilien überliess. 

Spät am Abend des 10. September begab ich mich an Bord des 
englischen Dampfers :>Chahfec:; tags darauf in aller Frühe erfolgte die 
Abfahrt. Mit Wehmut sah ich die malerischen Minarets und Kuppeln 
von Bardäd nach und nach hinter den Palmenhainen verschwinden, 
welche die Ufer des Tigris noch über eine Stunde lang zu beiden Seiten 
einrahmen. Bald darauf fuhren wir an den riesigen Lagerplätzen vorbcü, 
in denen fast ein Drittel der Bevölkerung von Bardäd eine Zufluchtsstätte 
vor der furchtbaren Seuche gesucht hatte. In Zelten und provisorischen 
Bauten aus Holz, Matten, Decken, Zeugen u. s. w. hausten hier Tausende 
von Menschen auf engem Räume dicht zusammengepresst, zu natürlich« 



Kap. XVII. An Bord des Tigrisdampfers »Chalifec. 



283 



dass die Cholera hier einen vielleicht noch günstigeren Boden fand, als in 
der Stadt selbst. 

Die Dampferfahrt bis Ba§ra dauerte vier Tage und verlief sehr 
angenehm. Meine Kabine war gut und bequem; die Kost kam mir, 
der ich durch die lange Wüstenreise gewiss nicht verwöhnt war, recht 
leidlich vor. Das Schiff bot Raum genug zur Bewegung, und auf dem 
Deck gaben die zahlreichen eingeborenen Passagiere Gelegenheit zu 
interessanten Beobachtungen. Fast alle Rassen und Religionen Vorder- 
asiens waren vertreten. Die einzelnen Familien hatten hier mit ihren 




Deck eines Tigrisdampfers. 



Kisten und Kasten und ihren Proviantkörben Verschlage gebildet, inner- 
halb deren nachts die Bettmatratzen ausgebreitet wurden. Die »Chalife« 
war provisorisch dem Kommando eines Mr. Hanslow unterstellt, die 
Mannschaft bestand wie die der übrigen englischen und türkischen Fluss- 
dampfer aus chaldäischen Christen, grossen, starken und gutmütigen 
Leuten, deren eigentliche Heimat das Gebirge nördlich von Mö§ul ist; 
die Steuerleute und Piloten dagegen waren muhammedanische Araber. 
Der Buchhalter, Herr Swoboda, war ein in Bardäd geborener Kroate, 
die übrigen Offiziere Engländer. An Passagieren befanden sich in der 
ersten Kajüte nur noch eine Frau Paduan nebst ihren beiden liebens- 
würdigen hübschen Töchtern, welche, wie Herr Swoboda, einen Europäer 



284 



Kap. XVII. Die Kuiue %'on Tä\p Kesra. 



zum Vater und eine eingeborene Christin zur Mutter hatten. Die Damen 
begaben sich als verspätete Flüchtlinge vor der Cholera zu Verwandten 
nach Basra. 

Bald nachdem die Palmenwälder verschwunden waren, stellten die 
Ufer des Tigris eine einförmige Ebene dar. Hier und da nur waren die Ränder 
des Flusses von dichtem, niedrigem Tamariskengebüsch, dem sogenannten 
Zör, bedeckt, zuweilen wurden die Mündungen meist vertrockneter 
Kanäle oder Irrigationsgräben sichtbar. Die Ufer waren früher die 
Heimat zahlreicher wilder Tiere, namentlich des mähnenlosen Löwen, 




Steuermann einer 1 ij^risbarke. 

von denen Rieh im Jahre 1814 wahrend seiner Thalfahrt mehrere ge- 
sehen hat. Jetzt, nach erfolgter Abholzung, hat das Geräusch der 
zahlreichen Dampfer die Tiere verscheucht. Der Löwe soll überhaupt 
nur noch selten in Babylonien vorkommen.^) 

Nach wenigen Stunden Fahrt passierten wir links die Einmündung 
des Dialaflusscs, und bald darauftauchte die Riesenruine von Täki Kesra auf, 
der einzige Ueberrest der alten persischen Königsstadt Ktesiphon. Hier 
macht der Tigris eine grosse Schlinge nach Süden, in deren oberer 



^] In dem Tierpark des Muhamme<l Pascha Därestäni ^verjjl. oben S. 265) befindet 
sich jjegenwärti^ ein babylonisches Löwenpaar aus der Umj^ej^end von Samäuwa, welches denaaf 
assyrisch-babylonischen Denkmälern abgebildeten Tieren sehr ähnlich sein soll. 



Kap. XVII. Die Ruine von Ta^i Kesra. 



285 



Oeffnung Täki Kesra liegt, während gegenüber, auf dem rechten Ufer 
des Stromes, sich die Reste der Schwesterstadt Seleucia befinden. Die 
Flussschlinge hat über eine Stunde Umfahrtlänge. Die Front des Gebäudes 
blickt nach Osten. In der Mitte und als wichtigster Teil derselben wölbt sich 
eine ungeheure Halle (persisch täk = Bogen) von 76 Fuss Breite, 85 Fuss 
Höhe und 148 Fuss Tiefe ^). Die ganze Fassade hat 270 Fuss Länge bei 
einer Höhe von 86 Fuss. Die Mauern der Front sind 18, die der Halle 
23 Fuss stark. Freiherr von Thielmann*) vergleicht das mächtige Bau- 
werk mit dem Otto Heinrich-Bau des Heidelberger Schlosses und nennt 
es die grossartigste Einzelruine der Welt. Ausser den Frontmauern und 




Rückseite des Sassaniden-Palasles von Ktesiphon. 



der Halle sind von dem einstigen Riesenbau nur noch spärliche Mauer- 
reste vorhanden. Die Vorderansicht der Fassade zeigt mehrere offene 
und verblendete Thore und darüber vier Reihen von verblendeten 
Fenstern. Das Baumaterial sind gebrannte Ziegelsteine von einer Festig- 
keit, wie man sie gegenwärtig in Mesopotamien nicht weiter findet; das 

*) VergrI. Olivier, Voyage dans Terapire Ottomane, Bd. II S. 434. Etwas abweichen«! 
die Masse bei Kinneir, A geog^raphical Memoir of the Persian Empire, S. 254; ferner 
Fräser, Travels in Kurdistan etc., Bd. II S. 5, und Rieh, Narrative of a Residence in 
Koordistan, Bd. II S. 404. Abbildungen finden sich u. a. bei Chesney, Expedition to the 
Euphrates and Tigris, Bd. I S. 35; bei Keppel, Personal Narrative of travels in Babylonia, 
Assyria etc., i. Tafel zu Seite 133; bei Dieulafoy, la Perse etc. in der Tour du monde, 
Jahrgang 1885, Bd.I S. 126. Vergl. ferner Schneidewirth, Seleucia am Tigris, Heiligenstadt 1879; 
und Fabian, De Seleucia Babylonia, Leipzig 1869. 

') Streifzüge im Kaukasus, Persien und in der asiatischen Türkei, S. 3S0. 



286 Kaf>. XVII. Ktcsiphon. 

Holzwerk besteht zum Teil aus kostbaren indischen Teak -Balken und 
Sandelholz. Die Deckenwölbung der Halle mit ihrer Spannweite von 
76 Fuss ganz aus Ziegeln herzustellen, war gewiss eine grossartige 
Leistung der Baukunst. Im Jahre 1888 stürzte einer der Flügel der 
Fassade ein, ob infolge der Baufälligkeit oder des Ausbrechens der 
Klammern und Balken, ist nicht bekannt geworden. 

Im übrigen sind von der alten Königsstadt nur einzelne niedrige 
Mauerreste übrig geblieben, von dem gegenüberliegenden Seleucia nur 
zahlreiche, noch niemals durchforschte niedrige Schutthaufen. Die ältere 
der beiden Städte ist Seleucia, so genannt nach ihrem Gründer Seleucus, 
einem der Feldherren Alexanders des Grossen, der nach dem Tode des 
Königs bei der Teilung des macedonischen Weltreiches die Satrapie 
Babylonien erhielt. Im Verlauf eines Jahrzehnts gelang es ihm, Susiana, 
Persien und Indien bis zum Ganges zu erwerben, worauf er im Jahre 306 
den Königstitel annahm und durch die Eroberung von Syrien, Mesopo- 
tamien, Armenien und dem östlichen Kleinasien ein grosses vorder- 
asiatisches Reich schuf. Zu dessen Hauptstadt erhob er die von ihm 
gegründete Stadt. Sie kam auf Kosten des alten Babylon in die Höhe, 
von dessen immer mehr zerfallenden Gebäuden das Material und zahl- 
reiche Kunstwerke zum Bau der neuen Residenz herbeigeschafft wurde. 
Auch in kommerzieller Beziehung trat Seleucia das Erbe des alten 
Babylon an. Wesentlich trug hierzu die ausserordentlich günstige Lage 
der Stadt bei*); hier mündete der Königskanal, einer der vier grossen 
alten Kanäle, welche Euphrat und Tigris verbinden. Bis in die späte 
Chalifenzcit hat der Kanal sich erhalten, jetzt existiert er nicht mehr, 
doch sind .seine Spuren noch sichtbar. Anscheinend wurde schon unter 
den Seleucidcn Ktcsiphon auf der gegenüberliegenden Seite als Vorort 
angelegt*^). 

Den Seleucidcn folgten, nachdem im Jahre 130 Antiochius Sidetes 
im Kampfe gegen Mithridates gefallen war, die Arsaciden, ein selbständig 
gewordener persischer Adelsstamm. Auch unter der neuen Dynastie 
behielten die Schwesterstädte ihre Bedeutung. Strabo*) sagt ausdrücklich, 
dass Ktcsiphon den Parthcrkönigcn als Winterresidenz gedient habe, 
damit di^ noch griechische Kinwohnerschaft nicht von dem skytischen 
Volke und den zahlreichen Soldaten belästigt würde. Ktcsiphon erhielt 
infolge dieser besonderen Rücksichtnahme, wie Strabo hervorhebt, einen 
vorwiegend parthischen Charakter. In beiden Städten blühten Künste 
und Wissenschaften; in Seleucia wurde der stoische Philosoph Diogenes 
geboren. 

' Vcrj^l. Droysen, Geschichte des Hellenismus, Bd. III S. 73. 

' Vertjl. die Kritik der (Quellen bei Droysen a. a. O. Bd. III, 2, S. 314. 

' Buch 16, Kap. I. 





o 



Kap. XVII. Aus der Geschichte Ktesiphons. 287 

Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert begann Seleucia zu verfallen. 
Nachdem Kaiser Trajan auf seinem Zuge gegen die Parther die Stadt im 
Jahre 116 ohne Kampf besetzt hatte und dann weiter nach der Euphrat- 
mündung gezogen war, empörte sich die Einwohnerschaft hinter seinem 
Rücken, worauf die Stadt von dem herbeieilenden Kaiser erstürmt und in 
Asche gelegt wurde ^). Im Jahre 165 wurden Seleucia und Ktesiphon von 
dem römischen Feldherrn Avidius Cassius noch gründlicher zerstört; angeb- 
lich soll Seleucia damals noch eine halbe Million Einwohner gezählt haben*). 
Eine dritte Eroberung beider Städte erfolgte im Jahre 198 durch Kaiser 
Septimius Severus^). Seit dieser Zeit scheint Ktesiphon, dessen Name 
ebenfalls auf griechischen Ursprung hindeutet, in die Höhe gekommen 
zu sein, während Seleucia rasch zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsank*). 

Um die Mitte des dritten Jahrhunderts wurde die Dynastie der 
Arsaciden von .den Sassaniden gestürzt, welche die legitimen Erben des 
alten persischen Herrscherhauses der Achämeniden zu sein behaupteten. 
Auch die Sassaniden behielten Ktesiphon als Winterresidenz bei — 
neben Susa — und brachten es zu neuer Blüte. Das alte Seleucia muss 
damals schon ganz in Trümmern gelegen haben, denn von dem Sassaniden 
Ardaschir, der zur Zeit des Kaisers Julian regierte, wird ausdrücklich 
berichtet, dass er Seleucia neu begründet habe^). Ktesiphon wurde von 
den Sassaniden mit Prachtbauten geschmückt; so wissen wir, dass schon 
Sapor I.®) sich dort ein grosses Schloss erbaut hat, dessen Ueberreste 
wahrscheinlich in der Ruine Täl^i Kesra erhalten sind. Der Chalif El 
Man§ür hat vergeblich versucht, diesen Palast zu zerstören, in der Absicht, 
das bessere Material für seine eigenen Bauten in Bardäd zu benutzen. 

Um Täki Kesra herum, östlich vom Tigris, wohnen jetzt zwei kleine 
Beduinenstämme Batt (»Enten«) und rechts weiter flussabwärts der Stamm 
der Beni *Agel, während sonst das linke Ufer von Bardäd an bis zu der 
auf der Weiterfahrt zunächst erreichten Ortschaft 'Azizije von dem ziemlich 
bedeutenden Stamme der Däwer und das rechte Ufer von den Zubed 
bewohnt wird. 

'Azizije, das wir nachmittags gegen 4 Uhr passierten, ist der Sitz 
eines Käimmakäm. Der Ort besteht im wesentlichen aus dem burgähnlichen 
Konak dieses Beamten und einigen wenigen dazu gehörigen Häusern für 
die Untergebenen und die geringe Zaptijebesatzung. Sämtliche Gebäude 



*) Verj^l. Mommsen a. a. O. Bd. V S. 400. 

') Vergl. Mommsen a. a, O. Bd. V S. 408. 

') Vergl. Mommsen a. a. O. Bd. V S. 410. 

*) Vergl. Droysen a. a. O. Bd. III, 2, S. 135. 

*) Verg-l. Nöldeke, Tabari-Uebersetzung, Geschichte der Perser und Araber zur Zeit 
der Sassamden, S. 16, Anm. i und S. 62. 

^ Vergi. Nöldeke a* a. O. S. 42, Anm. 



288 



Kap. XVII. 'Azizije und KüL 



sind aus getrockneten» Erdziegeln erbaut. Gegenüber, auf dem rechten 
Ufer, beginnen die enormen Privatbesitzungen des Sultans, die sich abwärts 
bis zum Schatt el Hai gegenüber Küt ausdehnen. Der Hauptsitz der 
Verwaltung ist in Bercle, einem kleinen Städtchen auf dem rechten Flussufer 
vor dem Ausfluss des Schatt cl Hai, das wir um 1 1 Uhr abends passierten. 
Unterhalb 'Azizije macht der Tigris eine grosse Schleife nach Westen, 
Hamenije genannt, ein Name, der sich von einer gleichnamigen, einst 
hier gelegenen Stadt auf den Strom übertragen hat. 

Am 12. September morgens hielten wir vor Küt*), einem Städtchen 
von etwa 500 Häusern und ebenfalls Sitz eines Käimmal;^m, der noch von 




Küt am Tij^ris. 



Hardad abhängt. Gegenwärtig wird hier eine Moschee mit Minaret gebaut. 
In Küt leben nur wenige Christen, etliche Juden und viele Kurden aus 
dem Gebirge von Luristan, deren Oberhaupt der berüchtigte Husen Küli 
Chan, Bcg von Luristan, ist. Kr steht nur in losem Vasallenverhältnis 
zum Schah von Persicn, das seinen Ausdruck in einem Tribut findet 
dessen Höhe dem Helicbcn des Beg anheimgestellt bleibt. Seine Raub- und 
Streifzüge auf türkischem Gebiet sind jedoch in letzter Zeit seltener geworden. 
In Bardäd geht das Gerücht, dass er vor zehn Jahren einen Schweizer, 
W. Wartmann-), den reichsten europäischen Kaufmann von Bardäd, der 
eine grössere Summe von ihm einkassiert hatte, auf dem Rückwege habe 

' Das Wort Küi ist Hindostani und bedeutet kleine Festungc. 
-■ Wartniann hat s. Z. den Kreiherrn v. Thiclraann beherber(|^. 



Kap. XVII. *Amära. 



289 



ermorden und ihm das Geld wieder abnehmen lassen. Das Gerücht 
wird allerdings bestritten, nach der officiellen Darstellung soll Wartmann 
-durch einen Sturz mit dem Pferde ums Leben gekommen sein. 

Bei Küt geht der grosse Kanal Schatt el Hai vom Tigris ab und 
fliesst genau in südlicher Richtung dem Euphrat zu, spaltet sich aber 
unterhalb des Städtchens Schatra in zahllose Kanäle und erreicht nur 
mit einem schmalen Nebenarm bei Nä§rije den Euphrat, trocknet auch, 
y.ur Zeit des niedrigen Wasserstandes, zuweilen ganz aus. 

Unterhalb Küt wurde die Fahrt höchst einförmig, die immer 
niedriger werdenden Ufer waren vollständig öde, unbebaut und ohne 




Araberdorf in Süd-Mesopotamien. 



Dörfer. Das einzige Zeichen der Kultur bildete der Telegraph, der, sich 
auf dem linken Ufer haltend, die Krümmungen des Stromes in gerader 
Linie abschnitt. Die erste feste Ansiedelung war Imäm *Ali el Rarbi mit 
dem Grabe des 'Ali el Rarbi nebst schöner Moschee. 

Am 13. September erreichten wir die auf dem Ostufer gelegene 
Stadt 'Amära, die schon zum Wiläjet Ba.^ra gehört. Die Stadt ist der 
Sitz eines Mute§arrif und hat eine Garnison von zwei Bataillonen 
Infanterie. Sie ist ganz neuen Datums^), weshalb sie auf den englischen 
Tigriskarten noch nicht angegeben ist. Vor 30 Jahren stand hier nur 
ein einziges Haus, das des Schech der *Amära, welche jetzt die Um- 



*) VergL auch Schläfli, Reisen in den Orient, S. 136. 
Frln. ▼. OppmAtimt Vom Mittclmeer som Persischen Golf. IL 



19 



290 Kap. XVII. Die J;iubbc. — Schatra. 

gebung der Stadt bevölkern. Die Einwohnerschaft der neuen Ansiedelung 
ist bunt gemischt. Die Muhammedaner sind hauptsächlich Schi*iten, 
die, wie überall, sich auch hier äusserst fanatisch zeigen und drei Moscheen 
besitzen. Die Christen sind nur mit zwanzig Häusern vertreten, die 
Juden mit fünfzig. Ausserdem haben die Subbe, Bekenner einer jener 
Geheimreligionen, an welchen der Orient so reich ist, hier etwa noch 
fünfzig Häuser. Als Stifter ihrer Sekte betrachten die Subbe Johannes den 
Täufer, den sie noch über Christus stellen. Sie werden deshalb auch 
Johanneschristen genannt. Die Sprache ihrer heiligen Bücher ist das 
Mandäische, ein üeberbleibsel der alten Landessprache, die erst im 
Mittelalter durch das Arabische verdrängt worden ist^). Ihr wichtigstes 
religiöses Buch ist Sidrä rabbä, »das grosse Buche Sie gelten für Nach- 
kommen der alten Babylonier, und in der That ist noch heutzutage ihre 
Religion mit heidnischen Vorstellungen verquickt. Die Frauen sind 
wegen ihrer Schönheit berühmt. Die Subbe sollen an Zahl immer mehr 
abnehmen, sie finden sich hauptsächlich nur noch in einzelnen Ortschaften 
des unteren Euphrat, so in Suk esch Schiüch, ferner in Ahwäz am Karün^). In 
'Amära sind sie zum Teil Fellachen und Fischer sowie Handwerker. Ihre 
Kleidung ist die der übrigen Einwohner^ zeichnet sich aber durch grössere 
Sauberkeit aus. 

Am 14. September früh morgens passierten wir Kal^at Säleb 

4-L^ <äB, die Burg des vor zwanzig Jahren gestorbenen Schech Säleb- 

Jetzt wird die aufblühende kleine Stadt, die auch Sitz eines Käimmal<^m 

ist, Schatra ij^ul/ genannt. Von Schech Sa*ad hinauf bis 'Amära haust 

rechts und links vom Fluss der zahlreiche Stamm der Beni Läm a jf ^ 

unter seinem grossen Schech Beneje ibn Mizbän jlj^ </ i-l-. Von 

*Amära bis Gurne streifen die Albü Muhammed Jj^ ^^, früher ebenso 

berüchtigt als Räuber wie die Beni Läm. Mit ihren kleinen Kähnen 
schleichen sie sich an die Schiffe heran, plündern sie und verstecken 

^} Bearbeitet von Nöldeke, Mandäische Grammatik (kleinere Arbeiten); ChwolsoOt 
Die Sabäer. Die beste Darstellung des sehr krausen und wüsten Religionssyitems der 
l?ubbe findet sich in Petermanns Reise, Bd. II S. 98 ff. Auch Po^on, der frühere fru- 
zösische Konsul in Bardäd, hat über die ^ubbe ^geschrieben. Weniger anf den tchriftlicfacn 
Quellen als auf mündlichen Mitteilungen von Mandäem beruht die Arbeit Ton Sionffi. 

') In dem Werke von Thevenot, Relaüon de voyagc» curieox, Puis 1663 findet ndi 
leider ohne Angabc über ihre Herkunft, eine arabische Karte von Südmesopotamien» welche 
die Verbreitung der Subbe veranschaulichen soll. Danach hätten am die Mitte des 17. Jahr-* 
hunderts die Mandäer noch gegen 30 Ortschaften bewohnt. 



Kap. XVll, El *Ozer, das Grabmahl des Ezra. 20 1 

sich dann unauffindbar in den unzähligen kleinen, für grössere Fahrzeuge 
unzugänglichen Sümpfen. Sie wohnen in langgestreckten, hallenartigen 
Mattenhütten, Srefa*) genannt, die sie sich aus Schilf und Rohr errichten 
und die mit ihrem gewölbten Dach einen vortrefflichen Schutz gegen 
Sonnenbrand, Kälte und Regen gewähren. 

Weiter unterhalb passierten wir das auf dem rechten Ufer inmitten 

eines Palmenwäldchen gelegene Grabmal El *Ozer j jf^\^ angeblich die 

Begräbnisstätte des biblischen Propheten Ezra^, die schon von Ibn 
Batüta als Pilgerort erwähnt wird; zahlreiche jüdische Pilgerscharen wall- 
wahrten noch heute zu dem Grabgebäude, welches mit einer grossen 
hellblauen Fayencekuppel überwölbt ist, und finden Unterkunft in den 
ringsum errichteten kasernenartigen Baulichkeiten. In 'Ozcr liegt auch 
eine kleine türkische Garnison, die bestimmt ist, bei der Anhäufung der 
vielen Menschen Ruhestörungen zu verhindern. 

Eine Stunde vor dem Grabmal des Ezra macht der Fluss eine 
Biegung, *Aks esch Schetän jlkv-JÜi ^ySs^ (»Hals des Teufels«) ge- 
nannt, die das Schiff langsam und mit grösster Vorsicht durchfahren 
musste. Hierbei hatten die hübschen arabischen Mädchen der Umgegend 
Zeit, uns Nahrungsmittel zu verkaufen. Von *Ozer abwärts wird das 
Flussbett sumpfig; im Frühling ist das umliegende Land überschwemmt 
und die Mosquitoplage abscheulich. Das Wasser beginnt hier schon 
salzartig zu werden, da sich die Einwirkung der Flut bis hierher 
bemerkHch macht. 

Nach einigen Stunden wurde Gurne ^ Jb (auf den Karten Korna) 

erreicht, woEuphrat und Tigris im spitzen Winkel (Gurne bedeutet »Winkel«) 
zusammenströmen. Die wenigen Häuser des Dorfes, die von weithin sicht- 
baren Palmen beschattet werden, liegen auf der von den beiden Flüssen ge- 
bildeten schmalen Landzunge. In diese herrliche, aber leider des Fiebers 
wegen gefährliche Gegend verlegt die Lokaltradition das Paradies, den Auf- 
enthaltsort der ersten Menschen. Man zeigt noch heute im Dorfe als an- 
geblichen Baum der Erkenntnis einen Akazienbaum, der aber bereits 
mehrfach erneuert ist. Gurne ist Sitz eines Käimmakäm. Seitens der 
türkischen Zollbehörden wird hier über die den Euphrat und Tigris 
passierenden Schiffe und Kähne scharfe Aufsicht geübt. Ebenfalls zur 
Kontrolle der Schiffahrt, aber auch zu ihrem Schutze, giebt es jetzt • 
zwischen *Amära und Gurne am Tigris Etappenposten, für welche die 



') V^gl- Moritz, Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, 1888, S. 196. 
') Verj^l. ein Bild von Dieulafoy in Tour du Monde, Jahrgang 1885, Bd. I, S. 124 
bezw. U Pene etc., S. 559. 

19' 



292 



Kap. XVII. Garne, Zusammenfluas des Euphrat und des Tigris. 



Regierung zehn besondere kleine Kastelle (Kal*a) längs des Stromes hat 
aus Lehm erbauen lassen. Die Veranlassung zu dieser Einrichtung gab 

ein Angriff des Schech Sehüd ^j^^^^ der Albü Mubammed vor etwa 

zwölf Jahren. Er hatte sich mit der türkischen Regierung wegen Steuer- 
angelegenheiten überworfen und wollte sie — freilich ohne Erfolg — 




Gurne. 

mit England in Konflikt bringen; deshalb beschoss er den englischen 
Dampfer »Chalifc«, deren Steuermann getötet wurde, während der 
Kapitän und mehrere Passaj^^iere Verletzungen davontrugen. Vor zwei 
Jahren lehnte sich Schech Sehüd nochmals gegen die Regierung auf, 
und Käzim Pascha, der zu Hardäd lebende tscherkessische Schwager 
des Sultans, wurde mit Truppen gegen ihn ausgesandt. Diesem 
gelang es denn auch, die nahe bei 'Amara gelegene Festung des Re- 



Kap. XVII. Landung in Ba^ra. 



293 



bellen einzunehmen und die Ruhe wieder herzustellen. Jetzt lebt Schech 
Sehüd als Flüchtling in Hawiza in Persien. 

Die Wassermassen der beiden Brüderströme bleiben auch in dem 
gemeinsamen Bette des Schatt el 'Arab auf lange Zeit getrennt]; bis 
Basra hinab, so behaupten die Anwohner, fliesst das dunkle, durch- 
sichtige und kühlere Tigriswasser neben den trübgelben Fluten des 
Euphrat hin, und von dem am Westufer gelegenen Ba§ra soll man sich 
zum Wasserschöpfen mit Vorliebe auf die andere Seite des Stromes 
begeben. Ueppige Palmenwälder begleiteten jetzt unsere Fahrt, und die 
mit reicher Vegetation bedeckten Ufer des Schatt el *Arab waren von 
bezaubernder landschaftlicher Schönheit. Kurz vor Ba§ra wurde der 
Sohn Fabed Paschas, eines Muntefik-Schechs aus der Familie der 
Sa'dün, von einem türkischen Dampfer ans Land gesetzt. 




Der Schatt el 'Arab. 

Am Morgen des 15. September hielt unser Dampfer vor der 
Douane von Ba§ra, ungefähr 100 m von dem westlichen Ufer entfernt. 
Der Strom war hier mit einmastigen arabischen Segelschiffen ver- 
schiedenster Grösse bedeckt, die trotz ihres gebrechlichen Baues den 
ganzen Persischen Meerbusen befahren und den Tigris bis Bardäd, den 

Euphrat bis Samauwa djl^w hinaufgehen; in jüngster Zeit, nachdem der 

Hindrje-Kanal wieder hergestellt ist, können diese Schiffe bis nach dem 
Städtchen Musaijib, westlich von Bardäd, gelangen. Ausserdem lagen 
noch mehrere europäische Seedampfer und einige kleinere türkische Kriegs- 
schiffe im »Hafen« von Ba§ra. Die Breite des Schatt el *Arab genügt 
hier für die Manöver der grossen Seedampfer. Auch sind die Anker- 
verhältnisse gut, da die Strömung nur eine geringe ist. Der Schatt ist 
von seiner Mündung bis Ba§ra für die grössten Fahrzeuge tief genug. ^) 

^) Wejjen der Schlammbarre an der Mündunjj vergl. unten Kap. XVIII S. 310. 



294 



Kap. XVII. Ba^ra. 



Der Verkehr von den grösseren Schiffen nach dem Lande wird durch 

Boote verschiedener Art vermittelt, unter denen am meisten die Belem li 

auffallen, lange schmale, aber recht solide aus indischem Holz gebaute 
Fahrzeuge. 

Ba§ra liegt nicht unmittelbar am Strom, sondern etwa eine halbe 
Stunde davon entfernt an einem Kanal, der sich bei dem Zollgebäude 
abzweigt und innerhalb der Stadt in mehrere Arme teilt. Die Fahrt 
auf dem Kanal, welche ich zum Zweck des Besuches von Ba$ra alsbald 




Lanilun-^sstelle der Oceandampfer bei Ba?ra. 



antrat, war äusserst anziehend: Dampfbarkassen, wie sie jeder der grösseren 
Knuflcute zu besitzen pflegt, glitten hin und her, darunter die be- 
sonders ansehnliche des persischen Konsuls, und zahlreiche Gondeln, 
welche zu Lustfahrten benutzt werden, an denen die Araber ausser- 
ordentliches Vergnügen finden, belebten die von dichtem Palmengebüsch 
mit träumerisch geneigten Wipfeln eingerahmte Wasserstrasse. Die Gondeln 
und der Kanal, welcher die ganze Stadt durchzieht, erinnerten mich un- 
willkürlich an Venedig. 

Die Stadt selbst präsentierte sich freilich weniger schön. Die 
Gebäude bestehen durchwog aus Ziegeln und machten mit Ausnahme 
von wenigen gut gebauten Häusern den Eindruck halber Verfallenheit Noch 



Kap. XVII. Strassen und Baulichkeiten. 



295 



vor der Stadt, rechts vom Schatt, lag der prachtvolle, aber noch un- 
vollendete Neubau des muhammedanischen Kaufherrn Hägi Abmed Na*me, 
dessen Herstellungskosten sich schon zur Zeit meiner Anwesenheit auf 
angeblich 20000 türkische Pfund beliefen. 

Die Strassen sind eng und winkelig; hin* und wieder münden sie auf 
grössere Plätze. An Moscheen und Kirchen ist Ba$ra auffallend arm; von den 
Prachtbauten aus der Glanzzeit der Stadt ist nichts erhalten. Die meistens 
im Besitz von Persern befindlichen Bazare sind im Verhältnis zu dem 
geringen Umfang der Stadt recht bedeutend, wenn auch weitaus kleiner 




Palmengärten in Ba^ra. 



und weniger schön gebaut als diejenigen von Bardäd. Der Hauptbazar 
befindet sich am Westende und ist von einem dichten Palmengebüsch 
abgeschlossen, das von zahlreichen kleineren Kanälen und Gräben be- 
wässert wird. Unmittelbar dahinter beginnt die flache eintönige Steppe, 
welche eben bis zum Horizont verläuft und aus der nur zwei Punkte auf- 
ragen: der kleine Vorort Zober jr\-»j in der Entfernung von etwa zwei 
Stunden, und etwas südlicher der Cicbel Sanäm a\l^ J^' ^^^ vollständig 

isolierter, anscheinend ziemlich hoher Hügel. Höchst wahrscheinlich ist er 
künstlichen Ursprungs und dürfte die Lage einer alten Stadt bezeichnen; 
genaueres konnte ich in Bai?ra nicht erfahren. 



296 



Kap. XVII. Die Bevülkernng. 



Die scsshaftc Bevölkerung der Stadt wurde mir auf 50000 — 60000 an- 
gegeben ; doch i^t diese Zahl offenbar viel zu hoch gegriffen, selbst wenn 
man die Einwohner der zahlreichen Dörfer ober- und unterhalb Barras 
mit einrechnet. Die grosse Mehrheit ist arabischen Ursprungs, doch finden 
sich auch viele Perser, Inder und Neger. Die Christen sind in Ba$ra ziemlich 
zahlreich vertreten, ebenso die Juden, die überhaupt in den Tigris- 
städten einen auffallend hohen Prozentsatz der Bevölkerung bilden. Die 
Muhammedaner sind teils Sunniten, teils Schiiten, zu letzteren gehört 




Der '.Crosse Kanal in Ha^ra. 

ausf^er den Persern der ^nisstc Teil der arabischen Bevölkerung. Die 
Sunniten stammen ^rrüsstenteils aus dem XejVd, vielfach findet man 
unter ihnen Wahhahiten.M \'iele von diesen Ncjiade haben es hierdurch 
Umsicht, jrcschiifiliche Kuhrii^keit und Tiichtiijkeit zu bedeutendem Ver- 
mögen .c^ebracht und spielen eine wichtij^e Rolle im Mandelsleben von Ba$ni. 



■ t.uincl a. a. • ». \\\. III S. 221 ^it-hi für die Si.i.li ha?ra 14650 Muhammeduier 
darunter nur 2650 Schiiten, 2250 » hrisien 1500 (ire-oriancr. 700 Katholiken, 25 Protestanten, 
25 orihüdoxc (kriechen' und 7(.>o Ju-Ien. Für l'mirrLjend von iJasra. die er jedoch nicht näher 
detiniert. ;;iebt er 41 100 Schi-iien ke:no -unni tischen Muhaniniedaner) nnd 900 Juden. 




4 

* 






A 



.1 



Kap. XVIL Dattelcrnle. 



297 



Zur Zeit meiner Anwesenheit herrschte ein besonders geschäftiges 
Treiben in Bai^ra, da gerade die Dattelernte war. Uebcrall sah man 
Mattenhütten errichtet, in welchen die Früchte in Massen aufgespeichert 
waren. Neben den Häusern der reichen Grossgrundbesitzer pflegen um 
diese Zeit ganze Viertel aus Srefas zu entstehen, in denen die bei der 
Ernte beschäftigten Arbeiter leben, und die nach Schluss der Saison 
ebenso schnell wieder verschwinden. Die Verpackung der Datteln richtet 
sich nach ihrer Qualität; die mittelguten werden in Ledersäcken (arabisch 
Kirbe) fest eingenäht, die ganz feinen schon hier in Kartons verpackt. 




Brücke über den gössen Kanal in Ha^ra. 



Die besten Arten kommen nicht nach dem europäischen Kontinent, der 
sich mit den verhältnismässig schlechteren Sorten aus Tunis und Algi er ^) 

*; In Tripolis in Nordafrika, das ich kurz nach der Dattelemte im Jahre 1892 bc- 
sachte, sah ich nächst in Ba^ra die grösste Anzahl verschiedener Dattelsorten. Die nach 
Eoropa in feinen Kästchen gelanp^enden Datteln machen eine Art von Oärnng dnrch, die 
eine Verstarknnfi^ des Zuckergehaltes hervorbringt. Ein grosser Teil der Datteln, Insbeson dere 
diejenigen, welche zum Futter für die Tiere und zur Herstellung von Dattelmehl benutzt 
werden, sind durchaus nicht süss, sondern eher bitter-säuerlich zu nennen. Wie die 
Banane in Deutsch-Osufrika und anderen Gegenden in verschiedenster Zubereitung uU 
Nahrungsmittel von den Eingeborenen 'und auch von den Europäern'^ benutzt wird, so die 
Dattel in gewissen Teilen der Sahara und Arabiens. In Syrien und in Ober-Mesopota mien 
ist die Dattel selten. Die nördliche Grenzlinie ihres Vorkommens am Knphrat und Ti gris 
geht etwa durch die Linie *Ana— Tekrit. ^ 



298 Kap. XVII. Handel und Schiffahrt. 

begnügen muss, sondern wandern nach England und namentlich nach 
Nordamerika ^). 

Die heutige Bedeutung der Stadt ist eine vorwiegend kommerzielle. 
Der Export liegt fast ganz in den Händen der Engländer. Von den etwa 20 
in Basra lebenden Europäern sind fast sämtliche Briten. Die wichtigsten 
Handelshäuser sind Lynch, Groy Mackenzie und Asfar, letzterer ein 
arabischer Christ aus Bardäd, der die Anglo-Arabian Steam Na\'igation 
Company vertritt. Für die Ausfuhr kommen hauptsächlich Datteln, Wolle 
Pferde und Getreide in Betracht*). 

Als Hafenplatz für ganz Mesopotamien ist Ba§ra Endpunkt aller 
Dampferlinien des Persischen Golfes. Die jetzt hier vertretenen Reedereien 
sind: i. The British India Steam Navigation Company, welche den 
Postkontrakt mit der anglo-indischen Regierung hat; 2. The Bombay 
and Persian Gulf Steam Navigation Company, von den Arabern 
und Indern Mogul Company genannt; 3. Blockey, Hotz & Co., eine 
früher holländische, jetzt englische Firma; 4. The Anglo Arabian Steam 
Navigation Company, die sich aus der ehemals nur mit französischen 
Mitteln arbeitenden Schiffsgesellschaft von Asfar & Co. entwickelt hat, 
nachdem die an diesem Unternehmen beteiligte französische Gesellschaft 
Meunier ruiniert worden war; 5. gelegentliche französische Schiffe, so 
von den Mcssageries Maritimes^). Die Verbindungen von Ba^ra nach 
Deutschland sind sehr um.ständlich. Die Waren werden mit englischen 

^\ In Basra sollen bei den Händlern über 50 Namen für die Terschiedenen DmCtel- 
sorten vorkommen. Cuinet a. a. O. Hd. III S. 233 zählt eine j^rosse Annhl «lenelbeii 
auf. Verc^l. auch das Memorandum von Edwards bezüj[;^lich der bei Bnschir wschsenden 
Datteln in den .\dministralion Report of the Persian Gulf Political Residency «nd Mnscat Political 
Agency for the Vear 1877,78, Selections from the Records of the Goveminent of India. 
Foreign Department, Calcutt;i, S. 43 ff; ferner den Aufsatz von Ilakim in demselben Administration 
Report 1883.84, S. 39 tT. 

-^ Nach den auf englischen Berichten beruhenden Mitteilungen des Deutschen 
Ilandelsarchivs 1895, Hd. II S. 580 ff. erreichte die Handelsbcwegung folgende Ziffern: 

1893 1894 

Hinfuhr £ 684427 JL" i 155697 

Ausfuhr 765 282 ^^ I 726 156 

davon: 



Datteln £ 297 257 


£ 


1 103924 


Wolle - 1 20 000 




256 920 


Pferde . 50 480 




48270 


C^erstc 78 025 


v 


51 198 


Reis 13050 


•■. 


16 726 



Vcrq:l. auch Deutsches Ilandelsarchiv 1896. Hd. II S. 652 ff. 

^) Die .Messa<;eries haben infolge der indischen Pest ihre Fahrten nach dem Persischen 
Golf einstweilen eint^estellt. In den letzten Jahren sind zwei kleinere englische Schiffslinien 
eingei^anc^en, deren Finnen ^Muir und Darby tV Andrews) im Deutschen Handelsarchiv 1896, 
Hd. II S. 654 u. 657 noch genannt werden. 



Kap. XVir. Handel und Schiffahrt. 2QQ 

Dampfern nach Bombay bezw. Kurachee gebracht und dort meist aui 
die österreichischen Schiffe des Lloyd nach Triest umgeladen, falls man 
nicht vorzieht, sie mit direktem Dampfer über England gehen zu lassen. 
Beide Wege erfordern durchschnittlich zwei Monate, und böse Irrtümer sind 
bei den verschiedenen Umladungen leicht möglich. Es wäre sehr zu 
wünschen, dass auch von deutscher Seite aus eine regelmässige Dampf- 
schiffahrt nach dem Persischen Meer und Ba§ra eingerichtet würde, 
zunächst etwa in der Weise, dass monatlich ein Dampfer dahin expediert 
wird; es würde dann Deutschland bei Zeiten an dem von Jahr zu Jahr 
steigenden Handelsverkehr im Persischen Golf einen sicher erfolgreichen 
Anteil finden'). 




Das Handelshaus Stephen, Lynch Sc Co. in Ba^ra. 

Trotz der kommerziellen Bedeutung der Stadt giebt es dort gegen- 
wärtig nur zwei Berufs-Konsuln, einen englischen und einen persischen, 
ausserdem einen französischen Konsularagenten, den bereits erwähnten Asfar. 

Ich besuchte in Ba§ra den Schech der grossen Brüderschaft der 
Rifä*ijin, Sejid Regeb, welcher hier die Stelle des Nakib inne hatte, also 
höchster geistlicher Würdenträger der Stadt und Verwalter aller Spenden 

*) Der Schiffsverkehr in ßa^ra betrug 1894: 

Englische Dampfer 209 mit 138 129 t 

Türkische » 246 » 14402 t 

Persische > 246 » 10086 t 

Norwegische » 6 » 7 117 t 

Französische (Segler) 11 » 1159t 
Verg]. im übrigen Deutsches Handelsarchiv 1896, Bd. II S. 652 ff; femer Moritz, 
Mitteilungen der Geographischen Geseilschaft zu Hamburg, 1890, S. 154. 



3CX) *^*P- X^'II- Ba^ra als Sitz der Regierung:. — Aus der Geschichte Barras. 

an die Armen war, nachdem vor vier Jahren sein Vater zu seinen Gunsten 
abgedankt hatte. Zu seiner Familie gehört der einflussreiche Schech 
Abu'l Huda, der in Konstantinopel in der nächsten Umgebung des Sultans 
lebt. Sejid Regeb war ein intelligenter Mann, der sich früher längere 
Zeit als Grosskaufmann in Bombay aufgehalten hatte. In seinem Hause, 
das fast ein kleines Stadtviertel einnimmt und zum Teil aus kostbarem 
Holz hergestellt ist, traf ich den türkischen Admiral Emin Bey. 

Ba$ra ist seit Midhat Pascha Sitz eines Wali dritten Ranges*), 
dessen Verwaltungsgebiet im Norden, am Tigris, bis unterhalb Küt, am 
Euphrat bis über Nä^rije hinausreicht. Den südlichsten Teil des Wilajets 
bildet das Gebiet von Hasä*) (Hauptort Hasä oder Hufbuf) mit der Halb- 
insel Kattar am Persischen Golf, das von den Türken Sang^k Neg^d ge- 
nannt wird. Der Bezirk von Kuet wird türkischerseits als Kadä des 
Sangak Ba§ra bezeichnet. ^) Das Militär der Provinz gehört zum VI. Armee- 
korps, dessen Generalkommando sich in Bardäd befindet. 

Die Geschichte der Stadt Basra reicht nur bis in das 7. Jahr- 
hundert zurück. Im Laufe des Jahres 635 wurde Ba$ra von den sieg- 
reichen Arabern gegründet als Stützpunkt für die Eroberung von Süd- 
mesopotamien, namentlich zu dem Zweck, die weiter im Norden operieren- 
den arabischen Heere vor Einfällen aus dem südlichen Persien zu schützen. 
Die Festung erhielt die für die damalige Zeit starke Besatzung von 800 Mann. 
Schon im nächsten Jahre wurde durch die Schlacht von Kädesije der 
Besitz von Mesopotamien gesichert. Bei ihrer hervorragend günstigen Lage 
nahm die Stadt schnell zu; 15 Jahre nach ihrer Gründung soll sie schon 

V Vergl. oben Kap. XVI S. 281. 

*^) Verjjl. unten Kap. XVIII S. 364 Anm. i. 

') Das Gebiet von Kuet ist nur klein und begreift die am Meere gelegene Stadt mit 
iher näheren l'mgebunjj. Der Ort hat angeblich 20 000 Einwohner; «ie sind ausser 
einigen wenigen aus Buschir gekommenen Israeliten und Persem ausschliesslich sunnitische 
Muhammedaner v^^ergl. Cuinet a. a. O. Bd. IIl S. 273\ Grössere Schiffe müssen in einiger 
Entfernung von der Küste Anker werfen, wiewohl die Reede von Kaet als eine der besten 
des Persischen Golfs gilt. Die eigentlichen Herren von Kuet sind seit langer Zeit Mitglieder 
aus dem Hause AI Sabah, die sich bis heute vollständige Unabhängigkeit in allen ihrtn 
Angelegenheiten bewahrt haben. Sie stützen sich auf einige Beduinenstamme der Nachbar- 
schaft. Bei ihnen haben Mitglieder der Familie Ibn Sa'üds nach der Vernichtung des 
letzten Restes der Macht dieses Hauses durch Mu^ammed Ibn Raschid Znflacht gefunden. 
Im Ja' re 1897 ermordete Mubärek A\ Sabah seinen damals regierenden Bruder Mnbammed. 
Während der hierauf folgenden Wirren hatte es den Anschein, als ob England in Knet that- 
kräfti;r eingreifen würde; darauf erkannte die Pforte die geschaffenen Verhältnisse an 
und ernannte Mubärek zum Käimma^äm. Seit Midbat Pascha, also seit Anfang der 70\r 
Jahre, als das Gebiet von Hasa eine festere Angliederung an das Wilajet erfuhr, bei welcher 
Gelegenheit die Schechs aus dem Hause AI Sabah der türkischen Regierung gute Dienste 
geleistet hatten, wurden die jeweiligen Herren von Kuet von der Pforte zu Käimma^ämen 
ihres. Bezirks ernannt. Sie behielten ihre Selbständigkeit und erhalten Ton der türkischen 
Regierung jährliche Subsidicn. 



Kap. XVII. Bn^ra als Mittelpunkt wissenschaftlicher und religiöser Bestrebungen. 30I 

1 50 000 bis 200 OCX) Einwohner gezählt haben ^). Natürlich setzte sich die Be- 
völkerung aus den verschiedenartigsten Elementen zusammen, die durch 
ihre turbulenten Neigungen der Regierung bald zu schaffen machten. 
Zumal unter den ommajadischen Chalifen wurde Ba$ra und das um die 
gleiche Zeit und zu gleichem Zwecke gegründete Küfa der Herd be- 
ständiger Unruhen und Empörungen. 

Als in den späteren Bürgerkriegen der tiefe Hass zwischen den 
Ommajaden in Syrien und den alten Anhängern des Propheten von 
Medina schliesslich zur Erstürmung der Stadt Mubammeds und Nieder- 
metzelung ihrer Einwohner führte, war in Südmesopotamien bereits ein 
neuer Mittelpunkt für die frommen Muselmanen gewonnen, die durch 
Sammlung und Fortpflanzung der Nachrichten über Leben und Aeusse- 
rungen des Propheten die Anfänge der theologischen und überhaupt 
der wissenschaftlichen Bestrebungen des Islam vorbereiteten. Damit 
wurde eine geistige Entwicklung möglich, die gerade in der regsamqn 
und geweckten Bevölkerung von Ba$ra und Küfa einen besonders 
günstigen Boden fand und sich während des Mittelalters zur eigentlichen 
Blüte des Geistes im Orient überhaupt entfaltet hat^). 

Diese wissenschaftlichen Bestrebungen betrafen naturgemäss in erster 
Linie die Religion. Die fortschreitende Konstitution des islamitischen Welt- 
reiches erforderte eine genaue Kenntnis der Vorschriften, welche das Leben 
der Bekenner zu regeln hatten, da der Koran über viele Fragen keine oder 
ungenügende Auskunft gab. Die Sammlung der Aussprüche des Pro- 
pheten bildete die Hauptbeschäftigung für die Gelehrten der ersten Zeit. 
Nebenbei wurden nach den mündlichen Traditionen die Einzelheiten 
über das Leben Mubammeds zusammengestellt und damit der Anfang 
einer historischen Litteratur geschaffen. Bei der Fixierung der Glaubens- 
lehre des Islam ergaben sich bald zwei verschiedene Auffassungen, eine 
strengere und eine freiere, die gerade in Ba$ra ihre Hauptvertreter 
fanden. Der Kampf zwischen den beiden Richtungen, den Orthodoxen 
und den Freisinnigen (Mu*taziliten) , dauerte über ein Jahrhundert und 
wurde nicht etwa lediglich auf dem Boden der Wissenschaft, sondern 
häufig genug mit dem Schwert in der Hand ausgefochten. 

Im Jahre 827 wurde die freisinnige Richtung durch eine Verordnung 
des Chalifen Mamün zur Staatskirche erhoben und die orthodoxe als 
ketzerisch verurteilt. Der Chalife Mutawakkil aber verurteilte im Jahre 852 
die mu*tazilitische Richtung als ketzerisch und erklärte die strengere 
orthodoxe für die allein richtige, worauf eine allgemeine Verfolgung der 
Bekenner der freien Richtung insceniert wurde. Ein Vierteljahrhundert 



*).Vergl. Müller, Der Islam, Bd. l S. 294 Anm. 1. 
*) Vcrgl. Müller, Der Islam, Bd. 1 S. 342. 



^02 Kap. XVII. Die Blütezeit Barras. 

später (im Jahre 260 d. H. = 874 n. Chr.) wurde in Ba§ra der Mann 
geboren, welcher die Berechtigung der orthodoxen Richtung wissenschaft- 
lich nachwies, der berühmte Abü'l Hasan el Asch'ari. 

Die Profanwissenschaften erfreuten sich in Ba§ra einer längeren 
Blüte und scheinen erst mit dem Niedergang der Stadt verfallen 
zu sein. Bibliotheken, gelehrte Anstalten und Gesellschaften haben sich 
noch bis in das zwölfte Jahrhundert hinein erhalten. Ba$ra ist die 
Heimat eines der berühmtesten Dichter des Orients, des Hariri 
(1054 — 1122), dessen grösstes Werk, die Ma^ämen, uns nicht nur 
einen gründlichen Einblick in das gelehrte Leben der damaligen Zeit 
giebt, sondern auch als ein Meisterwerk der arabischen Kunstpoesic 
überhaupt gilt und als solches noch heutzutage in allen Ländern arabischer 
Zunge von den Gebildeten ebenso hoch geschätzt wird wie bei uns 
Schillers und Goethes Gedichte. 

Nachdem die Störungen, welche den Sturz der Ommajaden-Dy-nastie 
und das Aufkommen der Abbasiden begleitet hatten, überNvunden waren, 
genoss der *Irälc eines ungestörten Friedens, der Ba§ra besonders 
zu gute kam. Seine politische und später auch seine wissenschaftliche 
Bedeutung allerdings musste es zum guten Teil an das neu gegründete 
Bardäd abtreten, dagegen nahm es als Hafenstadt der Residenz und als 
Ausgangspunkt des Seehandels mit dem Osten und Westen, mit Indien 
und China sowohl, wie mit Arabien und Aegypten einen noch g^rösseren 
Aufschwung. »Wie weit diese Handelsschiffe ihre Fahrten ausdehnten, 
beweist am besten die Thatsache, dass im Jahre 758 eine kleine arabisch- 
persische Flotte Canton angriff« ^). Bis dahin waren nur chinesische 
Fahrzeuge bis in den Persischen Golf gekommen; je mehr aber die 
arabischen Schiffe ihre Fahrten nach China erstreckten, desto mehr ver- 
schwanden die Chinesen. Andererseits war Ba^ra der Ausgangspunkt der 
grossen Verkehrsstrassen nach Arabien und Syrien. 

Der in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts eintretende 
Verfall des Abbasidenchalifats musste natürlich auch auf die materielle 
Blüte von Ba§ra ungünstig einwirken. In dem Sklavenkrieg, der 869 hier 
ausbrach^) und 14 Jahre lang den 'Irak verheerte, muss die Stadt furchtbar 
gelitten haben. Mit dem Jahre 900 begannen die durch schi*itische 
Sektierer (Isma'ilier und Karmaten) veranlassten Wirren*), von denen das 
Land fast ein Jahrhundert heimgesucht wurde. Im Gefolge der endlosen 
Kriege traten verheerende Epidemien auf*), welche die schon stark 
dezimierte Bevölkerung noch mehr lichteten. Die schlimmste Seuche brach 



*) Kremer, Kulturgeschichte, Bd. U S. 276. 
>) Vergl. MiUler, Der Islam, Bd. I S. 581. 
») Vergl. Bd. I dieses Werkes S. 125 ft. 
*) Vergl. Kremer a. a. O. S. 493. 



Kap. XVII. Die Afraaiäbs. 703 

I Ol 5 in Ba§ra selbst aus. Die Schriftsteller der folgenden Jahrhunderte wissen 
von Ba§ra nur noch die Billigkeit der Früchte, zumal der Datteln, zu 
berichten, erwähnen aber auch (so Idrisi, Ibn Batüta), dass die Grösse der 
Stadt sehr zurückgegangen sei; von Schiffahrt und Handel ist bei ihnen 
keine Rede mehr. Im übrigen wird Ba$ra die Geschicke Mesopotamiens 
geteilt haben, die bei der Geschichte von Bardäd schon besprochen sind. 
1535 fiel die Stadt in die Hände der Osmanen, die eine starke Garnison 
hierher legten, um den Strom zu beherrschen, während das flache Land da- 
gegen völlig unabhängig geblieben zu sein scheint. Noch um die Mitte 
des .sechzehnten Jahrhunderts liefen mehrfach türkische Kriegsflotten von 
Ba^ra aus, um das Festsetzen der Portugiesen im Persischen Golf zu 
verhindern. 

Die beständigen Empörungen der arabischen Stämme der Umgegend, 
die von der arabischen Bevölkerung der Stadt unterstützt wurden, ver- 
anlassten den türkischen Gouverneur, im Anfang des 17. Jahrhunderts 
Ba$ra an einen Einheimischen Namens Siäb oder Afräsiäb, zu verkaufen, 
der der Gründer einer eigenen Dynastie von Emiren und Paschas wurde ^). 
Sie dehnten ihre Herrschaft stromaufwärts bis Gurne aus. Als Sultan 
Muräd IV. gegen Bardäd heranzog, wussten sie ihn durch reiche Geschenke 
sich günstig zu stimmen. Vor den Angriffen des Schah *Abbäs des 
Grossen schützten sie sich dadurch, dass sie die Dämme durchstachen 
und das ganze Delta unter Wasser setzten, wodurch freilich grosse 
Strecken Landes für immer in einen Sumpf verwandelt wurden. Mit 
den Portugiesen, die den Golf beherrschten, traten sie in freundschaftliche 
Beziehungen und veranlassten sie, eine Handelsfaktorei in Ba$ra zu gründen; 
sogar den Bau einer Kirche gestatteten sie ihnen*). Nach dem Niedergang 
ihrer Herrschaft wurden die Portugiesen durch Holländer und Engländer 
abgelöst, die anfangs einmal im Jahr mit ihren Schiffen nach Ba$ra kamen, 
dann aber ebenfalls dort Faktoreien errichteten. Der letzte Herrscher der 
von Afräsiäb gegründeten Dynastie kam durch sein Bestreben, seine Herr- 
schaft weiter nach Mesopotamien auszudehnen, in Konflikt mit den Türken, 
die ihn im Jahre 1760 (?) vertrieben. Ba§ra wurde nun wieder der Sitz 
eines osmanischen Gouverneurs (Mütesellim), der von Bardäd abhängig 
war. Nach wenigen Jahren aber verloren die Türken die Stadt aber- 
mals. Infolge von Zwistigkeiten mit dem Generalgouverneur von Bardäd 



^) Der Sohn Afräsiabs war 'All Pascha und dessen Sohn Hasen Pascha. VergL 
Niebuhr a. a. O. Bd. II S. 173 ff. 

) Auf der oben S. 290 Anm. 2 erwähnten arabischen Karte figuriert westlich von 
Bayra das Bild einer Kirche, die nach der Beischrift ein Karmeliter-Kloster darstellen solL 
Höchstwahrscheinlich haben wir es hier mit dieser portugiesischen Kirche zu thun. (Vergl. 
Relations de divers voyages curieux, Paris 1663, Bd. I.) 



304 ^'^P- ^^^^'' I^a?ra in der Neuzeit. — Jüngste Entwicklung der Stadt. 

Hess der Perserschah Kerim Chan ein Heer vor die Stadt rücken und 
eroberte Ba§ra nach dreizehnmonatUcher Belagerung im Jahre 1776. Nach 
dem Tode des Schah (1779) wurde die Stadt von den Persern freiuillig 
geräumt*). Noch einmal bedrohten sie Ba§ra, 1802, als Kerbela von den 
Wahhäbiten erstürmt und ausgeplündert war, ohne dass die Türken Miene 
machten, sich dafür Genugthuung zu verschaffen*). Die Wahhäbiten selbst 
sind mehrere Male bis in die Nähe von Ba$ra vorgedrungen, haben aber 
nicht einmal den kleinen Vorort Zuber nehmen können. 

Seit dieser Zeit ist Ba§ra von grösserem Ungemach verschont ge- 
blieben und hat zumal seit der Eröffnung der Dampfschiffahrt wieder 
stetige, wenn auch langsame Fortschritte gemacht. In jüngster Zeit ist im 
Westen der Stadt ein grosser Bazar und am Schatt selbst wie am grossen 
Kanal eine ganze Anzahl stattlicher Gebäude entstanden. Leider bildet 
das ungesunde Klima ein bedenkliches Hindernis für ein schnelleres 
Aufblühen der Stadt. 

\' Vergl. Malcolm, Histor)- of Persia, Bd. II S. 143. 
*^ Verjjl. Coranc6, Histoire des Wahabis, S. 186. 



^,f 



XVIII. KAPITEL. 



Der Persische Golf. 



Abfahrt von Ha$ra. — An Bord der :^Pemba«. — Fclije. — Mubaminera. — Der Kärün. — 
Besuch auf der »Perscpolisc:. — Die Tele^n^nphenstation Fäo. — Einfahrt in den Persischen 
(lolf. — Buschir. — Strassen und Häuser in Buschir. — Buschir als Handelsplatz. — Ge- 
schichte Buschirs. — Die Bevölkerunjj von Buschir. — Liu^ah. — Perlenfischerei. Schifffahrt 
und Handel. — Die Bevölkerung^ von Linp^ah. — Empfang: beim Unterfi^ouvemeur Mirza 
Isrnuil Chan. — Bender 'Abbäs. — Handel und Verkehr. — Gesamteindruck der Stadt. — 
Klima. — Jaschk. — Masl^a^. — Der Hafen. — Sultanspalast und Gumruk. — Empfangs 
beim Sultan Sejid Fe§al bin Turki. — Der enjiflische politische Vertreter Surßreon Major 
Jayakar. — Häuser und Bazare von Mas\^at. — Die Bevölkerung" von Mas|f:at. — Araber, 
Xeß^er, Belutschen, Perser, Iniler. — Ma^rafe. — Handel und Schiff fahrt in Mas|f:a(. — Die 
Umj^ebunjT der Stadt. — Europäische Reisende im Innern von 'Oman. — Karten und Litte- 
ratur über Masl^at und 'Oman. — Die Wüste Kuba' el Chidi. — Die Mahrasprache. — Die 
Geschichte Masl^a^s und des 'Oman. — Aelteste Geschichte. — Die Ja'äribe. — Die Azdiden. 
— Nordarabische Einwanderer: die Käfiri. — Die Dynastie öulandes. — Der Islam. — 'Oman 
wird Dependenz des Chalifats. — Erste Auswanjlerunjr von 'Oman nach Ostafrika. — Die 
Sekte der Ibadiden. — Die politische Seite des ibadidischen Bekenntnisses. — Ibadidische 
Imäme in 'Oman. — 'Oman bis zum Beg^inn des i6. Jahrhunderts. — I^e Portu^escn in 
MasV'H und im Persischen Meer. — Anjfriff« der Türken: die Seeschlacht bei Masl^a( 1554. — 
Holländer und Enirländer erscheinen im Golf. — Die Portu}»iesen verlieren 1622 Ormüz an 
die Perser. — Xäzir bin Murschid boj»Tündet die Dynastie der Ja'äribe. — Sein Nachfoljifer 
Sultan bin Sef bekämpft erfolgreich die Portugiesen. — Bürgerkriege. — Der Ijläfir Mu^iammed 
bin Näzir gelangt zu Einfiuss. — Sein Tod. — Sef bin Sultan ruft Belutschen und Perser 
ins Land. — - Auftreten des -»V^med bin Sa'id. — Abmed wird zum Imäm gewählt. — Seine 
Kriegszüge. — Sein Nachfolger Sa'id. — Sa'ids Brüder Sef und Sidtän. — Sein Sohn 
Hamed. — Bruderkriege. — Der Friede von 1793. — Sultan wird weltlicher Herr von 
Mas^i(. — Erfolgreiche Unternehmungen gegen Persicn. — Die Folgen der wahhäbitischen 
Bewegung für Oman. — "Abdel 'Aziz. — Sejid Sultans Ende. — Politische Beziehungen 
zwischen 'Oman und England. — Sultans Söhne Sälim und Sa'id. — Emir Sa'üd wird Fürst 
iler Wahhäbiten. — Widihäbitische Eroberungszüge. — Die Haltung der Engländer. — Auf- 
treten Mubammed -Ali Paschas. — Sa'id w^inl unumschränkter Herr von 'Oman. — Seine 
Regierung und seine Pläne. — \'ertrag zwischen Frankreich und 'Oman. — Sa'id und die 
Engländer. — Weiteres Verhältnis zwischen Wahhäbiten und 'Oman. — Sa'ids Unternehmungen 
in Zanzibar und Ostiifrika. — Alte Beziehungen zwischen Maskat und Ostafrika. — Sa'id 
erobert die Burg von Mombassa und residiert in Zanzibar. — Handelsvertrag zwischen 'Oman 
un«l den Vereinigten Staaten und Englaml. — Unnihen in 'Oman, Eingreifen der Engländer. — 
Tod des S«älim in Mombassa. — Sein Sohn Raschid wird verraten. — Sa'id und Mujjiammed 
*Ali. — Die Wahhäbiten erringen eine Tributzahlung. — Sa'id und Frankreich. — Neue 
Bürgerkriege in 'Oman. — Kämpfe gegen die Perser. — Sa'ids Tod. — Seine Söhne Tuweni 
und Mäg^d. — Der Schiedsspruch des Vicekönigs von Indien: Mä^d erhält Zanzibar und 
Ostafrika, Tuweni Mas\^at. — Ende der Machtstellung 'Omans. — Fortgesetzte innere Un- 
ruhen. — Das Vorgehen der Engläniler im Persischen Golf. — Verpflichtung der Fürsten 
von Maskat zum dauernden Waffenstillstand zur See. — Zustände und Kämpfe in Sobär. — 
Tuweni wird von seinem Sohne Sälim ermordet. — 'Azzdn bin Kais verjagt Sälim und 
erobert Masl^a^. — Sejid Turki besiegt 'Azzän. - Seine Kämpfe mit seinen Verwandten. — 
Vorgänge in Zofär. — Weitere Unruhen in 'Oman. — Sejid Turki und die Engländer. — 
Sejitl Turki stirbt, sein Sohn Fe?al folgt ihm. — Geplanter Zug der Wahhäbiten gegen 
'Oman. — Die Rolle des Schech Käsern. — Fesal befestigt seine St«*llung in 'Oman. — 
Die Ereignisse in Maskat seit 1893. — ^^^^ Aufstand «les Schech Säleb bin 'Ali. — Fe^al 
Crerät nach und nach in Abhängigkeit von den Engländern. — Frankreich versucht vergeb- 
lich, eine Kohlenstation in 'Oman zu erwerben. — Von Masl^at nach Gwadur. Kurachee und 
Indien. — In Zanzibar und Deutsch-Ostafrika. 



Prh. V. Oppmhcim, Vom ICtteloicer warn PwdMheB Golf. II. 20 



506 Kap- XVllI. Abfahrt von Basra. - An Bord der vPemba". 

Ich verliess Ha$ra am 15. September nachmittags 5 Uhr mit der 
>Pemba«, einem Dampfer der British India Steam Navigation Company. 
Diese Dampfer vermitteln, wie bereits envähnt, die indische Post und 
fahren wöchentlich einmal von und nach Ba^ra. Abwechselnd werden 
auf dem Hin- bezw. Rückwege Maskat bezw. die Babren-lnseln an- 
gelaufen. Die Flussfahrt durch den Schatt el *Arab nimmt beinahe 
einen ganzen Tag in Anspruch. Der indische Endpunkt der Linie 
ist Bombay. Auf indischem Gebiete wird zuvor Kurrachee angelaufen. 
Die Schiffe fahren nur sehr langsam und gebrauchen für die Strecke 
von Ba^ra bis Bombay etwa 14 Tage. Bei den verschiedenen Stationen 
des Persischen Golfs wird in der Regel ein ganzer Tag gehalten. Der 
Persische Golf bleibt im allgemeinen von heftigen Stürmen verschont 
hat jedoch keinen einzigen guten Hafen. Die Schiffe müssen auf 
offenen Reeden in einiger Kntfernung von den Hafenstädten Anker 
werfen. Der einzige natürliche Hafen der Ostküste Arabiens wie der 
südlichen Küste Persiens befindet sich in dem schon ausserhalb des 
eigentlichen Golfs liegenden Maskat, dessen Besitz infolge dessen den 
Schlüssel zu dem Meerbusen bildet. Die Monsunwinde machen sich im 
Persischen Golf nicht mehr geltend; deshalb ist die Hitze während des 
Sommers fast unerträglich gross. Sie wird noch vermehrt durch die 
starke Verdampfung des Wassers und die dadurch hervorgerufene 
Feuchtigkeit der Luft. 

Die British India Steam Navigation Co. lässt auf dem Persischen 
Golf ihre ältesten Dami)fer verkehren. Die >Pemba«, auf der ich fuhr, 
sollte schon vor einigen Jahren dem Tode geweiht werden. Trotz der 
Liebenswürdigkeit der Offiziere hat mir der Aufenthalt auf dem Schiffe 
keine angenehmen Erinnerungen zurückgelassen. Es wimmelte in dem 
Dampfer von dem bekannten Schift'sungeziefer, den schwarzen Kaker- 
laken, die infolge der Treibhaushitze und der Alleinherrschaft, die 
sie sich angemasst hatten, zum Teil zu der gewaltigen Grösse von 
6 — 8 cm angewachsen waren. Jede Nacht wurde ich in der Kajüte wieder- 
holt durch Angriffe dieser unangenehmen Gäste geweckt. Das Deck des 
Dampfers war durch einen enormen Pferdetransport fast ganz in Anspruch 
genommen. Nur ein kleiner Teil des Erstkajütendecks war frei geblieben, 
auf welchem die Pferdeknechte sowie eingeborene Deckpassagiere sich 
häuslich niedergelassen hatten, kaum, dass Raum genug für das Auf- 
schlagen der Abendtafel für die Offiziere und für mich, den einzigen 
Kajütenpassagier, übrig gelassen war. Wiewohl die »Pembac wie die 
übrigen im Persischen Golf verkehrenden Schiffe der British India Line 
ausdrücklich für Passagiere bestimmt war, wollte der Kapitän des Pferde- 
transportes und des beengten Raumes wegen mir zunächst die Mitfahrt 
verweigern. 



Kap. XVm. Felije. 307 

Die Verschiffung der arabischen Pferde nach Indien^) ist ein ein- 
träghches Geschäft für die Schiffsgesellschaft, der die Rücksicht gegen 
europäische Kajütenpassagiere, die überhaupt im Persischen Golf nur selten 
sein mögen, zum Opfer fallen muss und der überhaupt auch in anderer 
Weise grosse Konzessionen gemacht werden. Kurz vor meiner Fahrt war 
auf einem der British India-Dampfer, welcher einen grossen Pferdetransport 
mit sich führte, eine Revolte unter den zahlreichen arabischen Pferde- 
händlern und -Knechten (Beduinen und anderem an Ordnung wenig ge- 
wöhntem Volk) ausgebrochen; die Offiziere und die Mannschaft, von denen 
mehrere schwer verwundet wurden, mussten in die Kajüte flüchten, wo 
sie sich verbarrikadierten. So trieb das Schiff längere Zeit führerlos im 
Golf, bis es den Offizieren gelang, einem der in dem Persischen Meer- 
busen kreuzenden kleinen Kanonenboote der British India Marine, das 
zufallig in die Nähe des Dampfers kam, ihre Lage bemerkbar zu machen. 
Darauf wurde der Dampfer von dem Kriegsschiff regelrecht geentert und 
nach Bombay gebracht Aus Furcht vor der Konkurrenz anderer Linien 
versetzte die englische Gesellschaft einfach die Offiziere des Schiffes, 
ohne dass der Fall für die Pferdetreiber grössere Konsequenzen hatte. 

Die Fahrt durch den Schatt el 'Arab war in den ersten Stunden 
überaus reizvoll. In den Palmenwaldungen, welche den breiten Strom um- 
geben, herrschte infolge der Dattelernte reges Leben, und auf dem Schatt 
verkehrten zahlreiche kleinere Boote. Die Höhe des Dampfers gewährte 
zwischen den Lichtungen der Palmenhaine hindurch weite Aussicht über 
die fruchtbare Ebene, welche den Schatt zu beiden Seiten umgiebt. 

Etwa um 8 Uhr abends unseres ersten Reisetages auf der »Pemba« 
hielten wir vor Felije^, dem Palast des Schech Miz*al, des sogenannten 
Fürsten von Mubammera, kurz vor dem Einfluss des Kärön in den Schatt 
Von hier ab bildet der Strom die Grenze zwischen Persien und der Türkei 
Der Schech steht zum Schah von Persien im Vasallenverhältnis und ist, 
gleich den meisten südmesopotamischen Arabern, Schi4t. Die Engländer 
erweisen ihm aus politischen Rücksichten grosse Ehren; jedes Postschiff der 
British India Company salutiert seinen Palast mit einem Kanonenschuss, und 
der Schech kommt oft selbst an Bord, um den Kapitänen einen Besuch 
zu machen. Miz*al spielte England gegen Persien aus, um sich eine gewisse 
Unabhängigkeit zu sichern, die aber nie recht bestanden hat. Sein Vater 
freilich, Schech öa'ber, war thatsächlich fast selbständig, wenngleich 
auch er schon die Oberhoheit des Schah dadurch anerkannt hatte, dass 
er seinen ältesten Sohn Mubammed als Geisel nach Teheran schickte. 



*) Vergl. oben Kap. XII S. 115. Die wichtigsten Pferdetransporte von Ba^ra nach 
Indien finden im Herbst statt. 

■) Der Name hängt wohl mit FelT, Bezeichnung für einen grossen Stamm der Lur, 
irgendwie zosammen. 



ao 



^o8 J^^P- XVm. Mubainincra. — Der Känin. 

Nach seinem Tode 1882 wurde sein zweiter Sohn Miz*al vom Schah als 
Gouverneur bestätigt, eine kleine Garnison von regulärem Militär nach 
Mubammera gelegt*) und der Jahrestribut auf 450000 Kran festgesetzt 
Im Januar 1889 musste er in die Zulassung eines Vertreters des Schahs 
in Mubammera^) willigen und sich gefallen lassen, dass die persische 
Regierung ihn ab blossen Gouverneur mit dem Titel Chan und Mu*izz 
es saltane betrachtet, der Jahr für Jahr neu ernannt wird und an Ge- 
schenken und Abgaben eine nicht unbeträchtliche Summe zu zahlen 
hat Auch die anglo-indische Regierung bezeichnet ihn seitdem officiell 
nur als Governor of Muhammera'). Im Jahre 1897 wurde Miz'al ermordet 
Seitdem nimmt sein Bruder Schech Chazal seine Stellung ein. 

Die Stadt Mubammera selbst liegt etwas landeinwärts am rechten 
Ufer des Kärün. Ihre Einwohnerzahl, die vor einigen Jahren noch keine 
4000 betrug, ist gegenwärtig auf etwa 7000 gestiegen*). Eine persische 
Telegraphenlinie nach Buschir, Ahwäz, Dizfiil und Schuschter und eine 
Postverbindung mit Schuschter wurde 1891 eröffnet; auch die anglo- 
indische Post hat hier ein office. Der englische Vice-Konsul, der einzige 
Europäer des Ortes, hat sich auf dem jenseitigen Ufer des Kärün ein 
hübsches Landhaus errichtet. Seine Bedeutung verdankt Mubammera 
der Lage als Eingangshafen für die persische Provinz Chüzistän*). 

Der Kärünstrom, der bis in das Herz von Chüzistän hinauffuhrt 
ist im Oktober 1888 von der persischen Regierung zunächst bis Ahwäz 
für die Schifffahrt freigegeben worden. Trotzdem dieselbe durch die 
zahllosen Krümmungen und den veränderlichen Wasserstand erschwert 
wird, so verkehrt doch schon eine ganze Anzahl Dampfer mittlerer Grösse 
aufwärts bis Ahwaz, wo Felsbänke die Weiterfahrt verhindern. Zur Um- 
gehung derselben ist von einer einheimischen Gesellschaft, der Nasir 
Company, seit 1891 eine kleine Schienenbahn angelegt wx)rden. Denn 
auch oberhalb Ahwäz wird jetzt der Strom noch bis Schuschter, aller- 
dings nur von ganz kleinen Dampfern, befahren*). 

' Verf^l. Administration Report of ihe Pcr>ian Gulf Political Residency and Mnscat 
Political Ag^ency for thc yoar 1S83 — S4, Seleclions from the Records of thc (lOvemmeDt of 
India, Foreiirn I.>o])artment. Calcutla, .^. o. 

- Veri^l. Administration Re])ort 1S8S - S»). S. 13. 

' Vcr:,'!. -Administration Report 1S93 — 94. S. 50. 

* Vcrjjl. .Administration Rc]>ort a. a. n. 1S97 — 9S, S. 97. 

■^ Zwar weist «Icr Handelsverkehr noch keine erheblichen Ziffern auf, doch ist er 
in starker Zunahme begriffen. Nach «len entrÜschen Berichten betrug" der Kxport : 1891 
45717 i', 1S92: 67 53S JCj 1S93: 89 039 l. Auf dieser Höhe hielt sich der Wert des 
Kvport«. 1896 stieg er sopar auf ül)er 126000 *J. Der Wert des Imports war regelmässig 
etwa 25 '^'n höher. 

*^ Die Schiflffahrt auf dem Kärün wird von der eniilischen Euphrates and Tijjris Co. 
^I.yoch) sowie einer einq:eborencn persischen Gesellschaft betrieben. Oberhalb Ahwäz ist 
sie einstx^ eilen noch Kinheimischen vorbehalten. 



Kap. XVIU. Die vPcrsepolisA. JOQ 

Nach dem Abendessen kam der erste Offizier des in der KärUn- 
Mündun^ vor Anker liegenden persischen Kriegsschiffes »Persepohs« in 
Begleitung des englischen Vicekonsuls sowie zweier Schiffsoffiziere an 
Bord. Der damals auf Urlaub abwesende Kommandant der »Persepolis«, 
Heinecke, sowie sämthche Offiziere waren Deutsche; das Schiff, in 
Bremen ursprünglich als Passagierdampfer gebaut, dann für den Trans- 
port von Mekka-Pilgern hergerichtet und schliesslich zum Kriegsschiff er- 
hoben, repräsentierte auf seiner Station ^) die persische Kriegsmarine, da 
nach dem zwischen Persien und Russland 1832 abgeschlossenen P'rieden 
von Turkmantschai kein persisches Kriegsschiff auf dem Kaspischen 
Meere fahren darf. Doch ist dies eine Schiff von grosser Bedeutung für 
die persischen Finanzen; denn seitdem es seiner hauptsächlichen Be- 
stimmung gemäss im Persischen Golf kreuzt und gelegentlich zu den 
Zahlungsterminen der Steuern vor den reichen Küstenstädten erscheint, 
hat der Steuerertrag die dreifache Höhe wie früher erreicht. Ich fuhr 
am folgenden Morgen in einem mir gesandten Boote an Bord der 
-»Persepolisc. Die Mannschaften waren auf Deck angetreten; die Matrosen 
waren Perser und Kurden, die Heizer Chaldäer, die drei Maschinisten 
Christen aus Bardäd. Die >Persepolis« machte mit ihrem weissen An- 
strich einen sehr sauberen Eindruck. Unter Deck war ein hübscher 
Salon und ein gemütliches Lesekabinett. Die Armierung bestand aus 
Krupp' sehen Kanonen und einer ganzen Kammer voll Hinterlader-Gewehren. 

Kurz unterhalb Muhammera werden die Palmen Waldungen lichter 
und hören zuerst auf der persischen, etwas später auf der türkischen 
Seite allmählich ganz auf. Die Ufer sind flach und heben sich mit ihrer 
gelbgrünen Farbe kaum von dem Strom ab. Der Schatt el *Arab selbst 
wird breiter und zeigt Untiefen und Schlammbänke, so dass vor- 
sichtiges Fahren geboten ist. Dicht vor seiner Mündung liegt auf 
dem rechten Ufer die englische Telegraphenstation F'äo, nur aus wenigen 
Häusern bestehend, in deren Nähe die Türken Befestigungen errichtet haben. 
In Fäo begannt der Telegraph des Persischen Meeres, der über Buschir, 
Lingah, Jaschk, Gwadur in Belutschistan nach Kurrachee geht. Die Linie 
stand damals unter der Leitung eines Deutschen, des liebenswürdigen 
Herrn Possmann in Kurrachee, dessen Gast ich später war. Diesem Beamten, 
der gleichzeitig politischer Agent und britischer Resident für Südbelut- 
schistan ist, untersteht auch der Landtelegraph von Buschir durch Persien. 
Vor Fäo lag ein der indischen Kriegsmarine angehöriger Raddampfer 
^Lawrence« mit mehreren Hotchkiss-Kanonen hinten und auf den Rad- 
kästen. 



*) Einen Teil des Jahres ist die »Persepolis'' in Buschir stationiert, wo die Offiziere 
zu meiner Zeit ein Haus gemietet hatten. 



310 



Kap. XVllI. Die Mümlunjr des Scha» cl 'Aiab. 



Der Persische Goll. 



Etwa eine halbe Stunde hinter Fäo beginnt die grosse Barre des 
Schatt el *Arab, die der Schifffahrt auf dem Flusse eine Schranke auf- 
erlegt. Während der Strom von hier bis nach Ba§ra 50 — 60 englische 
Fuss Tiefe besitzt, kann die Harre nur von Schiffen mit einem Tiefgang 
unter 17 englische Fuss ohne Gefahr passiert werden. Die Barre besteht 
übrigens aus weichem Schlick, und die grösseren Dampfer, die sie nur 
zur Flutzeit überschreiten, fahren gewöhnlich mit dem Kiel durch die 
oberste Schicht hindurch. Infolge der starken Schlammablagerung des 




Hochwjisser in Süd-Mesopotanien. 

Stromes verändert die I^arre fortwährend ihre Gestalt. Grössere Schiffe 
sind häufig gezwungen, einen Teil ihrer Ladung auf Leichter zu löschen 
und jenseits der Barre wieder aufzunehmen. Nach Ueberschreitung der 
Barre, bei welcher auch unser Schiff merklich durch den Schlamm fuhr, 
hatten wir sehr bald die offene See des Persischen Golfs erreicht. 



Am Morgen des 17. September kamen wir in Buschir (eigentlich 
Abu Schahr) an. Hier hatten wir eine 24 stündige Quarantäne abzu- 
machen, und ich konnte erst um 8 Uhr früh des folgenden Tages mit 
dem Lotsen das Schiff verlassen. Da der Strand bei Buschir sehr flach 
ist — wie überhaupt der eigentliche Persische Golf nirgends erhebliche 
Tiefe zeigt — musste das Schiff weit draussen auf der Reede bleiben, die 
gegen die vorherrschenden Winde (Schergi, hier gleichbedeutend mit »Süd- 
ost«, und Schemali ^Nordwest-^) vollkommen ungeschützt ist. Die Fahrt 



Kap. X\1II. Buschir. — Strassen und Häuser. 



311 



nach dem Landungsplatz dauerte etwa eine halbe Stunde. Am Quai der 
Douane angelangt, hatten wir volle drei Stunden zu warten, ehe der 
schwarze Quarantänearzt erschien, ein Goanese, d. i. ein Mischling von 
Portugiesen und Südinder. Dann konnte ich mich in die Agentur der 
British India Company begeben, von wo aus in zuvorkommendster Weise 
Herr Gardener meine Führung durch die Stadt übernahm. 

Buschir liegt auf dem Nordende einer schmalen, von Norden 
nach Süden gestreckten Insel, die nur durch eine sumpfige Land- 
zunge mit dem Festlande in Verbindung steht. Der Boden der Stadt 
erhebt sich nur wenige Fuss über dem Niveau des Meeres. Infolge- 
dessen sind die gesundheitlichen Verhältnisse ausserordentlich schlecht. 




Buschir am Persischen Golf. 



Ausser schweren Fiebern ist besonders der Guineawurm gefürchtet, der 
sich in dem brackigen Wasser der Cisternen findet. Die Strassen sind 
eng und krumm und haben in der Mitte eine oft ^2 m tiefe Einsenkung. 
Die festen Häuser sind dicht aneinander gebaut, auf freien Plätzen finden 
.«iich auch Schilfrohrhütten. Auf den Dächern fallen die schön ge- 
schmückten säulengangartigen Aufbauten ins Auge, von denen zuweilen 
mehrere, stets in Form runder Bogen, etagenförmig übereinander liegen. 
In diesen befinden sich die Bäd-gir (vWindfänger*), die den kühlen 
Wind der oberen Luftschichten in die unteren Gemächer hinabführen, 
eine Einrichtung, welche ich in verkleinertem Massstabe in einzelnen 
Häusern von Bardäd in Anwendung gesehen hatte ^). Auffallend sind 



Vercrl. oben Kap. XVI S. 248. 



312 



Kap. XVIII. Buschir als Handelsplatz. 



auch die vielen sehr hübsch gearbeiteten [Fenster, die mit persischer 
Ornamentik in Gips und Holz verkleidet sind. Zuweilen hat man in 
die Holzaussägungen bunte Glasscheiben eingelassen. Ein Armenier hielt 
am Ort eine Art von Restaurant mit Billard; man kaufte hier Konserven, 
Bier und Whisky und Soda, die man sogleich verzehrte; auch konnte 
man warme Speisen erhalten. Die Bazare sind ziemlich umfangreich, aber 
doch bei weitem nicht so gross wie in Ba§ra, und sie bieten auch nichts 
Aussergewöhnliches. In grosser Zahl giebt es Händler mit Süssigkeiten, 
auch Waflfenschmiede, welche noch immer die langen persischen Gewehre 
mit breitem Steinschloss und grossem rundlichen Kolben sowie die 
geraden breitklingigen Dolchmesser fabrizieren. Der Grosshandel herrscht 
durchaus vor; der Detailhandel ist bei der Kleinheit der Stadt und der 
dünnen Bevölkerung des näheren Hinterlandes nur unbedeutend. 




Persisches Gewehr. 



Der Dampferverkehr in Buschir ist ein verhältnismässig reger'). 
Die Anzahl der Segelschiffe, welche den Hafen anlaufen und überhaupt den 
Persischen Golf befahren, ist nicht unbedeutend. Sie sind meist persischer, 



*) Schiffsverkehr in Buschir. 

(Vergl. Administration Reports 1893/94 S. 29; 1894/95 S. 30; 1897/98 S. 36). 



Sejjclschiffe 



Dampfschiffe 



Total 



I Jahr An/.ahl 



Grossbritaiinische 



Türkische 



Persisch«' 



1^93 I 
1894 

1895 ' 

1896 , 

1897 



I Tonnen- 
Gewicht 



Anzahl 



Tonnen- 
1 Gewicht 



Anzahl 



'»5 
150 

135 
HO 
150 



7 475 
6 000 
5400 
4000 
4500 



i«5 
150 

'35 

HO 
150 



1893 ' 


30 


2400 


107 


• 114 533 


137 


1894 


35 


' 6800 


III 


129638 


146 


1895 


30 


2 400 


132 


170434 


> 162 


1896 


22 


I 760 


1 12 


133277 


1 '34 


1897 


18 


1 420 


90 


1 98 494 


loS 


1893 1 


35 


2 100 


2 


' 2769 


37 


1894 


40 


6400 


2 


2668 


42 


1895 


35 


I 750 


I 


1389 


36 


1896 


45 


2 250 


2 


1 2 200 


47 


1897 


50 


2 500 


I 


I 215 


51 



Tonnen- 
Gewicht 

"6933 
136438 
172834 
"35037 
99914 

4869 
9068 
3 '39 
4450 
3715 

7 475 
6000 
5400 
4000 
4500 



Kap. XV71I. BuscUir als Handelsplatz. 



313 



türkischer, maskater bezw. arabischer Nationalität und gehören zum grossen 
Teile den sowohl an der arabischen wie an der persischen Küste des 
Golfs wohnenden Arabern. Die Maskat-Schiffe führen, wie dieses für 







Scßfelschiffc 


r 

; Dampfschiffe 


Total 




Jahr 


, , 1 Tonnen- 
Anzahl 1 , . , 
Gewicht 


Anzahl 


Tonnen- 
Gewicht 


Anz:>hl 


Tonnen- 
Gewicht 




1893 


15 i 2 250 







15 


2 250 




1894 


60 6000 


— 




60 


6000 


Masl^a(er .... 


1895 


17 1 *i 700 






17 


I 700 




, 1896 


25 t2 250 


1 — 


— 


25 


2 250 




1897 


20 2 000 


-- 


— 


20 

1 


aooo 




1 1893 


25 j I 250 


— 




25 


I 250 




! 1894 


30 1 600 




— 


30 


I 600 


.-Vrabische .... 


! 1895 


35 i I 400 




— 


35 


I 400 




' 1896 

i8q7 

' 1893 
1 1894 


40 1 I 600 


1 


— 


40 


I 000 




35 1 > «25 1 


— 


— 


35 


I 125 




1 


6 


7203 


6 


7203 


Norwegische . . 


1895 




I 


994 


I 


994 




. 1896 


1 


— 


— 


— 


— 




1897 , 


"" "" 1 


— 


— 


... 


— 




1893 , 


... . _ 


— 


— 


— 


— 




1894 


1 

"■ 1 ~ 1 


2 


I 000 


2 


I 000 


Französische . . 


1895 


_ 1 _ ' 


— 


_ 


— 


— 




1896 


i 


12 


16707 


12 


16707 




1897 


— ' — ; 


I 


850 


I 


850 




' 1893 

1 1894 

1895 


— i 


— 


— 


— 


— 


Deutsche .... 


_ 1 


3 


3193 


3 


3 »93 




1896 


! 


I 


I 926 


I 


I 926 




1897 


1 


— 


— 


"" 






, 1893 
' 1894 
1 1895 


1 


— 


— 


— 


— 


Hollandische . . 





I 


696 


I 


696 




1896 


_ 


— 


~ 


— 


— 


\ 


1897 


__ 1 


— 


— 


— 


— 




1893 
1 1894 
1 1895 


1 


— 


-- 


— 


— 


Ocstcrrcichische 
















, '896 


1 








— 


— 




1897 , 


— — 


I 


S35 


I 


835 


•; Diese fü 


hrten französische Klagten. 










t) Diese fü 


lirten grc 


»sstenteils französisch« 


I Flaggen. 









314 



Kap. XVm. Buschir als HandelsplaU. 



die Jahre 1896 und 1897 von der englischen Residency in Buschir kon- 
statiert worden ist, meist französischen Flagge *). Die Segelschiffe sind oft 
bis zu 300 Tonnen gross. Sie haben ein erhöhtes Hinterdeck und 
meistens zwei Mäste mit gewaltigen Segeln und erinnern an unsere mittel- 
alterlichen Karavellen. Die Schiffe fahren bis nach Indien und Zanzibar'). 
Es sind dieselben Boote, in denen die Piraten des Persischen Golfs bis 
in die Mitte dieses Jahrhunderts ihr Handwerk ausübten. 

Die wichtigsten Exportartikel von Buschir sind Opium, Wollen- 
waren, Weizen, Waffen und Munition, Geldmünzen, Tabak, Mandeln, 
Häute und Felle, Perlen, Baumwollenwaren, Wolle und Gummi. Die 
wichtigsten Importartikel sind Baumwollenwaren, Waffen und Munition, 
Geldmünzen, Thee, Indigo, Metallwaren, Zucker und Zuckerhüte, Wollen- 
waren, Garn und Stricke, Medikamente, Kupfer, Zuckerwaren und 
Porzellan'). 



Se(^ebchiffe 



Dampfschiffe 



TotaJ 



Anzahl 



Tonnen- I 
Gewicht " 



Anzahl 



Tonnen- 
Gewicht 



Anzahl 



Tonnen- 
Gewicht 



Amerikanische 



Aus anderen 
Ländern . . 



Total 



1893 
1894 
1895 
1896 
1S97 

1893 
1894 
1895 
1896 

1897 

1893 
1894 
1895 
1896 
1S97 



Q18 



2 264 



918 
2 264 



[1 



220 

315 
252 
242 
274 



III 


119566 1 


33« 


135 041 


121 


140509 1' 


436 


1 167309 


138 


176 706 


390 


189 356 


127 


1 154 HO j. 


369 


: 165970 


93 


, lOl 394 !; 


367 


, ii3 857'> 



15475 

26 800 

12 650 

II 860 

12463 

*} Die niedrigen Ziffern im Handelsverkehr des Persischen Golfs während der letzten Jahre siiid ant 
die indische Pest zurückzuführen, derentwegen z. B. die Messagenes Maritimes ihre Fahrten in Golf unterbrodien 
haben. Vergl. auch unten Anm. 3, ferner Anm. 3, S. 318; Anm. 5, S. 321. 

^] Vergl. Administration Reports 1S96/97 S. 21/22 und 1897/98 S. 36/37. Das 
Recht zur P'ührung der französischen Flagge wird sowohl von den Mas\f:at- and Ijla^ramüt- 
Arabern wie von den Bewohnern der Somaliküste vielfach angestrebt, um der Durchsuchong 
der Boote auf Sklaven zu entgehen. Dieses Recht wird u. a. dadurch erlangt, daas sich 
die Betreffenden in der französischen Kolonie ^libütT und 'Obok ankaufen nnd eine Zeitlang 
>esshaft machen. 

«) Vergl. oben Kap. X\ai S. 293. 

') Die folgende Tabelle giebt nach englischen Quellen (vergL Administration Reports 
1894/95 ^- 30 und 1897/98 S. 27 u. 35) eine Uebcrsicht über den Export and Import von 



Kap. XVm. üi«^ Geschichte Buschiis. 



315 



Buschir, noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein un- 
bedeutendes Fischerdorf, wurde von Nadir Schah zur Stadt erhoben und 
zum Hafen der von ihm begründeten persischen Kriegsflotte bestimmt 
Der frühe Tod des Herrschers Hess seine maritimen Pläne nicht zur Aus- 
führung kommen; die mit ungeheurer Anstrengung geschaffene Flotte ver- 
faulte, und ihre Wracks erregten den Spott aller europäischen Reisenden. 
Wohl aber zog sich der Handel des Persischen Golfs hierher, und statt 
eines Kriegshafens wurde Buschir der Haupthandelsplatz für Südpersien 
(Fars). Noch unter Nadir Schah verlegten die Engländer ihre Handels- 
faktorei von Bender *Abbäs nach Buschir, und der anglo-indische Handel 
dominiert hier seitdem. 

Im 17. Jahrhundert schon haben Holländer, in der neuesten Zeit 
auch Franzosen den Engländern das Feld streitig zu machen gesucht, 
aber ohne rechten Erfolg, obwohl beide Mächte zu diesem Zwecke 



Buschir in Rupien, nach den verschiedenen Ländern f^eordnet. (Vergl. über die Handels- 
vcrhältnisse Buschirs und des Persischen Golfs auch das Deutsche Handelsarchiv, iSgGi 
Bd. II S. 652 ff.) Die Rupie ist ungefähr M. 1,40 wert. 





Export 










Import 








1893 


1894 


1895 
2822290 


1896 


1897 
1549723 


1893 
7 739 380 


1894 
9 613 960 


1896 
12 235 000 


1896 
6 699 647 


1897 


Grossbritannien 


1719770 


1754370 


1814018 


12 382 080 


Indien 


— 


— 


1239190 


1299 928 


1212 768 


— 


— 


4 464 140 


3 903 138 


3 336 110 


Brit. Indien n. Kolon. 


2553 150 


1876 660 


— 


— 


— 


1 6 244 260 


6 991000 


— 


— 


_ 


Frankreich 


— 


- 


- 


20417 


40723 


1 _ 


— 


— 


1 682 217 


899 230 


Deutschland 


~ 


— 


— 


3280 


12485 


; 


— 


_ 


500 


31690 


Oesterreich 


— 


- 


- 


5763 


250 


— 


— 




61495 


34140 


Beipen 


- 


- 


- 


7 242 


- 


- 


- 




55 540 


12 220 


Russland 


— 


— 


— 


— 


15 


— 


— 


50 000 


35 980 


12 000 


Asiatisch. Kussland 


1 


















(Batum) 


- 


— 


— 


— 


— 


— 


48 000 


— 


— 


_ 


Schwdx 


— 




.- 


255 


— 


— 


— 




_ 


_ 


Griechenland 


— 


— 


— 


~ 


4928 


- 


— 


— 


- 


_ 


Maha 


— 


— 


— 


28135 


6302 


- 




■ - 




_ 


And. europ. I^Änder 


52280 


52270 


28 640 


— 


— 


1232 750 


921830 


- 


— 


_ 


Türkei 


312720 


1132620 


735200 


385742 


117 801 


130 050 


175 990 


414 500 


442 867 


413 110 


E«rpten 


528400 


424500 


772 290 


469 661 


244 935 


21040 


28 800 


25 020 


- 


169 690 


Lamaka 


— 


— 


— 


7 956 


2548 


- 


— 


~ 


— 


_ 


Al^er 


■ - 


420 


— 


544 




- 






— 


_ 


Oman-Blaskat 


13020 


25 870 


62310 


210 321 


192 113 


19 170 


23 980 


_ 




_ 


Maskat 


— 


— 


— 


— 


- 


- 




16 000 


154 235 


179 500 


Bahren u. arabisch. 






















Kilste 


114 880 


145160 


102 690 


— 


— 


29 150 


12 670 


5 730 


— 


— 


Bahren 


— 


— 




141956 


63188 


— 




— 


24 295 


215 030 


Arab. Käste 


— 


— 


— 


272 


— 


— 




— 


— 




Persische Häfen 


- 


577 520 


356165 


238195 


— 


_ 


325 820 


252 429 


439 820 


Mauritius 




— 


— 


— 




— 




_ 


2982 


_ 


7flffirqy^r 


— 


7 220 


10 270 


6 511 


10 082 


16 500 


19 660 


14 850 


20 400 


25 450 


Hollknd. Kolonie 


— 


— 




-- 


1000 


— 


— 


— 


_ 




rtmta 


2919000 


4116490 


3168 480 


2726 644 


2 583 360 


99 670 


228 550 


144 870 


65 355 


175 200 


Amerika 


- 


— 


459 


110 


— 


— 


— 




— 


T^ 


8213220 


9535 580 


9 518 880 


7 485 289 


6 280526 


15 531 970 


18 064 430 


18 304 490 


13401080 


18 325 270 



3i6 



k..: \VIll Dl.- B.-....iU.::ii- Bijschirs 



\'ertretcr in Buschir linterhrilten. Inz\\ischen ist es aber auch dem 
ueiit-cheii Handel i^eiiin-^^en hier festen Fuss zu ta-^sen. Kine direkte 
bampferlmi': zu lachen I^renien un<i Huschir wurde im Juni 1895 eröiinet. 
baiii jedoch, wohi der indi-chen i'e^t wej^en, wieder autj^e^eben. Gegen 
"vvartiL; ist ein deut-ches HandeNhaus in Huschir etabhert. lieinicke & Co.. 
da>» \on dem inzwischen abj^cv^ani^enen Kapitän der FersepoUs errichtet 
Aurde. ScJt i^'>7 »^t beutschlaml durch einX'icekonsulat in Huschir vertreten. 
Hcutzutaf^c zahlt Huschir 20«»j bis 30000 Kinwohner. danmter 
cinit^e Hundert Armenier und Juden. Die 20 bis 25 lluropacr <incl 




lypi-ii ;in< llu.-'cliir. 



meist MnL.'.lanilcr. lün <jro>Mr Teil der Hcvölkeruntj ist arabischer Ab- 
siammuiu^. lawa< ausserlialb der eij^entlichen j^ersischen Stadt, am Meere. 
liei',t die Re>i<leiio\. lier ric>iL;e bct'eslii^le Palast des enijhschen General- 
KonsiiU. und die eiiL^li>che 'leleuMaphenstatiDU. l',bcnso wie für Bardad. 
i>l seiner Zeit von der Indi>elien Kom])aL:nie für den l*ersischen GoH" eine 
oftieielle X'ertreiuni; eriiiMitei wonion, ilie nunmelir i^leichfalls sowohl dem 
\ ici'Unmu von hidien wie dem l'oreiLin t >ffice in London untersteht. Von 
ilem rohlir.il Kesiilent für den Tersi-sclien Golf hän«:^cn der Political Agent 
m M.isk.ii. der L;leieh/eiti*^ enL^liselici Konsul ist, sowie der Vicekonsul 
in Muli.immer.i und \ erseliieilone eini^'ei)i)rene Aijenten im Ciolf ab. Die 
Kei^iemni: li.it <lie Sielhnii^ iles l\.c>i deuten in reichster Weise dotiert. 
/vi -emev liavienulen X'erliij^uiiL; stellen KriesL^sschitte und Soldaten*). Ein 

l >. mikI .'.■..'s .i:- 111 iisc" ai Arnu'c j^cIi-tiil:!. scpi.ys. Die im Persischen Golf 
>Tiiu>!iuTUii Kru'i^s<i-:i:i:o sin! I\;:üii.'.iii{<KT und ^^tMiorea^uselhstäiiiUgea indischen Marine. 



Kap. X\in. Ling^ah. ^jj 

Sommerpalast des britischen Residenten sowie die Sommerwohnungen 
der englischen Kolonie finden sich südlich von der Stadt in Reschir, dem 
alten Rischehr, Buschirs Vorgängerin im Mittelalter. Die alte Stadt ist 
bis auf die Ruinen eines Forts, das aber möglicherweise auch erst aus 
portugiesischer Zeit stammt, vollständig vom Erdboden verschwunden. 
Doch sind bei gelegentlichen Ausgrabungen allerlei Altertümer gefunden 
worden, die in die babylonische Zeit zurückreichen.^) 

Im Innern von Buschir befindet sich eine armenische Kirche, an 
welche sich ein Kirchhof mit einer Anzahl Gräber von hier verstorbenen 
Engländern anschliesst, unter diesen zwei von Offizieren, welche 1857 
bei der Einnahme Buschirs durch die Engländer gefallen sind. 

Von Buschir ging die Fahrt an der persischen Küste des Golfs 
entlang, zunächst in südöstlicher, dann in östlicher Richtung. Das Hoch- 
plateau von Südpersien fallt steil zur Küste ab; einzelne Gipfel des 
Randgebirges haben nach der englischen Seekarte eine Höhe von über 
lOOOO Fuss und sollen im Winter mit Schnee bedeckt sein. Der schmale 
Strand erscheint öde; nur selten werden kleine Palmengruppen sichtbar, 
die eine feste Ansiedlung bezeichnen. Die grösste derselben ist die 
Dampferstation Lingah, an dem Punkt der Küste gelegen, wo diese nach 
Nordost umbiegt. Wir ankerten weit draussen vor der Stadt, welche 
einen schöneren, ländlicheren Eindruck als Buschir macht, breitere Strassen 
aber niedrigere Häuser hat. Der Anblick vom Meere aus auf den in 



Die StellungeD der politischen Residenten in Bardäd und Buschir korrespondieren mit 
denen der »Residenten« in den in ihrer Verwaltunpf noch unabhängif^^en Fürstentümern 
der grossen ostindischen Halbinsel. Zu meiner Zeit war Colonel Talbot Political Resident 
im Golf, der Nachfolger des durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannten l^iagjährigen 
Residenten Sir Edward Ross, des Schwiegervaters des Bardäder Generalkonsuls Mockler. 

Die Residenten in Buschir reichen jedes Jahr einen ausführlichen Administration 
Report ein, der regierungsseits in Calcutta gedruckt wird und ausser politischen und Handels- 
nachrichten interessante Aufsätze der englischen Beamten über alle möglichen im Gebiete 
ihres Verwaltungsbezirks liegenden Angelegenheiten enthalten. Seit 1876 sind diese Reports 
in selbständigen starken Broschüren als »Selections from the Records of the Government 
of India, Foreign Departments: erschienen. Die zahlreichen Tabellenf betreffend Import) 
Export, Schiffsverkehr u. s. w. sind sehr detailliert und behandeln Mubammera, Buschir, 
Ungah, die Babren-Inseln und die Piratenküste, Bender 'Abbäs und Maskat. Allerdings 
fmden sich hin und wieder schwer aufzuklärende Rechenfehler und Auslassungen vor. Die 
politischen Mitteilungen, welche wohl in nKinchen Fällen nicht immer alles Wissenswerte 
geben und den englischen Standpunkt naturgemäss besonders betonen, bilden immerhin eine 
wichtige Quelle für die jüngste Geschichte des Persischen Golfs und seiner Küstengebiete. 

*) Vergl. Tomaschek, To])ographischc Erläuterung der Kästenfahrt Xearchs (Sitzungs- 
berichte d. Wiener Akad. d. Wissensch., Bd. CXXI, 1890;, S. 62. l.)r. Andreas hat 1873 eine 
grosse Anzahl von Ziegeln mit keilförmigen Inschriften in einem Hüffel bei Buschir aus- 
gegraben, wovon einige in die Königlichen Museen von Berlin i^^ekommen sind. Im Jahre 
1877 kamen mehrere Ziegel» welche den Namen eines elamitischen Königs tragen, nach dem 
British Motenm. VergL Administration Report 1877/78 S. 12. 



3i8 



Kap. X\'T1I. Linjfiih: Perlen fischcrei, Schiff fahrt und Handel« 



Palmengärten versteckten Ort ist geradezu bezaubernd. Das für Lingah 
charakteristische Gewerbe ist die Perlenfischerei, die hier schon seit dem 
frühesten Altertum betrieben wird^). Die Perlen werden zumeist den 
Fischern von den wenigen Grosshändlern aus Bombay abgekauft, und 
zwar zahlen diese nach der Farbe und der Grösse der einzelnen Stücke. 
Der eigentliche Platz für die Perlenfischerei ist jedoch an der arabi- 
schen Küste, vornehmlich nordwestlich der Halbinsel Katar. Die 
arabischen Grosskauf leute , welche die Perlenfischerei in der Hand 
haben, bedeuten dort eine politische Macht*). Auch als Hafenort hat 
Lingah eine gewisse Bedeutung^). Hier speciell werden die Teppichmassen 
verschifft, die in Südpersien, zumal in Kirmän und Jezd, erzeugt werden. 
Dank der vermehrten Nachfrage in Europa hat sich gerade in Südpersien 
die altberühmte Teppichindustrie ausserordentlich gehoben, obwohl bei der 
Ueberproduktion ein Rückschlag unausbleiblich scheint. Die Einwohner- 
zahl der Stadt ist auf 12000 zu schätzen, wenn die mir gemachte Angabe 
des indischen Postmeisters der englischen Post, eines Muhammedaners 
Namens Schech Ahmed Hindi, richtig war. Unter den Muhammedanern 
sollen die Sunniten überwiegen, demnach müsste der grössere Teil der 
Bevölkerung arabischer Nationalität sein, und die Herren, die schiitischen 
Perser, sich in der Minderzahl befinden; brahmanische Hindus sind nur 
etwa 20 am Ort. 

Lingah hat, ebenso wie die anderen Hafenstädte der Südküste 
Persiens, starke Negerkolonien von Sklaven und Freigelassenen. Gerade nach 



\'; Vergl. Möbhis, Die echten Perlen, Hamburg 1857, S. 27 ff. 

') Ueber Perlenfischerei im Persischen Golf ver^l. das ausführliche Memorandom von 
Durand im Administration Report 1877/78 S. 27 ff. Ueber die beim Perlenhandel angewandten 
Gewichte und Masse vergl. das Memorandum von Mockler im Administration Report 1885/86 
S. HO ff. 

') Die folgende Tabelle giebt nach englischen Quellen (vergl. Admin. Reports 1894/95 
S. 35 und 1897/98 S. 42 u. 48) eine Ucbersicht über den Export und Import von Lingah 
jn Rupien nach den verschiedenen Ländern geordnet. 





1893 


1894 


Grossbritsmnien 


97 000 


37 000 


Indien 


— 


— 


Brit Ind. & Kol. 


4 955 500 


4 484 700 


Türkei 


535100 


558 200 


'Omftn-Mäskat 


135 850 


153750 


Maskat 


- 


— 


Bahren u. arab. K. 


3 552400 


3 819 100 


Bahrön 


— 


— 


Arab. Küste 


— 


— 


Periischc Häfen 


— 


- 


Zanzibar 


9 700 


8400 


Total 


9 285 550 


9 061150 



Export 
1895 ! 



1896 



1897 



48 000 
4 681 600 



470 000 
108 300 



2 907 600 

983 500 

5 300 

9 204 300 



40 200 48 
4 624 700.4 270 



327 400' 341 

- I - 
223 600 215 



2 544 100 

709 700 

2 500 



92 

2852 

947 

5 



900 
340 

900 

890 

600] 
800, 
520 
500 



1893 



Import 
1894 



!4 977 170 
553 800 
154 500 

13 887 600 



8 472 200 8 775 450' [9 586 970 



13900 



6300 

5508500 
366 650 
177 550 

3 632860 



17700 
9709070 



1895 


1896 


1897 


15 000 


3600 


9350 


4 064 870 


2669550 


4600250 


284 950 


259050 


406 400 


174900 


206100 


227450 


3 800100 


— 


— 


— 


181000 


148750 


— 


3352100 


3283750 


2228 060 


653060 


633520 


10 950 


8900 


11500 


106 68890 


7225860 


9319970 



Kap. X\1II. Die Bevölkerung. — Empiang beim Untergouvemeur von Lingah. ?iq 

den Häfen des Persischen Golfs hat seit alter Zeit von der ostafrikanischen 
Küste ein lebhafter Handel mit Schwarzen stattgefunden. Doch sind 
durchaus nicht alle dunkelhäutigen Bewohner von Lingah, Maskat usw. 
Neger. Viele haben einen ausgesprochen arabischen Typus und stammen 
von der Südost- und Südküste Arabiens. Die Frauen tragen hier schon, 
der Maskater Sitte entsprechend, kleine Halbmasken, ähnlich den auf 
unsem Maskenfesten gebräuchlichen, mit einem Fischbeinsteg in der Mitte 
und viereckig ausgeschnittenen Augenlöchern; der Stoff ist gewöhnlich 
einfacher schwarzer Calicot; manchmal sind sie auch mit Goldstickerei 
schön auf Sammet- oder Seidengrund gearbeitet. Am Nasenteil der 
Masken, die auch im Hause viel getragen werden, hängt oft eine Kette 
oder ein Ring. Das Hauskleid der Frauen ist meist ein langer seidener 
Rock mit sehr weiten Aermeln. In der Gewandung herrscht die blaue 
Farbe vor. Im Hofe der Häuser wird häufig auf einem Gestell von vier 
festen Stäben hoch in der Luft eine Mattenhütte errichtet, zu der man 
auf einer Leiter oder Treppe hinaufklettert und in der sich's vorzüglich 
schlafen soll. 

Lingah besitzt zwei Minarets im persischen Stil, denen von Bardäd 
ähnlich. Im Norden der Stadt liegen unter Palmen zahlreiche Heiligen- 
gräber in niedrigen Kuppelgebäuden. Am Wasser ist ein kleiner noch 
aus der Portugiesenzeit herstammender Quai, woselbst der Bazar beginnt, 
der sich parallel dem Strande hinzieht. Noch im Bazar selbst befindlich, 
erhebt sich ein neues elegantes Douanegebäude, und nicht weit davon 
das weitläufige Haus des persischen Gouverneurs, das frühere portugiesische 
Kastell mit starkem Eingangsthor und grosser mit zahlreichen Fenstern 
versehener Empfangshalle. 

Der Untergouverneur von Lingah, Mirza Isma'Il Chan, der dem 
Gouverneur von Buschir, Namens Arä Sa*d ul Mulk (»Glück der Herr- 
schaftc), unterstellt war^), empfing mich in einem Raum des ersten Stocks, 
der kein einziges Stück Möbel, sondern nur Matten, Teppiche und dicke 
runde Kissen enthielt; für uns wurden einige Stühle herbeigeholt. Der 
Landessitte entsprechend wurden wir mit Thee bewirtet, der hier — 
ebenso wie in Marrib — den Kaffee ersetzt. Der Gouverneur war ein 
noch junger Mann mit fuchsrot gefärbtem Haar und Schnurrbart. Vor dem 
Seraieingang standen fünf ganz verrostete, einst aus dem Wasser gezogene 
kleine Kanonen aus angeblich portugiesischer Zeit. Die Soldaten 
waren mit Vorderladern bewaffnet, dagegen sollen die Eingeborenen zahl- 
reiche Martini- und Winchestergewehre besitzen^). Einige Schritte einwärts 

*) Lingah untersteht seit 1892 dem Gouverneur von Bender *Abbäs, der wieder wie 
die anderen Beamten der persischen Küstenstädte von dem Gouverneur von Buschir ressortiert. 

■) In den en^rlischen Administration Reports wird eine ständig^e Steig^erung der Waffen- 
nnd Monitionseinfuhr in den Persischen Golf konstatiert Dieselbe betrug allein in Maskat 



J20 K^P- X\n[n. Bender 'Abbäs. Kischm und Ormuz. 

im Hofe steht noch ein altes, mit einem Turm versehenes, halbzerfallenes 
und unbewohntes Schloss des Schech Säleb aus dem kriegerischen Araber- 
stamm der Koäsim är^^^ *) von der gegenüberliegenden *Omänküste, 

dessen Mitglieder als Seeräuber schon manchen Strauss mit den Eng- 
ländern ausgefochten haben. Im Jahre 1899 wurde seitens des persischen 
Gouverneurs von Buschir, dem Derja Begi (»Fürst des Meeres«) Lingah 
beschossen. Ein Mitglied der eingesessenen arabischen Schechfamilie 
der Koäsim hatte sich zum Herrn der Stadt emporgeschwungen und den 
persischen Gouverneur vertrieben, worauf ihm die Regierung die alten 
Gerechtsame seiner Familie bestätigt hatte. Der Zug des Derja Begi 
sollte diesem Zustande wieder ein Ende machen und hatte vollen Erfolg. 

Von Lingah an verläuft die persische Küste in fast nordösthcher 
Richtung bis Bender *Abbäs. Vorgelagert ist ihr die langgestreckte Insel 
Kischm oder, wie sie von den Arabern nach ihrer Gestalt genannt wird, 
öeziret et tauwile (»die lange Insel«). Der schmale Kanal zwischen der 
Insel und dem Festland ist eigentlich nur für kleinere Schiffe passierbar, 
doch wagen bisweilen auch Dampfer die Durchfahrt. Die Küste soll 
teilwei.se mit Mangrovenbüschen bedeckt sein, die den Städten Brenn- 
holz liefern. An dem nordöstlichen Ende von Kischm liegen zwei 
kleinere Inseln, Lcrak und Ormuz, die den Eingang in den Golf be- 
herrschen. Insbesondere die letztere, die eine einigermassen geschützte 
Reede und leidliches Trinkwasser besitzt, ist seit dem frühen Altertum 
bekannt — schon Ptolemäus erwähnt sie unter ihrem gegenwärtigen 
Namen \Aouov^n — und hat lange Jahrhunderte als der Schlüssel des 
Golfs gegolten. 

Als die Portugiesen im Beginn des 16. Jahrhunderts im Gell 
erschienen, die erste europäische Flotte seit Nearch, dem Admiral 
Alexanders des Grossen, machten sie Ormüz zum Stützpunkt ihrer 
Herrschaft über die persische und arabische Küste. Ueber ein Jahrhundert 
(von 1507 — 1622) blieb Ormüz in ihrer Gewalt, bis die Engländer in den 

im Jahre 1895 t^incn den Steuerbehörden jjejjenüber anjjejrcbenen Wert von löocxx) | 
enjjlischer Import), im Jahre 1896 von 850000 ^ (800000 cn^^I. Import, 50000 franz. 
Import und im Jahre 1897 von 1000 000 .s ^900 000 enjjl. Imp.» lOOOOO fr&nz. Import). 
Von diesen \Vaff«*n dürften mindestens 80" auf dem Seewege wieder nach anderen Hafen 
des Golfs aus Maskat exportiert worden sein. Unläng^st wurde die aus Gewehren, und 
zwar meist Hinterladern bestehen»le, aus Knijland stammende Ladung eines grossen englischen 
Schifli'es in den (lewässern von Maskat konfisziert, nachdem England, Fersien und Indien im 
Jahre 1898 einen Vertrag we^cn l'ntcrdrückung der Ausfuhr von Waffen und Munition von 
Maskat nach den indischen und persischen Häfen abqfeschlossen haben. 

*) Der Name der Koäsim wird im Beduinendialekt (rowäsim aasgesprochen and 
von den englischen Quellen meist Joasmi oder Johasme geschrieben. Bis zum Jahre 1887 
waren die ^oäsim die eigentlichen Herren von Lingah. 



Kap. XVUI. Handel und Vericehr in Bender Abbis. 



321 



indischen Meeren auftraten und, eifersüchtig auf die Portug^iesen, den 
Perserschah 'Abbas den Grossen bei der Belagerung der Stadt unterstützten. 
Aus Mangel einer Flotte gaben die Perser ihre Eroberung auf und 
erhoben das schrs^ gegenüber an der Küste gel^ene Fischerdorf 
Gombrün unter dem Namen Bender 'Abbäs (i Hafen des 'Abbäs«) zum 
Hafen für die Provinz Kirmän*). Im Jahre 1793*) erhielt der Sejid 
Sultan von Mas]^t Bender 'Abbäs und das umliegende Küstengebiet« 
welches sich von Lingah bis nach Jaschk erstreckte, von dem Schah von 
Persien in Erbpacht. 1854 bemächtigten sich die Perser der Stadt*); aber 
Sejid Sa*id konnte im Jahre 1856 das Vertragsverhältnis mit Persien, aller- 
dings unter erschwerenden Umständen, für Maskat auf weitere 20 Jahre ver- 
längern*). Nunmehr untersteht die Stadt eigenen persischen Gouvemeurea. 
Seiner Bedeutung nach reiht sich Bender 'Abbäs dicht hinter Buschir, 
obwohl es viel kleiner ist und die Hafenverhältnisse noch ungünstiger 
sind, als dort^). Zwar ist die Reede von ungewöhnlicher Ausdehnung, 
auch gegen die herrschenden Winde gut geschützt, dagegen so flach, 
dass die Dampfer drei Seemeilen vom Lande vor Anker gehen müssen. 
Hart am Meere gelegen, wird die Stadt auf beiden Seiten von Gärten 
eingefasst, im übrigen ist sie im weiten Umkreise von gelbem Sand 
umgeben. Im Hintergrund erhebt sich eine hohe Gebirgswand, aus 
welcher Gipfel bis zu 3000 m in die Höhe ragen. Die Stadt macht, wie 



») Verjfl. Malcolm, History of Persia, Bd. I S. 547. 

*) VerjjU unten S. 343. 

') Vergl. die Berichte eines Augenzeugen bei Pollak, Persien, Bd. US. 12 ff. 

*) Vergl. unten S. 355. 

^) Die folgende Tabelle giebt nach 'englischen Quellen (vergl. Admin. Reports 1894/95 
S. 37 und 1897/98 S. 52 u. 56) eine Uebersicht über den Export und Import von Bender 
*Abbäs in Rupien nach den verschiedenen I^ändern geordnet. 



Grossbritannien 

Indien 

Brit. Indien u. KoL 

Frankreich 

Andere europäische 

Länder 
Türkei 

*On)än-Ma«kat 

Maskat 

Bahren u. arab. K. 

Bahren 

Arab. Küste 



Export 



1893 



1894 



30 000 125 000 



2738820 



3 369120 



1895 



1896 



1897 



1893 



Import 
I 1894 ! 1895 I 1896 j 1897 



75000 40300 
- 4185170'2086923 



290 330 130 254 146 519 



23 900 
1906 680 



^800 61Ö0O 283920 647 963 1032 275 
- I — ;7 561950'5153 339^ 
15 902330 9398480' - j 

- - I 20400 



6 2 820 41500 



31600 



263 650 271800 

60800' 70 000 

86 660| 106420 

- - I 116 420 98125, 118051 

104 900 113 620J - I - — 

- I - I — - 207 460 

- - I 112 520 103100 105 085 



Persische Häfen | — 



— 129700 84 000 119 577 



Zansibar 

China 

Total 



30001 3 000 3 000' 4 300, 



5000 



, 594 400 700 000' 873 600 474 000 1028800 

!3 882 220 4 758 96o|5 848 56o!3 062 502 3 682 672 

I I I I 



I 



J. 



4540 680 
225 000 



I 
94 500 3289201 - 
71850 6I050' 191900 120 670 



94600 844401 



94 580, 75 340 



58150 54 000, 126 500' 



- j 55000 
28 800'i 107 986 



20001 3000 

I 



2000 



3500 



6 227 730,9 756 970:8 608 570 6 184 198 



Frhr. t. Oppenheim, Vom Mittelmeer sum Persischen Golf. IL 



1 
21 



73 501 



72 500 

15 000 

66 600 

76 900 

2800 

6105 266 



^22 K.;«p, Will. IWinier Abbäs: (Icsainteüidruck, Klima. — Jaschk. 

Lingah, einen ländlichen Eindruck, auch sie hat breitere Strassen und 
weniger hohe Häuser als Buschir. Ruinen der holländischen und eng- 
lischen Faktoreien, die nach der Vertreibung der Portugiesen hier ge- 
irründet waren, sind noch zu sehen, auch ein Pier, der angeblich von 
den letzteren herrühren soll. Auf der Quaimauer hat man eine grosse 
Kanone aufgefahren; dahinter erhebt sich, durch kurze Bazarhallen vom 
Wasser getrennt, das ebenfalls aus der Portugiesen zeit herstammende 
Douane- Gebäude (Gumruk). Jenseits des Gumruk steht das Serai, ein 
neues einstöckiges Gebäude mit vielen Fenstern. Wir wurden von dem 
Gouverneur Mubamnied Hasan Chan in einem über der Eingangsthür 
erkerartig au.sgebauten Saal empiangen, in welchem nur der vordere, 
den Fenstern zugelegene Teil mit Matten und Teppichen ausgestattet 
war. Auf dem freien Platz hinter den Seraimauern, der mit offenen 
Moscheen und an allen Seiten mit Hallen besetzt ist, pflegt das Hassan- 
Hussein-Fest, das berühmte *Aschüra, am zehnten Tage des Monats 
Mobarrem gefeiert zu werden. Der europäische Handel war zu meiner 
Zeit durch die damals noch holländische Firma Hotz und einen Engländer 
Marshai vertreten; der Ort ist Poststation, hat aber keinen Telegraph. 

Das Klima von Bender *Abbäs ist sehr schlecht. Die ungeheure 
Hitze, die Feuchtigkeit und das schlechte Trinkwasser werden be- 
sonders den Europäern gefährlich. Hinter der Stadt im Sande erhebt 
sich eine grosse Anzahl Grabmonumente, die bei den Eingeborenen die 
» Engländergräber c heissen. Aber auch die Einheimischen leiden unter 
diesen ungün.stigen Verhältnissen, die meisten verlassen im Sommer die 
Stadt und ziehen in das Gebirge. Die Bevölkerung ist grossentefls 
arabisch und macht im Verein mit einigen arabischen Stämmen des 
Hinterlandes der Regierung vielfach Schwierigkeiten. Auch im Jahre 
meiner Anwesenheit herrschten Unruhen, welche die Absendung von 
Truppen notwendig machten. 

Von Bender * Abbäs ging unser Kurs nach Süden, die arabische 
und die persische Küste näherten sich einander, und an dem auf der 
arabischen Seite gelegenen Kap Misandum vorbei steuernd, liefen wir in 
den Golf von *Omän ein. Nachdem wir den 26. Breitengrad passiert 
hatten, bog die persische Küste wieder nach Osten um. Nicht weit hinter 
dieser letzten Ecke liegt der letzte persische Hafen, Jascbk, im Norden 
einer kleinen durch Palmenanlagen gezierten Bucht, die sich hinter einem 
niedrigen Hügel versteckt. Die Südspitze ist von den Engländern für ihre 
Telegraphenstation in Anspruch genommen. Der indische Telegraph, 
der bis hierher über Land geführt ist, teilt sich in Jaschk und senkt sich 
ins Meer, das eine Kabel geht den Persischen Golf entlang, das andere direkt 
nach Aden. Das englische Protektionsgebiet wird durch einen Drahtzaun 
abgegrenzt, über den eine Treppe führt. Innerhalb desselben li^;t auch 



Kap. XVJII. Maskat. 323 

die zur Anfangszeit der Niederlassung mit 100 Scpoys belegte, zu meiner 
Zeit aber leere Kaserne, daneben steht eine grosse Signalkanone und eine 
Flaggenstange. Die Engländer haben hier eine hübsche gerade Strasse 
mit einer Reihe einstöckiger Gebäude angelegt, in denen etwa 1 5 Parteien 
mit dem nötigen Hilfspersonal wohnten. Die Unverheirateten haben 
ein, die Verheirateten zwei Doppelzimmer, die mit aller Bequemlichkeit 
ausgestattet sind. Auch die Post und eine Agentur der British India 
Company befindet sich hier. Dicht neben diesem Gebiet haben die Perser 
ein viereckiges Fort mit zwei Türmen erbaut, in welchem der Gouverneur 
mit 20 kurdischen Soldaten garnisoniert. Der Gouverneur konnte uns 
nicht empfangen, da er gerade im Opiumrausch lag. Die Bewohner der 
wenigen Häuser sind schon meist Belutschen, von denen ein Teil mit 
gutem Erfolg Fischfang treibt. 

Von Jaschk fuhr der Dampfer in fast südlicher Richtung hin 
über nach der arabischen Küste auf Maskat^) zu. Schon aus weiter Ent- 
fernung wurden die hohen, kahlen, steil zum Meer abfallenden Felsen 
der *Omän-Küste sichtbar. Die Einfahrt in die Bucht von Maskat ist 
nicht leicht zu finden. Diese umfasst eine ganze Anzahl kleinerer, 
selbständige Häfen abgebender Einbuchtungen des bis ans Meer heran- 
tretenden Gebirges. In jede einzelne dieser Nebenbuchten ergiesst sich 
ein kleiner Bach, der bei seiner Mündung etwas ebenes Terrain geschaffen 
hat; auf diesen sind besondere Ortschaften entstanden, die unter sich 
durch zackige Berge getrennt und auf nur für Fussgänger und unbe- 
ladene Tiere gangbaren Wegen erreichbar sind. Der Verkehr von Ort 
zu Ort vollzieht sich daher vornehmlich auf der Wasserstrasse. Von 
Westen begonnen, heissen diese Ortschaften Schatlf, Arbak, Matrab, 
Materab, Rijäm, Kalbüh und Maskat. Hier findet sich der einzige sichere 
Hafen der ganzen ostarabischen Küste und überhaupt des Persischen 
Golfs. In Maskat kann zu jeder Zeit Kohle genommen werden und 
könnten selbst grosse Flotten Schutz vor allen Stürmen finden. Die dem 
Hauptort Maskat vorgelagerte Bucht wird von den Engländern gewöhn- 
lich einfach >the cove« genannt. Ihre östliche Wand wird von zwei nur 
wenig auseinander liegenden Felseninseln gebildet. Nach dem .Südende 
verliert sich die Tiefe, die Schiffe gehen einige 100 Meter von der Stadt 
entfernt vor Anker. Der Eingang ist nur schmal, auf beiden Seiten 
von düsteren Felsen umgeben, auf denen Wachttürme und Burgen 
sichtbar sind. Um so überraschender wirkt der Blick auf die grosse 
Fläche des belebten Hafens mit den stattlichen Gebäuden der Stadt im 
Hintergrund, hinter der ein kahles schwarzes (jcbirge, von einer Menge 
weiterer Türmchen gekrönt, hoch emporsteigt. Im Hafen lag die Dampf- 

^) Hinfi^ wird der Nune auch Me^kcd '^atyrochcn. 




324 



Kap. XVin. Der Hafen Ton Maskat. 



yacht des Sultans und die weiss angestrichene, schmuck aussehende 
»Sphinxe von der Indian Navy. 

Die Felsen von Maskat, welche die Stadt umspannen und ihr nur 
einen verhältnismässig schmalen Platz lassen, sind im i6. Jahr- 
hundert an ihren Ausläufern von den Portugiesen mit Befestig^ngswerken 
versehen worden. Auf den nackten Abhängen des schwarzen Gesteins 
hat man in weissen Inschriften die Namen fast aller hier eingelaufenen 
Schiffe verewigt. Zwei starke Forts flankieren am West- und Ostende 




Der Hafen von Mas|^a(. 



die Stadtfront. Mit ihren Türmen und Mauern gleichen sie unseren 
mittelalterlichen Burgen des Rhcinlandes. Das bedeutendere Westfort, 
El Meräni genannt, ist mit einer Batterie belegt, bestehend aus alten 
spanischen und portugiesischen eisernen und bronzenen Kanonen. Am 
lungangsthor befindet sich eine grosse portugiesische Inschrift, nach der 
das Kastell im Jahre 1588 errichtet oder vollendet wurde ^). Das Ost- 
fort, El (leläli genannt, ist 1 587 vollendet worden. Zu meinet Zeit war 
es unbesetzt, und mehr noch als die westliche Burg in Trümmern. Das 

*) Die Inschrift ist wicderfrejjebon bei Stiffe, Ancient trading centres of thc Persian 
Gulf : Maskat, im Geoß^raphical Journal der R. G. S., London 1897, S. 612. 



Kap. XVm. Empfang beim Sultan Sejid Fe^al bin Torki. 32$ 

Fort El öeläli thront auf einem spitzen Felsen, der mit der Stadt durch 
eine schmale Sandzunge verbunden ist. Auf dieser befinden sich die 
Gebäude der englischen Political Agency, die derart nach zwei Meeren 
hin Zugänge besitzt und ein ausserhalb der Stadt liegendes, für sich be- 
stehendes, abgeschlossenes Ganze bildet. Sie ist von Sepoys bewacht, 
hier ist auch die britische Post untergebracht. 

Die Mitte der nach dem Hafen zu gelegenen Stadtfront nimmt der 
Palast des Sultans und das Steuergebäude ein. Das Gumruk ist ein alter- 
tümlich ausschauendes Bauwerk, während der Sultanspalast mit seinen 
grünen auf das Meer gerichteten Fensterläden einen modernen freund- 
lichen Charakter zeigt. Beide Häuser stammen jedoch aus der Portugiesen- 
zeit ^). Unweit des Palastes im Innern der Stadt, mehr nach Westen zu, 
liegt ein freier Platz, von dem sich nach dem südwestlichen Stadtthor, 
dem Bäb el Kebir, eine breite Strasse hinzieht, in welcher Verwandte des 
Sultans in altertümlichen palastartigen Gebäuden wohnen. Die Baulich- 
keiten sind zum teil durch Mauern mit einander verbunden und weisen 
an der Front bis zu zehn und noch mehr jener kleinen Fenster auf, in 
welchen die das Licht durchlassenden Oeffnungen durch künstliche Gips- 
einrahmungen gebildet werden, die alle möglichen arabeskenartigen 
Figuren darstellen. Die flachen Dächer sind durch Zinnen geschmückt. 
Unweit des Bäb el Keblr liegt ein] weiterer aus früheren Jahrhunderten 
stammender Sultanspalast. 

Nachmittags 371 Uhr wurde ich von dem Herrscher von Masl^at, 
Sejid Fe§al bin Turki, in Audienz empfangen. Der Eingang zum Palast 
befand sich in einer dem Meere parallel gelegenen, nicht sehr breiten 
Strasse. Das Empfangshaus war von dem dicht daneben liegenden 
Harem getrennt. Vor dem wenig ornamentalen Thore lagerten zahlreiche 
Soldaten, Beduinen und Ortsangesessene auf der Strasse. Zu den Empfangs- 
zimmern, welche jenseits eines Hofes nach dem Meere gelegen waren, 
führte links eine Treppe hinauf, oben begrüsste uns der Sultan und ge- 
leitete uns in den Audienzsaal, ein langes, schmales, einfaches Zimmer 
mit vielen Fenstern, an dessen Wänden lange Reihen von Wiener Rohr- 
sesseln standen. Die übermittelgrosse Gestalt des Sultans trug einen 
schönen und ausdrucksvollen Kopf mit arabischer, stark gebogener 
schmaler Nase, die Lippen waren negerartig aufgeworfen, Augen und 
Zähne schön, die Hautfarbe dunkel, der Vollbart spitz gehalten. Beim 
Lachen verriet sich das Negerblut; war doch die Mutter des Sultans, 
der in den zwanziger Jahren stand, eine Sklavin aus Zanzibar. Er 
besass nur 18 — 20 Frauen. Die Konversation, die in arabischer Sprache 
geführt wurde, verbreitete sich über den Staat, Reisen, seine Verwandten, 



^) Am Steuergebäude befindet sich auf einer Holzthür die Inschrift »Anno i 



^26 Kap- XVIII. DtT enplische politische Vertreter Surgeon Major Jayakar. 

über Monogamie, über die Frage, warum wir Deutsche keinen Konsul 
hier hätten u. s. f., während Thee und Scharabät, aus dem Syrup gepresster 
Rosenblätter bereitet, herumgereicht wurden; darauf kamen Diener, die 
uns mit Rosenöl bespritzten. Beim Abschied geleitete Sejid Fe^al uns 
die Treppe hinab bis an das Thor und gab uns einen Brief an seinen 
Schwager und Vetter, den Sultan von Zanzibar, mit. Wir besichtigten 
noch seinen Marstall, der unweit des Palastes an dem vorerwähnten 
freien Platz lag und etwa 200 Pferde enthielt , Die Tiere stammen aus 
dem Negd und werden in Maskat fortgezüchtet, sehen aber nicht so gut 
aus wie die Rassenpferde der Beduinen. Es dürfte dies von dem feuchten 
Klima herrühren, das die an die trockne Wüstenluft gewöhnten Tiere nicht 
vertragen, daneben auch von dem Mangel an frischem Futter. 

Zum Reiten ist in Masl^at selbst wenig Gelegenheit geboten. Die 
Berge, welche die Stadt vom Hinterlande trennen, bestehen aus scharfem, 
hartem Gestein, den Pferden sollen im Gebirge die Hufe mit Tüchern 
umwickelt werden. 

Zu meiner Zeit wurden die Geschäfte des englischen Konsuls und 
Political Agent von dem Surgeon Major Jayakar wahrgenommen, einem 
zum Christentum übergetretenen indischen Brahmanen, der schon seit 
Jahrzehnten in Masl^at die rechte Hand der Agency ist und fast regel- 
mässig während der Sommermonate, in welchen Europäer es schwer 
dort aushalten können, den politischen Agenten vertritt. Die europäische 
Uniform und die ausgesprochenen englischen Manieren bildeten einen 
eigentümlichen Gegensatz zu dem dunkelfarbigen Gesicht des Mannes. 
Ich überbrachte ihm einen Brief des englischen Generalkonsuls Mockler 
zu Bardäd, der früher selbst lange Zeit Konsul in Masl^at gewesen war. 
Auch dem amerikanisch-französischen Konsul, Mr. Mackirdy, der damals 
der einzige Europäer in Maskat war, stattete ich einen Besuch ab*). 

Die Häuser von Maskat sind aus Stein und festen Ziegeln gebaut, 
regelmässig zwei- und mehrstöckig und umschliessen im Innern einen 
kleinen Hof. Die Strassen, insbesondere die des Bazars, sind sehr eng. 
Der Verkehr im Bazar ist recht rege. Man sieht schöne Waffen, die 
langen Schwerter ohne Handschutz mit auffallend langem Griff, krumme, 
als Gürtel zu tragende Dolche mit vorzüglicher Silberarbeit, deren Klingen 
meist aus Europa und Persien bezogen werden. Die Flinten haben Stein- 
schlösser und sind nur roh gearbeitet, die Pulverhalter aber desto schöner. 
Es sind dies breite Gürtel, an denen eine Reihe silberner, messingner oder 
hölzerner Röhrchen zur Aufnahme des für je einen Schuss erforderlichen 
Pulvers und Papierpfropfens befestigt sind. Die Kugeln werden ge- 

' .später J894) ist in Mas^a( ein französisches Vicekonsalat eingerichtet worden. 
Vergl. unten S. 368. 



Kap. Will. Maskat: Häuser. Bazare. Bevölkcninjr. 



32; 



sondert aufbewahrt; nebenbei pflegt man 
noch ein kleines Hörn mit Pulver für das 
Schloss zu führen, wendet auch statt des 
Steinschlosses häufig noch Lunten zum Zünden 
an. Die Männer gehen alle bewaffnet, die 
Frauen tragen die schon in Lingah vor- 
kommende schwarze Maske mit Stickereien 
in Rot, Blau, Gold oder Silber. Beliebt sind 
blaue, auch rote Manteltücher. 

Die Bevölkerung von Maskat bietet 
besonderes Interesse. Die herrschende Rasse 
ist die arabische, der auch der Sultan und 
der grösste Teil der Bevölkerung angehören. 
Die grosse Masse der sowohl in Maskat 
selbst als auch im Hinterlande lebenden 
Araber gehört jedenfalls den südarabischen 
Stämmen an. Auch Einwanderungen im 
Anfange unserer christlichen Zeitrechnung, 
über die wir einige geschichtliche Nach- 
richten haben, sind jemenischer, also gleich- 
falls südarabischer Abstammung gewesen. 
Freilich dürften sich nur wenige Individuen 
von reinem arabischen Blut, wenigstens in 
dem eigentlichen Stadtgebiet von Maskat, 
finden. Gewiss schon seit Jahrtausenden hat 
ein lebhafter Import von afrikanischen Ne- 
gern und, wenn auch in geringerem Masse, 
von Abessyniern stattgefunden, und durch die 
Vermischung mit diesen ist das Aussehen 
der Masse der Bevölkerung auffallend be- 
einflusst worden. Fliesst doch, wie bemerkt, 
selbst in den Adern der herrschenden Fa- 
milie Negerblut. Nach muhammedanischem 
Gesetz ist das Kind des freien Mannes und 
einer Sklavin frei, und kann der Sohn einer 
Negerin seinem königlichen Vater auf den 
Thron folgen, selbst wenn dieser zum Stamme 
des Propheten gehörte. Der Sohn eines Ara- 
bers wird sich auch stets als Araber fühlen und 
(lir einen solchen gehalten werden, einerlei, 
ob seine Mutter selbst eine Araberin oder 
eine Schwarze oder eine Abessynierin ge- 



h-^_ 



Siidarabisches 

Schwert 

aus Mas\^at. 



328 



Kap. XVIII. Die BeTÖlkeninf^. 



wesen ist. Trotzdem der Sklavenhandel durch Vertrag mit England vom 
Jahre 1873 aufgehoben ist und von den englischen Kri^sschifien die 
Jagd auf die Sklavenhändler in ausgiebigster Weise ausgeübt wird, ist 
die Zahl der Negersklaven noch immer recht erheblich; 1885 wurde 
sie auf 10 000 geschätzt*). Selbstredend besitzen wir keine bestimmten 
statistischen Nachrichten über die Stärke der Bevölkerung von Mas^cat. 
Für das Jahr 1876 hat der erwähnte Surgcon Major Jayakar*) eine 
Schätzung dieser Bevölkerung gegeben, nach welcher die Einwohnerzahl 
von Maskat, einschliesslich Matrab, Kalbüh, Rijäm und Sadab, einer südlich 
von Masl^at gelegenen Vorstadt auf insgesamt etwa 400CX) berechnet 




Ma«iVat. 



wurde. Mit dieser Zahl begreift Jayakar nur die dauernd in Maskat 
lebenden Rin\v(^hner, ohne PLinrechnung der fluktuierenden Bevölkerung, 
die grösstenteils aus nomadisierenden Arabern des Hinterlandes sowie 
aus indischen und anderen Pilgern besteht. 

\'on der gegenüberliegenden Küste des Golfs sind Belutschen 
und Perser eingewandert. Die ersteren, an Zahl einige Tausend, teils 
Arbeiter und Diener, teils Soldaten, fallen durch ihre hohe, kräftige 
Gestalt auf. Ihre Behausungen und deren Nachbarschaft zeichnen sich im 
Gegensatz zu den arabischen Vierteln durch einen sehr geringen Grad 
von Sauberkeit aus. Die Perser, höchstens 200, sind Waffenschmiede, 

*) Vergl. Annalen der Hydrographie 1889, S. 197, 205 ff. 

') Verpl. Admin. Report a. a. O. 1876/7: Medical Topography of Moicat, 55. loi. 



\ 



i 




c 



Kap. XVIII. Die Bevölkerung. ß29 

Krämer oder Handwerker, besonders Weber von Seidenstoffen, die nach 
den Städten des Golfs, nach Südarabien und Zanzibar exportiert werden. 

In Folge der alten Beziehungen zu Indien haben sich auch viele Inder 
in Maskat niedergelassen. Ein Teil von ihnen sind Hindu oder, wie sie 
im Golf und in Ostafrika gewöhnlich genannt werden, Banian und leben 
ganz abgetrennt von der übrigen Bevölkerung. Obwohl in den Augen der 
Muhammedaner Heiden, dürfen sie doch dank dem Schutz der anglo-indi- 
schen Regierung ihre Religion offen bekennen. Sie beschäftigen sich aus- 
schliesslich mit dem Handel; ihre schwächliche, kümmerliche Figur mit der 
eigentümlichen Tracht macht sie sofort kenntlich. Ihre Zahl dürfte 500 
nicht übersteigen. Von muhammedanischen Indern sind zwei Klassen vor- 
handen, die Chöga*) und die verachteten Gatt*); während die ersteren in 
Masl^at und dem benachbarten Matrab, woselbst sie in einem besonderen 
durch Mauern umgebenen Stadtteil eng zusammen wohnen, in einer Stärke 
von etwa looo Personen vertreten sind, dürften die letzteren höchstens 150 
bis 200 zählen. In Matrab lebt ferner eine kleine Kolonie von Juden, 
die angeblich im Beginne dieses Jahrhunderts aus Bardäd eingewandert ist. 

Die Aussenmauern, welche die Stadt nach Süden abschliessen, 
fand ich ebenso wie die sie umgebenden Gräben gut erhalten. Mehrere 
kräftige Bastionen überragten die Mauern fast um das Doppelte, während 
die beiden Thore keinen besonders ornamentalen Charakter zeigten. Neben 
dem Südostthore, dem Bäb e§ Serlr, schon ausserhalb der Stadt, liegt ein 
nur zur Regenzeit wasserhaltiger Tümpel. Hier befindet sich auch ein 
grosses Lager für den Verkauf von Lebensmitteln, insbesondere von 
Fischen. 

Die kleinen Dörfer im Süden und Westen der Stadt zeigen meist 
Hütten aus Palmenzweigen, die mit Matten gedeckt sind, seltener Lehm- 
und Steinhäuser. Durch das südwestliche Thor Bäb ei Kebir betritt man 
ein herrlich grünendes Thal mit zahlreichen Brunnen, wo Datteln, Feigen, 
Trauben und Mais reifen und Rosen und andere Blumen blühen. Dicht 
vor dem Thore weben Araber die bekannten Masl^iattücher für Hemd 
und Turban. Die wunderschöne Scenerie wird nur durch das grell an- 
gestrichene Haus eines reichen Inders gestört. Abgeschlossen wird das 
Thal, das sich etwa eine halbe Stunde lang nach Süden hinzieht, durch 

^) Verj?!. Bd. I dieses Werkes S. 133. Die Chö^a werden in Maskat Luwätija oder Lütijän 
genannt (rergL Badger, History of thc Imams and Seypds of'Omän, London 187 1, S. i()3.) 
Nach Kapitän Barton wären die Chögos von Persien nach Indien (vornehmlich dem Sind und der 
Ge^i^end der Cuttch) eingewandert, und zwar zur Zeit, als die Isma*ilier von Hulajji^a Chan in so 
energischer Weise verfolgt wurden. Vergl. Bombay Government Seicctions No. XVII S. 647 ff. 

•) Vergl. Sprenger, Alte Geographie Arabiens, S. 30 ff. Nach Jayakar a. a. O. S. 104 werden 
die öatt — er schreibt »Jutts« oder »Zatoots« — in Maskat in Arab Zatoots oder Beloochee 
Zatoots getrennt Nach ihm wären die in Masl^at lebenden Ciati seit ungefähr 1000 Jahren aus 
Indien eingewandert ; sie werden von den Übrigen Muhammedanem mit Verachtung behandelt. 



330 



K:ip. Will. Nhitr^b- - linmlel und Schiffahrt in Mas^a^. 



ein Fort, das auf der englischen Seekarte^) von 1860 noch nicht ver- 
zeichnet, also jedenfalls erst später erbaut ist 

Von hier führt ein Fusspfad nach dem mehrerwähnten Nachbarort 
Matrab, der auch vom Kebir-Thore nordöstlich über das Dorf Kalbüh 
hinter dem westlichen Masfeat-Felsen und weiter über das Dorf Rijäm auf 
einer schlechten Strasse z.u erreichen ist. 

In Matrab konzentriert sich der handeltreibende Teil der Bevölkerung. 
Von hier führt, dem Thale eines Bächleins folgend, die einzige auch für 
Packtierc geeignete Strasse über das Gebirge nach dem Innern von 
*Omän. Alle Produkte des Inlandes werden in Matrab durch die Kara- 
wanen auf den Markt gebracht, und ebenso machen die Stämme des 
Hinterlandes hier ihre Einkäufe. Der Handel von Matrab ist daher ein 
reger; er liegt zum grossen Teile in der Hand von Indem, welche viel- 
fach Wuchergeschäfte gegen Hinterlegung von Waffen betreiben. Die 
Stadt hat ihre eigenen Befestigungsmauem. Wie bereits erwähnt, ist 
der von den Chogas bewohnte Teil von besonderen Mauern umgeben. 
Die Bucht von Matrab ist grösser als die von Maslj:at, aber auch offener 
und daher weniger geschützt. 

Der Gcsamthandel von Maslj:at, dessen geographische Lage ausser- 
ordentlich günstig ist'), ist sehr bedeutend und sind seine Ziffern nach 
denjenigen von Buschir die höchsten im Persischen Golf"). Auch ist der 



' Maskat and AI -Matrab« vermegsen i86o, heransgej^eben von der englischen Ad- 
miralität, 29. Mai 1862. 

*> Very:!. Annalen der Hydroßjaphie 1S89, S. 204; ferner Reinhardt im deotschen 
Kolonial l)l.'ilt 1893. S. 569 ff. 

** Die labelKn der Admin. Reports 1894/95 S. 51 u. 53, 1 897/98 S. 9^94 weisen für 
den Handel von Ma^kn( in don Jahren 1893/1897 folgende Ziffern in Dollars auf. Der Preis 
«los J variiert in Maskat von 1,60 bis 2 Rupien. 



Kxport 
1894 1895 



1897 



1893 



Import 
1894 I 1896 1886 



Indien 

Gros^biitannien 

Frankreich 

Amerika .:£ 

Asiatische Türkei ^ 

Pemien 2 

Per*. Golf, Hasra g 
u.Mekran>Kü»te 2 

Sud • Arabien und v 
Afrika I 

Zaniibar und Ost- 
afrika 

Vereinigte Staaten 
Mauritius u. Sin 
fapore 

Andere Lünder 

Total 



c A r t - c 

»* r - 5 c u 






% j> ;{> $ . $ , $ 

907 700 1225 800 1311200 1496 906; 1535600: 1681 400 

— - _ ; _ I leoooo 



•^' ^ V > 



r 1 - 



H V Z 

: t c *» 



105 000 110 000 70 000: — 

119 500 135 000 I52OOO11 — 

30 800 116 000 43 000 — 

- — 313141 

— — — 227180 






; n"2 157 500 161 500 161 500 — 



85000 
115000 
217700 



1640000 

800000 

60000 

29000 

67500, 



< 5-S 



gei" 

t.T3 J= 



98960, 61000, 96800 
1720320 1628 580 1419 450 1 909 300 1834 5001 



15780 



2055006 



161770 



17 200 



2079600 



8888760 



1887 



8826500 

800000 

100000 

27000 

68000 



9430001 146000 

I 



60000 70000 
88796008637600 



Kap. XMU. Die l'iujirebuni; d«fv Stu*U Mudi^ut. f ^ \ 

Schiffsverkehr ein grosser. MasV:at selbst besitzt eine gunxe Anzahl 
grosser Segelboote, die ihre Fahrten bis nach Indien« /un/ibar und licn» 
Roten Meere ausdehnen*). Insbesondere ist Maskat wichtig für vion 
Zwischenhandel mit der arabischen Küste sowie auch mit kloincvon 
Plätzen der persischen Seite des Golfs. Die Zollverwaltung wird jUhrlu'h 
verpachtet, gewöhnlich an Inder. Während die rachtsun\n)c im Jahre l8g.» 
115000$ betrug, wurden die Zölle für das Jahr i8y8/9() für i4(>(HH>4i 
verpachtet, trotz des bevorstehenden Ausfalls wegen der Watrcneinrulu, 
welche, wie bereits erwähnt, seit dem Jahre 1898 verbotcMi ist"). Allrrdin^;M 
wird eine grössere Entwicklung des Handels von Masl^a^ durch die dort 
herrschenden unsicheren Zustände, welche die Kauflcutc an der iCrriohtun^ 
grosser Warenlager hindern, erschwert. Auch ist der Ort für Ansiodrlunj^cn 
von Europäern ungünstig, da die unglaubliche Hitze, die durch <lic Ann 
Strahlungen der dunklen Felsen, welche die Stadt umgcl>cn, noch vn 
mehrt wird, auch des Nachts nur geringe Abkühlung erfährt, und dir 
dauernde Feuchtigkeit Europäern bei längerem Aufenthalte sehr gcfahr 
lieh wird. 

Jenseits der Maskat umgebenden Fel.scn dehnt sich ein Hochplateau 
aus, das .selb.st wieder gebirgig ist, bei seinem Wa.H.Herreichtum aber gut 
bebaut und stark bevölkert sein .soll. Die höchste Bergkette welche dan 
Gebiet von *Omän durchzieht, ist der (jebel el AchrJar, dcsMcn grö«<Htr Kr 
hebungen über 2000 Meter erreichen. Auch jenneitH dicHes (icfiirgCH »oll 
sich gutes Land befinden, in welchem ebenso wie im östlichen 'f)fii;in 
zahlreiche Städte lieg€;n und nomadisierende Beduinen leben. l'oiitiM/:h 
gehört die ganze Südost-Küste von Arabien von Kan el Hadd fiin zum 
Ras Misandum zur Herr.schaft (\cr I'iirnten von Mankaf, (Irren firbi^-l 
sich landeinwärts bis zur grossen arabi?*chen .Sandwunte, dem kiiba' el 
Chali (»das leere Viertel* ), erstreckt Au^h die an (\r.r M^'kran Küste 
gelegenen Ortschaften Gwadar und Schabar j;eh6ren polifiH/;h zu Ma^d^at 
Unsere Kenntnis von dem Innern 'Oman^ i<it nur nehr ^j'.r\u{f^. lj%X vhr 
wenigen Europäern i.st es bi-.her gelunj.;en, in da: \/aw\ ein/n/Irin^en, 
so WelLsted 1835 36^1. Archer hioy iy*\>>*) und l';ilj/r/iv#- 1^6'/'^ I;e> 
Ferneren konnten verschiedene der enj^h^^hen \>o\\U\^.h^u Aj^enfen /^!r' 



der letzten Jahre d«^ fU,^^*'ird>:ti f '.r*6* ayi-^n ^r^x-ir..;«,«/ ii>*4fhf, .'.'•. n^f ; ',• r./ft'/*' * ' 
der dort aalaafen<ien ij^m'/.^.r ««/ ^ <^.f .*•*/! ai» /^.i i»««*.<- A<t.'.f. .«. <^i. .'^-/'^t. /*-* ^«r/**-. 
erlieblidi den BoMchir vrr^iniiVi /„'.i*fu it.^.r.r.tj'-*. 

^^ l)eT Z>oil V%T '.KTK^A Alf '.'/,^^^,\ V^'-y '*->/■ f i/ X. >.i-^. .../.. \^f ß >■'■'- 

aaSahi wurde er im v^v/« 1 »^r ii\,\*:*' ^' 
•" Tni»el« ;n \r*i\- <. 
^, VergL fc.n«rr ä. ♦ '> ^^. '.. C /- '^ 



332 Kap. XVm. Europaische Reisende in K>inin. — litterator und Karten. 

deren Offiziere in Maskat einzelne Teile von 'Oman bereisen, so Milcs 
1884 und 1885*), Mr. Cole, Colonel Hamerton, Lieutenant Chester, 
Lieutenant Stiffe, Lieutenant-Colonel Disbrowe*). Niebuhr giebt in seiner 
Beschreibung von Arabien nur auf Grund von Erkundigungen Mitteilungen 
über das Innere von 'Oman; er ist aber der Erste, der eine Karte dieses 
Landes ent^^orfen hat. Ein Italiener Namens Vincenzo hat sich im Be- 
ginne dieses Jahrhunderts im Dienste des Sultans Sejid Sa'id bin Sultan 
14 Jahre in 'Oman aufgehalten und Reisen im Innern ausgeführt; aber 
nur ein Teil seiner Arbeiten wurde publiziert*). Der bereits erwähnte 
Lieutenant-Colonel Miles*) giebt eine sehr ausfuhrliche Zusammenstellung 
der Stämme von 'Omän^). Was das Kartenmaterial angeht, sind wir 
auf die die Resultate der älteren Reisen zusammenfassenden englischen 
Karten sowie diejenige von H. Kiepert aus dem Jahre 1867 ange- 
wiesen. Die jüngste Zusammenstellung ist eine in den 70er Jahren 
in Bombay lithographierte Karte von *Omän des Oberstlieutenant Ross. 
1897 hat StifTe eine neue Karte von Masl^at und seinen Vororten publi- 
ziert*). Aber dieses Material ist ein verhältnismässig nur geringes, und 
ein weites Feld steht hier der geographischen Forschung noch offen, 
zumal wenn es jemand gelingen sollte, bis zu dem Ruba' el Chali 
vorzudringen und uns authentische Nachrichten über jene merkwürdige 
Sandwüste zu bringen, die sich westwärts bis nach Jemen und nordwärts 
bis zu den Oasenbezirken der einstigen wahhabitischen Herrschaft, dem 
heutigen Gebiete Ibn Raschids, erstrecken soll. Alle möglichen Fabeln 
erzählt man sich in der nordarabischen Steppe von dieser Wüste. Im 
Innern derselben sollen Menschen wohnen, allerdings nicht viele, die 
selten nur sich nach dem Negd hin verirren und eine den Arabern un- 
verständliche Sprache reden. Es dürfte dies wohl das linguistisch noch 
wenig erforschte Mahra sein, das heute noch verschiedene Stämme Süd- 
arabiens sprechen. Baron Wrede ist der einzige Europäer, der den Süd- 
rand dieser Wüste (hier il Alikaf genannt) gesehen hat^. 



*) Verg^l. Geographica! Journal 1896, S. 522—537. 

• Vcrpl. Miles, Memorandum on Geogfraphy of Oman in Administr. Reports 1878/79, 
S. 117 fr. 

') Im Jahre 1819 wurde in London eine von Vincenzo verfasste Geschichte des Sejid 
Sa*id herausß^egeben, welche einen Plan von MasVat enthält. Vergl. Administr. Reports 
1878/79, S. 117. 

*) Vergl. Administration Reports 1884/85, S. 19; 1885/86, S. 22 ff. 

*) Vergl. Administration Reports 1880/81, S. 19 ff. 

•) Vergl. Journal of the Royal Geographica! Society, 1897, ara S. 661. — Diese Karte 
wird hierneben mit Erlaubnis des Autors und der Verlagshandlang wiedergegeben. 

^) Vergl. Wredcs Reise in Hadhramaut, herausgegeben von Heinr. von Maltzan, 
Braunschweig 1873. 



THC CCOCRAPHICAL JOURNAL 1687. 







Kap. XVm. Aeltcste Geschichte Masl^ats. — Die Ja'aribe. ^ 33^ 

Die älteste Geschichte von Maslj:at ist in völliges Dunkel gehüllt*). 
Vielleicht ist Maslj:at die Felsenbucht von Moscha des Periplus, Es ist 
sehr zweifelhaft, ob es in der klassischen Zeit schon bekannt war*). Von 
den arabischen Geographen wird es genannt als Station für die Indien- und 
Chinafahrer, die hier zum letzten Male Wasser einnahmen, bevor sie die 
Ueberfahrt nach Indien antraten^). Die erste Erwähnung des Ortsnamens 
von Maslj:at dürfte sich bei Edrlsi (1153) finden*), welcher in seiner Be- 
schreibung des Landes Maskat als eine volkreiche Stadt bezeichnet 
Aber andere Städte von 'Oman, wie Rastäl^, Kalhät, 6a4än, Bahla, Sobär 
waren entschieden älter und zu seiner Zeit auch bedeutender. Marco 
Polo und Abulfeda, die beide in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts 
schrieben, kennen Masl^iat nicht unter den Städten von 'Oman, ebenso- 
wenig Ibn Batüta, der 1324 auf dem Seewege nach Kalhät in *Omän 
gelangte. 

Ueber die Urbevölkerung von 'Oman fehlen uns alle Nachrichten. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach dürften es Stammesverwandte jener süd- 
arabischen Völker sein, deren Sprache das Mahra ist. 

Viele Jahrhunderte v. Chr. erfolgte die erste Einwanderung nach 
'Oman, von welcher die Tradition uns berichtet^). Im 8. Jahrhundert 
v. Chr. sollen die Ja'äribe, die Fürsten von Jemen, ein zu den Söhnen 
Kabtäns gehörender Stamm, der noch im vorigen Jahrhundert eine 
dominierende Rolle in *Omän gespielt hat, nicht nur über Jemen, sondern 
auch über 'Oman geherrscht haben. Darauf müssen die Perser ihre Herr- 
schaft bis 'Oman ausgedehnt haben. Im Zusammenhange mit dem Damm- 

*) Verjfl. Badgrer, History of the Imams and Seyyids of Oman, und Stiffe J. R. G. S. 1897 
S. 614 ff. Badger giebt eine Uebersetzung der Geschichte 'Omans von Salil ibn Razi^, welche die 
Zeit Von 661 bis 1856 n. Chr. umfasst. Dieser Uebersetzan^ schickt er in einer ausführlichen 
»Introduction and Analysis« einen Auszug seines Autors voraus, in welchem er auch zahl- 
reiche andere Quellen mit ven^'ertet. Badger war Mitglied der englischen schiedsrichter- 
lichen Kommission, welche 1862 die Lostrennung Zanzibars von Mas^^tt aussprach. 
Die Periode der portugiesischen Besetzung von *Omän wird gesondert von Miles (Administration 
Reports 1884/85, S. 24 ff.) behandelt. Colonel Ross verdanken wir eine Uebersetzung einer 
Keschf el Rumme genannten Zusammenstellung der Annalen von 'Oman bis zum Jahre 1728 
n. Chr. (Royal Asiatic Society of Bengal, Calcutta 1874), sowie eine Fortsetzung dieser 
Annalen von 1728 bis 1883 (Administration Reports 1882/83, S* 22 ff.). Ausführliche 
Lebensbeschreibungen der der gegenwärtigen Dynastie angehörenden Sejids Sultan bin Ahmed 
und Sa*rd bin Sultan sind von Miles geschrieben worden. (Die erstere Administration Reports 
1887/88, S. 22 ff., die letztere Administration Reports 1883/84, S. 20 ff.) Für die jüngste 
Geschichte von 'Oman, insbesondere die Vorgänge im Innern des Landes und die Streitig- 
keiten der dortigen Stämme, enthdten die späteren Jahrgänge der genannten Administration 
Reports wertvolle Aufschlüsse. 

*) Vergl. Sprenger, Geographie von Arabien, S. 106. 

*) Vergl. Sprenger, Post- und Reiserouten, S. 86 ff. 

*) Geographie II: Klima, Sektion 6. 

^) Vergl. Badger a. a. O., Introdoction S. 6. 



^34 t^'*P* XVm. Die Azdiden. — Die Rafiri. - Die Dynaitie ÖuLindes« 

bnich von Märib*), und zwar gegen 120 n. Chr., soll dann eine Ein- 
wanderung von Azdiden, nach 'Oman stattgefunden haben, welche die 
Perser verdrängten. Die Azdiden waren Südaraber und verwandt mit 
den Ja'äribe. 70 Jahre später soll eine zweite azdidische Einwanderung 
unter Mälik bin Fahm*) nach 'Oman gekommen sein. Mälik bin Fahm 
gehörte zu den Tenuchiden und war ein Verwandter der Fürsten, die 
Hira am unteren Euphrat gründeten, und auch jener sabäischen Ein- 
wanderer, die im Haurän die erste Kultur erstehen liessen. Der Tradition 
zufolge gehörte *Omän zu den den Fürsten von Hira tributären Gebieten. 
Wie dem sei, zwischen dem südlichen *Iräk *Arabi und *Omän haben 
auch in der Folge Beziehungen bestanden. Eine dritte, gleichfalls süd- 
arabische Einwanderung, ein Teilstamm der Tai, soll im 4. Jahr- 
hundert nach Christi nach *Omän gelangt sein, als der Perserkönig 
Sapor II. die Araber der Ostküste der Halbinsel nach Süden drängte. 
Zu dieser jüngsten Einwanderung gehörte insbesondere die Familie der 
Hinaje oder Hinawi, die mit ihren inzwischen unter den anderen Süd- 
arabern gewonnenen Klienten auch heute noch einen der mächtigsten 
Stämme von 'Oman bilden. Die Führer dieser «südarabischen Ein- 
wanderungen und deren Nachkommen wurden sehr bald die selbständigen 
Herren des Landes. Ende des 6. Jahrhunderts breiteten die Perser 
unter Chosroes auch bis hierher ihre Herrschaft aus. 

Um diese Zeit scheint auch eine vierte unterscheidbare grössere 
arabische Einwanderung nach *Omän stattgefunden zu haben, diesmal 
aber aus Nordarabern bestehend, den Räfiri, die sich bis auf den heutigen 
Tag in *Omän erhalten haben und dort auch jetzt noch die Nebenbuhler 
der Hinaje sind. Die Räfiri sind Stammes verwandte der anlässlich Lingahs 
genannten Koäsim. 

Zur Zeit des Propheten waren die Söhne von öulande'), Azdiden, 
die Herren von *Omän, und auf direkte Botschaft des Propheten (die 
Quellen nennen verschiedene Jahre: 621 und 630 n. Chr.) nahmen sie 
und mit ihnen das ganze Land den Islam an. Was aus der Urbevölkerung 
von *Omän geworden ist, wissen wir nicht. Für die Zeit, welche nicht 
weit vor dem Beginn des Islam liegen mag, schreibt Belädori, dass damals 
die Azdiden die hauptsächlichsten Einwohner von 'Oman gewesen seien, 

>) Verfrl. Bd. I dieses Werkes, Kap. UI S. 95. 

') Nach einer allerdings nicht ^nannten arabiflchen Quelle des Colonel Taylor 
^Bombay Government Records N. 24 New Scries 1856) wäre die Einwandemni^ von Bfilik 
bin Fahm die erste nachweisbare, die Ankömmlinge hätten sich in den damals bereits 1>e- 
standenen Städten von C'^a'län und Bahla niedergelassen und die alte Stadt Rasti^ befestigt 
Vergl. Stiffe a. a. O. S. 614. 

') öulande hatte die Insel Ormüz seinem Gebiete einverleibt. 



Ka^. XMIL 'Oman wird Depend^nc des Chalitats. - Di^ IbAiiiden. ^jz 

dass ausser ihnen aber auch noch eine'starke andere Bevölkerung dort 
vorhanden gewesen sei*). 

Ende des 7. Jahrhunderts, zur Zeit des Omraajaden-Chalifen *Abd 
el Malek (685 — 705), fanden ernsthafte Kämpfe z\\ischen dem von dem 
Chalifen entsandten El Hag^g^ö^ bczw. seinem Unterfeldherm Mugä*a, der 
die Herrschaft seines Herrn in greifbarer Gestalt in *Omän geltend 
machen sollte, und den Brüdern Sulemän und Sa'id, Nachkommen 
Cjulandes, statt, in welchen die letzteren unterlagen. Sulemän und Sa*id 
sahen sich infolgedessen veranlasst, sich mit einem Teile ihrer Leute 
und deren Familien nach dem Lande von Zang^ (Zanzibar) zu hieben, 
wo sie verblieben. Wir haben es hier allem Anschein nach mit der 
ersten Auswanderung von 'Oman- Arabern nach Ostafrika zu thun, der 
im Laufe der Jahrhunderte weitere gefolgt sind*). 

Nunmehr wurde 'Oman eine Dependenz des muhammedanischen 
Gesamtchalifats. Eine Zeit lang mögen besondere Gouverneure von 
'Irak aus dorthin entsandt worden sein; aber schon um das Jahr 751 
n. Chr. benutzte die Bevölkerung von *Omän die Ernennung eines 
eingeborenen Gouverneurs, um in der Folge aus ihrer eigenen Mitte 
sich selber ihre Fürsten oder Anführer zu wählen. Die religiösen Ent- 
zweiungen, welche die muhammedanische Welt sehr bald nach dem 
Tode des Propheten erschütterten, breiteten sich auch bis nach *Omän 
hin aus, und hier gelangte eine besondere Sekte, die der Ibädije, 
(Ibadiden) sehr bald zur allgemeinen Annahme. Bis auf den heutigen 
Tag ist sie in 'Oman die vorherrschende. Die Ibädije führen ihren 
Namen auf den Stifter der Sekte 'Abdallah ihn Ibäd^) zurück, welcher 
zur Zeit Merwän IL, des letzten der Ommajaden-Chalifen (744 — 750 n. Chr.), 
lebte und ein eifriger Parteigänger der *Aliden gewesen sein soll. Von 
Sunniten aber wie von Schi*iten werden die heutigen Tbadiden als Ketzer 
oder Sektirer, als Chauäreg, bezeichnet. In politischer Hinsicht, was das 
Chalifat angeht, ist der Grundgedanke ihrer Religion der, dass erbschaft- 
liche und verwandtschaftliche Beziehungen in keiner Weise ein Recht 
auf die Nachfolge im Chalifat mit sich bringen. Ihrer Ueberzeugung 
nach soll der Beherrscher der Gläubigen, dem die Anführung derselben 
in den politischen und kriegerischen Angelegenheiten wie im Gebete 
obliegt, von dem Volke selbst gewählt werden, ohne dass dieses 
in seiner Wahl an die Mitglieder bestimmter Familien gebunden 



') Vcrgl. Belädori ed. de Goeje, Leyden 1866, .S.76. Vielleicht die demnächst mehr nach 
Sttden, nach^a4ramüt gedrängten »Sildaraber«, welche auch heute noch die Mahra-Sprache reden. 

•) VcrgL Bad^er a. a. O., Introduction S. 13 und Text S. 5. 

•) Mehrfach — aber gewiss mit Unrecht — ist in zusammenfassenden Reli^onswerkcn 
die Sekte der JezTden als eine Abart der ibadidischen bezeichnet; so bei Scharistani; vcrgL 
auch Nanla] ben Namet-allah, Süsannat Sulemän fi el 'AVäid wal Adjän, Berüt 1871, S. 208. 



9 9^ Kap. XVm. Ibadidischc Imäme in 'Oman. — Die Portugiesen. 

wäre. Eine Notwendiprkeit zur Erwähiung eines solchen Anfuhrers, den 
sie Imäm nennen, liegt übrigens ihrer Ansicht nach nicht vor. Natur- 
gemäss hat es sich jedoch herausgebildet, dass die Imäme gemeiniglich 
aus einer bestimmten vorherrschenden Familie gewählt wurden, bis 
diese von irgend einer anderen mächtigeren Familie verdrängt wurde. 

Der erste vom Volke in 'Oman ernannte Imäm war ein gewisser 
Gulande bin Mas*üd um das Jahr 751 n. Chr., dessen Herrschaft allerdings 
durch den ersten Abbasiden-Chalifen Es Safiab ein vorzeitiges Ende 
gemacht wurde. Bald jedoch wurden neue Imäme gewählt, aber bis zur 
Regierung des ChaUfen el Kädir (991 — 1031 n. Chr.) machten die 
Abbasiden von Bardäd von Zeit zu Zeit ihre Herrschaft in 'Oman 
geltend. Die Karmaten von Bahren scheinen 'Oman nicht unter ihre 
Herrschaft gebracht zu haben. Nach dem Chalifen El Kädir sind die 
nach dem ibadidischen System ernannten Imäme von 'Oman über ein 
Jahrhundert lang vollständig selbständig gewesen. Dann folgte eine 
lange Periode, von 11 54 — 1406, über die wir nur dürftige Nachrichten 
haben, und in welcher anscheinend überhaupt keine oder doch nur selten 
Imäme gewählt wurden. Schechs aus dem Stamme der Beni Nebhän 
regierten während dieser Zeit als Maliks*). Darauf finden wir wieder 
Imäme aus südarabischen azdidischen Familien in *Omän; doch wurde 
der Einfluss der Beni Nebhän erst endgiltig im Jahre 1624 gebrochen, 
als der Imäm Nazir bin Murschid auf den Thron gelangte und die 
Dynastie der Ja*äribe begründete. Während der Zeit der Beni Nebhän, 
im 13. Jahrhundert, wurde *Omän mehrfach durch fremde Invasionen 
heimgesucht, einmal aus Schiräz im Jahre 1265 und wenig später von 
der Insel Ormuz aus. Die Fürsten von Ormüz haben sodann bis zum 
Beginn des 16. Jahrhunderts die Oberhoheit der Küste von 'Oman in 
Anspruch genommen. Der von Ormüz entsandte Gouverneur hatte 
seinen Sitz in Kalhät. 

An ihre Stelle traten im Jahre 1506 christliche Eindringlinge, die 
Portui^iesen , welche Maskat zu ihrem Hauptorte machten und fast 
sämtliche übrigen Küstenstädte von 'Oman besetzten*). In 'Oman 
herrschte damals Imäm Muhammed bin Isma'il, seine Residenz befand 
sich tief im Innern des Landes, in Rastäk. Am 6. März 1506 
war von Lissabon eine grosse F*lotte abgegangen, um zunächst 
Sokotra als Stützpunkt für die Fahrt nach Indien zu besetzen. Von 
hier wurde Albuquerque mit einem Geschwader detachiert, um *Aden 

\ Malik bedeutet nicht ({gerade Köni^, sondern ist su übenetzen »der die RegiemnsT 
inne Habende«;. 

-) Ver^l. Miles, The Portuguese in Eastern Arabia, Adminiitratioo Repoiti 1884/85, S. M* 
und die bei Stifife, Geographica! Journal 1897, rerzeichoete reicfalialtige 



Kap. XVm. vViifn'iffe der Türken: die Seeschlacht bei Maskat 1554. 337 

ZU erobern und öidde zu bombardieren, wodurch man den egyptischen 
Zwischenhandel im Roten Meer zu vernichten hoffte. Statt dessen segelte 
Albuquerque nach dem Persischen Meer, dessen Fürsten ihm für die 
portugiesische Herrschaft in Indien mit Recht viel gefährhcher erschienen. 
Kalhät unterwarf sich, Karjät und Maskat aber mussten mit Sturm 
genommen werden (August 1507). Furchtbar hausten die Portugiesen; 
die Städte wurden vollständig zerstört und die Einwohner, selbst die 
Frauen und Kinder, niedergemetzelt. Nachdem Albuquerque neue Kräfte 
von Sofeotra herangeführt hatte, unterwarf er im nächsten Jahr Ormüz, 
das von nun an das Centrum der portugiesischen Macht im Golf wurde. 
Die anderen wichtigen Küstenstädte von *Omän, Sür, Sobär, Chör-Fäkän, 
Dibä u. s. w. wurden erorbert und durch kleine Garnisonen gesichert. 
Im übrigen beschränkte sich die portugiesische Herrschaft auf Erhebung 
eines Tributs, dagegen wurde den Eingeborenen volle Selbstverwaltung 
gelassen. Portugiesische Faktoreien wurden ausser in Ormüz in Kalhät, 
Masl^at und Sobär begründet und in Maskat auch zwei Kirchen errichtet, 
von denen die eine erst im 18. Jahrhundert in einen Palast für den Sultan 
umgebaut wurde*). 

Seit 1546 begannen die Angriffe der in Vorderasien allmächtig 
gewordenen Türken von Ba$ra, Egypten und *Aden aus, durch welche 
die Osmanli der Portugiesenherrschaft im Persischen Golf ein Ende 
machen wollten. Im Jahre 1550 (oder 1552) gelang es einer angeblich 
16000 Mann starken türkischen Expedition unter Pir (oder Piri) Beg, 
die von dem Kapudan von Egypten entsandt war, die Stadt Masl^at 
zu nehmen, die aber wieder aufgegeben wurde, da die Eroberung von 
Ormüz misslang. Zur Strafe wurde Pir Beg nach seiner Rückkehr 
enthauptet*). Erst im Jahre 1554 endigten die Versuche der Türken 
mit einer entschiedenen Niederlage für diese in der Nähe von Maskat. 
Die Seeschlacht muss eine der bedeutendsten des Mittelalters gewesen 
sein'). Seit dieser Zeit erfreuten sich die Portugiesen viele Jahrzehnte 
hindurch der unbestrittenen Vorherrschaft im Persischen Golf. Allerdings 
wurde die Stadt Maskat noch einmal im Jahre 1580 von türkischen 
Schiffen unter einem Seeräuber von *Aden aus überfallen und aus- 
geplündert, was die Veranlassung zum Bau der beiden Forts am Ein- 
gange des Hafens wurde, die, wie erwähnt, heute noch unter den Namen 
öeläli und Meräni bestehen. 

Mit dem 17. Jahrhundert erschienen die Holländer und Engländer 
in Indien, und nun entbrannte zwischen diesen und den Portugiesen der 



*) VerjfL Niebuhr a. a. O. Bd. II S. 69. 

■). VcrgL Stiflfe a. a. O. S. 617, und Miles« The Portujpieae in Eastem Arabia. 
Administnition Reports 1884/S5, S. 34. 
*) VeigL Milet a. a. O. S. 35. 

Ffkr. ▼. Oppestoi«. Von lUrttlamr mb Pmuchen Golf. II. 22 



^ lg Kiip. XVIIl Ilolländor und Knpländer. — Xdzir bin Murschid. — Sultan bin ScC 

Kampf um die Suprematie, in welchem die letzteren trotz tapferer Gegen- 
wehr nach kurzer Zeit unterlagen. 1620 war der erste Zusammenstoss 
erfolgt, der für die Portugiesen unglücklich endete, schon zwei Jahre 
später verloren sie das wichtige Ormüz, zu dessen Eroberung die Engländer 
den Schah *Abbäs den Grossen von Persien aufgehetzt hatten. Nach 
einem vergeblichen Versuch, die Stadt wieder zu nehmen, koncentrierten 
sie ihre Macht 1624 in Maskat. 

Im selben Jahre war die Dynastie der Ja*äribe in 'Oman auf- 
gekommen, deren Gründer der oben genannte Näzir bin Murschid wurde. 
Im Hinterlande der Masl^at- Küste, welches die Portugiesen vollständig 
sich selbst überlassen hatten, waren zahlreiche kleine Schechs oder Maliks 
zu grösserer oder geringerer Selbständigkeit gelangt. Mit diesen räumte 
der starke Näzir bin Murschid gründlich auf, soweit sie sich ihm nicht 
freiwillig zur Bekämpfung der Ungläubigen, welche die Küste besetzt 
hielten, anschlössen. Bald war der Imäm mächtig genug, um offensiv 
gegen die Portugiesen vorzugehen ; diese mussten sich dazu bequemen, fast 
sämtliche Küstenorte mit Ausnahme von Maskat aufzugeben und einen 
Tribut zu zahlen. Die Nichteinhaltung dieses Versprechens führte zu 
weiteren Kämpfen, die für die Fremden ungünstig verliefen. Die Aussen- 
forls von Matrah und Maskat mussten dem Imäm übergeben werden, und 
dann wurden die Christen aus Sür und Kariat vertrieben (1634). Im 
Jahre 1649 folgte dem Näzir bin Murschid sein Vetter Sultan bin Scf als 
Imäm. Zu seiner Zeit besassen die Portugiesen nur noch Sobär, Matrab 
und Maskat. Ebenso energisch wie sein Vorgänger machte er sich sofort 
nach seiner Erwählung von seiner Hauptstadt Rastäk auf, um die Portu- 
giesen endgiltig aus dem Lande zu vertreiben. Die näheren Umstände 
und das Jahr der Eroberung Maskats sind nicht sicher. Es muss aber 
in den Jahren 1650 — 1652 gewesen sein. Zuletzt blieb den Portugiesen 
nur die Felsenbucht von Kalbüh, einem der Vororte von Maslcat, die 
dann freiwillig aufgegeben wurde. Als portugiesische Schiffe die Küste 
von *Omän weiter beunruhigten, predigte der Imäm den heiligen Krieg 
gegen die Christen, und die Araber, durch Erfahrung klug gemacht, 
bauten sich immer grössere Schiffe, mit denen es ihnen sogar gelang, 
erfolgreiche Expeditionen nach den indischen Küsten, nach Din, Damän, 
Bombay, Bangalor und anderen Städten zu unternehmen. Seit dieser 
Zeit hören wir im Persischen Golf von den Portugiesen nichts mehr. 
Sultan konnte zwölf friedliche Jahre zur Befestigung des Landes im Innern 
und zur Ausdehnung des Handels verwenden. Er starb 1668 in Nezwe, wo 
auch sein Vorgänger residiert hattc^). Seinem wenig kriegerischen Sohne 
Abu el 'Arab folgte 1698 dessen Bruder Sef. Er hatte eine grosse Flotte 

^^ V'ergl. Bad^jer a. a. C, Introduction S. 27. 



^AQ Kap. XVIII. Die Perser in 'Oman. — A^med bin Sii'iil. 

Hess Sef sich von der Mekrän-Küste Belutschen kommen, und seitdem 
finden wir bis auf den heutigen Tag Belutschen als Soldtruppen der 
Herrscher in *Omän, von wo sie ihren Weg auch nach Zanzibar gefunden 
haben. Aber als auch diese ihm keinen Erfolg brachten, wandte er 
sich endlich an den Erbfeind selbst, die Perser, welche ihm auch im 
Jahre 1733 Truppen sandten.*) Schrecklich hausten diese in 'Oman 
und trugen nur dazu bei, den Hass gegen Sef bin Sultan im Lande 
zu vermehren. Mehrfach erhielten die Perser Verstärkung. Da wurde 
Sef bin Sultan von einer Versammlung von Schechs und Kä<jis 
feierlich seines Amtes entsetzt und Sultan bin Murschid an seiner statt 
zum Imäm erwählt (1738). Doch der neue Imäm konnte das Land 
von den Persern nicht befreien. Es scheint, dass nach der Wahl Sultan 
bin Murschids der schwer bedrängte Sef sich wiederholt, etwa im Jahre 
1741 oder 1742*), um Hilfe an die Perser wandte. Nadir Schah, welcher 
schon seit langer Zeit die Absicht hatte, sich Babrens und 'Omans zu 
bemächtigen und überhaupt seine Herr.schaft über den ganzen Persischen 
Golf auszudehnen, hatte mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, sich 
in die Angelegenheiten 'Omans zu mischen, um sich dort festzusetzen. 
Schon vorher hatte er zu diesem Zwecke von Holländern Schiffe gekauft 
und bauen lassen. Seine Flotte hatte unter Mirza Taki Chan mit leichter 
Mühe Maskat eingenommen, und seine Truppen brandschatzten Jahre 
lang das Innere, ohne jedoch die Plätze, die sie eroberten, dem Imäm 
Sef zu überliefern. 

Um diese Zeit war ein Mann in 'Oman zu grosser Macht gelangt, 
dessen Vorfahren wenig bekannt waren, dem es aber auf Grund seiner 
persönlichen Tüchtigkeit beschieden war, der Begründer einer neuen 
Dynastie zu werden, der heute noch in 'Oman regierenden Sejids, Ahmed 
bin Sa'id. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er früher Kaufmann ge- 
wesen, den seine Unternehmungen nach den verschiedensten Plätzen 
geführt hatten. Er war Sef bin Sultan aufgefallen und von diesem zum 
Wali von Sohär gemacht worden. Als solcher gewann er sich durch 
seine Tüchtigkeit und sein energisches aber gerechtes Regiment viele 
P>eunde, so dass Sef bin Sultan bereits eifersüchtig auf ihn wurde und 
gegen ihn zu Felde ziehen wollte. Als Sef sich der Perser wieder ent- 
ledigen wollte, die er selbst ins Land gerufen, machte er seinen Frieden 
mit Ahmed; doch ging dieser von nun an seinen eigenen Weg. 

Die Perser hatten sich zu den Herren von fast ganz 'Oman empor- 
geschwungen. Nur Sohär widerstand ihnen, von wo aus Ahmed immer 

^' Vergl. Outlines of the history of '00150 from a, D. 1728 — 1883. Admin. Rep. 
18S2/83 'S. 22. 

-; Vergl. Miles, Sketch of the Career of Seyyid Sultao bio Ahmed of MuscaL 
AdmioistratioD Reports 1887/88 S. 22. 



Kap. Win. Abmcil bin Sa'id wird Imäin von 'Oman. 741 

wieder erfolgreiche Ausfälle machte. Nun vereinigten die Perser ihre 
Hauptmacht gegen Sobär. Sultan bin Murschid wollte die Stadt ent- 
setzen, wurde aber schon vorher von den von ihm gesammelten Truppen, 
hauptsächlich den im nördlichen Teile *Omäns lebenden Räfiri, verlassen. 
Von den Persern gründlich geschlagen, konnte er trotzdem, schwer ver- 
wundet, in die Stadt gelangen. Hier erlag er nach wenigen Tagen seinen 
Wunden, und auch Sef bin Sultan starb fast unmittelbar darauf in Rastäk. 
Hierdurch wurde *Omän vollständig führerlos. 

In kluger Weise wusste Abmed bin Sa*id die Lage auszunutzen. 
Mit den Persern schloss er einen Vertrag, nach welchem diese Masl^at 
behalten, im übrigen aber mit ihrem Heere das Land verlassen sollten. 
Aber auch Maskats und der letzten in 'Oman befindlichen persischen 
Truppen bemächtigte sich Abmed durch List, Verrat und Gewalt. Seit- 
dem sind die Perser nicht wieder als Eroberer nach 'Oman zurückgekehrt. 
Eine natürliche Konsequenz der Erfolge Abmeds war es, dass das 
führerlose Land ihn zum Imäm erwählte. Die Ja*äribe hatten ausgespielt, 
und durch die Ernennung des bis vor kurzem noch gänzlich unbekannten 
Mannes aus durchaus nicht hervorragender Familie kehrte das Volk 
zu dem alten ibadidischen Grundsatz zurück, dass der Imäm aus 
freier Wahl hervorgehen sollte, ohne dass irgend welche Familien- 
rücksichten massgebend zu sein hätten. In energischer Weise schaffte 
Abmed im Lande Ordnung. Er residierte in Rastäl^ und hielt sich eine 
ständige Armee von afrikanischen Sklaven und Belutschen. Auch führte 
er einen gewissen Hofhalt und Pomp bei seinen Aufzügen ein, den man 
früher in *Omän nicht gekannt hatte. Seinen Söhnen gab er besondere 
Städte, in welchen sie sich aufhalten und von deren Ertrage sie leben 
Sollten. Hierdurch erhielten diese sofort eine bevorzugte Stellung selbst 
den Abkömmlingen der alten vornehmen Familien des Landes gegenüber. 
Sie wurden Sejids genannt, und diese Bezeichnung hat sich für die 
»sämtlichen Prinzen der auch heute noch in Maskat und Zanzibar 
Regierenden Familie erhalten. Von dem Stammbaum Abmeds wissen 
Wir nur wenig; er gehörte zu den Al Bü Sa*id, einer azdidischen, also 
•^üdarabisch-jemenischen Familie, die seit langem in *Omän ansässig war; 
dementsprechend nannte er sich auch nur el Sa*idi el Azdi el *Omäni. 
Nachdem er Bei *Arab bin Himjar, der in den Bürgerkriegen der letzten 
Jahre von einem Teile der *Omäni zum Imäm ausgerufen war, dann 
aber zu Gunsten seines Vetters Sef bin Sultan abgedankt hatte, geschlagen 
und getötet und damit endgiltig jeden Widerstand der Ja*äribe gebrochen 
hatte, verheiratete er sich mit einer der Töchter des von ihm verdrängten 
Fürstengeschlechtes. Von seinen äusseren Kriegen sind zwei erwähnens- 
wert. Im Jahre 1756 unternahm er zum Entsätze von Basra, von den 
dortigen Einwohnern zu Hilfe genifeQ|^||||ftJ^ gegen die Perser. 



^A2 Kap. XMIL Kriegszü^e und Ende des Aib^nac^d bin Said. 

Mit lO grossen Kriegsschiffen und einer Anzahl kleinerer Fahrzeuge 
.sowie loooo Mann fuhr er den Schatt el *Arab hinauf, zerbrach mit 
seinen Schiffen eine schwere eiserne Kette, welche die Perser über den 
Fluss gezogen hatten, und schlug die Perser gpöindlich. Auf Befehl des 
Sultans Osman III erhielt er zum Lohn vom Gouverneur von Ba$ra 
eine jährliche Subsidie, die auch .seinem Sohne und seinem Enkel noch 
ausgezahlt wurde. Die zweite Unternehmung bestand in einem erfolg- 
reichen Zuge gegen die Piraten, welche Mangalor, von wo aus Masl^at 
.seinen Reis bezog, bedrängten, worauf der Kaiser von Delhi ein Schutz- 
und Trutzbündnis mit Ahmed geschlossen haben soll. Für einen Ge- 
sandten des letzteren wurde ein Haus in Maskat gebaut, das noch bis 
in die jüngste Zeit das Haus des Nauwäb genannt wurde*). 

Während seiner letzten Regierungsjahre hatte Abmed mit den Räfiri 
zu kämpfen, sowie mit zweien seiner eigenen Söhne, Sef und Sultan, 
welche den im voraus zur Nachfolge des Imäm bestimmten Zweitältesten 
Sohn Ahmeds, Sa'fd, noch zu Lebzeiten des Vaters unschädlich zu machen 
trachteten^. Sa*id war Gouverneur von Maskat, während dieser Wirren 
hatte die Stadt viel zu leiden. 

Abmed starb im Jahre 1775*). Ihm folgte sein Sohn Sa*id in der 
Regierung, der dem Wunsche des Vaters gemäss vom Volke zum Imäm 
gewählt wurde*). Infolge der durch die Wahl ausgesprochenen Huldigung 
der massgebenden Faktoren des Landes hielten es die beiden Brüder 
Sef und Sultan für besser, *Omän zu verlassen. Sef wandte sich nach 
Ostafrika, von wo er nicht mehr zurückkehrte. Sultan ging nach der 
unweit gelegenen Mekrän-Küste auf persisches Gebiet. Hier gelang es 
ihm, mit Nadir Schah freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Nadir 
Schall versprach ihm Unterstützung gegen seinen Bruder, ohne dass dies 
Versprechen thatsächlich Folgen gehabt zu haben scheint, beschenkte ihn 
mit der Ortschaft Gwadar und überliess ihm zu seinem Unterhalte die 
Hälfte der Einkünfte des Bezirks. 

^] Verjfl. Badger a. a. O., Introduction S. 47 u. S. 171. 

-) Der älteste Sohn Ililäl war fast erblindet und starb bald nach dem Tode seines 
Vaters in Indien, wo er Heilung seines Auf^cnleidens gesucht hatte. 

3) Vergl. Badj^^er a. a. O., Introduction .S. 49. Nach Miles a. a. O. S. 22 wäre 
das Todesjahr 1783. 

*) Die nächsten Nachfolger Sa'ids in der Regierung über 'Omas Hessen sich nicht 
mehr zu Imämen wählen. Da .Sa*id bin Abmed in der Folge nichts weiter mehr 
als die religiöse Seite seiner Imäm-Würde verblieb^ während andere die politische 
und administrative Regierung ausübten, ist diese Unterkssung auch für die Zeit nach dem 
Tode Sa'ids wohl erklärlich. *Azzän hin Kais, der sich insbesondere auf die religiösen 
Schechs des Landes stützen zu sollen glaubte, ist der einzige Fürst ans dem Hanse der 
'AI Bü Said, der nach Sa'id den Titel eines Imäm führte ;j868— 1871). Vergl. unten S. 360 
Die andern Fürsten von *Omäm begnügten sich mit der nur von den Mitgtiedem ihres 
Hauses geführten Bezeichnung Sejid. 



Kiip. XVm. Sa'id. Kais, Suljan, Hamed. — Krfol gleiche Unternehmungen pejjen Peisirn. ^^.2 

Unter der wenig energischen Regierung des weichlichen Sa'id ent- 
standen bald neue Unruhen in 'Oman. Er wurde von einem Teile der 
Schechs und Kä<Jis für abgesetzt erklärt, und an seiner Stelle nahm sein 
Bruder Kais die Regierung in die Hand. Doch wurde dieser von Hamed, 
dem thatkräftigen Sohne Sa*ids, verdrängt, der bis zu seinem Tode im 
Jahre 1792 die Zügel der Regierung führte. Hamed hatte eine Aus- 
söhnung Sultans mit Sa*id zu wege gebracht. Nach dem Tode Hameds 
bemächtigte sich Sultan, der inzwischen von Gwadar nach *Omän zurück- 
gekehrt war, sofort der Stadt Maskat, wo Hamed bisher seinen Sitz 
gehabt hatte; doch vereinigten sich darauf Kais und Sa*id, der sich wohl 
in die Regentschaft seines Sohnes, nicht aber in die seines Bruders 
fügen wollte, und belagerten Maskat mehrere Monate lang. Dem auch 
auf das flache Land sich ausdehnenden Bruderkriege machte eine Ver- 
einigung im Jahre 1793 ein Ende, nach welcher Sa*id nach wie vor in 
Rastäk residieren und den Titel als Imäm fuhren, während Sultan Maskat, 
Barka und andere Forts an der Küste behalten und die politischen An- 
gelegenheiten des Landes leiten sollte und Kais das Gebiet von Sobär 
gelassen wurde. 

Sejid Sultan nahm seinen Sitz in Maskat, das seit dieser Zeit die 

unbestrittene Hauptstadt von *Omän geworden ist. Seine erste Aufgabe 

war, Gwadar militärisch zu besetzen und zu befestigen. Von dort aus 

liess er auch Scharbar westlich von Gwadar für sich in Besitz nehmen. 

Durch diese Erfolge ermutigt, wandte er sich gegen die Beni Ma'im 

5^uf den Inseln Kischm und Ormüz. Er besetzte diese Inseln und 

c^rreichte vom Schah von Persien, dass das Gouvernement von Bender 

*Abbäs mit seinen von Lingah bis Jaschk reichenden Dependenzen, 

welches bisher der Schech der Ma*im gegen einen jährlichen Tribut 

in Händen hatte, ihm übertragen wurde. Gleichzeitig wurde Frieden 

zwischen *Omän und Persien geschlossen, und das Gebiet von Bender 

*Abbäs verblieb nunmehr 75 Jahre im Besitze der Herren von Masli^af, 

wiewohl schon 1797 Baba Chan vergeblich den Versuch eines Kriegs- 

y.uges gegen *Omän machte. 

Weniger glücklich war Sultan in seinen Unternehmungen gegen die 
Inseln von Bahren. Hier hatte sich der starke Stamm der *Uttübije 
(Benu *Uttüb) festgesetzt, der von dem nahen Festlande immer frische 
Streitkräfte erhielt, und trotzdem Sultan persische Hilfe erbat und er- 
hielt, waren alle seine Bemühungen, die infolge des Perlenfangs reichen 
Inseln zu gewinnen, vergeblich. Mehr als das: bi.sher hatten seit dem 
Aufhören der portugiesischen Herrschaft die sämtlichen durch die Strasse 
von Ormüz fahrenden Schiffe den am Kap Misandum postierten Wächtern 
der Herren von 'Oman einen Durchgangszoll zu zahlen gehabt. Die 
Schiffer der Babren- Inseln liiilj|ttijtel Tribut verweigert, und als die 



2AA Kap. XVIII. Die Foltjen der w.-üihabitischen Bcwetjunfj für *(.)mäii. — *Al»il el 'Xziz. 

Versuche Sultans, ihn zu erzwingen, fehlschlugen, scheint überhaupt von 
der Erhebung einer solchen Taxe für alle die Meeresenge passierenden 
Schiffe nicht mehr die Rede gewesen zu sein.*) Der Plan, die Stadt 
Kuet einzunehmen und seinem Reiche anzugliedern, missglückte Sultan 
gleichfalls (1801). Immerhin gelang es ihm im Jahre 1803, die starke 
Piratenflotte der *Uttübije zu vernichten und hierdurch dem Handel der 
Maskat-Schiffe Luft zu machen. 

Im Innern von 'Oman führte der energische Sejid Sultan die Zügel der 
Regierung streng, und 1803 glaubte er seine Herrschaft derartig gesichert, 
dass er die Pilgerfahrt nach Mekka antrat. Während dieser Zeit unternahm 
es einer seiner Neffen, Bedr, sich Maskats zu bemächtigen; er wurde 
zurückgewiesen und floh darauf zu dem Wahhabiten *)-Fürsten *Abd el *Aziz 
ibn Sa*ild nach Der*ije. Die Folgen dieses Schrittes sollten sich sehr bald 
bemerkbar machen. Nachdem die wahhabitische Bewegung in Central- 
Arabien einen weltHchen Charakter angenommen hatte und *Abd el *Aziz 
seinem Vater Sa*üd gefolgt war, hatte er sehr bald die ganze arabische 
Küste des Persischen Golfs bis nach *Omän hin sowie die Bahren-Inseln 
erobert und seine Züge selbst bis auf die persische Seite ausgedehnt. 
Wohl wurde damals (etwa im Jahre 1800) eine erste wahhabitische 
Invasion, die nach *Omän selbst eindrang, zurückgeschlagen; aber die 
nördlichen ihrem Ursprünge nach auch nordarabischen Stämme des Landes 
nahmen wahhabitische Ideen an, und das im Nordwesten von 'Oman 
gelegene Bercme war eine wahhabitische Stadt geworden. Auf Grund 
der Aufhetzung des Sejid Bedr schickte 'Abd el 'Aziz sofort eine starke 
Truppenmacht gegen *Omän, welche ein von Sultan ihm entgegen ge- 
sandtes Aufgebot vernichtete und bis Suek drang. Es scheint, dass die 
Wahhabiten besonders gereizt darüber waren, dass Sultan eine wenn 
auch nur geringe Truppe nach dem Hi&äz mitgebracht hatte, welche an 
den Kämpfen gegen den Emir teilnahm.^) Doch wollten die südarabischen 
ibndidischen Stämme sich dem Wahhabitismus und der Fremdherr- 
schaft nicht fu^^^cn, und einem allgemeinen Aufrufe Sejid Sultans folgten 
sie in solcher Zahl, dass die Wahhabiten das eigentliche 'Oman ver- 
iicssen, nach dem Xcgd zurückkehrten und nur in Bereme eine kleine 
(iarnison zurückliessen.*) Doch sollten 'Oman weitere Beunruhigungen 
durch die Sektierer nicht erspart bleiben. 

' Vercl. Miles a. a. ()., Admin. Reports 1887/88 S. 25. 

^] Venjl oben S. 137, Anm. 2. 

2; Veri:l. Miles a. a. O. S. 27. 

*} So nach dem Berichte des eingeborenen Gcschichtschreibers Ibn Razi|p (VcrffL Badger 
a. a. O. S. 237). Kin weiterer (irund für den Rückxujj der Wahhabiten war der, dass ihr 
Befehlshaber, El I.larilj:, von dem inzwischen erfolqften Tode des Emir 'Abd el *Ati2 m 
Centralarabien j;ehört hatte. Verpl. Miles a. a. O. S. 28. 



Kap. XVIU. Sejicl Sultans Tod. — '0111011 uiul Knjjland. ^ac 

Sejid Sultan besuchte bald darauf Ba?ra, um die türkische Subsidie 
entgegen zu nehmen, wurde jedoch auf der Rückkehr unweit von Lingah 
von Piraten abgefangen und getötet (Ende 1804)*). 

Sejid Sultan scheint der erste Herrscher von *Omän gewesen zu 

s^in, der mit England in politische Beziehungen getreten ist*). Seine 

K^cgierung fiel in den Beginn der Kämpfe, welche Frankreich und Eng- 

1^1. nd um die Suprematie im Indischen Ocean führten. Seine Vorgänger 

/Vbmed und Sa*id hatten freundschaftliche Beziehungen mit Frankreich 

uinterhalten, welche durch Geschenke des Gouverneurs von Mauritius, 

v^on wo aus lebhafter Handel mit Maskat getrieben wurde, von Zeit zu 

2^«t wieder aufgefrischt wurden. Als Napoleon nach der Eroberung von 

^^Syptcn seinen syrischen Feldzug antrat, sandte er an verschiedene 

rntihammedanische Machthaber, unter diesen auch an Sejid Sultan, 

^^«"iefe mit der Absicht, diese für sich und seine auf die Eroberung 

I^^dieiis gerichteten Pläne zu gewinnen. Aber England gelang es, Sultan 

^'Jf seine Seite zu bringen. Im Jahre 1798 und dann im Jahre 1800 

'^^tte die indische Regierung Verträge mit Sultan geschlossen. In dem 

^^^teren wurde England das Recht eingeräumt, einen indischen politischen 

*'^S'ejnten in Maskat zu unterhalten. Der französischerseits im Oktober 1803 

^^nnachte Versuch, einen französischen Agenten in Maskat anzustellen, 

^^*^>^ erfolglos. Aber wiewohl sich dieserart Maskat auf Seite Englands 

^^^t:ellt, konnten französische Kaper trotzdem Maj?kat zum Stützpunkt 

^^r Unternehmungen machen, und Sejid Sultan hess sowohl englische 

*^ auch französische Schiffe, welche von den beiden Parteien aufgebracht 

'^>^en, zur Vergrösserung .seiner eigenen Flotte ankaufen. Auf der andern 

^>te that England trotz aller Bitten Sultans nichts, um ihn in dem Kriege 

^^^g^en die Wahhabiten zu unterstützen'). 

Zur Zeit des Todes Sejid Sultans lebte der Imäm Sa'id*) immer 

^^^h in stiller Zurückgezogenheit in der ihm überlassenen Stadt Rastäk, 

**^cl ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, übernahmen zunächst 

^Itäns Söhne Sälim und Sa*id, welche damals 15 und 14 Jahre alt 

^i'en, gemeinsam die Regierung. Abermals begannen Bürgerkriege 

*^t:igster Art das Land zu durchwühlen; die Mitglieder der regierenden 



*) Die Beziehungen Sultans zu dem Pascha von Ba.^ra, mit dem es schon einmal (im 
^*'« 1798) beinahe zum Kriege gekommen wäre, waren wieder schlechte geworden, weil 
^*' Pascha die versprochene Hilfe gegen die Wahhabiten nicht gestellt hatte. 

*) Vergl. Miles a. a. (). S. 25. 

•) Vergl. Badger a. a. O., Introducüon S. 74—76. Dies dürfte das erste Eingreifen 
^Itlands in ^Oroän gewesen sein. 

*) Sein bald darauf erfolgter Tod blieb obne besondere Konsequenzen; doch untcr- 
^^it es der junge Sejid Sa'id, auch splter, MÜt^iflßi w ttter geworden und die unbestrittene 
'^cht in Händen hatte, sich xnm ImlB VfHkftijPklMSSr ^^^^' o^^o S- 342i Anm. 4. 



XaS Kup. XMJI. Sultans Söhne Sälim und Said. - Wahhnbitische Krfol|;:e. 

Familie zerfleischten sich gegenseitig, und die verschiedenen Stämme, 
sowohl die azdidischen, wie auch die Räfiri, kämpften einmal für, einmal 
gegen denselben Prinzen. In diesen Wirren spielte auch eine Prinzessin 
eine leitende Rolle, welche ihre Klugheit und ihren Einfluss zu Gunsten 
ihres Neffen Sa*id geltend machte. Bedr, der, von ihr zu Hilfe gerufen, 
aus dem Negd nach *Omän zurückgekehrt war und einen anderen Onkel 
Sa*ids zunächst getötet hatte, wurde endlich meuchlings von dem jungen 
Sa*id gemordet. Auch Kais verlor in diesen Schlachten sein Leben ^). 
Sa*id übernahm darauf selbständig die Regierung. Sein älterer, an- 
scheinend wenig ehrgeiziger Bruder Sälim begnügte sich mit der Ver- 
waltung eines Stadtgebietes. Das freundschaftliche brüderliche Verhältnis 
blieb bis zu Sälims Tode ungetrübt. Der an Bedr verübte Mord machte 
Sa'id im ganzen Lande populär, weil Bedr, der sich ganz auf die nörd- 
lichen Stämme und die Wahhabiten stützte, die *Omäni gezwungen hatte, 
einen Agenten des Emirs von Der*ije in Maskat aufzunehmen und den 
Wahhabiten einen Tribut zu zahlen. 

Inzwischen war auf *Abd el *Aziz der Emir Sa*üd als Fürst der 
Wahhabiten gefolgt, und dieser benutzte die Gelegenheit einer Anrufung 
aus *Omän, um im Jahre 1809 eine starke Heeresmacht unter Mutlak, 
der zum Stamme der Muter gehörte, in das geschwächte Land zu 
schicken. Bis zu seinem im Jahre 1813 erfolgten Tode sollte Mutlak 
mit geringer Unterbrechung von Bercme aus im Namen des Emirs von 
Derije eine Art von Oberhoheit über *Omän ausüben. 

Die Schifferbevölkerung der arabischen Küste, unter ihr in erster 
Linie wieder die Kowäsim, deren Haupthandwerk seit Jahrhunderten die 
Seeräuberei war, hatte längst wahhabitische Doktrinen angenommen und 
dehnte ihre Raubzüge bis nach Indien hin aus. Darauf hielt es die 
indische Kompagnie für angezeigt einzuschreiten. Aber sie beschränkte 
sich darauf, mit Sa*id gemeinsame Sache zu machen. Ras el Chemc zu bc- 
schiessen, in Asche zu legen und die Küstenstadt Schiräs in *Omän den 
Wahhabiten zu entreissen. Als Mutlak mit einem grossen Heere zur 
Entsetzung von Schiras heranrückte, hatten die Engländer die Küste 
bereits wieder verlassen*). Mutlak schlug Sa*id und zwang, nach allen 
Seiten Raubzüge unternehmend, die 'Omäni zum Anschluss an den 



'^ Kais fiel währeDd einer «[gemeinsam mit Sa*i(l antemoniiTienen Expedition {^e^n den 
Sceräuberstamm der Kowäsim im Jahre 1808 bei Ras el Cheme. Verg:l. Miles Bic^npbictl 
Sketch of the late Se}'>'id Sa*eed-bin-Sultan Imam of Mnscat, Admin. Reports 1883/84 S. 23. 

*' Trotz des fruchtlosen Versuches vom Jahre 1803 war 1807 ein Vertrag zwischen 
Maskat und Frankreich zu stände gekommen, und 1808 wurde ein französischer Agent Ton 
Mauritius nach Mas\pit gesandt, der dort indess nur wenige Jahre Terblieb. Seit den 
französischen Niederlagen in Indien und im Indischen Ocean mnsste der fransösische 
Einfluss auch in Maskat dem englischen weichen. 



Kap. X\TII. Auttreten des Mubiimmed 'Alf Pascha. 'i/^n 

Wahhabitismus. Vergeblich liess Said, der geltend machte, dass auf 
Grund des englischen Eingreifens die Wahhabiten mit besonderer Schärfe 
in 'Oman vorgingen, wiederholt in Bombay englische Hilfe anrufen. 
Endlich sandte er seinen Bruder Sälim an den persischen Hof, um dort 
Hilfe zu erbitten. 3000 persische Reiter setzten auch von Bender 'Abbäs 
nach *Omän über *). Aber auch Mutlalj hatte Verstärkung erhalten, darunter 
zwei Söhne des Emir Sa'üd selbst, welche einen Razu nach dem Süden 
führten*). Die persischen Truppen wurden geschlagen, und darauf unter- 
nahm Mutlak von Bereme aus einen kühnen Raubzug durch das ganze 
Land von *Omän bis nach Sür und dem Ras el Hadd, zerstörte die 
starken Befestigungstürme, welche überall an den Wadis angelegt 
waren, plünderte die Dorfschaften und Städte und verbrannte die 
Schiffe in den Küstenstädten. Sa'Id blieb schliesslich nichts anderes 
übrig, als sich Mutlak auf Gnade und Ungnade zu übergeben. Ein 
Friede kam zu stände, nach welchem allem Anschein nach der Sejid 
Sa'id den Wahhabiten 40000 -S Tribut zu zahlen hatte. Doch finden wir 
sie bald wieder im Kampfe mit Sa*id. 

Endlich sollte auch für *Omän die Zeit der Erlösung von der 
wahhabitischen Herrschaft kommen. Mutlak, der einer der tüchtigsten 
Generäle des Emirs von Der'ije war und 'Oman und die Verhältnisse der 
verschiedenen dortigen Stämme genau kannte, fiel 1813 in einer neuer- 
duigs von Bereme nach Süden unternommenen Expedition, und infolge 
der im selben Jahre beginnenden Feldzüge Muljammed 'Ali Paschas 
von Egypten, welche die Macht des jungen theokratischen Staaten- 
gebildes in ihren Grundvesten erschütterten und demnächst gänzlich 
brachen, wurden alle wahhabitischen Hilfskräfte zur Verteidigung Inner- 
arabiens notwendig. Auch aus *Omän wurden die Truppen zurückge- 
zogen, und über 20 Jahre sollten sie hier nicht wieder erscheinen. Der 
Sejid Sa*id hatte sich trotz seiner grossen Jugend in den schweren 
Kämpfen mit den Wahhabiten glänzend bewährt. Inzwischen war Azzän, der 
Sohn des Sejid Kais, welcher seinem Vater als Herr des Distriktes von 
Sohär^ gefolgt war, auf der Rückkehr von der Pilgerfahrt nach Mekka 
im Jahre 18 14 gestorben. Sa*id bemächtigte sich darauf der Stadt Sohär 

*) Nach Miles a. a. O. S. 24 hätte Sälim im Jahre 181 2 nur 1500 Mann aus Persien 
als Hilfstruppen mitgebracht, und zwar nachdem von der britisch-indischen Regierung- keine 
Hilfe zu erwarten war. 

•) Vergl. Badger a. a. O. S. 318, 345 und Introduction S. 74. 

•) Seit der Zeit des Sejid Abmed scheint §obär, welches dessen Sohn Kais übei- 
l^eben worden war, eine Art selbständigen Fürstentums geworden zu sein. 'Azzän, der 
Sohn des Kais, war der treue Bundesgenosse Sa'ids, ohne jedoch seine Selbständigkeit auf- 
zugeben, und scheint auch einen besonderen Vertrag mit Mu^aVv <leni Führer der Wahhabiten. 
geschlossen zu haben, als Sa'id mit diesem Frieden machte. In der Folge machten die 
Nachkommen 'Azzans noch verschiedentlich ihre Ansprüche auf ^o^^är geltend. 



348 Kap. XVIII. Sa'iil wird unumschränkter Ilen- von 'Oman, — Frankreich und ^Omän. 

und war nunmehr der unumschränkte von allen Stämmen seines Landes 
anerkannte Herr von ganz *Omän. 

Die wenigen Revolten, welche in den nächsten Jahren im Innern 
des Landes vorkamen, wurden von Sa'id sofort unterdrückt. Eine 
glänzende Periode begann nunmehr für *Omän-Maskat. Sa*id, dessen 
weitschauender Geist nach der endgiltigen Befestigung seiner Stellung im 
Innern in erster Linie auf Sicherung des Handels seiner Küstenstädte 
bedacht war, hatte die von Sultan bereits begonnene Vermehrung seiner 
Flotte trotz der Kämpfe mit den Wahhabiten fortgesetzt und ging nun- 
mehr eifrig daran, der Piratenwirtschaft im Persischen Golf, welche von 
den Wahhabiten entschieden unterstützt worden war, ein Ende zu machen. 
Gleichzeitig wollte er sich der Insel von Bahren bemächtigen, die seit je 
her der Hauptstützpunkt der Seeräuber im Golt war. Während aber seine 
Bestrebungen zur Unterdrückung des Piratenunwesens von der Regierung 
Englands und Persiens gern gesehen wurden, scheint gerade die Eifer- 
sucht dieser Länder ihm die Eroberung von Bahren selbst unmöglich 
gemacht zu haben. In vielen Unternehmungen, die sich bis zu seinem 
erst im Jahre 1854 erfolgten Tode fortsetzten, kam er immer wieder aut 
diesen Gedanken zurück, immer wieder ohne Erfolg. Aber durch den 
von Sa*id unterstützten Handel wuchs die Macht und der Reichtum 
'Omans immer mehr. 18 17 schloss der französische Gouverneur von 
Bourbon mit Sa*id im Namen Frankreichs einen Vertrag, der bald 
darauf erweitert wurde und dann bis zu dem französischen Handels- 
vertrag von 1844 Geltung hatte. Trotzdem waren die Beziehungen 
Sa*ids zu England nach wie vor gute geblieben. England, welches 
während der Blütezeit der wahhabitischen Macht im Persischen Goli 
nicht einschreiten wollte, machte nach deren Niederwerfung gemeinsame 
Sache mit Sa'id und entsandte im Jahre 18 19 eine Flotte gegen die 
Kowäsim. Dieser von Sa*id unterstützte Zug war erfolgreich und endete 
mit der Einnahme von Ras el Cheme und der Züchtigung des Stammes. 
Weniger Erfolg hatte dagegen ein im Jahre 1820 ebenfalls gemeinsam 
von der englischen Regierung und Sa'id unternommener Zug gegen die 
Beni Bu *Ali, einem Stamm von CaMän im Südosten von Maskat. Die 
hauptsächlich aus Engländern bestehende Expedition erlitt eine empfind- 
liche Niederlage, bei welcher britischerseits 6 Offiziere und 270 Mann 
sowie die sämtlichen Kanonen verloren wurden. Im folgenden Jahre 
wurde von Bombay aus ein zweiter Zug gegen die Beni Bü ^Ali unter- 
nommen, der mit Vernichtung fast des ganzen Stammes endete. 1822 
wurde zwischen England und Maskat ein Antisklaverei vertrag abgeschlossen, 
der jedoch niemals praktische Bedeutung erhielt*). Auch Sejid Sa'Id ent- 
ledigte sich wie so mancher seiner Vorgänger der Pflicht der Pilgerfahrt, 

^^ Verpl, Mües a. n. O. S. 26. 



Kap. XVIII. S.i'üls Krieg^szüge. — Wahhabiten und 'Omäni. ^aq 

und während derselben, im Jahre 1824, wurde er, trotzdem er als Ibadide 
von den Muhammedanern gewissmassen als Ketzer betrachtet wurde, im 
Higäz mit königlichen Ehren behandelt. Seine Abwesenheit gab zu 
keinen Unruhen im Innern von 'Oman Veranlassung. 1826 sehen wir 
ihn Buschir erfolgreich belagern, weil dessen Gouverneur ihm eine 
persische Prinzessin, die ihm als Braut bestimmt war, vorenthalten hatte. 
Er erhielt die Prinzessin und schleppte den Gouverneur der Stadt als 
Gefangenen nach Maskat, wo er sich durch ein Lösegeld von 80000 $ 
loskaufen musste. Im selben Jahre erschien er mit seiner Flotte vor 
Ba«ira, dessen Gouverneur gleichfalls als Gefangener nach Maskat ge- 
bracht wurde, und das von ihm blockiert blieb, bis die Türken sich mit 
ihm wegen der rückständigen Subsidien, die aus der Zeit des Sejid Sultan 
herstammten, einigten *). 

Das weitere Verhältnis zwischen den Wahhabiten und den *Omäni 
lässt sich schwer feststellen. Die nördlichen Stämme des Landes scheinen 
auch nach den kriegerischen Erfolgen der Egypter und dem Nieder- 
gange der Macht der Wahhabiten den religiösen Grundsätzen dieser 
Sekte treu geblieben zu sein, und als sich die Emire von Central- 
arabien nach dem Wegzuge Ibrahim Paschas wieder erholten, dürfte 
von diesen ebenso wie von den arabischen Stämmen der sogenannten 
Piratenküste nördlich von *Omän und weiter bis nach Kuet hin den Nach- 
kommen Ibn Sa*üds Tribut gezahlt worden sein. In den Kämpfen der 
Centralaraber gegen die Egypter sehen wir sogar Bestandteile der nörd- 
lichen Stämme *Omäns auf selten der wahhabitischen Fürsten im Negd 
und im Higaz kämpfen. Die südarabischen Stämme des eigentlichen 
*Omän, von denen nur einzelne und nur gezwungen die strengen Formen 
des Wahhabitismus befolgt hatten, beeilten sich jedoch, diese wieder auf- 
zugeben und ihre ibadidischen Grundsätze wieder offen an den Tag zu 
legen. Aber dennoch hören wir in *Omän auch in Zukunft von Zeit zu 
Zeit von einem wahhabitischen Agenten in Maskat und von Einfällen 
der Emire aus Centralarabien. In den Rafiri und anderen Stämmen im 
Norden von 'Oman fanden diese immer wieder Freunde, welche ihnen 
bei ihren Angriffen auf die südlicheren Städte und Stämme bereitwilligst 
Gefolgschaft leisteten. Die befestigten Plätze des Nordens von *Omän, 
so namentlich Bereme, boten den Centralarabern vorzügliche Stützpunkte 
für ihre Operationen gegen 'Oman, und solche Einfälle endeten immer 
mit einer Tributzahlung, die allerdings in der Regel bald wieder in Ver- 
gessenheit geriet. 

Nun'hiehr beginnt eine neue Periode in der Geschichte *Omäns. Der 
Schech von Zofär an der südarabischen Küste von Hadramüt wurde im 
Jahre 1829 ermordet. Darauf entsandte Sa*id sofort eine starke Flotte, 

») Vcrpl. Miles a. a. O. S. 27. 



^co Kap. XMII. SaM(1s l'nternrhmunjren in Ostafrika uml Zanzibar. 

welche dessen gesamtes Gebiet für sich in Besitz nahm. Aber unmittelbar 
darauf wurde diese Flotte nach Ostafrika weiter geschickt, und von nun 
an koncentrierte Sa*id seine ganze Aufmerksamkeit auf Zanzibar und die 
ostafrikanische Küste. Es dauerte nicht lange, bis er seine Residenz 
dorthin verlegte. Das Leben in dem pflanzenreichen Zanzibar und der 
unmittelbare Genuss der Reichtümer, welche ihm die Insel und die 
afrikanischen Besitzungen boten, wurden ihm bald unentbehriich ; denn- 
noch Hess der thatkräftige Fürst die Angelegenheiten seines Mutter- 
landes nicht ganz ausser Augen. I*> hatte dort einen seiner Söhne als 
Residenten zurückgelassen, und sobald es innerer Unruhen oder äusserer 
Feinde wegen notwendig war, segelte er selbst nach Maskat, allerdings 
um so rasch als möglich nach 2^nzibar zurückzukehren. 

Die Beziehungen Maskats zu der Ostküste von Afrika datieren aus 
alter Zeit Wie wir sahen, hatte sich bereits im ersten Jahrhundert der 
Higra (gegen 685 n. Chr.) ein starkes Kontingent aus 'Oman nach Ost- 
afrika gewandt *). Weitere Einwanderungen fanden im Laufe der Jahr- 
hunderte sowohl von Hadramut wie von *Omän selbst aus statt. Als die 
'Omäni das Portugiesenjoch abgeschüttelt hatten, folgte im Jahre 1655*) 
der Imäm Sultan bin Sef einem durch eine Deputation von Eingeborenen 
aus Mombassa an ihn gerichteten Rufe, die Portugiesen auch von dort 
zu vertreiben. Fünf Jahre musste jedoch Mombassa belagert werden. 
Darauf wurde von 'Oman aus ein Gouverneur in Mombassa eingesetzt; 
aber erst gegen das Jahr 1698 unter dem Imäm Sef bin Sultan wurde 
in Zanzibar und der gegenüber liegenden Küste der Portugiesenherrschaft 
ein definitives Ende bereitet, die allerdings im Jahre 1728 wieder für 
kurze Zeit sich dortselbst geltend machen konnte. Darauf wurde wieder 
ein arabischer Gouverneur im Namen des Imäm von Maskat in Mombassa 
eingesetzt, der eine arabische (Garnison nach Zanzibar legte und 'Oman 
einen jährlichen Tribut zahlte. Im Jahre 1739 wurde Muhammed bin 
*Otmän el Mezeni der Gouverneur von Mombassa und der Begründer 
einer eigenen Dynastie. Als die Ja*äribe in 'Oman den Al Bü Sa'idi 
weichen mussten, verweigerte er den Tribut, und er und seine Nachfolger 
konnten, wenigstens was den näheren Bezirk von Mombassa selbst 
angeht, ihre Selbständigkeit gegen die Sejids mehr oder weniger über 
ein Jahrhundert lang behaupten. Er selbst wurde von dem von A^med 
bin Sa*Id entsandten neuen Gouverneur ermordet Dieser wiederum 
wurde mit Hilfe eines englischen Kaufmanns Cook durch Mubammed 
bin *Otmäns Bruder verdrängt und getötet, doch wurden Kilwa, Marka 
und Zanzibar für den Imäm unterworfen. 

>) Ver^l. oben S. 335 u. 339. 
•) Vergl. Mües a. a. O. S. 27 ff. 



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ausrichten k jn-Tte*: Su'.ctm'.*. ol Nlo'-c.'i N^v-, ^', s^Lx^ m ^s ii sKwn'svv 
Verlu.-?ten ru- roVA^md*.^, v». k^vr'vix oi».;-'-»\ t». II'k u» .«'vu^u vl^ \^\ * -^ 
abgeschlagen. d.ir.:i .ib*;': ui* lahiv iS'^ \\»u v'iun» Km» s K\ u V. iv. ,; • 
schitfe zuge^^i^ wurac. was .:ui l'v»li^\' l^.^tu*. \U ■ . '«iiU umv* \U^ \ u.;l» .. i^^ 
Flagge in Mombassa hjs<tv*^V WwU wwwU JmM ^Uv uu siu \\\ \k\\ lu 
Mombassa gelassene oni^hsrhv |ir'.al<mu'. '»uui l.,;* '.p,'.i m *m,l > \\\\\\ \\ 
Mezeni, welcher SukMiian im Jahie iS m» ^\s uAy\\ w w i. U .» Il> .i iil«. li t . <t u 
Dieser wurde von Saul auli'.i-lonlru. hitmi mi "»hl» n wwA »lu hu. •Ii,.mm,. . 
werke von Moniba.ssa /u iitM-i}M tun iKi liili«H uiii.l> ,.>i.(ltii .l.« 
letztere Ansinnen aber .ibL;i*\\ti- .rii, imhI tlru'uu .i im lii ..i ni hn |ilii. 
1829 selbst nach ( )^t.iliika niii ili i \ti>iitil, h h »luii .01 inm -in 
dauernd fcst/ai setzen. 

Sein erster An{Mi(l .ml MmihIi 1 > .j ini ■ l-iii{' In l-i I .1 nin 
inzwischen Unruhen ati;tj'cbi<i« hi h, iiml n m ImI> tu di. • 1- ,..| ,,,,,, .mi , 
drückt waren, Wehrtr üa'i»! Anl.m}' ti'.\f »mi t \'s', Im.i. m . i. i. ,. « 

afrikanischen (jrv.;i,;Kni /ukj' I |i'<i« /» i .»,.• » <i i.,,. 1. *.. .*■ ... i 

Verrat, die Hurr/ ,ofi Moriii/i • if. * ..» ll.i.'i ^ . ... 1. 

wurde Sahm \:r i' li -r.': • .1.* .' . , :.. j 

von Momba.-,;i ',/'->.,.':. » - ' . • * •• •' / .^ 

einen PaiA.-.*. /. ':.-: .^ t '.- ■ / .'•■■-.. ■ .,. / ... 

ruhen in .Ma->-;s* : - .-.',' //.. . , 

begeben'. ',- • ^ A /.- v - - // 

iltc Fr-ni*: 

rxfr'^^T' 'T /.'■•'.■. • ■ / 



■1 C2 Kap. XVin. HandcUvertrajj zwischen *Omän und den Vereinijjten Staaten und Engfland. 

ledigen'). Im selben Jahre hatte Sa'Id die Genugthuung, mit den Ver- 
einigten Staaten von Amerika, und zwar auf den Vorschlag der letzteren 
hin, einen Handels- und Freundschaftsvertrag abzuschliessen*). Es war 
das der erste Vertrag dieser Art mit einer civilisierten Macht. Die Hoff- 
nung Sa*ids, dass Amerika ihn in seinen Plänen gegen Mombassa unter- 
stützen würde, fand in Washington jedoch wenig Anklang, und England, 
welches den amerikanischen Vertrag mit grossem Missvergnügen gesehen 
hatte*), benutzte diese Gelegenheit, um ein Zusammengehen der Ameri- 
kaner mit den *Omäni zu hintertreiben und selbst 1834 einen Vertrag mit 
Sa*id zu schliesen, welcher den Grundlagen des amerikanischen Abkommens 
entsprach. Inzwischen war Sa*Id von Maskat abermals mit einer starken 
Heeresmacht, die er seinem Mutterlande entzog, nach Mombassa gesegelt; 
doch konnte er auch diesmal Sälim nicht zur Aufgabe der Stadt be- 
wegen und musste sich damit begnügen, seinen Tribut entgegenzunehmen, 
worauf er im Triumph in Zanzibar einzog. Darauf folgten weitere 
Kämpfe in Suvi und verschiedenen Orten der ostafrikanischen Küste mit 
wechselndem Erfolg. Abermals brachen Unruhen in 'Oman aus. Hamüd 
bin *Azzän hatte sich im Jahre 1834 Rastäks bemächtigt und sein Einfluss 
wuchs derartig, dass Sa*id 1835 seinem im Besitze Masl^ats bedrohten 
Sohne Tuwcni persönlich zu Hilfe eilte. Wohl hatte England vorher 
anscheinend Hamüd zum Frieden gemahnt*), jedoch Sa'id keine that- 
sächliche Hilfe geleistet, und dieser, der nach Zanzibar nicht zurück- 
kehren wollte, bevor des aufrührerischen Hamüds Kraft nicht gänzlich 
gebrochen war, rief den Wahhabiten Sa'id bin Mutlak zu Hilfe, der 
ebenso wie die Kowäsim und die Beni Jäs sich mit ihm gegen Sobär, 
den Stammsitz Hamüds, vereinigte. Darauf hielt es England für an- 
gezeigt, sich ernstlich einzumischen, und ein Schiff der Indian Navy 
brachte Hamüd nach Maskat, woselbst eine Aussöhnung mit Sa*Id erfolgte. 
1835 starb Sa*ids gefiirchteter Gegner Sälim von Mombassa. Sein 
Tod hatte blutige Kämpfe zwischen verschiedenen Familienmitgliedern 
der Mezeni zur Folge, in welchen Sälims Sohn Raschid schliesslich der 
Sieger blieb. Ende 1836 machte sich Sa*id diese Schwierigkeiten zu 
nutze, um von Maskat mit einer Flotte nach Mombassa zu segeln und 
dort durch seine Kanonen, dieses Mal aber auch durch Bestechungen, 



^) Auch bei dieser Gelegenheit melden die englischen Quellen eine Einmischung 
seitens der britischen Regierung von Indien. Es ist bemerkenswert, dass diese regelmässig 
auch in der Zukunft Sa*id zur Nachgiebigkeit gegen die Wahhabiten bestimmt hat. Den 
Bitten Sajids um Unterstützung gegen die Wahhabiten hat England niemals willfahrt. 

^) Zu diesem Vertrage sahen sich die Amerikaner veranlasst infolge der Schwierig- 
keiten, welche ihrem damals mit Zanzibar aufblühenden Handel seitens der dortigen indischen 
jCaufleute gemacht wurden. Vergl. Miles a. a. O. S. 30, 

») Vergl. Miles a. a. O. S. 30. 

*) Vergl. Miles a. a. O. S. 31. 



^Kap» XVm. Weitere Untemehman^en gegen Mombassa. — Erfolge der Wahhabiteu. ^C7 

di^ Stellung des neuen Herrn von Mombassa zu unterwühlen. Der alte 

^^ ertrag, wonach die Burg von Mombassa von Sa'ids Leuten besetzt 

^^^rden sollte, während die Mezeni als Gouverneure die Stadt selbst 

l>^halten, nach Zanzibar aber einen Tribut zahlen sollten, wurde auch 

nmit Raschid erneuert. Als dann Raschid, einer Einladung Sa*ids nach 

2&£inzibar folgend, den ihm angebotenen Tausch von Mombassa gegen 

E*emba ablehnte, wurde er zwar ungefährdet und reich beschenkt nach 

NAombassa zurückgelassen, aber zwei Monate später (1837) wurde Chälid, 

Saids zweiter Sohn, nach Mombassa geschickt, der in verräterischer 

Weise Raschid und fast die sämtlichen Mezeni auf die Burg lockte, wo 

sie gefangen genommen und nach Bender 'Abbäs verschifft wurden. 

Unterwegs und dort fanden sie sämtlich ein bUitiges Ende*). 

Im Jahre 1838, anlässlich der Thronbesteigung der Königin Viktoria, 
schickte Sa*id wertvolle Geschenke durch einen eigenen Abgesandten 
nach London, und darauf wurde im Jahre 1839 ein weiterer Handels- 
vertrag zwischen London und Sa*id geschlossen, während die Versuche 
Frankreichs, einen dem amerikanischen und englischen ähnlichen Vertrag 
^^ Stande zu bringen und ein Konsulat in Zanzibar zu errichten, miss- 
'angren^ 1839 sehen wir Sa*id wieder in *Omän. Muhammed 'Ali Pascha 
^On Egypten war auf dem Gipfelpunkte seiner Macht, und einer seiner 
^^neräle, Churschid, hatte Ende des Jahres Sa*id bin Mutlal^ nach Bereme 
^'^tsandt. Englischerseits wurde Sa'Id verdächtigt, sich durch Churschid 
'^^t Muljammed *Ali ins Einvernehmen gesetzt zu haben, um mit seiner 
^Üfc die Bahren-Inseln zu erhalten und Egypten Tribut zu zahlen. Wie 
^^ni sei, der Friede, den Mubammed 'Ali im Jahre 1840 mit der Pforte 
^^hliessen musste, zwang ihn, seine Truppen auch aus Arabien zurück- 
^^^^iehen, und *Omän hatte von Egypten weder im guten noch im feind- 
^^^hcn Sinne mehr etwas zu erwarten. Nachdem Sa*Id seine Besitzungen 
^'^ Persischen Golf besucht, kehrte er wieder nach Zanzibar zurück. 
^4-3 zeigte sich Sa*id bin Mutlak auf Befehl des zu neuer Macht ge- 
'^gten Wahhabitenemirs Fe§al abermals in Bereme und verlangte einen 
^xibut von 25000 Dollars. Sa*ids Sohn Tuweni einigte sich jedoch auf 
^*Jie Zahlung von 5000 Dollars, während der Sejid, der mit anderen 
^Äinpfen in Ostafrika beschäftigt war, nicht wie bisher bei allen An- 
ß^flfen der Wahhabiten nach *Omän zurückgekehrt war'*). 

In den 40er Jahren waren die Beziehungen Sa*ids zu Frankreich 
*^€ine guten, Sa*id sah mit scheelen Augen die Bemühungen der Fran- 

*) Vcrgl. Miles a. a. O. S. 32. 

*) Nach englischen Quellen hatte der britische Resident von Bnschlr gegen den 
^Bmarach Sa*id bin Matla^s bei Fe§al Elospruch erhoben, nachdem die britische Regierung 
Tnweni und Sa*id abgehalten hatte, von MabVat bezw. Zanzibar mit einer Flotte uch 
Ba^n zxL begeben, woselbst schwere Bürgerkriege aasgebrochen waren. 

Frlkr. T. Oppcahcun, Vom Büttelmeer sum Persischen Golf. 11. 




^ZA, Kap. XVm. Said uml Frankreich. — Innere und äussere Verwicklunti^en. 

zosen, sich im Osten Afrikas festzusetzen. Er selbst verfolgte hier die 
weitgehendsten Pläne, hatte er doch sein Auge sogar auf Madagaskar 
gerichtet und einer Howa-Königin den Antrag gemacht, als eine seiner 
Frauen in seinen Harem einzuziehen, welcher Antrag allerdings abgelehnt 
wurde. Doch kam im Jahre 1844 ein Freundschafts- und Handebvertrag 
zwischen Frankreich und Sa*id zu stände*). Versuche der Franzosen, 
sich dennoch 1847 in Lamu und Brava festzusetzen, wurden von Sa*id 
hintertrieben. 

Neue Bürgerkriege in 'Oman, in welchem Hamöd, der sich in das 
Privatleben zurückgezogen und ein frommer Schech geworden war, seinen 
Sohn Sef, der sich zu sehr mit dem von ihm gehassten Tuweni ange- 
freundet hatte, ermorden Hess und darauf selbst, nachdem er sich Sobärs 
wieder bemächtigt, von Tuweni ermordet worden war, riefen Sa'id endlich 
1851, nachdem er über zehn Jahre ausserhalb des Landes gewesen war, 
nach *Omän zurück. Wie immer stellte auch diesmal Sa*id kraft 
seiner starken Persönlichkeit die Ordnung wieder her, und wieder einmal 
wurde Soljär unter direkte Verwaltung von ihm genommen. 1852 begab 
er sich nach seinem geliebten Zanzibar zurück. Der allgemeine Friede, 
dessen sich sein weites Reich damals erfreute, sollte jedoch von keiner 
langen Dauer sein. Kaum hatte er 'Oman verlassen, als ^Abdallah, 
welcher seinem Vater Fe§al als Emir der Wahhabiten gefolgt war, mit 
einer grossen Truppenmenge nach Süden zog, Bereme besetzte und sich 
nur nach einer Erhöhung des jährlichen Tributs auf 1 2 000 Dollars nach 
dem Negd wieder zurückzog, in Bereme jedoch eine starke Besatzung 
zurücklassend. Auch nahmen die Angriffe der Perser gegen Bender 
*Abbäs einen bedrohlichen Charakter an. Gleichzeitig gaben die Be- 
w^ungen F'rankreichs in den afrikanischen Gewässern Sa*id wiederum 
Grund zu grosser Besorgnis. Nur schweren Herzens entschloss sich da- 
her der ergraute Fürst im Jahre 1854 nochmals zu einer Fahrt nach dem 
heisseii Arabien, indem er seinem Sohne Chälid und den hauptsächlichsten 
arabischen Schechs in Zanzibar anbefahl, den Ratschlägen des englischen 
Vertreters in Zanzibar zu folgen. Kaum in Masl^at angelangt, verlangten 
die Engländer von Sa*id die käufliche Abtretung der Chüriä-Müriä Inseln^, 
deren Guanodepots die Franzosen vorher vergeblich auszubeuten versucht 

^) Nach enp^lischen Quellen hat Sa*id zuvor der englischen Regiemn^f von dem 
französischen Vorschlap^ Kenntnis geg^eben. 

') Die gTösste und einzige, sehr spärlich bewohnte Insel Hallaröje der Churii^Moriä- 
Gruppe, die sich unweit ösüich von Zofär an der südarabischen ^a^no^üt-Kfiste befindet, 
wurde 1861 von der Roten Meer- und Kurachee-Telegraphenlinie okkupiert, jedoch 1863 
wieder aufgegeben. Miles, der die In>el Ende 1883 besuchte, fand, dasi das Guano seit 
langer Zeit bereits von dort weggeschafft worden war. VergL BlUea, Viül of political 
Agent, Muscat, to Ras Fartak, Adm. Reports 1884/85, S. 22/23. 



Kap. XMIL Kämpte ^gen die Perser. — Saids Tod. >r- 

liatteii. Sa'id überliess die Inseln darauf England ohne Entgelt als 
Oeschenk *). 

Wie bereits dargestellt, hatten die Sejids von 'Oman seit dem 
Jahre 1793 Bender 'Abbäs mit einem grossen Küstengebiete in Pacht 
von der persischen Regierung. Said hielt viel auf diese Besitzung 
und Hess auf grund der Feindseligkeiten Persiens eine starke Truppen- 
macht von Maskat aus nach Bender 'Abbäs segeln, die sich dieses 
Hafens, von wo der 'omanische Gouverneur verjagt worden war, 
wieder bemächtigte. Aber bald wurden diese Truppen von einer aus 
Schiräz heranrückenden Uebermacht wieder vertrieben, und nach einer 
unfruchtbaren Blockade musste Said einsehen, dass er mit Waffengewalt 
gegen Persien nichts mehr ausrichten könne. Es gelang ihm darauf im 
Jahre 1856, von dem Schah Nä§ir ed Din, der damals im übrigen weiter- 
gehende Eroberungspläne verfolgte, durch Vertrag das Gebiet von Bender 
•Abbäs auf zwanzig Jahre, allerdings unter weit ungünstigeren Bedingungen 
als bisher, zu pachten. Ein Krieg drohte damals zwischen England und 
Persien auszubrechen; doch liess Sa*Id sich hierdurch in seinem Ent- 
schlüsse, nach Zanzibar zurückzukehren, nicht mehr aufhalten. 

Als er *Omän verliess, sah er sein Ende voraus und hatte den Auf- 
trag gegeben, dass jeder, der unterwegs stürbe] in einem besonders von 
ihm mi^eführten metallenen Sarge geborgen werden solle. Sein Schicksal 
erreichte ihn auf offener See am 13. Oktober 1856. Er war jedenfalls 
ein bedeutender Fürst, der sein Vaterland aus einem kleinen arabischen 
Staatengebilde zu einer für die damaligen Verhältnisse grossen Seemacht 
herausbildete. Unter seiner Führung wussten die in ununterbrochenen 
Kämpfen gestählten *Omän-Araber ihre Herrschaft im Persischen Golf 
und in Ostafrika zu befestigen und ihren Handel in einer Weise auszu- 
bauen, dass selbst europäische Mächte Vertragsverhältnisse mit dem 
Araberstaate zu schliessen sich bemühten. Allerdings verlegte Sa*id den 
Schwerpunkt seiner Wirksamkeit aus Arabien selbst heraus, nach dem 
verweichlichenden Eilande von Zanzibar. Ununterbrochen waren für seine 
afrikanischen Kämpfe neue Truppen notwendig, die dem Stammlande 
entzogen wurden, und viele Araber edlen Geblüts begaben sich in der 
Folge dauernd nach Zanzibar, wo der Hof sich befand, und von wo aus 
gewinnbringende kaufmännische und plantagenartige Unternehmungen auf 
den umliegenden Inseln und dem afrikanischen Festiande ausgeführt 
werden konnten. 

Nach dem Tode des Sejid Sa*Id zerfiel das grosse von ihm ge- 
schaffene Reich. Der älteste seiner überlebenden Söhne Tueni wurde 



^^^S^' Miles a. SU O. S. 36. Schon früher hatte Sa^id, wie sein Vorgänger, 
England fürstliche Geschenke, so in Gestalt für die damalige Zeit mächtiger Kriegsschiffe, 
gemacht 



2C0 Kap* ^CVm. Sa'ids SöhDe Tu wen! und Nlögid. -- Schiedsspruch des Vicekönig Ton Indieti. 

sein Nachfolger in *Omän, während ein jüngerer Bruder, der Sejid Mä^d, 
Saids Nachfolgerschaft in Zanzibar und Ostafrika an sich nahm. Zwischen 
beiden kam eine Vereinbarung zu stände dahingehend, dass Mäg^id -seinem 
älteren Bruder 40000 Dollars als Tribut und dafür zahlen würde, dass 
die ostafrikanischen Besitzungen den arabischen an Reichtum der Ein- 
künfte weit überlegen waren. Bald jedoch — im Jahre 1860 — ver- 
weigerte Mäg^d die Zahlung des Tributs, und Tuweni rüstete sich darauf, 
Zanzibar mit Krieg zu überziehen und seine Herrschaft auf das Gesamt- 
reich des verstorbenen Vaters auszudehnen. Ohne Frage wäre der Sieg 
ihm sicher gewesen*). Bereits war eine starke Truppenmacht nach 
Zanzibar abgegangen, als England, von Mäg^id angerufen, sich in den 
Streit mischte. Beide Parteien waren schliesslich damit einverstanden, 
die britische Regierung als Schiedsrichter anzuerkennen, und 1862 wurde 
der Schiedsspruch von dem Vicekönig von Indien dahingehend gefallt: 
I. dass Sejid Mä^d als Herrscher von Zanzibar und der afrikanischen 
Besitzungen des verstorbenen Sejid Said anzuerkennen sei; 2. dass der 
Herrscher von Zanzibar demjenigen von Masl^at eine jährliche Subsidie 
von 40000 Dollars zu zahlen habe; 3. dass Sejid Mäg^d an Sejid Tuweni 
die rückständigen Subsidien von 2 Jahren (80000 Dollars) zu zahlen habe : 
4. die jährliche Zahlung sei nicht als eine Erklärung der Abhängigkeit 
Zanzibars von Maskat, noch auch als eine rein persönliche Leistung des 
gegenwärtigen Fürsten anzusehen; dieselbe sei vielmehr auch für dessen 
Nachfolger massgebend und als eine definitive und dauernde Abmachung 
zu betrachten, um den Herrscher von Masl<:at fiir die Aufgabe aller seiner 
Ansprüche auf Zanzibar abzufinden und die Ungleich mässigkeit zwischen 
den beiden Erbteilen auszugleichen*). 

Englischerseits wurde als ausschlaggebend für den Schiedsspruch 
angegeben, dass nach ibadidischen Rechtsanschauungen in *Omän Masl^t 
der Herrscher von seinem Volke zu wählen sei, und dass sich die Mehr- 
zahl der massgebenden Persönlichkeiten im arabischen Stammlande fiir 
Tuweni und in Zanzibar für Mä^d erklärt habe. 

Die anderen zahlreichen Söhne Sa*Ids wurden bei der Länderver- 
teilung des väterlichen Erbes nicht berücksichtigt. Viele von diesen 
lebten in 'Oman neben einer grossen Anzahl von Sejids: Prinzen aus 
dem regierenden Hause der Al Bü Said. Davon ausgehend, dass seit 
über einem Jahrhundert nur Mitglieder dieser Familie, aber durchaus 
nicht immer ein oder gar der älteste Sohn dem Vater folgend, in 
Masl^at geherrscht hatten, hielt sich jeder einzelne dieser Sejids zur 



*) Vergl. Ross, Outlines of the history of 'Oman from A. D. 17 28 to 18S3, Admiiu 
Rep. 1882/83 S. 28. 

') ^'crgl Badger a. a. O., Introduction 8. 100. Den Tribat Ton 2OO0O DoUmri an 
die Wahhabiten musste Maskat von nun an allein zahlen. 



Kap. XVm. Innere Unruhen. — Ende der Machtstellung!: 'Omans. ?e7 

Thronfolge berechtigt, wenn er nur eine genügende Anzahl von Gefolgs- 
leuten fand, die seine Ansprüche auf *Omän oder wenigstens aut irgend 
einen Teil des Landes mit Waffengewalt zu unterstützen bereit waren. 
Bis zum heutigen Tage ist dieses Prinzip eine Quelle beständiger Kämpfe 
in 'Oman geblieben. Ununterbrochen tobten nach Sa*ids Tode Bürger- 
kriege im Lande, die von den Sejids, aber auch von den Führern kräftiger 
Stämme begonnen wurden, welche nicht zur regierenden Familie ge- 
hörten, aber ihrerseits von dem ältesten ibadidischen Grundsatze ausgingen, 
dass über *Omän jeder »Vorsteher«, »Imäm«, werden könne, der vom 
Volke hierzu gewählt werde. Abgesehen davon fanden die infolge der 
Blutrache und des Verlangens nach Wiedervergeltung entstandenen Kämpfe 
zwischen den einzelnen Stämmen und insbesondere zwischen den Räfiri und 
Hinäji kein Ende, die wohl zur Zeit kraftvoller Herrscher, welche die 
Macht im ganzen Lande in Händen hatten, eingedämmt, wenn auch 
niemals ganz unterdrückt werden konnten. 

Durch die von England gefällte Entscheidung, welche Zanzibar vom 
Mutterlande lostrennte, war die Macht 'Omans ein für allemal gebrochen 
und seine Stellung auch im Persischen Golf vernichtet. Die Kämpfe mit 
den Wahhabiten hatten das Land ebenso wie die Auswanderungen nach 
den afrikanischen Besitzungen sehr geschwächt. Den Wahhabitcn-Emiren 
inusste Sejid Tuweni 20000 Dollar jährlichen Tribut zahlen, und Jahrzehnte 
lang blieb *Omän den Wahhabiten auch in der Folge noch tributpflichtig. 
Ein Teil der von Zanzibar nach Masl^at fliessenden Subsidie von 40000 
Dollar wurde hierdurch verbraucht. In der Folge sehen wir England 
den Sejids bei verschiedenen Gelegenheiten in schwierigen Lagen Geld 
vorstrecken und aus der Zanzibarsubsidie sich schadlos halten oder 
andere Geldansprüche auf diese in Anrechnung bringen. In späterer Zeit 
soll sogar mehrfach mit der gänzlichen Einbehaltung der Subsidie gedroht 
worden sein, bis bestimmte von England ausgesprochene Wünsche erfüllt 
worden wären. Die Wechselbeziehungen zwischen Zanzibar und dem 
Mutterlande, die von vorn an friedliche waren, haben bis auf den heutigen 
Tag nicht aufgehört; aber bei diesen dürfte nur Zanzibar gewonnen haben. 
Nach wie vor siedelten *Omän-Araber nach dem reichen Zanzibar und 
seinen Dependenzen, wo ebenfalls die *Al Bü Sa*id regierten, über, und 
nur wenige der Auswanderer dürften zu dauerndem Aufenthalte wieder 
nach *Omän zurückgehrt sein^). 

Nach dem Verlust von Zanzibar hörte *Omän auf eine Seemacht 
zu sein. England erhob nunmehr den Grundsatz zur Devise, dass im 
Persischen Golf nicht nur keine Piraterei*), sondern überhaupt keine 

^) Als Ersatz erhielt 'Oman nach wie vor nur Sklaren ans Ostafrika, deren Znftthmng 
trotz der Wachsamkeit der europäischen Mfichte bis heute noch nicht angehört hat. 
*) Das Gleiche (nlt fttr den SkUTenhandel. 



258 I^P- XVIII. Maskat zum dauernden WaffenstUlstand zur See Terpflichtet. 

kriegerische Aktion der an den verschiedenen Küsten lebenden Stämme 
und Fürsten gegen einander geduldet werden könne. Zur Durchführung 
dieses Grundsatzes schloss England mit einer ganzen Anzahl von Stammes- 
häuptern auf der arabischen Küste, insbesondere mit denjenigen der Babren- 
Inseln und der sogenannten Piratenküste*) nordwestlich von 'Oman, be- 
sondere Verträge, durch welche ein »dauernder Waffenstillstand zur See^ 
gewährleistet werden sollte. Sobald derselbe gebrochen wurde, aber auch 
sobald einer der indischen unter seinem Schutze lebenden Kaufleute, 
welche, durch diese Protektion stark gemacht, immermehr an den ver- 
schiedensten Küstenplätzen sich festsetzten, durch Unruhen Einbussen 
erlitten, schritt England mit Waffengewalt ein und Hess durch seine 
Schiffe in mehreren Fällen die Niederlassungen und Segler der beteiligten 
Stämme zusammenschiessen. Um jeden Preis sollte der britische Handel 
und die Thätigkeit der Indier im Persischen Golf gefördert und geschützt 
werden und gleichzeitig gab die Durchfechtung dieses Grundsatzes Ge- 
legenheit, auch in den Angelegenheiten der Stämme selbst eintretenden- 
falls ein entscheidendes Wort mitzusprechen. 

Die Verpflichtung, dauernden Waffenstillstand zur See zu halten^ 
wurde auch Scjid Tuweni auferlegt. Die Fürsten von Maskat, welche 
von jeher eine für die arabischen Verhältnisse sehr bedeutende Seemacht 
besessen hatten und immer wieder imstande waren, ihren Einfluss an der 

*' Die Stammsitze der früher thatsächlich, jetzt wohl kaum mehr dem Namen nach 
von Masl^at abbäng^t^en Schechs der sotrenannten Hratenküste sind von Kap Misandam 
an westwärts gerichtet die folgenden: i. Käs el Cheme anter einem Koäsim* 
Schech ^verjfl. oben S. 320' ; 2. Umm ul Kawen und 3. El *A^än, beide unter 
'AI ßii 'Alf-Schechs; 4. Scharkä unter einem Koäsim-Schech ; 5. Dubei unter einem 
Schech aus dem Stamme der 'AI Hü Faläsä ;[einem Tcilstamm der ^lass) und 6. Abu Zebbi, 
das von dem mächtigen Schech der Benü (lass-Beduinen, dem heute in hohem Alter stehenden 
Sa*id ihn Chahfe bewohnt wird. Die genannten Orte sind nur klein. Die Bewohner 
der Piratenküste führen ein beduinenartiges Leben oder sie widmen sich der Perlen- 
fischerei und der Schiffahrt. Im Nordwesten grenzt das Gebiet von Abu Zebbi an das zum 
ottomanischen Verwaltungsbezirke gehörende Gebiet des Schech Käsem ibn Mu^^unmed e| 
Täni, der auf der Halbinsel Kajar residiert. ^Verjjl. unten S. 364, Anm. l). Zur Beaufsichtigang 
dieser Schechs und zum Schutze der in ilirem (iebiete lebenden Indier hat ein vom englischen 
Residenten in Buschir abhängiger . Native A^rent« seinen Sitz in Scharl^ä, und alljährlich pflegt 
eines der im Persischen Golf stationierten Kriegsschiffe die Schechs zu besuchen, um Ge- 
schenke an sie auszuteilen und nach dein Rechten zu sehen und zu konstatieren, ob die 
•.Trucial Chiefs of Oman« vert,^. u. a Administr. Report 1887/88 S. 6) auch nicht den 
Frieden und die Ordnung zur See gestört haben. In den zwischen England und den Tradal 
Chiels abgeschlossenen Verträgen sind Geldstrafen, welche diesen Schechs auferlegt werden 
können, vorgesehen, die von einem aus dem englischen Government Agent and den sechs 
Schechs oder deren Vertretern zusammengesetzten Gerichtshofe zu verhängen und sodano 
von den englischen Residenten in Buschir zu bestätigen sind. (Vergl. einen solchen Vertrag» 
betreffend die Auslieferung flüchtiger Uebelthäter bezw. die Zahlung ihrer Verbindlichkeiten, 
in den Admin. Reports 1879/80 S. 4, 9, 10.) 



K-itv \''-'III. Diifc- '." >j:;<inii it-i !• Mi^l.iiiili i in I'» l'.l^« li» n '.'».I S IV 

^^-^Dischen Kustc. wenn auch mit /.citwcilij^cn L'nU*it>icchuiij^cn. nitinlii 
erhalten und von den verschiedenen Sunnncn ^iv h InUui /.u vii 
^^^attcn, verloren hierdurch ein- für iillcnial die Mi»;^lulikiii. n^i i ^Ux. 
^^T\ ihrem Regierun^^itz entfernteren Stannne ihie .\iiLi»niil j.'i*lLi u.l ^.n 
.^^^^.chen. Da.-? Zurückgehen der Kiotte, deien ^i\.»T^tei leil n u h .inl* 
^ Ode so wie -o an Zanzibar getalien sein iluille. er^hwiiu iti n u/i^ 
^^nden Sejids in der Fol^e auch die Krio>;e vi^'/.^"'' u^i-lli .i In i*|ul. 
^nd unbotmässige Stämme in *C>man ^^elb^t. 

Der Besitz Maskats und einer hier ankenuleu I K»Ur wu iu luitutii 
^eit von au-^-^chlag^ebender Wirkung i;e\\eien Nuiinu In w.uiu iln 
regierenden Sejid^ gezwungen, ihre .Mivilii:keUen 'tut drin l .initi .ni.wn 
fechten, und ihre SteMung wurde eine niiiiiri -i« hw.n tu ü . In dii I ••!»;( 
wurden den enghschen politischen A^M-nlm /n M.iil,.i| ^m (\utnilii li .ini 
den aufrührerischen Prinzen und Scliecli-%. .iIh-i an« li vnn diu hjMi M-n<t( n 
Herren des Landes die Kampfe an«,'.eia|.M, «rhln- ni dm I. n ili n l.nlli.n 
stattfinden sollten, um den hritiirlim >kf }Hi!/lii-l<ilili m n ( ii It.j'i niit.u /u 
geben, zuvor sich und ihn- llabr in :-.n iMilini /^^ ittn^nn .*l'lii .il . 
einmal fanden die Stra^^f-nkatnpl'*. \\titii\i.iu\n mtt^'rti nii'i .'m '-n .iii<i|.'> i» 
der Städte alsdann imter tUzn .\>it('-fi Mn im llil'n l<« ." n'h ii i <i|fii ' !•> m 
Kriegs.-chitie ntatr 

So trat hn'/Uin^l n.i'.li ;;i'; n.i' h »li*. i-i!** «l* , ] ,,■;,. . *,. '/ 

Maskat im Vcr^-crit.. ^ n.: :.•. .' .' j li. ■//.«. i.'' .. ..' ./' ■ .■.-■ 

die Schirr'e flrr :ri':. •.■...'::. K:.- -/- .. ::... i.. »> ..,..>.. i . • ... ; 

uberhaüTil :r: '/•':' ■*-. ' .- . .. .,'/:;./ : ; . ,* / 

der Frier:-: /..-■..: - .- 

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ß6o *^P- -^VTU. Kämpfe in ^obär. - - Sälim. ^Varän. Scjid, Turki. 

wagte jedoch nicht, offen gegen ihn zu revoltieren. Dagegen rief Sejid 
*Azzän bin Kais^) die Wahhabiten zu Hilfe, die im Jahre 1865 wieder 
einmal in *Omän eindrangen und insbesondere die Stadt Sür ausplün- 
derten. Da bei diesen Unruhen auch zahlreiche Indier unter den Ein- 
fällen der Wahhabiten litten, zwäng die indische Regierung Tuweni, 
energisch gegen diese vorzugehen, und zerstörte selbst einige ihnen 
gehörige Piratenschiffe im Golf von Kafif, ohne jedoch ernsthaft diese 
Stadt selber anzugreifen. 

Während der Kriegsvorbereitungen im Jahre 1866 wurde Tuweni 
von seinem eigenen Sohne Sälim ermordet, der dann sofort die 
Zügel der Regierung in die Hand nahm. Der um diese Zeit in 
offener Empörung begriffene Turki ging nunmehr g^^n Sälim vor und 
nahm Matrab im Jahre 1867, wurde jedoch in seinen Erfolgen durch 
England aufgehalten, welches den Vatermörder Sälim anerkannte. Turki 
lebte darauf längere Zeit mit einem von Sälim ihm ausgesetzten Jahres- 
gehalte in Indien. Der Tod des Wahhabitenemirs Fe§al (1866) und 
friedliche Zusicherungen seines Sohnes 'Abdallah, die dahin gingen, dass 
er englische Schutzbefohlene respektieren und 'Oman nicht weiter an- 
greifen wolle, solange dieses Tribut bezahle, wurden für die britische 
Regierung Veranlassung, ihre Aktion gegen die Wahhabiten einzustellen. 
Eine 1867 ausgebrochene, allerdings bald erstickte Revolte Hamüds, 
eines Sohnes des Sejid Sälim, welch letzterer gemeinsam mit dem 
grossen Sa*id über *Omän geherrscht hatte, ist deshalb von Interesse, 
weil anscheinend während derselben England zum ersten Male dem 
Herrscher in *Omän Gelder auf die von Zanzibar zu erwartende Subsidie 
vorstreckte oder in Anrechnung brachte, was in der Folge noch mehr- 
fach geschah. 

Im Jahre 1868 begann 'Azzän bin Kais seine aufrührerischen Unter- 
nehmungen von neuem. Er bemächtigte sich Mastjrats, und Sälim floh 
nach Bender *Abbäs. Vergeblich versuchte er, von hier aus sein Fürsten- 
tum sich wieder zu erkämpfen. Der neue Herrscher *Azzän bin Kais 
führte ein strenges Regiment und unterNvarf sich ganz *Omän zu Gehor- 
sam. Auch wandte er sich gegen die Wahhabiten, die er selbst 1865 
in das Land gerufen, und die inzwischen in verschiedenen Affairen 
die Bundesgenossen Sälims gewesen waren. Er stützte sich auf die den 
alten ibäcjidischen Anschauungen treu gebliebenen Bestandteile des Landes 
und einzelne fromme Schechs und wurde auch zum Imäm ernannt, das 
einzige Mal, dass eine solche Wahl in diesem Jahrhundert in 'Oman 

^) Nach Badger a. :i. O., Introduction ^^. 1 1 1, hätte Tuweni selbst die Walihabiten g^gta. 
Turki zu Hilfe gerufen, der die Fahne der Empörung um 1864 erhob. VcrgL auch M- 
qrave a. a. O. Bd. II S. 284. 



Kap. XVIIL Sejid Türkis Kämpfe mit seinen Verwiunlten. ^51 

ausgeübt wurde. Mit der anglo- indischen Regierung scheint *Azzän 
auf keinem guten Fusse gestanden zu haben ^). Dieselbe hatte vergeblich 
versucht, ihn von seinem Vorgehen gegen Sälim abzuhalten, und be- 
günstigte, nachdem sie Sälim fallen gelassen hatte, offen Turki. Im 
Jahre 1870 wollte der Wahhabitenemir * Abdallah ibn Fe§al sich Beremes 
wieder bemächtigen; aber als sein eigener Bruder Sa*üd sich mit 'Azzän 
verband, wurde die Expedition aufgegeben. 

Um diese Zeit begann Turki, von seinem Bruder Mägid von Zanzibar 
aus mit Geldmitteln reichlich unterstützt, seine Operation gegen *Azzän. 
In einer grossen Schlacht bei Zank besiegte er *Azzän und dessen Bruder 
Ibrahim. Doch erholte sich *Azzän bald wieder. Turki wandte sich nach 
Südosten und Hess Sef bin Sulemän, den Schech der Beni Rijäm, im 
Norden von *Omän als Führer im Kampfe gegen * Azzän zurück. 1871 
griff dieser Matrab an. 'Azzän und Sef fielen, aber des letzteren Leute 
waren siegreich, und Matrab und Maskat kamen in ihre Gewalt. Nun- 
mehr (1871) wurde Sejid Turki der Fürst von *Omän. Eine Zeitlang 
konnte Ibrahim, *Azzäns Bruder, sich noch in Sobär selbständig erhalten. 
Dann begannen die Versuche des entthronten Sejid Sälim von Bender 
'Abbas aus, sowie des jüngeren Bruders Türkis, *Abd el *AzIz, den 
regierenden Sejid zu verdrängen. Beide Prinzen wurden von England, 
das den Frieden zur See nicht gestört sehen wollte, im Persischen Golfe 
ergriffen und nach Indien gebracht, wo Sälim 1876 verstarb*). 

Der schwache Sejid Turki söhnte sich sodann mit seinem Bruder 
*Abd el 'Aziz aus, den er zur Mitregentschaft nach Masl^at berief. Infolge 
von Zwistigkeiten oder auch des Regierens müde, verliess dann Turki 
1875 das Land und ging auf einem englischen Kriegsschiffe nach Gwadar, 
von wo er jedoch nach einigen Monaten wieder zurückkehrte. *Abd el 
'Aziz war unbeliebt geworden, und es wurde Turki nicht schwer, ihn in 
das Innere von *Omän zu drängen. Seit der Zeit blieb Turki an der 
Regierung. Allerdings hatte er beständige Kämpfe mit Sejid *Abd el 
*Aziz, Sejid Ibrahim bin Kais und dem mächtigen Schech Säleb bin *Ali, 
dem Führer der Scharfeije- Stämme der Hinäje u. s. w. zu führen. Mit 
England unterhielt er gute Beziehungen. Anlässlich der Annahme des 
Kaiserin -Titels durch die Königin von England erhielt er 1876 eine 
»Einladung! vom Vicekönig von Indien, um in Delhi bei dieser Feier 
gegenwärtig zu sein. Er folgte jedoch derselben nicht persönhch, sondern 
liess sich durch seinen Minister Sejid Sa*id bin Mubammed vertreten'). 



') Vergl. R0S8, Outlines of the histoiy of 'Oman froni A. U. 1728—1883» Admini- 
stration Reports 1882/83 S. 28. 

•) Vergl. R0S8, Outlines of the history of *Omän from a. D. 1728 — 1883, Adm. Rep. 
1882/83 S. 29. 

■) Vcrg^l. Administration Reports 1876/77 S. 78. i 



302 KjiP- XVUI. Die Vorjränj^e in j^oiär. — Erfoljfe der Wahhabiten. 

Nach den englischen Quellen gelangte 1879 ein grosser Teil der 
Hadramüt-Küste wieder in eine Art von Abhängigkeit unter Sejid Turki 
und dehnte die indische Regierung dementsprechend den Wirkungskreis 
des politischen Agenten zu Maskat bis nach dem Ras Sajir aus, um den 
Distrikt von Zofär mit in sich aufzunehmen*). Nachdem Sejid Said im 
Jahre 1829 nach der Ermordung des Piratenhäuptlings Mubammed 'Akils 
von einer Partei in Zofär angerufen, sich dieser Stadt bemächtigt hatte, 
waren die dortigen Angelegenheiten sehr bald von Maskat aus vollständig 
ausser acht gelassen worden. Der Bruder Mubammed *Akils\ *Abderrabmän, 
welcher damals ebenso wie mancher andere Hadramüt-Araber als Kauf- 
mann in Indien lebte, suchte sich darauf die Herrschaft in Zofar zu er- 
ringen, und allgemeine Anarchie brach hier aus, derart, dass jedenfalls 
die Schechs der kleinen Stämme und Niederlassungen an der Küste sich 
vollständig von einander unabhängig machten und sich gegenseitig be- 
kriegten. Der Handel von Zofär ist hauptsächlich in der Hand von 
Chogas, Agenten für Häuser in Bombay und Makalla. Im Jahre 1870 
entsandte Midhat Pascha von Bardäd aus im Auftrage der Pforte eine 
PIxpedition nach der Südküste von Arabien, wo in Zofär und verschiedenen 
anderen Orten Geschenke und türkische Flaggen verteilt wurden. Doch 
nützte die Türkei in der Folge die Ergebnisse dieser Expedition nicht 
weiter aus. Um diese Zeit war ein gewisser Sejid Fadl el Mublä in Zofär 
zur Regierung gelangt. Seine Vertreibung durch die dortigen Stämme 
war die Veranlassung zur Herbeirufung Sejid Türkis, des Herrschers 
von Maskat, geworden^), der das Land ohne Schwertstreich okkupierte 
und einen Wali in Zofär und eine kleine Garnison in Mirbät zurückUess. 

Im Jahre 1880 wurde der Kaufmann Maguire in Maskat zum Konsul für 
die Vereinigten Staaten von Amerika und sodann zum Konsularagent für 
Frankreich ernannt. Inzwischen hatten die Zwistigkeiten und beständigen 
Kämpfe zwischen den einzelnen Stämmen im Hinterlande von *Omän 
ihren Fortgang j^enommen. Im Jahre 1882 musste sich Turki zu 
einer Zahlung von 200 Pfund monatlich an Sejid *Abd el *Aziz ent- 
schliessen. Auch mit seinen übrigen Widersachern suchte er sich 
regelmässig durch einmalige oder jährliche Geldzahlungen abzufinden. 
Das Jahr 1883 brachte besonders starke Unruhen für *Omän; doch 
gelang es Turki, einen von Sejid *Abd el ^Aziz und Schech Säleb bin 
*Ali auf Maskat unternommenen Angriff zurückzuschlagen. Bei der 
Belagerung von Matrah durch die Aufrührer leistete ein englisches 
Kriegsschiff dem Sultan gute Dienste, und schliesslich unterdrückte des 

*; Vertjl, Administration Reports 1879/80 S. 134 u. 3. 

-; Ver^]. Miles, Visit of Political Agent, Muscat, to Ras FarUk. Adm. Reports 
1884/85 S. 22, 23. 



Kap. XVm. Türkis Tod. — Sein Sohu Fe^al. jgj 

Sejid Turki Sohn Fe§al den Aufstand auch im Innern des Landes. Im 
folgenden Jahre erhielt Sejid Turki als fürstliches Angebinde seines Bruders 
Sejid Barrasch, des Sultans von Zanzibar, ein Dampfschiff, die «Sultänlje«, 
zum Geschenk^). Dasselbe war in der Folge von grossem Nutzen und 
erleichterte es Turki, wenigstens an den Küstenstädten seine Autorität 
aufrecht zu erhalten. Mit der britisch-indischen Regierung stand er nach 
wie vor auf bestem Fusse und erhielt er im Jahre 1886 das Grosskreuz 
des Sterns von Indien, gleichzeitig mit der Zusicherung, dass er Zeit 
seines Lebens auf englische Unterstützung gegen nicht von ihm hervor- 
gerufene Angriffe auf die Stadt Masljat rechnen könne. Im selben Jahre 
konnte er eine kleine Reise in das Innere unternehmen, die erste seit 
vielen Jahren ; doch dauerte auch diese nur eine Woche, seine Gegner waren 
im Hinterlande stärker als er. Im folgenden Jahre trat England wiederum 
hilfreich für Turki ein. Der Sejid Ibrahim bin Kais hatte Süek ein- 
genommen, aber ein britisches Kriegsschitf veranlasste ihn, die Stadt 
zu räumen, darauf wurde eine Versöhnung zwischen Turki und 
seinem Vetter herbeigeführt Im März 1888 kam Sejid Barrasch in das 
Land seiner Väter nach Maskat, um seine schwer erschütterte Gesundheit 
wieder herzustellen, kehrte jedoch nach mehrwöchentlichem Aufenthalte 
wieder nach Zanzibar zurück, wo er wenige Tage darauf starb. 

Kurz darauf, am 4. Juni 1888, starb auch Sejid Turki. Er Hess drei 
Söhne zurück: Mubammed, Fe§al und Fahed, alle drei von einer afri- 
nischen Mutter. Der älteste, Mubammed, zum Herrschen wenig geeignet, 
scheint freiwillig zurückgetreten zu sein, und Fe§al übernahm die Regie- 
rung, merkwürdigerweise, ohne sich die Gewalt erst erkämpfen zu müssen. 
Sein jüngerer Bruder Fahed heiratete im Jahre 1891 eine Tochter des 
verstorbenen Sejid Barrasch von Zanzibar, beging jedoch nach der kurz 
darauf erfolgten Scheidung, in Schwermut gesunken, Selbstmord. Sejid 
Turki hatte .seinen langjährigen Minister Sejid Sa'id bin Mubammed 
wenige Monate vor seinem Tode entlassen und verfolgt, so dass dieser 
nach der Insel Kischm geflohen war. Turki glaubte, dass sein Minister 
ihn behext habe und an seiner unheilbaren Krankheit, derentwegen er 
vergeblich in dem von ihm abhängigen Gwadar durch Luftveränderung 
Heilung gesucht hatte, schuld sei. Nach dem Tode Türkis kehrte Sa'Id 
nach Maskat zurück, wurde aber von dem jungen Fc§al schlecht be- 
handelt und bald darauf veranlasst, Maskat wieder zu verlassen, worauf 
er sich nach Bender *Abbäs zurückbegab. Auch in der Folge scheint 
Fe§al keinen besonderen Vezir oder Minister angenommen zu haben, dem 
er irgendwelchen Einfluss in Regierungsangelegenheiten eingeräumt hätte. 

*) Als Gegengabe sandte er Pferde, Kamele usw. nach Zanzibar. Ve^gl. Admin. 
Reports 1886/87 S- 20. 



264 *^^P- XVllI. Pläne der Wahhabiten ffeg^en 'Oman. 

Im Jahre 1888 wurden in *Omän Gerüchte laut, nach welchen die 
Wahhabiten unter 'Abdallah ibn Fe§al bezw. dem im Negd schon zu 
grosser Macht gelangten Muhammed ibn Raschid gemeinsam mit Käsern 
ibn Mubammed et Täni, dem Machthaber auf der Halbinsel Katar, einen 
grossen Zug nach 'Oman unternehmen würden, um von diesem den 
Wahhabiten -Zakät wieder einzufordern*). Schech Käsem hatte bereits 

'; Das treibende A^ens zn dem ge^en *Omän geplanten Zage war Schech ^läsem ihn 
Mabatnmed et Täni (nach der Beduinenaussprache gewöhnlich Tschasim genannt und 
englisch Jasim oder Djasim geschrieben). Seit 1879, um welche Zeit sein den Engländern 
freundlich gesinnter Vater starb, ist der heute noch lebende ^äsem der anerkannte Ober- 
f>chech des Gebietes der Katar-Halbinsel. Bemerkenswert ist übrigenSf dass der Administration 
Report (1878/79 8.7) konstatiert, dass Käsem schon viele Jahre vorher der thatsächliche Schech 
von EI Bidä* unter türkischem Patronat gewesen ist. Gegenwärtig bildet ^t^u* ein eigenes 
Ka^ä des zu Ba^ra gehörigen Mute^rriflik (Sang^k) Hasä (vergL oben S. 300), das übrigens 
fälschlich auch Sangak Negd genannt wird ; mit dem dem Ibn Raschid unterstehenden central- 
.'irabischen Oasenbezirk Negd hat es nichts gemein. Schech Käsem ist der Käimmakäm von 
Katar. Die türkische Regierung hat ihm ähnlich wie dem Schech von Kuet volle Selbst- 
ständigkeit in seinen Angelegenheiten gelassen und begnügt sich damit, eine Garnison von 
einigen 100 Mann in seinem Gebiete zu unterhalten*). Schech Käsem gilt mit seinen 
Leuten heute noch als Wahhabit, wie überhaupt in einem grossen Teile von Qa^a wahha- 
bitische Neigungen noch vorwiegen sollen. Zu dem mächtigen Herrn des Ne^d, Mubammed 
ibn Raschid, stand Käsern in denbesten Beziehungen. Er ist ein kriegerischer Mann und 
lebt in beständiger Fehde mit den Benu öass- Beduinen von 'Abu Zibe. Gleichzeitig betreibt 
er Handelsgeschäfte in grossem Stile. So führt er nach dem Neg:d Reis und andere Waren 
von Indien ein; vor allem aber liegt ein grosser Teil der Perlenfischerei in seinen Händen, 
\md er ist in dieser Beziehung der bedeutendste Konkurrent des unter englischem Schutze 
stehenden Schechs von Ba^iren und der auf den Ba^iren-Inseln angesiedelten Indier. 

Die Angliederung des Mute^arriflik von Hasä an das Wilajet Bagdad und die Ein- 
führung einer türkischen Regierung in dieses Gebiet datiert aus dem Jahre 1870, zor Zeit, 
als Midhat Pascha Wall von Bagdad war. Im Jahre 1876 entsandte der Wali von Bafdäd, 
Redif Pascha, den Oberschech der Muntefik-Beduinen, Nä$ir Pascha es Sa'dün — der in den 
Administration Reports 1875/76 S. 3 Wullee of Busrah (wohl Mute^arrif des Sangafp BaQra) 
genannt wird — , nach Hasä, woselbst allgemeine Anarchie ausgebrochen war, um dort die 
Ordnung wieder herzustellen. Die in der Stadt Hasä (Huf buf) von den Aufruhrern belagerte 
türkische Garnison wurde entsetzt und Schech Bezi el 'Urer als Gouverneur zurückgelassen. 
Einige Monate darauf brachen abermals Unruhen aus. Nä^ir ging nochmals nach Qasi, 
woselbst den Eingeborenen eine gründliche Lektion erteilt wurde, so dass sie sich seither 
nicht mehr erhoben, und Nä$ir Paschas Sohn Mesg:ed wurde an Stelle Bezis zum Gonvemeor 
ernannt. Nachdem im Jahre 1884 das Wilajet Ba^ra von dem Wilajet Bardäd abgetrennt 
und der Muntefik- Schech Nä^ir Pascha, der die Kosten der Expedition nach ^asä ganz 
allein getragen hatte, der erste Wali der neuen Provinz wurde, bildete das Gebiet von 
Hasä einen Sangak dieses WUajets (vergL Cuinet a. a. O. Bd. III S. 317 ff.), aus drei ^ladSs 
bestehend: dem Merkez Ka^ä Neg:d oder Hasä mit der Hauptstadt 9as&, J^a^f nnd l^p^ar. 
Durch das Vorgehen der Türken war das centralarabische Emirat der Wahhabiten Tom 
Meere abgeschlossen worden, wie dieses auch heute noch bezüglich des Hailer-Emints des 
Ibn Raschid der Fall ist. 1878 scheinen Verhandlungen zwischen der türkischen Regtemng 
nnd dem Wabhabitenemir ^Abdallah ibn Fe^l stattgefunden zn haben, um wieder f^te Be- 



*) In jUngüter Zeit soll die türkische Reffienmic auch in der Stadt i^uöt ein« klein« Garnison unterbakca. 



Kap. XMII. Die RoUe des Schech KSsem. 363 

9J1 den als Wahhabiten geltenden Schech von Scharl^ä mehrere Briefe 
gesandt und ihn aufgefordert, mit den Räfiri -Stämmen sich der Be- 
^weg^ng gegen *Omän anzuschliessen. Auch Ihn Raschid hatte zu 



addinDgen mit diesem henusteUen and ihn zum Gouverneur von ^asä zu ernennen (Ad- 
min. Reports 1877/78 S. 5); doch führten dieselben zu keinem Resultat, und seither werden 
regelmässig türkische Beamte als Mute^arrifs von I^asä besteUt. Es scheint übriffens, dass 
erat um diese Zeit die geg^enwärtige türkische Verwaltungseinteilung in das Gebiet von Qasä 
eiiifi^eführt wurde (Admin. Reports 1878/79 S. 6). Schech Käsern überliess man auch jetzt 
noch TollstSndig sich selbst, nur hin und wieder kreuzten türkische Kanonenboote an der 
Ktlate von Katar. Ende 1882 begann die bis heute andauernde Feindschaft zwischen J^pisem 
und der englischen Regierung, nachdem ihm damals durch britische Kanonenboote die 
Zahlung von 8000 Rupien für eine in EX Bidä' slattgefundene Beraubung indischer Kaufleute 
abgpeswungen worden war. Im Jahre 1888 wurde anlässlich eines erfolgreichen J^azu des 
Schech Sa*id ihn Chalife von Abu Zibe ein Sohn j^äsems in der nächsten Nähe von El 
BidJk* getötet Dieses wurde wohl der eigenUicke Grund für die von Käsem ins Leben ge- 
rufenen Koalition zwischen ihm, dem Wahhabitenemir «Abdallah ihn Fe^al und Ibn Raschid 
snm Kampfe gegen *Oman, zu dem er gleichzeitig die türkischen Behörden anforderte; 
doch gelangte aus den oben angeführten Gründen der Zug nicht zur Ausführung. Im selben 
Jmhre 1888 beschwerte sich die Pforte bei der englischen Regierung wegen der gegen 
IpLsem infolge angeblich schlechter Behandlung britischer Unterthanen angewandten Massregeln, 
und die kurz vorher nach El Bidä* gelegte kleine Besatzung wurde auf 250 Mann türkische 
regnl&re Infanterie vermehrt, und dort ein kleines türkisches KriegsschifT stationiert. 1889 
crbielt Jgllsem sodann den officieUen Titel eines türkischen KäimmaVäm. Aber bald ver- 
schlechterte sich das Verhältnis zwischen l^äsem und dem Gouvernement von Ba^ra. Ende 
1892 besichtigte der Wali von Ba^ra mit zwei türkischen Kanonenbooten und einem Regimente 
Infanterie das Sanga)}: I^asä. Bei dieser Gelegenheit erklärte er die Babren-Inseln 
und *Omän als unter türkischer Jurisdiktion stehend; doch nahm England Veran- 
laasung, auf Grund einer von der Pforte aufgeworfenen Frage zu erklären, dass Babren 
-anter britischem Schutze stehe. (Vergl. Administration Reports 1892/93 S. 8 und 9.) 
Im folgenden Jahre wurde die Frage des englischen Protektorats bezüglich Babrens wieder 
angeregt; die Pforte beschränkte sich darauf auf die Erklärung, die Leute von Babren 
«It türkische Unterthanen behandeln zu wollen, sobald sie sich auf ottomanischem Gebiete 
befänden, während britischerseits das Recht aufrecht erhalten wurde, die Unterthanen des 
Schechs von Babren zu schützen, wenn immer dies notwendig werden sollte. (Vergl. Admin. 
Report 1893/94 S. 7). Im März 1893 kam es endlich zum offenen Kampfe zwischen den 
Beduinen üLisems und den türkischen Truppen, bei welchem auf Seite j^äsems über vier- 
hnndert und tttrkischerseits gegen hundert Leben verloren wurden. Die türkischen Truppen 
zogen sich nach Bidä* zurück. Aber der Wali wurde abgesetzt, und der NaVib von Ba$ra brachte 
die Angelegenheit wieder in's Reine. (Auch der britische Resident des Persischen Golfs hatte 
zuvor, allerdings vergeblich, versucht, sich mit Käsern in Verbindung zu setzen. Vergl. Admin. 
Report 1893/94 S. 8). In Bidä* wurde eine starke türkische Besatzung zurückgelassen, der 
leisem begegebene türkische Beamte jedoch bald darauf ermordet. Der letzte Grund zu den 
Schwierigkeiten zwischen der Regierung und Käsem waren Räubereien der Piratenstämme 
d Ha^^ und el Mürä gewesen, die ^Lasem nicht genügend unterdrückt hatte. 1895 wurde 
Schech J^äsem abermals in schwere Ungelegenheiten verwickelt, bei welchen diesmal jedoch 
die türkische Regierung auf seiner Seite stand. Der Schech von Babren war auf grund von 
Gewaltakten seines Bruders in Streitigkeiten mit einem von ihm abhängigen Stamme der 
AI bin 'AH geraten, der sich infolge dessen veranlasst sah, auf das Festland ttbenniiedeln 
vnd in Znbiri an der Nordwestküste der Halbinsel J^atar sich niede 



366 I^- XVIIL Weitere wahhabitische Unruhen. 

gleichem Zwecke Aufgebote an verschiedene arabische Stämme ge- 
richtet*); doch wurde der Zug nicht ausgeführt. Die Verhältnisse im 
Innern Arabiens, woselbst Ibn Raschid sich anschickte, der Herrschaft 
der wahhabitischen Emire aus dem Hause der Ibn Sa'üd ein für allemal 
ein Ende zu machen und seine eigene Regierung über alle Stämme 
Centralarabiens auszubreiten, scheinen ihn ganz in Anspruch genommen 
zu haben. Auch in der Zukunft blieb 'Oman bis heute von einer weiteren 
Invasion aus Centralarabien verschont Wann die Tributzahlung 'Omans 
an die wahhabitischen Emire aufgehört hat, wissen wir nicht 

Im Jahre 1883*) hörte man noch von Streitigkeiten zwischen der 
wahhibitischen Garnison der Küstenstadt Barka mit den dortigen Ein- 
geborenen. Es scheint daher, dass nicht nur in Masl^at, sondern auch 
in verschiedenen anderen Städten *Omäns kleine wahhabitische Garnisonen 
bis in die 80er Jahre stationiert waren, die wohl den regelmässigen 
Abgang des Tributs nach Riä(J im Süden des Negd, woselbst die Wahha- 
bitenemire nach der Zerstörung von Der'ije durch die Egypter residierten, 
zu gewährleisten hatten, gleichzeitig aber auch von den regierenden 
Sejids als willkommene Streitkräfte zur Unterdrückung von Unruhen be- 
nutzt wurden. 

In das erste Regierungsjahr Fe§als fällt nur eine aufrührerische Be- 
wegung Ibrahim bin Kais*. Fe§al zog gegen ihn zu Felde, erlitt je- 
doch eine Schlappe unweit Rastäk und schloss Frieden mit Ibrahim, 
der in der Folge seiner Regierung keine besonderen Schwierigkeiten 
gemacht zu haben scheint Noch im selben Jahre (1888) berichten die 
englischen Quellen von einem Brief des Schech Säleb bin 'Ali. in welchem 
dieser Fe^al vorschlug, seinen Onkel Sejid 'Abd el *Aziz nach Ostafrika 
zu entsenden, um von dort die Deutschen zu vertreiben. Fe§al lehnte 
den Vorschlag ab, gab jedoch zu verstehen, dass er 'Abd el 'Aziz eine 

Stützung Schech ];^ems bauteD die AI bin 'Ali das dortige Fort, das bereits früher Gegen- 
stand von Streitigkeiten ZA^ischen Bahren und Käsern gewesen war, wieder auf. In Zabiri 
wehte die ottomanische Flagge, und eine kleine türkische Besatzung war hier ontergebracht. 
Nach dem Admin. Report 1895 96 S. 3 ff. wurde die neue Niederlassung von ZnbärS als 
eine Bedrohung der Ruhe von Bahren angesehen, und das englische Kriegsschiff »Sphjrnxc 
nahm eine Anzahl der dortigen Boote weg. Wie die Admin. Reports berichten, drohte 
darauf der türkische Mute§arrif von IJasä mit einem Angriff auf Ba^n, woraufhin dann 
zwei englische Kriegsschiffe sich nach Zubärä begaben und die dort versammelten arabischen 
Schiffe beschossen. 40 wurden in den Grund gebohrt und 120 weggeführt. Bei dieser 
Gelegenheit soll das Fort von Zubärä durch englische Geschosse zerstört worden sein. Von 
Käsem selbst wurde sodann vom britischen Residenten in Buschir die Zahlnng von 30000 
Rupien verlangt, widrigenfalls die genommenen Boote verbrannt werden würden. Ein Teil 
dieser Schiffe wurde von ihren Eigentümern ausgelöst, der andere zerstört (VcrgL Admin. 
Report 1895/96 S. 4). 

») Vergl. Admin. Reports 1888/89 S. 11. 

>) VergL Admin. Reports 1883/84 S. 17. 



Kap. XVm. Die Rejrierunfi: Fefals. 367 

jährliche Subsidie zahlen volle unter der Bedingung, dass er dauernd 
^seinen Aufenthalt in Indien nehmen würde ^). Im Jahre 1889 unternahm 
*Abd el *Azrz einen Angriff auf Maskat, wurde jedoch von den Garnisonen 
der Kästelle, welche die die Stadt umgebenden Gebirgspässe zu ver- 
teidigen hatten, mit leichter Mühe zurückgeworfen. Vergeblich versuchte 
er darauf, sich weitere Bundesgenossen im Lande und bei den Schechs 
<ler sogenannten Piratenküste zu verschaffen, und als er die Nutzlosigkeit 
seiner Schritte einsah, verhess er im April 1890 definitiv 'Oman, wo er 
seit 15 Jahren der hauptsächlichste Anstifter der gegen die Regierung 
gerichteten Anschläge gewesen war. Er begab sich nach Abu Dabi zu 
seinem Freunde, dem Schech Sa*id bin Chalife, und sodann über Buschir, 
wo er mit dem englischen Residenten konferierte, nach Bombay. Am 
19. März 1891 wurde ein neuer Handelsvertrag zwischen England und 
Maskat geschlossen*). 

Die folgenden Jahre verliefen ohne besondere Ereignisse für *Omän. 
Wohl fanden nach wie vor die kleinen Fehden zwischen den einzelnen 
Stämmen statt, die ähnlich den Razu der nordarabischen Beduinen 
zu verlaufen pflegten. Sejid Fe§al begnügte sich damit, seine 
Autorität in Maskat selbst und einzelnen Küstenstädten durch eigene 
•Garnisonen aufrecht zu erhalten. In die Streitigkeiten der Stämme mischte 
er sich möglichst wenig. Mit Ibrahim hatte er, wie bereits erwähnt, 
Frieden geschlossen, den dieser auch hielt. Auch Säleh, der alte Wider- 
sacher seines Vaters, der übrigens während der letzten Regierungsjahre 
Türkis mit diesem sich ausgesöhnt hatte, hielt Fe§al lange Zeit die Treue. 
^Abd el *Aziz, der das unruhigste und am meisten aufwiegelnde Element 
'Omans verkörperte, blieb nach wie vor in Indien. Die Folge der Un- 
thätigkeit Fe§als war, dass er in seiner Ruhe nur wenig gestört wurde. 
5cine Einkünfte genügten ihm zu seiner wenig verschwenderischen Hof- 
haltung. Allerdings galt sein Einfluss, wie gesagt, im Innern des Landes 
fast garnicht. Hin und wieder statteten ihm die Schechs aus dem Innern 
und von der Piratenküste Besuche ab, um sich beschenken zu lassen. 



Solcher Art fand ich die Verhältnisse im Jahre 1893. Die britische 
Regierung unterhielt äusserlich wohl gute Beziehungen mit Fe§al. In den 
englischen Berichten des politischen Agenten von Maskat wurde jedoch 
der Unzufriedenheit über seine Unthätigkeit Ausdruck gegeben. Ende 



') Vcrgl. Admin. Reports 1888/89 S. 25/26. 

') Der Austausch der Urkunden erfolgte in Mas^ am ao. Febmar 1892. 




j68 I^^P- XVm. Muskat seit 1893. - Aufstand des Schech Sileb bin 'Ali. 

1893 wurde ihm mitgeteilt, dass 'Abd el 'Aziz die Annahme einer Pension 
gegen das Versprechen, dauernd in Indien zu bleiben, abgelehnt habeM, 
ohne dass dieser jedoch nach Masljiat zurückkehrte. Sobald irgend welche 
Ausschreitungen gegen die unter englischem Schutze stehenden indischen 
Kaufleute vorkamen, wurden diese von der englischen Regierung auf 
das Strengste verfolgt, und Fe§al hatte fiir die Erstattung aller von den 
Indiern erhobenen Ersatzanforderungen zu sorgen. 

Fremden Europäern, welche Maslj:at besuchten, zeigte Fe§al grosses 
Entgegenkommen, und Ende 1894 wurde auch sein längst gehegter und 
vielfach von ihm geäusserter Wunsch erfüllt, eine andere Macht als nur 
die englische durch ein Konsulat in Maslj:at vertreten zu sehen. Im 
November 1894 nahm ein französischer Berufskonsul hier seine Residenz'). ^ - 

Kurz darauf soUte die bisherige Ruhe in Maslpit gestört werden, .^ ^ 
und zwar in einer Weise, die ohne die zufallige Anwesenheit einesÄrr^= 
französischen Kriegsschiffs im Hafen für Fc§al und seine Regfierung wohL 
verhängnisvoll geworden wäre. Anfang 1895 wurden in Masfpat Gerüchte 
laut, nach welchen Schech Säleb bin *Ali die Absicht hege, sich MastpUs^ 
zu bemächtigen und den Sultan zu stürzen. Kurz vorher war Schech Säleb s^5=^ ^^ 
Sohn 'Abdallah mit einigen anderen vornehmen *Omän-Arabem in der-:^ ^^ 
>Avoka«, dem Schiffe des Sultans von Zanzibar, von dort aus nach^r""*"^ 
Maskat gekommen und hatte zahlreiche Waffen, unter anderen drei Feld — -*- ^ 
geschütze, von Zanzibar mitgebracht. Fe?al wollte an die Untreue Sälebs 
nicht glauben und empfing auf ihr Ansuchen Schech 'Abdallah mit 
mehreren anderen Gefolgsleuten am 11. Februar 1895 in Masl^at, wo er 
sie bewirtete und mit Geschenken bedachte. In der Nacht vom 12. aul 
den 13. drangen weitere Leute des Schechs in die Stadt ein, und am 13- 
in der Frühe wurde der Sultanspalast plötzlich angegriffen und der 
Sultan nach kurzem Kampfe gezwungen, den Palast zu verlassen. Er 
selbst setzte sich im Fort Geläli und sein Bruder Mubammed im Fort^ 
Meräni fest. Mehrere Wochen dauerte nun der Kampf zwischen den- 
Garnisonen der Forts sowie den dem Sultan in der Stadt treu Gebliebenen. 
und den gut bewaffneten Rebellen, welchen von ausserhalb der Stadt: 
immer weitere Streitkräfte zuströmten. Der englische politische Agent 
begnügte sich damit, die Interessen der unter britischem Schutz Stehenden 
zu wahren. Diese waren von Anfang an unbehelligt geblieben, und 
der von dem Agenten verlangte Waffenstillstand, um sie sowie dem- 
nächst auch ihr Eigentum aus der Stadt zu entferneUi wurde anstandslos 
gewährt. Am 9. März wurde endlich der Frieden wieder hei^estellt. 




*) Vcrjjl. Admin. ReporU 1893/94 S. 21. 

') Nachdem Mr. Mapruire, der wie ^esa^t amerikanischer Wahlkontiü ond g^ieichzeitifr 
französischer Konsulara^rent war, im Jahre 1886 MasV&t verlassen hatte, war der Kanfinann 
Mr. Mackirdy sein Nachfolger als amerikanischer Wahlkonsnl geworden. 






Kap. XMJl. Fe^al perät in Abhäiifjig-kcit von den ICn^ländern. ^ßg 

^^-crlidem der Sultan eine grössere Geldsumme gezahlt, verliess Schech 
^^l^b mit den übrigen Rebellen die Stadt, und damit hatte der Aufstand 
^^iri Ende erreicht. Der Verlust der britischen Unterthanen wurde auf 
7 7 OX) Dollars festgesetzt, deren Ersatz dem Sultan auferlegt wurde. Es 
'^^''vn-<le ihm englischerseits gestattet^), dieserhalb eine Produktensteuer 
^^njenigen Stämmen aufzuerlegen, welche an dem Aufstande besonders 
■^^teiligt waren; doch ging der Ertrag nur langsam und in geringem Um- 
'^rige ein, so dass sich der Sultan 1896 veranlasst sah, die Steuer nicht nur 
^^f die ehemals rebellischen Hinaji, sondern auch auf die Räfiri auszu- 
dehnen. Dies benutzte Schech Säleb, um eine neue Koalition gegen 
"^^jid Fe§al zusammenzubringen. Der streitbare 75jährige Schech zog 
Selbst wieder einmal zu Felde, wurde aber bei Seja beim ersten Zusammen- 
'^^c>ss durch eine Kugel getötet. Hierdurch wurde Fe§al von seinem 
^mittlersten Feinde befreit, und seitdem herrscht, abgesehen von den nicht 
'^ zielenden kleinen inneren Fehden, Ruhe im Lande. 

Inzwischen war im Jahre 1895 wieder einmal ein Aufstand in Zofär 

^"M^gebrochen, welcher diesmal grössere Dimensionen annahm und den 

J^^^chcnschaftcn des Sejid Facjl el Moblä zugeschrieben wurde. Ein 

^^^rsuch Fe^als, die Ruhe wieder herstellen zu lassen, war erfolglos, 

^^^nso wie derjenige des englischen politischen Agenten, der die türkische 

"^2 ^^6ß^ *" Zofar gehisst fand*). England erklärte sich darauf bereit, 

^^^n Sultan bei einer Expedition durch das Feuer eines Kriegsschiffes zu 

^^ ^terstützcn, unter der Bedingung, dass er in Zukunft in allen An- 

^^^legenheiten Zofärs englischen Ratschlägen folgen würde. Zunächst 

. ^"^oUte Sejid Fe^al auf diese Bedingung nicht eingehen, Anfang 1897 

"^gte er sich aber. Zwei englische Kriegsschiffe, von denen das eine 

^^'^tien neuen 'omanischen Gouverneur sowie Maskat-Truppen trug, segelten 

^^ch Mirbät an der Zofär-Küste, in dessen Citadelle sich von früher her 

^ine kleine 'omanische Garnison noch gehalten hatte, und die Ruhe 

^^tirdc in Zofar ohne Schwertstreich wieder hergestellt. 

Nur mehr dem Namen nach regiert der Sultan von Maskat gegenwärtig 

'*^och über 'Oman, und wie die Geschichte der letzten Jahre gezeigt hat, ist 

^r auch in Maslj:at selbst nicht immer vor den Angriffen der Stämme des 

Minterlandes sicher. Die von europäischen und zum weitaus grössten 

^Teile von englischen Händlern nach 'Oman und der Piratenküste ein- 

i geführten Waffen haben diese längst in den Stand gesetzt, der schwachen 

I Kräfte Sejid Fe§als spotten zu können. So ist der Herrscher von Maskat, 

1 der in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts der mächtigste Fürst im 

1 Persischen Golf und weit über dessen Grenzen hinaus gewesen ist, zu 

\ einem Schattenfursten herabgesunken, dessen Macht und Handel seit dem 

**■ *) VcrgL Admin. Reports 1895/96 S. i. 

I ") Veri^. AdmiD. Reports 1895/96 S. 2. 

FAT- ▼. Oppeabcim. Vom Mittelmeer /um Persischen Golf. II. 



370 



Kap. XVIII. Von Mas^^t nach (Iwadar, Kurachee und Indien. 



Schiedssprüche von 1862, der Zanzibar vom Mutterlande abtrennte, nach j 
und nach von England und den indischen Kaufleuten aufgesogen m 
worden ist. 



Mein Aufenthalt in Maskat war nur kurz. Gegen Sonnenuntergang^^ 
lichtete die »Pemba« die Anker, um nach Gwadar an der Mekrän-Küste=^ 
in Süd-Belutschistan, der einzigen Besitzung, die *Omän noch gebliebener: 
ist, zu steuern. Gwadar ist ein elendes Fischerdorf ohne jede Bedeutung— " 
Wir hatten keine Zeit, an Land zu gehen, und weiter ging die Fahr^r^ 
ostwärts nach Kurachee, wo ich dem Schiffe, seinen liebenswürdigei^ii^ 
Offizieren, den zahllosen Pferdehändlern und den Kakerlaken Valet sag^e 




Zanzibar 1893. 



um indischen Boden zu betreten. Unser Konsul, Herr Toele, sowie ein 
deutscher Landsmann, Herr Possmann, der die hohe Stellung des Direktors 
des Persischen Golf-Telej^jraphen und gleichzeitig des politischen Agenten 
von Süd-Belutschistan einnahm, Hessen mir in freundlichster Weise in 
Kurachee Gastfreundschaft angedcihen. Meine Reise vom Mittelmeer 
zum Persischen Golf hatte ihr Knde erreicht. 

Ich durchzog darauf die muhammedanischen Teile des nördlichen 
Indiens. In Delhi konnte ich mich mit einem indischen Lehrer der dortigen 
Moschee, der niemals sein Heimatland verlassen hatte, auf arabisch über 
seine Schule und allerlei andere Angelegenheiten unterhalten. Ueberhaupt 
fand ich in Indien mehrfach Gelegenheit, das Arabische als Mittelsprache 
zu benutzen. Nur auf Arabisch, in der Sprache des Koran, rufen die 
Muhammedaner aller Weltteile ihren Gott an, und überall, wo immer der 
Islam verbreitet ist, dürften sich unter den wirklich Gebildeten des Landes 
Leute finden, die durch Pilgerfahrten nach Mekka oder durch das' 
Studium des Koran in den Stand gesetzt sind, sich des Arabischen als 



Kap. XMIL In Zanzibar und Deutsch-Ostafrika. ^ji 

erständigungsmittel zu bedienen, ähnlich etwa wie Diplomaten ver- 
hiedener Länder das Französische oder katholische Geisüiche das 
iteinische anwenden*). 

Von Bombay schiffte ich mich über 'Aden nach Zanzibar ein, 
^selbst ich dem regierenden Sejid schriftliche Grüsse seines Vetters 
s Masljiat überreichte. Von Zanzibar begab ich mich auf deutschen 
)den nach unserer schönen ostafrikanischen Kolonie. In liebens- 
irdigster Weise erleichterte mir der damalige Gouverneur Freiherr von 
:heele einen Ausflug in das Innere. Ich konnte konstatieren, dass 
e herrlichen Urwälder von Usambara alles das, was ich bisher gesehen, 
i Schönheit weit überragten, und dass die Fruchtbarkeit des dortigen 
Ddens und die Ueppigkeit der Vegetation den Wettstreit mit Indien 
id Mesopotamien wohl aufnehmen kann. Anfang 1894 war ich wieder 

Deutschland. Hier hatte ich die Freude, einige Freunde und Bekannte 

einem Unternehmen zu vereinigen, welches unter dem Namen 

Rheinische Handei-Plantagen-Gesellschaftc ins Leben getreten ist und 

dem waldreichen Hochlande von Handei in Usambara bereits mehrere 
mderttausend arabische Kaffeebäumchen angepflanzt hat 

*) Verfjl. Bd. I dieses Werkes S. 14 Anm. i. 



?cr 



24* 



Aus der Sommerflora Syriens und 
Mesopotamiens. 

rzeichnis der auf meiner Reise im Sommer 1893 gesammelten Pflanzen 
nebst Angabe der an Ort und Stelle aufgezeichneten 

arabischen Namen und Nutzanwendunsren, 

bestimmt von Prof. Dr. P. Ascherson. 



Papaveraceae. 

Papaver rhoeas L. Boissier Fl. Orient. I, 113. 

Arab. Name ^^^.ji-I» Schakek. Bei Suweda, im Haurän, Juli 3. Gc- 

ucht, um rot zu färben. 

Unsere Klatschrose, über Europa und das Mittelmeergebiet weit 
breitet. Der arabische Name bezeichnet sonst die Anemone (A. coro- 
ia L.), weiche, wie auch der häufig hochrot blühende Ranunculus 
aticus L., von den gleichfarbigen Mohnarten nicht immer unterschieden 
d. A. 

Cruciferae. 

Lepidium draba L. Boissier VI. Or. I, 356. 

Arab. Name öjy3 Koncbra. Bei S*lli im Haurän, Juli 8. 

Ursprünglich wohl nur im Orient und östlichen Mittelmeergebiet 
misch; hat sich über einen grossen Teil Mitteleuropas verbreitet und 
noch im Fortschreiten begriffen. A. 

L. latifolium L. Boissier Fl. Or. 1, 359, nur Haurän. 
Arab. Name s^J^j>- Harafrai. 

Arab. Name ja-^ Kist. Bei Bojjrä (Eski Schäm), Juli 5. Bei Sali, Juli 8. 



27 A. Anhang: Aus der Sommerfloru Syriens und Mesopotamiens. 

Ursprünglich im Mittelmeergebiet und Westasien (bis Tibet) heimisch; 
infolge früherer Kultur (»Pfefferkraut») hier und da in Mitteleuropa ein- 
gebürgert. A. 

Capparidaceae. 
Capparis spinosa L. var. canescens Coss. Boissier Fl. Or. I., 420. 

Arab. Name ju3 Kabbär. Bei Bo^rä (Eski Schäm), Juli 4. Es wächst 

auf Hügeln, Anhöhen, sowie am Fluss entlang. Wird weit üppiger in 
ganz Mesopotamien gefunden. 

Die Art ist im Mittelmeei^ebiet weit verbreitet; ihre Blütenknospei 
sind die bekannten Kapern. Die Varietät im östlichen Mittelmeergebiet= 
(von Griechenland an) bis Persien. A. 

Tamariscaceae. 
Tamarix Pallasii Desv. Boissier Fl. Or. I, 77^. 

Arab. Name »^ Tarfa, Bei Sau'ar, August 5. Am Wasser ira 

ganz Mesopotamien. 

Oestliches Mittelmeergebiet, Südrussland, West- und Nord-Asien. A - 

Hypericaceae. 

Hypericum crispum L. Boissier Fl. Or. I, 806. 

Arab. Name J^^ *Aran. Bei Teil HmÄde, August 7^ und auf 

allen Ebenen von Mesopotamien. Die Wurzel wird gekocht und zum 
Rotfärben verwendet. 

Oestliches Mittelmeergebiet, von Sicilien und Tunis an; hie und 
da im westlichen Südeuropa eingeschleppt. Wird in Tunesien und in der 
Troas für nachteilig für das weidende Vieh gehalten. A. 

Malvaceae. 

Alcea rufescens Boiss. Boissier Fl. Or. I, 828. } 

Arab. Name <uj2^ Hotmije. In der Safa, Juli 14. Auch in den 

Ebenen von Haurän sowie Mesopotamien gefunden. Eine Abkochung 
davon wird gegen Hals und Augenkrankheiten verwendet 

War bisher nur aus Syrien bezw. der Syrischen Wüste bekannt. A. 

Hibiscus trionum L. Boissier Fl. Or. I, 840. 
Arab. Name SjjP *Ibre. Bei Sau'ar, August 5. Am Fluss entlang 
in ganz Mesopotamien. Ne$ibin, Aug^ust 11. 



Anhang: Ans der Somnierflon Syriens tmd Mesopotuniens. 37 S 

Orient, südöstliches Europa (bis Nieder -Oesterreich und Mähren); 
hie und da in Mitteleuropa eingeschleppt. A. 

Zygophyllaceae. 

Tribulus terrester L. Boissier Fl. Or. I, 902. 

Arab. Name Jist Butm und ia/»j^ *Urniut. Bei Ne§ibin, August IG., 

sowie in allen Ebenen mit und ohne Wasser. 

Mittelmeergebiet, Südost-Europa (bis Ungarn), Orient, Süd-Afrika; 
auch Amerika eingeschleppt. Eine besonders für die barfüssigen Eün- 
geborenen sehr unangenehme Stachelfrucht Charakteristisch für die 
leichte Verschleppbarkeit ist ein schon vor Jahrzehnten in meiner Familie 
vorgekommener Fall; ein Fruchtteil wurde in einem Stück Kuchen ge- 
funden, ohne Zweifel war derselbe, den Rosinen anhängend, nicht bemerkt 
worden.- (Verh. Bot. Ver. Brandenb. 1877, S. 152.) 

Der Name Butm bezeichnet sonst die Terebinthen (Pistacia palaestina 
Boiss. und P. atlantica Desf.) A. 

Peganum harmala L. Boissier Fl. Or. 1, 917. 

Arab. Name A^^ Harmal. Bei Bo$rä (Eski Schäm), Juli 5. Bei 

Ruinen über den ganzen Ijaurän und Mesopotamien verbreitet. Ne^ibin 
zwischen Ruinen, auf Kirchhöfen, Steinhaufen, August 10. 

Mittel meergebiet, West -Asien. 

Ein schon in den Zeiten des Propheten Muhammed hochgeschätztes 
Arzneimittel. Als solches zur Zeit der Türkenherrschaft nach Ungarn 
eingeschleppt, wo es noch heut auf dem Blocksberg in Budapest zu finden 
ist A. 

Terebinthaceae. 
Pistacia mutica Fisch, et Mey. Boissier Fl. Or. II, 7. ? 

Arab. Name ^y» Ballüt In der Safa, Juli. 14. Niederes, kaum 

halbmeterhohes Gestrüpp. 

Von Thracien bis Afghanistan, südlich bis Syrien. 

Trotz der Unvollkommenheit der Exemplare ist die Bestimmung der 
Gattung wegen der von meinem Assistenten, Herrn Dr. P. Graebner, nach- 
gewiesenen Sekretbehälter zweifellos; wahrscheinlich gehört dasselbe zu 
obiger von Post in der Syrischen Wüste aufgefundenen Art Der 
obige arabische Name bezeichnet sonst die Eichel. Die wilden Pistacia- 
Arten heissen Butm. A. 



7jC Anhang: Ans der Sommerfloni Syriens und Mesopotamiens. 

Leguminosae - Papilionaceae. 
Glycyrrhiza glabra L. Boissier Fl. Or. II, 202. 

Arab. Name ^j^j^ Süs. Sau*ar, August 5., und alle Ebenen Meso- 
potamiens am Flusse und davon entfernt. Die Wurzel wird als Zucker 
verwendet Der ausgepresste Saft giebt mit Wasser verdünnt einen 
ausgezeichneten Scherbet. 

Unser Süssholz. Im östlichen Europa und West-Asien, wohl auch 
in Nord- Afrika einheimisch; in Mitteleuropa hie und da angebaut. A. 

Alhagi manniferum Desv. (= A. Maurorum DC. Boissier Fl. Or. II, 558. 

Arab. Name \jrl iJ^ Schök el g^amal (»Kameldom«) oder 
uy^ 'Afeül. Bei Sau'ar am Chabür (Mesopotamien). Pmdet sich über- 
all den Fluss entlang in Mesopotamien, Südwest-Asien und Nordost- 
Afrika. 

Auch in Egypten als *alj:ül wohlbekannt und als Kamelfutter ge- 
schätzt. Die zuckerhaltige Ausscheidung (sog. Manna) habe ich dort 
nie beobachtet. A. 

Leguminosae - Mimosaceae. 

Prosopis Stephan iana (Willd.) Spr. Boissier Fl. Or. II, 633 

Arab. Name 77^ *Irg. Bei Umm Rahil, einem Bir 2 Stunden 

südlich vom (iebel Ses, Juli 15. 

Arab. Name ^ y^ Süs. Bei Sau'ar, am Chabür (Mesopotamiens 

August 5. Man findet es dort überall auf den Ebenen und an den 
Flussufern. 

Südwest- Asien, Egypten. Die Fruchtpulpa wie beim Johannisbrot 
cssbar, obwohl weniger schmackhaft. Mit dem Süssholz (süs) hat die 
Pflanze nichts gemein. Wetzstein hat für dieselbe zwei andere arabische 
Namen, Penbut und Charenba, aufgezeichnet. A. 

Lythraceae. 
Lythrum salicaria L. Boissier P'I. Or. II, 738. 

Arab. Name JjJ^ P\irandal. Bei Teil Hm^de, 5 Stunden südlich 

von Nesibin, den P1uss entlang, August 8. Wird gegen Leibweh und 
Magenbeschwerden angewendet (in Mesopotamien). 



Anhing : Au der Sommerflora Sjrieos and Mesopotamien«. 377 

Arab. Name O^^y^- Gaufarän. Bei Eski Mö$ul am Flussufer, 
August i8. 

Unser Weiderich. Europa, Sibirien, Mitte) meer- und Steppengebiet; 
südöstliches Xeu-Holland;Xord-Amerika wohl nur eingeschleppt (Koehne). A. 

Onagraceae. 

Epilobium hirsutum L. Boissier Fl. Or. II, 746. 

Arab. Name ^ ^^ Farfür. Bei Ras es Suwedije (zwischen Ne^ibin 

und Eski Mö^ul, August 17. Am Flussufer wachsend, über ganz Meso- 
potamien verbreitet. 

Fast ganz Europa, Asien und Afrika ausserhalb der Tropen, Abys- 
sinien; in Amerika nur eingeschleppt. A. 

Epilobium Tournefortii Michalet Boissier Fl. Or. II, 748. 

Arab. Name ^j^ Humaira (»die kleine Rote«). Bei Sali im Haurän. 

Mittelmeergebiet. A. 

Cucurbitaceae. 
Cucumis melo L. Boissier FL Or. II, 759. 

Arab. Name jL^ Chijär (»Gurke«). Bei Ne§ibin, August 11., auch 

über ganz Mesopotamien verbreitet. Wird roh und als Salat gegessen. 
Die vorliegende Pflanze dürfte zu der Unteiart C. chate L. gehören, 
deren gurkenähnliche Früchte im Orient häufiger als die der in Europa 
gebrauchten Gurke (C. sativus L.) zur Verwendung kommen; möglicher- 
weise sind die ersteren mit den Kischüim der Bibel (4. Mos. 5, 11.) gemeint, 
welches Wort Luther jedenfalls unrichtig mit Kürbis übersetzt. Vgl. 
Ascherson und Magnus, Zeitschrift für Ethnologie Bd. IX, i«S77, S. 303. A. 

Ecbalium claterium (L.) Koch Boissier Fl. Or. II, 760. 

Arab. Name jtr*' J**>- Chijär il Himär (»Eselsgurke«). Bei Nesibin, 

August 10., wuchert auf Erdhaufen und Ruinen. Die durch ihre 
Schleuderfrucht bekannte »Spritzgurke*:. Mittel meergebiet. Von Boissier 
aus Mesopotamien nicht erwähnt. A. 

Umbelliferae. 

Ammi visnaga iL.) Lam. Boissier Fl. Or. II, S92. 

Arab. Name ^j^ Dairam. Bei Teil HmWe, August 9. Am Ufer 
des (larg^ar. Zum Rotfärben benutzt. 



g Anhang: Ans der Sommerflora Synen» ^^ 

Mittelmecrgebiet, östlich bisPersicn; eingewandert in Süd- Amerika 
nd von da aus neuerdings nach Deutschland verschleppt. Die- Anwendung 
um Färben bisher nicht bekannt; dagegen schon seit Jahrhunderten die 
Benutzung der fruchttragenden Doldenstrahlen als Zahnstocher; neuer- 
dings auch der medizinische Gebrauch der Pflanze in Unter^^'pten, 
wo sie Chelle heisst. Der egyptische Pharmakologe Ibrahim Bey 
Mustafa hat ein Glycosid Kelline daraus dargestellt. Vcrgl. über die 
Pflanze, ihre Benennungen und Anwendungen Ascherson Ber. d. Bot« 
Ges. Bd. X, 1892, S. 104 ff". A. 

Rubiaceae. 
Galium verum L. Boissier Fl. Or. III, 62. 

Arab. Name ^jo^ Kaitüm. Bei Sali im Haurän, Juli 9. 

Unser »gelbes Labkraut«. Europa, Nord- und West- Asien, Nord- 
Afrika. Der arabische Name wird in Egypten für Achillea- Arten, z. B- 
die weiterhin genannte A. fragrantissima angewendet A. 

Compositae. 

Eupatorium cannabinum L. var. indivisum Boiss. 

Boissier Fl. Or. III, 155. 



Arab. Name Jl^\ JS- Chadd ii bint (» Mädchen wangec). Bei Ras 

is Suwedije, zwischen Ne§ibin und Mö.'jul, Augrust 17. Der Samen wird 
gemahlen und aus dem Pulver eine Masse bereitet, mit welcher die 
Mädchen während des Sommers ihr Gesicht einreiben, um nicht von der 
Sonne verbrannt zu werden. 

Unser »Wasserdost«. Die Art in Europa, West- Asien, Nord-Afrika. 
Die Varietät besonders im Mittelmeergebiet. A. 

Pulicaria dysenterica L. Gaertn. var. microcephala Boiss. 
Boissier Fl. Or. III, 202. 

Arab. Name <5 jL» Mubärake (»gesegnete). Bei Ne^ibin, August l' 

Gutes Futter für Vieh. Wächst am Flussufer in Mesopotamien. 

Die Art in Süd- und Mittel- Europa, West- Asien und Nord-Afril 
Die Varietät im östlichen Mittel meergebiet. A. 

Achillea fragrantissima (Forsk.) Sz. Bip. Boissier Fl. Or. III, 3. 
Arab. Name Jl^i)! dii^ *Ilk il razal. In derSafä, Juli 14. 



Anhang: Aas der Sommerflora Sjrriens und Mesopotamiens. 9 7q 

Egypten, Nordwest- Arabien, Syrien, Mesopotamien; wegen ihres 
Wohlgeruches berühmte Wüstenpflanze. A. 

Pyrethrum balsamita (L.) Wiild. Boissier Fl. Or. III, 345. 

Arab. Name ^-^^^ Rirdib. Bei Sali im Haurän, Juli 9. 

Gebirge Vorder-Asiens vom Schwarzen Meer bis Süd-Persien. 

Die var. tanacetoides Boiss. a. a. O. 346. (Tanacetum Balsamita L.) 
ist das in unseren Dorfgärten seit der Zeit Karls des Grossen kultivierte 
»Morgenblatt« oder »grosser Salbei«. A. 

Cichorium divaricatum Schousb. Boissier Fl. Or. III, 716. 
Arab. Name vjjip *Ilt. Bei Bu§r il Hariri im Haurän, Juni 30. 

Arab. Name jLlxi- Chinschär. Bei Sau'ar, August 5. Als Kamel- 
futter verwendet in Mesopotamien und dem Haurän. 

Arab. Name J^^ ööfel. Bei Teil Hesfike. Längs der Flüsse, 

an und in Gärten, August 8. 

Mittelmeergebiet. Wahrscheinlich die Stammpflanze der kultivierten 
Endivie (C. endivia L.). A. 

Lactuca saligna L. Boissier Fl. Or. III, 810. 

Arab. Name j ^ Mirraijir, (* Bitterkraut«). Bei Sali im Haurän, 
Juli 8. 

Arab. Name S^J Zifre. In der Safä, Juli 14. 

West-Asien, Mittelmeergebiet, nördlich bis England, Mittel-Deutsch- 
land und Mittel-Russland. A. 

Asclepiadaceae. 

Vincetoxicum canescens (Willd.) Decaisne Boissier Fl. Or. IV, 52. 

(Bestimmt von Prof. K. Schumann.) 

Arab. Name Ajl^ Kißaife. Bei Kanawät im Haurän; zwischen 

Felsen. 

Kreta, Klein- Asien, Syrien bis Afghanistan. Das vorliegende Exemplar 
ist sehr wenig bekleidet, ähnlich wie die von Boissier als V. anatolicum 
verteilten Exemplare aus Karien. A. 



^3o Anhang: Aus der Sommerflora Syriens nnd Metopotamiens. 

Gomphocarpus fruticosus (L.) R. Br. Boissier Fl. Or. IV, 6i. 
Arab. Name /^lai Kutn (»BaumwoUec). Bei Bo$rä (Elski Schäm) 

im Haurän, Juli 5., als Zierpflanze in Töpfen gezogen. 

Canarische Inseln, Mittelmeergebiet; öfter angepflanzt und verwildert. 
Der arabische Name bezieht sich nicht nur auf die mit Haarschopf ver- 
sehenen Samen. A. 

Convolvulaceae. 
Convolvulus pijosellifolius Desv. Boissier Fl. Or. IV, 103. 

Arab. Name Ü^^i) Lofläfe. Bei Teil Hmfede, zwischen Der und 

Ne§ibin, August 8. 

Westasien, Grosse Oase der Libyschen Wüste. A. 

Convolvulus arvensis L. Boissier Fl. Or. IV, 108. 

Arab. Name oJOJU» Middaide. Bei Suweda im Haurän, Juli 3- 
Unsere Ackerwinde. Ueber einen grossen Teil der Erde verbreitet A. 

Borraginaceae. 
Heliotropium supinum L. Boissier Fl. Or. IV, 127. 

Arab. Name j<^ j Barbir. Am (lebel Scs. 

Arab. Name \tb^j Zureka (»die kleine Blauet). Bei Umm RabiK 

einem Bir 2 Stunden südlich vom (iebel Ses, Juli 15. 

Mittelmeergebiet, Ungarn, Vorderasien, Nil und Senegalgebiet. A. 

Heliotropium europaeum L. Boissier Fl. Or. IV, 130. 
Arab. Name Af^ yo Na**ume (»sanfte). Bei Neßibin, Augrust 11. 

Mittelmeergebiet (nördlich bis Rheinprovinz und Südrussland). 
Vorderasien. A. 

I^eliotropium suaveolens M. B. Boissier Fl. Or. IV, 133. 
Arab. Name JjLli P^ndal. Bei Teil Rumclän, zwischen Ne^ibin 

und Eski Mösul, August 16. In den I^benen zwischen Dornen wuchernd. 
Von Macedonien bis Nordpersien verbreitet. A. 



Anhang: Aus der Sommerflora Syriens und Mesopotamiens. ^8l 

Anchusa strigosa Labill. Boissier Fl. Or. IV, 155. 
Arab. Name 4>)\ ^^ Farag^ Allah. Bei Teil Rumclän, zwischen 

Ne§ibin und Eski Mö§ul, August 16. Auf Hügeln zwischen Gras 
(Mesopotamien). 

Arab. Name j^^y^ Rarrir. Bei Ras is Suwedije (zwischen Ne§ibin 

und Mößui). 

Von Syrien bis Südpersien verbreitet. A. 

Echium Italicum L. Boissier Fl. Or. IV, 205. 
Arab. Name {^y^ (Sj^ Haua g;üwi (»Innere Luft«). Bei Bo§ra 

(Eski Schäm), Juli 4. Die Wurzel wird verwendet, um rot zu färben. 
Mittelmeergebiet (nördlich bis Frankreich, Ungarn, Mitlelrussland), 
Westasien. A. 

Solanaceae. 

Solanum tuberosum L. 

Arab. Name Jju ^ Rirbll. Bei Sali im Haurän , Juli 9. 

Dieser echt arabisch klingende Name für unsere Kartoffel ist sehr 
auffällig. A. 

Solanum villosum Lam. Boissier Fl. Or. IV, 285. 
Arab. Name ^.^jjl ,^^ *Inab id dib (»Wolfstraube«). Bei Ne§ibin 

und Der, August 11. Flussufer, sowie in bewässerten Gärten von Meso- 
potamien, namentlich zwischen den Bämie. Die Beeren dienen zur Nah- 
rung sowie um schwarz und rot zu färben. 

Arab. Name «^^Jü\ ^S' *Inab id dubb (»Bärentraube«), August 10. 

Mittel- und Südeuropa, Westasien, Nordafrika, A. 

Hyoscyamus aureus L. Boissier Fl. Or. IV, 296. 
Arab. Name ^ Bang. In der Safä, Juli 14. Findet sich an 

Mauern zwischen Steinen in Eski Schäm und Salchad, sowie bei Ruinen. 
Oestliches Mittelmeergebiet und Vorderasien. Von dem arabischen 
Namen des Bilsenkrautes, welcher den Europäern schon in den Kreuz- 
zügen bekannt wurde, soll der Name unseres Getränkes Punsch ab- 
stammen (Wetzstein). A. 



9 32 AnhAD^: Ans der Sommerflora Syriens und Mesopotamiens. 

Nicotiana Catissima Mill. 
Arab. Name /^ Tutun(>Cigarctten-Tabakc). Bei Ne§ibin, August ii., 
und bei allen Städten und Orten am Flussufer in Mesopotamien. 

S crophulariaceae. 
Verbascum Antari Post Plantae Postianae II, i6. ? 

Arab. Name ^-^il^ J[^i D^l id dib (»Wolfschwanzc). Bei Kanawät 

im Haurän, Juli 2. 

Syrische Wüste. A. 

Verbascum spec. 
Arab. Name rr' y^ *Arnin. Ras is Suwedije, August 17. Same 
gegen Kopf- und Hautkrankheiten. Auf Hügeln und Erhöhungen. 

Verbascum sinuatum L. Boissier Fl. Or. IV, 322. 

Arab. Name ,^1:^ *Annäf. Hügel von Eski Mö?ul, August 18., und 

alle Hügel von Mesopotamien. Eine Abkochung des Samens dient, um 
Rasereianfalle zu besänftigen. 

Arab. Name i3j^^^ Dä*uk. Bei Ras is Suwedije und Teil 
Rumelän, August 17. Same zur Verhütung des Erbrechens benutzt 

Canarische Inseln, Mittelmeergebiet, Vorderasien, Oasen der 
libyschen Wüste. A. 

Celsia sp. n. 

Arab. Name 4-wju Nu'aime (»die kleine Sanfte*). Bei Umm Räbil« 

einem Bir 2 Stunden südlich von öebel Ses, Juli 15. 

Mutmasslich eine neue Art; von C. heterophylla Desf. Boissier Fl. Or. 
IV, 359, durch die drüsig-zottigen, fast ungeteilten Grundblättcr, von 
C. glandulifera Post. PI. Post II, 29, durch den unverzweigten Stengel, 
der unterwärts nebst den Blättern nicht filzig, oberwärts nur spärlich mit 
fast sitzenden Drüsen besetzt ist, verschieden. Das einzig vorliegende 
Fruchtexemplar ist aber zu unvollständig, um eine genügende Beschreibung 
zu Uefern. A. 



Anhang: Aus der Sommerflora Syriens und Mesopotamiens. ^33 

Veronica Michauxii Lam. Boissier Fl. Or. IV, 439, 
var. ? Oppenheimii Aschers. 

Arab. Name c^l Jö> Zirbäb. Bei Häwi Zummär am Tigris zwischen 

Kara Tscholj: und öebel Butm, auf kleinen Inseln des Flusses wachsend, 
August 16. 

Die Art in Nordpersien und Afghanistan beobachtet. Die vor- 
liegende Pflanze unterscheidet sich von derselben durch robusteren Wuchs, 
straff aufrechten, dicken, über 3 dm hohen Stengel und vor allem durch 
völligen Mangel der für diese Art sonst so charakteristischen Behaarung. 
Da indes die Blüten- und Fruchtstände völlig mit denen der typischen 
Art übereinstimmen, scheint es im Hinblick auf die Veränderlichkeit der 
Bekleidung bei den verwandten Arten V. scutellata L., V. Anagallis L. 
und ihren Segregaten, mir vorläufig nicht gestattet, diese Form specifisch 
Von der jedenfalls nächstverwandten V. Michauxii zu trennen. A. 

Verbenaceae. 
Verbena officinalis L. Boissier Fl. Or. IV, 534. 

Arab. Name J^^ Ingil. Bei Ne§ibin am öargar in Mesopo- 
tamien, August IG. 

Unser »Eisenkraut« oder »Eisenhart«, Ueber einen grossen Teil 
^cr Erde verbreitet, obwohl vielfach nur eingeschleppt. Der arabische 
^ame bezeichnet sonst das", Hundsgras (Cynodon dactylon Rieh.). A. 

Verbena supina L. Boissier Fl. Or. IV, 534. 

Arab. Name ^Z^>• Hilt. Bei Ne§ibin in künstlich bewässerten 
Gärten und an Flussufern (Mesopotamien), August 30. 

Arab. Name A5^ Farka. Bei *Ain Zäle zwischen Eski Mö§ul und 
Mö^ul, August 18. Wird als Salat verwendet. 

Arab. Name Ajls>^ Hubaika. Bei Mö?ul, August 21., und alle 

Ebenen Mesopotamiens. Zum Gelbfärben benutzt. 

Canarische Inseln, Mittelmeer- (bis Ungarn) und Nil-Gebiet; Vorder- 
asien. A. 

Vitex agnus castus L. Boissier Fl. Or. IV, 535. 

Arab. Name jL.*jlw Sesabän. In der Safä, Juli 14., findet sich 

an Flussufern über den ganzen Haurän und Mesopotamien verbiß 



-}gj, Anhang: Au der Sommerflora Syriens und Mesopotamiens. 

Mittelmeergebiet, Vorderasien bis Persien. Ein im Altertum (unter 
dem Namen äyvog) der Juno heiliger Strauch; der Name »Agnus castus* 
und »Keuschlamm« sind durch Missverständnis dieses altgriechischen 
Namens entstanden, bezw. wurden der Pflanze entsprechende Eigen 
Schäften angedichtet. In Syrien wird sie meist arabisch Rar genannt 
(Wetzstein). Der Name Sesabän bezeichnet sonst andere Pflanzen, in 
Egypten z. B. Sesbania egyptiaca Pers. A. 

Labiatae. 

Mentha silvestris L. Boissier Fl. Or. IV, 543. 

Arab. Name Hl mltJ Na*na il mä (» Wasserminze«). Bei Ne§Ibin, 

August II., an Flussufern in Mesopotamien. Dient gegen Kopfweh. 

Arab. Name äLJ Na*na' (Minze). Ne^ibin, August 16. Blätter 

werden gegessen (gegen Leibweh.) 

Im grössten Teil Europas, sowie im ganzen Mittel meergebiet ver- 
breitet, Canarische Inseln, Cap, Abyssinien, Nordindien. Unsere Pfeffer- 
und Krause-Minze stehen dieser wilden Pflanze nahe. A. 

Moluccella laevis L. Bois.sier Fl. Or. IV, 768. 

Arab. Name Alu-i Dbebine. Bei Bu§r il Hariri, Juli i. In den 

Ebenen, abseits vom Wasser, im Haurän. 
Kleinasien, Syrien, Mesopotamien. A. 

Hai lote undulata (Eres.) Benth. Boissier Fl. Or. IV, 773. 
Arab. Name O^^^ Harafräf. In der Safä, Juli 14. 

Arab. Name J^^^ J^ J Rihän il razäl (» Gazellen -Basilikumc). In 
der Safä, Juli 14. 

Arab. Name ^ jj\ j\^ J Rihän il Arnab (> Hasen -Basilikumc), 

im Haurän, Juli 6. In den Ebenen abseits vom Wasser. 

Syrien und Sinai- Halbinsel. Der Name Ribän bedeutet sonst das 
Basilikum (Ocimum basilicum L.), in Nordafrika die Myrthe (daher im 
Spanischen arrayan.) A. 

Phlomis Nissolii L. Boissier F"l. Or. IV, 781. 

Arab. Name <- j^ Map-ibije. Bei Salchad im Haurän, Juli 6. In 

den Ebenen abseits vom Wasser. Die Pflanze findet sich auch in 
Mesopotamien unter gleichen Verhältnissen. 



2 86 Anhang: Ani der Sommerflora Syriens und Mesopotamiens. 

Haloxylon articulatum (Cav.) Bge. Boissier Fl. Or. IV, 949. 
Arab. Name cj^ü>- öalabläb, jUjj» Nuramän und jLJd Kalbän, 

sämtlich in der Safä, Juli 14. 

Spanien, Nordafrika, Syrien, Arabien. A. 

Salsola inermis Forsk. Boissier Fl. Or. IV, 955. 
Arab. Name ^Uia5 Fad&d. In der Safä, Juli 13. 
Unter-Egypten, Syrien. A. 

Anabasis articulata (Forsk.) Miq. Tand. Boissier Fl. Or. IV, 970. 
Arab. Name j\jm^ Schi*rän. In der Safa, Juli 13. 

Arab. Name j\l^\ Ischnän. Bei Abul Hajäja (zwischen Damaskus 

und Karjeten), Juli 22. Auf den ganzen Ebenen zwischen Damaskus 
und Tudmur. Die Pflanze enthält Pottasche und wird zur Fabrikation 
von Seife etc. gebraucht. 

Nordafrika, Arabien, Syrien. A. 

Polygonaceae. 
Polygonum lapathifolium L. Boissier Fl. Or. IV, 1030. 

Arab. Name j^JP Raddär. Bei Ne§ibin, August ii. An Fluss- 
ufern in ganz Mesopotamien. 

var. proStratum Wimm. (P. danubiale Kern.) 

Arab. Name J^-U>- (jindäl. Bei Ne.sibin, August ii. In künst- 

hch bewässerten Gärten und Sümpfen durch das ganze Mesopotamien. 
Die Art über die ganze östliche Hemisphäre verbreitet. Die Varietät 
bisher nur in Mitteleuropa beobachtet. A. 

Poligonum Bellardi All. Boissier Fl. Or. IV, 1034. 

Arab. Name ^^Jdf- Negem (»kleiner Stern«). Bei Sali im Haur3n. 

Mittelmeergebiet, Oasen der libyschen Wüste, Südosteuropa, Nord- 
und Westasien. A. 

P. equiseti forme Sibth. et Sm. Boissier Fl. Or. IV, 1036. 

Arab. Name \:>j^ 'Writ- In der Safä, JuU 14. 

Mittelmeergebiet, Westasien, Oasen der libyschen Wüste. A. 



Anhang: Aus der Sommerflora Syriens and Mesopotamiens. ^87 

Euphorbiaceae. 
Euphorbia lanata Sieb. Boissier Fl. Or. IV, 1092. 

Arab. Name ^^j^\ f'\ Umm il 'awäfi (»Mutter des Wohlbehagens c). 

Bei Sau'ar, August 5. In den Ebenen am Fluss entlang, wird als Abführ- 
mittel benutzt, Same, Blatt, überhaupt die ganze Pflanze (Mesopotamien). 
Syrien bis Persien. A. 

Euphorbia Gaillardotii Boiss. et Bl. Boissier Fl. Or. IV, 1097. 

Arab. Name \ji^ ^Ji Bokle Safrä (»gelbe B.c). Bei Ne§ibin. 

August 9., und auf allen Ebenen zwischen Ne§ibin und Mö§ul. Der Saft 
wird als Gift benutzt. 

Syrien, Mesopotamien. Die in dem arabischen Namen angedeutete 
gelbe Färbung, welche den Stengeln bei der Fruchtreife anwohnt, ist 
in der That sehr charakteristisch. A. 

Euphorbia Aleppica L. Boissier Fl. Or. IV, 1109. 

Arab. Name l^^iii- A^i Bokle chadrä (»grüne B.c). Bei Charaibe, 

3 Stunden südöstlich von Ne§ibln, August 12. Der Saft ist giftig. 

Mittelmeergebiet, von Italien an ostwärts, Westasien bis Persien. A. 

Euphorbia granulata Forsk. Boissier FI. Or. IV, 1087. 
Arab. Name i}\ji\ JÜip 'lisch il Razä. In der Safö, Juli 14. 

Saharagebiet, Capvcrden, Wüsten Westasiens bis Indien. War aus 
Syrien bisher nicht bekannt. A. 

Crozophora verbascifolia (Willd.) A. Juss. 
Boissier Fl. Or. IV, 1141. 

Arab. Name ^^\ ^ j^ Sirkär A?far (»gelber S.c) Bei Ne^ibin, 

August II. Auf Hügeln von Ruinen in Eski Mö§ul und durch ganz 
Mesopotamien. 

Arab. Name jw^ Sirkär. Bei Sau'ar, August 5. 

Spanien, Nordafrika, . östliches Mittelmeergebiet, Westasien bis 
Afghanistan. A. 

26* 



^38 Anhanf^: Am der Sommerflora Sjrrieni and Mesopotamiens. 

Cyperaceae. 

Cyperus longus L. Boissier Fl. Or. V, 375. 

Arab. Name JU^ Si*d. Bei Sali im Haurän, Juli 9. Am Wasser 

im Haurän und Mesopotamien. 

Mittelmeergebiet, nördlich bis England, Süddeutschland und Süd- 
russland, östlich bis Afghanistan. A. 

Gramineae. 

Panicum crus galli L. Boissier Fl. Or. V, 435. 

Arab. Name ±Um>' Haschisch. Bei Ne§ibin, August 11. Ueberall 

am Wasser durch ganz Mesopotamien zu finden. Futter fiir Pferde und 
andere Haustiere. 

Ueber den grössten Teil der Erde verbreitet. Der arabische Name 
bedeutet im allgemeinen Kraut, besonders Gras. Bekanntlich dient der- 
selbe auch zur Bezeichnung des aus Hanf bereiteten Narkotikums. A. 

Agrostis verticillata Vill. Boissier Fl. Or. V, 513. 
Arab. Name JJlw Sunbul. Bei Sali im Haurän, Juli 8. An Flüssen 

oder sonstigem Wasser, durch den ganzen Haurän und Mesopotamien. 
Futter für Pferde und andere Haustiere. 

Mittelmeergebiet, Westasien, bis Belutschistan, nordatlantische Inseln» 
Nordamerika. Der arabische Name bedeutet sonst andere, namentlich 
wohlriechende Pflanzen. A. 



# 



Zu den Karten. 



Die dem ersten Bande beigegebene Uebersichtskarte ist dem Kiepert- 
schen Handatlas (Blatt 32 der Ausgabe von 1895) entnommen; auf der- 
selben musste die vorhandene Transskription der vorkommenden Namen 
beibehalten werden, wiewohl sie von der meinigen abweicht. Die Karte 
des autonomen Libanonbezirkes zu S. 32 des ersten Bandes ist von 
Herrn Dr. Richard Kiepert unter Zugrundelegung einer noch unver- 
öffentlichten Originalkarte Abdallah Tohmehs entworfen worden. Die 
beiden grossen Karten (Syrien und Mesopotamien, Westliches und 
Oestliches Blatt), sowie die übrigen Kärtchen sind gleichfalls von Herrn 
Dr. Richard Kiepert redigiert. Die Einzeichnung meiner Route ist auf 
Grund einer unter meiner Leitung von Herrn Moisel angefertigten 
Kartenskizze erfolgt, welche bereits der Hassenstein'schen Karte meines 
Reiseweges in Petermanns Mitteilungen 1896, Heft 3, zur Grundlage ge- 
dient hat. 

Ich hatte es stets als eine Lücke empfunden, dass bisher ein dem 
jetzigen Stande der Forschung entsprechendes kartographisches Gesamt- 
bild von Syrien und Mesopotamien nicht geschaffen war, und man sich 
damit begnügen musste, von Fall zu Fall in den oft schwer zugäng- 
lichen Spezialkarten sich zurecht zu finden, die überdies häufig genug 
kaum lösbare Widersprüche enthalten. Die Wissenschaft wird es deshalb 
Herrn Dr. Kiepert Dank wissen, dass er sich dafür hat gewinnen lassen, 
die geographischen Ergebnisse der Litteratur über Syrien und Mesopo- 
tamien sowie zahlreiche Manuskriptkarten zu einer Gesamtdarstellung der 
beiden Läi]fler zu verarbeiten. Schon seit vielen Jahren hat der jüngst 
verblichene Vater des Herrn Dr. Richard Kiepert, der Altmeister der 
Kartographie, Professor Heinrich Kiepert, eine Anzahl von Manuskript- 
karten und umfangreiches weiteres geographisches Material gesammelt, 
das hier zum ersten Male benutzt erscheint. In den Karten von Syrien 
und Mesopotamien sind die aufgenommenen Routen mit den Namen der 
betreffenden Reisenden eingezeichnet. Die emgetragenen gestrichelten 
Wege sind lediglich das Ergebnis von ErkniidigiiiMgiy^^ bei Ein- 



390 



Zu den Karten. 



geborenen eingezogen worden sind. Die geplante Trace der Weiterfuhrung 
der Anatolischen Bahn findet sich nach einem älteren Projekte, welches 
noch die Verlängerung von Angora aus nach Bardäd im Auge hatte, auf 
dem östlichen Blatte eingetragen. 

Als nördliche Grenze des Kartenbildes wählte ich die Breite von 
Diärbekr; das babylonische Gebiet östlich der für das zweite Blatt 
gezogenen Grenze ist bereits von Heinrich Kiepert in seiner Karte 
der Ruinenfelder von Babylon bearbeitet worden. 

Einen weiteren Mangel der bisherigen kartographischen Litteratur 
habe ich darin erblickt, dass die Namenschreibungen infolge der verschie- 
denen Nationalität der Autoren oder ihrer ungenügenden Kenntnis des 
Arabischen oft derartig von einander abweichen, dass die Namen für einen 
und denselben Ort häufig mehrere verschiedene Lokalitäten vermuten lassen. 
Die Herren Professoren Dr. Moritz und Dr. Hartmann haben sich in 
dankenswertester Weise der Mühe unterzogen, auf den vorliegenden 
Karten die Schreibung der sehr zahlreichen Namen möglichst mit der 
in meinem Werke gegebenen Transskription in Uebereinstimmung zu 
bringen. 



%^ 



Beg:leitworte 

zur Karte 

„Syrien und Mesopotamien''. 

Von Dr. Richard Kiepert. 



Westliches Blatt. 

Der Norden unseres Blattes zwischen 37" und 38® n. Br. ist im wesentlichen eine 
Redaktion der »Karte des nördlichsten Teiles von Syrien von H. Kiepert, i :300000c in 
»Hnmann und Puchstein, Reisen in Kleinasien und Nordsyrien,, Berlin 1890c. Doch musste 
ein Hauptteil derselben, die weitere Umgebung von Sengirli, geändert werden nach »Routen 
im nordwestlichen Syrien, aufgenommen i. J. 1890 u. 1891 von Robert Koldewey, 
I : 200000c in dem Werke »Ausgrabungen in Sendschirli, Berlin 1893«, indem diese 
Koldewey' sehen Aufnahmen in ihrem ganzen Umfange zu Grunde gelegt und die übrigen 
Routen daran angeschlossen wurden. Der »Sketch map of a joumey in the Valley of the 
Upper Euphrates from Samsat to Sadagh. Copied from a drawing by F. W. Green to 
illnstrate the paper by Vincent W. Yorke, 1:500000« (The Geographical Journal, 
Oktober 1896) wurden nur einige Ortsnamen entnommen. 

Für die Strecke Mar *asch — 'Aintäb lagen mir drei Aufnahmen vor, die von Moltke's 
(in H. Kiepert's Karte von Kleinasien 1844), ^^^ Haussknecht (Prof. C. Haussknecht's Routen 
im Orient. Redigirt von Heinrich Kiepert. Berlin 1882. Blatt i) und eine handschrift- 
liche von G. Lejean (vergl. H. Kiepert's Begleitworte zur Karte des nördlichsten Teiles 
von Syrien, in Humann -Puchstein S. 11). Von diesen ist die inhaltreichste, die von Hauss- 
knecht, SU Grunde gelegt und durch Daten aus Lejean ergänzt worden. Haussknecht's 
Routen, zum grossen Teile noch nicht wieder gemacht, zeugen überhaupt von seltenem Fleisse; 
seine Wegerichtungen, seine Namen werden, wenn man sie an anderem Materiale kontrollieren 
kann, meist durchaus bestätigt, und wenn die topograi)hLschen Details nicht immer genau 
stimmen, so ist das bei einem reisenden Botaniker, der sein Hauptaugenmerk auf die Flora 
richtet, nur zu erklärlich. Von englischer Seite ist der Wert seiner Karten über alles Mass 
herabgesetzt worden; ich bin bei eingehendstem Vergleich mit allem mir irgend zugänglichen 
Materiale, wie es in solcher Fülle vielleicht anderen nicht zu Gebote steht, gerade zu der 
entgegengesetzten Ansicht gekommen. 

Ueber die Flüsse und Ortslagen bei dem aus Moltke's Leben bekannten Nizib, etwa 
20 km westlich vom Euphratübergange bei Blregik, herrscht einiger Widerspruch. Nach 
Hausiknecht (t. a. O), Rey (Carte du nord de la Syrie, Paria l885> Bümdrenhoni (Gnmdzüge 
der Geologie von Nordsyrien S. 89 und Karte) und auch nach dfl^^|fei fsmachteii Eisen- 



392 Be^leitworte zur Karte »Syrien und Mesoi)OUinieD<. : Westliches Blatt 

bahiuuifnshinen der Pressel' sehen Inqpenieure*) ist der bei Nizib vorbeifliessende Nähr Keizii 
der Hsaptflass, nach ▼. Moltke (»Plan der Stellanf? bei Biradschik und der Schlacht Ton Nlsib« 
im Planatlas von Kleinasien; vergl. auch die Karte in R. Waf^er, Moltke and Mflhlbach 
znsammen unter dem Halbmonde^ ist es nur ein korzer, unweit nördlich von Nizib ent 
sprini^ender Nebenbach (so zeichnet es auch H. Kiepert in der Karte zu Hnmann's onc] 
Puchstein's Reisen, und ihm bin ich gefolgt). Femer wird die Lage von BAizir nnd Om] 
(Ornü) von Haassknecht, Winter, Cemik nnd Sterrett ^unveröffentlichte, von H. Kiepen 
konstruierte, wenig detaillierte Route von 1884, *Aintäb — öeräbis — Biregik — Diarbekr' 
abereinstimmend südwestlich von Nizib angegeben, während Moltke's Aufnahme sie im 
Westen bezw. WSW von Nizib hat, und ebensolche Widersprüche finden sich im SO von 
*Aintäb. Ich habe im letzteren Falle in Uebereinstimmung mit H. Kiepert den zahlreicherci 
nnd neneren Quellen den Vorzug gegeben, möchte hier aber darauf hinweisen, wie gut es 
wäre, wenn ein zukünftiger Reisender diese Fragen durch genauere Begehung der Gegenc 
zwischen *Aintäb und Nizib entschiede. Denn es wäre doch auffallend, wenn sich Moltke be 
der zusammenhängenden Aufnahme der Umgebung von Nizib, zu welcher ihm reichlich Zei 
zu Gebote sta